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17.1.2005

Der Konflikt in Darfur

Die Interessen der Konfliktparteien in Darfur sind nicht ethnisch motiviert; es geht um Zugang zu Land und Wasser. Die führenden politischen Eliten des Landes scheinen hinter diesem Konflikt zu stehen.

Einleitung

Die Krise in Darfur ereignet sich zu einer Zeit, da der andere Krieg im Süden Sudans kurz vor einer Lösung zu stehen scheint. Die sudanesische Regierung und die Rebellen aus dem Süden, die Befreiungsbewegung/Befreiungsarmee des sudanesischen Volkes (Sudan People's Liberation Movement/Army, SPLM/SPLA), unterzeichneten im Mai 2004 in Naivasha (Kenia) nach zwei Jahre dauernden Verhandlungen einen vorläufigen Friedensvertrag. Die beiden Konfliktparteien einigten sich auf eine Formel, nach der sie Macht und Reichtum zunächst teilen. Nach sechs Jahren wird der Süden das Recht erlangen, in einem Referendum darüber zu entscheiden, ob die Region weiter einem vereinten Sudan angehören will oder sich von ihm trennt.


In dieser Hinsicht besteht ein Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt des Aufruhrs in Darfur und dem Vertrag von Naivasha: Die beiden Rebellengruppen in Darfur sahen in dem Abkommen eine Gelegenheit, ihrerseits den Anspruch auf einen Anteil an der Macht und dem Reichtum zu erheben. Ende der achtziger Jahre brach zwischen den Arabern und den Fur, zwei der in den Konflikt verwickelten Stammesgruppen, ein Kampf aus. Seither schwelt in Darfur ein Konflikt geringer Intensität. Der Anthropologe Sharif Harir beschrieb die Chronologie dieses früheren Konflikts. Er argumentierte, dass Darfur eine ähnliche Entwicklung nehmen werde wie der Süden des Sudan, wenn die von der Regierung finanzierte Gewalt nicht eingedämmt werde. Harir fungierte bis Ende 2004 als Chefunterhändler für eine der Rebellengruppen, die Sudanesische Befreiungsarmee (Sudan Liberation Army, SLA).

Es scheint, als mangele es dem Sudan nicht an Konflikten. Aber erst in den vergangenen Monaten stand und steht das Land im Zentrum des Medieninteresses.[1] Man berichtete, es handele sich um einen Rassenkonflikt, in dem die so genannten Araber sich bewusst auf die so genannten Afrikaner eingeschossen hätten. Dem Sudan wurde vorgeworfen, arabische Milizen zu bewaffnen, die als janjaweed dafür bekannt sind, wahllos schwarze Zivilisten in Darfur zu töten. Darüber hinaus bezichtigte man den Sudan des Völkermordes. In keinem der zahlreichen Berichte über die Ereignisse in Darfur wurde auf die Hintergründe des Konfliktes eingegangen. Dieser Beitrag beschreibt die Geschichte und die zentralen Ursachen des Konflikts.

Definitionen und zentrale Themen

Zunächst müssen die in diesem Beitrag verwendeten Begriffe definiert werden. Erstaunlicherweise haben viele Bewohner der Nil-Region im Sudan den Begriff janjaweed erstmals gehört, als er in den internationalen Medien benutzt wurde. In Darfur ist der Begriff jedoch nicht neu. Er kam in den achtziger Jahren während der Spannungen und Konflikte zwischen den Fur und den Arabern auf. Arabische Banden, die Horden (janjaweed) und Ritter (fursan) genannt wurden, zogen marodierend durch die von den Fur bewohnten Regionen, töteten wahllos und steckten Dörfer in Brand. Als Gegenreaktion bildeten auch die Fur solche Gruppen, die Kämpfer (malishiyat), und übten in ähnlicher Weise Vergeltung. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch behauptete fälschlicherweise, "die janjaweed sind aus den Abala hervorgegangen, nomadischen Kamelhirten, die in den siebziger Jahren aus dem Tschad und Westafrika nach Darfur eingewandert sind, sowie aus Stämmen arabischer Kamelhirten aus Nord-Darfur"[2]. Allerdings bilden die Zaiydiya den bei weitem größten und einzigen nennenswerten Stamm von Kamelbesitzern.[3] Es scheint, dass sich der Großteil der janjaweed aus den Baggara rekrutiert, vor allem aus den Beni Helba, die Rinderhirten sind. Der Begriff ist eine Zusammensetzung aus jan, was "Geist" bedeutet, und jaweed, einer Abwandlung von jawad, was "Pferd" heißt. Der Begriff versinnbildlicht die überraschenden Angriffe dieser berittenen Milizen, die meist in der Nacht Verwüstung und Zerstörung bringen.

Man vermutet, dass es sich bei allen um arabische Stämme handelt. Wenn dies zutrifft, stellt sich die Frage: Wer sind die arabischen Sudanesen? Viele Sudanesen führen ihre Abstammung auf Arabien und sogar bis zum Propheten Mohammed zurück. Da aber der Islam und die arabische Kultur nicht nur von "reinen" Arabern, sondern in der Hauptsache von arabisierten einheimischen Völkern verbreitet wurden, sind unausweichlich "dunklere" Araber dabei entstanden.[4] Es erstaunt nicht, dass man Menschen mit sehr dunkler Hautfarbe unter den Ja'aleen und Shaigiyya findet, den beiden größten arabischen Stämmen der Flussregion.

Volkszugehörigkeit ist althergebracht und weit verbreitet. Der Begriff wird für "Nation", "Rasse" oder "Volk" benutzt, die allgemeine Bedeutung bezieht sich jedoch auf diekulturelle Eigenart. In der Wissenschaft gab es eine Debatte darüber, ob Volkszugehörigkeit ursprünglich (primordial) oder instrumental sei. Ursprüngliche Volkszugehörigkeit wird eng mit Verwandtschafts- und Herkunftsbeziehungen verknüpft. Instrumentale Volkszugehörigkeit ist doppeldeutig, veränderbar und wird von Vor- und Nachteilserwägungen bei der Verfolgung unmittelbarer Interessen gelenkt. Eine kritische, aber entscheidende Differenz, die in wissenschaftlichen Debatten oft unberücksichtigt bleibt, liegt darin, dass sich Volkszugehörigkeit sowohl auf Abgrenzungsmerkmale - also einen ethnischen Unterschied - als auch auf inhaltliche Fragen (Interessen) in ethnischen Auseinandersetzungen beziehen kann. Es lässt sich also in zweierlei Hinsicht von einem ethnischen Konflikt sprechen: Er kann sich auf die Konfrontation zwischen Mitgliedern einer oder mehrerer ethnischer Gruppen um die Kontrolle begrenzter Ressourcen wie Wasser, Land, Diamanten, Öl usw. beziehen. Dann sind die Kontrahenten ethnisch, nicht aber der Gegenstand der Auseinandersetzung. Im zweiten Fall sind die Gegenstände des Konflikts selbst ethnisch: Sprache, Religionsausübung, Familienrecht usw. Ethnische Konflikte äußern sich in der Regel in einer klaren ethnischen oder rassischen Forderung, bringen einen Missstand zum Ausdruck. Es gibt viele Formen des ethnischen Konflikts. Die Hauptvarianten sind: Aufruhr, Bürgerkrieg und Völkermord.

Der Begriff ethnische Gewalt bezieht sich auf "Gewalt, die über ethnische Grenzen hinweg ausgeübt wird, wobei mindestens eine Partei kein Staat (oder Vertreter eines Staates) ist, und in der der vermeintliche ethnische Unterschied ein integraler Bestandteil dieser Gewalt und nicht zufällig Teil der Gewalt ist, d.h. die Gewalt sich in irgendeiner Weise absichtlich auf die ethnische Zugehörigkeit der Opfer richtet"[5]. Völkermord (Genozid) wird als die vorsätzliche Auslöschung eines Volkes definiert.

Geographischer und ethnischer Hintergrund

Darfur - die Heimat der Fur - umfasst ein Gebiet, das etwa der Größe Frankreichs entspricht. Historisch war Darfur bis zur Niederlage seines letzten Sultans, Ali Dinar, im November 1916 gegen die von den Briten angeführten Truppen nicht Teil des Sudans.

Geographisch kann man Darfur in vier Zonen einteilen: die Halbwüste im Norden, das qoz-Land in der Mitte des Ostens, das Lehmbecken im Süden und das zentrale Gebirge Gabal Marra.[6] Die Bevölkerung von Darfur setzt sich aus einer Vielfalt verschiedener ethnischer Gruppen zusammen. Diese Gruppen betreiben unterschiedliche wirtschaftliche Aktivitäten, dennoch kann man sie in drei Hauptgruppen unterteilen:[7] - sesshafte eingeborene Stämme: Dazu gehören das Volk der Fur, die entlang des Gabal Marra leben und dura (Sorghumhirse) sowie dukhn (Hirseart) als Grundnahrungsmittel anbauen. Weiter gehört das Volk der Masalit dazu, die in den Tälern des äußersten Westen von Darfur leben, die Daju und Tunjur, die traditionell erste herrschende Elite in Darfur, sowie die Qimr; - nomadische oder halbnomadische nichtarabische Stämme: Hierzu zählen die Zaghawa, der große Stamm im Nordwesten von Darfur, die als Nomaden leben; die Badayat und die Meidob im Nordosten von Darfur, die Halbnomaden sind und Schaf- und Ziegenherden halten; - arabische Stämme: Dazu gehören sesshafte Araber wie die Messiriya, nomadische Kamelhirten wie die Zaiydiya und nomadische Rinderhirten, die unter dem Namen Baggara bekannt sind. In Darfur leben vier Hauptgruppen der Baggara: Rizaiqat, Habbaniya, Ta'aisha, und Beni Helba.

Obwohl es Stammesterritorien (dars) gibt, innerhalb derer jeder Stamm sich von anderen abgrenzt, lebten diese Gruppen nicht isoliert voneinander, sondern waren bis zu einem gewissen Grad in größere Austauschsysteme integriert. Außerdem gibt es Mischehen. Tatsächlich war der erste Sultan der Fur der Nachfahre eines arabischen Vaters und einer Fur-Prinzessin. Man nannte ihn Sulyman Solong, was Sulyman der Araber bedeutet. Die saisonalen Veränderungen von Weiden und Wasserquellen führen jedoch zu erheblichen Wanderungsbewegungen in den Stammesterritorien, was aufgrund des Wettbewerbs um natürliche Lebensgrundlagen häufig Konflikte nach sich zieht.

Historische und politische Ursachen

In den achtziger und neunziger Jahren wurden arabische Milizen aus Darfur und dem benachbarten Kordofan, die als Marhalin (Nomaden) bekannt waren, gegen Gemeinden in den von der SPLM kontrollierten Gebieten von Bahr-el-Ghazal, der Provinz südlich von Darfur, eingesetzt. Diese Angriffe wurden durch das Militär koordiniert und mit religiöser Ideologie gerechtfertigt. Ähnliche Taktiken wurden gegen die Nuba in Kordofan eingesetzt, einer weiteren an der Rebellion im Süden beteiligten Gruppe. [8] Der Einsatz solcher Milizen durch die Regierung ist nicht neu und kann bis zum Massaker von Gardud von 1985 zurückverfolgt werden, als Gruppen bewaffneter Dinka aus dem Süden ein Dorf der Baggara im Süden von Kordofan angriffen. Die Regierung von Sadiq al-Mahdi beschuldigte die SPLA und verzieh den Baggara deren Vergeltung.

Ein weiterer bedeutender Zwischenfall war das Diein-Massaker von 1987, als bewaffnete Baggara (Rizaiqat) Hunderte von Dinka ermordeten. Dieser Zwischenfall führte zu einem Aufschrei im Land, und als Ministerpräsident al-Mahdi 1989 vom Militär mit Fragen zur Existenz von Stammesmilizen konfrontiert wurde, antwortete er der Armee, "diese paramilitärischen Kräfte dienten nur der Verteidigung der Demokratie"[9]. Durch diese Schutzbehauptung konnte er seine Macht jedoch nicht mehr retten, denn am 30. Juni 1989 übernahm eine Gruppe von Offizieren, unterstützt durch die Nationale Islamische Front (NIF), die Macht. Später wertete das Militärregime diese Milizen auf und legalisierte sie im Gesetz zur Volksverteidigung von 1989 (Popular Defense Act). Das neue Regime von Al-Bashir verfolgte mit der Schaffung einer Volksverteidigungsarmee zwei Ziele. Erstens wollte die Regierung alle Milizen unter dem Kommando von Offizieren zusammenfassen, die einer Ideologie verpflichtet waren. Zweitens sollte die Armee durch die Schaffung solcher Kräfte neutralisiert und das Regime gegen einen möglichen Militärputsch geschützt werden.

Im Falle des Südens, wo die Opfer Nichtmuslime waren, benutzte die offizielle Propaganda zur Rechtfertigung dieser Angriffe das Vokabular des Heiligen Krieges, des jihad. Aus den Marhalin wurden Mujahideen. Inoffiziell sprach man von einem Rassenkonflikt und benutzte Begriffe wie abid (Sklave) und zurga (wörtlich "blau", was im sudanesischen Dialekt schwarz bedeutet). Im Falle von Darfur sind alle Einwohner Muslime. Da es keine religiösen Differenzen gibt, muss offensichtlich die rassistische Rhetorik eingesetzt werden. Es soll hier darauf hingewiesen werden, dass sich nicht alle Konflikte in Darfur seit den achtziger Jahren zwischen arabischen und nichtarabischen Stämmen abspielten.[10]

Ein größerer Konflikt von ganz anderem Format, aber in gewisser Weise dem aktuellen Konflikt sehr ähnlich, spielte sich 1989 zwischen den Fur und einem Zusammenschluss von rund 27 arabischen Stämmen ab. Es ging um Zugang zu Territorien, Rassenvorurteile und politische Unterdrückung. All diese Konflikte wurden in der Vergangenheit durch Schlichtungskonferenzen gelöst, in denen eine dritte Partei als Mediator (ajawid) fungierte. Die Mediatoren sind für gewöhnlich die Stammesoberhäupter (shaikhs), wobei die Regierung die Konferenz unterstützt. Grundsätzlich werden alle Verluste an Menschenleben und Eigentum an Tieren durch diyya (Blutgeld) sowie materielle Kompensation geregelt. Die lokalen Regierungsbehören fungieren als Garanten für die Einhaltung der bei solchen Konferenzen erzielten Abmachungen.

Es war die britische Kolonialmacht, die - in der Absicht, den Frieden zwischen den ethnischen Gruppen zu stärken - die einheimische Verwaltung durch die Übergabe der Befugnisse im Rahmen der Shaikhs Ordinance (Shaikh-Verordnung) von 1928 formalisierte und die einheimische Verwaltung neu organisierte. Die Verwaltung war der Grundstein der britischen Kolonialpolitik, die auf indirekter Herrschaft beruhte. Die Briten setzten bis zu einem gewissen Punkt erfolgreich friedliche Verhältnisse durch, ihre Politik schuf aber zugleich Bedingungen, die später zur Marginalisierung der nicht am Fluss gelegenen Teile Sudans beitrugen. Nach der Unabhängigkeit im Jahr 1956 besiegelte der Prozess der Sudanisierung des Öffentlichen Dienstes die dominierende Position der Fluss-Anrainer gegenüber dem Rest des Landes. Dies wird auf die strukturellen Bedingungen der kolonialen Bildungspolitik zurückgeführt: Bildungseinrichtungen konzentrierten sich in den flussnahen Regionen. Als die Briten das Land verließen, stellten beispielsweise die Darfuris fest, dass ihre Angelegenheiten von Eliten vertreten wurden, die sie als Fremde betrachteten. Und im Alltag beherrschten die jellaba-Händler vom Fluss den Handel.[11] In dieser Situation entstand ein Leidensdruck, den manche mit "innerer Kolonialisation" umschrieben. [12]

Zwischen der Unabhängigkeit und der Oktober-Revolution von 1964 entstanden in Darfur zwei Untergrundgruppen. Die erste - mit dem Namen la-lahib al-ahmar (rote Flamme) - drohte auf Flugblättern Aktionen gegen die jellaba an. Diese Gruppe bestand jedoch nicht lange. Die zweite Gruppe, die 1963 auftauchte, nannte sich nach einem Ort direkt unter dem Gipfel des Gabal Marra: Soony. Die Regierung, zu dieser Zeit das Militärregime von Abbud, nahm diese Gruppe ernster, weil ihre Mitglieder sich aus den höheren Rängen der Armee rekrutierten. Die Größe dieser Gruppe war aber nicht bekannt, und infolge einer Politik der Entlassung von Offizieren aus dieser Region verschwand sie nach einiger Zeit wieder.

Eine offene Debatte ließ eine neue Organisation zur Vertretung von Darfur entstehen.Die Darfur Entwicklungsfront (Darfur Development Front, DDF) wurde 1964 von einer Gruppe hoch gebildeter Darfuris in Khartum gegründet. Ahmed Ibrahim Diraige stand dieser Front vor. Er entschied sich, sie mit der Umma-Nationalpartei zu vereinen, um die Interessen von Darfur über die Landespolitik hinaus zu fördern. Als Diraige 1968 Führer der parlamentarischen Opposition der Umma wurde, war es schwierig, eine eigene Identität der Front beizubehalten. Tatsächlich ging die DDF in der Umma auf. 1969 verbot das Regime von Nimieri alle Parteien und regionalen Gruppierungen. 1971 löste es die einheimischen Verwaltungen auf und versuchte, das entstandene Vakuum durch das Gesetz zur Lokalen Volksregierung von 1971 zu füllen. Ein wichtiger Zwischenfall in der Ära Nimieri war der Versuch der unter dem Banner der Nationalen Front vereinten Oppositionsparteien, das Regime im Jahr 1976 gewaltsam zu stürzen, und zwar mit Rekruten, die mit Unterstützung Libyens im Norden von Darfur und Libyen ausgebildet worden waren. Der Versuch scheiterte, und die Nationale Front versöhnte sich 1977 mit dem Regime. 1980 dehnte Nimieri das Gesetz über die Regionale Autonomie (Regional Autonomy Act) von 1972 (das im Süden seit der Vereinbarung von Addis Abeba von 1972 angewendet wurde) auf alle Regionen des Sudans aus. 1981 wurde Diraige zum Gouverneur von Darfur ernannt.[13]

Ein regionales Ereignis, das später Auswirkungen auf den Konflikt in Darfur haben sollte, war der Krieg zwischen Tschad und Libyen. 1982 zwang Hissene Habré den von Libyen unterstützten Präsidenten des Tschad, Goukoni, aus dem Amt. Wenige Tage später brach zwischen Libyen und Tschad der Krieg von 1987/88 um den Aouzou-Streifen aus. Seit dieser Zeit war Nimieri entmachtet, und die Libyer konnten den Westen des Sudans als Einfallstor in den Tschad nutzen. Die Folge waren Waffenströme nach Darfur, die dort für wenig Geld gekauft werden konnten.

Als al-Bashir mit der NIF im Juni 1989 die Macht übernahm, war der große Konflikt zwischen den Fur und dem Zusammenschluss der 27 arabischen Stämme durch eine Schlichtungskonferenz beigelegt, die Tigani Sese, der frühere Herrscher von Darfur, ausgehandelt hatte. Kleinere Konflikte, meist über den Zugang zu Territorien und Wasser sowie Diebstahl von Tieren, gab es auch in den neunziger Jahren immer wieder. Sie wurden in der üblichen Weise auf dem Wege der Schlichtung durch ajawid beigelegt. Der einzige größere Zwischenfall von politischer Bedeutung ereignete sich im Dezember 1991, als die Kämpfe zwischen den Regierungstruppen und der SPLA unter der Führung eines ehemaligen NIF-Mitglieds, Daoud Bolad, um Gabal Marra herum ausbrachen. Nach heftigen Verlusten auf beiden Seiten wurden die Truppen von Bolad geschlagen.

In den neunziger Jahren verschlechterte sich die Sicherheit in Darfur durch bewaffnete Raubüberfälle, weshalb Präsident al-Bashir 1994 Leutnant A-Tayyib Kahir als Gouverneur von Darfur einsetzte. 1999 beauftragte er einen weiteren Armeeoffizier, Leutnant Mohamed al-Daabee, für Sicherheitin der Region zu sorgen. Hinsichtlich entwicklungspolitischer Projekte in Darfur unternahm die Regierung al-Bashir wenig. Der Bürgerkrieg im Süden verschlang die Ressourcen, und die Regierung richtete ihre Anstrengungen hauptsächlich auf die Ausbeutung von Erdöl, in der Hoffnung, die finanziellen Engpässe mit Hilfe der Erdölproduktion zu überwinden. Das einzige größere Entwicklungsprojekt in Darfur, unter dem Namen Salvation Western Road bekannt, war ein Projekt, das darauf abzielte, Darfur mit Zentral-Sudan und Khartum zu verbinden. Dieses weitgehend von lokalen Initiativen finanzierte Projekt wurde wegen Korruptionsvorwürfen gestoppt.

2001 führte Abdel Wahed Mohamed al-Nur eine Gruppe an und plante eine bewaffnete Rebellion gegen die Regierung. Er überzeugte die Milizen anderer Stämme aus Darfur, sich seinem Kampf anzuschließen. Anfangs spielte die Regierung die Bedeutung dieser Gruppierung herunter. Erst 2003 begann die SLA mit Guerilla-Operationen. Am 18. April griff sie den Flughafen Al-Fashir an und zerstörte vier Flugzeuge; dabei kamen 75 Soldaten ums Leben, und der Chef der Luftwaffe wurde gefangen genommen. Die Rebellen behaupteten, der Überfall sei ein Protest gegen die Vernachlässigung von Darfur durch die Regierung einerseits und gegen die zunehmende arabische Militanz andererseits. Der Angriff kam für die Regierung überraschend. Sie antwortete mit der Bombardierung der Rebellen und rief örtliche Stämme auf, die Rebellion niederzuschlagen. Offensichtlich sahen eifrige Rekruten der arabischen Nomaden hierin eine Gelegenheit, sich Land und Vieh anzueignen, und das unter der Flagge staatlich sanktionierter militärischer Operationen. Seit April hat der Konflikt rund 10 000 Menschenleben gefordert und mehr als 1,5 Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Sie leben in Lagern in Darfur und jenseits der Grenze im benachbarten Tschad.

Wenn die SLA auch die Muskeln spielen lässt, ist die Bewegung für Gerechtigkeit und Gleichheit (Justice and Equality Movement, JEM) der ernster zu nehmende politische Gegner. Die Regierung behauptet, diese Bewegung sei von al-Turabi gegründet worden, der den Staatsstreich vorbereitet hatte, durch den al-Bashir 1989 an die Macht kam. Ein Sprecher der JEM erklärte, al-Turabi habe keine offizielle Beziehung zur JEM. Andere widersprechen dieser Behauptung. Ein Großteil der JEM-Führung besteht jedoch aus loyalen Gefolgsleuten al-Turabis.

Der Konflikt hat sich offensichtlich verändert und kann nicht in der althergebrachten Weise auf dem Wege der Schlichtung durch Stammesälteste gelöst werden. Die Regierung ist jetzt Teil des Konflikts. Diesmal muss die internationale Gemeinschaft, vertreten durch die Vereinten Nationen, den ajawid spielen, den Mediator. Die internationale Aufmerksamkeit konnte 2003 nur sehr langsam auf die Krise gelenkt werden. An ihrer Stelle übernahm der Tschad die Führung und vermittelte den ersten Waffenstillstand im September 2003, der 45 Tage hielt. Die Bemühungen des Tschad waren jedoch weder ausreichend noch effektiv. Präsident Debys Beziehungen zur sudanesischen Regierung sind komplex. Khartum hatte ihn bei seiner Invasion in den Tschad, die er aus dem Exil in Darfur begann, unterstützt. Deby ist außerdem ein Mitglied des Volkes der Zaghawa, das auf beiden Seiten der sudanesisch-tschadischen Grenze lebt. Ein Großteil der Führer der SLA sind Zaghawa.

Die internationalen Medien konnten 2003 nicht mobilisiert werden, über die Gewalttaten in Darfur zu berichten. Sie waren zu sehr mit den Ereignissen im Irak beschäftigt. Erst im Januar 2004 kam ein britischer Filmemacher mit den Rebellen nach Darfur, dessen Bilder CNN sendete. Anschließend wurde aufgrund der gezeigten Gewalttaten von Völkermord gesprochen.[14] Meinungsverschiedenheiten gab es nur bei der zentralen Frage nach den Absichten der Regierung, wie Justice Africa deutlich machte: "Ist dies ein Verbrechen, das auf der höchsten Ebene des sudanesischen Staates vorbereitet und nach einem sorgfältig aufgebauten, zentralen Plan durchgeführt wird? Oder handelt es sich um eine Gegenrebellion, über die man die Kontrolle verloren hat und die jetzt über die Ziele ihrer Finanziers hinausschießt? Es scheint ein wenig von beidem zu sein."[15]

Im Juli 2004 verabschiedete der amerikanische Kongress mit 422 Stimmen eine Resolution, in der festgestellt wurde, dass die sudanesische Regierung in Darfur "Völkermord" begehe. Sudanesische Regierungsvertreter taten diese Resolution als zynischen Versuch ab, schwarze amerikanische Wähler zu gewinnen. Später wurde die Angelegenheit an den UN-Sicherheitsrat weitergeleitet, der über die Androhung von Sanktionen beriet. Ende Juli wurde die UN-Resolution 1556 verabschiedet, in welcher der sudanesischen Regierung ein Ultimatum bis zum 29. August gestellt wurde, um das Morden in Darfur einzustellen, den Zugang für humanitäre Hilfslieferungen in die Region zu ermöglichen und die Milizen zu entwaffnen. In der UN-Resolution 1564 wurden Sanktionen gegen den Sudan für den Fall angedroht, dass die Gewalt in Darfur anhalte.

Während auf der humanitären Seite kleine Fortschritte erzielt wurden, bewegte sich bei der Entwaffnung der Milizen nichts. Ursprünglich verleugneten sudanesische Regierungsvertreter die Existenz der janjaweed-Milizen, später gaben sie deren Existenz ebenso zu wie die Probleme, die sich bei der Entwaffung dieser Milizen stellten. Botschafter Hasan Abdin äußerte sich in London folgendermaßen: "Ja - wir haben gegen diesen Angriff auf die Sicherheit der Bürger und auf öffentliches Eigentum Widerstand geleistet. Ja - wir konnten bestimmte militärische Gruppen, die gegen die Rebellen Widerstand leisten, nicht entwaffnen. Ja - die Situation ist gefährlich außer Kontrolle geraten. Aber die Kommentatoren berichten zunehmend über die andere Seite der Geschichte, beispielsweise, um einen Bericht des Nachrichtendienstes der Vereinten Nationen zu zitieren: 'Die SLA-Rebellen griffen regelmäßig Dörfer an und plünderten sie. Sie nahmen Nahrungsmittel und töteten auch Menschen. Die Angriffe sind eine echte Bedrohung für die Nahrungsmittelversorgung und den Lebensunterhalt der Völker, weil sie die Menschen vom Anbau und von den Märkten fernhalten'." [16]

Weder die SLA noch die JEM genießen internationale Glaubwürdigkeit. Sie verfügen über keine konstruktiven Lösungen oder langfristigen Strategien. Aber die Rebellengruppen betonen weiterhin die Diskriminierung der gesamten Region als Grund für den Krieg. Eine Samisdat-Veröffentlichung, "Das Schwarzbuch: Ungleichgewicht von Macht und Reichtum in Sudan", erschien im Sudan in zwei Teilen in den Jahren 2000 und 2002. Das Buch enthält Informationen über die regionale und Stammesherkunft von höchsten Regierungsvertretern. Ziel dieser Darstellung war es, den unverhältnismäßig hohen Anteil von Personen aus einer einzigen Region im Norden aufzuzeigen: Sie stammen alle von den arabischen Stämmen aus der Flussregion.[17] Bisher haben die Rebellen keine politischen Vorschläge unterbreitet, wie ein solches Ungleichgewicht gelöst werden könnte.

Gibt es einen Ausweg?

Die Konfliktparteien in Darfur gehören zwar ethnischen Gruppen an, die Interessen sind jedoch nicht ethnischer Natur, d.h., es geht um Zugang zu Land und Wasser. Der jüngste Konflikt wurde jedoch mit einer rassistischen Rhetorik unterlegt. Vor diesem Hintergrund muss festgehalten werden, dass zwischen den nomadischen Arabern von Darfur und den sesshaften arabischen Eliten, die den Staat kontrollieren, Welten liegen. Sie stehen ihren nichtarabischen Nachbarn in vielerlei Hinsicht näher, sogar im Arabisch, das sie sprechen. In Darfur sind ethnische Unterscheidungen veränderbar: Nomaden und Bauern teilen sich dasselbe Territorium, sie gehen Mischehen ein; Fur und andere, die Rinder kaufen, können in Baggara-Familien einheiraten. Mahmud El Zain illustrierte die fließende Konsistenz der Stammesidentitäten in seiner Diskussion der britischen Kolonialpolitik der "tribal amalgamation", der Stammesverschmelzung, am Beispiel des Stammes der Dar Hamid im nördlichen Kordofan.[18]

Ebenso argumentiert Abdel Ghaffar Ahmed in seiner Neubetrachtung des Stammesbegriffs: "Statt Bevölkerungsteile als ,Stämme` zu bezeichnen, die sich auf der Basis von Verwandtschaft und Zuordnung zu einem Territorium formieren, wäre es sinnvoller, die Betonung auf die Beziehungen zu legen, welche die Verteilung und Nutzung der Ressourcen in der Region regeln (...). In jeder Region gibt es ein Machtzentrum - ein Lager oder ein Dorf -, dessen Kernbevölkerung ihre Abstammung vielleicht auf einen gemeinsamen Vorfahren zurückführt und Rechte an den Ressourcen in der Umgebung geltend macht. Dieses Zentrum zieht weitere Menschen an, die möglicherweise sowohl sozial als auch physisch eine gewisse Distanz zur Kernbevölkerung aufweisen. Deren Beziehungen zum Machtzentrum entsprechen dann dieser Distanz."[19]

Der Krieg in Darfur scheint ein Krieg zwischen gebildeten politischen Eliten zu sein, in dem diese rücksichtslos große Mengen an wirtschaftlichen Ressourcen anhäufen. Die Bevölkerungsmehrheit wurde hinterhältig manipuliert und mit ethnischen Vorurteilen aufgestachelt, damit sie kämpfen und furchtbare Gräueltaten begehen. Zur Verantwortung einer jeden Regierung gehört es, solche Milizen zu entwaffnen und denjenigen staatlichen Institutionen Macht zu verleihen, die mit der Aufrechterhaltung von Frieden und Ordnung betraut sind (Judikative, Polizei und Armee). Zwei Jahrzehnte Bürgerkrieg sollten gezeigt haben, dass Forderungen nach mehr politischer Repräsentation nur durch Verhandlungen durchgesetzt werden können.

Die internationale Gemeinschaft hat bisher nur Versprechungen gemacht, gefordert sind aber konkrete Taten. Die Entsendung der Friedenstruppen der Afrikanischen Union (AU) nach Darfur ist ein erster Schritt, der unterstützt werden muss. Friedenssicherung ist politisches Neuland für die AU, zudem fehlen ihr die logistischen Kapazitäten. Im letzten Monat versprach die Organisation, ihre Präsenz in Darfur auf 3 320 Soldaten und Polizisten zu erhöhen. Mit der logistischen Hilfe der USA wurden bisher knapp 700 ruandische und nigerianische Soldaten stationiert. Bei einer Region von der Größe Frankreichs stehen den AU-Truppen nur wenige Fahrzeuge für den Überland-Transport zur Verfügung, und die einzige brauchbare Computerausrüstung, die sie für die Kommunikation erhielten, kam mit Software und Anleitungen in deutscher Sprache, die kein Afrikaner dort versteht.

Fußnoten

1.
Zumindest war der Darfur-Konflikt die Titelstory in TIME vom 4. 10. 2004; weitere Beiträge in: The Economist vom 31. 7. und 6. 8. 2004, sowie ai-Journal, Das Magazin für die Menschenrechte, November 2004.
2.
Human Rights Watch, Darfur Documents confirm Government policy of Militia support. A Human Rights Watch Briefing Paper vom 19. 7. 2004, S. 2.
3.
Vgl. H. A. MacMichael, A History of the Arabs in the Sudan, Band 1 und 2, Cambridge 1922.
4.
Vgl. O. Aguda, Arabism and Pan-Arabism in Sudanese Politics, in: The Journal of Modern African Studies, 11 (1973), S. 179; vgl. auch Yusuf Fadl Hasan, The Arabs and the Sudan: From the Seventh to the early Sixteenth century, Edinburgh 1967.
5.
R. Brubaker/D.D. Laitin, Ethnic and Nationalist Violence, in: Annual Review of Sociology, 24 (1998), S. 428.
6.
Qoz bedeutet stabilisierte Dünen, die bevorzugt für die Landwirtschaft genutzt werden. Jebel/Gabal bedeutet Berg.
7.
Vgl. H. A. MacMichael (Anm. 4); A. B. Theobald, Ali Dinar: Last Sultan of Darfur 1898 - 1916, in: Longmans, (1965).
8.
Vgl. Alex de Waal, Creating Devastation and Calling it Islam: The War for the Nuba, Sudan, in: SAIS Review, XXI (Sommer-Herbst 2001), S. 117 - 132.
9.
M. Khalid, The Government They Deserve: The Role of the Elite in Sudan's Political Evolution, London 1990, S. 357.
10.
Vgl. die von S. Harir (Anm. 1) zusammengestellte Tabelle, S. 169.
11.
Wenn von Fluss-Anrainern im Sudan gesprochen wird, so geht es um die Regionen in der Mitte und im Norden entlang des Nil; jellaba bezeichnet reisende Händler. Das Wort kommt wahrscheinlich vom Gellaba howara-Clan, die behaupten, ihre Vorfahren stammten aus Oberägypten. Sie kamen ursprünglich als Hausierer; in Darfur arbeiten die meisten von ihnen im Handel. Später wird der Begriff auch in Bezug auf arabische Flusshändler verwendet. Vgl. H. A. MacMichael (Anm. 4), Band 1, S. 336f.
12.
Vgl. S. Harir (Anm. 1).
13.
Vgl. ebd.
14.
Human Rights Watch und die International Crisis Group haben den Begriff Völkermord (Genozid) nicht verwendet, sie sagen jedoch, dass die sudanesischen Regierungstruppen und die janjaweed-Milizen für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und "ethnische Säuberungen" verantwortlich seien. Amnesty International hat dazu aufgerufen, eine internationale Untersuchungskommission einzusetzen, um die Vorwürfe wegen Kriegsverbrechen und "Behauptungen zum Völkermord" zu untersuchen.
15.
Prospects for peace in Sudan, in: Justice Africa briefings, März-Mai 2004, S. 6 (http://www. justiceafrica.org/bulletin.htm).
16.
Ansprache von Botschafter Hasan Abdin vor dem britischen Unterhaus am 19. 10. 2004 als Gast des Conservative Foreign and Commonwealth Council. Vgl. Darfur's rebels: No angels, in: The Economist vom 28. 8. 2004.
17.
Eine englische Übersetzung des Buches unter: (www.sudanjem.com/english/english.html).
18.
Vgl. Mahmud El Zain, Tribe and Religion in the Sudan, in: Review of African Political Economy, (1996) 70, S. 523 - 529.
19.
Abed Ghaffar/M. Ahmed, 'Tribal' Elite: A base for social stratification in the Sudan, in: dies. (Hrsg.), Anthropology in the Sudan: Reflections by a Sudanese Anthropologist, Utrecht 2003, S. 65 - 79.

Khalid Y. Khalafalla

Zur Person

Khalid Y. Khalafalla

Dr.phil., geb. 1970; zurzeit Fellow am Zentrum für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn. ZEF, Walter-Flex Str. 3, 53113 Bonn.
E-Mail: kyousif@uni-bonn.de


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