zurück 
16.9.2016

Militanz in der Tierrechtsbewegung – ziviler Ungehorsam, Sabotage oder Terrorismus?

Die Gewalt von militanten Tierrechtsbewegungen wird wenig beachtet. Der Workshop nahm sich dem Thema an. Insbesondere die Aktionen der Animal Liberation Front wurden dabei analysiert. Wie sind militante Tierrechtsbewegungen einzuordnen?

"Politische Sabotage" oder eine Form von Terrorismus? Greta Taubert und Armin Pfahl-Traughber sprachen im Workshop über die verschiedenen Facetten von Militanz in der Tierrechtsbewegung. (© bpb/Nils Pajenkamp)


Für eine Recherche über militante Tierrechtler besuchte die Journalistin Greta Taubert neben Behörden, Experten und Opfern auch gewaltbereite Aktivistinnen und Aktivisten. Durch ihren Veröffentlichung "Die Vegane Armee Fraktion" (DIE ZEIT) schaffte sie es Armin Pfahl-Traughber von der Hochschule der Bundes für öffentliche Verwaltung dazu zu motivieren, eigene Forschungen in diesem Bereich zu beginnen.

Geschichte und Motivation der Animal Liberation Front – Tierrechtsbewegung oder Tierbefreiung um jeden Preis?

Armin Pfahl-Traughber wies zunächst auf die grundsätzliche Unterscheidung der verschiedenen Facetten der Bewegung hin. Oberstes Ziel sei natürlich Tierrechte auf politischer Ebene zu stärken. Weiterhin würde aber versucht auch neben politischen Maßnahmen die Lebensbedingungen von Tieren zu verbessern. Relevant in Bezug auf die Thematisierung von Gewalt in der Tierrechtsbewegung sei dabei konkret die "Tierbefreiung" mit Hilfe von (politisch motivierter) Gewalt.

Die Animal Liberation Front (ALF) sei die bekannteste internationale Gruppierung der Bewegung, referierte Greta Taubert. Die 1976 gegründete Organisation versuche zum einen durch Aktionen und Anschläge die Lebensverhältnisse von Tieren öffentlichkeitswirksam anzuprangern und zum anderen Tiere vor dem Leben in solchen Verhältnissen zu bewahren. Durch den Aufbau von kleinen, autarken Zellen seien sie für Behörden nur schwer greifbar. Für Ihr Verhalten elementar sei ihr Grundverständnis, Tiere seien Artgenossen der Menschen. Allein deshalb seien sie zu schützen.

In der Praxis würde versucht dieses Ziel auch mit gewaltsamen Mitteln umzusetzen. Beispielsweise durch Aktionen mit denen versucht würde fleischproduzierenden Unternehmen massiven finanziellen Schaden zuzufügen. Mittels Dokumentationen solcher Aktionen solle zudem öffentlichkeitswirksam auf die vermeintlich gesetzeswidrige, wenigstens aber nicht tiergerechte Haltung hingewiesen werden.

Niemals richte sich die ALF jedoch mit Gewalt direkt gegen Menschen. Abspaltungen der Organisation, wie die Animal Rights Military, gingen jedoch weiter, schändeten beispielsweise Gräber von verstorbenen Tierlaborbesitzern, drohten mit Gewalt gegen Einrichtungen in denen Tiere gehalten würden oder legten sogar Rohrbomben. Auch diese Gewalt richtete sich jedoch bislang nicht gezielt gegen Menschen, sondern gegen Sachen.

Vom Schloss verkleben bis zum Brandanschlag

In der Bundesrepublik sei die ALF bereits sei 1985 bekannt. Ihre Anschlagsarten seien vielfältig. Sie reichten von spontanen Aktionen, wie dem Umkippen von Hochsitzen, dem Verkleben von Türschlössern über Farbbeutelattacken gegen Pelzgeschäfte bis hin zu Brandanschlägen auf Mastanlagen, Schlachthöfe oder Tierversuchslabore. Zudem würden Kundgebungen in Filialen von Schnellrestaurants abgehalten, welche Fleisch aus Massentierhaltung beziehen. Durch soziale Medien würde zudem versucht verschiedene Firmen und Institutionen zu diffamieren. Die Gruppierung setze also physische sowie psychische Gewalt ein.

Als Hochburg der ALF gelte Niedersachsen. Hier würden ein Viertel der Anschläge in Deutschland verübt, auch weil das Bundesland als Schlachtbank der Republik gelte. Die Animal Liberation Front habe mit ihren Maßnahmen aber auch schon bundesweit verschiedene "Erfolge" feiern können. Allein in Niedersachsen seien rund 500 Ställe aufgrund der von ihnen initiierten Proteste nicht gebaut worden. Durch die Aktionen der ALF würde jedoch auch tatsächlich auf nicht artgerechte Haltung hingewiesen und diese öffentlich gemacht. Damit erziele die Organisation auch über die Grenzen ihrer Anhänger hinaus ein Bewusstsein für bewussten Fleischkonsum.

Nach Greta Taubert seien die Aktivisten der Bewegung von der autonomen linken Szene inspiriert und auch selbst politisch als links einzuordnen. Zudem gebe es keine Aussteiger und sie lebten sehr unauffällig, sodass die Kriminalbehörden oft schlicht keinen Ausgangspunkt für eine konkrete Verfolgung besäßen.

Gesellschaftlich angesehen?

In der anschließenden Diskussion erklärten einige Teilnehmer, gewisse Parallelen zum Terrorismus erkennen zu können. So kämpfe die Bewegung gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, gehe auf Emotionen ein und verfolge eine bewusste Kommunikationsstrategie. Gleichwohl zielten die Taten der ALF nicht auf das Töten von Menschen. Für das Ziel der Bewegung, die Verbesserung der Lebensumstände von Tieren sowie grundsätzlich, der Versuch Tieren zu helfen, äußerten die Teilnehmer insgesamt große Sympathie. Armin Pfahl-Traughber äußerte abschließend, dass konkret die Aktionen der Animal Liberation Front als politisch motivierte Sabotage und nicht als Terrorismus einzuordnen seien. Radikalere Gruppierungen könnten hingegen durchaus als terroristisch eingeordnet werden.
Referenten:
Prof. Dr. Armin Pfahl-Traughber, Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung
Greta Taubert, freie Journalistin, Leipzig

Moderation: Anne Seibring, Bundeszentrale für politische Bildung
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Benjamin Möller

Benjamin Möller

Benjamin Möller ist studentischer Mitarbeiter im Fachbereich Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung. Er studiert den Masterstudiengang Politikwissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Seinen Bachelor legte er in den Fächern Politikwissenschaft und Geschichte an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald ab.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln