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5.12.2019

B3) "9 mm für Zionisten". Antisemitismus in der linken Szene

Als aktuellstes Beispiel für Antisemitismus in der linken Szene nannte Dr. Martin Kloke die mittlerweile aufgelöste Berliner Gruppe "Jugendwiderstand". Doch zunächst warf Kloke einen Blick zurück: Westdeutsche Linke sympathisierten bis zur Mitte der 1960er Jahre größtenteils mit Israel, dann habe aber spätestens mit dem Sechstagekrieg ein zunehmender Sinneswandel stattgefunden und die Wahrnehmung des israelischen Staates als Ausdruck des US-Imperialismus, die Hinwendung zu Verschwörungstheorien wie dem "Weltzionismus" und eine pro- palästinensische Politik hätten die Oberhand gewonnen.

Im "Roten Jahrzehnt" von 1967 bis 1977 sei es zur Gründung zahlreicher Palästinakomitees gekommen, spätestens seit 1969 habe es auch eine gewalttätige Komponente des linken Antisemitismus gegeben. Kloke nannte drei Beispiele der terroristischen Dimensionen: Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus West-Berlins (1969), die Anschlagsserie in München (1970ff) und die Selektion in Entebbe (1976). Der rote Faden der Legitimationsstrategien des linken Antisemitismus sei jedoch bis heute die Gleichsetzung der israelischen Politik mit dem Faschismus der Nationalsozialisten. Mit dem Zusammenschluss vieler 68er mit Grün-Alternativen in den späten 1970er Jahren habe es wieder eine vermehrte Abkehr vom Antizionismus gegeben, dennoch hätten autonome antizionistische Strömungen überdauert.

Heute sei eine Zusammenarbeit von Teilen der linken Bewegung mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO und Unterstützung der transnationalen politischen Kampagne BDS (Boycott, Divestment and Sanctions) zur Isolation Israels zu beobachten. Letztere sei eine antisemitische Bewegung, weil sie als finales Ziel die Beseitigung Israels als jüdisch geprägter demokratischer Staat im Auge habe, so Kloke. Er zog einen Vergleich von BDS und dem "Judenboykott", der ab 1933 durch die Nationalsozialisten ausgerufen wurde. Auch erwähnte Kloke die Verbindung der BDS zur als terroristisch eingestuften "Popular Front for the Liberation of Palestine" (PFLP). Dennoch sei nicht jede Israelkritik als Antisemitismus zu werten, so Kloke abschließend.

Trotzdem wurde zu Beginn der Debatte mit dem Plenum Kritik an Klokes Vortrag von Einzelnen laut. Besonders die pauschale Verurteilung der BDS wurde moniert. Kloke entgegnete, dass der BDS von dem Tagungsteilnehmenden wohl falsch verstanden worden sei. Der Slogan "From the river to the sea, Palestine will be free" zeige eindeutig, dass das Ziel des Boykotts die Liquidation Israels sei und dieser daher sehr wohl als antisemitisch zu bewerten sei. Auch gebe es laut Kloke empirische Belege dafür, dass islamistische, rechte und linke Gruppen sich zur Demonstration gegen Israel zusammengetan hätten. Beispielsweise wurden in die PLO linke, rechte und islamistische Kombattanten integriert. Dennoch werde linker Antisemitismus nach wie vor bagatellisiert, schon Mitte des 20. Jahrhunderts wurde er als der vermeintlich "ehrbare Antisemitismus" (Jean Améry) bezeichnet, da er im Mainstream eine größere Akzeptanz finde als rechter Antisemitismus, sagte Kloke.
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