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3.12.2002

Die Bundestagswahl 2002: Neue Themen - neue Allianzen

Bei der Wahl am 22. September haben sich bedeutsame Umschichtungen zwischen den politischen Lagern vollzogen. Vier Veränderungen in den Sozialprofilen der Parteien werden beschrieben und gedeutet.

Einleitung

Darüber, was im Wählervotum vom 22. September eigentlich zum Ausdruck gekommen sei, gab es gleich nach der Wahl ganz konträre Meinungen auch unter Experten. [1]




Auf der einen Seite wird das Ergebnis als "zufällige Momentaufnahme" eines sich ständig wandelnden, von Stimmungen und "situativen Faktoren" bestimmten Meinungsbildes wahrgenommen (so Klaus-Peter Schöppner vom Emnid-Institut). Nach der anderen Auffassung kommt im Abstimmungsverhalten die "Reflexion der Wähler über die letzte Legislaturperiode" zum Ausdruck, ist die Wahl am Ende ein kollektiver Entscheidungsprozess, unabhängig von zwischenzeitlichen Schwankungen der Vorwahlumfragen (so Dieter Roth von der Forschungsgruppe Wahlen). Was trifft nun zu: "Last-Minute-Wahl der Emotionen" [2] oder getreues Abbild stabiler Überzeugungen?


Es gab bei dieser Bundestagswahl eine Reihe von Indizien, die für die erste Position zu sprechen schienen: ein ungewöhnlich kräftiges Auf und Ab in den Sympathiewerten für Regierung und Opposition zwischen Herbst 1998 und Frühjahr 2002 und ein nochmaliges Oszillieren der Kurven im Sommer vor der Wahl; neue, von außen auf die politische Agenda drängende, emotional stark besetzte Ereignisse; eine durch die TV-Duelle zugespitzte, vermeintliche Personalisierung der Entscheidung. Die gängige Soziologenmeinung, wonach dauerhafte, traditionelle Parteibindungen der Vergangenheit angehören, ließ den "Wechselwähler" zur Leitfigur avancieren. Die Neigung vieler Journalisten, die Spannung möglichst lange hoch und das Rennen offen zu halten, hat ebenfalls dazu beigetragen, Stimmungen stärker zu registrieren als Grundüberzeugungen.

I. Regionale Veränderungen: Eine dreigeteilte Republik

Wenn die beiden Regierungs- und die beiden Oppositionsparteien zusammen betrachtet und die Wahlergebnisse für die Bundesrepublik insgesamt mit denen von 1998 und 1994 verglichen werden, dann hat es diesmal weniger Veränderungen gegeben als beim letzten Mal (vgl. Tab. 1, s. PDF Version ). Das Pendel ist ein wenig zurückgeschlagen, aber nicht ganz bis zum Ausgangspunkt der Wahl von 1994. Bei allen Parteien sind aus Gewinnen diesmal Verluste geworden und umgekehrt. Dieses Bild täuscht eine scheinbare Stabilität vor. Schon der Blick auf die Landkarte lässt verschiedenartige, z.T. gegenläufige Trends sichtbar werden. Bei Ost- und Westdeutschland handelt es sich immer noch um "zwei Elektorate" (Wilhelm Bürklin), die sich nicht nur im Volumen der Wanderungsströme, sondern auch in deren Richtung unterscheiden. Zwischen 1994 und 1998 hatte es im Westen vor allem eine große Bewegung ehemaliger Unionswähler zur SPD gegeben; im Osten dagegen hatte die CDU in alle Richtungen verloren. Vier Jahre später gab es andere Muster: Im Westen hat die SPD an alle drei anderen Parteien verloren, am meisten an Union und Grüne; im Osten dagegen war die SPD die große Gewinnerin, vor allem auf Kosten der PDS, und die CDU hat ihre großen Einbußen von 1998 nicht wettmachen können.

Aber auch innerhalb von Westdeutschland zeigen sich neuartige regionale Trennlinien (vgl. Tab. 2, s. PDF Version). Bayern fällt ganz aus dem Rahmen: Die Union hat hier fast elf Punkte zugelegt, dreimal so stark wie im westdeutschen Schnitt; die SPD hat über 8 Punkte verloren, doppelt so viel wie im westdeutschen Schnitt. (Auch in Baden-Württemberg lagen die CDU-Gewinne mit rund 5 Punkten deutlich über dem Wert anderer Länder, doch wurde das durch FDP-Verluste abgeschwächt, und Rot-Grün hat sich gegenüber 1998 halten können.) Bayern ist auch das einzige Bundesland mit einer gestiegenen Wahlbeteiligung.

Die extremen Ergebnisse in Bayern schlagen sich natürlich im westdeutschen Gesamtwert nieder. Um die regionalen Trends zu entwirren, müssen die Veränderungsraten gegenüber 1998 für die drei Wahlgebiete getrennt ausgewiesen werden. Aus der Tabelle 2 werden interessante Konturen einer "dreigeteilten Republik" deutlich. In Bayern hat sich der Stimmenzuwachs fast allein auf die CSU konzentriert (mit leichten Zuwächsen der Grünen); im übrigen Westdeutschland ist die SPD einzige Verliererin; in Ostdeutschland haben alle vier "Westparteien" ihre Marktposition verbessert, die PDS und die Rechts- und Randparteien haben kräftig Federn lassen müssen - Anzeichen einer allmählichen Angleichung der politischen Strukturen in Ost und West.

Die eigenwilligen Wege der ostdeutschen Wähler haben bei den Wahlexperten immer wieder Verwunderung und vielfältige Deutungen provoziert. [3] Ein wichtiger Einflussfaktor ist natürlich die in den neuen Ländern geringere Parteibindung und andersartige Einbindung in politisch-kulturelle Milieus. Das ermöglicht heftigere Reaktionen und häufigeren Parteiwechsel und verschafft sowohl Themen als auch Personen ein größeres Gewicht bei der Wahlentscheidung. Offenkundig haben die beiden Top-Themen der letzten Wahlkampf-Wochen - die Flutkatastrophe und die neue Friedensfrage - und der Umgang der beiden Bewerber mit diesen Themen für ostdeutsche Wählerinnen und Wähler eine besondere emotionale Rolle gespielt. Der Abgang der Galionsfigur Gregor Gysi hat die PDS-Klientel zusätzlich verunsichert. Und bei dem im Osten besonders wichtigen Thema der Arbeitslosigkeit wurden an eine Rückkehr zu einer CDU-Regierung nicht viele Erwartungen geknüpft.

Die bedeutsamste Trennlinie, die aus der Tabelle erkennbar ist, betrifft jedoch den Kontrast zwischen Bayern und den übrigen Westländern beim Abschneiden von Koalition und Opposition: In Bayern hat es einen kräftigen "Rechtsruck" gegeben, im übrigen Westdeutschland fast gar keine Veränderungen. Die Union liegt heute in Bayern um rund 30 Punkte vor der SPD, im übrigen Westdeutschland dagegen um fast fünf Punkte, in Ostdeutschland sogar um über zehn Punkte im Rückstand.

Dieser bayerische Sonderweg hat natürlich mit der Kandidatur von Edmund Stoiber zu tun. Mit einem guten Abschneiden in seiner Heimat durfte er rechnen: Einen solchen "Heimvorteil" haben sämtliche amtierenden Ministerpräsidenten, die sich um das Amt des Bundeskanzlers bewarben, in Anspruch nehmen können. Sie alle - von Franz-Josef Strauß über Johannes Rau und Oskar Lafontaine bis Rudolf Scharping und Gerhard Schröder - hatten es fertig gebracht, in "ihrem" Land für ihre Partei höhere Zuwachsraten (bzw. geringere Verluste) einzufahren als in allen anderen (westdeutschen) Ländern. Von Lafontaine 1990 im Saarland abgesehen, war dieser "MP-Bonus" allerdings noch nie so ausgeprägt gewesen wie am 22. September.

In beiden westlichen Wahlgebieten ist ein zusätzliches Süd-Nord-Gefälle in den Wählerbewegungen zu beobachten. In Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen hat Rot-Grün seine Marktposition noch verbessern können, Schwarz-Gelb hat Stimmenanteile eingebüßt oder nur minimal zugelegt. In Bayern sind die regionalen Unterschiede noch deutlicher. Die stärksten Umschichtungen weist der Regierungsbezirk Niederbayern auf, im äußersten Südosten der Republik, wo die CSU volle 17 Punkte gewonnen, die SPD über 12 Punkte verloren hat und die Wahlbeteiligung um fast 5 Punkte angestiegen ist. In Mittel- und Unterfranken blieben die Gewinn- und Verlustraten der beiden Parteien mit 8 bzw. 7 Punkten eher moderat.

Bedeutsamer als die regionalen sind allerdings die siedlungsstrukturellen Unterschiede (vgl. Tab. 3, s. PDF Version). Die "Mobilmachung der Provinz" fand keine Entsprechung in den bayerischen Metropolen; in München und Nürnberg gewann die CSU und verlor die SPD jeweils in Größenordnungen von sechs Punkten. Verstädterungsgrad und Siedlungsdichte erwiesen sich bei dieser Wahl als wichtige Einflussgrößen, allerdings in den beiden westlichen Wahlgebieten mit unterschiedlichen Effekten. Für Bayern wie für das übrige Bundesgebiet gilt, dass die Union in der Stadt weniger zugewinnt als auf dem Land und die Grünen in den Großstädten ihre größten Zuwächse erzielen. Für die SPD fällt die Bilanz gemischt aus: In Bayern verliert sie auf dem flachen Land an die CSU und in den großen Städten an die Grünen; im übrigen Westdeutschland ist die Abwanderung von Rot nach Grün in den Großstädten - vor allem den Dienstleistungszentren - die dominierende Bewegung.

Viele großstädtische SPD-Anhänger, die diesmal den Grünen ihre Stimme gegeben haben, beschränkten sich dabei auf die Zweitstimme; mit der Erststimme haben sie den sozialdemokratischen Direktbewerber weiterhin unterstützt. Das Stimmen-Splitting zwischen Rot und Grün war bei dieser Wahl erheblich umfangreicher als 1998; die Zahl der "Leihstimmen" für die FDP von Seiten der Union ist dagegen deutlich zurückgegangen. Die Erststimmen-Vorsprünge der SPD und die Zweitstimmen-Vorsprünge der Grünen waren in einigen Metropolen und Dienstleistungszentren außerordentlich hoch: In München etwa lagen die Differenzen bei 11,2 bzw. 8,2 Punkten, in Hamburg bei 9,6 bzw. 7,4 Punkten, in Düsseldorf bei 7,5 bzw. 6,1 Punkten. Dieses koalitionstaktisch motivierte Stimmen-Splitting ist ein deutlicher Hinweis einerseits auf die größere Beweglichkeit urbaner Wählerschichten, andererseits auf eine bewusste politische Entscheidung für die Fortsetzung des rot-grünen Projektes.

II. Arbeiter: Eine alte Allianz wird brüchig

Während sich zwischen Stadt und Land bei dieser Wahl neue Trennlinien aufgebaut haben, wird die traditionelle Allianz der SPD mit der Industriearbeiterschaft immer brüchiger. Mit 43 Prozent schneiden die Sozialdemokraten im Westen zwar nach wir vor am stärksten in der Gruppe der Arbeiter ab. Gerade in diesem traditionellen Wählermilieu verliert die SPD mit zehn Prozentpunkten aber besonders stark. Diese Entwicklung macht auch vor ihrem eigentlichen Traditionssegment, der gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft, nicht Halt: Vor vier Jahren hielten noch zwei Drittel von ihnen zur SPD, heute nur mehr gut jeder Zweite (57 Prozent).

Von der SPD-Schwäche bei den westdeutschen Arbeitern haben in erheblichem Ausmaß die Unionsparteien profitiert. Sie erzielen ihre größten Zuwächse in dieser Berufsgruppe (plus 10 Punkte) und liegen mit ihrem Stimmenergebnis bei den Arbeitern nur mehr 3 Punkte von der SPD entfernt. Bei gewerkschaftlich organisierten Arbeitern dominieren nach wie vor ideologische Vorbehalte gegenüber der CDU/CSU, die in dieser Wählergruppe nur 4 Punkte zulegen konnte. Der Abstand der SPD zu den Unionsparteien beträgt hier noch satte 31 Prozentpunkte. Das bedeutet jedoch nicht, dass die SPD in diesem Segment kein Akzeptanzproblem gehabt hätte: Vor allem in ihren Stammländern Nordrhein-Westfalen und Saarland, in denen der Organisationsgrad der Arbeiterschaft besonders hoch ist, blieb ihre Wählerschaft bei dieser Wahl verstärkt zu Hause. Solch einen Vertrauensentzug der Arbeiterschaft erlebte die SPD in den alten Bundesländern nicht zum ersten Mal, bereits 1983 und 1990 gab es ähnliche Abwanderungstendenzen.

Das Wahlverhalten der Arbeiterschaft in den neuen Bundesländern hat sich dem der westdeutschen Arbeiter angeglichen. Die SPD liegt mit 39 Prozent bei den Arbeitern im Osten nur noch 5 Punkte unter ihrem Ergebnis im Westen. Das Abstimmungsverhalten der Arbeiter bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl hatte überrascht: Damals wurde die CDU bei den Arbeitern mit einem Abstand von 23 Punkten stärkste Partei vor der SPD. Erst zur Bundestagswahl 1998 lagen die Sozialdemokraten auch in den neuen Bundesländern in ihrem traditionellen Milieu vorne. Der Abstand zur CDU betrug 12 Punkte. Daran hat sich auch bei dieser Wahl nichts geändert. Dennoch bilden die eigentliche Domäne der ostdeutschen Sozialdemokraten nicht die Arbeiter, sondern die Angestellten, bei denen die SPD mit 41 Prozent besonders gut abschneidet.

Was ist der Grund, dass seit den achtziger Jahren die Bindung der Industriearbeiterschaft an die SPD fragiler geworden ist? Große Teile der Arbeiterschaft scheinen das Vertrauen verloren zu haben, dass die SPD ihre Interessen adäquat vertritt. Sie fühlen sich von der sozialdemokratisch geführten Bundesregierung vernachlässigt, die nach ihrer Meinung wie die Regierungen zuvor Politik "auf dem Rücken der kleinen Leute" macht. Zwei von drei Arbeitern meinen, "für die Interessen des kleinen Mannes setzt sich keine Partei ein". Von den einfachen und mittleren Angestellten glaubt dies immerhin noch jeder Zweite. [4] Sie vermissen die alte Erkennbarkeit sozialdemokratischer Politik und nehmen kaum mehr Unterschiede zwischen der SPD und der Union wahr:

"Früher war das klar, die SPD war auf die Arbeitnehmer ausgerichtet, die CDU war die Partei der Arbeitgeber. Aber jetzt geht es bei der SPD auch mehr in die Arbeitgeberrichtung. Sie nennen sich nun Partei der Mitte, damit sind sie endgültig von uns abgerückt." (Arbeiter, Dortmund). [5]

Insgesamt herrscht in der Arbeiterschaft eine starke Verunsicherung vor. Diese Gruppe fühlt sich zunehmend an den Rand gedrängt - existenziell und kulturell. Die negative Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt trifft sie besonders hart. Sie schätzen ihre eigene finanzielle Lage schlechter ein als die Gesamtbevölkerung. Jeder dritte Arbeiter rechnet sich zu den Verlierern der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Erwartungshaltung an die Regierung ist in dieser Gruppe stark auf das fokussiert, was der Verbesserung der eigenen finanziellen Lage dient. So stimmten 1983 Teile der Arbeiterschaft für die CDU, weil die SPD das Vertrauen in ihre Wirtschaftskompetenz verspielt hatte. Bei der aktuellen Bundestagswahl führte die Enttäuschung über die Politik der Bundesregierung dazu, dass die Arbeiter der Union in all den Themen, bei denen sie den dringendsten politischen Handlungsbedarf sahen - der Arbeitsmarkt-, Wirtschafts- und Steuerpolitik sowie der Ausländerpolitik -, die höchste Problemlösungskompetenz zusprachen, deutlich häufiger als die Gesamtbevölkerung. Bei der sozialen Gerechtigkeit setzten sie nach wie vor mehrheitlich auf die Sozialdemokraten. Die Frage Wirtschaftswachstum versus sozialer Ausgleich bringt das traditionelle Wählermilieu der SPD in ein Dilemma:

"Die SPD verteilt die Geldströme schon ein bisschen anders als die CDU. Das ist schon wahr. Aber wenn es der CDU gelingt, dass die Wirtschaft nicht mehr Schlusslicht, sondern mehr in der Mitte ist, ist das für uns auch gut. Aber in erster Linie verdienen die Unternehmen dann wieder mehr. Aber wenn es denen gut geht, geht es uns ja auch gut. Nur dass die Gewinne machen müssen, immer mehr und immer mehr, die sind nie zufrieden ..." (Arbeiter, SPD-Stammwähler, Dortmund). [6]

Durch die Festlegung auf eine Koalition mit den Grünen bekam das Verhältnis der Arbeiterschaft zur SPD eine neue Qualität. Rot-Grün entsprach nicht ihrem Wunschmodell. Ihr Urteil über die Grünen war deutlich negativer gefärbt als das der gesamten Wählerschaft. Sie vertreten häufiger die Ansicht, dass die Grünen den Umweltschutz übertreiben und kein verlässlicher Regierungspartner sind. Auch der Politikertypus der Grünen ist ihnen weitgehend fremd: Sie beurteilen das politische Personal der Grünen - selbst Joschka Fischer - verhaltener als andere Wählergruppen.

Die "neue Erkennbarkeit" des rot-grünen Lagers isoliert die Arbeiterschaft auch sozio-kulturell. Die Gesellschafts- und Lebensentwürfe von Rot-Grün sind nicht die ihren. Mit zentralen Kernpunkten des rot-grünen Projektes haben sie eklatante Schwierigkeiten:

Als verbindende Klammer der unterschiedlichen Gesellschaftsentwürfe bleibt der Einsatz für soziale Gerechtigkeit (wenngleich auch der Begriff von sozialer Gerechtigkeit bei den Grünen weiter gefasst zu sein scheint, z.B. auch den Ausgleich zwischen Erster und Dritter Welt einschließt) sowie für Friedenssicherung (vgl. Tab. 4, s. PDF Version). So hat auch das Wählersegment der Arbeiter, das der SPD bei dieser Bundestagswahl die Treue gehalten hat, dies aus alter Verbundenheit mit der Partei getan, aber auch aus inhaltlichen Gründen - aufgrund ihres Strebens nach sozialem Ausgleich, ihrer Arbeitsmarktpolitik sowie ihrer Außen- und Sicherheitspolitik. Die Frage von Krieg und Frieden hat diese Klientel auch in den neuen Bundesländern überdurchschnittlich mobilisiert. Aber mehr noch als die Programmatik überzeugte die Person des Bundeskanzlers, der auch bei Arbeitern großes Vertrauen genießt. (s. Tabelle 4, PDF Version)Die politisch heimatlose Gruppe der Arbeiter, die sich enttäuscht von der SPD abgewandt hat, in der Union jedoch keine Alternative sieht, zeichnet sich durch größere Politikferne und eine grundlegende Skepsis gegenüber Politik aus. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass diese Gruppe durchaus für radikale Parteien ansprechbar ist - bisher allerdings nur bei nachgeordneten Wahlen, nie bei einer Bundestagswahl. Ihre Rückholbarkeit für die SPD hängt in erster Linie von einer erfolgreichen Arbeitsmarktpolitik ab.

III. Frauen und Männer: Eine neue Trennlinie entsteht

Die Bundestagswahl 2002 markiert eine Zäsur im geschlechtsspezifischen Wahlverhalten: Zum ersten Mal seit 1972 unterscheidet sich das Wahlverhalten von Männern und Frauen im Hinblick auf die beiden Volksparteien. Während 41 Prozent der Frauen, aber nur 36 Prozent der Männer für die SPD stimmten, gaben umgekehrt der Union nur 37 Prozent der Frauen, aber 40 Prozent der Männer ihre Stimme.

Betrachtet man das Wahlverhalten der Geschlechter nach politischen Lagern, verstärkt sich dieser Trend noch: 51 Prozent der Frauen verhalfen der rot-grünen Bundesregierung zu einer zweiten Amtsperiode, 44 Prozent hatten für Schwarz-Gelb gestimmt. Wäre es nach den Männern gegangen, würden heute Union und FDP wieder regieren: 48 Prozent votierten für den Lagerwechsel, 44 Prozent für Rot-Grün. [9] 1998 hatten beide Geschlechter in gleichem Maße den Regierungswechsel betrieben.

Wie schon 1998 konnte Rot-Grün auch bei dieser Wahl bei Frauen bis 60 Jahren auf eine deutliche Mehrheit bauen. Ein Novum ist diesmal, dass selbst bei den Frauen ab 60 Jahren - der traditionellen Union-Domäne - der Vorsprung von Union und FDP zum linken Lager von 9 Prozentpunkten in 1998 auf nurmehr 3 Punkte zusammengeschmolzen ist. In allen Wahlen der vergangenen Jahrzehnte wählten ältere Menschen überdurchschnittlich häufig konservative Parteien. Daraus zog man den Schluss, dass das Wahlverhalten im Alter konservativer wird. Dies würde bedeuten, dass die Union bei dieser und der Wahl von 1998 unter ihren Mobilisierungschancen blieb. [10] Einiges spricht aber auch dafür, dass eine neue Generation von Frauen ins Rentenalter kommt, die nicht mehr durch Konrad Adenauer, sondern durch Willy Brandt politisch sozialisiert wurde und ihr sozialdemokratisches Wahlverhalten auch im Alter beibehält.

Unter Brandt war es zur ersten Zäsur im geschlechtsspezifischen Wahlverhalten gekommen: Die Geschlechterrelation der beiden großen Parteien weist 1972 eine ruckartige Angleichung, 1976 dann ein fast völliges Gleichgewicht auf. Bis dahin hatten Frauen häufiger christlich-konservativ gestimmt als Männer. Zwischen 1957 und 1969 lag der Unionsanteil bei den Frauen um 9 oder 10 Punkte über dem der Männer, zur SPD hatten sie eine große Distanz. [11] Soziostrukturelle Konstanten, wie die geringe Erwerbstätigkeit und die starke Bindung von Frauen an Familie und Kirche, bedingten die starke Affinität zur CDU. Männer fühlten sich hingegen aufgrund ihrer hohen beruflichen und gewerkschaftlichen Bindung stärker von der SPD angesprochen. Die partielle Auflösung des kirchlichen Milieus, die stärkere berufliche Orientierung von jüngeren Frauen sowie ihr verändertes Rollen- und Selbstverständnis brachten 1972 die Wende: Vor allem jüngere Frauen stimmten in der allgemeinen Aufbruchstimmung der späten sechziger und frühen siebziger Jahre mehrheitlich für die reformfreudige SPD. Seitdem war die Geschlechterrelation bei beiden großen Parteien in etwa ausgeglichen.

Die veränderte Lebenswirklichkeit von Frauen erklärte zunächst die Angleichung im Wahlverhalten von Frauen und Männern. Aber je weiter die Veränderungen für Frauen voranschritten, ihr Bildungsniveau stieg, ihre berufliche Orientierung dominierte, zeigte sich, dass Frauen eher von Parteien des linken Spektrums als von konservativen Parteien Unterstützung bei der Realisierung ihres Lebensentwurfs erwarten. Mit dem Auftreten der Grünen gab es erste Anzeichen für ein neues geschlechtsspezfisches Wahlverhalten: Junge Frauen tendierten stärker zu Linksparteien als junge Männer. Vor allem besser gebildete, berufstätige Frauen fühlten sich von grüner Programmatik angesprochen. Das Wahlverhalten älterer Frauen nivellierte diesen Trend bis zur Bundestagswahl.

Neben der Lebenslage haben aber auch die Konjunktur bestimmter Themen und die unterschiedliche Akzeptanz von Spitzenpolitikern partiellen Einfluss auf unterschiedliches Wahlverhalten von Männern und Frauen. Bei der Bundestagswahl 2002 standen trotz Wirtschaftskrise vor allem im Zieleinlauf "weiblichere" Themen im Mittelpunkt des Interesses: sozialer Ausgleich, Bildungspolitik, Friedenssicherung und Umweltpolitik. Frauen fühlten sich von diesen Themen stärker angesprochen als Männer. In der Diskussion um Krieg und Frieden unterstützten Frauen, vor allem die älteren unter ihnen, mehrheitlich den Schröder-Kurs. Männer votierten stärker entsprechend der Wirtschaftslage. Bei all diesen für sie relevanten Themen hatten Frauen das größere Vertrauen in die Problemlösungskompetenz von SPD oder Grünen. Männer setzten bei "ihren Themen" hingegen stärker auf Union und FDP.

Auch hier gibt es eine Parallele zu 1972, als die Themen Ostpolitik, Entspannung, Bildungsreform und Paragraph 218 Frauen stark ansprachen und das Profil der SPD weiblicher und das der CDU männlicher erscheinen ließen [12] . Aber 1972 wie 2002 ging es Frauen noch um mehr: Sie stimmten über eine Richtungsentscheidung in der Gesellschaft ab. 1969 standen Reformen und Modernisierung der Gesellschaft zur Debatte, dieses Mal unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe. Die Koalitionsaussage zugunsten der Grünen war ein riskantes Unterfangen der SPD, hatten in ihrer Wählerschaft die Grünen doch lange Zeit den Ruf, wenig verlässlich und damit Hemmschuh der Regierung zu sein. Letztlich hat diese Festlegung jedoch zu einer "neuen Unterscheidbarkeit" - nicht der beiden großen Parteien, sondern der beiden Lager - geführt. Mit Rot-Grün wurde Vielfalt, Offenheit, Toleranz, soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit assoziiert, Schwarz-Gelb stand für Leistungsbereitschaft, Effizienz, Eigenverantwortung und - etwas mehr - für traditionelle Werte. Frauen bedeutet eine offene und tolerante Gesellschaft mehr als Männern, eine an traditionellen Werten orientierte Gesellschaft erhält jedoch auch bei Männern keine Mehrheit. Vor die Alternative "Leistungs- oder Solidargesellschaft" gestellt, sprechen sich sechs von zehn Frauen, aber nur vier von zehn Männern für eine Gesellschaft aus, in der Solidarität mehr zählt. [13]

Wie wohl bei keiner Wahl zuvor verbanden sich diese unterschiedlichen Wertvorstellungen mit den assoziierten Lebensentwürfen der Spitzenkandidaten. Schröder und Fischer stehen für Moderne und sozialen Ausgleich. Stoiber für Leistung und Tradition. Was die Erwartung an Politikerinnen und Politiker betrifft, gibt es wenig Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Frauen wie Männer fordern Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit, Sachkompetenz, aber auch Erkennbarkeit und Lebensnähe von den politischen Repräsentanten. Frauen legen dabei den Schwerpunkt eher auf Glaubwürdigkeit und Erkennbarkeit, Männer eher auf Kompetenz. Edmund Stoiber hatte besonders bei Frauen ein Akzeptanz- und Glaubwürdigkeitsproblem. Er stand für Kompetenz, aber auch für wenig geliebte Eigenschaften wie Akribie, Disziplin und Strenge sowie für einen Lebensentwurf mit traditionellen Rollenverteilungen zwischen Mann und Frau. Schröder ließ Stoiber bei der Direktwahlfrage bei Frauen um 28 Punkte hinter sich, bei Männern um 20 Punkte. "Stoiber verhindern" war für jede zweite SPD-Wählerin das wichtigste Wahlmotiv, von den Männern nannten nur 39 Prozent dies als Grund für ihr SPD-Votum.

Insgesamt zeigt sich, dass Frauen in der Politik zunehmend ihre eigenen Wege gehen und aufgrund der Mehrheitsverhältnisse und des homogeneren Wahlverhaltens von jüngeren und älteren Frauen auch die Richtung im Lande vorgeben können. Erkennbar wurde dies auch schon bei früheren Landtagswahlen, bei denen Frauen Frauen wählen konnten. Heide Simonis verdankte ihre Wiederwahl in Schleswig-Holstein den Frauen. Ute Vogt verbuchte 2001 in Baden-Württemberg einen sensationellen Erfolg vor allem bei den 35- bis 44-jährigen Wählerinnen. Angesichts des knappen Wahlausgangs erscheint die Frage rückwirkend reizvoll: Was wäre gewesen, wenn sich Angela Merkel - noch dazu eine Frau aus den neuen Bundesländern und mit weniger polarisierender Ausstrahlung - gegen die Männerwelt der Union als Kandidatin durchgesetzt hätte?

IV. Jungwähler: Eine Generationengruppe passt sich an

Die Repräsentative Wahlstatistik weist seit 1972 als jüngste Altersgruppe die 18- bis 24-jährigen Wählerinnen und Wähler aus; vier Jahrgänge davon dürfen zum ersten Mal wählen, drei weitere waren schon bei der vorigen Bundestagswahl dabei. Diese Gruppe ist klein, fällt also zahlenmäßig beim Gesamtergebnis kaum ins Gewicht, beansprucht aber naturgemäß jedes Mal besonderes Interesse. Für das Selbstverständnis und Selbstbewusstsein der Parteien ist es wichtig, Anklang gerade in der jungen Generation zu finden. Als Gruppe, die ganz neu auf dem politischen Markt erscheint, werden die Jungwähler heftig umworben, in der Hoffnung, damit Kunden auf Dauer zu gewinnen. Die Chancen, sie als Klientel längerfristig an sich zu binden, sind nach den Befunden der Wahlforschung nicht schlecht: Die in der Jugend bezogenen politischen Positionen werden im Laufe des Lebens eher beibehalten als aufgegeben.

In keiner anderen Altersgruppe gibt es von einer Wahl zur anderen auch nur annähernd so kräftige Veränderungen der Sympathien. 1972 hatten die jüngsten Wählerinnen und Wähler zu fast 55 Prozent für Willy Brandt und die SPD votiert, um 8,3 Prozentpunkte stärker als die Wählerschaft insgesamt. Dieser Vorsprung einer Partei bei den jungen Wählern wird im Folgenden als aussagekräftige Kennziffer verwendet ("Bonus" bzw. "Malus" einer Partei im Falle eines Rückstandes der jungen Wähler gegenüber allen Wählern). 1972 gab es dementsprechend erstmalig ein ausgeprägtes Tief für die CDU/CSU bei den Jungwählern (Malus von -9,3 Punkten). Die SPD lag bei dieser Wahl bei den Jungen um fast 20 Punkte vor der Union.

Mit einem solchen Malus musste die Union in den folgenden drei Jahrzehnten leben, der relative Rückstand der Jungwähler lag seitdem zwischen 9,6 (1980) und -5,7 Punkten (1998). Der Bonus der SPD auf der anderen Seite wurde indes stetig aufgezehrt. Zwischen 1983 und 1990 gab es einen prozentualen Gleichstand zwischen den jungen Wählern und der Gesamtheit der Wähler. Das Potenzial wurde in den 80er Jahren weitgehend von den Grün-Alternativen als neuer "Jugendbewegung" übernommen, die sich zunächst fast ganz auf die unter 35-Jährigen stützten und hier regelmäßig zweistellige Werte erreichten. Mittlerweile sind auch die Grünen "in die Jahre gekommen", d.h., ihre AnhängerInnen behalten ihre Loyalitäten, wenn sie älter sind. Ihre Spitzenwerte erzielen die Grünen heute in Westdeutschland bei den 35- bis 45-jährigen Frauen. [14]

Bei der Bundestagswahl von 1994 konnte Rot-Grün bei den Jungwählern noch höhere Stimmenanteile verbuchen als in der Wählerschaft insgesamt (48,8 % gegenüber 43,7 %). 1998 war es damit vorbei: SPD und Grüne kamen zusammen auf 47,6 %, bei den Jungwählern nur auf 45,8 %. Eigentliche Gewinner waren nicht FDP oder PDS, sondern die Vielzahl der "sonstigen Parteien": Rechtsextreme, die vor allem bei den jungen Männern reüssierten, aber auch andere kleine, teilweise exotische Gruppierungen am Rande des Parteienspektrums. Sie alle zusammen konnten insgesamt 5,8 % der Zweitstimmen auf sich vereinen, bei den Jungwählern aber 12,1 % - mehr als das Zweifache. Seitdem wird über das abweichende Wahlverhalten der jungen Generation gerätselt, das eindeutig gegen das etablierte Parteiensystem gerichtet war und politisches Desinteresse (inkl. hoher Wahlenthaltung), Desorientierung und Entfremdung zu signalisieren schien.

Vor diesem Hintergrund ist das Votum vom 22. September in seiner Normalität fast sensationell. Die Abweichungen von den Parteipräferenzen aller Wähler sind in den meisten Fällen - von der FDP abgesehen - geringer als 1994 und 1998. (s. Tabelle 5, PDF Version)

Das neue Muster ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert:

Generalisierungen oder gar Extrapolationen von Zeitreihen sind, was das politische Verhalten von Jungwählern anbelangt, ein heikles Unterfangen. Es sind ja jeweils neue Generationengruppen, die sozusagen aus dem Nichts auf der Bildfläche erscheinen. Dennoch: Von einer Angleichung der Jugend an die Erwachsenenwelt berichtet auch die neue Shell-Studie. Sie ermittelte "eine neue pragmatische Haltung" bei Jugendlichen, ein hohes Maß an Übereinstimmung mit den Eltern sowie die gestiegene Wichtigkeit von Werten wie Leistung, Sicherheit und Macht. [15]

V. Fazit

Die beschriebenen Strukturen und Tendenzen geben der Wahl vom 22. September ein spezifisches Profil. Das Ergebnis scheint nicht zufällig und beliebig zu sein, im Gegenteil: Man hat den Eindruck, die Wählerinnen und Wähler wussten ziemlich genau, was sie wollten. Trennlinien und Konturen sind deutlich erkennbar, klarer vielleicht noch als 1998, wo das zentrale Thema "Wechsel" alle anderen Themen überlagerte und sozialstrukturelle Besonderheiten einebnete.

Es sind nicht so sehr die klassischen Konfliktlinien und traditionellen Parteibindungen, sondern es ist eine "neue Unterscheidbarkeit" zwischen den politischen Lagern, die zum Vorschein kommt. Nach wie vor spielen materielle Bedingungen, ökonomische Erwartungen, Zukunftsperspektiven und -ängste eine Rolle. Stärker als früher aber sind es sozio-kulturelle Werthaltungen und Orientierungen, die das Wahlverhalten polarisieren: Solidarität, Offenheit, Toleranz auf der einen, Leistung, Sicherheit, Tradition auf der anderen Seite. Schärfer als vor vier Jahren standen sich diesmal unterschiedliche und unterscheidbare politische Formationen gegenüber, der Frontverlauf war eindeutig. Allerdings war die Uneinigkeit der Opposition, zumal mit der vielfach schillernden FDP als unsicherem Koalitions-Kantonisten, eine Schwachstelle. Dagegen war die Entschlossenheit der Regierungskoalition, ihr "Projekt" gemeinsam weiterzuführen, eine Stärke. Die grüne Komponente war diesmal gegen Ende der Kampagne deutlich sichtbar und mehr als ein Farbtupfer. Das hat Wählergruppen sowohl angezogen als auch abgestoßen.

Was hat bei dieser Wahl nun aber letztlich den Ausschlag gegeben: Parteien, Personen oder Programme? Keine Wahl wird entschieden, weil ein konkurrierendes Team auf einem dieser Felder einen klaren Vorteil hatte. Nie ist es um die Frage "Kandidat oder Partei oder Programm" gegangen, immer war es ein Zusammenspiel aller drei Ebenen. Die besten Chancen hat am Ende die Formation, der es gelingt, ein zentrales Thema (oder auch eine dominierende Grundstimmung) mit einer Partei zu verknüpfen und durch eine Person glaubwürdig verkörpern zu lassen.

Das Miteinander von Themen, Parteien und Personen wies diesmal allerdings einige Ambivalenzen und Dissonanzen auf. Die wichtigsten Sachfragen (Wirtschaft und Beschäftigung) sprachen für die Union und ihren hier besonders kompetenten Kandidaten. Als Personen genossen der Kanzler und der Außenminister starke Sympathie und hohe Popularität. So weit hatten die Präferenzen für Kandidaten und Parteien bei früheren Wahlen noch nie auseinander geklafft. Für viele Wähler war es lange Zeit eine schwierige Entscheidungssituation: Heftiger Unmut über die Regierenden, aber keine großen Hoffnungen auf eine durchgreifende Besserung, wenn die Opposition an die Regierung käme, und - anders als 1998 - keine entschiedene Bereitschaft zum Wechsel. Alles, was im Laufe des Wahlkampfs geeignet schien, diese Dissonanzen aufzulösen, wurde begierig aufgegriffen.

Die Rolle der Themen und der aktuellen Ereignisse in den letzten Wochen ist in diesem Kontext zu sehen: nicht als isolierte Sachfragen, die neue Meinungsbildungsprozesse auslösten und alles durcheinanderwirbelten. Als die Flutkatastrophe und die Kriegsdrohung oben auf die Tagesordnung gerieten, wurden damit vielen verunsicherten Wählern Argumente und Rechtfertigungen geliefert, die zur Verfestigung und Fokussierung vorhandener Loyalitäten beitrugen. Auch durch die TV-Duelle wurden die Karten nicht völlig neu gemischt; die Unterschiede in den Persönlichkeiten und den Politikstilen erhielten neues Gewicht.

Die beiden emotional stark besetzten Themen "Flut" und "Frieden" waren geeignet, in spezifischen Gruppen latente Neigungen zu mobilisieren. Beide Themen fanden in den neuen Ländern besondere Resonanz; das Thema "Irak" sprach Frauen in besonderer Weise an; die Naturkatastrophe verschaffte den Grünen zusätzliche Akzeptanz und Legitimation. Unabhängig von den emotionalen und psychologischen Effekten trugen beide Themen dazu bei, den Blick von den Kritikern weg auf die Akteure zu lenken und den Amtsbonus des Kanzlers stärker ins Spiel zu bringen. Die Oppositionsparole "Zeit für Taten" lief ins Leere.

Die Frage, wie die Wahl ausgegangen wäre, wenn zu dieser Zeit andere Themen virulent gewesen wären oder wenn sie drei Wochen früher oder später stattgefunden hätte, bietet Raum für Spekulationen. Die annähernde Stimmengleichheit der beiden großen Parteien ist zufällig. Aber ein beliebiges Hin und Her mit nicht nachvollziehbaren oder voraussagbaren Ausschlägen des Wählerverhaltens entspricht nicht der Dynamik der Meinungsbildung vor einer Wahl. Es hat Gründe, warum in Deutschland (und anderswo) die Regierung zwischen den Wahlen regelmäßig in ein Stimmungstief gerät und auch bei den "Nebenwahlen" fast immer schlechter abschneidet als die Opposition, dann aber in den letzten Monaten vor der Bundestagswahl in einer Aufholjagd das verlorene Terrain wiedergewinnt. Offenbar kommen, wenn es ernst wird, andere Kalküle ins Spiel.

Wenn der Wahltermin näher rückt und die Parteien ihre Stärken und Verdienste herausstreichen, dann orientieren sich die Wähler nicht mehr an einzelnen Ereignissen, sondern ziehen eine Art Bilanz. Es werden Nutzen und Kosten eines Wechsels gegeneinander abgewogen, alte Loyalitäten und Grundüberzeugungen rücken in den Vordergrund, und die Risiken einer Abwahl erscheinen in einem anderen Licht.

Fußnoten

1.
Vgl. Vier Wahlforscher, vier Ansichten, in: Die Zeit vom 26. 9. 2002.
2.
So der Leitartikel in: Die Welt vom 21. 9. 2002: "Diese Wahl wird sich in letzter Minute entscheiden, in der Kabine erst - und womöglich an dem Thema, das am Sonntag, zufällig oder nicht, oben auf der Agenda steht."
3.
Vgl. Kai Arzheimer /Jürgen W. Falter, "Annäherung durch Wandel"? Das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 1998 in Ost-West-Perspektive, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 52/98, S. 33-45; Rainer-Olaf Schultze, Eine Bundestagswahl oder zwei? Wählerverhalten in Deutschland'Ost und Deutschland West, in: Der Bürger im Staat, (2002) 1/2. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von Kai Arzheimer und Jürgen W. Falter in diesem Heft.
4.
Vgl. Richard Hilmer, Die SPD im Spannungsfeld von Reformpolitik und Wählerinteressen, in: Franz Müntefering/Matthias Machnig (Hrsg.), Sicherheit im Wandel. Neue Solidarität im 21. Jahrhundert, Berlin 2001, S. 101 - 113.
5.
Ergebnis aus Gruppendiskussionen. Solche qualitativen Verfahren geben differenzierte Einblicke in unterschiedliche Sichtweisen, Gefühlslagen und Denkweisen zu bestimmten Themenfeldern. Sie eignen sich u. a. zur Illustrierung repräsentativ festgestellter Trends.
6.
Ergebnis aus Gruppendiskussionen.
7.
Vgl. DeutschlandTrend von Infratest dimap, Oktober 2000.
8.
Vgl. ebd., Juni 2000.
9.
Wahltagsbefragung von Infratest dimap 2002.
10.
Vgl. Jutta Graf/Viola Neu, Analyse der Bundestagswahl vom 22. September 2002, Arbeitspapier der Konrad-Adenauer-Stiftung, Nr. 91/2002.
11.
Vgl. Wolfgang Hartenstein, Den Wählern auf der Spur, St. Ingbert 2002, S. 74 - 77.
12.
Vgl. Ursula Feist/Martina Wendt, Politisches Interesse und Verhalten junger Frauen, in: R. Hildebrandt/R. Winkler, Die Hälfte der Zukunft. Lebenswelten junger Frauen, Köln 1994, S. 174 - 190.
13.
Vgl. Infratest dimap, Deutschland vor der Wahl 2002.
14.
Einzelheiten zu diesen Trends bei W. Hartenstein (Anm. 11), S. 82 - 86.
15.
Vgl. Thomas Gensicke, Individualität und Sicherheit in neuer Synthese?, in: Deutsche Shell (Hrsg.), Jugend 2002, Frankfurt/M. 2002.

Rita Müller-Hilmer, Wolfgang Hartenstein

Zur Person

Rita Müller-Hilmer

Dipl.-Soz., geb. 1951; Bereichsleiterin Politikforschung bei Infratest Sozialforschung in Berlin.

Anschrift: Infratest Sozialforschung, Moosdorfstraße 7 - 9, 12435 Berlin.
E-Mail: rita.mueller-hilmer@nfoeurope.com

Veröffentlichungen u.a.: Die niedersächsische Landtagswahl. Die Kür des Kanzlerkandidaten, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, (1998); regelmäßige Beiträge zu Nachwahlanalysen in: Infratest dimap WahlReport.


Zur Person

Wolfgang Hartenstein

Dr. phil., geb. 1928; seit 1997 Berater von Infratest dimap; seit 1965 Mitarbeit bei der ARD-Wahlberichterstattung.

Anschrift: Im Apfelgarten 36, 53177 Bonn.
E-Mail: swhartenst@aol.com

Veröffentlichungen u.a.: in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 21/2002; regelmäßige Beiträge zu Nachwahlanalysen in infas Politogramm und Infratest dimap WahlReport.


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