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31.10.2002

Gewalt in modernen Gesellschaften - zwischen Ausblendung und Dramatisierung

Öffentliche Diskussionen über Gewalt und sozialwissenschaftliche Analysen sind hierdurch geprägt: eine spezifische Spannung zwischen Ausblendung und Dramatisierung von Gewalt.

Einleitung

Gewalt in modernen Gesellschaften ist ein paradoxes Phänomen: Einerseits gelten solche Gemeinwesen ihrem Selbstverständnis nach als zivilisiert, als zumindest nach innen gewaltfrei und befriedet. Gerade dies wird als Unterschied zu vormodernen oder nichtmodernen Gesellschaften angesehen. Andererseits werden immer wieder Horrorszenarien einer allgegenwärtigen Gewalt entwickelt. Ein "Krieg in den Städten" oder "Zeitbomben in den Vorstädten" drohten die moderne Gesellschaft in ihrem Inneren zu zerstören. Jugendgewalt, rechte Gewalt, Gewalt in den Medien, Gewalt in der Schule, Gewalt in der Familie, Bandengewalt - alles verdichtet sich zu einem düsteren Bild des Zerfalls der Gesellschaft. Nicht nur die öffentliche und politische Diskussion um Gewalt ist durch diese Spannung zwischen Ausblendung einerseits und Dramatisierung andererseits geprägt. Auch sozialwissenschaftliche Analysen zu Gewalt bewegen sich zwischen diesen beiden Polen und liefern entsprechende Erklärungen, Umfrageergebnisse und Statistiken.


Beiden Haltungen - Ausblendung und Dramatisierung - ist gemeinsam, dass Gewalt als Fremdkörper, als Defizit und als Synonym für Bedrohung, Zerfall und Auflösung der Gesellschaft betrachtet wird: Entweder bricht Gewalt als Barbarei von außen in die Gesellschaft herein, oder sie löst - als Pathologie der modernen Gesellschaft - diese von innen, aus ihrer Mitte heraus auf. Eine solche Defizitperspektive bietet keinen geeigneten Ausgangspunkt, um das Phänomen "Gewalt", seine Ursachen und Hintergründe, Abläufe und Prozesse, Effekte und Folgen angemessen analysieren zu können.

Auf der gesellschaftstheoretischen Ebene führt die einseitige Verbindung von Gewalt mit Desintegration - d.h. dem Auseinanderbrechen und Zerfall sozialer Ordnung - dazu, dass die integrierenden, ordnungsstiftenden und -stabilisierenden Wirkungen von Gewalt nicht in den Blick geraten. Gerade darin dürfte aber ein Grund für die Attraktivität und Dauerhaftigkeit von Gewalthandeln liegen. Diese Defizitperspektive auf Gewalt führt in der Tendenz dazu, alle möglichen Phänomene, die als Übel der Gesellschaft erscheinen (Leistungsdruck, Individualismus, Pluralisierung von Werten, Rückzug aus Institutionen etc.) zur unscharfen und vagen Diagnose einer "desintegrierten Gesellschaft" zu verdichten und diese als Ursache für Gewalt auszugeben. Kulturpessimistisch zugespitzt, erscheinen alle produktiven Auswege, Lösungen und Bearbeitungen von Gewaltereignissen geradezu aussichtslos.

Auf der handlungstheoretischen Ebene blendet eine defizitorientierte Gewaltanalyse das eigentliche Gewalthandeln, dessen durchaus unterschiedlichen Kontext, Verlauf und die Folgen aus. Individualistisch verengt, erscheinen die Akteure (vor allem die Täter) entweder einseitig als instrumentell orientiert, den eigenen Nutzen durchsetzend oder aber als Opfer anonymer allgemeingesellschaftlicher Wirkkräfte (Desintegration, Modernisierung, Globalisierung). Sowohl der meist kollektive Charakter von Gewaltereignissen als auch der häufig Ziel-Mittel-Kalkulationen entgrenzende, euphorisierende Charakter von Gewalthandeln und seine Eigendynamiken bleiben ausgeblendet. Zudem wird in den meisten Gewaltanalysen davon ausgegangen, dass Gewalt eine eindeutige, objektiv vorhandene und messbare Größe ist - als sei nicht gerade die Einstufung einer Handlung als Gewalt Gegenstand historischen und kulturellen Wandels und vor allem sozialer und kultureller Auseinandersetzungen. Damit und in Verbindung mit den oft radikal kulturpessimistischen Gesellschaftsdiagnosen werden Gewaltanalysen selbst (teils gewollt, teils ungewollt) zum Spielball von Begriffsstrategien, Dramatisierungen, Stigmatisierungen und des Rufs nach "Recht und Ordnung".

I. Gewaltbegriffe und Gewaltdefinitionen

Scheint Gewalt zwischen Ausblendung und Dramatisierung an Kontur zu verlieren, liegt es nahe, sich zunächst des Gegenstandes zu versichern. Was ist überhaupt "Gewalt"?

Die Betrachtung von Gewaltbegriffen führt zunächst zu einer unüberschaubaren Vielfalt, die nicht abschließend systematisierbar ist: physische, psychische, strukturelle, kulturelle, legitime, legale, offene, verdeckte, stille, soziale, politische Gewalt, Gewalt gegen Personen, gegen Sachen sind nur einige Begriffe aus dieser Fülle. Friedhelm Neidhardt hat für den deutschsprachigen Raum einen Vorschlag zur Begriffssystematisierung gemacht. Danach liegt der Bedeutungskern von Gewalt in der "physische[n] Zwangseinwirkung von Personen mit physischen Folgen für Personen"[1]. Davon ausgehend gibt es zahlreiche Begriffserweiterungen, wie z. B. Gewalt gegen Sachen oder strukturelle Gewalt. Die Ausweitung und Entgrenzung des Gewaltbegriffs kann, wie im Fall der strukturellen Gewalt, sehr weit gehen. Gewalt wird dabei definiert "als etwas Vermeidbares, das der menschlichen Selbstverwirklichung im Weg steht"[2], und gerät so zu einem beliebigen, ununterscheidbaren Phänomen, das alle Übel dieser Welt differenzenlos erfassen soll.

Vor dem Hintergrund dieser ausufernden Begriffsverwendung von Gewalt plädieren Friedhelm Neidhardt und Heinrich Popitz für die Verwendung eines restriktiven, engen Gewaltbegriffs ganz im Sinne des o.g. Begriffskerns [3]. Dabei stößt jedoch eine solche enge Gewaltdefinition immer wieder an ihre Grenzen, denn auch die Anbindung an die Körperlichkeit von Gewalt, an die Materialität von Schmerz und Verletzung, vermag die Einschreibung sozialen Handelns (eben auch Gewalthandelns) in sozial, kulturell und historisch verschiedene Kontexte nicht aufzuheben. Wie richtig dieser Hinweis auf die Körperlichkeit von Gewalt und das Festhalten an einem engen, restriktiven Gewaltbegriff auch ist, so wenig kann er die Unschärfe des Gewaltbegriffs definitorisch aufheben. Welche Ereignisse jeweils als Gewalt thematisiert werden, hängt von deren sozialen, kulturellen und historischen Kontexten ab, dafür sensibilisieren sowohl historische als auch kulturanthropologische Studien.[4]

Ein aktuelles Phänomen, das die Grenzen einer abschließenden Definition aufzeigt, ist Gewalt in der Familie. Sowohl körperliche Züchtigung von Kindern als auch Vergewaltigung in der Ehe lassen sich unter einen restriktiven, physischen Gewaltbegriff subsumieren. Beides sind Praktiken mit einer langen Geschichte, und dennoch werden sie erst in den vergangenen Jahrzehnten als Gewaltphänomene diskutiert, finden Opfer eine Sprache, um ihre Erfahrungen zu artikulieren, setzen politische Diskussionen und schließlich die strafrechtliche Sanktionierung ein. Offenbar bedarf es erst sozialer, kultureller und politischer Bewegungen, bis Gewalt in der Familie aus der Normalität autoritärer Familienstrukturen herausgeholt und zu einem Gewaltphänomen gemacht wird.

Wenn also die unterschiedslose Ausweitung des Gewaltbegriffes nicht attraktiv erscheint, dann bietet es sich an, einen auf physische Gewalt begrenzten Begriff zu verwenden. Zugleich muss aber klar bleiben, dass sich damit keine objektive Definition aus der "Natur der Sache" heraus gewinnen lässt. Was jeweils Gewalt ist, bleibt von Kontexten abhängig und damit variabel.

II. Die gewaltfreie Moderne

Sowohl der Ausgangspunkt - eine sich als gewaltfrei verstehende Moderne, die sich immer mehr mit Gewalt konfrontiert sieht - als auch die Schwierigkeiten einer Definition von Gewalt legen es nahe, fundamental verschiedene Perspektiven auf Gewalt zu unterscheiden. Diese sind wesentlich durch spezifische historische Erfahrungen von Gewalt (zu nennen sind vor allem die religiösen Bürgerkriege im Europa des 17. Jahrhunderts, der Erste Weltkrieg und der nationalsozialistische Völkermord an den europäischen Juden) geprägt und stellen die Frage nach dem Verhältnis von Moderne und Gewalt jeweils neu.

Die einflussreichste Perspektive auf die Beziehung von Gewalt und Moderne ist sicherlich die aufklärerisch-liberale Auffassung: Gewalt ist das Außen der sozialen Ordnung, sie ist der Gegensatz zu moderner Gesellschaft, Staat, Recht und Vernunft. Schon bei Thomas Hobbes steht vor dem Hintergrund der historischen Erfahrungen der europäischen Religions- und Bürgerkriege des 17. Jahrhunderts Gewalt, ihre Vermeidung und die Befriedung der Gesellschaft im Mittelpunkt seiner gesellschaftstheoretischen Überlegungen. Das Thema Gewalt versus moderne Gesellschaft bleibt in der neuzeitlich-modernen Reflexion über Staat und Gesellschaft zentral und wird in der Aufklärung optimistisch gedeutet: Fortschreitende Industrialisierung und Demokratisierung führen zur Abnahme von Gewalt. Dieses Selbstverständnis bleibt - als Zivilisations- und Modernisierungstheorie neu formuliert - bis heute einflussreich: Zunehmende Modernisierung und Zivilisierung, die Etablierung des staatlichen Gewaltmonopols, die Verlängerung von Handlungsketten, wachsende soziale Differenzierung und zunehmende Affektkontrolle führen zu einem Rückgang an innergesellschaftlicher Gewalt.[5]

Aus dieser Perspektive liegt es nahe, in modernen Gesellschaften dennoch auftretende Gewalt bagatellisierend auszublenden oder aber dramatisierend als Rückfall in die Barbarei zu deuten. Die Rede von der plötzlichen Heimsuchung, vom schicksalhaften Hereinbrechen von Gewalt, vom irren Täter, aber auch die Rede von erhöhter Gewalttätigkeit aufgrund kultureller Prägungen in einer nicht oder nicht vollständig modernisierten Gesellschaft sind Beispiele dafür, wie das Phänomen Gewalt außerhalb moderner Gesellschaften und ihrer sozialen Ordnung verortet wird. Da Gewalt kein Bestandteil von Modernität sein kann, bleibt es bei einer Betrachtung von Gewalt als Defizit, als Fremdkörper, der außerhalb der sozialen Ordnung steht.Über die Schwierigkeiten sozialwissenschaftlicher Theorie, das Verhältnis von Modernität und Krieg vor diesem Hintergrund zu analysieren [6].

III. Sensibilisierung und Begriffsstrategien: Verunsicherungen der gewaltfreien Moderne

Das Selbstverständnis einer gewaltfreien Moderne erzeugt aus sich selbst heraus Verunsicherung und Destabilisierung, die zu immer neuen Dramatisierungen einer Zunahme von Gewalt führen. Dies geschieht auf zwei Ebenen:

Auf der ersten Ebene erfolgen langfristige Sensibilisierungsprozesse gegenüber Gewalt, die sich gerade aus der historischen Erfahrung des staatlichen Gewaltmonopols, seiner erfolgreichen Durchsetzung und seiner emphatischen Thematisierung im modernen Selbstverständnis ergeben. Denn es ist durchaus von einem kulturellen Wandel auszugehen, der als Gewöhnung an die Errungenschaften des Zivilisationsprozesses zu einer höheren Sensibilität gegenüber Gewalt führt. [7] Auf dieser Ebene scheint gerade der Erfolg des Modernisierungs- und Zivilisierungsprozesses für eine erhöhte Sensibilität gegenüber Gewalt und damit auch für die Wahrnehmung von immer mehr und immer neuer Gewalt in der Gesellschaft verantwortlich zu sein.

Auf einer zweiten Ebene verbindet sich die definitorische Unschärfe von Gewalt mit der stark negativen Konnotation, die Gewalt im modernistischen Selbstverständnis erlangt. Beides zusammen führt zu einem strategischen Einsatz des Gewaltbegriffs in politischen und sozialen Diskussionen. Gewalt kann dabei als "Verdichtungssymbol" zur Bezeichnung nahezu beliebiger Handlungsweisen und Sachverhalte verwendet werden, um diese zu diskreditieren und zu skandalisieren. Indem Probleme als "Gewalt" bezeichnet werden, ist die moralische Empörung sicher, verstärken sich Solidaritätsgefühle der Ankläger und können neue Unterstützer mobilisiert werden." [8] Zugleich neigt eine solche Entzifferung von sozialen Beziehungen als Gewaltverhältnisse zur "Abstraktion von Verschiedenheiten und der Verbindung neuer Störungen zu alten ‘Problemzurichtungen‘ wie der steigenden ‘Gewalt-Kriminalität‘ und der 'allgegenwärtigen Gewalt'" [9]. Daran schließt regelmäßig die Metapher von der "Spitze des Eisberges" an: "Die Erweiterung des Falls erfolgt argumentativ, nach dem einfachen Muster des Assoziierens. Ein konkreter, spektakulärer, vielleicht auch extremer Fall wird als Teil eines größeren dahinter stehenden, bedeutsameren und bedrohlicheren Problems konzipiert." [10] Verschiedenartige Phänomene werden in einer einleuchtend erscheinenden Weise als "Gewalt" zusammengefasst und verweisen dadurch auf scheinbar ähnliche Erfahrungen, Probleme, Ursachen und Lösungen - allerdings um den Preis, von allen kontext- oder fallspezifischen Besonderheiten abzusehen.

Dabei scheinen sich zwei Typen der Skandalisierung herauszuschälen:

- erstens politische Kritik als Gewaltkritik, bei der spezifische soziale Beziehungen in modernen Gesellschaften als Gewaltverhältnisse entlarvt werden. Dieses Vorgehen lässt sich bei den meisten sozialen Bewegungen wie der Arbeiterbewegung, feministischen, antirassistischen Bewegungen und der Friedensbewegung feststellen, die jeweils zuvor "normale" soziale Verhältnisse als Gewaltverhältnisse aufgedeckt haben (siehe auch oben das Beispiel Gewalt in der Familie).

- zweitens Sozialkritik als Gewaltkritik, in der bestimmte strukturelle Merkmale moderner Gesellschaften als Ursachen für individuelles Gewalthandeln ausgemacht werden. Gewalt selbst ist dabei ein Symptom des Zerfalls moderner Gesellschaften. In einer kulturkritischen, konservativen Variante werden egoistischer Individualismus und der Verlust gemeinsamer Werte durch Pluralisierungsprozesse für den Zerfall moderner Gesellschaften verantwortlich gemacht. In einer sozialreformerischen Variante werden vor allem strukturell in modernen Gesellschaften auftretende sozioökonomische Benachteiligungen als Ursache für individuelles Gewalthandeln genannt.

Gemeinsam ist allen diesen Prozessen der Sensibilisierung und des strategischen Einsatzes des Gewaltbegriffs (als politische Kritik, als Sozialkritik in konservativer oder sozialreformerischer Absicht) eine Destabilisierung des Selbstverständnisses einer gewaltfreien Moderne. Gerade die Positionierung von Gewalt als negatives Zentrum der modernen Gesellschaft scheint den Rahmen dafür zu bilden, dass immer mehr Gewaltphänomene entdeckt werden bzw. Gewaltereignisse dramatisierend verdichtet sofort auf eine Gefährdung der sozialen Ordnung als Ganzes zu verweisen scheinen. Wenn aber jedes Gewaltphänomen einen Angriff auf die Gesellschaft darstellt, ruft dies zunächst das staatliche Gewaltmonopol auf den Plan, und der Ruf nach "Recht und Ordnung" wird laut. Inwieweit dies eine Lösung des Gewaltproblems oder nicht vielmehr seine Fortsetzung und Verstärkung bewirkt, ist fraglich [11]. Daraus folgt, dass eine Analyse von Gewalt ausschließlich in Begriffen von Ordnungsbedrohung und -zerfall für eine angemessene Erklärung von Ursache, Kontexten und Folgen von Gewaltphänomenen zu kurz greift.

IV. Gewalt als Prinzip der Moderne

Je weiter diese Sensibilisierungen und Begriffsstrategien zur Aufdeckung von immer mehr Gewalt in der modernen Gesellschaft führen und je akuter die Zunahme der Gewalt wahrgenommen wird, desto mehr besteht die Tendenz, das fundamentale Verhältnis von Moderne und Gewalt umzukehren: Gewalt ist dann nicht mehr außerhalb der Moderne, allenfalls als Ausnahme bagatellisiert oder als Rückfall in die Barbarei dramatisiert. Gewalt wird vielmehr als inhärentes Grundprinzip moderner Gesellschaften verstanden, das aus der Mitte moderner Gesellschaften kommt. Hier ist es wichtig, eine "starke" und eine "schwache" Lesart dieser Gleichsetzung von Moderne und Gewalt zu unterscheiden.

1. Gleichsetzung von Moderne und Gewalt - "starke" Lesart



Die "starke" Lesart nimmt - in durchaus unterschiedlichen Ausrichtungen wie etwa Theodor W. Adornos/Max Horkheimers "Dialektik der Aufklärung" und Wolfgang Sofskys "Traktat über die Gewalt" - übereinstimmend an, dass Moderne und Zivilisation insgesamt und wesentlich eine Entfesselung von Gewaltpotenzialen verursachen. [12] Diese radikale, kulturpessimistische Umkehr der modernistischen Behauptung einer gewaltfreien Moderne nimmt ihren Ausgangspunkt in der historischen Erfahrung des Holocausts, der Ermordung der europäischen Juden während des Nationalsozialismus. Der historische Fokus der radikalen Lesart weitet sich zugleich: Nicht mehr die Moderne allein, sondern die gesamte Zivilisationsgeschichte besteht in einer Steigerung von Gewalt, Grausamkeit und Barbarei.

Als Korrektur an einer verharmlosenden Analyse einer gewaltfreien Moderne, die NS-Verbrechen, aber auch koloniale Unterdrückung nur als Ausnahmen und "Betriebsunfälle" moderner Gesellschaften oder als Ausdruck fehlender Modernisierung deuten kann, ist diese Lesart einer gewaltgetränkten Zivilisation und Moderne wichtig. Ihre totale, reflexhafte Umkehrung der These einer gewaltfreien Moderne zur These von der Barbarei aller Zivilisation schießt aber über das Ziel hinaus: Die unterschiedlichsten Gewaltphänomene werden in universalgeschichtlicher Perspektive als Verkörperung einer fundierenden Gewalt, als bloße Archetypen oder Ausprägungen des zentralen Prinzips subsumiert. Derart dramatisiert scheint Gewalt überall drohend und bleibt doch zugleich als Phänomen ausgeblendet. Gewalt wird zu einem abstrakten Prinzip, bei dem eine Betrachtung der historischen, kulturellen und sozialen Umstände konkreter Gewalttaten nicht mehr notwendig erscheint. Der Blick auf Gewaltphänomene und ihre produktive Bearbeitung, auch im Sinne einer Suche nach Problemlösungen, wird dabei systematisch verstellt.

2. Gleichsetzung von Moderne und Gewalt - "schwache" Lesart



Die "schwache" Lesart einer gewalthaltigen Moderne steht gewissermaßen im Übergang zwischen den beiden extremen Alternativen. Sie resultiert aus der oben dargestellten Verunsicherung des modernistischen Selbstverständnisses, die sich aus dramatisierenden Begriffsstrategien vor allem in sozial- oder kulturkritischer Absicht ergibt. Wenn Gewaltphänomene mit Verweis auf Deprivationsprozesse, also auf soziale und ökonomische Benachteiligung und die Ungleichheitsstrukturen moderner Gesellschaften erklärt werden, dann wird die Ursache für Gewalt zwar in der Mitte moderner Gesellschaften verortet - zugleich lassen sich diese Analysen aber so lesen, dass es ihnen um die Kritik einer bestimmten (z. B. neoliberalen) Variante der Modernisierung geht. Damit steht eine solche "schwache" Lesart einer gewaltförmigen Moderne im Übergangsbereich zum Selbstverständnis einer gewaltfreien Moderne, das trotzdem Fundament der Analyse bleibt.

V. Aktuelle Gewaltforschungen: Gewalt aus der Mitte der Gesellschaft

Die "schwache" Lesart einer der Moderne innewohnenden Gewalt findet sich auch bei Desintegrations-Diagnosen. Diese betrachten als Ursache von Gewalt nicht nur reale oder wahrgenommene Benachteiligung, sondern auch die Überspitzung egoistischer Werte bzw. den Zerfall integrierender Werte sowie die Auflösung sozialer Zusammenhänge infolge von Modernisierungs- und Globalisierungsprozessen. Je dramatisierender aber die Ursache-Wirkung-Beziehung - Deprivations- und Desintegrationsprozesse als Ursache von Gewalt - dargestellt wird, desto mehr nähert die "schwache" Lesart sich der "starken" an: Die pessimistische Kritik an der Gesellschaft überlagert die Suche nach produktiven Alternativen, und der Eindruck setzt sich durch, moderne Gesellschaften überhaupt führten zu einer scheinbar unausweichlichen regelrechten Explosion der Gewalt.

Diese Spannung zwischen der Vorstellung einer gewaltfreien und einer gewaltdurchtränkten Moderne führt zu charakteristischen Verschränkungen von Ausblendungen und Dramatisierungen von Gewalt in der empirischen Gewaltforschung. Da sich das tatsächliche Handeln der Befragten nur schwer in Fragebögen dokumentieren lässt, werden vor allem Einstellungs- und Orientierungsmuster der Interviewten erfragt und analysiert. Die Erforschung von Gewalthandeln tritt in den Studien zugunsten der aufwändigen Erforschung von individuellen Einstellungen wie "Gewaltakzeptanz" und "Gewaltbereitschaft" zurück. Die wenigen Fragen, die dem eigenen Gewalthandeln gelten, sind in stereotypen "Um-zu"-Formulierungen gehalten, die zweckorientierte, instrumentalistische Motive für Gewalthandeln immer schon alternativlos voraussetzen, d.h., andere als rational kalkulierende Motive bleiben ausgeblendet. Dies erweist sich als Dramatisierung von Gewalt, weil das Merkmal "Gewaltbefürwortung" wesentlich häufiger verbreitet ist als das Merkmal "Gewalttätigkeit". So äußern (je nach Formulierung der Frage) bis zu 60 Prozent der Befragten gewaltakzeptierende Haltungen, dagegen geben ca. 12 Prozent an, im vergangenen Jahr körperliche Gewalt angewandt zu haben. Entsprechend der variierenden Frage verändert sich auch der Anteil der "Gewaltbefürworter" z. T. drastisch und wird zu einer beliebigen Zahl. Methodisch unzulässigerweise wird der Unterschied zwischen Einstellungen und Verhalten der Individuen verwischt: Die Zustimmung zu Aussagen über die Normalität von Gewalt wird schlicht als Gewaltbefürwortung und gänzlich irreführend sogar als Gewalttätigkeit interpretiert. [13]

Als Ursache von Gewalt werden in Form von gesellschaftlichen Desintegrationsprozessen regelmäßig allgemeine gesamtgesellschaftliche Strukturveränderungen angenommen. Unklar bleibt dabei jedoch erstens, inwiefern die kulturpessimistisch gefärbte Diagnose "Desintegration" überhaupt haltbar ist, und zweitens, auf welche Weise sich solche makrostrukturellen Ursachen auf der Ebene der Akteure auswirken. Denn häufig hat es den Anschein, als verschwinde Gewalthandeln zwischen individuellen Einstellungen und gesamtgesellschaftlichen Strukturen. Indem für jegliches Gewalthandeln ein diffuses Ensemble allgemeiner sozialer Strukturprobleme (eben Desintegration) als Ursache angenommen wird, erscheinen gewaltförmig Handelnde immer als passive Opfer sozialstruktureller Prozesse.

Desintegrationstheorien basieren auf der Vorstellung eines romantisch idealisierten Normalzustandes einer wohlgeordneten, homogenen, durch gemeinsam geteilte Normen integrierten Gesellschaft, die in einer Art Gleichgewichtszustand verharrt. Jede Form sozialer Wandlungs- und Pluralisierungsprozesse erscheint als Gefahr, als drohende Auflösung und Zerfall sozialer Ordnung. Abgesehen von der Frage, wie (nicht zuletzt historisch) realistisch dieses Idealbild einer "integrierten Gesellschaft" ist, verstellt diese Perspektive systematisch den Blick für die Analyse sozialer Wandlungsprozesse, die ja nicht nur in der Auflösung sozialer Ordnung bestehen, sondern auch in deren Umformung und Neubildung.

Diese Ausblendung von Reintegrationsphänomenen wird am Beispiel der Analyse von Jugendszenen deutlich: "Es findet nach wie vor eine rapide Flucht aus den Institutionen, zumal den Organisationen statt: seien es Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Jugendverbände etc. ... Der größte Teil etwa der Jugendlichen demonstriert es beispielhaft: Ihr Agieren, gleich welcher Art, findet zunehmend jenseits (verbindlicher) Institutionen in (unverbindlichen, fluiden) Szenen statt. Damit wird ein Kohäsionsproblem als Variante mangelnder Integration sichtbar." [14] Jugendszenen derart unvermittelt und einseitig als "Variante mangelnder Integration" zu bezeichnen ist wenig plausibel und widerspricht den Ergebnissen der Jugendforschung. [15] Die gemeinschafts- und milieustiftende, also (re)integrierende "Wirkung" von Jugendszenen kommt bei der Desintegrationstheorie gar nicht erst in den Blick. Dies führt auch zur Ausblendung der integrierenden, soziale Ordnung schaffenden Wirkung von Gewalthandeln in solchen Szenen. [16] Dass diese Jugendlichen zumeist in Gruppen durchaus mittels Gewalt soziale Zugehörigkeit schaffen - sei es in der Provokation der (stigmatisierenden) Öffentlichkeit, sei es sogar durch die Öffentlichkeit vor Ort geduldet -, bleibt verborgen. Genau in dieser (Re-)Integrationsleistung könnte aber ein Grund für die Attraktivität gewaltaffiner Jugendszenen liegen.

Durch die Ausblendung von Reintegrationsprozessen und von (in diesem Sinne) "produktiven" Wirkungen von Gewalt wird nicht nur der Blick für die Analyse von Gewaltphänomenen verstellt. Die Defizitperspektive führt auch zu einer Dramatisierung und Totalisierung der Desintegrations-Diagnose, und damit zu einem perspektiv- und alternativenlosen Panorama moderner Gesellschaft. Vollends fragwürdig wird das Desintegrationsmodell dadurch, dass teilweise gar keine statistischen Zusammenhänge zwischen "Desintegration" und "Gewalttätigkeit" aufgewiesen werden können bzw. der Anteil der "Desintegrierten" unter den Befragten immer weitaus höher ist (etwa sechs von zehn Befragten), als der Anteil der "Gewalttätigen" und "Gewalt Befürwortenden" (etwa einer von zehn Befragten). [17] Warum dann aber nur einige "Desintegrierte" Gewalt ausüben oder sich dazu bereit erklären, der Großteil (wie auch die Nicht-Desintegrierten) dies nicht tut, bleibt unerklärt.

Nicht zuletzt die Unterschätzung der Repräsentationen von Gewalt führt zu einem Ineinandergreifen von Ausblendung und Dramatisierung. So wird im Fragebogen immer schon vorausgesetzt, dass Gewalt eine einheitliche objektiv messbare Größe ist und alle Befragten etwa unter "absichtsvoll geschlagen oder verprügelt" das Gleiche verstehen. Kontext, Situationen, Intensität, Verlauf und Folgen von Gewaltereignissen und Gewalthandeln spielen keine Rolle, und es bleibt unklar, was genau gemessen wird (z. B. Rauferei auf dem Schulhof oder Messerstecherei, rassistische Menschenjagd oder der Kampf von Jugendgruppen). Zugleich öffnet sich durch diese Vagheit das Feld für Spekulationen, die die Grenze zur Stigmatisierung überschreiten, wie in einer Studie über türkische Jugendliche und ihre vergleichsweise höhere Gewalttätigkeit und -bereitschaft. [18] Dass der "Spiegel" diese Untersuchung zur Untermauerung seiner These von den "Zeitbomben in den Vorstädten" heranzieht, verwundert dann kaum. [19]

VI. Alternativen

1. Repräsentation von Gewalt, Gewaltapologien



Auf der Suche nach alternativen Konzepten zur Analyse von Gewalthandeln und Gewaltereignissen gilt es, zwei Missverständnisse zu vermeiden: Erstens die Folgerung, Gewalt sei nichts anderes als ein Konstrukt, so dass es reiche, die verschiedenen Repräsentationen (Definitionen, Dramatisierungen, Stigmatisierungen etc.) von Gewalt zu studieren (und zu ‘entlarven‘), während man über Gewalt selbst als Phänomen keine Aussage treffen könne. Eine solche, in der Kriminologie als labeling approach bekannte Perspektive, die sich auf die Untersuchung der institutionell (durch Polizei, Gerichte, Medien) produzierten Grenzziehungen zwischen "normal" und "abweichend"/kriminell beschränkt, blendet die Ebene des Handelns, der Akteure und ihrer Körperlichkeit aus. Nicht zuletzt Schmerz, Verletzungen und bisweilen der Tod des Opfers zeigen, dass das Phänomen Gewalt nicht in bloßen Konstruktions- und Definitionsprozessen aufgeht. Die Untersuchung von Repräsentationen und Konstruktionen von Gewalt bildet zwar einen notwendigen Bestandteil der Analyse von Gewalt, ist aber alleine nicht ausreichend.

Ein zweites mögliches Missverständnis betrifft die Rede von "produktiven" oder "positiven" Wirkungen von Gewalt (im Gegensatz zu der oben kritisierten Defizitperspektive auf Gewalt). Steht der labeling approach immer im Verdacht der Verharmlosung von Gewalt, so gerät man hier in die Nähe einer Verherrlichung von Gewalt. Denn eine dritte Lesart dieses Themas Gewalt und Moderne besteht genau in der Vorstellung einer positiven Gewalt, die gegen die Moderne gerichtet ist. Wie in der modernistischen Vorstellung einer gewaltfreien Moderne sind auch hier Gewalt und Moderne einander entgegengesetzt, nur die Bewertungen sind jeweils umgekehrt: Eine spontane, impulsive, reinigende, rauschhafte, nicht zweckrationale Gewalt ("violence") soll die in ihrer Rationalität und Dekadenz erstarrte bürgerliche Gesellschaft und ihre bürokratische Staatsgewalt ("force") überwinden. Derartige Mythologisierungen und Apologien von Gewalt wurden und werden von links wie rechts geäußert. [20] Sie sind zwar moralisch und politisch abwegig, deuten aber darauf hin, dass Phänomene wie Gewalt und Krieg mehr als reine Mittel sind, wie es die erste Lesart (einer gewaltfreien Moderne) und die zweite Lesart (einer gewaltproduzierenden Moderne) unterstellen. Als euphorisierende und traumatisierende Erfahrung kann Gewalt soziale, kulturelle und psychische Transformationen hervorrufen, spezifische Dynamiken und einen "Eigensinn" gewinnen. Hier wird die prekäre Grenze der Rede von "produktiven" Wirkungen von Gewalt deutlich: Diese bezieht sich gerade nicht auf die moralische Bewertung von Gewalt, sondern darauf, dass Gewalt - statt nur soziale Zusammenhänge und Individuen zu erschüttern und zu zerstören - auch Zugehörigkeiten und Identitäten verändern und schaffen kann. [21]

2. Die Ambivalenz von Moderne und Gewalt



In einer vierten Lesart wird das Verhältnis von Moderne und Gewalt als flexibel und spannungsreich verschränkt gefasst. Weder steht Gewalt außerhalb moderner Gesellschaften (wie in der ersten Lesart), noch ist sie das Prinzip und der Urgrund moderner Gesellschaften (wie in der zweiten Lesart), noch ist es verantwortbar und sinnvoll, einen antimodernen Rausch der Gewalt zu propagieren (wie in der dritten Lesart). Vielmehr stehen Art, Ausmaß und Form spezifisch moderner Formen von Gewalt und verschiedene Arten der Verknüpfung von Gewalt und Modernität im Mittelpunkt kontextorientierter Forschungen. [22] Gewalt ist in dieser Perspektive nicht überall, aber auch nicht außerhalb der Gesellschaft, sondern lässt sich in verschiedenen Zusammenhängen auffinden und analysieren, und sie unterliegt selten einer einzigen pauschalen Ursache (z.B. Desintegration o.Ä.).

Diese Annahme einer ambivalenten, spannungsreichen Beziehung zwischen Gewalt und moderner Gesellschaft kann die falschen Alternativen einer Ausblendung und/oder Dramatisierung von Gewalt umgehen. Am vielversprechendsten sind Studien, die Gewalthandeln in verschiedenen Gruppenkontexten vergleichend rekonstruieren. [23] Dabei wird z. B. der zeitlich begrenzte, periodische Charakter des Gewalthandelns Jugendlicher deutlich, der die Vorstellung erschüttert, Gewalt sei in tief sitzenden Einstellungen, fast als Persönlichkeitsmerkmal im Individuum verankert. Aber auch die Einbettung des Gewalthandelns in Gruppenzusammenhänge bis hin zur Schaffung von kollektiven Zugehörigkeiten durch Gewalt in "Gangs", unter rechten Skinheads, Hooligans oder in der Hardcore-Szene wird deutlich. [24] Derartige ethnographische Studien können verschiedene Formen von Gewalthandeln differenzieren: z. B. selbstzweckhafte, aktionistische Gewalt oder zweckrationale, kalkulierende Gewalt oder ideologisch legitimierte Gewalt. Dabei treten spezifische Allianzen von z. T. hochgradig gesteigerter Individualität einerseits und Kollektivität andererseits, von Flexibilität und Episodenförmigkeit solcher Gruppenzugehörigkeiten auf der einen Seite und ihrer intensiven, Identitäten und Bindungen schaffenden Kraft auf der anderen Seite hervor. Erst auf der Grundlage ihrer Analyse kann eine fundiertere Einschätzung der (auch langfristig) integrativen oder desintegrativen Folgen von Gewalthandeln erfolgen.

Zudem werden Zusammenhänge zwischen dem Gewalthandeln der Akteure und deren Repräsentation in der Öffentlichkeit und in den Medien deutlich. Dies betrifft die spezifischen Aneignungen medial und global verbreiteter popkultureller Stile durch Jugendgruppen vor Ort. Nicht zuletzt auf dieser Ebene setzen basale Differenzierungen ein, die eine einfache Gleichsetzung von Stilen (Skinheads, Death Metal, HipHop, Grafitti etc.) mit einem bestimmten Handeln (z. B. Gewalt) verbieten. Repräsentationen von Gewalt spielen aber auch eine Rolle, wenn es um die Anbindungen einer lokalen Öffentlichkeit an das Gewalthandeln Jugendlicher geht. Auch hier lassen sich von der offenen Duldung und Ermutigung über die Instrumentalisierung des Gewalthandelns (als Türsteher, Saalordner) oder das schlichte Ignorieren bis hin zur Stigmatisierung sehr unterschiedliche (und stets folgenreiche) Reaktionen finden. Darüber hinaus lassen sich die massenmedialen Dramatisierungen "gefährlicher Straßen" und Viertel rekonstruieren, bei denen nicht selten das Phänomen erst vor der Kamera und gegen Bezahlung durch Jugendliche inszeniert wird. [25] Und schließlich finden sich Verschränkungen von Repräsentationen und (Gewalt-)Handeln auch in der Einbindung der Jugendlichen in die Popkultur-/Musikindustrie durch die Professionalisierung ihrer Aktivitäten. Inwiefern musikalische, tänzerische, künstlerische, sportliche u. a. Aktivitäten Gewalthandeln begleiten, vor allem aber ablösen können, wird in den verschiedenen Kontexten sichtbar.

3. Fazit



Um die Verschränkungen von Gewalthandeln und seinen diskursiven Repräsentationen analysieren zu können, rückt die hier unterschiedene vierte Lesart des Verhältnisses von Gewalt und Modernität in den Vordergrund. Erst dieser Rahmen, der von einer ambivalenten Beziehung zwischen Moderne und Gewalt ausgeht, ermöglicht die kontextspezifische Erforschung von Gewaltphänomenen, ohne pauschalisierende Ursachenvermutungen und jenseits verharmlosender Ausblendung, kulturpessimistischer Dramatisierung oder unhaltbarer Verherrlichung von Gewalt. Auf diese Weise können dann spezifisch moderne Formen von Gewalt differenziert erfasst werden und es ermöglichen, aus dem Gewaltdilemma der Moderne auszubrechen, das Jan Philipp Reemtsma in die Worte fasst: "Die Moderne nun ist vom Thema der Gewalt einerseits besessen, andererseits hat sie beträchtliche Formulierungsschwierigkeiten dabei." [26]

Internetverweise des Autors:

Arbeitsgemeinschaft sozialwissenschaftliche Forschung und Weiterbildung (Universität Trier)

Hamburger Institut für Sozialforschung

Institut für Konflikt- und Gewaltforschung (Universität Bielefeld)

Zentrum für Konfliktforschung (Universität Marburg)

Forschungen zu Jugendkulturen und Gewalt

Fußnoten

1.
Friedhelm Neidhardt, Gewalt. Soziale Bedeutungen und wissenschaftliche Bestimmungen des Begriffs, in: BKA (Hrsg.), Was ist Gewalt?, Bd. 2, Wiesbaden 1986, S. 123.
2.
Johan Galtung, Der besondere Beitrag der Friedensforschung zum Studium der Gewalt, in: Hans Saners/Kurt Röttgers (Hrsg.), Gewalt, Basel-Stuttgart 1978, S. 11.
3.
Vgl. Heinrich Popitz, Phänomene der Macht, Tübingen 1992, S. 48, und Trutz v. Trotha (Hrsg.), Soziologie der Gewalt, Opladen 1997.
4.
Vgl. z.B. Thomas Lindenberger/Alf Lüdtke (Hrsg.), Physische Gewalt, Frankfurt/M. 1995, und Paul Hugger/Klaus Stadler (Hrsg.), Gewalt. Kulturelle Formen in Geschichte und Gegenwart, Zürich 1995.
5.
So zumindest eine Lesart von Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation, Frankfurt/M. 1989.
6.
Vgl. Hans Joas, Krieg und Werte, Weilerswist 2000
7.
"Die Bereitstellung von Sicherheitsnetzen in allen Bereichen des alltäglichen Lebens (Versicherungen gegen Krankheit, Arbeitslosigkeit, Lebensversicherungen etc.) führt zur Herausbildung neuer Sicherheitsbedürfnisse. Physische Sicherheit wird als Recht betrachtet; das Verlangen danach steigt, je mehr andere Zufälle des Lebens abgedeckt werden ... Durch die Entwicklung medizinischer Techniken (so etwa Betäubungsmittel, Schmerzmittel) wurden Empfindlichkeiten gesteigert und die Schwelle tolerierter Gewalt beachtlich gesenkt." Jean-Claude Chesnais, The history of violence, in: International Social Science Journal, 44 (1992), S. 222 f. (Übers. C. L.).
8.
Das Skandalisieren zielt auf das Herstellen von Gemeinsamkeiten zwischen interessierten, in einem Konflikt stehenden Betroffenen (bzw. deren Advokaten) und den noch desinteressierten Nicht-Betroffenen. Skandalisieren stellt die Gemeinsamkeit dadurch her, dass ein Ereignis oder eine Situation als ein Fall von 'Normbruch' konzeptualisiert wird. ... Skandalisieren mag ein Problem auf die öffentliche Tagungsordnung bringen, aber um den Preis seiner Moralisierung." Helga Cremer-Schäfer, Skandalisierungsfallen, in: Kriminologisches Journal, 27 (1995), S. 27.
9.
Ebd., S. 30.
10.
Ebd., S. 32.
11.
Zudem produziert der moralisierende Charakter solcher Skandalisierungen hoch effektive Ausgrenzungen und Stigmatisierungen, die sich auch als sich selbst erfüllende Prophezeiungen auswirken und selbst Gewalt erzeugen können. Wie z.B. Skinheads nach und nach die Fremdzuschreibung als "rechts" zu ihrer eigenen Selbstbeschreibung machen, zeigen die Fallbeispiele bei Ralf Bohnsack u.a., Die Suche nach Gemeinschaft und die Gewalt der Gruppe, Opladen 1995.
12.
Vgl. Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt/M. 1992 und Wolfgang Sofsky, Traktat über die Gewalt, Frankfurt/M. 1996.
13.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer u. a., Gewalt. Schattenseiten der Modernisierung, München 1995, S. 133.
14.
Ders., Gibt es eine Radikalisierung des Integrationsproblems?, in: ders. (Hrsg.), Was hält die Gesellschaft zusammen?, Frankfurt/M. 1997, S. 60 (Hervorhebung i. Orig.).
15.
Vgl. z. B. R. Bohnsack u. a., (Anm. 11); Roland Eckert u. a., "Ich will halt anders sein wie die anderen", Opladen 2000; Roland Hitzler u. a., Leben in Szenen, Opladen 2001.
16.
"Die Modelle haben deswegen pseudohaften Charakter, weil sie ... nicht tatsächlich integrieren - nationalistische, rassistische, fundamentalistische oder gewalttätige Jugendliche können sich nur um den Preis einer allgemeinen Stigmatisierung ihre soziale Heimat schaffen." W. Heitmeyer (Anm. 14), S. 42.
17.
Hier am Beispiel "Misstrauen" und "Kritikabwehr"; vgl. W. Heitmeyer (Anm. 13), S. 455 für die Daten, S. 166 ff. für die Interpretation.
18.
"Hier ist zu vermuten, dass v.a. bei männlichen Jugendlichen kulturbedingte Sozialisations- und Erziehungsbedingungen zu Buche schlagen, die nicht zuletzt mit traditionalen Geschlechtsrollenzuschreibungen auch hinsichtlich der Duldung bzw. sogar Forderung der Ausübung körperlicher Gewalt verknüpft sind (‘Verteidigung der Ehre‘)" W. Heitmeyer u. a., Verlockender Fundamentalismus, Frankfurt/M. 1997, S. 113.
19.
Der Spiegel, Nr. 16, 1997.
20.
Vgl. z.B. aus antikolonialer Sicht Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt/M. 1981, und das Vorwort von Jean Paul Sartre darin; im Übergang zwischen Anarchosyndikalismus und Mussolinis Faschismus Georges Sorel, Über die Gewalt, Frankfurt/M. 1981; von rechtskonservativer, zeitweise faschistischer Seite Ernst Jünger, Der Kampf als inneres Erlebnis, Berlin 1922.
21.
Stärker analytisch gewendet setzen hier vor allem religionssoziologische Analysen zu rauschhaften, entgrenzenden (und bisweilen gewaltförmigen) Ritualen an, in denen soziale Bindungen und Symbole reproduziert werden. Vgl. Emile Durkheim, Über die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt/M. 1992, sowie H. Joas (Anm. 6) und ders., Kreativität des Handelns, Frankfurt/M. 1992.
22.
In diese Richtung gehen z. B. T. v. Trotha (Anm. 3), T. Lindenberger/A. Lüdtke (Anm. 4) und H. Joas (Anm. 6).
23.
Vgl. z.B. in Bezug auf Jugendgruppen und -szenen die Studien von R. Bohnsack u. a. sowie R. Eckert u. a. (Anm. 15).
24.
Vgl. auch Katharina Inhetveen, Gesellige Gewalt, in: T. v. Trotha (Anm. 3) und Christoph Liell, Gewalt in der "Gang", in: Frank Gesemann (Hrsg.), Migration und Integration in Berlin, Opladen 2001 und ders., "Anmache", Rap und Breakdance. Identitäten und Praktiken Jugendlicher türkischer Herkunft in der HipHop-Szene, in: Werner Rammert u. a. (Hrsg.), Kollektive Identitäten und kulturelle Innovationen, Leipzig 2001.
25.
Vgl. z.B. Hans Findeisen/Joachim Kersten, Der Kick und die Ehre, München 1999.
26.
Jan Philipp Reemtsma, Das Implantat der Angst, in: Max Miller/Hans-Georg Soeffner (Hrsg.), Modernität und Barbarei, Frankfurt/M. 1996.

Christoph Liell

Zur Person

Christoph Liell

Diplomsoziologe, geb. 1972; wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt.

Anschrift: Universität Erfurt, Max-Weber-Kolleg, Am Hügel 1, 99084 Erfurt.
E-Mail: liell@efferveszenz.de

Veröffentlichungen u.a.: Gewalt in der "Gang", in: Frank Gesemann (Hrsg.), Migration und Integration in Berlin, Opladen 2001.


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