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21.10.2013

Homo militaris – Gestalt institutionalisierter Gewalt

Das Militär ist ein soziales Feld und eine politische Institution,[1] die Gewalt gegen andere Länder organisiert, das eigene Land vor Gewalt von außen schützt und gewaltsame Mittel zur Aufrechterhaltung der bestehenden inneren Ordnung bereit hält. Im Militär findet eine Integration des Spannungsverhältnisses von vertikaler, bürokratischer Rationalität und horizontaler, totaler berufsständischer Gemeinschaftlichkeit statt. Die Mechanismen der bürokratischen Logik und der impliziten Referenz an aristokratisch-kämpferische Tugenden und Werte machen den körperschaftlichen Charakter des Militärs aus. Aufgrund der spezifischen Fusion von herrschaftlicher Organisation und kriegerischem Berufsstand kann es daher als eine gewaltsame Körperschaft gekennzeichnet werden. Militärische Gewalt ist ein von Soldaten bereitgestelltes "Kollektivgut", die sich dadurch von der zivilen Gesellschaft unterscheiden. Die hier skizzierten Merkmale beschreiben die Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich die sozialen Praxisformen des militärischen Feldes konstituieren, in welchem Gewaltsamkeit (Max Weber) und Militärkultur im Sinne sozialer Praxis (Pierre Bourdieu) produziert und reproduziert werden. Der soziologische Analyserahmen dieses Feldes geht somit über das Militär als Organisation hinaus und umfasst die gesamte Gesellschaft, denn Organisationen beziehungsweise Sozialverbände wie das Militär wurden allzu lange als zweckrationales Instrument zur Umsetzung funktionaler Ziele verstanden, während sie mindestens so sehr Bedeutungs- und Symbolsysteme darstellen.[2]

Staatsgewalt und soziale Praxis in Organisationen

Schon in den 1960er Jahren hat Renate Mayntz darauf hingewiesen, dass das rationale Modell der klassischen Organisationssoziologie den herrschaftssoziologischen Kontext in Max Webers Behandlung der Bürokratie ignoriert und daher nicht erkannt hat, dass Weber Bürokratie und Herrschaft als zwei ständig miteinander in Spannung stehende Prinzipien versteht.[3] Danach liegt es nahe, Organisationen in erster Linie als soziale Kräftefelder zu verstehen, in denen um die Durchsetzung verschiedener – teilweise gegensätzlicher Ziele – gerungen wird. Organisationale Strukturen bilden sich in den expliziten und impliziten Regeln sowie in der Verteilung von ökonomischem, sozialem, kulturellem und symbolischem Kapital im Sinne Bourdieus ab. Diese Kapitalsorten stellen soziale Machtinstanzen dar und dienen als Basis zur Legitimierung von Herrschaft.

Das Militär, Mittel der Selbstbehauptung des Staates nach außen und bisweilen auch nach innen, ist einerseits eine politische Institution und gleichzeitig besonders deutliche Gestalt institutionalisierter Gewalt. Der Organisationsherr des Militärs ist der Staat, den Weber als einen Herrschaftsverband auffasst, denn als Zwangsanstalt ist jeder Staat auf Gewaltsamkeit gegründet, und physische Gewalt ist ihm als spezifischem Mittel zu Eigen.[4] Das Militär und seine Prinzipien sind auf das Engste mit dem Staat verknüpft. Frageleitend ist dabei, welche Strukturen es erlauben, dass die Befehle der Spitze mit dem geringstmöglichen Reibungsverlust vom "Apparat" ausgeführt werden. Dieser Anforderung, so Weber, wird allein die moderne, rationale Bürokratie gerecht, die im reinen Typus ein System von miteinander gekoppelten zweckrationalen Handlungen repräsentiert, zu deren Entstehung und Entfaltung unter anderem die Konzentration der sachlichen Betriebsmittel in der Hand des Dienstherren eine Voraussetzung darstellt. Somit ist die historische Bürokratisierung der Armee fundamental für ein Verständnis des Militärs als Herrschaftsinstrument der Staatsgewalt. Das Konzept der institutionellen Gewalt integriert aktuelle und eventuelle Gewaltsamkeit (Weber) sowie symbolische Gewalt (Bourdieu) und wird von dem Soziologen Peter Waldmann wie folgt definiert: "Der Begriff der institutionellen Gewalt (…) geht insofern über das direkte, personelle Verständnis von Gewalt hinaus, als er nicht allein auf eine spezifische Modalität sozialen Handelns, sondern auf dauerhafte Abhängigkeits- und Unterwerfungsverhältnisse abstellt. Man kann ihn definieren als eine durch physische Sanktionen abgestützte Verfügungsmacht, die den Inhabern hierarchischer Positionen über Untergebene und Abhängige eingeräumt ist. (…) Prototyp institutioneller Gewalt in der Moderne ist der Hoheits- und Gehorsamsanspruch, mit dem der Staat dem einzelnen gegenübertritt."[5]

Institutionelle Gewalt umfasst daher die Staatsgewalt. Ausprägungen des staatlichen Gewaltmonopols beziehungsweise der Staatsgewalt wie das Militär sind somit eine Gestalt institutioneller Gewalt und seiner Kultur.

Soziale Praxis im Militär

Um die Kultur des Militärs zu bestimmten, ist es notwendig, sich von der oftmals angenommenen Homogenität des Militärs zu verabschieden und zu fragen, um was es im militärischen Feld tatsächlich geht: um nichts weniger als den steten Definitionskampf um das Wesen des Militärs eines Landes und, im Zusammenhang mit der Durchsetzung dieser Vorstellung, um Karrierechancen. Im Korpsgeist drückt sich gleichzeitig die Kohäsion, aber auch der Konformismus derjenigen aus, die es geschafft haben, Aufnahme in der sozialen Welt des Militärs zu finden. Diese Mechanismen machen den "korporativen" Charakter der Streitkräfte aus. Im Militär finden sich zudem Subkulturen, insbesondere bei den Teilstreitkräften (Heer, Marine und Luftwaffe), einzelnen Truppengattungen des Heeres oder in Form der unterschiedlichen Dienstgradgruppen (Offiziere, Unteroffiziere, Mannschaften) sowie anhand des Unterschiedes zwischen Truppe in der Heimat und Truppe im Einsatzland.

Die Konflikte, die zwischen einzelnen Akteuren beziehungsweise Gruppen in einem sozialen Feld bestehen, gründen auf einen feldspezifischen Antagonismus hinsichtlich der Verwertungsmöglichkeiten des sozialen, kulturellen, symbolischen und ökonomischen Kapitals. Daher ist es hilfreich, das Militär – ebenso wie andere soziale Felder – als ein Spielfeld zu betrachten, auf dem um Definitionsmacht gerungen wird, und das einen bestimmten Habitus generiert, der die selbstverständliche Anpassung an die feldspezifischen Spielregeln erlaubt. Durch den Glauben an das militärische Feld sind die Soldaten dem Feld gegenüber befangen, doch praktisches Gespür erlaubt es, die für das soziale Spiel intuitiv richtigen Spielzüge vorzunehmen.[6]

Als Teil des Staatsapparats besitzt das Militär weitreichende Bedeutung für die politische Sphäre, denn der Staatsapparat stabilisiert die herrschenden Gesellschaftsverhältnisse. Der Staat beansprucht, in Anlehnung an die bekannte Definition von Max Weber, auf seinem Territorium das Monopol legitimer symbolischer Gewalt über die dort lebenden Menschen. Die Legitimierung des Gewaltmonopols des Staates wird sowohl nach innen als auch nach außen durch das Militär erreicht. Das Militär integriert die politische Vorstellung der Einheit von Volk, Territorium und Staat in einzigartiger Weise, so dass ihm eine besonders ordnungsstiftende und bewahrende Rolle zukommt.[7] Durch die Repräsentation dieser säkularen Dreifaltigkeit legitimiert das Militär den Staat und letztlich sich selbst.

Bürokratische Logik einerseits sowie gleichzeitig die Referenz an militärische Tugenden sowie militärisches Führertum andererseits bilden die Ordnungsmuster des Militärs. Daher besteht im Militär eine permanente Spannung zwischen moderner Rationalität, wie sie sich in bürokratischer Disziplin ausdrückt, die auf regelkonformes Verhalten ohne Berücksichtigung der Persönlichkeit des Handelnden abzielt, und vormodernen Vorstellungen vom militärischen Führer, der dem Bild der charismatischen Persönlichkeit mit ihren spezifisch individuellen Eigenschaften entspricht. Die Grundlage jeder Militärkultur bildet dabei das "historical model of the Prussian corps",[8] auf welches weltweit Bezug genommen wird. Darüber hinaus wurden und werden Militärstrategien und -taktiken, Techniken, Werte, Normen und Militärtugenden tradiert und weitergetragen. Allen Militärorganisationen gemeinsam sind Grundausbildung und Lehrgänge, mittels derer Individuen in die Militärkultur in Form eines Sozialisationsprozesses initiiert und mit den Besonderheiten der militärischen Lebensweise vertraut gemacht werden. Dabei werden Soldaten unter anderem in Hierarchie, Bürokratie, Regeln, Gesetze, Kameradschaft, Vertrauen, Loyalität, militärische Symbole, Rituale und das militärspezifische Vokabular eingewiesen, und es wird eine Kultur militärischer Disziplin verinnerlicht, die in allen Militärorganisationen zu finden ist.[9] Durch multinational zusammengesetzte Auslandsmissionen und das Aufeinandertreffen von Soldaten unterschiedlicher Streitkräfte ist eine historische Kontinuität der Basis von Militärkultur mehr denn je garantiert.

Militärkultur spiegelt sich im Handeln der Soldaten wider, das sich in den Regeln und Regelmäßigkeiten dieses sozialen Feldes wiederfindet. Soldaten werden in der Grundausbildung und auch während ihres soldatischen Dienstes in das spezifisch militärische Prinzip eingewiesen, das unter anderem den Gehorsam und Techniken des Verletzens und Tötens umfasst. Ihnen werden militärische Werte wie beispielsweise Disziplin, Loyalität, Tapferkeit und Opferbereitschaft mit auf den Weg gegeben. Ferner spielen Männlichkeit, das kameradschaftliche Zusammengehörigkeitsgefühl sowie normenkonformes Verhalten eine zentrale Rolle. Ein spezifisches Interesse vereint also die Akteure in ihren Kämpfen um das Interessenobjekt, an das sie glauben und affektiv besetzen.[10] Hierarchie und Gemeinschaft kristallisieren sich als die gemeinsamen Hauptelemente heraus, die zur Bestimmung des Militärs und seiner spezifischen Kultur von zentraler Bedeutung sind. Innerhalb des Spannungsbogens dieser beiden Elemente gibt es weitere Ausprägungen, die für die soziale Praxis im Militär wichtig sind. Die Praxisformen des militärischen Feldes gliedern sich in zwei grundlegende Dimensionen (Hierarchie und Gemeinschaft) mit je drei Elementen (Disziplin, Formalismus, Konservatismus sowie Segregation, Maskulinität, Tradition und Konvention).


Hierarchie

Das Militär besteht als Sozialverband grundsätzlich aus einer mehr oder minder großen Anzahl von Kämpfern, doch erst durch seine feste Einbindung in einen Staat im 17. und 18. Jahrhundert war die hinreichende Bedingung für den Schritt von bewaffneten Heerscharen zu formalisierten Streitkräften als Stehende Heere gegeben. Im Zuge des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Militär immer mehr zu einer formalen Großorganisation des Staates. Staatliche Macht wird unter anderem durch das Militär verkörpert und kann nicht nur in den staatlichen Außenbeziehungen eingesetzt werden, sondern, je nach Rechtslage, auch zur Bekämpfung innerer Unruhen. Da das Militär als Träger des staatlichen Gewaltmonopols stets eine Gefahr für die politische Führung darstellt, legt die Exekutive großen Wert auf die Verinnerlichung des Primats der Politik innerhalb der Streitkräfte. Dies geschieht durch die Verankerung des Prinzips von Befehl und Gehorsam auf allen Ebenen des Militärs. Befehl und Gehorsam sind zentraler Teil der Hierarchie des Militärs, die in Disziplin und der staatlichen Bürokratie, das heißt in der formalisierten Bestimmung von Verfahrenswegen und Zuständigkeiten, eine weitere Ausprägung erfahren. Als bürokratische Großgruppe formen die Streitkräfte eine erkennbare Hierarchie aus, welche Ausdruck der Autoritätsstrukturen ist, die eine klare Befehlslinie hervorbringen. Die Status- und Rangsysteme bewirken gleichzeitig eine soziale Distanz zwischen den Dienstgraden, die nicht nur mit funktionalen Kompetenzen, sondern auch mit Verhaltensweisen korrespondiert, die dem jeweiligen Rang entsprechen.

Die bürokratische Seite des Soldatenberufs entspricht dem Idealtyp des militärischen Planers (managerial leader), der Herrschaft im Sinne von Weber vorwiegend durch rationale Legitimität ausübt.[11] Demgegenüber steht der Idealtyp des militärischen Führers als Kämpfer (heroic leader), der seine Herrschaft durch Charisma und/oder Tradition legitimiert. Führung wird von restaurativen Kreisen im Militär daher vor allem als ein personenkonzentriertes Konzept aufgefasst. Hier gilt das Primat der Tat. Die Stehende Armee als Symbol der Einheit von Volk, Territorium und Staat besitzt freilich auch Anziehungskraft auf junge Leute mit nationalkonservativen beziehungsweise rechtsradikalen politischen Orientierungen, denn aufgrund des zentralen Prinzips von Befehl und Gehorsam gelten Diskussionen und Gewissensfreiheit als unmilitärisch, jedoch Hierarchie und damit einhergehende Prinzipien der Unterordnung und Einordnung in das militärische Gefüge als angemessen. Haltung und Typus des homo militaris entsprechen dem martialischen Kämpfer wie er in Stehenden Heeren anzutreffen ist. Der Umstand, dass Soldaten grundsätzlich darauf vorbereitet sein müssen, ihre Aufgaben auch unter Kriegsbedingungen zu erfüllen, hat zur Folge, dass das Idealbild des Soldaten durch den Kampfauftrag des Militärs geprägt ist. Daher gilt dieser Idealtypus unabhängig von Epoche oder politischem System für alle Stehenden Heere, ganz gleich, was das offizielle Berufsbild einer Armee besagen mag.

In einem Konzept, das den militärischen Führer als Generalisten betrachtet – und dies ist das vorherrschende Bild des Offiziers, wie es auch in der Bundeswehr gilt –, treffen unterschiedliche Anforderungen an "Geist und Tat" zusammen. Es besteht die Spannung von moderner Rationalität, funktionaler Disziplin und bürokratischer Regelhaftigkeit auf der einen und der gewaltsamen Totalität der Gefechtssituation sowie dem Bild des Soldaten als Kämpfer auf der anderen Seite. Das soldatische Entbehrungsethos, das sich aus traditionellen Vorstellungen vom Soldaten zusammensetzt und dem Repertoire konservativen Denkens und soldatischer Tugenden von Gehorsam, Treue, Disziplin, Anstand, Wahrhaftigkeit, Ehre und Opferbereitschaft entspringt, prägt den soldatischen Habitus. Just diese Orientierung an militärischen Werten, Prinzipien und Tugenden der Aufopferungsbereitschaft und Uneigennützigkeit stellen die inkorporierten Denk-, Wahrnehmungs- und Aktionsmuster dar, die der soldatische Habitus hinsichtlich angemessenen und erfolgreichen Handelns im Militär verkörpert. Hierarchie im Militär ist sowohl durch a) Funktion und b) Führerschaft bestimmt.

Gemeinschaft

Grundsätzlich gilt im Militär die Devise, dass Gemeinschaftsleistung vor Einzelleistung geht. Zum einen wird in der Kriegsführung herkömmlicherweise auf zahlenmäßige Überlegenheit gesetzt, zum anderen besitzt für den einzelnen Soldaten die Gruppe große Bedeutung, da sie im Kampf emotionale und physische Sicherheit bietet. Die Idee des Korpsgeistes kann sich dabei sowohl auf die unmittelbare Einheit (beispielsweise die Kompanie) des jeweiligen Soldaten beziehen oder auch innerhalb einer Dienstgradgruppe Geltung beanspruchen. Insbesondere das Offizierskorps und das Unteroffizierskorps verstehen sich über die jeweilige Teilstreitkraft hinaus als zwei Gesinnungsgemeinschaften im Denken und Handeln, da beide (bis heute) für unterschiedliche soziale Schichten beziehungsweise Milieus stehen und verschiedene Positionen innerhalb der Hierarchie einnehmen, wobei sich in Deutschland das Offizierskorps kaum noch aus den ehemals "erwünschten Kreisen"[12] rekrutiert. Diese setzten sich in Deutschland seit dem Kaiserreich aus den "in jeder Beziehung erwünschten Kreisen" der Offiziersfamilien und Gutsbesitzer sowie den "erwünschten Kreisen" des Bildungsbürgertums (höhere Beamte, sowie akademische und freie Berufe) zusammen.

Da das Militär eine männliche Bastion und gesellschaftliche Reproduktionsstätte von Männlichkeit ist, sind die Vorstellungen von einem "richtigen" Soldaten überwiegend maskulin geprägt.[13] Die Homosozialität des Militärs ist sichtbarer als in anderen Domänen männlichen Gestaltungswillens, da das Militär räumlich von der zivilen Gesellschaft separiert ist.[14] In der für das Militär so zentralen Idee der Kameradschaft drückt sich in symbolischer Form die Orientierung an den Geschlechtsgenossen aus. In dem – noch bis vor Kurzem – nur Männern vorbehaltenen Raum finden die ernsten Spiele des Wettbewerbs um Anerkennung nach männlich kodierten Regeln statt. Die Kameradschaft eines männlichen Kollektivs besitzt die funktionale Qualität, im Ernstfall notwendigen Zusammenhalt zu stiften. Sie dient jedoch auch dazu, Geschlechterdifferenz zu konstituieren.

Spezifische Vorstellungen von angemessenem Verhalten und richtiger Haltung gehen damit einher. Diese drücken sich unter anderem in Etikette und Konventionen aus, aus denen sich selbst innerhalb einer Dienstgradgruppe die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Fraktion oder Gruppe ergibt. Traditionale Legitimation von Herrschaft im Sinne Webers wird durch die Beherrschung entsprechender Verhaltensstile und -formen ausgedrückt. Wie in zivilen Kontexten helfen diese, Unsicherheit zu bewältigen beziehungsweise zu verbergen. Darüber hinaus bekommen bindende Verhaltensregeln unter den potenziellen Bedingungen von Tod und Verwundung im Kampfeinsatz große funktionale Bedeutung. In diesem Zusammenhang spielt Religion in vielen Armeen weiterhin eine Rolle, da sie überall dort gebraucht wird, wo gestorben wird. Die für das Militär scheinbar so typische Traditionspflege hat im Truppenalltag meist keinen großen Stellenwert, doch dient sie der Vermittlung und Weitergabe spezifisch soldatischer Tugenden.

Die Selbstverpflichtung eines Berufsstandes auf spezifische Wertvorstellungen und Normen wird für Staatsdiener durch die herrschaftlichen Ziele und Zwecke eines Staates konkretisiert. Das soldatische Dienstethos drückt sich nicht nur in der berufsständischen Selbstverpflichtung zum moralischen Handeln zum Wohle des eigenen Landes aus, sondern schreibt im Eid der Soldaten die Pflicht zum Gehorsam und zu tugendhaftem Handeln fest. Festzustellen bleibt, dass im Militär manchen Tugenden eine besonders große Bedeutung zukommt beziehungsweise zugesprochen wird. Mit dem Anforderungsprofil an den Soldatenberuf verbunden kann Tapferkeit als die soldatische Primärtugend gelten, da sich in ihr die im Ernstfall notwendige Kampf- und Aufopferungsbereitschaft als äußerster Anspruch an Soldaten widerspiegelt.[15] Tapferkeit ist gewissermaßen als langanhaltender Mut sowie im standhaften Ertragen von Bedrohungen und Belastungen zu verstehen. Soldatische Sekundärtugenden leiten sich aus den weiteren Bedingungen ab, die mit dem Auftrag des Militärs verbunden sind. Je nach Position innerhalb der militärischen Hierarchie kommt funktionalen Sekundärtugenden wie Disziplin, Entschlossenheit, Gehorsam, Härte, Zusammenhalt, Entbehrungsbereitschaft, Mut und Urteilskraft eine unterschiedlich ausgeprägte Bedeutung zu. Sie spiegeln im Wesentlichen die spezifischen Erfordernisse militärischer Aufträge wider. Habituelle Sekundärtugenden wie Aufrichtigkeit, Beharrlichkeit, Bescheidenheit, Besonnenheit, Ehrgefühl, Gelassenheit, Selbstlosigkeit, Treue, Willensstärke und Würde besitzen einen ungleich höheren moralischen Anspruch. Habituelle Sekundärtugenden etablieren den professionellen Ethos des Militärs. Hierbei handelt es sich um einen bestimmten Verhaltenskodex, der eine gemeinsame Identifikation auf die gleichen Werte ermöglicht. Die besondere Betonung dieser Tugenden im Militär dient nicht zuletzt der kollektiven Selbstbeschreibung und trägt so ebenfalls dazu bei, Gemeinschaft zu schaffen und zu bewahren. Sie bieten allerdings auch die Möglichkeit, sich ihrer bewusst oder unbewusst zu bedienen, um sich von anderen abzusetzen.

In den Einsatzgebieten haben sich soziokulturelle Handlungs- und Denkmuster sowie einsatzspezifische Identitäten entwickelt, die die Bundeswehr im Einsatz nicht nur in struktureller, sondern auch in soziokultureller Hinsicht beeinflusst haben.[16] Die sozialräumliche Segregation, die für Soldaten im Heimatland immer mehr wegfällt, erhält im Einsatzland eine neue Dimension. Denn für die Zeit der Auslandsmission ist das Feldlager sowohl formale Organisation als auch Wohnort der Soldaten: Die Grenzen zwischen den drei Bereichen Schlafen, Freizeit und Arbeit verschwimmen oder lösen sich zum Teil ganz auf. Gleichzeitig existieren klare Grenzen zur Zivilgesellschaft, sowohl sozial als auch geografisch.[17] Im Einsatz findet nicht nur eine weitestgehende Trennung der Feldlager von der Bevölkerung der Einsatzgebiete statt, sondern für jeden einzelnen Soldaten bedeutet der Einsatz auch die Trennung von der eigenen Familie und seinem beziehungsweise ihrem privaten Umfeld.

Schlussbetrachtung und Ausblick

Militärische Felder besitzen spezifische Elemente, anhand deren Ausprägung man eine Militärkultur festmachen kann. Diese Elemente sind teilweise durch funktionale Bedingungen geprägt, teilweise geschichtlichen Entwicklungen geschuldet. Eine Perspektive, die von der Geschlossenheit und scheinbar typisch militärischen Einheitlichkeit Abstand nimmt, erlaubt ein Verständnis von Militär als heterogener Kollektivität innerhalb der Gesellschaft. Der hier vorgeschlagene Ansatz von Militärkultur fokussiert auf die dominierende soziale Praxis im Militär. Um die geltende Vorstellung vom "wahren" Wesen des Militärs kämpfen nicht nur unterschiedliche Gruppen von Soldaten, sondern stets auch die etablierten und die nachrückenden Generationen im Militär. Je nachdem, welche gesellschaftlichen Schichten in die Streitkräfte eintreten und wie konstant der hauptsächliche Auftrag des Militärs bleibt, verändert sich die soziale Praxis im Militär langsamer oder schneller. In der militärischen Kultur bilden sich diese gesellschaftlichen Bedingungen konzentriert ab.

Durch den hohen moralischen, auch nach außen getragenen Anspruch, den Soldaten oftmals an ihren Beruf stellen, erscheint das militärische Feld geradezu als "moralische Organisation" im soziologischen Sinne. Die uneigennützigen Werte der soldatischen Ehrengesellschaft, welche sich aus den Traditionen dieses Feldes konstituiert, und die eigennützigen Werte der zivilen Wettbewerbsgesellschaft stoßen in diesem sozialen Feld zusammen und führen zu immanenten Widersprüchen zwischen Militärkultur und ziviler bürgerlicher Kultur. Im bürokratisierten Stehenden Heer einer modernen Klassengesellschaft kann freilich kaum jemand gemäß den Vorstellungen eines militärischen Gesinnungsadels interesselos oder ehrenhaft handeln. Umso wichtiger ist es, dementsprechend formelle Praxisformen der Ehre zu pflegen. Trotz der steilen Hierarchien innerhalb der Streitkräfte wird hinsichtlich des berufsständischen Aspekts der Kollegialität im Militär von "Kameradschaft" gesprochen, worin sich die für das Militär typische Gleichzeitigkeit von Hierarchie und Gemeinschaft ausdrückt.

Der Idealtypus des homo militaris mag von Epoche zu Epoche und Land zu Land gewisse Varianz aufweisen, ist aber grundsätzlich gleichbleibend und dient in Stehenden Heeren den Soldaten dazu, das militärische Prinzip der Härte, Opferbereitschaft und Kameradschaft im bürokratischen Friedensbetrieb aufrecht zu erhalten. Das Militär als Teil der Staatsgewalt und zentraler Ort institutioneller Gewalt integriert das Bedingungsverhältnis von Herrschaft, Macht und Gewaltsamkeit wie kaum eine andere politische Institution. Mit dem Militär existiert eine gewaltsame Körperschaft, für die just die elementare Erfahrung des Kämpfens, Tötens und Sterbens von zentraler Bedeutung für ihr Selbstverständnis ist. Selbst in der bürokratischen Militärorganisation des Friedensbetriebs bleibt dieses kampforientierte Selbstverständnis durch Einsatzerfahrung, durch Legenden, durch explizit normative Forderungen sowie durch die Pflege kriegerischer Traditionen erhalten. Als politische Institution des Staates und der Gesellschaft prägt das Militär sowohl Soldaten als auch Zivilisten und erzeugt den homo militaris.
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Fußnoten

1.
Vgl. Gerhard Göhler, Institutionenlehre und Institutionentheorie in der deutschen Politikwissenschaft nach 1945, in: ders. (Hrsg.), Grundfragen der Theorie politischer Institutionen. Forschungsstand, Probleme, Perspektiven, Opladen 1987.
2.
Dieser Beitrag geht vorwiegend zurück auf meine Argumentation in Ulrich vom Hagen, Homo militaris. Perspektiven einer kritischen Militärsoziologie, Bielefeld 2011.
3.
Vgl. Renate Mayntz, Soziologie der Organisation, Reinbek 1963, S. 32.
4.
Vgl. Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, Tübingen, 1972 (1921).
5.
Peter Waldmann, Politik und Gewalt, in: Dieter Nohlen/Rainer-Olaf Schultze (Hrsg.), Lexikon der Politik, Bd. I: Politische Theorien, München 1995, S. 430f.
6.
Vgl. Pierre Bourdieu, Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft, Frankfurt/M. 1987.
7.
Vgl. Klaus Eder, Multikulturalität als Dilemma, in: Remi Hess/Christoph Wulf (Hrsg.), Grenzgänge. Über den Umgang mit dem Eigenen und dem Fremden, Frankfurt/M.–New York 1999, S. 44.
8.
Eyal Ben-Ari/Efrat Elron, Blue Helmets and White Armor: Multi-nationalism and Multi-culturalism among UN Peacekeeping Forces, in: Armed Forces & Society, 2 (2001), S. 275–306, hier: S. 284.
9.
Vgl. Joseph Soeters/Donna Winslow/Alise Weibull, Military Culture, in: Guiseppe Caforio (Hrsg.), Handbook of the Sociology of the Military, London u.a. 2003, S. 250.
10.
Vgl. P. Bourdieu (Anm. 6), S. 124f.
11.
Vgl. Morris Janowitz, The professional soldier. A social and political portrait, New York 1960.
12.
Detlef Bald, Der deutsche Offizier. Sozial- und Bildungsgeschichte des deutschen Offizierkorps im 20. Jahrhundert, München 1982, S. 41f.
13.
Vgl. Ruth Seifert, Männlichkeitskonstruktionen: Das Militär als diskursive Macht, in: Das Argument, 196 (1992), S. 859–872.
14.
Vgl. Jean Lipman-Blumen, Toward a Homosocial Theory of Sex Roles. An Explanation of the Sex Segregation in Social Institutions, in: Signs, 3 (1976), S. 15–31.
15.
Die Unterscheidung zwischen Primär- und Sekundärtugenden geht auf Carl Amery, Die Kapitulation oder Deutscher Katholizismus heute, Reinbek 1963, S. 12, zurück.
16.
Vgl. Ulrich vom Hagen/Maren Tomforde, Militärische Kultur, in: Nina Leonhard/Ines-Jacqueline Werkner (Hrsg.), Militärsoziologie – Eine Einführung, Wiesbaden 20122.
17.
Vgl. Donna Winslow, The Canadian Airborne Regiment in Somalia: A Socio-cultural Inquiry, Ottawa 1997.

Ulrich vom Hagen

Zur Person

Ulrich vom Hagen

Dr. phil., geb. 1969; Sozialwissenschaftler; ehemals Reserveoffizier der Bundeswehr; Ministerialreferent, Halifax, Neuschottland/Kanada. vomhagen@EastLink.ca


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