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11.8.2014

Demografischer Wandel

Wie ändern sich die Anforderungen an die Arbeitswelt, wenn in Betrieben zunehmend ältere Beschäftigte dominieren? Die Debatte um den demografischen Wandel wird auch im Hinblick auf Veränderungen am Arbeitsmarkt debattiert. Es werden Problemlagen und Lösungsstrategien analysiert wie zum Beispiel Wissensmanagement, Weiterbildung und Qualifizierung.

Eine Frau mit einem Rollator läuft durch eine Unterführung im Ihme-Zentrum in Hannover (Niedersachsen) vorbei an einem Schriftzug "Die besten Jahre meines Lebens". (© picture-alliance/dpa)



Der demografische Wandel beschreibt die Einwohnerzahl und wie sich die Bevölkerung nach Alter, Geschlecht, Migrationshintergrund, Regionen usw. zusammensetzt, wie sich diese Strukturen bisher entwickelten und wie sie langfristig bis zum Jahr 2060 vom Statistischen Bundesamt vorausgeschätzt werden. Hierbei werden Geburten und Sterbefälle ebenso saldiert wie Zuwanderungen und Abwanderungen.

In der Debatte stellen sich die verschiedensten Fragen: Sollen und können die Bevölkerungsverluste infolge sinkender Geburten und steigender Sterbezahlen durch anhaltende Wanderungsgewinne ausgeglichen werden? Wie kann der Generationenvertrag gestärkt werden, wenn sich die Bevölkerungspyramide mit breiter Basis der Jugend und schmaler Altersspitze zu einem eher urnenähnlichen Gebilde wandelt? Wie steht es um die geburtenstarken Jahrgänge der frühen 1950er bis fast Ende der 1960er Jahre, wenn diese nach 60 und mehr Jahren mit Arbeit, Steuern und Abgaben demnächst mit 63 bis 67 Jahren in Rente gehen? Wird der Rentenbezug für diese Personengruppen ein soziales Problem darstellen und wie kann drohender Altersarmut entgegengesteuert werden?

Im Ergebnis geht die letzte, zwölfte Bevölkerungsvorausschätzung auf Basis 2008 davon aus, dass die Bevölkerung langfristig erheblich kleiner wird, wobei eine Fülle von Einflüssen je nach alternativen Annahmen zu mehr oder weniger Rückgang führt. Doch welche Auswirkungen hat ein großer Bevölkerungsschwund auf den arbeitenden Teil der Einwohner? Kann ein abnehmendes Potential an Erwerbspersonen aus inländischen Reserven und aus dem Ausland wenigstens teilweise ausgeglichen werden? Gelingt die Sicherung eines quantitativ und vor allem qualitativ ausreichenden Fachkräfteangebots? Oder behindern partielle Engpässe oder gar Mangellagen in wichtigen Branchen, entlegenen Regionen und weniger zahlungskräftigen Betrieben und Verwaltungen die wirtschaftliche Entwicklung und die öffentliche Daseinsvorsorge? Was müssen Betriebe und Verwaltungen tun, um Nachwuchsmangel und Überalterungen ihrer Belegschaften zu vermeiden? Reichen mehr und bessere Aus- und Weiterbildung, die berufliche Flexibilität der Arbeitsuchenden und die Konzessionsbereitschaft der Arbeitgeber, wenn freie Stellen länger oder ganz unbesetzt bleiben? Was wird aus der Alterssicherung, dem Gesundheitssystem und der Pflege, wenn immer mehr Rentner viel länger als früher Ruhestandsleistungen beziehen wollen und die Zahl der Hochbetagten möglicherweise auf 10 Millionen in 2050 steigt?

Der demografische Wandel birgt also eine Fülle an brisanten Fragestellungen. Kaum ein Problem ist in seinen vielen Facetten so ausführlich begutachtet, beraten und mit Vorschlägen bedacht worden. Der Koalitionsvertrag 2013 ist sich bewusst, dass Deutschland zu den Ländern gehört, die weltweit am schnellsten und besonders tief greifend vom demografischen Wandel betroffen sind. Der Bevölkerungswandel ist danach eine der größten Herausforderungen der gesamten Gesellschaft und eine Querschnittsaufgabe. Verwiesen wird auf die "Demografie-Strategie" der vorangegangenen Bundesregierung, ein "Demografie-Portal" des Bundes und der Länder und einen "Demografie-Check", dem alle Gesetzesvorhaben, Richtlinien und Investitionen auf ihre Wirkungen für künftige Generationen unterworfen werden.

Die Annahme, künftig reiche die Zahl der Aktiven nicht mehr, alle Inaktiven lebenswert zu unterhalten und den Sozialstaat bezahlbar zu bewahren, ist mit Hinweis auf deren Einkommensentwicklung, mögliche Umverteilungen und etwas höhere Steuer- und Abgabesätze zumindest zu relativieren. Der Megatrend einer geringeren, stark alternden und bunteren Bevölkerung lässt sich durch höhere Erwerbstätigenquoten der Frauen und Älteren, Produktivitätssteigerungen durch Bildung und Forschung, spätere Altersgrenzen zum einen, gelebte Freizügigkeit in der erweiterten EU und eine humane Migrationspolitik für zu respektierende und willkommene Menschen aus Drittstaaten zum anderen ohne Wohlstandsverluste gestalten. Eine konsistente Demografie-Strategie zeichnet sich dafür erst in Anfängen ab. Ab November 2014 soll eine aktuelle Vorausschätzung der Bevölkerungsentwicklung vorliegen.

Größenordnungen des demografischen Wandels bis heute und Vorausschätzung bis 2060

Die Tabelle stellt die Bevölkerungsentwicklung und die darin aufgegangenen Geburtenzahlen und Sterbefälle sowie die Wanderungssalden insgesamt, darunter von Ausländern dar. Datenquelle ist das Statistische Bundesamt. Die Zahl der Lebendgeborenen ging 1999-2006 Jahr für Jahr zurück und lag 2012 um fast 100.000 Kinder unter 2000. Dazwischen gab es 2007, 2010 und 2012 auch geringe Steigerungen gegen Vorjahr. Gegenüber dem geburtenstärksten Jahrgang 1964 von fast anderthalb Millionen haben sich die Geburtenzahlen auf zuletzt 674.000 mehr als halbiert. Seit Anfang der 1950er Jahre entstand aus dem Baby-Boom ein sog. Schülerberg, der demografisch positiv durch das Erwerbssystem wanderte und sich alsbald zum Rentnerberg entwickelt. Die Sterbefälle nehmen dagegen ständig zu, sodass sich seit über 40 Jahren stets ein "Sterbeüberschuss" bzw. ein "Geburtendefizit" ergab. Der Saldo beider Zu- und Abgänge war immer negativ. Das jährliche Geburtendefizit wird auf 200.000 bis 220.000 Lebendgeborene veranschlagt. Ausgeglichen wurde es durch Einwanderungsgewinne, zunächst von Deutschen und Ausländern, in den letzten Jahren lediglich von Ausländern. Der Wanderungssaldo von Ausländern erwies sich als ausgesprochen konjunkturabhängig und war in den Schwächeperioden 1974-1976 (auch wegen des Anwerbestopps vom November 1973), 1982-1984 und 2008-2009 stets negativ, im folgenden Aufschwung dann wieder positiv. Übrigens entfallen auf die neuen Länder lediglich 7,8% der Zuwanderungen, 65 900 Menschen in 2011).

Lebendgeborene, Gestorbene, Zuzüge und Fortzüge insgesamt sowie von Ausländern, Sterbeüberschuss und Wanderungssalden und Bevölkerung von 2000 – 2013 (PDF-Icon Tabelle zum Download 62 KB) (© bpb)



Die natürliche Bevölkerungsbewegung wirkte also negativ, der Wanderungsgewinn positiv auf die Bevölkerungszahl. Aber die Zuwanderungen konnten den Abbau der Gesamtbevölkerung auf 80,8 Millionen bis Ende 2013 trotz des leichten Anstiegs seit 2011 nicht voll ausgleichen. Insgesamt sank die Einwohnerzahl gegenüber 2000 um knapp anderthalb Millionen. Diese Trends des demografischen Wandels vollziehen sich mit sehr umfangreichen jährlichen Strömen.

Deutlich wird der Bevölkerungswandel, wenn man anhand der 12. Koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung von 2009 bis ins Jahr 2060 die bewegte Bevölkerungspyramide hinzuzieht. Unabhängig von der gewählten Schätzvariante, ist eindrucksvoll belegt, wie die Katastrophen 1. Weltkrieg, Weltwirtschaftskrise 1929/30 und 2. Weltkrieg die Bevölkerung schrumpfen ließen und wie deren Nachwirkungen allmählich aus der Bevölkerungspyramide herauswachsen. Dann wird sehr deutlich, wie die geburtenstarken Jahrgänge von Mitte der 1950er Jahre bis fast Ende der 1960er Jahre durch die Jahrzehnte wandern und als Rentnerberg auftauchen. War anfänglich der Altersaufbau mit Ausnahme der genannten Katastrophenwirkungen noch als annährend normal anzusehen, so schrumpft die Basis in Zukunft doch sehr stark, sodass ein urnenähnliches Gebilde entsteht. Mangels der Geburten in der Vergangenheit fehlen die Mütter für die Zukunft, und selbst wenn die Geburtenzahl je Frau von jetzt unterstellten 1,4 wieder stiege und die Lebenserwartung noch zunähme, der Bevölkerungsschwund wäre nicht aufzuhalten, auch nicht durch Zuwanderungsgewinne, die einmal mit +100.000 Personen jährlich, zum anderen mit +200.000 Personen angenommen werden. Der größere Wanderungsgewinn entspricht dem längerfristig erzielten Durchschnitt.

Ob dieser Wert dauerhaft gehalten werden kann, hängt von vielen Faktoren ab: Die Hauptherkunftsländer haben ähnliche demografische Probleme, sie brauchen ihre Jugend und Fachkräfte selber, gerade wenn sie sich wirtschaftlich erholen (sollen). Die Wanderungssalden sind stark konjunkturabhängig. Da der Arbeitskräfteschwund im reichen Norden anhält, steigt die Konkurrenz um Einwanderer. Die Freizügigkeit in der EU bringt eher kurzfristige Entlastung als langfristige Zuwanderung. Die OECD bescheinigt Deutschland zwar Fortschritte bei der Integration in Beschäftigung und Gesellschaft, beklagt aber eine noch nicht befriedigende Eingliederung und auch Diskriminierungen. Es wird also insbesondere auf die vielbeschworene Willkommenskultur, eine rationale statt abschreckende Einwanderungsdebatte und weitere Integrationsfortschritte ankommen.

Im Ergebnis stieg die Bevölkerungszahl in Deutschland bis Ende 2013 auf 80,8 Millionen. Ende 2012 waren es 80,5 Millionen, Ende 2011 rd. 80,3 Millionen Nach Bereinigung aller möglichen Register musste die Bevölkerungszahl von Ende 2011 um anderthalb Millionen nach unten korrigiert werden, und zwar in allen Ländern, am stärksten in Berlin und Hamburg. Vermutlich wurden Abmeldungen unterlassen und Abwanderungen unterzeichnet. Mit 6,5 Millionen Ausländern ergab der Zensus zum Stichtag 9. Mai 2011 rd. 478.000 Ausländer weniger als nach dem Ausländerzentralregister (AZR), also 7,8% weniger. Nach dem AZR lebten 2013 rd.7,6 Millionen Ausländer in Deutschland, fast 519.000 mehr als im Vorjahr. Nicht mehr als Ausländer gezählt werden die 113.000 eingebürgerten Menschen.

Bevölkerungsvorausschätzung 2008-2060, absolute Werte in Millionen Personen

Annahmen des Statistischen Bundesamtes: Konstante Geburtenzahl 1,4 Kinder je Frau; Altersgrenze 65 Jahre; Wanderungssaldo ab 2020 jährlich +200.000; Lebenserwartung 2060 für Mädchen 89,2 Jahre, für Jungen 85 Jahre.

Jahres-
ende
Bevöl-
kerung
Indexunter 20 Jahre20- unter 65 Jahre65 Jahre und älterAlten-
quotient: Anteil 65 und alter an Bev. 20- unter 65 Jahre
absolut2008 = 100absolut%absolut%absolut%
200882,00210015,61919,049,65560,616,72920,433,7
201081,57299,515,00118,449,70160,816,80120,633,8
202080,43798,113,70817,048,06259,818,66823,238,8
203079,02596,413,22916,743,46555,022,33128,351,4
204076,75793,612,37516,140,49552,823,88731,159,0
205073,60889,911,49015,638,70452,623,42531,860,5
206070,12085,511,01515,736,23051,722,87632,663,1

Quelle: 12. Koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung des Statistischen Bundesamtes (Variante 1-W2).

Derartige Bevölkerungsvorausschätzungen sind Alternativrechnungen wie sich unterschiedliche Annahmen über Geburtenzahlen, Lebenserwartung, Wanderungssalden und Altersgrenzen zur Rente langfristig auswirken könnten. Jede Variante zeichnet den demografischen Wandel unterschiedlich stark und schnell. Die Tabelle 2 wählt eine Obergrenze der mittleren Bevölkerungsentwicklung, weil diese auch der Demografie-Strategie der Bundesregierung und Vorausschätzungen des Erwerbspersonenpotentials des IAB zugrunde liegt.

Die Varianten errechnen eine Spanne von 62 bis 77 Millionen Einwohnern in 2060. Deutschland wäre dann nach EUROSTAT-Projektionen von 2010 nicht mehr das bevölkerungsreichste Land in der EU, sondern läge hinter Großbritannien und Frankreich.

Wie reagibel solche Vorausberechnungen sind, zeigt z.B. die Variante "relativ junge Bevölkerung", die sich bei sonst unveränderten Annahmen aus einer auf 1,6 Kinder je Frau steigenden Geburtenhäufigkeit ab 2025 ergibt, bis 2060 rd. 4,4 Millionen Einwohner mehr als im Ausgangsjahr Ende 2008 annimmt. Eine entsprechende Nachwuchsförderung der Familienpolitik mit einem überall und jederzeit einlösbaren Anspruch auf einen Kita-Platz, einer echten Vereinbarkeit von Beruf und Familie, einer weit verbreiteten Auszeit beider Eltern, einer 30-Stundenwoche, kindgerechten Wohnungen und Infrastrukturen sowie Ganztagsschulen und kooperativen Betrieben erscheint nicht unrealistisch. Es gibt Städte, die das schaffen. Es muss also nicht so kommen wie lt. Tabelle amtlich vorausberechnet.

Folgt man der ausgewiesenen Entwicklung, sinkt die Bevölkerung bis 2060 um knapp 15% auf etwas über 70 Millionen Einwohner. In dieser Zeit könnte auch die Jugend unter 20 Jahren weniger werden und von knapp einem Fünftel in 2008 bis 2060 auf weniger als ein Sechstel der ohnehin geringeren Gesamtbevölkerung zurückgehen. Wirklich dramatisch erscheint der Rückgang der Bevölkerung im überwiegend erwerbsfähigen Alter von 20 bis unter 65 Jahren, nämlich von fast 50 Millionen auf gut 36 Millionen. Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre treten in den verdienten Ruhestand. Bis 2030 bleibt die Bevölkerungszahl knapp unter 80 Millionen recht hoch. Waren es 2008 noch ein Fünftel, könnte 2060 ein knappes Drittel der Einwohner 65 Jahre und älter sein. Schon 2040 könnte es gegenüber heute 7 Millionen ältere Menschen mehr geben als im Ausgangsjahr.

Bis 2010 war die verbleibende Lebenserwartung für Frauen auf 21, für Männer auf 17 Jahre gestiegen, sodass Teilhabe, Rente, Gesundheit und schließlich auch Pflegezeiten von mehr Menschen länger beansprucht werden. Allein von 2010-2030 könnte die Bevölkerung von 65-79 Jahren um ein gutes Viertel, die Zahl der 80-Jährigen und Älteren sogar um die Hälfte steigen. Der sog. Altenquotient, eine dimensionslose Relation für das Zahlenverhältnis der 65-Jährigen und Älteren zu den 20- bis unter 65-Jährigen im aktiven Erwerbsalter, stiege nach dieser Variante von einem Drittel in 2008 auf über 63 im Endjahr 2060.

Das Verhältnis von inaktiver zu aktiver Bevölkerung und auch deren Gesamtzahl können sich unter geänderten Einflüssen auch positiver entwickeln. Die Geburtenhäufigkeit kann unter den genannten Bedingungen wieder steigen. Die Erwerbstätigenquote der 55-64-Jährigen ist im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts um 20 Prozentpunkte gewachsen und noch steigerbar. Auch das durchschnittliche Renteneintrittsalter hat um etwa zwei Jahre auf 64 Jahre bei den Altersrenten von Männern und Frauen zugenommen. Nachdem die Bevölkerung durch erhebliche Wanderungsgewinne bislang stark stieg und Deutschland als Einwanderungsland noch attraktiver wird, ist der positive jährliche Wanderungssaldo von +200.000 Menschen erst ab 2020 recht zurückhaltend angesetzt. Dieser Wert wurde im langjährigen Durchschnitt leicht, in den letzten Jahren deutlich übertroffen.

Einige Auswirkungen des dominierenden demografischen Wandels

Metallwerkstatt des Bildungswerks der Sächsischen Wirtschaft: Hier erhalten junge Leute etwa aus Bulgarien, Polen und Vietnam eine Berufsausbildung in sogenannten Mangelberufen. (© picture alliance / ZB)



Der demografische Wandel beeinflusst also nahezu alle Bereiche von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik und die Zukunftschancen insgesamt. Zahllose Publikationen, Programme und Projekte belegen die möglichen Auswirkungen und begreifen den Wandel als Herausforderung und Gestaltungsaufgabe der Politik[1].

Hier können nur einige der wichtigen Aspekte des demografischen Wandels dargestellt werden:
  1. Wenn die Jugend unter 20 Jahren weniger wird, gestattet dies nach der Demografie-Strategie der Bundesregierung, allen Jugendlichen gute Startchancen durch individuelle und inklusive Förderung und durch Ausbau der Ganztagsbetreuung im Vorschul- und Schulalter. Blieben Jugendliche hinter ihren Möglichkeiten zurück, sei dies ökonomisch Verschwendung, es belaste den sozialen Zusammenhalt und sei ethisch ungerecht. Im Mittelpunkt stünden die Fähigkeiten und Talente jedes Einzelnen unabhängig von Herkunft oder sozialem Hintergrund. Vielmehr seien Bildungserfolg und Herkunft zu trennen. Die Zahl der Jugendlichen ohne Schul- und Berufsabschluss sowie der funktional Analphabeten sei weiter zu senken. Die starke Trennung von beruflicher und hochschulischer Bildung sei mittels besserer Verzahnung zu überwinden. Die zahlreichen guten Kooperationen zwischen Schule und Wirtschaft lassen sich noch intensivieren. Die Berufsorientierung und die Bildungs- wie Berufsberatung können sich kleineren Jahrgängen gezielt widmen, um mehr und echte Berufswahlfreiheit zu gewährleisten. Die Abbrecher-Quoten in der Berufsausbildung können gesenkt werden, die Ausbildungsbetriebe werben um knapperen Nachwuchs. Schon jetzt gibt es in einigen Bundesländern mehr angebotene Ausbildungsstellen in Betrieben als Bewerber. Größte Aufmerksamkeit brauchen die rd. 1,1 Millionen Bedarfsgemeinschaften im SGB II-Bezug ("Hartz IV"), in denen 1,87 Millionen Kinder unter 18 Jahren leben, darunter jedes zweite in einer Ein-Eltern-Familie.

    Im Sinne der Generationengerechtigkeit gab es vor einigen Jahren eine Debatte über eine "Demografie-Reserve". Früher hatte man darunter Ausgabenersparnisse des Staates verstanden, wenn weniger Ausgaben für Kindergeld, Familienunterstützung, Kinderbetreuung und Schulen usw. anfallen, weil weniger Kinder geboren werden. Diese Finanzreserve sollte zur Verbesserung dieser Bereiche, insbesondere zur Schaffung von mehr Kitaplätzen, besseren Schulen und Ausbildungsplätzen verwendet werden. Andere Argumente zielten dahingehend, Eltern in Relation zu der Anzahl ihrer Kinder von der Zahlung zu befreien, da sie schon durch das Großziehen ihrer Kinder einen Beitrag für die Rente von morgen leisten. Wiederum andere Vorschläge wollten einzelne Beitragssätze der Sozialversicherung über das Maß hinaus anheben, das zur Ausgabenfinanzierung nötig ist. In diesem Sinne schlug der DGB Mitte 2012 vor, den Beitrag zur Rentenversicherung jährlich um je 0,1 Prozentpunkte anzuheben, bis 2025 22% erreicht sind. Übrigens sieht das Rentenpaket der Bundesregierung von Ende Januar 2014 diesen Satz für 2030 vor.

  2. Dient die starke Verringerung der aktiven Bevölkerung von 20 bis unter 65 Jahren um rd. 11 Millionen bis 2050 (nach der gewählten Variante der amtlichen Bevölkerungsvorausschätzung) als Alarmzeichen oder gar zur Dramatisierung. Die rein demografischen Einflüsse der Geburten, Sterbefälle und Alterung bleiben recht stabil und gut vorhersehbar. Sie allein würden rechnerisch das Arbeitskräftepotential bis 2050 gegenüber 2008 um gut 18 Millionen Personen, also gut 40 % sinken lassen. Nach einer aktuellen Projektion des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) könnten bis 2030 etwa 10,5 Millionen Personen mit Berufsausbildung aus der "Baby-boom-Generation" aus dem Beschäftigungssystem ausscheiden, während lediglich 7,5 Millionen nachkommen. Beide Institute sehen daher einen Mangel an Fachkräften mit mittlerem Ausbildungsniveau kommen. Die geburtenstarken Jahrgänge gehen ab 2020 in Rente, und ihre stark um bald 25 Prozentpunkte gestiegenen Erwerbstätigen- und damit Erwerbsquoten wirken dann wieder weniger positiv auf das Erwerbspersonenpotential.

    Selbst bei ehrgeizig-optimistischen Annahmen zur Erwerbsbeteiligung von Frauen, nämlich 93% der 30- bis 49-jährigen Frauen in 2050, und in anderen Gruppen ergibt dies keine 2 Millionen Personen mehr im Arbeitsangebot. Im Fortschrittsbericht zum Fachkräftekonzept der Bundesregierung hat Bundesarbeitsministerin Nahles Mitte März 2014 für Teilzeitkräfte einen Rechtsanspruch angekündigt, zur Vollzeitarbeit zurückzukehren. Denn 45% der Frauen hätten lediglich eine Teilzeitarbeit mit durchschnittlich gerade 18,6 Wochenstunden, und viele wollten länger arbeiten. Die Erwerbstätigenquote der 55- bis 65-Jährigen ist auf 64,1% gestiegen, bei den 60- bis 64-Jährigen ist sie auf 46,5% gestiegen.

    Ferner hat die Regelaltersgrenze einen wichtigen Einfluss auf das Potential an Erwerbspersonen. Das durchschnittliche Renteneintrittsalter ist bis 2012 bereits auf 63,9 Jahre bei Frauen und 64 Jahre bei Männern gestiegen (nur Altersrenten). Das gesetzliche Rentenalter erreicht bis 2029 67 Jahre, wobei nach 45 Versicherungsjahren einschl. der Bezugsjahre von Arbeitslosengeld I (also nicht Zeiten der früheren Arbeitslosenhilfe und ab 2005 der Grundsicherung für Arbeitsuchende) zunächst 63 Jahre als Altersgrenze erlaubt sind und Rentenabschläge entfallen. Doch steigt auch diese Grenze bis 2029 auf 65 Jahre. Die Alterserwerbstätigkeit wird also weiter steigen und dem Verlust an Erwerbspersonenpotential entgegenwirken. Der Abstand zwischen Rentenbeginn und Regelaltersgrenze wird kleiner. Gerade wenn die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen wollen, greifen die höchsten Altersgrenzen. Und die abschlagfreien früheren Möglichkeiten werden viele notgedrungen nicht nutzen können, weil sie die Voraussetzungen nicht erfüllen.

    Neben Demografie, Erwerbsbeteiligung und Altersgrenzen sind die Migration und die Nettozuwanderung von Erwerbspersonen von zentraler Bedeutung. Bei dem Ausgangswert von fast 45 Millionen potentiellen Erwerbspersonen in 2008 wären jährliche Wanderungsgewinne von mindestens +400.000 Personen nötig, um dieses Niveau zu halten. Im Abschnitt "Arbeitsmarkt und Migration in der Europäischen Union" wird die Realitätsnähe solcher Einwanderungsströme abgeschätzt.

    Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vermutet, dass der Rückgang des Arbeitsangebots nicht durch eine höhere Arbeitsproduktivität auszugleichen sei. Zum einen schwäche sich das Produktivitätswachstum aktuell krisenbedingt ab. Zum anderen wirke der Strukturwandel zu den Dienstleistungen eher produktivitätshemmend. Nimmt durch die (Über-) Alterung der Beschäftigten auch ihre Produktivität ab, oder kann sie durch Aus- und Weiterbildung, Investitionen in technischen Fortschritt und bessere Gesundheitsvorsorge gehalten werden? Die Leistungsfähigkeit der Älteren wird, wenn auch auf anderen Gebieten als bei den Jüngeren, betrieblich gleich hoch eingeschätzt. Unbekannt sind die Reaktionen der Kräftenachfrage auf ein rückläufiges Kräfteangebot bei hochwertiger Vollbeschäftigung. In der Vergangenheit führte eine solche Arbeitsmarktlage stets zu mehr Zuwanderungen. Da sich bei einer schrumpfenden Bevölkerung nahezu alle Verhaltensweisen ändern, rät das IAB, nicht einfach auf eine dauerhafte, strukturelle Fachkräftelücke zu schließen.

  3. Betrifft die dominante Demografie das künftige Angebot an Fachkräften bei schrumpfender und stark alternder Bevölkerung. Je nach Interessenstandpunkt und betrieblicher Einzelperspektive oder gesamtwirtschaftlicher Analyse wird ein allgemeines Fachkräftedefizit behauptet, ein genereller oder spezifischer Mangel in bestimmten Betrieben, Branchen oder Regionen angeführt und von typischen Engpässen gesprochen. Bedarf an Fachkräften mit abgeschlossener betrieblicher oder schulischer Berufsausbildung oder mit Hochschulabschluss hat die große Masse der über fünf Millionen Betriebe und Verwaltungen fast immer, vor allem wenn Abgänge auszugleichen sind, Personal aufgestockt oder Einzelne ausgetauscht werden sollen. Doch über die Bedarfsdeckung entscheiden die kaufkräftige Nachfrage, also die Fähigkeit der Betriebe, mindestens den herrschenden Marktlohn zu zahlen und zu verdienen sowie die Stellen- und Bezahlungsmöglichkeiten des öffentlichen Dienstes.
Damit entscheiden über die Bedarfsdeckung privatwirtschaftlich die Arbeitsproduktivität der Arbeitsplätze für Fachkräfte und beim Staat die Finanzen. Die durchschnittliche reale Produktivität beträgt gegenwärtig 43 Euro an Wertschöpfung je Arbeitsstunde, gerechnet über alle 42 Millionen Erwerbstätigen. Wie realistisch gleich marktgerecht ist also ein "Fachkräftebedarf", der diese Leistung nicht erwirtschaftet? Ferner wissen viele Betriebe und Verwaltungen zu wenig und für die nötigen Bildungszeiten zu kurz im Voraus, wann sie wie viele und welche Fachkräfte sie genau benötigen. Die Alternative gilt immer noch: Selbst aus- und weiterbilden oder zum Marktlohn einkaufen? Aus betrieblichen Längsschnittbefragungen seit 1963 im Westen bzw. 1996 im Osten ist zudem bekannt, dass die Suche und Einstellung von Fachkräften ausgesprochen prozyklisch verläuft, statt einem kontinuierlich steigenden Trend zur Höherqualifizierung zu folgen.

Studien etwa zur Ingenieurnachfrage kommen mal zu Fachkräftelücken, mal zu ausreichendem Nachwuchs und Angebot. Die Ausbildungsentscheidungen sind fundierter und bedarfsgerechter geworden, sodass auch Berufswechsel oder Umschulungen weniger werden können, und die Arbeitgeber machen mehr Konzessionen bei Gehalt, Arbeitszeiten und Extras, wenn die genau gesuchte Kraft zunächst nicht finden.

Ist ein "Fachkräftemangel", sei er generell oder spezifisch, tatsächlich vorhanden oder lediglich gefühlt? Ist er erwartet oder gar absehbar, aber auch rechtzeitig für Gegenmaßnahmen und richtig quantifizierbar? Die berufliche Flexibilität des Beschäftigungssystems ist beträchtlich und hat schon viele Mangellagen überwinden helfen. Die Vielfalt der Suchwege und die Intensität der Suche sind sehr wichtig, zumal die Informations- und Kommunikationskosten gering sind. Die Bundesagentur für Arbeit ermittelt für viele Berufe eine durchschnittliche Dauer bis zur erfolgreichen Besetzung freier Stellen, die Vakanzzeit in Tagen. Sie spricht von Mangel, wenn die Vakanzzeit um 40% über dem Durchschnitt von gegenwärtig 80 Tagen für alle Berufe liegt.

Bundeswirtschaftsminister Gabriel sieht eine große demografische Herausforderung vor allem für Klein- und Mittelbetriebe. Denn sie könnten bei Löhnen und Arbeitsbedingungen nicht ohne weiteres mit den Großbetrieben mithalten. Trotzdem bräuchten auch diese Unternehmen hochqualifizierte Fachkräfte, um erfolgreich zu sein. Was wird aus ihrem Fachkräftebedarf zwischen gesetzlichem Mindestlohn und Marktlöhnen?

Die Studien zum demografischen Fachkräfteproblem sind Legion. Als gesichert gilt zum einen eine absehbare Knappheitslage in den Mathematik-, Informatik-, Naturwissenschaften- und Technikberufen (MINT-Berufe). Zum anderen sind spezifische Engpässe in den personenbezogenen Dienstleistungen wie Gesundheit und Pflege sowie im Bildungswesen mit hohem Ersatzbedarf an Lehrkräften deutlich.

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

"Insgesamt ist also der deutsche Arbeitsmarkt nicht durch einen Fachkräftemangel im Sinne eines gesamtwirtschaftlichen Überschusses der Arbeitsnachfrage über das Arbeitsangebot gekennzeichnet. Allerdings treten je nach Qualifikation, Beruf und Region Engpässe bei der Besetzung offener Stellen auf. Mit dem Konjunkturaufschwung in Deutschland haben sich diese Engpässe auf einzelnen Teilarbeitsmärkten deutlich verschärft." So die kurze Sicht.

Neue Qualifizierungsoffensive

Arbeitsplatz für Ältere bei BMW: Der Autobauer nahm 2011 eine Fertigungsstraße speziell für ältere Arbeitnehmer in Betrieb. (© picture-alliance/dpa)



Im Koalitionsvertrag 2013 kündigt die Bundesregierung eine neue Qualifizierungsoffensive an, die ein zentraler Baustein des Paktes für Ausbildung und der Fachkräftesicherung werden soll. Die duale Ausbildung und der Meisterbrief sollen gesichert werden. An diesen Schwerpunkten und an vielen der zusammenfassend genannten Berufe wird deutlich, dass gerade auch mittlere Qualifikationen längerfristig benötigt werden, ohne die Hochqualifizierten zu vernachlässigen.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat schon Anfang 2011 mit der "Perspektive 2025" ihre Vorschläge zur Fachkräftesicherung in Deutschland vorgelegt und dazu zehn Handlungsfelder benannt und quantifiziert:

i

Bundesagentur für Arbeit

Perspektive 2025

  1. Den Schulabgang ohne Abschluss um 10%-50% verringern und den Übergang in den Beruf verbessern bietet 50.000 bis 300.000 zusätzliche Fachkräfte.
  2. Den Ausbildungsabbruch um denselben Prozentsatz reduzieren bietet 100.000 bis 300.000 zusätzliche Fachkräfte. Denn gegenwärtig werden etwa 22% der Ausbildungsverträge gelöst, und die Hälfte der Abbrecher beginnt keine neue Ausbildung.
  3. Den Studienabbruch um ebenfalls denselben Prozentsatz verringern brächte 100.000 bis 600.000 mehr Fachkräfte.
  4. Eine höhere Erwerbstätigenquote der 55-Jährigen und Älteren als jetzt 56,2% ergäbe 0,5 bis 1,2 Millionen, eine Regelaltersgrenze von 67 Jahren bis 2025 noch mal 0,9 Millionen zusätzliches Erwerbspersonenpotential.
  5. Eine noch höhere Erwerbsbeteiligung der Frauen ergäbe 0,4 bis 0,9 Millionen mehr Kräfte, eine längere Arbeit in Teilzeit noch mal 0,3 bis 1,2 Millionen (in Vollzeitäquivalenten).
  6. Eine gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften ergäbe 0,4 bis 0,8 Millionen gut Qualifizierte mehr.
  7. Zusätzliche Arbeitsstunden in Vollzeit (Mehrarbeit) führten zu 0,4 bis 1,1 Millionen weiterer Erwerbspersonen.
  8. Qualifizierung und Weiterbildung der Geringqualifizierten, die etwa ein Sechstel des Erwerbspersonenpotentials ausmachen, ergäbe 0,4 bis 0,7 Millionen mehr Fachkräfte.
  9. Eine höhere Arbeitsmarkttransparenz kann die Vakanzzeiten freier Stellen vermindern und die potentialadäquate Beschäftigung von Arbeitnehmern verbessern (ohne Quantifizierung).
  10. Flankierende Maßnahmen im Bereich Steuern und Abgaben sollen die Aufnahme von Arbeit oder Mehrarbeit attraktiver machen (Prüfauftrag).
Quelle: Zusammenfassung aus Bundesagentur für Arbeit (2011): Perspektive 2025: Fachkräfte für Deutschland, S. 12-15.

Im Fazit kann davon ausgegangen werden, dass sich die von der Bundesagentur für Arbeit (BA) angenommene Verringerung des Erwerbspersonenpotentials um 6,5 Millionen in 2025 gegenüber 2010 ausgleichen lässt. Entsprechende Handlungsfelder und Zuständigkeiten sind in der "Perspektive 2025" benannt.

Viertens eröffnet die Alterung vieler Belegschaften demografisch bedingte Probleme, denn deren Durchschnittsalter nähert sich der 45-Jahre-Marke, ab der früher von "älteren" Arbeitnehmern gesprochen wurde. In größeren Betrieben ab 50-100 Beschäftigten ist das Problem dank Personalstrukturanalysen, Personalplanung und -entwicklung sowie Regelungen in Tarifverträgen oder Betriebsvereinbarungen im Bewusstsein der Personalchefs und Belegschaftsvertretungen fest verankert. Mit altersspezifischer Weiterbildung, alternsgerechten Arbeitsplätzen und präventiver Gesundheitsförderung wird im Idealfall einer Überalterung vorgebeugt.

Etwa ein Drittel aller Betriebe bietet über den gesetzlichen Arbeitsschutz hinaus Maßnahmen wie Befragungen der Belegschaften zu Arbeitsbelastungen, Stress, Arbeitsgestaltung und -zufriedenheit an, auch um das Betriebsklima und die Führungsstile zu verbessern. Betriebsbefragungen wie das IAB-Betriebspanel, seit über 20 Jahren repräsentativ für alle Branchen und Betriebsgrößen, belegen, dass die Betriebe und Verwaltungen die Vorzüge Älterer gegenüber Jüngeren begriffen haben: Zuverlässigkeit, Erfahrung, Reaktionsfähigkeit in Krisen und Strukturwandel, Teamgeist und geringere Fehlzeiten. Der Anstieg der Erwerbstätigenquote, gerade auch bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten unter den 55- bis 64-Jährigen von fast 25 Prozentpunkten auf rd. 62% seit der Jahrtausendwende belegt dies deutlich und ist EU-weit am steilsten.

Freilich sind gerade 2,1% der Beschäftigten älter als 63 Jahre, und die Betriebe stellen Ältere kaum ein. Aus betrieblicher Sicht mag die zurückhaltende Einstellungspraxis verständlich sein. Denn die Betriebe haben aus den geburtenstarken Jahrgängen der 1950er und 1960er Jahre große Belegschaften, die sie bei verlängerter Lebensarbeitszeit auch noch länger behalten wollen. Zwischen 60 und 65 Jahren arbeiten immerhin mehr Menschen als es Ruheständler dieses Alters gibt. Das deutsche Beschäftigungswunder ist gerade eines der Älteren. Allerdings können viele Beschäftigte in den zahlreichen Klein- und Kleinstbetrieben von den genannten Vorkehrungen, Maßnahmen und Förderungen in größeren Betrieben nur träumen. Doch auch diese Betriebe werden angesichts der Alterung ihrer Belegschaften nicht umhin können, sich um deren Leistungs- und Beschäftigungsfähigkeit zu kümmern. Immerhin die Hälfte aller Betriebe misst der Strategie, Ältere im Betrieb zu halten, keine Bedeutung bei. Jeder vierte Betrieb sieht die Bedeutung aber als hoch an. Nachdem die Altersteilzeit an Bedeutung verloren hat, bewegen sich alle Maßnahmen für Ältere in einstelligen Prozentbereich aller Betriebe: Mehr Ältere in betrieblicher Weiterbildung, altersgemischte Arbeitsgruppen, besondere, alternsgerechte Ausstattung der Arbeitsplätze, geringere oder individuell angepasste Leistungsanforderungen, spezielle Weiterbildung für Ältere. Immer mehr von ihnen gehen später in Rente.

Fünftens wird die Frage diskutiert, ob mit der stark steigenden Anzahl von Ruheständlern die Rente sicher, "Demografie-fest" bleibt, wie sie finanzierbar gestaltet wird und wie mit drohender oder tatsächlicher Altersarmut umzugehen wäre. Grundlage aller Anpassungen der Alterssicherung an den demografischen Wandel bleiben die Rentenreform von 1992 und die Sozialpolitik nach der deutschen Vereinigung. Stets wurde ein befürchteter Anstieg der Beitragssätze zur Rentenversicherung begrenzt und der Leistungsumfang eingeschränkt. Es ging um eine als gerecht erachtete Belastungsverteilung zwischen Beitrags- und Steuerzahlern sowie Rentnern. Allerdings kann die Rentenversicherung allein nach ihren Angaben den Lebensstandard nicht mehr sichern. Als zweite und dritte Säule sollen betriebliche und private Zusatzversicherungen hinzukommen. Immerhin haben Anfang 2014 rd. 17 Millionen Arbeitnehmer Anwartschaften auf eine Betriebsrente im Alter, zunehmend mit der Betriebsgröße. Doch 40% der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten haben keine betriebliche Zusatzrente. Ähnlich wie der Bundeszuschuss zur Rentenversicherung wird z.B. die private Vorsorge nach der Riesterrente aus Bundesmitteln subventioniert.

Die gut 20 Millionen Rentner erhalten jährlich 240 Milliarden Euro aus ihrer gesetzlichen Altersversicherung, ein Drittel davon aus dem Bundeshaushalt als Ausgleich für sog. versicherungsfremde Leistungen. Die Nettorente nach Abzug der Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung, aber vor Steuern ist für einen Durchschnittsverdiener mit 45 Versicherungsjahren von 2001, dem Beginn der Riesterrente, von 12.512 Euro bis 2012 auf 13.465 Euro, also um 7,6% gestiegen.

Der Zuwachs war halb so groß wie bei den Nettoeinkommen, die um 14,1% auf 27.139 Euro in dieser Zeit wuchsen. Das Nettorentenniveau vor Steuern, das 1977 noch fast 60% betragen hatte, sank bis 2012 auf 47,8% des letzten Nettoeinkommens und wird für 2017 bei 47,5% erwartet. Ohne die Dynamikbremsen des Riesterfaktors von 2001 und den Nachhaltigkeitsfaktor von 2004 wäre das Nettorentenniveau auch auf 50% gesunken. Fast jeder zweite Rentner bezieht monatlich weniger als 700 Euro. Die Grundsicherung im Alter stockte 2013 rd. 426.000 Menschen die Rente auf Sozialhilfeniveau auf, Tendenz steigend. Das Rentenniveau hat 47,8% des Nettolohns erreicht und wird verbreitet und durch Betriebsrenten, öffentliche Zusatzversorgungen und auch private Vorsorge ergänzt. Dies gilt nicht für alle, so ist zB Altersarmut überwiegend weiblich. Unterbrochene Erwerbsverläufe, Teilzeitarbeit, atypische bis prekäre Beschäftigung und Niedriglöhne mangels eines flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohns bis Ende 2014 sind kontraproduktiv für die Altersversorgung.

Jährlich steigen die für das Rentenpaket nötigen Ausgaben von 4,4 Milliarden Euro in 2014 auf jährlich 9 bis 11 Milliarden von 2015-2030, allein die Mütterrente hat jährlich einen Bedarf an 6,7 Milliarden Euro Finanzierung. Trotz Einsatzes der Reserven der Rentenversicherung bis auf das vorgeschriebene Mindestmaß steigen die Beitragssätze monatlich um je 0,3 Prozentpunkte für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Das bringt jährlich über 6 Milliarden Euro Zusatzeinnahmen, doch der Bundeszuschuss steigt lediglich um anderthalb Milliarden Euro. Auch die Rentner tragen zur Finanzierung mit geringeren Rentenanpassungen in 2014 und den Folgejahren bei. Sind die genannten Finanzreserven aufgebraucht, steigen die Beitragssätze dann von 19,7% in 2019 über 20,8% in 2025 auf schließlich 22% im Jahr 2030.

Offen ist, ob eine bis dahin anhaltende Vollbeschäftigung ein bis zwei Prozentpunkte Entlastung beim Beitrag zur BA-Arbeitsförderung (von jetzt 3%) bringt und diesen Anstieg im Gesamtsozialversicherungsbeitrag etwas bremst. Entscheidend ist die allgemeine Einkommensentwicklung, aus der steigende Beiträge zu entrichten sind. Der Beitragszahlerkreis könnte um Beamte, Selbständige und Freiberufler erweitert, die Beitragsbemessungsgrenze weiter erhöht werden. Der Bundeszuschuss ist weiter steigerbar. Vorschläge, die Altersgrenze im bestimmten Verhältnis zur steigenden Lebenserwartung zu erhöhen oder gar ganz abzuschaffen, wurden nicht aufgegriffen. Ist 2029 die Regelaltersgrenze 67 bzw. 65 Jahre für langjährig Versicherte erreicht, dann ist sie um zwei Jahre höher als jetzt. Da die Lebenserwartung dann durchschnittlich drei Jahre länger ist, gibt es für einen obendrein gesünderen Lebensabend auch länger Altersruhegeld. Vier Fünftel der gesamten, lebenslangen Ausgaben der Krankenversicherung fallen in den letzten fünf Lebensjahren an, bei steigender Lebenserwartung also später. In der gesetzlichen Pflegeversicherung wird vermutlich über höhere Beiträge eine "Demografie-Reserve" für die Hochbetagten angesammelt. Die private Pflegeversicherung hat dafür schon gut 30 Milliarden Euro beiseitegelegt.

Bis 2030 sollen die Mütterrente und die Rente mit 63 ohne Abschläge, die ja allmählich bis dahin parallel zur Altersgrenze mit 67 Jahren auch auf 65 Jahre steigt, insgesamt 160 Milliarden Euro kosten. Eine Studie der Universität Duisburg-Essen nimmt eine höhere Nutzung der abschlagfreien Rente an als die Bundesregierung, was insgesamt 190 Milliarden Euro koste und weitere 43 Milliarden Euro würden an Steuern und Sozialbeiträgen ausfallen, wenn mehr Berechtigte früher aus dem Erwerbsleben gehen wollen. Insgesamt stiegen die Kosten dann auf 233 Milliarden EUR. Informationen zum neuen Rentenpaket von 2014 finden sich unter http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/rentenpolitik/194258/das-rentenpaket-2014.

Mit dem Rentenpaket verbreiten die Bundesregierung und die Deutsche Rentenversicherung Zuversicht, dass die Rente bis 2030 nachhaltig finanziert ist. Neben die finanzielle Nachhaltigkeit tritt gleichrangig die soziale Nachhaltigkeit, ein Themenwechsel, der von der EU und der OECD vorangetrieben wird. Altersarmut wird danach zum Problem, weil Erwerbsarbeit zu Niedriglöhnen so stark zugenommen hat, selbst wenn ein gesetzlicher, flächendeckender Mindestlohn etwas abmildern könnte. Veränderungen im Beschäftigungssystem und in der Arbeitswelt wie atypische bis prekäre Beschäftigung, diskontinuierliche Beschäftigungsverläufe, längere Zeiten der Erwerbslosigkeit und die ungebremste Grundsicherung für Arbeitsuchende begründen alle mehr oder weniger Altersarmut. Die Alterssicherung eines erheblichen Teils der Selbständigen, insbesondere der etwa zweieinhalb Millionen Soloselbständigen, ist ebenso unzureichend wie die betriebliche oder private Vorsorge von Empfängern niedriger Löhne.

Zusammenfassend gilt als sicher, dass die Bevölkerung in Deutschland "weniger, älter und bunter" wird. Aber deren Vorausschätzung basiert auf 2008, und seither ist der demografische Wandel von einer Drohkulisse zu einer beherrschbaren Herausforderung geworden. Die Attraktivität des Landes, die Freizügigkeit in der Europäischen Union, der dort anhaltende Abwanderungsdruck und eine integrative Willkommenskultur können den jährlichen Zuwanderungssaldo dauerhaft auch über 200.000 Personen halten wie die Wanderungsgewinne der letzten Jahre zeigen. Die Familienförderung, eine bessere Kinderbetreuung und ein leistungsfähiges Schul- und Ausbildungssystem können über höhere Geburtenziffern auch zu einer etwas größeren und jüngeren Bevölkerung führen. Die Fachkräftesicherung im Bildungs- und Beschäftigungssystem kann für sehr viele Betriebe und Verwaltungen gelingen. Selbst wenn das neue Rentenpaket alle sozialversicherten Arbeitnehmer und ihre Arbeitgeber stärker belastet, vor allem aus steigenden Arbeitseinkommen bei Vollbeschäftigung und auch aus noch etwas mehr Bundesmitteln können sowohl die Altersversicherung als auch der Generationenvertrag bewahrt werden. Man darf auf die nächste, dreizehnte Vorausschätzung der Bevölkerung im demografischen Wandel gespannt sein. Selbst wenn die Altersrente bis 2030 als nachhaltig finanzierbar gilt, das Problem der drohenden Altersarmut wird weiter zu berücksichtigen sein.

Literatur zum Weiterlesen

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Fußnoten

1.
Anleitung zum Wenigersein. Vorschlag für eine Demografiestrategie http://www.berlin-institut.org/publikationen/discussion-papers (Nr.12 vom August 2013
1.
vgl. hierzu den Vorschlag für eine Demografie-Strategie als "Anleitung zum Weniger sein" [1].

Jürgen Kühl

Zur Person

Jürgen Kühl

Jürgen Kühl ist Diplom-Volkswirt. Von 1969-1997 war er Mitarbeiter im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, zuletzt im Bereich Konzept und Aufbau des IAB-Betriebspanels; von 1997-2004 war er Abteilungsleiter im Bereich Arbeit und berufliche Bildung erst im Thüringer Sozial-, dann im Wirtschaftsministerium in Erfurt.


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