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19.2.2021

Welttag der sozialen Gerechtigkeit

Am 20. Februar ist der Internationale Tag der sozialen Gerechtigkeit der Vereinten Nationen. Darüber, wie gerecht es in Deutschland zugeht, wird immer wieder heftig gestritten. Die Corona-Pandemie dürfte bestehende Konflikte noch verschärfen.

Soziale Gerechtigkeit wird häufig an wirtschaftlichen Ungleichheiten gemessen. In vielen Ländern ist der Kontrast zwischen armen und wohlhabenden Bevölkerungsgruppen auch im Stadtbild deutlich sichtbar, wie hier in einem Stadtteil im indischen Mumbai (Archivfoto). (© picture-alliance, imageBROKER)


2009 haben die Vereinten Nationen (United Nations, UN) den Welttag der sozialen Gerechtigkeit erstmals ausgerufen. Seitdem wird jährlich am 20. Februar an die soziale Ungerechtigkeit weltweit erinnert und zu ihrer Überwindung aufgerufen. 2021 steht der Welttag unter dem Motto "Soziale Gerechtigkeit in der digitalen Wirtschaft".

Was ist soziale Gerechtigkeit?

Eine verbindliche und einheitliche Definition sozialer Gerechtigkeit gibt es nicht. Was als gerecht oder ungerecht empfunden wird, wird in Politik und Gesellschaft häufig kontrovers diskutiert. Um soziale Gerechtigkeit zu beschreiben, kann diese mit bestehenden und messbaren sozialen Ungleichheiten in Beziehung gesetzt werden. Darunter fallen z.B. die Verteilung von Vermögen und Einkommen, Bildungschancen und das Armutsrisiko innerhalb einer Gesellschaft. Aber auch Faktoren wie der Zugang zum Gesundheitswesen und zum Arbeitsmarktsowie politische Teilhabe können eine Rolle spielen.

In den meisten Untersuchungen dazu sind die Vermögenskonzentration sowie die Einkommenshöhe das zentrale Messkriterium für die soziale Ungleichheit einer Gesellschaft. Das Nettogesamtvermögen aller Privathaushalte in Deutschland summierte sich im Jahr 2017 auf 10,3 Billionen Euro. Die untere Hälfte der erwachsenen Bevölkerung besaß davon gerade einmal 1,3 Prozent. Die wohlhabendsten zehn Prozent besaßen rund zwei Drittel des Gesamtvermögens, dem reichsten Prozent der Bevölkerung gehörten 35 Prozent. Die Gruppe der reichsten 0,1 Prozent der Bevölkerung besaß sogar ein Fünftel des deutschen Gesamtvermögens.

Anteil am Gesamtvermögen nach Bevölkerungsgruppen, in Prozent. Abbildung aus: Aus Politik und Zeitgeschichte 41/2020: Personelle Vermögensverteilung in Deutschland. (Bundeszentrale für politische Bildung) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Soziale Ungleichheit in Deutschland

Ein international gängiges Instrument zur Messung von Einkommens- und Vermögensungleichheit ist der nach dem italienischen Statistiker Corrado Gini benannte "Gini-Koeffizient". Dieser misst, wie gleich oder ungleich z.B. Vermögen innerhalb einer bestimmten Personengruppe verteilt ist. Er kann zwischen 0 oder 1 liegen. Je näher sein Wert an 1, desto ungleicher sind die Vermögen verteilt. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung lag der Gini-Koeffizient für Vermögen in Deutschland zuletzt bei rund 0,83. Dieser beruht auf Vermögensdaten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer repräsentativen Wiederholungsbefragung von Privathaushalten in Deutschland, die zuletzt für 2017 vorlagen. Im internationalen Vergleich ist der deutsche Gini-Koeffizient ein hoher Ungleichheitswert. Innerhalb des Euro-Raums wies Deutschland damit die höchste Vermögensungleichheit auf. Für die Vereinigten Staaten wurde dieser Wert für 2016 mit 0,87 angegeben.

Allerdings sind aussagekräftige Daten wegen statistischer Schwächen gerade bei der Berechnung sehr großer Vermögen nur eingeschränkt verfügbar. Schleusen etwa Wohlhabende in einem Land ihr Geld an den Steuerämtern vorbei, taucht das Vermögen in den offiziellen Statistiken nicht auf. Zudem hat Deutschland ein verhältnismäßig gutes soziales Sicherungssystem – die in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlte Summe zählt formal allerdings nicht zum privaten Vermögen. Und wegen der gesetzlichen Kranken- und Arbeitslosenversicherung sowie dem Sozialhilfesystem müssen und können die Menschen hierzulande weit weniger für Notzeiten zurücklegen als in vielen anderen Staaten, in denen Lebensrisiken wie Krankheit und das Alter durch den Staat kaum abgedeckt werden.

Vermögensungleichheit ist nicht der einzige Faktor

Legt man den Gini-Koeffizienten der Vermögensungleichheit auf Basis der SOEP-Daten zugrunde, hat sich die soziale Ungleichheit in Deutschland im Jahr 2017 im Vergleich zu 2002 nicht wesentlich verändert. Unter Einbeziehung der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes ist die Vermögensungleichheit seit 2008 allerdings rückläufig. Zahlen der Deutschen Bundesbank legen dagegen erst seit 2015 einen Rückgang der Vermögensungleichheit nahe. Im Gegensatz dazu ist die Einkommensungleichheit in den vergangenen Jahren gewachsen.

Neben dem Gini-Koeffizienten gibt es auch andere Verfahren, soziale Ungleichheit zu messen. Einer davon ist der von der Bertelsmann Stiftung erhobene "Social Justice Index". Dieser gewichtet Faktoren wie Armutsrisiko, Bildungschancen und Arbeitsmarktzugang deutlich höher als die Vermögensungleichheit. In einer Studie der Stiftung von 2019 belegt Deutschland unter 41 OECD-Staaten, darunter auch sämtliche EU-Länder, Rang 10. Die Top 5 nehmen die skandinavischen Staaten und Island ein.

Corona-Krise verschärft soziale Ungleichheit

Die seit einem Jahr grassierende Corona-Pandemie spiegelt die soziale Ungleichheit. So nimmt eine Covid-19-Infektion bei Menschen mit geringem Einkommen häufiger einen schweren Verlauf. Eine entscheidende Ursache hierfür wird darin gesehen, dass Ärmere häufiger unter problematischen Vorerkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck leiden. In Ländern wie dem Vereinigten Königreich und den USA sterben zudem Angehörige von Minderheiten häufiger an dem Virus – betroffen sind insbesondere People of Color und Migranten. Als mögliche Gründe werden hier unter anderem die oft beengten Wohnverhältnisse und die Tatsache gesehen, dass ärmere Menschen und Migranten häufig in schlecht geschützten Berufen ohne Homeoffice-Möglichkeiten arbeiten.

Dass die Corona-Krise ökonomische Ungleichheit auch hierzulande verschärft, legt eine Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung nahe. Demnach hatten im Juni vergangenen Jahres rund die Hälfte (48 Prozent) der befragten Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen von unter 900 Euro Einkommensverluste erlitten. In der Gruppe der Haushalte, die ein Nettoeinkommen von über 4.500 Euro erzielen, war es dagegen nur etwas mehr als ein Viertel (27 Prozent).

Geringverdienende stärker von der Pandemie betroffen

In Deutschland wurde vor allem auf das Instrument der Kurzarbeit gesetzt, um wirtschaftliche Einbußen von Unternehmen durch die Pandemie-Maßnahmen auszugleichen und Betriebsschließungen oder Entlassungen zu verhindern. Doch Kurzarbeit bedeutet aufgrund der Einkommensverluste oft Einschnitte für die Betroffenen. Das trifft insbesondere Geringverdienende, die in Branchen wie etwa der Gastronomie oder im Einzelhandel arbeiten, welche besonders häufig Kurzarbeit in Anspruch nehmen mussten.

Die Folgen der Corona-Krise für die soziale Gerechtigkeit sind auch jenseits finanzieller Aspekte enorm – etwa mit Blick auf die Generationen- und die Bildungsgerechtigkeit. Forscher gehen davon aus, dass geschlossene Schulen und Fernunterricht ohnehin bestehende Bildungsungerechtigkeiten verstärken.

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