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28.9.2005

Editorial

Der "Aufbau Ost" dauert weit länger als am 3. Oktober 1990 allgemein erhofft. Die wirtschaftliche Kluft zwischen beiden Landesteilen scheint sich zu vertiefen. Von einem sich selbst tragenden Aufschwung sind die ostdeutschen Bundesländer weit entfernt. Noch auf Jahrzehnte werden Milliardentransfers den Bundeshaushalt belasten. Die Arbeitslosenquote ist im Osten noch immer mehr als doppelt so hoch wie im Westen. Obendrein haben mentale Prägungen aus 40 Jahren der Zweistaatlichkeit eine lange Lebensdauer.

Doch was wäre im Herbst 1990 die Alternative gewesen? Auch DDR-Ökonomen wussten, dass der SED-Staat, entgegen allen Erfolgsmeldungen, vor dem Bankrott stand. Die Wirtschafts- und Sozialpolitik hatte die Staatsfinanzen ruiniert. Ein "dritter Weg" war vor dem Hintergrund der Freiheitsrevolutionen in Mittelosteuropa schon bald Utopie. Einer westlich orientierten DDR fehlte die Existenzberechtigung. Es zeichnete sich ab, dass die Vereinigung mit der Bundesrepublik viel schneller auf die Tagesordnung geriet, als es manchen in Europa lieb war. Heute ist Deutschland, von Partnern und Freunden umgeben, ein Stabilitätsfaktor der internationalen Politik.

Es gibt allen Grund, an die Zivilcourage der DDR-Bürgerinnen und -Bürger im Herbst 1989 zu erinnern. Das marode Repressionssystem war am Ende, und in der Nacht des Mauerfalls schienen die Deutschen "das glücklichste Volk der Welt". Die Ostdeutschen brachten die Freiheitstradition der friedlichen Revolution für Demokratie und Rechtsstaat als Erbe in die deutsche Einheit ein. Nun gilt es, frei nach Erich Loest, die "Mühen der Ebene" zu bewältigen.

Hans-Georg Golz

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