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27.1.2013

Volksgemeinschaft als Ergebnis sozialer Praxis

Eik Welker am 27.01.2013

Die Nationalsozialisten konnten schon vor 1933 auf eine große Bandbreite von Vorstellungen der Volksgemeinschaft zurückgreifen und diese für sich nutzen. Prof. Dr. Harald Welzer und Prof. Dr. Michael Wildt führen in den Begriff der Volksgemeinschaft ein und betonen dabei die Bedeutung sozialer Praktiken.

Harald Welzer bei der thematischen Eröffnung. (© Mirko Tzotschew / Kooperative Berlin)


In ihren Einführungsvorträgen erläutern Michael Wildt und Harald Welzer den Begriff der Volksgemeinschaft und formulieren einige Fragestellungen für die kommenden Konferenztage. Das Ziel der Konferenz sei es, so Wildt, angesichts der hohen Akzeptanz des Begriffes der Volksgemeinschaft nach dessen Vielfältigkeit zu fragen, ebenso wie nach den Schwierigkeiten, die sich bei der Verwendung des Begriffes ergeben.

Michael Wildt beschreibt zunächst, wie sich vor 1933 Anknüpfungspunkte für die Bildung einer nationalsozialistischen Volksgemeinschaft in Deutschland fanden. Volksgemeinschaft sei kein genuin nationalsozialistischer Begriff. Vielmehr stamme er aus dem Kontext des Ersten Weltkrieges und habe seitdem eine wirkmächtige politische Formel geboten. Auch Liberale und Sozialdemokraten hätten die Volksgemeinschaft als erstrebenswertes Ziel empfunden, auch wenn sie darunter etwas anderes verstanden hätten als die politische Rechte.

Der Rekurs auf Gemeinschaft, so bemerkt Wildt unter Rückgriff auf Helmuth Plessner, sei als Gegenbegriff zur Gesellschaft immer eine Reaktion auf eine als schlecht empfundene Gegenwart. Der Mythos der Gemeinschaft speise sich dabei durchaus aus der Vergangenheit, ziele jedoch immer auf die Hoffnung einer besseren Zukunft. Volksgemeinschaft dürfe nicht als eine feststehende Realität begriffen werden. Die politische Kraft der Rede von der Volksgemeinschaft habe vielmehr in der Verheißung bestanden, die unterschiedliche Teilgruppen der deutschen Gesellschaft auf ihre jeweils eigene Vorstellung von Volksgemeinschaft projizierten. Die Nationalsozialisten hätten, so Wildt, die große Bandbreite des Verständnisses von Volksgemeinschaft propagandistisch genutzt. Einen angemessenen wissenschaftlichen Umgang mit dem Phänomen der Volksgemeinschaft sieht Wildt in einem praxiologischen Verständnis der Vergemeinschaftung. Es gehe nicht darum, die Homogenität der Volksgemeinschaft nachzuweisen, sondern zu zeigen, aus welchen heterogenen Verhaltensweisen Volksgemeinschaft entstand.

Harald Welzer liefert in seinem Teil der Einführung Ergänzungen aus sozialpsychologischer Sicht und erinnert dabei an die interdisziplinäre Ausrichtung der Konferenz. Welzer schildert insbesondere Prozesse, bei denen der propagandistische Begriff der Volksgemeinschaft schrittweise in die Alltagspraxis der unterschiedlichen gesellschaftlichen Teilgruppen übersetzt wurde. Faszinierend sei dabei, in welch kurzer Zeit sich Ausgrenzungspraktiken etablieren konnten, und ebenso, wie sich die beteiligten Personen dennoch weiterhin als moralisch integre Personen fühlten. Handlungen, die ab dem Jahr 1941 akzeptabel waren, wie beispielsweise die öffentlich sichtbare Deportation der deutschen Juden, hätten 1933 voraussichtlich noch Proteste, wenn nicht gar Widerstand hervorgerufen, so Welzer. Die Radikalisierung vollzog sich nicht zielgerichtet und bewusst, sondern schrittweise durch die Anwendung vertrauter sozialer Praktiken in Reaktion auf neue radikale und gewaltförmige Erfahrungen und somit auf die Umformatierung des Sozialen. Anhand einer Reihe Zitate von Zeitzeugen macht Welzer deutlich, wie durch die Wiederholung solch vertrauter sozialer Praktiken Moralvorstellungen umcodiert wurden und eine Radikalisierung der deutschen Gesellschaft ermöglicht wurde.

Eine PDF-Version des Vortrages finden Sie PDF-Icon hier.
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