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8.10.2013

Editorial

"Man hat der Historie das Amt, die Vergangenheit zu richten, die Mitwelt zum Nutzen zukünftiger Jahre zu belehren, beigemessen", schrieb der Historiker Leopold von Ranke 1824. Zugleich versuchte er jedoch, sich diesem Anspruch zu entziehen: Der Geschichtsschreiber wolle schließlich "blos zeigen, wie es eigentlich gewesen". Die Vorstellung eines objektiv über allen Dingen schwebenden Historikers war aber schon damals illusionär. Wie in der Vergangenheit liegende Ereignisse zu einer zusammenhängenden Erzählung, zu einem bestimmten Narrativ verknüpft werden, ist zwangsläufig eine Konstruktion – und fällt je nach Standpunkt und Herangehensweise unterschiedlich aus.

Geschichte ist also nicht starr, sondern formbar. Entsprechend lang ist die Tradition der Versuche, sie für politische Zwecke zu instrumentalisieren – sei es durch Fälschung oder Auslassung, Dämonisierung, Heroisierung oder schlicht durch einseitige Interpretation. Die Gefahr, dass staatlicherseits bestimmte Geschichtsbilder etabliert werden, besteht vor allem in nicht-pluralistischen politischen Systemen. Doch auch in Demokratien wird mit Geschichte Politik gemacht und werden bestimmte Erzählungen durch öffentliche Repräsentation favorisiert – allerdings haben es "Meistererzählungen" heute immer schwerer, auf dem öffentlichen Markt konkurrierender Narrative – und zudem in einer heterogenen Migrationsgesellschaft – unhinterfragt zu bestehen.

Eine besondere Herausforderung nicht nur für die Fachwissenschaft, sondern auch für die historisch-politische Bildung, deren Aufgabe es ist, historische Narrative immer auch als "schöpferische Leistung" erkennbar zu machen und sie so zu de-konstruieren, liegt im grundlegenden Medienwandel: Schlüssige Deutungsangebote finden sich zunehmend – meist in attraktiver Verpackung – auch in (Unterhaltungs-) Medien, deren primäre Ziele ökonomischer Natur sind. Geschichte in Gestalt von "Histotainment" ist dort vor allem ein geeignetes Instrument, um "Quote zu machen".

Johannes Piepenbrink

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