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20.5.2014

Topografie der Öffentlichkeit

Gesellschaftlicher Wandel wird oft anhand der für die betreffende historische Phase als typisch angesehenen Formationen von Publika charakterisiert. Die "Massengesellschaft" sah man geprägt durch die den Großteil der Bevölkerung einschließenden Publika massenmedialer Angebote; die "Zielgruppen- beziehungsweise Erlebnisgesellschaft" durch die Publika von fein auf bestimmte Lebensstile ausgerichteten Zielgruppenangeboten; die "Netzwerkgesellschaft" durch die vernetzte Individualität der Nutzerinnen und Nutzer von Onlinediensten. Dies verweist darauf, dass an Prozessen öffentlicher Kommunikation, durch die sich Öffentlichkeiten konstituieren, neben institutionalisierten Kommunikatoren, den von ihnen hergestellten Kommunikationsangeboten und den verschiedenen Akteuren des intermediären Systems maßgeblich auch die Mediennutzerinnen und -nutzer beteiligt sind: Erst im kommunikativen Handeln derjenigen, die, primär in einer Publikumsrolle und in der Regel vermittelt über mediale Angebote, mit den Aussagen institutionalisierter Kommunikatoren in Kontakt kommen und sich darüber auf die eine oder andere Weise mit Anderen austauschen und verständigen, konstituieren sich Öffentlichkeiten.

Die folgenden Überlegungen gehen der Frage nach, wie sich die Grundstruktur der Öffentlichkeit, ihre "Topografie", im Zuge der massiven Veränderungen der Medienumgebung transformiert. Die mit der Digitalisierung einhergehende technische Konvergenz der Übertragungswege und Endgeräte sowie die gleichzeitige Ausdifferenzierung der Medien- und Kommunikationsdienste werden intensiv im Hinblick auf ihre Konsequenzen für die kommunikativen Grundlagen der Gesellschaft und einen erneuten "Strukturwandel von Öffentlichkeit" diskutiert.[1] Das soll hier aufgegriffen und mit Hilfe aktueller Befunde und Konzepte zur öffentlichen Kommunikation diskutiert werden.

Zum Stellenwert verschiedener Mediengattungen

Diskussionen um die Veränderungen der Grundstrukturen von Öffentlichkeit setzen oft an dem relativen Stellenwert an, den die verschiedenen Mediengattungen an der Meinungsbildung einnehmen. So gehört es zu den grundlegenden Prämissen der Medienregulierung in Deutschland, dass das Fernsehen – so die Begründung des Bundesverfassungsgerichts[2] – aufgrund seiner Breitenwirkung, Suggestivkraft und Aktualität als Leitmedium für die öffentliche Meinungsbildung anzusehen ist; entsprechend setzen Regulierungsinstrumente zur Verhinderung vorherrschender Meinungsmacht bisher vor allem an diesem Medium an. Die rasche Ausbreitung des Internets – 2013 nutzten es bereits gut 77 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren[3] – hat in den vergangenen Jahren immer wieder Anlass gegeben, den Status des Fernsehens als Leitmedium der Öffentlichkeit in Frage zu stellen.

Als ein erster Indikator für den Stellenwert der verschiedenen Medien für die öffentliche Kommunikation kann die tägliche Reichweite dienen; vergleicht man die wichtigsten Medien anhand dieses Indikators, befand sich 2013 weder das Fernsehen noch das Internet vorn, sondern das Radio (78 Prozent der Personen ab 14 Jahren), es folgten das Fernsehen (72 Prozent), die Tageszeitung (65 Prozent) und an vierter Stelle das Internet (48 Prozent).[4]

Für die hier vorliegende Fragestellung nach der Rolle der Medien für die Information und Meinungsbildung der Bevölkerung erscheint die nicht nach Angebotskategorien und Funktionen differenzierende pauschale Reichweite allerdings nicht angemessen. Diejenigen empirischen Studien, die darauf abzielen, den relativen Stellenwert der verschiedenen Mediengattungen speziell für die öffentliche Information und Meinungsbildung zu bestimmen, kommen bislang übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass dem Fernsehen in dieser Hinsicht vorerst weiterhin der Spitzenplatz zukommt.[5] Als Beispiel für entsprechende Untersuchungen sei hier zunächst der MedienVielfaltsMonitor der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) genannt, mit dem ein medienübergreifender Indikator für Meinungseinfluss bestimmt wird.[6] Dieses sogenannte Meinungsbildungsgewicht setzt sich aus zwei Ausgangswerten zusammen: der informationsbezogenen Reichweite der Mediengattung und der Wichtigkeit der Gattung für Informationen aus der Sicht der Nutzerinnen und Nutzer. Das daraus berechnete Meinungsbildungsgewicht jeder Mediengattung gibt an, wie viel Prozent des angenommenen Gesamtbeitrags zur öffentlichen Meinungsbildung auf das jeweilige Medium entfallen. Danach erzielt das Fernsehen mit knapp 37 Prozent das mit Abstand höchste Gewicht, es folgen Tageszeitungen, Radio, Internet und Zeitschriften (vgl. Tabelle 1 in der PDF-Version).

Über die Zeit betrachtet zeigt sich, dass das Gewicht des Internets gegenüber 2009 von knapp 13 auf knapp 18 Prozent zugenommen hat, während der Trend für Fernsehen (von 40 auf 37 Prozent) und Tageszeitungen (von 26 auf 23 Prozent) rückläufig ist.[7] Andere Studien, die Veränderungen über die Zeit erfassen, dokumentieren markantere Verschiebungen. In der Langzeitstudie Massenkommunikation nannten 2000 noch 73 Prozent der Bevölkerung das Fernsehen als wichtigstes oder zweitwichtigstes Informationsmedium, zehn Jahre später waren es noch 63 Prozent. Im gleichen Zeitraum stiegen die Nennungen für das Internet von 13 auf 45 Prozent;[8] es spricht viel dafür, dass dieser Wert bei der nächsten Erhebung 2015 abermals deutlich höher liegen wird.

In einer Studie des Hans-Bredow-Instituts von 2011, in der der Stellenwert der verschiedenen Medien für Information und Meinungsbildung durch offene Fragen nach den wichtigsten Informationsquellen erfasst wurde, bestätigte sich die Rolle des Fernsehens als wichtigste Informationsquelle. Zugleich wurde dort aber deutlich, dass Öffentlichkeiten auf verschiedenen Ebenen und zu verschiedenen Themen konstituiert werden, zu denen die verschiedenen Medien in unterschiedlichem Ausmaß beitragen: Die Spitzenposition des Fernsehens gilt für allgemeine Informationen über Deutschland und die Welt sowie für Informationen zur politischen Meinungsbildung. Fragt man hingegen nach den wichtigsten Informationsquellen über die eigene Region, liegen die regionalen und lokalen Tageszeitungen klar vor allen anderen Medien; und bei bestimmten Themeninteressen spielen Zeitschriften eine besondere Rolle.[9]

Zum Stellenwert einzelner Anbieter und Angebote

In Zeiten technischer Konvergenz und zunehmend crossmedial ausgerichteter Unternehmensstrategien bedarf die Vermessung der Grundstrukturen von Öffentlichkeit auch der Betrachtung des potenziellen Einflusses einzelner Medienanbieter und Angebote. Im Hinblick auf die Bestimmung des Anteils einzelner Unternehmen an der Meinungsbildung kann wiederum auf den MedienVielfaltsMonitor der BLM zurückgegriffen werden: Das oben skizzierte Meinungsbildungsgewicht wird dazu verwendet, für einzelne Unternehmen anhand der Marktanteile, die sie jeweils auf den Märkten Fernsehen, Radio, Tageszeitungen, Zeitschriften und Internet erzielen, einen medienübergreifend bestimmten Anteil am Meinungsmarkt zu berechnen. Tabelle 2 (siehe PDF-Version) gibt einen Überblick über die 15 Medienunternehmen, denen 2013 die größten Anteile am gesamten Meinungsbildungspotenzial zugeschrieben wurden.

In der bereits genannten Studie des Hans-Bredow-Instituts wurden die Befragten unter anderem gebeten, die drei für sie persönlich wichtigsten Informationsquellen zur politischen Meinungsbildung zu benennen. Mit deutlichem Abstand vorn liegt die "Tagesschau" (vgl. Tabelle 3 in der PDF-Version).[10] Der große Vorsprung vor allen anderen Angeboten lässt darauf schließen, dass diese Art der Abfrage vor allem das Image als Informationsmedium erfasst – und dass in dieser Hinsicht die "Tagesschau" als der Inbegriff eines Informationsangebots gilt. Daneben enthält die Liste vor allem eine Reihe weiterer Fernsehangebote des ZDF sowie von RTL, NTV und N24. Mit "Anne Will" – zum Zeitpunkt der Erhebung noch auf dem Sendeplatz am Sonntagabend – gehörte auch eine politische Talkshow zu den als am wichtigsten eingeschätzten Angeboten für die politische Meinungsbildung. Aufgrund der regional stark ausdifferenzierten Zeitungslandschaft finden sich in dieser Liste nur die bundesweit verbreitete "Bild" und die Sammelkategorie Regionalzeitung; auf den hier nicht mehr aufgeführten Plätzen folgen unter anderem die Printmedien "Spiegel" und "Süddeutsche Zeitung". Bemerkenswert ist, dass der "Spiegel" seltener genannt wird als das Online-Angebot spiegelonline.de. Besonders auffällig ist, dass mit google.de eine Suchmaschine das am zweithäufigsten genannte Angebot darstellt, obwohl hier keine eigenen Angebote zur politischen Meinungsbildung gemacht werden. Die herausragende Stellung von google.de bei allen Internetrecherchen hat demnach zur Folge, dass viele Menschen diese Zugangshilfe zu politischer Information als maßgeblichen Orientierungspunkt betrachten, nicht jedoch die Anbieter politischer Information selbst. Ebenfalls auffällig ist, dass auf den hier nicht mehr aufgelisteten Folgerängen zwei Internet-Service-Provider, t-online.de und web.de, genannt werden und damit – neben google.de – zwei weitere Angebote, deren Primärfunktion nicht in der politischen Meinungsbildung liegt. Auch die Tatsache, dass in der Liste der wichtigsten Informationsquellen "Freunde" auftreten, unterstreicht die Bedeutung eines solchen offenen Erhebungsverfahrens, das es den Nutzerinnen und Nutzern überlässt, für sich persönlich zu definieren, was für sie ein relevantes Angebot für die politische Meinungsbildung ist.

In derselben Studie wurde auch danach gefragt, welche Angebote die Befragten unabhängig von ihrer eigenen Mediennutzung als für die politische Meinungsbildung in Deutschland besonders wichtig ansehen. Das meistgenannte Angebot ist "Bild", gefolgt von der "Tagesschau" (vgl. Tabelle 4 in der PDF-Version). Hier schlägt sich nieder, dass mit dieser Art der Fragestellung eher Images von Medien erfasst werden – wie im Fall von "Bild" das eines besonders einflussreichen Mediums ("Bild’ Dir Deine Meinung" heißt der seit einigen Jahren verwendete Werbeslogan). Im Vergleich zu den Angaben zu den persönlich wichtigsten Medien für die Meinungsbildung ist hier also eine deutliche Überschätzung zu beobachten – der klassische Fall eines Third-person-Effekts, demzufolge Menschen die Wirkung eines Mediums auf Andere stärker einschätzen als auf sich selbst. An dieser Auflistung der als besonders einflussreich eingeschätzten Medien ist überdies bemerkenswert, dass nach "Bild" und "Tagesschau" die Netzwerkplattform facebook.com das am dritthäufigsten genannte Einzelangebot ist. Hier schlägt sich vermutlich die seit einigen Jahren sehr intensive öffentliche Diskussion über die Rolle von Facebook nieder. Überraschend dabei ist, dass sich die Prominenz dieses Angebots auch bei einer Frage niederschlägt, bei der es speziell um die Einschätzung des Einflusses auf die Meinungsbildung geht. Wie schon bei den selbst genutzten Quellen für die politische Meinungsbildung wird auch hier wieder häufig google.de genannt.


Unterschiede zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen

Die Bedeutung, die verschiedenen Medien, Unternehmen und Einzelangeboten den oben skizzierten Befunden entsprechend für die Konstitution von Öffentlichkeit zukommt, bezieht sich auf die Gesamtbevölkerung. In dem Maße, wie diese Bevölkerung kein homogenes Gebilde ist, sondern aus Teilgruppen und Milieus besteht, die sich in ihrer Lebensführung und in der damit verbundenen Art der Teilhabe an öffentlicher Kommunikation unterscheiden, kann das so gezeichnete Bild von Öffentlichkeit irreführend sein. Wie zahlreiche Studien im Zusammenhang mit der Digitalisierung dokumentieren, schlägt sich vor allem das Alter sehr stark in den Mediennutzungsgewohnheiten nieder.[11] Die Gruppe der 14- bis 29-Jährigen gehört bereits seit einigen Jahren zu annähernd hundert Prozent zu den Online-Nutzern. In dieser Altersgruppe übersteigt die tägliche Internetnutzungsdauer die Fernsehdauer wie auch die Dauer der Radionutzung. Zugleich ist die Reichweite der Zeitungen bei den Jüngeren deutlich niedriger. Neben dem Alter ist es vor allem die formale Bildung, die mit Unterschieden hinsichtlich der Bedeutung einzelner Medien zusammenhängt. Formal höher Gebildete nutzen das Internet deutlich mehr und das Fernsehen deutlich weniger als formal geringer Gebildete. Diese Unterschiede deuten im Hinblick auf die Topografie von Öffentlichkeit an, dass sich unter der Oberfläche der oben beschriebenen medienbezogenen Trends spezifische kommunikative Formationen herausbilden, die durch ein besonderes Informationsverhalten gekennzeichnet sind.

Zu fragen ist allerdings, ob diese deutlichen Unterschiede im relativen Stellenwert der verschiedenen Medien auch mit relevanten Unterschieden in der Teilhabe an öffentlicher Kommunikation verbunden sind. Die Studie des Hans-Bredow-Instituts liefert Hinweise darauf, dass die Unterschiede zwischen den Altersgruppen eher auf grundlegende Unterschiede in den Informationsbedürfnissen zurückgehen als auf systematische Verschiebungen der öffentlichen Kommunikation: Bei der allgemeinen Frage nach den wichtigsten Informationsquellen nennen die 14- bis 29-Jährigen zwar, anders als der Bevölkerungsdurchschnitt, am häufigsten Internetquellen. Im Hinblick auf die wichtigsten Quellen für Informationen über das aktuelle Geschehen in Deutschland und der Welt oder für die eigene politische Meinungsbildung verweisen sie jedoch, ebenso wie der Bevölkerungsdurchschnitt, am häufigsten auf Fernsehangebote – wichtigstes Einzelangebot ist auch hier die "Tagesschau" –, und zur Information über die eigene Region sind auch für sie Tageszeitungen die mit Abstand wichtigsten Informationsquellen. Das bedeutet, dass der bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beobachtbare hohe Stellenwert des Internets als allgemeine Informationsquelle sowie ihre hohe Onlinenutzungsdauer offenbar nicht dadurch begründet ist, dass das Internet bestimmte klassische Informationsbedürfnisse besser erfüllt als die etablierten Medien. Der Grund liegt vielmehr darin, dass in dieser Altersgruppe andere Informationsbedürfnisse im Vordergrund stehen, die vom Internet besonders gut bedient werden.

Diese Argumentation setzt an bei einer Unterscheidung zwischen vier grundlegenden Informationsbedürfnissen:[12] erstens dem ungerichteten Informationsbedürfnis, das sich auf Neuigkeiten bezieht, die für die Einzelperson oder die Gesellschaft von Belang sein könnten; zweitens thematischen Interessen, die eine Einzelperson ausbildet; drittens gruppenbezogenen Bedürfnissen, die darauf abzielen, dass die Einzelperson einschätzen kann, was die für sie relevanten Bezugsgruppen denken und für wichtig halten; sowie viertens konkreten Problemlösebedürfnissen, die sich in bestimmten Situationen ergeben und mit der gezielten Suche nach Informationen, mit Hilfe derer das Problem gelöst werden kann, einhergehen. Die Annahme ist nun, dass diese vier Informationsbedürfnisse in Abhängigkeit von der Lebensphase unterschiedlich ausgeprägt sind: So gehört zu den vordringlichen Entwicklungsaufgaben im Jugendalter die Selbst- und die Sozialauseinandersetzung, also die Beschäftigung mit der Frage nach der eigenen Identität und nach der sozialen Position insbesondere in der Peer Group.[13] Im Vordergrund stehen also gruppenbezogene Informationsbedürfnisse, die vor allem von sozialen Netzwerkplattformen bedient werden. Während sich rund um persönliche Hobbies auch erste Interessenschwerpunkte herausbilden, die mit entsprechenden Zielgruppenmedien bedient werden, sind in dieser Altersgruppe insbesondere die ungerichteten Informationsbedürfnisse nur schwach ausgeprägt.

Mit dem Ende der Schulzeit und dem Beginn einer Ausbildung oder eines Studiums sind Weichenstellungen verbunden, die mit einer gewissen Fokussierung der Interessen einhergehen. Es geht darum, sich in der hoch arbeitsteiligen Gesellschaft in einem bestimmten Sektor für eine berufliche Tätigkeit zu qualifizieren und entsprechend spezielle Fertigkeiten zu erwerben. Diese Weichenstellung geht einher mit deutlich ausgeprägteren Themeninteressen, die zur Nutzung entsprechender Zielgruppenmedien führen. Die gruppenbezogenen Bedürfnisse, unter anderem im Hinblick auf die Partnersuche, sind nach wie vor vorhanden, nehmen aber nicht mehr die herausragende Stellung ein wie bei den Jugendlichen.

Im mittleren Erwachsenenalter ist dann in der Regel eine gewisse Etablierung sowohl hinsichtlich der Familiengründung als auch der beruflichen Laufbahn eingetreten. In dieser Phase treten, so die Annahme, die ungerichteten Informationsbedürfnisse stärker in den Vordergrund als zuvor. Die erreichte Stellung in der Gesellschaft lässt die Bedeutung der gruppenbezogenen und themenspezifischen Bedürfnisse etwas in den Hintergrund treten und verlangt nun – sowohl in beruflichen als auch in privaten Kontexten – häufiger, über den Tellerrand der eigenen Profession und Stellung hinauszuschauen und in einem breiteren Sinne als Mitglied der Gesellschaft aufzutreten. Das erfordert entsprechend ein Informationsrepertoire, das das jeweils als gesellschaftlich relevant Erachtete umfasst – auch unabhängig von den individuellen Interessen.

Diese Interpretation der Unterschiede in den Mustern der Informationsnutzung verschiedener Bevölkerungsgruppen – hier exemplarisch für verschiedene Altersgruppen – betont die Bedeutung der Lebenslage und der Alltagsanforderungen für die Herausbildung von Informationsrepertoires. Diese Perspektive lässt sich in verschiedene Richtungen vertiefen, etwa indem verschiedene Typen politischer Kommunikation bestimmt werden.[14] Wie sich aus diesen verschiedenen Repertoires eine Gesamtöffentlichkeit bildet und welche Topografie diese aufweist, soll im abschließenden Punkt diskutiert werden.

Zur kommunikativen Figuration von Öffentlichkeit in digitalen Medienumgebungen

Ausgangspunkt der Überlegungen war, dass die Bürgerinnen und Bürger durch ihre kommunikativen Praktiken, beispielsweise durch die Nutzung von journalistischen Medienangeboten, und die damit verbundene Bezugnahme auf andere Mitglieder der Gesellschaft Öffentlichkeit konstituieren. In diesem Sinne kann Öffentlichkeit als kommunikative Figuration aufgefasst werden, als eine Konstellation von Akteuren, die sich unter Einsatz bestimmter Kommunikationsformen und gestützt auf ein bestimmtes Medienensemble über gemeinsam als relevant erachtete Agenden verständigen und sich dazu Meinungen bilden.[15] In der Folge des tief greifenden medialen Wandels lassen sich erhebliche Verschiebungen im relativen Stellenwert der verschiedenen Medien sowie in den Formen der öffentlichen Kommunikation beobachten. Digitale Plattformen gewinnen an Bedeutung, ebenso Formen der Teilhabe an öffentlicher Kommunikation, die über die reine Rezeption massenmedialer Angebote hinausgehen. Dadurch verändert sich auch die Konstellation der an der Meinungsbildung beteiligten Akteure. Politik, Wirtschaft und zivilgesellschaftliche Organisationen treten zunehmend selbst als Kommunikatoren auf; die einzelnen Bürgerinnen und Bürger haben und nutzen zahlreiche Möglichkeiten, selbst zu publizieren. Die sich herausbildende Topografie der Öffentlichkeit ist damit unter anderem durch fließende Übergänge zwischen der Kommunikation in privaten Zusammenhängen, in persönlichen Öffentlichkeiten und in massenmedialen Öffentlichkeiten gekennzeichnet.

Im Zuge dieser Verschiebungen verändert sich auch die potenzielle Meinungsmacht der verschiedenen beteiligten Akteure. So lässt sich vorherrschende Meinungsmacht künftig nicht mehr allein an der Tatsache festmachen, dass ein Unternehmen einen besonderen Einfluss im Fernsehbereich ausübt. Auch Medienanbietern aus anderen Medienbranchen kann in der veränderten Topografie von Öffentlichkeit maßgebliches Gewicht bei der Meinungsbildung zukommen. Dies ist besonders bei solchen Anbietern im digitalen Bereich zu beachten, die gar nicht selbst im engeren publizistischen Sinne in Erscheinung treten, sondern sich "nur" mit Dienstleistungen rund um die öffentliche Kommunikation befassen, also Suchmaschinen, Internet-Service-Provider oder Anbieter sozialer Netzwerkplattformen: Diese Akteure prägen zunehmend die kommunikative Figuration von Öffentlichkeit, also welche Teile der Bevölkerung sich in welcher Weise worüber verständigen.

Angesichts der oben skizzierten Unterschiede zwischen den Informationsrepertoires verschiedener Bevölkerungsgruppen stellt sich im Hinblick auf die Topografie von Öffentlichkeit auch die Frage, inwieweit diese in der Lage ist, einen die Gesamtgesellschaft einbeziehenden Diskurs über öffentliche Angelegenheiten zu gewährleisten. Anzeichen für eine zunehmende Fragmentierung öffentlicher Kommunikation, im Zuge derer sich Teilgruppen der Gesellschaft mit Hilfe je spezifischer Medien über je spezifische Themen verständigen, liegen zwar vor. Insbesondere die im Onlinebereich als besonderer Service im Sinne der Erfüllung individueller Interessen und Bedürfnisse vermarkteten Optionen von "lernenden" Empfehlungssystemen, die den einzelnen Nutzerinnen und Nutzern vor allem die Inhalte nahebringen, die sie bereits in der Vergangenheit gesucht haben, können einen solchen Trend verstärken.

Bisher allerdings ist die Befundlage in dieser Hinsicht nicht eindeutig. Denn trotz aller Individualisierungsbestrebungen spiegeln die empirisch beobachtbaren Informationsrepertoires des größten Teils der Bevölkerung doch wider, dass es ihnen bei ihrer Mediennutzung nicht zuletzt um die Teilhabe an Öffentlichkeit geht, also darum, in den Prozess öffentlicher Information, Meinungs- und Willensbildung einbezogen zu sein. Dies findet seine Entsprechung in der Tatsache, dass die meisten Kommunikationsforen die jeweils anderen Foren intensiv beobachten und kommentieren: Einerseits stellen massenmediale Angebote ein wesentliches Thema für individualisierte Formen der Onlinekommunikation dar; andererseits berichten Massenmedien zunehmend über "das, was im Netz passiert". In diesem Sinne ist die Topografie der Öffentlichkeit keineswegs von flächendeckender Erosion geprägt, weiterhin sind, etwa im Zusammenhang mit vertrauenswürdigen Medienmarken, klare Formationen, Profile und Verdichtungen von Kommunikation erkennbar.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Uwe Hasebrink, Sascha Hölig für bpb.de

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Fußnoten

1.
Vgl. Richard Münch/Jan Schmidt, Medien und sozialer Wandel, in: Michael Jäckel (Hrsg.), Lehrbuch der Mediensoziologie, Opladen 2005, S. 201–218.
2.
Siehe BVerfGE 90, 60 (87).
3.
Vgl. Birgit van Eimeren/Beate Frees, Rasanter Anstieg des Internetkonsums – Onliner fast drei Stunden täglich im Netz. Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2013, in: Media Perspektiven, (2013) 7–8, S. 358–372.
4.
Vgl. Christian Breunig/Karl-Heinz Hofsümmer/Christian Schröter, Funktionen und Stellenwert der Medien – das Internet im Kontext von TV, Radio und Zeitung. Entwicklungen anhand von vier Grundlagenstudien zur Mediennutzung in Deutschland, in: Media Perspektiven, (2014) 3, S. 122–144, hier: S. 135.
5.
Siehe als Überblick über entsprechende Studien ebd.
6.
BLM, MedienVielfaltsMonitor der BLM. Anteil der Medienkonzerne und Medienangebote am Meinungsmarkt, 1. Halbjahr 2013, München 2013, online: http://www.blm.de/apps/documentbase/
data/pdf1/BLM_MedienVielfaltsMonitor_1_Halbjahr_2013.pdf
(4.5.2014).
7.
TNS Infratest/BLM, Relevanz der Medien für die Meinungsbildung. Empirische Grundlagen zum MedienVielfaltsMonitor der BLM, München 2013, S. 28.
8.
Vgl. Ch. Breunig/K.-H. Hofsümmer/C. Schröter (Anm. 4), S. 125.
9.
Vgl. Uwe Hasebrink/Jan-Hinrik Schmidt, Medienübergreifende Informationsrepertoires. Zur Rolle der Mediengattungen und einzelner Angebote für Information und Meinungsbildung, in: Media Perspektiven, (2013) 1, S. 2–12. Basis der Befragung waren Telefoninterviews mit n=1007 deutschsprechenden Personen ab 14 Jahren.
10.
Vgl. ebd. Der Logik der Studie entsprechend führt die Tabelle Kategorien auf, die sich so eng wie möglich an den Äußerungen der Befragten orientieren; daher werden etwa "Tagesschau" und ARD Nachrichten getrennt aufgeführt.
11.
Vgl. etwa Ch. Breunig/K.-H. Hofsümmer/C. Schröter (Anm. 4).
12.
Vgl. Uwe Hasebrink/Hanna Domeyer, Zum Wandel von Informationsrepertoires in konvergierenden Medienumgebungen, in: Maren Hartmann/Andreas Hepp (Hrsg.), Die Mediatisierung der Alltagswelt, Wiesbaden 2010, S. 49–64.
13.
Siehe beispielsweise Ingrid Paus-Hasebrink, Lebens-Herausforderungen: Medienumgang und Lebensaufgaben. Was muss kommunikationswissenschaftliche Forschung leisten?, in: M. Hartmann/A. Hepp (Anm. 12), S. 195–209.
14.
Vgl. beispielsweise Martin Emmer/Angelika Füting/Gerhard Vowe, Wer kommuniziert wie über politische Themen? Eine empirisch basierte Typologie individueller politischer Kommunikation, in: Medien & Kommunikationswissenschaft, 54 (2006) 2, S. 216–236.
15.
Vgl. zum Konzept der kommunikativen Figuration Andreas Hepp/Uwe Hasebrink, Kommunikative Figurationen – ein Ansatz zur Analyse der Transformation mediatisierter Gesellschaften und Kulturen, in: Nikolaus Jackob/Oliver Quiring/Birgit Stark (Hrsg.), Von der Gutenberg-Galaxis zur Google-Galaxis. Alte und neue Grenzvermessungen nach 50 Jahren DGPuK, Konstanz 2014, S. 343–360.

Uwe Hasebrink, Sascha Hölig

Zur Person

Uwe Hasebrink

Dr. phil., geb. 1958; Professor für Kommunikationswissenschaft, Hans-Bredow-Institut für Medienforschung an der Universität Hamburg, Rothenbaumchaussee 36, 20148 Hamburg. u.hasebrink@hans-bredow-institut.de


Zur Person

Sascha Hölig

Dr. phil., geb. 1976; wissenschaftlicher Referent am Hans-Bredow-Institut (s.o.). s.hoelig@hans-bredow-institut.de


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