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6.11.2015

Kein neuer Mythos. Das letzte Jahrzehnt West-Berlins

West-Berlin ist seit einiger Zeit wieder "in".[1] Die versunkene Teilstadt hat wieder Konjunktur, sowohl als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung als auch als Objekt rückblendender Erinnerung oder gar "Westalgie". Diese Tendenz ist umso bemerkenswerter, da vor Kurzem das allgemeine Thema "Berlin" aus den globalen Geschichten des Kalten Krieges fast verschwunden war, während das spezifische Thema "West-Berlin" nach wie vor eine Lücke in der deutschen Nachkriegsgeschichtsschreibung bildet.[2]

In den vergangenen zwei Jahren haben sich jedoch eine ganze Reihe wissenschaftlicher Tagungen mit West-Berliner Themen befasst, und 2014/15 erfreute sich die Ausstellung "West:Berlin. Eine Insel auf der Suche nach Festland" beträchtlicher Besucherzahlen – und zwar im Ephraim-Palais, ausgerechnet im ehemaligen Ost-Berlin.[3] Vielleicht noch bemerkenswerter: Das neue Interesse an West-Berlin gilt unter anderem den 1980er Jahren, einem Jahrzehnt, das im Berliner Kontext nicht gerade als hervorstechend erscheint, vor allem nicht im Vergleich zur "heroischen" Phase der Zeit vor dem Zustandekommen des Viermächteabkommens 1971. Dieses stellte eine Zäsur dar, die nach den Jahren der harten Ost-West-Konfrontation eine Art "anormale Normalität" einführte – mit dem Ergebnis, dass Berlin in den 1970er und 1980er Jahren immer mehr aus den internationalen Schlagzeilen verschwand.[4] Das West-Berlin der 1970er und vor allem der 1980er Jahre trat im öffentlichen Bewusstsein immer weniger als "Schaufenster der Systemkonkurrenz" oder "Vorposten der Freiheit" hervor, galt vielen Beobachtern eher als Sumpf der Filzokratie, Korruption und Mittelmäßigkeit, zunehmend provinziell, von Subventionen abhängig und dabei künstlich am Leben gehalten, mit einer alternden Bevölkerungsstruktur und wenig Aussicht auf Verbesserung.

Äußere Ruhe, innere Unruhe

Dass die Einwohnerzahl West-Berlins in den späten 1980er Jahren relativ stabil bei etwa zwei Millionen blieb, deutet darauf hin, dass ein wachsender Anteil der Bevölkerung aus Zuzüglern bestand: Neben Migranten kamen vor allem Studenten, Kriegsdienstverweigerer und sonstige "Alternativler" aus dem Bundesgebiet, die mit dem alten Frontstadtmythos jedoch nicht mehr viel anfangen konnten, sondern sich eher mit der aufblühenden alternativen Kultur identifizierten. Der Autor Peter Schneider bemerkte treffend: "In der Mitte der achtziger Jahre beschlich mich das Gefühl, dass die Geschichte aus Westberlin ausgewandert war und sich nur noch in kaum gelesenen Schlagzeilen am Zeitungskiosk bemerkbar machte. Unseren politischen Leidenschaften war die Luft ausgegangen, die Entspannungspolitik machte leise, zähe Fortschritte."[5]

Die Amerikaner neigten Anfang der 1980er Jahre dazu, West-Berlin einfach zu vergessen.[6] Als 1980 die Kongresshalle – heute das Haus der Kulturen der Welt, entworfen vom amerikanischen Architekten Hugh Stubbins und 1956/57 als Symbol der special relationship zwischen den USA und "Amerikas Berlin"[7] entstanden – einstürzte, versuchten West-Berliner Behörden, die Amerikaner für einen Wiederaufbau zu interessieren. Dafür waren sie aber nicht mehr zu gewinnen. Der Diplomat und spätere US-Botschafter John Kornblum war über die zunehmende Gleichgültigkeit seiner Landsleute so besorgt, dass er ein Memorandum zum Thema "Why Are We in Berlin?" entwarf, worin er das State Department daran erinnerte, dass der Viermächtestatus der geteilten Stadt nach wie vor eine stabilisierende Rolle in Mitteleuropa spiele.[8]

Während West-Berlin außenpolitisch kein Krisenherd mehr darstellte, war die Lage innerhalb der Teilstadt alles andere als ruhig. Anfang der 1980er Jahre schien sie fast unregierbar geworden zu sein: "Zahlreiche Probleme auf politischer, sozialer, städtebaulicher und wirtschaftlicher Ebene bündelten sich um 1980 zu einer manifesten Sinnkrise der ‚Insel‘."[9] Der sozialliberalen Koalition unter dem Regierenden Bürgermeister Dietrich Stobbe (SPD) waren die Zügel so weit entglitten, dass verschiedene Bauskandale im Januar 1981 zum Rücktritt des Senats führten – und damit mehr oder weniger zum Kollaps der altehrwürdigen Berliner SPD, die "Der Spiegel" als "SPD-Ruine" darstellte.[10] Das Resultat war das "Drei-Bürgermeister-Jahr", in dem binnen weniger Monate zunächst Hans-Jochen Vogel (SPD) und dann Richard von Weizsäcker (CDU) das Bürgermeisteramt übernahmen.[11]

Hinzu kam ein handfester Konflikt mit der Hausbesetzerbewegung, die dem Wohnraummangel durch die Besetzung leerstehender Altbauten begegnete. Bereits im Dezember 1980 war es in Kreuzberg zwischen Polizei und Hausbesetzern zur "Schlacht am Fraenkelufer" gekommen, in deren Folge sich die Bewegung rasch ausgebreitet hatte. Bis Juni 1981 gab es in West-Berlin 165 besetzte Häuser. Es folgten Aktionen wie der "Tuwat-Kongress" beziehungsweise das "Tuwat-Spektakel", die sich gegen die angekündigten Räumungen richteten, weitere gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Polizei sowie schließlich der Tod des 18-jährigen Hausbesetzers Klaus-Jürgen Rattay unter umstrittenen Umständen. Kurzum: Auf den ersten Blick bot West-Berlin Anfang der 1980er Jahre kein schönes Bild. Das alte, "heroische" West-Berlin der Zeit Ernst Reuters und Willy Brandts, der Luftbrücke und des Kennedy-Besuchs schien weit entfernt und völlig verflogen zu sein.

Aber dieses Bild trügt. Denn das West-Berlin der 1980er Jahre war trotz Stagnation und Marginalisierung wesentlich vielfältiger, vitaler, kreativer und interessanter als manchmal angenommen. Zudem wäre der Vergleich mit dem "alten" West-Berlin ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen. Die Lage der Stadt hatte sich im Laufe der Jahre fast vollständig geändert, und eine adäquate Beschreibung der Geschichte West-Berlins in den 1980er Jahren muss diesen Änderungen Rechnung tragen. Die folgenden Thesen sollen dies unterstreichen.


Sechs Thesen zur Geschichte West-Berlins in den 1980ern

1. Es ist durchaus möglich, die Geschichte West-Berlins in den 1980er Jahren bereits mit einer gewissen historischen Distanz zu betrachten.

Schon seit Längerem ist eine Reihe historischer Quellen zugänglich. Diese umfassen unter anderem Memoiren und Interviews von Politikern, Künstlern und anderen Zeitzeugen; darüber hinaus gibt es Archivalien und eine ganze Reihe von Sekundärliteratur. Diese erlauben ein Vierteljahrhundert nach ihrem Dahinschwinden ein nuancierteres Bild der Teilstadt. Allerdings müssen noch viele archivalische Akten geöffnet und ausgewertet werden, insbesondere zu den Ereignissen um 1989/90, ehe man ein abgerundetes Bild des Jahrzehnts zeichnen kann.[12]

2. Die "Normalität", ja sogar das Idyllische im West-Berlin der 1970er und 1980er Jahre sollte nicht unterschätzt werden.

West-Berlin war nicht nur ein Ort der Korruption und Krawalle, sondern für viele auch ein Ort der Bequemlichkeit, der Milieus und der Nischen. Der von 1967 bis 1977 Regierende Bürgermeister Klaus Schütz hat einmal gesagt, die West-Berliner, die nach 1960 geboren waren, hätten ganz andere Perspektiven und Erfahrungen gehabt, als diejenigen, die sich an die Zeit vor 1971 erinnerten. Und für viele jüngere West-Berliner war das Leben alles andere als unangenehm. Chronisten wie Kerstin Schilling (Jahrgang 1962) und Ulrike Sterblich (Jahrgang 1970) beschreiben dieses Leben eindringlich, ohne in eine unreflektierte Nostalgie zu verfallen; ihre Kindheitserinnerungen rufen uns auch ins Gedächtnis, dass West-Berlin nicht nur aus Kreuzberg, sondern auch aus Reinickendorf und Lankwitz sowie anderen Bezirken, Kiezen, Nachbarschaften und Milieus bestand – mit Einwohnern, die unterschiedliche Lebenserfahrungen und -horizonte hatten. Die Teilstadt vereinte eine Vielfalt von Lebensstilen: von Punks und Wählern der Alternativen Liste bis hin zu Stammlesern der Springer-Presse.[13] Peter Schneider beschrieb West-Berlin gar als "Welthauptstadt der Minoritäten."[14]

Mit der Mauer konnten viele sich abfinden. Der Journalist Claus Christian Malzahn (Jahrgang 1963) berichtet, das Leben im Schatten der Mauer sei "eine sonnige Sache" gewesen, und zwar, als direkter Grenzanwohner, im wörtlichen Sinne.[15] Aus westlicher Perspektive war sie eine wichtige Touristenattraktion, oder, wie Malzahn schreibt, wie ein hässliches Möbelstück, das man nicht wegwerfen kann, aber gerade deswegen ein kaum wegzudenkender Bestandteil West-Berlins wie der Kurfürstendamm oder der Funkturm. Zwar wurde manchmal über eine "Berliner Mauerkrankheit" spekuliert, aber die meisten West-Berliner hatten sich in den 1980er Jahren schon längst mit dem Monstrum abgefunden.

3. Auch die politische Kreativität und der Leistungswillen West-Berlins in den 1980er Jahren darf nicht unterschätzen werden. Hier spielen auch die intensivierten Kontakte und die Zusammenarbeit mit der DDR eine Rolle.

Im Laufe des Drei-Bürgermeister-Jahrs 1981 standen zwei imposante Gestalten – Hans-Jochen Vogel und Richard von Weizsäcker – auf der politischen Bühne. Trotz enormer Schwierigkeiten und Probleme gelang es dem Weizsäcker-Senat, die "Berliner Linie", die Vogel in seiner kurzen Amtszeit eingeführt hatte, weiter durchzusetzen und damit die Krise der Hausbesetzungen allmählich zu einem vorläufigen Ende zu bringen, auch wenn es noch im Herbst 1981 zu schweren Tumulten kam. Gemäß der "Berliner Linie" konnten für besetzte Häuser nach einer Räumungsfrist von 24 Stunden Mietverträge ausgearbeitet werden, zudem durfte die Polizei nur dann eingreifen, wenn der Hausbesitzer einen Strafantrag stellte und sich zugleich verpflichtete, das Haus zu sanieren. Dieses Konzept gilt zum Teil bis heute.

Im Rahmen der Normalisierung der Beziehungen kam es auch zu wichtigen Verhandlungen zwischen dem West-Berliner Senat und der Regierung der DDR, so zum Beispiel anlässlich des Treffens Weizsäckers mit Erich Honecker 1983, vor allem aber 1984 im Zusammenhang mit der westlichen Übernahme der maroden S-Bahn, die bis dahin auch im Westteil von der DDR-eigenen Deutschen Reichbahn betrieben worden war.[16] In der Rückschau fällt es manchmal allzu leicht, die Bedeutung der damaligen Entspannungspolitik herunterzuspielen; aber in einer Zeit zunehmender Spannungen im Kalten Krieg waren Verhandlungen dieser Art außerordentlich wichtig, symbolisch wie realpolitisch. Und Treffen zwischen Honecker und den jeweiligen Regierenden Bürgermeistern von West-Berlin blieben an der Tagesordnung, bis hin zu den Gesprächen zwischen Honecker und Walter Momper im Juli 1989.

Allerdings sollte man den Aufschwung West-Berlins in den 1980er Jahren auch nicht überbewerten. Die politische Landschaft der Teilstadt blieb stark zerklüftet, wie etwa zwischen der CDU und der neuen Alternativen Liste; wirtschaftliche und städtebauliche Probleme blieben ungelöst, ebenso die Situation ausländischer Mitbürger. Die Gewaltbereitschaft in West-Berlin blieb hoch, und Korruptionsskandale wie die Affäre um den Charlottenburger Baustadtrat Wolfgang Antes (1985/86) ließen viele Beobachter immer noch von einem "Berliner Sumpf" reden.

4. Trotz "Normalisierung" und vermehrter Kooperation mit Ost und West: Es gab immer noch Kalten Krieg. Entsprechend kompliziert gestalteten sich die Beziehungen West-Berlins zur DDR und zu den Westalliierten.

Die Beziehungen West-Berlins zur DDR stellten in den 1980er Jahren eine Mischung aus Kooperation und Konkurrenz dar. Zwar gab es eine ganze Reihe von direkten Verhandlungen zwischen West- und Ost-Berlin, die auch meistens nüchtern und sachlich verliefen,[17] aber zum Beispiel im Zusammenhang mit den 750-Jahr-Feierlichkeiten 1987 lagen die Dinge anders. West-Berliner Vertreter wie der seit 1984 amtierende Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen hätten engere Kontakte gewünscht, mussten aber mit der Skepsis der Westalliierten wie auch mit den SED-Thesen zur Berliner Geschichte, "die von unveränderter ideologischer Starrheit zeugten", rechnen.[18] Gleichzeitig sollte die in West-Berlin stattfindende Internationale Bauausstellung (IBA) 1987 mit Ideen für die Gestaltung der "neuen Mitte" Berlins glänzen.[19] Auch wenn diese Konzepte zum Teil an ihren eigenen Widersprüchen scheiterten, bestand eine Hauptfunktion der IBA darin, das verblasste "internationale Profil West-Berlins" wieder zu schärfen, was am Ende durchaus gelang.[20] Hierbei sollte man die fortgesetzte Rolle der Konkurrenz zwischen den beiden Systemen nicht außer Acht lassen.[21]

Auch die Berlin-Besuche des US-Präsidenten Ronald Reagan 1982 und vor allem im Juni 1987 zeugen davon. Der Reagan-Besuch 1987 – mit den damit verbundenen Demonstrationen und Polizeiaktionen – symbolisiert geradezu die komplizierten Beziehungen West-Berlins mit den Westalliierten in den 1980er Jahren. Denn trotz der erwähnten Gleichgültigkeit vieler Amerikaner bestanden die Alliierten nach wie vor auf ihren Statusrechten. Dabei gab es gerade unter den Amerikanern eine gewisse Skepsis gegenüber den Regierenden Bürgermeistern Weizsäcker und Diepgen, die ihrer Meinung nach "fast and loose" mit Statusfragen spielten.[22] Aber wie Diepgen 1985 bemerkte: "Wenn auch Berlin am Ende des vierten Jahrzehnts nach Kriegsende immer noch unter ausländischer Oberhoheit steht, so wird man indessen in der Geschichte schwerlich ein anderes Beispiel für ein ‚Besatzungsregime‘ finden, das dem demokratischen Willensbildungsprozeß innerhalb des kontrollierten Gemeinwesens so wenig Fesseln wie hier anlegt."[23] Laut Meinungsumfragen aus jenen Jahren durfte er mit der Zustimmung der überwiegenden Mehrzahl der West-Berliner rechnen: 69 Prozent fühlten sich 1985 in ihrem täglichen Leben durch die Anwesenheit der Alliierten nicht beeinträchtigt; 85 Prozent meinten, die Alliierte Anwesenheit wäre für die Stadt vorteilhaft, und 58 Prozent meinten, die Alliierten spielen eine wichtige Rolle als Schutzmächte, wobei erhebliche Generationsunterschiede wie auch Unterschiede unter Anhängern der verschiedenen politischen Parteien zu verzeichnen waren.[24]

5. West-Berlin war eine Hauptstadt alternativer Kulturen und Lebensformen.

Dass West-Berlin eine Hauptstadt alternativer Kulturen und Lebensformen war, liegt auf der Hand. Diese Kulturen waren vielseitig, kreativ und lebhaft, obgleich all diesen Gruppen "eine Neigung zur Selbstfeier und zur Abschottung gegen die Außenwelt gemeinsam" war.[25] Und sie entwickelten sich im Rahmen einer merkwürdigen Symbiose mit den Westalliierten. Gerade dieser Aspekt des Themas "West-Berlin in den 80er Jahren" hat jüngst wieder größere Aufmerksamkeit gewonnen: Der zurecht gepriesene Dokumentarfilm "B-Movie. Lust & Sound in West-Berlin" wirft ein zum Teil nostalgisches, aber bezeichnendes Licht auf die "sleazy, druggy, boozy, late-night arty-party culture" der 1980er Jahre.[26] Auch auf einem gut besuchten Podiumsgespräch im Juli 2015 zum Thema "Cold War Night Life – The Sound of East and West Berlin" mit Protagonisten aus jenen Jahren wurde an die kulturellen und künstlerischen "Freiräume" erinnert, was wiederum den alten Ruf Berlins als "Experimentierfeld der Moderne" in Erinnerung rief.[27]

Trotz aller Kritik der linksalternativen Kulturen vor allem an den USA: Ohne die Anwesenheit der Alliierten hätte es die Kreuzberger und ähnliche Freiräume nie gegeben. Und in der Tat gab es gerade auf kulturellem Gebiet eine merkwürdige Symbiose zwischen der alternativen Szene in West-Berlin und den Westalliierten: Man denke etwa an die Impulse, die vom RIAS, vom American Forces Network (AFN) oder vom British Forces Broadcasting Service (BFBS) ausgingen, auch in den 1980er Jahren. Wie der Journalist Peter Bender 1987 in seinem berühmten Essay "Wenn es West-Berlin nicht gäbe" schrieb, wäre die Geschichte der ganzen Nachkriegszeit ohne die Teilstadt ganz anders verlaufen, und nicht nur auf dem Gebiet der alternativen Kulturszenen.

6. West-Berlin war 1989 nicht nur Ort der Freude, sondern auch der Angst.

Dann kam das Ende 1989/90. Kaum jemand in West-Berlin – auch nicht die Westalliierten – war auf die Ereignisse von 1989 in der DDR und anderswo vorbereitet. Das ist hinlänglich bekannt. Der Anfang 1989 konstituierte West-Berliner Senat unter Walter Momper wie auch die Bundesregierung und die Westalliierten standen wegen des unsicheren Ausgangs der Ereignisse in der DDR und des einzigartigen Status West-Berlins unter Zugzwang, denn irgendwie mussten sie ja handeln. Deswegen, so die Zeithistorikerin Stefanie Eisenhuth, wurde deutlich, dass West-Berlin 1989 "nicht nur der Ort der Freude, sondern auch der Ort der Angst war. (…) Spätestens ab November 1989 betrafen alle Entwicklungen in Ost-Berlin auch West-Berlin."[28]

Glücklicherweise nahmen diese Entwicklungen ein relativ glimpfliches Ende. Allerdings ist die Rolle West-Berlins dabei immer noch nicht genügend verstanden worden – was ein weiteres Zeichen dafür ist, dass die spezifische Geschichte West-Berlins bis vor Kurzem vernachlässigt wurde. Mompers Memoiren sind eine wichtige Quelle,[29] und auch britische Akten zu West-Berlin sind inzwischen veröffentlicht worden. Quellen aus den USA und anderen Ländern fehlen indes noch immer, ebenso wie eine adäquate Sekundärliteratur (mit der wichtigen Ausnahme von Eisenhuths Analyse). Wie eingangs gesagt: Auf dem Gebiet der West-Berliner Geschichtsschreibung bleibt viel zu tun.


Schluss

In einer Geschichte des "untergegangenen" West-Berlins kommt den 1980er Jahren eine besondere Bedeutung zu. Dieses "unheroische" Jahrzehnt, wie auch das Jahrzehnt davor, hat tiefere Spuren hinterlassen, als man manchmal meinen könnte, gerade im gegenwärtigen Berlin. Die Spuren finden sich sowohl in der Politik und in der Kultur als auch in der spezifischen Erinnerungskultur der vereinten Hauptstadt. Der Journalist Hermann Rudolph beschrieb das versunkene West-Berlin als ein "Glitzerding", und gerade in den 1980er Jahren behielt jenes Glitzerding seine Eigenheit, wenn nicht weltpolitisch, dann doch kulturell und kulturpolitisch als das berühmte "Biotop", wie es so oft beschrieben wird. West-Berlin war eine "Unmöglichkeit, die Realität war", so schrieb Rudolph, vielleicht gerade in den merkwürdig bemerkenswerten 1980er Jahren.[30]
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Fußnoten

1.
Vgl. Stefanie Eisenhuth/Martin Sabrow, "West-Berlin". Eine historiographische Herausforderung, in: Zeithistorische Forschungen, 11 (2014) 2, S. 165–187.
2.
Vgl. Winfried Rott, Die Insel. Eine Geschichte West-Berlins 1948–1990, München 2009.
3.
Vgl. Franziska Nentwig/Dominik Bartmann (Hrsg.), West:Berlin. Eine Insel auf der Suche nach Festland, Berlin 2014.
4.
Zum Begriff "anormale Normalität" vgl. Ann Tusa, The Last Division. Berlin and the Wall, London 1996, S. 31.
5.
Peter Schneider, An der Schönheit kann’s nicht liegen. Berlin – Porträt einer ewig unfertigen Stadt, Köln 2015, S. 107f.
6.
Vgl. David E. Barclay, On the Back Burner. Die USA und West-Berlin 1948–1994, in: Tilman Mayer (Hrsg.), Deutschland aus internationaler Sicht, Berlin 2009, S. 25–36.
7.
Vgl. Dominik Geppert, "Proclaim Liberty Throughout All the Land". Berlin and the Symbolism of the Cold War, in: ders. (Hrsg.), The Postwar Challenge, Oxford 2003, S. 339–363.
8.
Interview des Verfassers mit John Kornblum, 22.3.2007.
9.
Krijn Thijs, West-Berliner Visionen für eine neue Mitte, in: Zeithistorische Forschungen, 11 (2014) 2, S. 235–261, hier: S. 235.
10.
Zu Hausbesetzungen und Sorgen um den "Tod" West-Berlins vgl. Emily Pugh, Architecture, Politics, and Identity in Divided Berlin, Pittsburgh 2014, S. 204–224, S. 232–240.
11.
Vgl. Dirk Rotenberg, Berliner Demokratie zwischen Existenzsicherung und Machtwechsel, Berlin 1995, S. 487–536.
12.
Vgl. Stefanie Eisenhuth, West-Berlin und der Umbruch in der DDR, Berlin 2012, S. 94.
13.
Vgl. Kerstin Schilling, Insel der Glücklichen. Die Generation West-Berlin, Berlin 2004; Ulrike Sterblich, Die halbe Stadt, die es nicht mehr gibt. Eine Kindheit in Berlin (West), Reinbek 2012.
14.
P. Schneider (Anm. 5), S. 108.
15.
Claus Christian Malzahn, Über Mauern. Warum das Leben im Schatten des Schutzwalls eine sonnige Sache war, Berlin 2009, S. 8, S. 22. Vgl. auch Jürgen Scheunemann/Gabriela Seidel, Was war los in West-Berlin 1950–2000, Erfurt 2002, S. 83; Olaf Leitner, West-Berlin! Westberlin! Berlin (West)!, Berlin 2002, S. 16.
16.
Vgl. Norbert Kaczmarek, "… statt immer nur herumzudenken". Richard von Weizsäcker und Berlin 1978–1984, Berlin 2012.
17.
Vgl. Detlef Stronk, Berlin in den achtziger Jahren, Berlin 2009.
18.
Krijn Thijs, Party, Pomp und Propaganda. Die Berliner Stadtjubiläen 1937 und 1987, Berlin 2012, S. 76. Vgl. auch Eberhard Diepgen, Zwischen den Mächten. Von der besetzten Stadt zur Hauptstadt, Berlin 2004, S. 85–98.
19.
K. Thijs (Anm. 9).
20.
Emily Pugh, Beyond the Berlin Myth. The Local, the Global and the IBA 87, in: Philip Broadbent/Sabine Hake (Hrsg.), Berlin Divided City, 1945–1989, New York 2010, S. 156–167, hier: S. 163.
21.
Vgl. Paul B. Jaskot, Daniel Libeskind’s Jewish Museum in Berlin as a Cold War Project, in: P. Broadbent/S. Hake (Anm. 20) S. 145–155.
22.
Vgl. David E. Barclay, A "Complicated Contrivance": West Berlin behind the Wall, 1971–1989, in: Marc Silberman/Karen E. Till/Janet Ward (Hrsg.), Walls, Borders, Boundaries, New York 2012, S. 113–130, hier: S. 121.
23.
Eberhard Diepgen an Sven Riese, 14.3.1985, Landesarchiv Berlin, B Rep. 002 Nr. 24624.
24.
Vgl. Institut für Markt- und Medienforschung, Meinungsumfrage im Auftrag des SFB, 21.10.1985, Landesarchiv Berlin, B Rep. 002 Nr. 24624.
25.
P. Schneider (Anm. 5), S. 108.
26.
Stephen Dalton, "B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin": Berlin Review, 13.2.2015, http://www.hollywoodreporter.com/review/b-movie-lust-sound-west-773108« (6.10.2015).
27.
Vgl. Jan Russezki, Heiße Partys, Kalter Krieg, in: Der Tagesspiegel vom 9.7.2015.
28.
St. Eisenhuth (Anm. 12), S. 91f.
29.
Vgl. Walter Momper, "Berlin, nun freue dich!" Mein Herbst 1989, Berlin 2014.
30.
Hermann Rudolph, Das Glitzerding. Abschied von der geteilten Stadt (1): West-Berlin – ein Lebensgefühl, das (vielleicht) weiterlebt, in: Der Tagesspiegel vom 30.8.1999.

David E. Barclay

Zur Person

David E. Barclay

Ph. D., geb. 1948; Professor für Geschichte sowie Margaret and Roger Scholten Professor of International Studies am Department of History, Kalamazoo College, 1200 Academy Street, Kalamazoo, MI 49006-3295/USA. director@thegsa.org


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