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26.2.2020

Workshop: Innovation in der historisch-politischen Bildung. Wie gelingt eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte?

Als Vertreter der sogenannten "Dritten Generation Ostdeutschland" entwickeln Kerstin Lorenz und Sven Gatter vom Verein Perspektive³ Bildungsformate, um die historischen Bedingungen des Aufwachsens in der DDR zu reflektieren. (© bpb, BILDKRAFTWERK/Zöhre Kurc)


Zunächst stellten Kerstin Lorenz, Historikerin und Politikwissenschaftlerin, und Sven Gatter, Pädagoge und freier Fotograf, den Verein Perspektive³ sowie dessen Zeitenwende-Lernportal vor. Die Mitglieder des Vereins, die sich zur sogenannten "Dritten Generation Ostdeutschland" zählen, realisieren Veranstaltungsformate, Publikationen und Bildungsprojekte. Ziel des 2013 gegründeten Vereins ist es, die historischen Bedingungen des eigenen Aufwachsens zu reflektieren.

Nach einer Vorstellungsrunde wurde als thematischer Einstieg der Trailer des Films "Die Unberatenen. Ein Wendekinderporträt" (2015) gezeigt. Daraufhin folgte eine Gruppenarbeit, die exemplarisch den Ablauf eines Zeitzeugeninterviews verdeutlichte. In drei Minuten berichtete eine Person von ihrer DDR-Vergangenheit von 1989/1990. Berichtet wurde beispielsweise von drakonischer Bestrafung und Klassenappellen in der Grundschule, von starkem Gemeinschaftszusammenhalt der Nachbarschaft und der Arbeitslosigkeit des Vaters (Stabsoffizier der NVA) nach der Wende. Die weiteren Gruppenmitglieder notierten im Anschluss Fragen, Gedanken und Anmerkungen zum Gehörten auf Moderationskarten. Nach einer einminütigen Zusammenfassung der Erinnerungen vor dem gesamten Plenum stellten die anderen Teilnehmenden ihre Fragen, die aufgrund der Kürze der Zeit und der gewollt exemplarischen Darstellung unbeantwortet blieben.

Im Anschluss an die Gruppenarbeit gaben die Referierenden einen kurzen Überblick über das "Zeitenwende-Lernportal". Es stellt ein Angebot zur Vermittlung von Methodenkompetenz in der historisch-politischen Bildung dar. Pädagogen/innen und politischen Bildnern/innen wird die Möglichkeit aufgezeigt, Zeitzeugen/innen in ihre Bildungsarbeit zu integrieren. Die Referierenden gingen auf den Begriff der "Dritten Generation Ostdeutschland" ein. Es handele sich nicht um einen festen soziologischen Begriff. Die Alltagszeitzeugen/innen sind zwischen 1970 und 1986 in der DDR geboren und wurden somit in zwei politischen Systemen sozialisiert. Die Wiedervereinigung war ein prägendes Ereignis in deren Kindheit. Solche persönlichen Schilderungen der späten DDR, der friedlichen Revolution und der Transformationszeit nach 1989 ergänzten die wichtigen Opfer-Perspektiven auf die DDR um bisher wenig beachtete Alltagssichtweisen. Zu bedenken sei jedoch, dass die Erinnerungen subjektiv und oft durch Berichte von Eltern und Medien mitkonstruiert seien. Zwar solle man die persönlichen Erfahrungsberichte nicht anzweifeln, aber in einen verantwortlichen pädagogischen Rahmen einbetten. Der Referent betonte, dass ein Zeitzeugeninterview keinen Wahrheitsanspruch erhebt, sondern eine von vielen Quellen ist.

Das Zeitenwende-Lernportal biete kostenlos Zeitzeugenkontakte, Lernmodule und umfangreiche Hintergrundinformationen an. Historiker/innen und Pädagogen/innen des Zeitenwende-Teams entwickelten individuelle Konzepte und unterstützten bei der Vor- und Nachbereitung. Ziel sei es, die thematische Vermittlung an die jeweilige Zielgruppe (oft Schüler/innen) zu unterstützen. Durch Zeitzeugengespräche würde eine Lerngruppe motiviert, sich mit bestimmten historischen Sachverhalten und Begriffen auseinanderzusetzen. Des Weiteren würden sich diese zur Erarbeitung von Frage-, Methoden- und Orientierungskompetenzen sowie der Reflexion von Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Vergangenheit und Gegenwart eignen.

Nach einer Kleingruppenarbeit, bei der die Teilnehmenden die Kurzbiografie eines Zeitzeugen lasen und anschließend Anknüpfungspunkte für weitere Gespräche im Plenum vorstellten, wurde auf die Auswertungsschwerpunkte nach einem Zeitzeugengespräch eingegangen. Folgende Stichpunkte wurden hierbei erläutert: Die Frage, ob die Einbeziehung von Zeitzeugen/innen, welche zur betreffenden Zeit Kinder waren, möglicherweise eine Verharmlosung des Unrechtsregimes der DDR bedeuten könne, wurde unter den Teilnehmenden kontrovers diskutiert. Die Referierenden betonten daraufhin nochmals die Bedeutung des pädagogischen Rahmens: Pädagogen/innen sollten sich vorher explizit die Frage stellen, welche Thematik (z.B. Jugendkultur, Wende 1989/1990 etc.) mit der Zielgruppe behandelt werden solle und diese anhand der oben genannten Stichpunkte einrahmen.

Dokumentation: Verena Ludwig
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