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15.3.2019

Lesekultur im Wandel - Essay

Die Zahl der Buchkäufer und -käuferinnen ist in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Das bestätigte im Juni 2018 die Studie "Buchkäufer – quo vadis?" des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Gesellschaft für Konsumforschung: Zwischen 2013 und 2017 ist die Zahl der Käufer um 6,4 Millionen gesunken. Zwar zeigen erste Tendenzen, dass sie sich im vergangenen Jahr wieder stabilisiert hat, und die Umsätze bewegen sich in etwa auf gleichbleibend hohem Niveau, denn Buchkäufer kauften im Schnitt mehr Bücher pro Person und zahlten durchschnittlich höhere Preise. Dennoch bleibt die Situation ernst. Während sich auf der einen Seite Buchfans als treue Vielkäufer erweisen, gehen auf der anderen Seite mehrere Millionen Leser in wenigen Jahren verloren – eine Entwicklung, die eng mit einem Wandel des Leseverhaltens zusammenhängt.

Bei genauerem Hinschauen erkennt man: Lesen ist vielschichtiger denn je. Literaturfestivals und Lesungen boomen, Blogger und Bookstagrammer teilen Leseerlebnisse online, Buchhandlungen sind kulturelle Treffpunkte. Dennoch: Lesen ist in der Freizeit immer stärker nur eine Option von vielen. Wer Bücher liest, tut dies zunehmend aus einer bewussten Entscheidung heraus. Unbewusst lesen Menschen in ihrem Alltag hingegen mehr als vor einigen Jahren – und sie lesen anders. Das Lesen findet heute im Digitalen statt, es ist hochfrequenter und selektiver, dabei durchsetzt von Bildern.

Im Digitalen liegen der Studie zufolge auch die Gründe für die Käuferabwanderung: Die diversen Möglichkeiten der Unterhaltung haben sich erst jetzt auf das Kaufverhalten ausgewirkt – neben dem Fernsehen und dem Internet war lange Platz für Bücher. Das Bücherkaufen aufgegeben haben Menschen verstärkt in den vergangenen Jahren, in denen der Alltag wesentlich durch eine permanente Erreichbarkeit durch soziale Medien geprägt ist. Die Menschen fühlen sich zunehmend von der Schnelllebigkeit und den Erwartungen des modernen Alltags unter Druck gesetzt, immer verbunden mit der Angst, sozial den Anschluss zu verlieren. So reicht abends die Energie nicht mehr, um sich in ein Buch oder E-Book zu vertiefen. Stattdessen schauen sie lieber eine Netflix-Serie.

Natürlich hat sich die Bevölkerung auch vor der Digitalisierung nicht zu hundert Prozent aus Buchlesern zusammengesetzt. Die Stellung des Lesens in der Gesellschaft hat sich aber gravierend verändert. Nicht-Lesen führt nicht mehr zu soziokulturellem Statusverlust. Lesen ist keine Voraussetzung mehr, um am gesellschaftlichen Gespräch teilzuhaben – diese Rolle im Kulturgespräch haben zunehmend Serien übernommen, die immer hochwertiger produziert werden. Bücher hingegen müssen sich stärker rechtfertigen und sich ihre Sichtbarkeit verdienen. Sie sind mehr und mehr aus dem öffentlichen Diskurs verschwunden, gelten zuweilen als Einzelgänger-Medium.

Das Interesse an Geschichten hingegen ist ungebrochen – das zeigt nicht zuletzt der Serien-Trend. Auch gab es keine abrupte Ablehnung des Buchs. Die befragten Abwanderer haben an Bücher durchweg positive Erinnerungen. Lesen wird als Moment der Entschleunigung beschrieben, als Abtauchen in ferne Welten, Horizonterweiterung und Zeit für sich selbst. Informationen aus Büchern gelten unter den Befragten als besonders vertrauenswürdig. Viele sprechen sogar davon, dass sie die Zeit mit Büchern vermissen.

Nicht erst seit Veröffentlichung der Buchkäuferstudie arbeitet die Buchbranche an neuen Wegen, Leser zu erreichen. Digitale Tools sollen bei der Buchauswahl helfen, Leseproben unentschlossene Käufer gewinnen. Angebote wie Yoga in der Buchhandlung schaffen neue Zugänge und betonen die vergemeinschaftende Seite des Lesens. Sicherlich können Live-Events für das Lesen nicht die Bedeutung entwickeln, wie sie es in der Kunst oder im Theater tun.[1] Aber sie können helfen, Geschichtenliebhaber zu gewinnen. Offene und niedrigschwellige Angebote sind genauso wichtig zum Überleben des Marktes, wie auf den Wert des Lesens selbst zu setzen.

Bei all diesen Überlegungen gilt: Wenn Bücher im Alltag ins Abseits geraten, steht mehr als eine Bilanz oder ein beglückendes Gefühl auf dem Spiel. Bücher zu produzieren, dient keinem ökonomischen Selbstzweck. Die Frage, ob Bücher in unserem Alltag präsent sind, impliziert vielmehr drängende kulturelle und gesellschaftliche Fragen.

Bücher bieten Zugang zu einer Art des Lesens, auf die unsere Gesellschaft nicht leichtfertig verzichten kann. Wer keine Bücher liest, beschränkt auch seine Wahrnehmungsmöglichkeiten. Digitale Medien verändern diese maßgeblich. Der Umstand, dass viele elektronische Medien den Leser einem permanenten Fluss der Reize aussetzen und ihm vorgeben, wann er welche Inhalte zu verarbeiten habe, ist nach Erkenntnissen des Hirnforschers Wolf Singer in hohem Maße unnatürlich. Normalerweise sei es der Mensch selbst, der sich aussucht, in welchem Rhythmus er etwas lese. Als eine Folge des digitalen Lesens sieht Singer eine verringerte Aufmerksamkeitsspanne. Rein digital trainierte Leser hätten Schwierigkeiten, komplexe Sätze aufzulösen.[2] Das Lesen von gedruckten Texten eröffnet hingegen eine Freiheit, die wir beim vorportionierten elektronischen Lesen von Kurztexten oder beim Serienschauen nicht erlangen können. Ähnliches bestätigten zuletzt die Studien des Forschernetzwerkes E-Read.[3] Die selbstständige Auseinandersetzung mit dem Gelesenen stärkt die Position des Eigenen und macht frei von vorgegeben Denkmustern[4] – Fähigkeiten, die in Zeiten von erstarkendem Populismus, Fake News und Clickbait-Journalismus unabdingbarer werden und elementar für die demokratische Teilhabe sind.

Ebenso wichtig für den demokratischen Diskurs sind vertrauenswürdige Quellen – mit gesellschaftlicher Verantwortung verlegte und sorgfältig recherchierte Literatur. Sie ist ein notwendiges Gegengewicht zur Schnelllebigkeit digitaler Informationen und hilft, die gemeinhin als immer komplexer wahrgenommene Welt zu verstehen und Perspektiven zu hinterfragen. Dafür braucht es zum einen Rahmenbedingungen, die ein unabhängiges und vielfältiges Verlegen ermöglichen, etwa ein modernes und faires Urheberrecht. Zum anderen muss diese Literatur nachgefragt und gelesen werden. Das Verlagswesen und das Buchhandlungsnetz in Deutschland verfügen nach wie vor über eine vorbildhafte Dichte – zwei Drittel der Buchhandlungen sind unabhängige, kleine Buchläden. Es gibt rund 3000 Buchverlage in Deutschland, davon ein beträchtlicher Teil unabhängige und kleine Verlage, die es sich vielfach zur Aufgabe gemacht haben, abseits des Mainstreams zu publizieren. Sie setzen auf Spezialinteressen und schrecken nicht davor zurück, auch das Skurrile und Abseitige zu befördern sowie Gedanken herauszubringen, die dazu beitragen, gesellschaftliche Normen zu verändern. Eine rückläufige Zahl an Buchhandlungen, eine geringe Präsenz von Büchern im Alltag und schwindende Interessengruppen gefährden allerdings diese "Bibliodiversität" und damit ein fragiles kulturelles Ökosystem, das das Wachsen von Ideen und politischer Diversität ermöglicht.[5] Eine schrumpfende Leserschaft dünnt langfristig auch den Markt der Ideen aus.

Das Interesse an Büchern bei Kindern und Jugendlichen hat in den vergangenen Jahren im Vergleich zur Gesamttendenz weniger stark abgenommen.[6] Offen bleibt: Werden Kinder zu Lesern, wenn sie langfristig immer weniger lesende Vorbilder haben? Vertieftes Lesen ist nach wie vor die wichtigste Form der Wissensaneignung. Sinnerfassend lesen zu können, ist elementar für die gesellschaftliche Teilhabe und letztlich eine Frage der Chancengleichheit.[7] Eine bessere und vernetzte Leseförderung wie der Börsenverein sie unter anderem zusammen mit der Autorin Kirsten Boie mit der "Hamburger Erklärung" gefordert hat, gehen deshalb mit dem Einsatz für das Buch Hand in Hand.

Der Wandel der Lesekultur in Deutschland stellt Buchbranche, Politik, Medien und Bildungsinstitutionen vor die gemeinsame Aufgabe, zu vermitteln, welche zentralen Fähigkeiten das Lesen auch für die digitale Welt vermittelt. Bücher erfüllen das Bedürfnis nach Entschleunigung, nach Perspektivenreichtum und hochwertigen Informationen auf ideale Weise. Sie verdienen Sichtbarkeit auf allen Ebenen des öffentlichen Lebens.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Heinrich Riethmüller für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Fußnoten

1.
Vgl. Drew Nelles, Solitary Reading in an Age of Compulsory Sharing, in: Paul Socken (Hrsg.), The Edge of the Precipice. Why Read Literature in the Digital Age? Montreal u.a. 2013, S. 42–51, hier S. 43.
2.
Vgl. Wolf Singer, Was passiert, wenn wir das richtige Lesen verlernen?, 13.10.2018, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/-15833090.html«.
3.
Vgl. Zur Zukunft des Lesens – Stavanger-Erklärung, 22.1.2019, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/-16000793.html«.
4.
Vgl. Sven Birkerts, Reading in a Digital Age, in: Socken (Anm. 1), S. 27–41, hier S. 41.
5.
Susan Hawthorne, Bibliodiversität. Manifest für unabhängiges Publizieren, Berlin 2017, S. 10–28.
6.
Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, KIM-Studie 2016. Kinder, Internet, Medien, Stuttgart 2017, S. 21–25.
7.
Vgl. Andreas Platthaus, Was uns noch mehr spaltet, 18.10.2018, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/-15833065.html«.

Heinrich Riethmüller

Zur Person

Heinrich Riethmüller

ist Buchhändler und Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. vorsteher@boev.de


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