Glocal Islamism 2019



Interviews internationale Prävention / Panels

Deutsche Übersetzung: Untertitel stehen zur Verfügung und können im Video durch Klicken auf das Feld neben "HQ" aktiviert werden.


Nuwagaba Mushin Kaduyu und Laura García Pesquera über Peer-to-Peer Ansätze und Prävention im Internet

Nuwagaba Mushin Kaduyu, Allied Muslim Youth Uganda und Laura García Pesquera, Rewind, Madrid, Spanien (© bpb)





Dr. Edit Schlaffer über die Rolle der Frauen und das Empowerment von Müttern in der Präventionsarbeit

Dr. Edit Schlaffer, Women Without Borders, Wien, Österreich (© bpb)





Prof. Dr. Stevan Weine und Cameron Sumpter über gemeindebezogene Polizeiarbeit und die Reintegration von als islamistisch markierten Gefangenen

Prof. Dr. Stevan Weine, University of Illinois, USA und Cameron Sumpter, Nanyang Technological University, Singapur (© bpb)





Prof. Dr. Helmut Fünfsinn über internationale Zusammenarbeit in der Justiz

Prof. Dr. Helmut Fünfsinn, Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main. (© bpb)





Asma Charif und Bouchra Berrady über Empowerment und genderreflektierte Präventionsarbeit in Marokko

Asma Charif und Bouchra Berrady, Institut Mohammed VI pour la formation des Imams Morchidines et Morchidates, Rabat, Marokko. (© bpb)

Hintergrundinformationen zu "The Morchidats"
Tagung "Glocal Islamism 2019 – Phänomene, Interdependenzen, Prävention"

"Ich denke, dass nur wir Frauen nachvollziehen können, was andere Frauen wirklich beschäftigt.“ In der Dokumentation Casablanca Calling von Rosa Rogers bringt Karima die Besonderheit, die ihre tägliche Arbeit für sie aber auch für ihre Gesellschaft so wichtig macht, mit einem Satz auf den Punkt. Seit 2009 ist sie als eine von circa 600 weiblichen Morchidats in Marokko tätig. Ihre Aufgabe und Passion ist es, einen moderaten Islam zu lehren, der auf Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Toleranz basiert. Während sie vor allem in Schulen und Moscheen unterwegs ist, begegnet man anderen Morchidats auch in Internaten, Waisenhäusern, Gefängnissen oder auf den Feldern in ländlichen Gegenden. Dabei beraten und begleiten sie vor allem, aber nicht ausschließlich, Mädchen und Frauen in unterschiedlichsten Lebenslagen - von Familienproblemen über Trauerfälle bis hin zu Alltagsfragen. Sie alle verbindet dabei, dass sie die Suche nach Lösungen mit der Verbreitung eines toleranten Islams verbinden, der sich kulturellen Traditionen, die seit Jahrzehnten mit religiösen Regelungen gerechtfertigt werden, entgegenstellt.

Weibliche islamische Gelehrte, wie die Morchidats in Marokko, gab es nicht immer und machen das Königreich einzigartig im Vergleich zu anderen arabischen Staaten. Seit 2006 ist es auch Frauen erlaubt, sich am Institut Mohammed VI Pour La Formation Des Imams, Morchidines, et Morchidates, das dem marokkanischen Ministerium für Islamische Angelegenheit untersteht, ausbilden zu lassen. Die einjährige, kostenlose Ausbildung, die sowohl Frauen als auch Männer durchlaufen, widmet sich nicht nur dem Studium des Islams, sondern beinhaltet auch die Auseinandersetzung mit Themen wie Politik oder Psychologie. Um in das Programm aufgenommen zu werden, müssen Bewerberinnen einen Bachelor-Abschluss vorweisen, einen Test bestehen und den Koran zur Hälfte auswendig rezitieren können. Die circa 250 Teilnehmer/-innen eines Jahrgangs bestehen mittlerweile zu gleich großen Teilen aus Frauen und Männern.

Mit der Öffnung der islamischen Lehre für Frauen reagierte das Königreich auf die verheerenden Anschläge in Casablanca im Mai 2003, bei denen 45 Menschen starben. Die Morchidats wurden fortan in die Verbreitung eines toleranten Islams eingebunden, um einer radikalisierungsfördernden Islamauslegung entgegenzuwirken. Marokko war damit das erste muslimische Land, in dem Frauen eine religiöse Führungsposition übernahmen. Dies stellte nicht nur einen Mehrwert für den Kampf gegen Radikalisierung und für die Weitergabe eines moderateren Islams dar, sondern förderte darüber hinaus auch die gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen in Marokko. Trotz anfänglicher Herausforderungen hinsichtlich ihrer Akzeptanz in der Gesellschaft, wurde ihnen durch die Partizipation an sozialen Debatten ein Mitspracherecht zuteil, dass sie bis heute vor allem dafür nutzen, um die Wichtigkeit der Bildung für Mädchen und Frauen zu betonen, aber auch um gegen die Verheiratung junger Mädchen anzugehen. Dabei kommt ihnen besonders die Führungsposition des Königs Mohammed VI entgegen, der die Initiative zur Einbindung von weiblichen Gelehrten maßgeblich vorantrieb. Seine Familie beruft sich auf eine direkte Abstammung des Propheten Mohammeds und genießt dadurch unter den Marokkanerinnen und Marokkanern, die zu 98 Prozent dem sunnitischen Islam angehören, nicht nur politische, sondern auch religiöse Autorität. So betonte Mohammed VI im März 2019 während des Besuchs von Papst Franziskus erneut: "Die Antwort, mit der man Radikalisierung entgegentreten muss, ist weder von militärischer noch von finanzieller Gestalt. Sie trägt nur einen Namen: Bildung.“ Die Morchidats verbinden in ihrer alltäglichen Arbeit religiöse Bildung mit sozialer Arbeit, gehen in die Brennpunkte, leisten aktive Lebenshilfe angepasst an den nationalen und sozialen Kontext und wirken so seit 2006 durch ihre Arbeit zu einem erheblichen Anteil an dieser Antwort mit.


Diese Veröffentlichung stellt keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar. Für die inhaltlichen Aussagen tragen die Interviewpartner die Verantwortung. Beachten Sie bitte auch unser weiteres Print- sowie unser Online- und Veranstaltungsangebot. Dort finden sich weiterführende, ergänzende wie kontroverse Standpunkte zum Thema dieses Interviews.

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