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3.8.2018

Laboratorien der ökologischen Moderne? Umwelt, Wissen und Geschichte (auf) der kleinen Insel

Die historische Forschung hat kleinen Inseln traditionell wenig Beachtung geschenkt. Warum auch sollten sich Historiker_innen mit oft winzigen, von Wasser umgebenen und allem Anschein nach unwichtigen Landflecken beschäftigen, erst recht, wenn sich diese auch noch am "Rande der Welt" befinden? Geschichte wird, wie der Historiker John Gillis hervorgehoben hat, an Land gemacht und von einer kontinentalen Perspektive aus geschrieben.[1] Kleine Inseln tauchen in den aktuellen und historischen Narrativen der westlichen Welt zumeist als Sehnsuchtsorte oder Gegenstand kolonialer und imperialer Ausbeutung auf, selten jedoch als Akteure oder Orte, die sui generis interessant und relevant sind. Für die wissenschaftlichen Ursprünge gegenwärtiger Umweltdebatten nehmen kleine Inseln jedoch eine durchaus bedeutende Stellung ein. Unser Beitrag zeigt auf, wie sich die wissenschaftliche Perspektive auf kleine Inseln im Laufe der Zeit geändert hat und wie sie zu regelrechten Laboratorien der ökologischen Moderne geworden sind, in denen schon früh Probleme auftauchten und Fragen diskutiert wurden, die heute unter Schlagwörtern wie Nachhaltigkeit, Biodiversität, Naturschutz, Resilienz und Vulnerabilität Widerhall finden.

Was genau unter "kleinen" Inseln verstanden wird, variiert in der Forschung und in der aktuellen Diskussion. Grundsätzlich unterscheidet die Geografie aber zwischen kontinentalen Inseln wie Australien, die eher die geomorphologischen Charakteristika eines Festlandes aufweisen, und ozeanischen, meist viel kleineren Inseln, die auf seismische oder vulkanische Aktivitäten zurückgehen.[2] In politischer Hinsicht ist der Begriff mittlerweile etabliert, etwa im Zusammenschluss der derzeit 57 "Small Islands Developing States" (SIDS), einer Gruppe von Inselstaaten hauptsächlich aus der Karibik und dem Pazifik, die sich beim sogenannten Earth Summit 1992 in Rio de Janeiro konstituiert hat, um die eigenen Interessen besser bei den Vereinten Nationen zu repräsentieren.[3]

In materieller Hinsicht sind kleine Inseln oft flüchtiger und vergänglicher als große Landmassen, die sich stärker durch Kontinuität und Stabilität auszeichnen. Kleine Inseln sind, ähnlich wie Küstenstreifen, tektonischen, vulkanischen, klimatischen, biologischen und auch anthropogenen Prozessen oft in viel stärkerem Maße ausgesetzt als Kontinente. Sie ändern ihre Form mit jedem Hochwasser und bei jedem Sturm, bei Seebeben und Vulkanausbrüchen. Sie können in (nicht nur geologisch) kurzer Zeit entstehen, sich erheben und vergrößern, Teile abspalten oder ganz untergehen.[4] So tauchte 2014 innerhalb weniger Wochen nach dem Ausbruch eines Unterwasservulkans im Königreich Tonga die Insel Hunga Tonga Hunga Ha’apai auf. Der Insel, deren höchster Gipfel 120 Meter aus dem Südpazifik herausragt, wird derzeit eine Lebensdauer von 30 Jahren vorausgesagt.[5]

Das Bild der kleinen Insel in westlichen Diskursen ist ambivalent. Einerseits wurden solche Orte als (tropisches) Paradies dargestellt, eine Welt des Überflusses, die ein sorgloses Leben ermöglicht. Auf der anderen Seite galten kleine Inseln aber auch als Inbegriff der Abgeschiedenheit, der Isolation, auch der Gefangenschaft und des Ressourcenmangels, als gefährlicher und gefährdeter Ort. In kultureller Hinsicht stellten kleine Inseln daher immer wieder eine Bühne für utopische und dystopische Inszenierungen dar: von Paul Gauguins Südseegemälden über William Goldings Roman "Herr der Fliegen" bis zu popkulturellen Varianten wie der US-Fernsehserie "Lost" oder dem Hollywood-Film "Castaway". Mit der Robinsonade erhielt die kleine Insel sogar ihr eigenes Genre.

Aufgrund ihrer Fragilität waren und sind kleine Inseln auch ein beliebter Schauplatz für Endzeiterzählungen, wie sie sich etwa im Mythos um Atlantis, in den tradierten Geschichten um die sagenumwobene Stadt Rungholt in der Nordsee, aber auch in gegenwärtigen Szenarien für Inseln wiederfinden, die eventuell dem Meeresspiegelanstieg zum Opfer fallen. Für den tropischen Pazifik hat der Meeresarchäologe und Geograf Patrick Nunn eindrucksvoll gezeigt, wie diese Untergangsmythologie auch als sozio-historische Verarbeitung tatsächlicher Entwicklungen betrachtet werden kann, wie also kulturelle Repräsentation und materielle Dimensionen kleiner Inseln wieder zusammenfinden.[6]


Inseln als Labor



Aus wissenschaftlicher Perspektive wurden kleine Inseln vor allem seit dem 19. Jahrhundert immer interessanter, weil hier, so schien es, unter Laborbedingungen Forschung betrieben werden konnte. Forscher_innen aus den verschiedensten Disziplinen waren der Überzeugung, dass dort sowohl die natürliche Umwelt als auch menschliche Gesellschaften gewissermaßen in Reinform beobachtet werden konnten, ohne störende äußere Einflüsse.[7] Die Gesellschaften auf kleinen Inseln wurden als Fossilien betrachtet – unbeeinflusst von fundamentalen historischen Entwicklungen wie Industrialisierung und Urbanisierung und beinahe frei von zivilisatorischen "Verunreinigungen" (die Präsenz von Missionaren und Kaufleuten wurde als störend empfunden).[8] Von wissenschaftlichem Vorteil war aber nicht nur die Überschaubarkeit des Untersuchungsgegenstandes, sondern auch der Umstand, dass dessen Grenzen scheinbar klar definiert werden konnten. Durch die vermeintlich eindeutige Abgrenzung von Wasser und Land wurden allerdings Austauschprozesse sowohl zwischen den ökologischen als auch den sozio-kulturellen Systemen ebenso ignoriert wie die Dynamik von insularen Umwelten.

Mit zunehmender Einbindung in die Weltmärkte und Verschiebungen im kolonialen Gefüge nach dem Zweiten Weltkrieg galten Inseln aber auch als Orte, an denen westlicher Einfluss und der daraus resultierende gesellschaftliche Wandel im Zeitraffer beobachtet und systematisch studiert werden konnte. Im Pazifik sollte die US-amerikanische Inselforschung auch dazu dienen, Wissen für die Errichtung einer stabilen Nachkriegsordnung zu generieren. Aus diesem Grund unterstützte die US-amerikanische Marine, die die mikronesischen Inseln nach Kriegsende zunächst verwaltete, die bis dahin größte Forschungsinitiative der US-amerikanischen Anthropologie. Im Rahmen der Coordinated Investigation of Micronesian Anthropology wurden 1947 und 1948 insgesamt 41 Wissenschaftler_innen aus den Bereichen Kulturanthropologie, Geografie, Linguistik, Medizin, Botanik, aber auch aus den Sozial- und Kulturwissenschaften auf die Inseln entsandt.[9]

Unrühmlicher Höhepunkt und Pervertierung der wissenschaftlichen "Nutzung" und Erforschung kleiner Inseln waren jedoch ohne Zweifel die Atomtests, die die Vereinigten Staaten bis 1962 und Frankreich bis 1996 im Pazifik durchführten. Durch diese Tests wurden etliche Inseln regelrecht pulverisiert, und die gesundheitlichen Folgen belasten die Inselbewohner_innen noch heute. Die Inselmetapher der Isolation wurde dabei von der US-amerikanischen Atomic Energy Commission bewusst evoziert, um die Testreihen in den Marshallinseln moralisch zu legitimieren. Bilder und Videoaufnahmen aus der Vogelperspektive betonten die Abgelegenheit der Atolle, während der Verweis auf dort durchgeführte Ökosystemstudien das Bild eines in sich geschlossenen Systems transportierte.[10]

Der "Fluch" der Insel



Waren diese Charakteristika methodisch erwünscht, so wurden sie in der konkreten wissenschaftlichen Auseinandersetzung gleichzeitig als gravierendes Problem für Inselgesellschaften beschrieben. Die Beschränkungen in Bezug auf Landmasse, Ressourcen, Bevölkerung und letztlich auch politische Macht führten dazu, dass lange Zeit vor allem die negativen Aspekte des Inseldaseins in den Blick genommen wurden.[11] Die geringe Fläche und große Abgeschiedenheit führe demnach zu einer Armut an Tier- und Pflanzenformen im Vergleich zu kontinentalen Gebieten – die mangelnde Größe markiere einen regelrechten Fluch.[12] Gleichzeitig machten die Abgeschiedenheit und die daraus resultierende ungestörte Entwicklung vieler Arten kleine Inseln aber auch zu einem biologischen Kuriositätenkabinett. Inseln waren Brutstätten für das Einzigartige und Besondere, für natürliche Nonkonformisten, für Schrullen und Marotten der Evolution, wie der Wissenschaftsjournalist David Quammen feststellt. Es ist kein Zufall, dass Charles Darwin auf seinen Forschungsreisen nicht nur auf Galapagos Halt machte, sondern auch auf Dutzenden anderen Inseln.[13]

Der andere Aspekt, der kleine Inseln für die Biologie und Geografie so interessant machte, war der Einfluss von invasiven Arten. Denn war die Isolation der Insel erst durchbrochen, indem es bestimmten Pflanzen, Tieren und vor allem Menschen gelang, die Wasserbarriere zu überwinden, dann tendierten kleine Inseln sehr schnell dazu, aus dem ökologischen Gleichgewicht zu geraten. Insbesondere das Aussterben von Arten wie dem Dodo auf Mauritius ließ sich auf kleinen Inseln sehr gut studieren. Systematisiert wurden die Arbeiten über den Zusammenhang von Evolution, Größe und Isolation eines Habitats erst in den 1960er Jahren, als die Biogeografie, also die Wissenschaft von der Verteilung und Ausbreitung von Pflanzen und Tieren, die Bedeutung kleiner Inseln erkannte.[14]

In der Folgezeit wurden biogeografische Forschungen über Inseln auch deshalb immer bedeutender, weil viele Habitate auf großen Landmassen immer inselartiger wurden. Durch den Bau von Straßen, Eisenbahnlinien, Kanälen, die Trockenlegung von Feuchtgebieten, durch Zersiedelung der Landschaft, generell durch die Logik von Industrialisierung und Urbanisierung und eine immer größere Anzahl von Menschen wurden Biotope zerteilt, abgespalten, verkleinert und oft ganz zerstört. Was übrig blieb, hatte oft den Charakter einer kleinen Insel und konnte mit den Methoden der Inselbiogeografie untersucht werden. Auch konnten Institutionen und Organisationen, die Naturschutzgebiete anlegen und erhalten wollten, von kleinen Inseln lernen.[15]


Umwelt, Insel und Gesellschaft



Schon früh wurde der Zusammenhang zwischen (mangelnder) Inselgröße und biologischer "Verarmung" auch auf menschliche Gesellschaften übertragen und führte zu umweltdeterministischen und sozialdarwinistischen Entwürfen. So konstatierte etwa Ellen Semple, die stark von dem deutschen Zoologen, Geografen und Wegbereiter geopolitischen Denkens Friedrich Ratzel beeinflusst war, dass die Bewohner der Kanaren im Vergleich zu den Menschen auf dem Festland Nordfrikas "unterentwickelt" seien.[16] Auch deutsche Geografen stellten einen direkten Zusammenhang zwischen der Oberfläche und Entstehung von Inseln und der Siedlungs- und Wirtschaftsform her und korrelierten diese etwa mit der kulturellen Überlegenheit von Gesellschaften auf hohen vulkanischen Inseln gegenüber Atollbewohner_innen.[17]

Ähnliche Ideen bildeten auch das Grundgerüst der Kulturökologie, die sich in den 1960er Jahren in den USA entwickelte und bei deren theoretischen Weiterentwicklung Inseln eine große Rolle spielten. So wurde etwa der Einfluss von lokal verfügbaren Nahrungsmitteln auf die kulturelle Ausgestaltung einer Gesellschaft in den Blick genommen,[18] religiöse Praktiken als Regulationsmechanismus für ein ökologisches Gleichgewicht betrachtet[19] und auf die besondere Dynamik von Inselumwelten als Ausdifferenzierungsmerkmal menschlicher Gesellschaften fokussiert. Die unterschiedlich starke Stratifizierung der Gesellschaften Polynesiens wurde beispielsweise aus den verschiedenen natürlichen Rahmenbedingungen erklärt, auf die die Bevölkerungen mit je eigener technologischer und ökologischer Anpassung reagierten.[20]

Inseln als Orte der Resilienz



In der jüngeren Vergangenheit wurden aber mehr und mehr Stimmen laut, die darauf verwiesen, dass Inselgesellschaften keineswegs unter dem vermeintlichen Fluch der limitierten Möglichkeiten litten und von den lokalen Umweltbedingungen in eine bestimmte Form gegossen wurden. Vielmehr hat sich herausgestellt, dass sich diese Gesellschaften durch ein erstaunlich hohes Maß an Resilienz und Innovationskraft auszeichnen – sowohl in Bezug auf die Dauerhaftigkeit der Besiedelung als auch mit Blick auf die Auseinandersetzung mit Naturgefahren und Ressourcenproblemen.

Verschiedene Disziplinen wie etwa die Geografie, die Ethnologie oder die Geschichtswissenschaft haben herausgearbeitet, wie die Inselbewohner_innen gerade im vermeintlich so anfälligen pazifischen Raum über mehrere Jahrhunderte, zum Teil über Jahrtausende, Mechanismen und Verhaltensweisen entwickelt haben, die ein großes Maß an Widerstandsfähigkeit aufweisen. Durch den Anbau und die Nutzung einer Reihe von Pflanzen, die in unterschiedlicher Weise von Naturgefahren wie Dürren oder Stürmen gefährdet waren, und durch die Aufsplittung von Anbaugebieten auf verschiedene Inseln konnten Abhängigkeiten und Anfälligkeiten minimiert werden. Dazu trug auch der Anbau von famine foods bei, also Nahrungsmitteln, die in normalen Situationen nicht konsumiert werden würden, etwa weil sie nicht besonders schmackhaft waren, im Notfall aber wertvolle Dienste leisteten.[21] Und schließlich fand auch ein Austausch mit anderen Inselgesellschaften und der Aufbau eines Netzwerkes aus sozio-kulturellen und ökonomischen Beziehungen statt. Diese Netzwerke konnten zum Beispiel im tropischen Pazifik bereits in vorkolonialer Zeit mangelnde Ressourcen ausgleichen, fungierten in Extremsituationen als eine Art Versicherung und führten so zu erhöhter Resilienz.[22]

Solche lokalen und regionalen Bewältigungspraktiken wurden vielerorts durch Kolonialismus, Imperialismus, Entwicklungspolitik und Globalisierung verdrängt und durch "moderne" Methoden ersetzt, sodass die Anfälligkeit gegenüber Umweltveränderungen und natürlichen Extremereignissen zunahm. So verdrängten cash crops und importierte Lebensmittel zunehmend lokal produzierte Lebensmittel.[23] Auch koloniale Interventionen nach einem Extremereignis konnten zu einer Abnahme der Widerstandsfähigkeit führen, etwa wenn die Opfer einer Naturkatastrophe abhängig wurden von Geldzahlungen und Hilfslieferungen der Regierung, sodass andere Maßnahmen, wie etwa die Aufrechterhaltung von Netzwerken zwischen den Inseln, nicht mehr als notwendig betrachtet wurden.[24]

Naturkatastrophen boten oft auch eine willkommene Gelegenheit, Interessen der Kolonialmächte durchzusetzen. So nutzte die deutsche Kolonialverwaltung in Mikronesien zwischen 1905 und 1907 eine Reihe an starken Taifunen, um Inselbewohner_innen unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe an jene Orte umzusiedeln, die den Evakuierten zugleich Arbeit auf den Plantagen der deutschen Handelsgesellschaften "ermöglichte".[25]

Auf der anderen Seite hat ausgerechnet die koloniale Ausbeutung von Inseln zum ersten Mal überhaupt zu einer Art von Umweltbewusstsein geführt: Gerade auf kleinen Inseln wie St. Helena, Madeira, den Kanaren oder in der Karibik hatten die Kolonialmächte schon im 17. und 18. Jahrhundert mit zum großen Teil selbst verursachten Problemen wie Abholzung oder Bodenerosion zu tun. Diese Umweltprobleme gefährdeten nicht nur die Kolonien selbst, sondern indirekt auch die imperialen Verbindungen, etwa nach Indien, für die die Inseln wichtige Knotenpunkte darstellten. Aus diesem Grund wurden Inseln wie St. Helena im Atlantik und Mauritius im Indischen Ozean zu Pionieren eines schonenderen und langfristiger geplanten Umgangs mit Ressourcen.[26]


Die Erde als Insel



Mit dem menschengemachten Klimawandel sind Inselgesellschaften vollends von der Peripherie in das Zentrum der wissenschaftlichen und medialen Aufmerksamkeit gerückt, allerdings erneut mit dem Fokus auf Vulnerabilität und als Laboratorien für gegenwärtige und zukünftige Umweltprobleme. Auf kleinstem Raum, so scheint es wieder, kann analysiert und durchgespielt werden, was letztlich großen Teilen der Welt droht: Anstieg des Meeresspiegels, Erosion und Überschwemmungen mit der Folge von Landverlusten, Versalzung, "Klimaflucht" etc. Inselstaaten wie die Malediven, Kiribati und Tuvalu sind so zum "Aushängeschild" des Klimawandels geworden.

Die Popularität der Inselanalyse als Parabel für größere ökologische Erzählungen wurde gewissermaßen durch die Globalisierung der Umweltprobleme seit etwa den 1970er Jahren vorbereitet. Zu dieser Zeit gewannen Diskurse über die Endlichkeit der in rapidem Tempo ausgebeuteten Ressourcen und die Konsequenzen der "Bevölkerungsexplosion" enorm an Bedeutung, verstärkt auch durch ikonische Aufnahmen aus dem Weltall, die der Menschheit erstmals den Planeten in seiner Gesamtheit zeigten. Das "Raumschiff Erde" erschien wie ein inselartiges Biotop inmitten der Weiten des Universums.[27] In der Folgezeit verstärkten Phänomene wie das Ozonloch, aber auch die globale Abfallproblematik und natürlich der menschlich verursachte Klimawandel diese Wahrnehmung. Die Probleme, mit denen es Inselgesellschaften traditionell im Kleinen zu tun hatten, scheinen sich plötzlich gar nicht so sehr von den Herausforderungen der planetaren Gesellschaft zu unterscheiden. Indem die Menschheit die Erde selbst in eine gigantische Insel verwandelt hat – isoliert und mit zunehmend limitierten Möglichkeiten – wurde Insularität gewissermaßen zur Chiffre der globalen ökologischen Herausforderungen.


Inseln als Akteure



Bei aller Brisanz und Relevanz der durch den Klimawandel verursachten Probleme für kleine Inseln ist es doch erstaunlich, in welchem Ausmaß Vorstellungen vom "Fluch der Insel" in gegenwärtigen Debatten reproduziert und wissenschaftlich untermauert wurden. Mit dem Intergovernmental Panel on Climate Change hat gerade die Institution, der im Diskurs um den globalen Klimawandel höchste Autorität zugesprochen wird, diese kontinentale Perspektive aufgegriffen und Inselgesellschaften als hilflose "Opfer" des Klimawandels dargestellt.[28] Dabei unterschlägt die gegenwärtige Inanspruchnahme kleiner Inseln und Inselstaaten als Laboratorien des globalen ökologischen Wandels allzu oft die Akteursqualitäten und die Interessen der Inselbewohner_innen selbst, die eben nicht nur passive Opfer exogener Umweltbedingungen sind, sondern ihre Lebens(um)welt aktiv mitgestalten.[29]

Bei kleinen Inseln im Allgemeinen und bei den Inseln im Pazifik insbesondere handelt es sich in der Regel nicht um isolierte Miniaturgesellschaften, sondern um Inselgruppen und Inselstaaten, die auf vielfache Weise untereinander und mit der "Außenwelt" vernetzt sind. So ermöglichen die ehemaligen kolonialen Verwaltungen vielen Inselbewohner_innen heute Zugang zu Bildung, einem Gesundheitswesen und Arbeitsmöglichkeiten. Überweisungen von in die ehemaligen Kolonialstaaten ausgewanderten Angehörigen können fehlende Einkommensquellen auf den Inseln substituieren.

Auch werden die pazifischen Stimmen von Wissenschaftler_innen und Künstler_innen immer lauter, die für eine Abkehr von der kolonial-kontinentalen Geografie- und Geschichtsschreibung und für ein maritim-ozeanisches Raumverständnis plädieren. Die Forderung des mittlerweile verstorbenen pazifischen Gelehrten Epeli Hau’ofa, nicht länger von "islands in a far sea", sondern vielmehr von "a sea of islands" zu sprechen,[30] ist in sozialwissenschaftlichen Kreisen, die sich mit dem Raum Ozeanien beschäftigen, zu einer Selbstverständlichkeit geworden.[31] Die Lebenswelt auf Inseln, insbesondere auf Atollen, besteht eben nicht nur aus kleinen Landflecken, sondern ebenso aus Mangroven, flachen Lagunengewässern oder Sandbänken. All diese maritimen Räume werden von den Inselbewohner_innen oftmals der Kategorie Land zugeordnet. In den Seefahrtskulturen Ozeaniens haben sich die Navigator_innen der weiten Meeresräume über Geschichten, Bilder und Assoziationen ermächtigt. Das Meer ist ihnen somit nicht fremd, sondern Teil ihrer Lebenswelt. Die Anerkennung dieser maritimen Erfahrung des Raumes führt nicht nur in der Ethnologie mittlerweile zur Konzeptualisierung von Inselwelten als "seascapes", über die sich auch intra- und interinsulare Netzwerke als Lebensbereiche intensiven Austausches fassen lassen.[32]

In politischer und ökonomischer Hinsicht haben es einige der kleinen Inselstaaten geschickt verstanden, die Aufmerksamkeitsökonomie für ihre eigenen Zwecke zu nutzen.[33] Vor allem die im tropischen Pazifik beheimateten SIDS erhielten durch den Klimawandel eine eigene Stimme in internationalen politischen Organisationen wie den Vereinten Nationen. Höhepunkt dieser Entwicklung war die 23. Weltklimakonferenz, die unter dem Vorsitz Fidschis im November 2017 in Bonn stattfand. Die SIDS nutzen ihre neue Rolle nicht zuletzt deswegen so gut, weil die tropischen Eilande in der westlichen Gesellschaft weiterhin als Projektionsfläche und wissenschaftliche Laboratorien dienen.[34] Denn während es sich bei den naturwissenschaftlichen Klimamodellen um Abstraktionen komplexer klimatischer Prozesse handelt, sind Inseln überschaubare Räume, in denen die gesamten ökologischen und damit einhergehenden sozio-kulturellen Auswirkungen des Klimawandels sichtbar und scheinbar auch erfahrbar werden. Diskutiert als Klimaflucht, kulminieren (kontinentale) Ängste in der Auslöschung ganzer Kulturen und politischer Staaten, die mit der Erosion der Inseln im Pazifik untergehen. Die australische Geografin Carol Farbotko kommt somit zum zynischen Schluss, dass die Inseln ihre Funktion als Barometer für den Klimawandel erst dann verlieren, wenn sie tatsächlich von der Oberfläche verschwunden sind und uns damit den endgültigen Beweis für die katastrophalen Folgen unseres emissionsreichen Lebenswandels erbracht haben.[35]
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Fußnoten

1.
Vgl. John Gillis, Filling the Blue Hole in Environmental History, in: RCC Perspectives 3/2011, S. 16ff.
2.
Dies heißt nicht, dass kontinentale Inseln notwendigerweise groß sein müssen. Das kleine Zanzibar z.B. ist aus geomorphologischer Sicht eine kontinentale Insel.
3.
Vgl. Vereinte Nationen, Department of Economic and Social Affairs, Sustainable Development Knowledge Platform, Small Island Developing States, https://sustainabledevelopment.un.org/topics/sids«.
4.
Vgl. z.B. Patrick Nunn, Vanished Islands and Hidden Continents of the Pacific, Honolulu 2009.
5.
Vgl. Ellen Gray, NASA Shows New Tongan Island Made of Tuff Stuff, Likely to Persist Years, 11.12.2017, http://www.nasa.gov/feature/goddard/2017/nasa-shows-new-tongan-island-made-of-tuff-stuff-likely-to-persist-years«.
6.
Vgl. Nunn (Anm. 4).
7.
Vgl. z.B. Oskar Spate, Islands and Men, in: Francis Raymond Fosberg (Hrsg.), Man’s Place in the Island Ecosystem: A Symposium, Honolulu 1963, S. 253–264, hier S. 253.
8.
Vgl. Patrick V. Kirch, Microcosmic Histories: Island Perspectives on "Global" Change, in: American Anthropologist 1/1997, S. 30–42, hier S. 30.
9.
Vgl. Robert C. Kiste/Mac Marshall, American Anthropology in Micronesia, 1941–1997, in: Pacific Science 3/2000, S. 265–274.
10.
Vgl. Elizabeth DeLoughrey, The Myth of Isolates: Ecosystem Ecologies in the Nuclear Pacific, in: Cultural Geographies 2/2013, S. 167–184.
11.
Vgl. Stephen Royle, A Geography of Islands: Small Island Insularity, London 2001, S. 87–88.
12.
Vgl. Ellen Semple, Influences of Geographic Environment on the Basis of Ratzel’s System of Anthropo-Geography, New York–London, 1927 (1911), S. 411.
13.
Vgl. David Quammen, Song of the Dodo. Island Biogeography in an Age of Extinction, New York 1996, S. 18.
14.
Vgl. z.B. den in dieser Hinsicht richtungsweisenden Sammelband von Robert MacArthur/Edward Wilson (Hrsg.), The Theory of Island Biogeography, Princeton 1967.
15.
Vgl. Jared M. Diamond et al., Island Biogeography and Conservation. Strategy and Limitations, in: Science, New Series 4257/1976, S. 1027–1032.
16.
Semple (Anm. 12).
17.
Vgl. z.B. Magnus Block, Der Mensch auf den hohen Inseln Mikronesiens und Polynesiens, Hamburg 1935.
18.
Vgl. William Alkire, Cultural Adaptation in the Caroline Islands, in: Journal of the Polynesian Society 2/1960, S. 123–150.
19.
Vgl. Roy Rappaport, Ritual Regulation of Environmental Relations among a New Guinea People, in: Ethnology 1/1967, S. 17–30.
20.
Vgl. Marshall Sahlins, Social Stratification in Polynesia, Seattle 1958.
21.
Vgl. John Campbell, Islandness. Vulnerability in Oceania, in: Shima 1/2009, S. 85–97, hier S. 85.
22.
Vgl. ebd.; William Alkire, June in November, in: Glimpses 2/1978, S. 22–27.
23.
Vgl. Campbell (Anm. 21), S. 92f.
24.
Obwohl diese Netzwerke in ihrer institutionellen Form nicht länger existieren, erfüllen Familien- und Klanzugehörigkeiten zu Mitgliedern auf verschiedenen Inseln auch weiterhin die Funktion der Absicherung im Notfall. Vgl. Ginger Cruz/Elfrieda Koshiba, Islanders Extended Helping Hands, in: Bill Phillips (Hrsg.), Estorian Paka: Guam’s Spirit of Recovery. Super Typhoon Paka, Dec. 16–17, 1997, A Special Commemorative Issue, Agana, Guam, 1998, S. 43. Micronesia Area Research Center (MARC), University of Guam, DU647 .E88 1998.
25.
Vgl. Dirk Spennemann, Nontraditional Settlement Patterns and Typhoon Hazard on Contemporary Majuro Atoll, Republic of the Marshall Islands, in: Environmental Management 3/1996, S. 337–348.
26.
Vgl. Richard Grove, Green Imperialism. Colonial Expansion, Tropical Island Edens and the Origins of Environmentalism, 1600–1860, Cambridge 1995, 474ff. Siehe auch den Beitrag von Felix Schürmann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
27.
Vgl. Sabine Hoehler, Spaceship Earth: Envisioning Human Habitats in the Environmental Age, in: Bulletin of the German Historical Institute 42/2008, S. 65–85, hier S. 69.
28.
Dies gilt vor allem für den Bericht 2007, später wurden insulare Perspektiven stärker berücksichtigt. Vgl. Jon Barnett/John Campbell, Climate Change and Small Island States: Power, Knowledge, and the South Pacific, New York–London 2010, S. 60.
29.
Siehe dazu auch den Beitrag von Meyer et al. in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
30.
Vgl. Epeli Hau’ofa, Our Sea of Islands, in: The Contemporary Pacific 1/1994, S. 147–161.
31.
Vgl. Paul D’Arcy, The People of the Sea: Environment, Identity and History in Oceania, Honolulu 2006.
32.
Vgl. Godfrey Baldacchino/Eric Clark, Guest Editorial Introduction: Islanding Cultural Geographies, in: Cultural Geographies 2/2013, S. 129–134, hier S. 129.
33.
Vgl. Michael Goldsmith, The Big Smallness of Tuvalu, in: Global Environment 1/2015, S. 134–151.
34.
Vgl. Anna Lowenhaupt Tsing, Friction: An Ethnography of Global Connection, Princeton 2005, S. 101.
35.
Vgl. Carol Farbotko, Wishful Sinking: Disappearing Islands, Climate Refugees and Cosmopolitan Experimentation, in: Asia Pacific Viewpoint 1/2010, S. 47–60.

Rebecca Hofmann, Uwe Lübken

Zur Person

Rebecca Hofmann

ist promovierte Ethnologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg. rebecca.hofmann@ph-freiburg.de


Zur Person

Uwe Lübken

ist Professor für Amerikanische Kulturgeschichte am Amerika-Institut der Ludwig-Maximilians-Universität München. uwe.luebken@amerikanistik.uni-muenchen.de


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