zurück 
3.8.2018

Klimawandel auf Hallig Hooge: Wahrnehmungen, Maßnahmen, Kontroversen

Im Zeitalter des Klimawandels erfahren Inseln besondere Aufmerksamkeit. Gleich den Eisbären, denen das Eis buchstäblich unter den Pfoten wegschmilzt, sind Inseln vom Untergang bedroht, so der Tenor der Medien. Gemäß der medialen Berichterstattung sind es vor allem ferne Inseln im Pazifischen und Indischen Ozean, die "sinken" und wortwörtlich vom Meer verschluckt werden, sodass InselbewohnerInnen zu den ersten Klimaflüchtenden werden.[1] Die Wahrheit ist jedoch komplexer. Weder finden sich klare Nachweise, dass Inseln tatsächlich erodieren und unbewohnbar werden, noch lassen sich MigrantInnen eindeutig als Klimaflüchtende klassifizieren.[2]

Doch der Klimawandel betrifft nicht nur ferne Inseln in der Südsee. Direkt vor unserer Haustüre, vor der schleswig-holsteinischen Nordseeküste, liegen die Halligen. Halligen sind eine besondere Art von Inseln, die erst im vergangenen Jahrtausend auf altem Marschland entstanden, die aber ebenso wie Inseln in der Südsee und anderswo mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben – und gleichermaßen als dem Untergang geweiht dargestellt werden. So titelt der Spiegel "Tonga in der Nordsee" und das Hamburger Abendblatt erklärt, "[w]ie die Halligen ums Überleben kämpfen."[3] Halligen tauchen sowohl im "Atlas der Umweltmigration" als auch im Buch "Climate Refugees" als bedrohte Orte auf.[4] Wie aber bewerten die HalligbewohnerInnen selbst ihre Situation? Wie erfahren sie die Folgen des Klimawandels, wie gehen sie mit diesen um? Der vorliegende Beitrag stellt die Perspektive der HalligbewohnerInnen in den Vordergrund. Mithilfe qualitativer Interviews haben wir untersucht, inwiefern BewohnerInnen von Hooge – der bevölkerungsreichsten Hallig – Veränderungen in ihrer Umwelt wahrnehmen, wie diesen Veränderungen begegnet wird und begegnet werden sollte, und welche Spannungsfelder sich in diesem Prozess ergeben.[5]

Exponierte Lage

Aufgrund ihrer niedrigen Lage sind Halligen stark dem Klimawandel ausgesetzt. Im Schnitt ragen sie nur wenige Dezimeter aus dem Meer. Allein die Warften – aus Erde aufgeschüttete Hügel, auf denen die Menschen leben – sind mit etwa fünf Meter über Normalnull etwas höher. Entsprechend bleiben bei den regelmäßigen Überflutungen, dem sogenannten Land unter, nur die bebauten Warften trocken. Zu solchen Land unter kommt es auf Hooge ungefähr fünfmal im Jahr; sie gehören zum Ökosystem der Halligen. Bei jedem Land unter werden Sedimente angespült, die die Halligen in die Höhe wachsen lassen. Obwohl häufigere und stärkere Stürme, die der Klimawandel mit sich bringt, vermutlich auch zu häufigerem Land unter führen, kann das Höhenwachstum der Halligen jedoch nicht mit dem Anstieg des Meeresspiegels mithalten.[6] Insgesamt ist es also unumgänglich, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen.

Das kann langfristig nur erfolgreich sein, wenn die lokale Bevölkerung einbezogen wird und ihre Wünsche und Erwartungen, aber vor allem auch ihre Wissensbestände und Erfahrungen berücksichtigt werden.[7] Konträr dazu werden Umweltveränderungen und mögliche Anpassungsmaßnahmen bislang aber vorwiegend unter technischen und naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten untersucht. [8] Entsprechend erweitert unsere Studie die Forschung um eine sozialwissenschaftliche Perspektive.[9] Wir haben mit etwa 20 der gut 100 HalligbewohnerInnen Interviews geführt, ebenso wie mit zwei AnwohnerInnen der benachbarten Hallig Langeneß und zwei Experten aus Husum. In den Interviews haben wir nach Umweltveränderungen und Anpassungsmaßnahmen gefragt und dabei entstehende Spannungsfelder identifiziert.


Wahrnehmung des Klimawandels

Das Leben auf einer Hallig ist besonders eng mit der Natur verknüpft. Unsere Interviewpartner betonen zwar einerseits, dass "letztendlich immer die Natur die Hosen anhat" und "in einigen Punkten den Ton angibt", bewerten diese Abhängigkeit von der Natur aber andererseits durchweg positiv: "Die Unmittelbarkeit des Lebens in der Natur, (…) das ist ein Erfahren von der Natur, von den Naturgewalten. (…) Und das ist auch schön. Ich empfinde das als wunderbar." [10] "Schwierige" Umweltbedingungen wie Land unter gelten nur aus Festlandsicht als schwierig; für HoogerInnen sind sie normal und machen, ebenso wie die Weite, Abgeschiedenheit und Naturverbundenheit, das Leben auf der Hallig aus: "[D]as gehört bei uns einfach zum Leben mit dazu."

Gerade wegen ihres Lebens mit der Natur können die meisten HalligbewohnerInnen von spürbaren und vielseitigen Veränderungen in ihrer Umwelt berichten. Dazu zählen zum Beispiel mildere Winter, höhere Wasserstände oder veränderte Strömungen, aber auch Änderungen in Flora und Fauna. So gibt es unter anderem weniger Brutvögel oder auch eine andere Artenzusammensetzung von Tieren und Pflanzen (beispielsweise durch eingeschleppte Arten). Obwohl der Meeresspiegel steigt, kommt Erosion erstaunlich wenig zur Sprache, vermutlich weil die Halligkante permanent gesichert wird. Gleichzeitig merken einige InterviewpartnerInnen an, dass die Hallig von innen schrumpft: "Die Priele werden immer breiter und dadurch frisst halt quasi das Wasser die Hallig von innen auf."[11] Insgesamt scheint es Konsens zu sein, dass das Wetter extremer und unberechenbarer wird. Dabei werden auffallend häufig extrem starke Stürme wie die Sturmtiefs Anatol (Dezember 1999), Christian (Oktober 2013) oder Xaver (Dezember 2013) angesprochen und als sehr bedrohlich beschrieben. Inwiefern auch Land unter häufiger wird, ist hingegen unklar. Einige wenige InterviewpartnerInnen vermelden bereits jetzt eine Zunahme der Überflutungen, andere können dies nicht bestätigen. Für die Zukunft erwarten hingegen die meisten HoogerInnen häufigere Land unter.

Die beobachteten Änderungen werden in der Regel dem Klimawandel zugeschrieben: "Das Klima verändert sich. Das merken wir alle und sehen wir jeden Tag." Wie bei der Wahrnehmung von Land unter weisen die Interviews allerdings durchaus Unterschiede auf. InterviewpartnerInnen sprechen unterschiedliche Änderungen an und bewerten diese auch unterschiedlich. So weisen einige InterviewpartnerInnen darauf hin, dass Umweltbedingungen und das gesamte Ökosystem der Halligen sich im Lauf der Zeit immer wieder stark verändert haben. Änderungen "hat es früher aber auch gegeben." Folglich lässt sich weder klar beurteilen, ob beziehungsweise inwiefern die Situation aktuell qualitativ unterschiedlich ist, noch lassen sich zukünftige Änderungen prognostizieren: "Wie es wirklich wird, das wissen wir alle nicht."

Allen Ungewissheiten zum Trotz erwarten viele HalligbewohnerInnen auch in Zukunft Veränderungen in ihrer Umwelt und nennen vor allem häufigere und heftigere Stürme. Zukünftige Änderungen werden aber nicht automatisch als unmittelbare Bedrohung empfunden. Dennoch begegnet ihnen kaum jemand sorglos; insbesondere die heftigen Stürme der jüngsten Vergangenheit haben ihre Spuren hinterlassen. Viele fürchten allerdings weniger die Natur an sich als vielmehr die finanziellen Konsequenzen. Einige InterviewpartnerInnen stellen sich die Frage, inwieweit die Bewohnbarkeit der Halligen langfristig, also auch für die nächste(n) Generation(en), gesichert ist: "Aber jetzt denkt man über die Zukunft nach, wie das mal so wird. (…) Können wir das dann unseren Kindern überhaupt noch vererben, oder geht das irgendwann mal unter?"


Umgang mit den Auswirkungen des Klimawandels

Auch wenn Zeitpunkt und Ausmaß zukünftiger Klimaveränderungen umstritten sind, ist unstrittig, dass die Hallig sich anpassen muss. Dabei betonen unsere InterviewpartnerInnen, dass der Halligerhalt von allgemeinem Interesse sei, da die Halligen Teil des natürlichen Küstenschutzes der Deutschen Bucht darstellten. Sie werden als "Wellenbrecher für die Küste" oder "Bollwerk" für das Festland wahrgenommen, die die Wucht, mit der Wellen auf die Küste prallen, abschwächen: "Nicht nur die Menschen müssen geschützt werden, die Hallig, also der Lebensraum für diese Menschen, muss auch geschützt werden. Damit sie alle zusammen wiederum auch das Festland schützen können."

Menschliche Eingriffe in die Natur sind für die Halligen altbekannt: "Seitdem es die Halligen gibt, versucht der Mensch sie zu stabilisieren." In der Tat existieren die Halligen in ihrer jetzigen Form erst seit dem Mittelalter, zuvor war die Deutsche Bucht ein zusammenhängendes Marschland.[12] Während des Mittelalters wurden große Teile davon in mehreren Sturmfluten überflutet. Nur die heutigen Inseln und Halligen blieben übrig. Jeder stärkere Sturm erodierte die Halligen weiter, bis Hallig Hooge Anfang des 20. Jahrhunderts befestigt wurde. Heute umschließt ein Sommerdeich Hooge, zudem ist die Halligkante mit Steinen – dem sogenannten "Halligigel" – befestigt. Ohne diesen "gäbe es die Halligen heute nicht mehr", und so wird die Küste mit verschiedenen Methoden permanent erhalten, gesichert und gegebenenfalls verstärkt.[13]

Neben der Befestigung und dem Schutz der Hallig an sich stehen die Warften im Zentrum der Aufmerksamkeit. Schon die ersten Siedlungen in der Region befanden sich auf solchen künstlich aufgeschütteten Hügeln, die im Laufe der Zeit immer wieder erhöht wurden, wobei neue Häuser auf den Überbleibseln der alten Häuser erbaut wurden.[14] Auch in jüngster Zeit wurden die Warften verstärkt. Nach der schweren Sturmflut von 1962 wurde ein umfangreiches Warftverstärkungsprogramm gestartet. Infolge der schweren Stürme von 2013 sowie der erwarteten Klimaauswirkungen wurde jedoch deutlich, dass weitere Warfterhöhungen vonnöten sind. Aktuell wird nacheinander je eine Warft der Halligen erhöht und verstärkt und werden dabei unterschiedliche Methoden getestet, um die Bewohnbarkeit der Halligen auch für die nächsten 100 Jahre zu sichern.

Ob es für diesen Zeitraum reicht, die Warften zu erhöhen und die Ringdeiche um die Warften zu verstärken, ist unklar. Langfristig können Abriss und Neubau der Wohnhäuser wohl kaum vermieden werden. Bereits nach der Sturmflut von 1962 mussten Häuser neu gebaut werden, wobei verstärkte Schutzräume eingeführt wurden, die bei schweren Stürmen Zuflucht bieten sollen. Aktuelle Bauprojekte berücksichtigen bereits den Anstieg des Meeresspiegels und haben beispielsweise ein erhöhtes Fundament. Unsere InterviewpartnerInnen befürworten zwar derartige bauliche Neuerungen, weisen aber darauf hin, dass Abriss und Neubau problematisch sind: "Die Häuser [haben] ja so einen hohen Wert für uns Menschen, auch hohen Sachwert, dass man nicht einfach sagen kann: ‚Ja, dann schiebe ich das jetzt hier halt zusammen undbaue neu.‘ Also hat man versucht die Häuser zu schützen. Und die Warftentsprechend nur außenrum zu erhöhen."

Insgesamt werden also drei Kategorien von Maßnahmen durchgeführt: Maßnahmen an der Hallig selbst, Maßnahmen an den Warften und Maßnahmen an den Gebäuden. Die Verantwortung für diese Maßnahmen, und damit deren Finanzierung, fällt in unterschiedliche Bereiche. Für den Küstenschutz, also zum Beispiel Sommerdeich und Halligigel, ist das Land zuständig. HalligbewohnerInnen übernehmen einen Großteil davon im Auftrag des schleswig-holsteinischen Landesbetriebs für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN), der somit ein wichtiger Arbeitgeber ist. Für den Hochwasserschutz inklusive der Warftverstärkungen und den Gebäudeschutz hingegen ist rechtlich der jeweilige Eigentümer zuständig.[15] Diese Aufteilung wird durchaus mit Sorge betrachtet, denn Aufwarftungen sind teuer und Schäden an Privatbesitz oft nicht ausreichend versichert. Oftmals schließen die Versicherungspolicen gewisse Ereignisse aus: "Du kannst dich auf Hooge nicht dagegen versichern, gegen Land unter." Konsens unter den Befragten ist, dass Halligschutz nicht privat zu leisten ist und die öffentliche Hand eine wesentliche Rolle spielen muss. Für die bisherige öffentliche Unterstützung sind die HoogerInnen dankbar, fragen sich jedoch, ob sie auf diese auch in Zukunft zählen können: "Da wird es irgendwann einen ökonomischen Grenzwert geben, wo man dann sagt, das können wir uns als Gesellschaft noch leisten und das nicht. So bautechnisch ist die Grenze, glaube ich, noch nicht erreicht. Da kann man noch viel machen. Aber wer soll es bezahlen?"


Spannungsfelder der Klimaanpassung

Auf Hooge herrscht Einigkeit, dass die diversen Maßnahmen nötig sind: "Je mehr Schutz, desto besser." Uneins sind sich die HoogerInnen jedoch, welche Maßnahmen wie umgesetzt werden sollen und wie effektiv die Maßnahmen schützen. Unsere Interviews zeigen insbesondere drei teils überlappende Spannungsfelder auf: Erstens das Ziel der Maßnahmen – Halligerhalt um der Natur willen oder um der Menschen willen?, – zweitens das methodische Vorgehen – stützt man sich auf Fachwissen vom Festland oder auf die Erfahrung von HoogerInnen? – sowie drittens die Strategie beziehungsweise das Erscheinungsbild: Sollen die anzustrebenden Lösungen modern und innovativ sein oder ursprünglich und traditionell?

Hallig Hooge liegt inmitten des Nationalparks Wattenmeer, ist aber selbst nicht Teil davon, sondern gehört, wie alle bewohnten Halligen, zur Entwicklungszone des Biosphärenreservats Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und Halligen. Naturschutz wird im Prinzip von allen HalligbewohnerInnen befürwortet; das Leben im Einklang mit der Natur zählt gerade zu den Besonderheiten des Halliglebens. Die vielen Auflagen im Zusammenhang mit dem Nationalpark und der Biosphäre empfinden viele HoogerInnen jedoch als einschränkend und bevormundend. Insbesondere wird es aufgrund der vielen Regularien immer schwieriger, Landwirtschaft zu betreiben. Die Beweidung der Marschwiesen aber war über Jahrhunderte die Lebensgrundlage der Halligen und spielt eine wesentliche Rolle für Landschaftspflege und Halligerhalt. Entsprechend urteilen manche InterviewpartnerInnen, dass "der Bezug des Nationalparksamts zum Leben hier auf der Hallig (…) völlig verloren gegangen ist", und bemängeln die Übervorteilung der Natur, denn schließlich "geht es ja auch um die Menschen, die hier leben". Und diese, so betonen unsere InterviewpartnerInnen, wissen sehr gut mit ihrer Umwelt umzugehen und diese zu erhalten.

Ebenso wie beim Naturschutz verweisen unsere InterviewpartnerInnen auch bei Anpassungsmaßnahmen, insbesondere den Aufwarftungen, immer wieder auf ihr lokales Wissen und ihren Erfahrungsschatz. Wie bereits erwähnt, ist der LKN für Küstenschutz zuständig und hat hier auch Entscheidungshoheit. Die Kooperation habe sich im Laufe der Zeit verbessert, doch trotz der bereits bestehenden Informations- und Kommunikationsangebote des LKN besteht seitens vieler HoogerInnen der Wunsch, dass man ihre über Generationen hinweg gesammelten Erfahrungen mehr einbezieht. "Die Erfahrungen der Einheimischen werden nicht berücksichtigt", befinden InterviewpartnerInnen, dabei haben die ExpertInnen vom Festland "überhaupt keine Ahnung, wie es ist, hier zu wohnen" – "wo sollen die die auch herhaben?" Zwar können die IngenieurInnen Wellen, Strömungen oder Meeresspiegel an "ihrem Reißbrett" berechnen, doch "letztendlich ist die Praxis ausschlaggebend und nicht die Statistik". Erschwerend kommt hinzu, dass in der Vergangenheit nicht ausreichend langfristig geplant wurde. Bereits anlässlich der von 1990 bis Mitte der 2000er Jahre andauernden stückweisen Verstärkung aller Warften auf Hooge verwiesen viele BewohnerInnen darauf, dass die Maßnahmen unzureichend seien. Die jüngsten Prognosen der Forschung und die infolge von Stürmen wie Xaver beschlossenen weiteren Verstärkungen geben den Bedenken der HoogerInnen rückblickend Recht.

Schließlich wird diskutiert, ob der klassische Küstenschutz oder die Aufwarftungen irgendwann an ihre Grenzen stoßen. Neben einem finanziellen Limit thematisieren manche HoogerInnen einen möglichen Wandel des Erscheinungsbildes der Hallig: "Geht das immer so weiter? Dass wir sozusagen die Deckwerke erhöhen und die Hallig immer stärker befestigen – oder verändert sich dann der Charakter?" Im Zuge der schweren Stürme von 2013 hat sowohl Hooge als auch die Landesregierung ein Umdenken gefordert: "Wenn wir die Halligen tatsächlich für die nächsten 80 bis 100 Jahre als bewohnte Halligen halten wollen, dann müssen wir uns ganz neu aufstellen." Entsprechend wurde und wird aktiv nach innovativen, gar "futuristischen", "abgefahrenen technischen Lösungen" gesucht, wie beispielsweise durch einen Architekturwettbewerb im Zuge von Hallig2050[16] oder im aktuellen Aufwarftungsprogramm, bei dem getestet wird, welche Methoden zur Aufwarftung am nachhaltigsten sind.

Gleichzeitig stehen viele HalligbewohnerInnen solchen alternativen Maßnahmen skeptisch gegenüber, denn durch einen modernen Neubau verändert sich die Optik und geht möglicherweise das "Halligtypische" verloren: "Also klar wird man das technisch erhalten können, man kann immer weiter aufwarften oder irgendwann könnte man einen Deich drum herum bauen, aber dann ist es keine Hallig mehr. Und das wollen wir auch nicht. Das will eigentlich auch keiner." Im Gegenteil, "gerade die Gäste, die Menschen wollen ja das Ursprüngliche". Das typische Halligbild mit den reetgedeckten Friesenhäusern ist somit auch ein Wirtschaftsfaktor, denn Tourismus ist die Haupteinnahmequelle der Halligen.[17] Folglich fordern einige InterviewpartnerInnen eine Rückbesinnung auf das Althergebrachte. Hier merken einige HoogerInnen an, dass insbesondere die Lebenserfahrungen der älteren BewohnerInnen und ihr Wissen über Stürme, Land unter und Bebauung einbezogen und auch bewahrt, quasi "archiviert" werden sollen: "Also ich glaube einfach wirklich an das, was die Alten sagen. Mitnehmen, hinhören und nochmal durchleuchten, warum das so war. (…) Eigentlich sind das für mich die Vorbilder und ich denke, da[ran] sollte man auch noch in 10, 20, 100 Jahren immer noch zurückdenken."


Vielfältige Herausforderungen

Schon heute macht sich der Klimawandel auf Hooge bemerkbar. Unsere Interviews bestätigen die wissenschaftlichen Erkenntnisse: Die Halligen und das gesamte Wattenmeer verändern sich. Insbesondere der Anstieg des Meeresspiegels und damit einhergehende häufigere beziehungsweise vor allem intensivere Stürme stellen Hooge (wie auch die benachbarten Halligen und Inseln) vor neue Herausforderungen. Im Gegensatz zu Inseln zum Beispiel im Südpazifik kann sich Deutschland jedoch eine Vielzahl von Anpassungsmaßnahmen leisten. Auch wenn dabei Spannungen wie die beschriebenen unvermeidbar sind, vertrauen die HalligbewohnerInnen auf Anpassungsmöglichkeiten und auch den politischen Willen, in die Halligen zu investieren. Nicht zuletzt dank der Lobby-Bemühungen durch die Halligen verspricht der aktuelle Koalitionsvertrag der schleswig-holsteinischen Landesregierung aus CDU, Grünen und FDP, "die langfristige Bewohnbarkeit der nordfriesischen Halligen in Zeiten des Klimawandels [zu] gewährleisten."[18] Zumindest für die nächsten 100 Jahre scheint die Existenz der Halligen gesichert.

Doch was genau soll wie erhalten werden? Ebenso wie die Folgen des Klimawandels bereiten soziale und wirtschaftliche Herausforderungen den HoogerInnen Sorge.[19] Auf unsere Frage nach gegenwärtigen Herausforderungen auf der Hallig thematisieren viele nicht nur Umweltveränderungen, sondern auch den demografischen Wandel – vor allem an jungen Familien fehlt es auf Hooge –, mangelnde Arbeitsmöglichkeiten und die teure Wohnsituation. Mit Leuchtturmprojekten wie der Kennzeichnung von Hooge als "Fairtrade Hallig", dem Programm "Hand gegen Koje", bei dem Freiwillige bei den anfallenden Arbeiten auf der Hallig mithelfen und im Gegenzug eine kostenlose Unterkunft bekommen, oder Plänen gegen den demografischen Wandel steuert Hooge gegen. Letztendlich bildet eine mittel- bis langfristige Wohnmöglichkeit die Grundlage für die sozialen Maßnahmen auf Hallig Hooge. Hierfür ist aber eine zukunftsorientierte Befestigung und Aufwarftung entscheidend. Umweltbedingte Herausforderungen und sozialökonomische Probleme hängen zusammen.

Halligen sind weltweit einzigartig; sie finden sich nur im Wattenmeer Schleswig-Holsteins und Süddänemarks. Schon seit Jahrhunderten stellt dieser Lebensraum die Menschen vor große Herausforderungen. Heute kommt mit dem Klimawandel eine neue Herausforderung hinzu. Vielfältige Anpassungsmaßnahmen sind unumgänglich, will man die Halligen als Ökosystem und Lebensraum erhalten. Wie in unserem Beitrag gezeigt wird, ist ein Eingreifen in die Natur auf den Halligen nichts Neues; ohne permanenten Küstenschutz gäbe es die Halligen nicht mehr. Entsprechend unterstützt die Bevölkerung umfassende Anpassungsmaßnahmen. Nichtsdestotrotz herrscht Uneinigkeit, wie genau der Klimawandel die Hallig betrifft, welche Maßnahmen wie umgesetzt werden sollten und wie effektiv sie sind. Spannungsfelder ergeben sich insbesondere in Bezug auf Halligerhalt um der Natur willen versus um der Menschen willen, auf Fachwissen vom Festland versus Erfahrung von HoogerInnen sowie auf Modernität und Innovation versus Ursprünglichkeit und Tradition.

Solche Spannungsfelder und Kontroversen sind unvermeidlich. Unsere Untersuchung fügt sich in die Fachliteratur, die Klimaanpassung als einen politischen Prozess beschreibt, der eng mit anderen sozialen und ökologischen Prozessen verbunden ist. Die Umweltwissenschaftlerin Siri Eriksen und ihre Kollegen merken in diesem Sinne an: "Anpassung sollte explizit als ein umstrittener sozio-politischer Prozess verstanden werden, der beeinflusst, wie individuelle und kollektive Akteure mit vielfältigen Arten von zeitgleich auftretenden Veränderungen in Umwelt und Gesellschaft umgehen."[20] Anpassungspolitik muss demokratisch ausgehandelt werden. Eine Befragung und starker Einbezug der lokalen Bevölkerung sind dazu unerlässlich. Wir hoffen, mit unserer Arbeit hierzu einen kleinen Beitrag geleistet zu haben.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Marlene Meyer, Nora Meyer, Franziska Schade, Alexander Weyershäuser, Carola Klöck für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Fußnoten

1.
Vgl. z.B. Carol Farbotko, Tuvalu and Climate Change: Constructions of Environmental Displacement in the Sydney Morning Herald, in: Geografiska Annaler Series B 4/2005, S. 279–293.
2.
Vgl. z.B. Colette Mortreux/Jon Barnett, Climate Change, Migration and Adaptation in Funafuti, Tuvalu, in: Global Environmental Change 1/2009, S. 105–112.
3.
Michael Fröhlingsdorf, Tonga in der Nordsee, 5.9.2011, http://www.spiegel.de/spiegel/a-784529.html«; Alexander Preker, Klimawandel: Wie die Halligen ums Überleben kämpfen, 27.4.2017, http://www.abendblatt.de/region/schleswig-holstein/article210380523«.
4.
Vgl. Dina Ionesco/Daria Mokhnacheva/François Gemenne, Atlas der Umweltmigration, München 2017, S. 68f.; Collectif Argos, Climate Refugees, Singapur 2010.
5.
Die Interviews entstanden im Rahmen eines studentischen Forschungsprojekts zum Thema "Klimawandel auf den Halligen im schleswig-holsteinischen Wattenmeer" an der Universität Göttingen.
6.
Vgl. Malte Schindler et al., Measuring Sediment Deposition and Accretion on Anthropogenic Marshland – Part II: The Adaptation Capacity of the North Frisian Halligen to Sea Level Rise, in: Estuarine, Coastal and Shelf Science 151/2014, S. 246–255.
7.
Vgl. z.B. Siri Eriksen et al., When not Every Response to Climate Change is a Good One: Identifying Principles for Sustainable Adaptation, in: Climate and Development 1/2011, S. 7–20.
8.
Vgl. z.B. die Beiträge in Jürgen Jensen, Abschlussbericht ZukunftHallig, Siegen 2014, http://www.kfki.de/files/dokumente/0/107_2_1_e36145.pdf«.
9.
Sozialwissenschaftliche Ansätze finden sich jedoch z.B. in Roger Häußling/Nenja Ziesen, Abschlussbericht ZukunftHallig B (IfS), in: Jensen (Anm. 8), S. 289–440 oder in Martin Döring/Beate Ratter, The Regional Framing of Climate Change: Towards a Place-Based Perspective on Regional Climate Change Perception in North Frisia, in: Journal of Coastal Conservation 1/2018, S. 131–143.
10.
Um die Anonymität unserer InterviewpartnerInnen zu schützen, werden Zitate aus unseren Interviews als solche markiert, aber nicht einzelnen Personen zugeordnet.
11.
Priele sind Wasserläufe, in denen sich auch bei Ebbe Wasser befindet.
12.
Vgl. Dirk Meier, Man and Environment in the Marsh Area of Schleswig–Holstein from Roman until Late Medieval Times, in: Quaternary International 1/2004, S. 55–69.
13.
Eine Übersicht über den Küstenschutz auf Hooge liefert Jensen (Anm. 8).
14.
Vgl. Meier (Anm. 12).
15.
Vgl. Arbeitsgruppe Halligen 2050, Möglichkeiten zur langfristigen Erhaltung der Halligen im Klimawandel, Kiel 2014, S. 8.
16.
Vgl. Arbeitsgruppe Halligen 2050 (Anm. 15), S. 29ff.
17.
Allerdings kam es bereits nach der Sturmflut von 1962 zu großen Veränderungen, da die vielen zerstörten alten friesischen Häuser moderner und größer neu aufgebaut wurden.
18.
CDU, Grüne und FDP, Koalitionsvertrag 2017–2022: Das Ziel verbindet, Kiel 2017, http://www.schleswig-holstein.de/DE/Landesregierung/_documents/koalitionsvertrag2017_2022.pdf?__blob=publicationFile&v=2«.
19.
Dieser Befund spiegelt die Erkenntnisse von Untersuchungen im Südpazifik wider. Vgl. z.B. Mortreux/Barnett (Anm. 2).
20.
Vgl. Siri Eriksen/Andrea J. Nightingale/Hallie Eakin, Reframing Adaptation: The Political Nature of Climate Change Adaptation, in: Global Environmental Change 35/2015, S. 523–533, hier S. 524; eigene Übersetzung.

Marlene Meyer, Nora Meyer, Franziska Schade, Alexander Weyershäuser, Carola Klöck

Zur Person

Marlene Meyer

studiert Psychologie an der Georg-August-Universität Göttingen. marlene.meyer@gmx.de


Zur Person

Nora Meyer

studiert evangelische Theologie und Politikwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen. nora.meyer@stud.uni-goettingen.de


Zur Person

Franziska Schade

studiert Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen. franziska-schade@gmx.net


Zur Person

Alexander Weyershäuser

studiert Politikwissenschaft an der Georg-August-Universität Göttingen. a.weyershaeuser@stud.uni-goettingen.de


Zur Person

Carola Klöck

ist promovierte Politikwissenschaftlerin und Akademische Rätin am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. carola.kloeck@uni-goettingen.de


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln