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4.8.2006

Trinkwasserversorgung und Armut in Sub-Sahara-Afrika

Die Trinkwasserversorgung Afrikas südlich der Sahara ist weiterhin geprägt durch Wassermangel, schlechte Wasserqualität, Saisonalität der Wasserverfügbarkeit und weitgehende Abwesenheit des Staates bei der Versorgung seiner Bevölkerung.

Einleitung

Im September 2000 haben die Staatschefs der Welt im Rahmen des Millenniumsgipfels acht Entwicklungsziele, die so genannten Millennium Development Goals (MDG), verabschiedet. Das siebte Ziel gibt vor, bis zum Jahre 2015 den Anteil der Menschen an der Weltbevölkerung um die Hälfte zu senken, die keinen nachhaltigen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Aufgrund der hohen Bevölkerungsdichte leben die meisten der rund 1,2 Milliarden Menschen mit unzureichender Trinkwasserversorgung in Asien. Im Jahre 2000 waren es rund 655 Millionen, davon zwei Drittel in Ostasien.[1] Die etwa 265 Millionen Personen im subsaharischen Afrika, die keinen Zugang zu hygienisch einwandfreiem Trinkwasser haben, scheinen demgegenüber ein geringeres Problem darzustellen. Die Verbesserung der Versorgungssituation ist aber gerade in Afrika aufgrund der dort häufig nur dünnen Besiedlung sowie der politischen und ökonomischen Voraussetzungen weiterhin ein besonders schwieriges Unterfangen.




Ein nachhaltiger Zugang zu sauberem bzw. hygienisch einwandfreiem Trinkwasser setzt voraus, dass zumindest verbesserte, das heißt zementierte und verschließbare sowie ständig gewartete Brunnen zur Verfügung stehen. Sicherer allerdings sind völlig geschlossene Systeme wie Handpumpenbrunnen. In einigen Ländern Afrikas konnten seit 1990 unter Berücksichtigung dieser Mindeststandards erhebliche Verbesserungen bei der Trinkwasserversorgung erzielt werden. Botswana führt die Liste der Flächenstaaten mit einem Versorgungsgrad von inzwischen annähernd 95 Prozent an. Große Fortschritte machten auch Tansania, die Zentralafrikanische Republik und Ghana - in diesen Ländern liegt der Versorgungsgrad inzwischen bei etwa 70 Prozent. Andere Staaten wie Kenia, Nigeria oder Sambia liegen im "Mittelfeld" mit Werten von etwa 60 Prozent. Sehr schlecht sieht es weiterhin in vielen Sahelländern aus. In Mauretanien etwa stagniert die Versorgung seit 15 Jahren bei unter 40 Prozent, und im ostafrikanischen Äthiopien liegt sie bei weniger als 25 Prozent. Das bedeutet, dass rund 75 Prozent der Menschen in diesem Land ihr Trinkwasser weiterhin aus Oberflächengewässern wie Maaren, Flüssen oder sogar Sumpflöchern schöpfen müssen.

Ursachen

Im Wesentlichen lassen sich drei Gruppen von Ursachen für die schlechte Trinkwasserversorgung in vielen afrikanischen Ländern anführen, die gleichzeitig auftreten und sich gegenseitig verstärken können.

Erstens: Die Ressourcensituation und geographische Faktoren. In den Sahelländern herrscht zum Beispiel regional objektiver Wassermangel, das heißt: Oberflächengewässer fehlen, und Grundwasser ist nur schwer erschließbar. Letzteres trifft häufig auch für Gebiete zu, in denen es im Jahresdurchschnitt hinreichend regnet, wo jedoch die geologischen Verhältnisse die Bildung von Grundwasser erschweren. In einigen Regionen Afrikas langfristig wahrscheinlich ist auch ein Rückgang der Niederschläge, verbunden mit absinkenden Grundwasserständen. Daraus folgt, dass die Bevölkerung mit traditionellen Mitteln Wasser während der Trockenzeit kaum noch erschließen kann, auch wenn es im Untergrund in hinreichender Menge vorhanden ist. Hinzu kommt ein geographischer Faktor, der die Wasserversorgung der Menschen im subsaharischen Afrika außerhalb der Städte erschwert: die relativ dünne Besiedlung vieler Zonen, häufig nur eine Streubesiedlung. Wo 200 Menschen und mehr zusammenleben, lässt sich mit vertretbarem Aufwand und mit Blick auf die für die Wartung der Anlage benötigten Geldmittel (siehe unten) zumindest noch eine Handpumpe errichten. Was aber kann getan werden, wenn einzelne Siedlungen nur aus 30 oder 50 Menschen bestehen oder die Bevölkerung ausschließlich in weit voneinander entfernt liegenden Einzelgehöften lebt?

Zweitens: Die geringen ökonomischen Ressourcen der Bevölkerung. Vor allem Geldeinkommen sind in vielen afrikanischen Ländern extrem niedrig. Sie betragen pro Kopf in einzelnen Provinzen des Tschad oder Niger im Jahr nicht einmal 30 Euro. Auch dort, wo Wasser als Ressource hinreichend vorhanden ist, können sich die Menschen deshalb weder eine Investition in geeignete Systeme zur Trinkwasserversorgung noch deren langfristigen Betrieb und Unterhalt leisten.

Selbst wenn befestigte Brunnen, mit Handpumpen ausgestattete Bohrlöcher oder kleine zentrale Versorgungssysteme auf der Grundlage von Pumpbrunnen, Hochbehältern und Zapfstellen vom Staat oder durch die Entwicklungszusammenarbeit (EZ) finanziert würden, stellt sich die Frage, wer langfristig die Betriebskosten und die Mittel für die Wartung der Anlagen aufbringen soll. Ohne Wartung kommen selbst einfache Handpumpen nicht aus. Viele Entwicklungsvorhaben der letzten Dekaden sind an der geringen Aufmerksamkeit, die diesen Aspekten geschenkt wurde, gescheitert.

Die Armut der Bevölkerung wird auch zukünftig für die Trinkwasserpolitik ein Problem darstellen. Zwischen 1990 und 2001 hat sich die Zahl der Menschen, die mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen, in den meisten Ländern Afrikas nicht reduziert. In der Demokratischen Republik Kongo, in Togo oder in Simbabwe sind die relativen Einkommen sogar gesunken.[2] Angesichts der anhaltenden, teilweise sogar zunehmenden absoluten Armut gerade in den ländlichen Gebieten von der Bevölkerung erhebliche Eigenleistungen für die Trinkwasserversorgung zu erwarten, ist wenig realistisch.

Drittens: Die schlechte Regierungsführung (bad governance) in vielen Staaten. Sie ist mitverantwortlich dafür, dass die Mehrzahl der Menschen weiterhin unter einem schwierigem Zugang zu Trinkwasser leiden muss.

Der Staat stellt in vielen Ländern praktisch keine eigenen finanziellen Mittel für die Wasserversorgung in sein Budget ein. Die Regierungen selbst der ärmsten Sahelländer könnten zwar Zölle und Abgaben sowie von den wohlhabenderen Teilen der Bevölkerung, die es auch hier gibt, Steuern erheben und zumindest teilweise in die Infrastruktur investieren. Klientelistische und korrumptive Strukturen verhindern jedoch, dass die Regierung jenes Minimum an Einnahmen erzielt, mit denen sie den staatlichen Kernaufgaben gerecht werden könnte.

Die staatlichen Ressourcen werden nur selten gezielt zur Armutsbekämpfung verwendet. Fast immer sind es die urbanen Zentren, die dem ländlichen Raum bei der Trinkwasserversorgung vorgezogen werden.

Die städtischen Betreibergesellschaften von Trinkwasserversorgungssystemen sind ihrerseits vorrangig an einer Belieferung der wohlhabenderen Klientel interessiert, weil sich hier die besseren Einnahmen erzielen lassen. Eine armutsorientierte Regierungspolitik müsste daher darauf achten, dass Fördermaßnahmen gerade auch für ärmere Siedlungen eingeleitet werden. Selbst wenn eine neue Wasserversorgung theoretisch allen Haushalten einer Gemeinde dienen könnte, verhindert immer wieder eine grassierende Korruption bei den Wasserbetrieben (Klientelismus, Begünstigung von Wählern, Nepotismus, Schmiergeldprinzip bei Hausanschlüssen etc.), dass gerade die Unterprivilegierten von der Entwicklungshilfe profitieren.[3]

Die Wasserverschmutzung stellt vor allem im Einzugsbereich von urbanen Zentren ein weiteres und mancherorts dramatisch zunehmendes Problem für die örtliche Trinkwasserversorgung dar, wenn Grundwässer kontaminiert und Oberflächengewässer aufgrund von Direkteinleitung der städtischen Abwässer verschmutzt werden. Hinzu kommt die Konkurrenz zwischen dem Bedarf einer städtischen Trinkwasserversorgung und dem der Bewässerung in der Landwirtschaft, wenn beide Sektoren dieselben Quellen verwenden müssen. Dieses Problem ist bislang jedoch eher in Nordafrika und im Vorderen Orient akut und zeichnet sich im subsaharischen Afrika erst für die Zukunft ab. In den ländlichen Regionen sind die meisten der genannten Umweltprobleme für die Trinkwasserversorgung heute (noch) wenig relevant.[4]

Inkonsistente Geberpolitiken

Eine Vielzahl staatlicher bilateraler Geber, multilateraler Organisationen sowie Nichtregierungsorganisationen (NRO) sind in den subsaharischen Staaten im Trinkwassersektor engagiert. Gefördert wird neben der städtischen und ländlichen Trinkwasserversorgung auch die vor allem urbane Abwasserentsorgung sowie - im Rahmen von Begleitmaßnahmen - das Wasserhygieneverhalten der Bevölkerung.

Über die Oberziele der Trinkwasserpolitik herrscht allerdings Unklarheit. Statt hygienisch einwandfreies Trinkwasser als ein elementares Grundrecht anzusehen, die hinreichende Bereitstellung von Wasser also als einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensbedingungen zu bewerten, werden immer wieder ökonomische Ziele angeführt. So wird etwa behauptet, dass Familien bei der Versorgung mit gutem Trinkwasser Gesundheitsausgaben vermeiden könnten, wodurch das Geld anderen Zwecken zur Verfügung stünde und "entwicklungsdienlich" sei. Sicherlich können bessergestellte Haushalte die Ausgaben für Medikamente einsparen, wenn z.B. Kinder weniger krank werden. Viele Arme hatten jedoch niemals Geld für Medizin und Arztbesuch zur Verfügung und können daher auch nichts einsparen.

Ein weiteres Argument ist, dass Frauen durch Trinkwasserprojekte kürzere Wege zur Wasserquelle hätten und somit deutlich Zeit einsparen würden. Dies ist bei einigen Projekten in der Tat der Fall. Hier reduziert sich die Zeit teilweise erheblich, die Frauen und Mädchen, die überall in Afrika für die Wasserbereitstellung in der Familie verantwortlich sind, aufwenden müssen. Bei anderen Vorhaben werden zwar die Wege zur Wasserstelle verkürzt, aber es wird keine Zeit eingespart: Wenn ein offener Brunnen, an dem bisher ein halbes Dutzend Frauen gleichzeitig Wasser schöpfen kann, durch eine Handpumpe ersetzt wird, verlängert sich die Wartezeit sogar, da immer nur eine Frau die Pumpe bedienen kann.

Absolut abwegig ist die Verbindung des Arguments der kürzeren Wege mit dem der angeblich eingesparten Zeit für wirtschaftlich einträgliche Tätigkeiten. Afrikanische Frauen sind bereits extrem belastet.[5] Nirgendwo im subsaharischen Afrika können sie zudem im Rahmen der eingesparten Zeit das Geld, das heute bei fast allen Projekten für das bereitgestellte Wasser bezahlt werden muss, verdienen. Im Gegenteil: Die Kosten für die Bereitstellung von sauberem Wasser stellen fast immer eine zusätzliche Ausgabe für die Familien dar, die nicht kompensiert werden kann - weder durch eingesparte Medikamente noch durch Zeit für eine Erwerbstätigkeit. Nur dort, wo akuter Wassermangel herrscht und Wasser teuer gekauft werden muss, kann durch ein Projekt auch eine Reduzierung der finanziellen Belastungen für die Familien erreicht werden.[6]

Nicht nur bezüglich der Ziele einer Trinkwasserversorgung gibt es Unterschiede. Auch die Projektansätze der einzelnen Geber unterscheiden sich teilweise beträchtlich. Da ist z.B. eine willkürliche Technologieauswahl, die zu einem Nebeneinander von Fabrikaten unterschiedlicher Hersteller mit völlig verschiedenen Ersatzteilanforderungen geführt hat. Hierfür gibt es zwei Gründe: zum einen das Beharren einzelner Geber auf der Lieferung eigener Produkte, zum anderen die geringe Bereitschaft, sich mit anderen Gebern abzustimmen. Diese so genannte Geberkoordination bzw. ihr häufiges Fehlen ist auch verantwortlich dafür, dass es neben dem Produktchaos zahlreiche nicht aufeinander abgestimmte Projektansätze gibt. So verlangen einige Organisationen finanzielle Eigenleistungen von der Bevölkerung eventuell bereits beim Bau eines Brunnens, auf jeden Fall aber für seinen Betrieb und die Wartung. Andere Geber betrachten die Anlagen als Geschenk und machen sich keine Gedanken über deren langfristigen Unterhalt. Während zum Beispiel die deutsche staatliche EZ bei fehlenden staatlichen Strukturen stets auf eine Bevölkerungsbeteiligung bei Wasserprojekten achtet,[7] baut eine Reihe von Gebern spezielle parastaatliche Strukturen für den Unterhalt von Brunnen auf, die nach Projektende und Auslaufen der Finanzierung in der Regel zusammenbrechen.

Auch die staatliche Verwaltung in den Partnerländern leidet unter der nicht abgestimmten Politik der Geber. Zehn verschiedene bilaterale und multilaterale Organisationen in einem Land wie Mali, die sich alle in der Unterstützung des Trinkwassersektors engagieren, haben möglicherweise ebenso viele verschiedene Verfahrensweisen bei der Prüfung von Projekten, den Bewilligungsprozessen und der Implementierung. Am Ende müssen die relativ unerfahrenen Partner sich auch noch bei der Berichterstattung über den Projektfortschritt an die unterschiedlichen Vorgaben der einzelnen Geber halten. Zu ihrer eigentlichen Arbeit kommen sie unter diesen Bedingungen kaum.

Die mit Unterstützung der Geber erarbeiteten Armutsbekämpfungsstrategien (PRSP) sehen häufig eine Harmonisierung der Geberverfahren vor,[8] und selbstbewusste, entwicklungsorientierte Staaten wie etwa Vietnam "zwingen" die Geber auch zu einer generellen Kooperation. Im subsaharischen Afrika fehlt aus den genannten Gründen zumeist ein solcher Druck. Es gibt aber auch positive Beispiele wie in Tansania oder Uganda, in denen die Geber so genannte Sector Wide Approaches (SWAP) fördern. Bei solchen SWAP werden die finanziellen Mittel verschiedener Geber gebündelt und im Rahmen eines gemeinsamen Ansatzes unter anderem für die Investition in Gesundheits- oder Wassereinrichtungen verwendet.

"Funktionale" Bevölkerungsbeteiligung

Gute PRSP sehen auch eine umfassende Beteiligung der Bevölkerung bei der Umsetzung der Armutsbekämpfungsstrategien vor.[9] Die Partizipation der unmittelbar betroffenen ("zu begünstigenden") Bevölkerung erfolgt bei der Planung vieler Trinkwasserprojekte jedoch in der Regel nur rudimentär bzw. gar nicht, da über den Sektor (eben Trinkwasser und nicht zum Beispiel Beschäftigungsförderung oder Landwirtschaft) und das einzusetzende Technikniveau (zentrale Versorgung, Handpumpen usw.) zumeist bereits an anderer Stelle entschieden wurde. Bei der Implementierung von Programmen (vor allem bei einfachen Baumaßnahmen) ist eine Beteiligung gelegentlich weitergehend, wobei eine wirkliche Mitentscheidung jedoch fast immer auf die Standortwahl von Zapfstellen oder Pumpen beschränkt bleibt.

Nur bei Vorhaben, die ohne dauerhafte staatliche Betriebsstrukturen auskommen müssen, ist die Partizipation umfassender, wobei sie sich jedoch primär auf die Verantwortung für Betrieb und Unterhalt von ländlichen oder auch kleinstädtischen Versorgungssystemen bezieht und weniger auf die partnerschaftliche Mitgestaltung der Betriebsstrukturen selbst oder die Tarifsysteme. Fast alle bi- und multilateralen Geber wie das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und die Weltbank verfolgen bei der Bevölkerungsbeteiligung ähnliche Ansätze.

Wassertarife

Der Hauptgrund für die Bevölkerungsbeteiligung ist also weiterhin weniger ein Empowerment der Menschen[10] als vielmehr die Sicherung der Nachhaltigkeit von Trinkwasseranlagen, weil es keine Trägeralternative gibt. Es geht darum, nach der Finanzierung der Neuerrichtung (oder Wiederherstellung) eines Wassersystems durch externe Geber dessen Betrieb einschließlich der laufenden Wartung und Reparaturen langfristig durch kostendeckende Einnahmen sicherzustellen. Diese werden dabei in der Regel durch Nutzergebühren aufgebracht.

Bei Hausanschlüssen kann ein Pauschalbetrag vorgesehen werden oder, wenn möglich, ein Fixpreis je Kubikmeter. Wo die Bevölkerung zu arm ist, um die Kosten für den Hausanschluss bezahlen zu können, werden zentrale Verteilerstellen eingeplant. Solche Zapfstellen werden öffentlich zugänglich an den Straßen errichtet. Um die Wassergebühren eintreiben zu können und den pfleglichen Umgang mit den Wasserhähnen zu garantieren, betraut man zumeist Verwalter oder Verwalterinnen mit dem Management der einzelnen Zapfstellen. Diese kassieren üblicherweise an Ort und Stelle je gefülltes Gefäß einen einheitlichen Geldbetrag. Oft ist das Wasser an solchen Zapfstellen wegen des erheblichen Verteilungsaufwandes pro Kubikmeter allerdings teurer als das komfortabel gelieferte Wasser von Hausanschlüssen, obwohl die Menschen (fast immer Frauen und Mädchen) jeden Liter von der Zapfstelle auf dem Kopf nach Hause tragen müssen.

Die meisten dieser Trinkwassersysteme funktionieren erstaunlich gut. Interne und externe Evaluierungen, zuletzt auch eine Studie des Verfassers im Auftrag des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik,[11] bescheinigen gerade der deutschen EZ eine hohe Erfolgsquote. Jahre nach Abschluss der Vorhaben sind die meisten geförderten Wassereinrichtungen in betriebsfähigem Zustand und liefern Trinkwasser von überwiegend guter Qualität. Allerdings wurde im Rahmen von Wirkungsanalysen ebenfalls festgestellt, dass nicht immer die gesamte Bevölkerung das Wasser der neuen Systeme nutzt, sondern sich auch weiterhin anderer, zum Teil gesundheitlich sehr bedenklicher Quellen bedient. Wurde noch vor einer Generation häufig das Argument vorgebracht, Wasser aus traditionellen Brunnen schmecke "süßer" oder sei "gesünder", so ist sich die große Mehrheit der Nutzerinnen der alternativen Wasserquellen heute fast überall der Tatsache bewusst, dass das Wasser der Projektsysteme gesünder ist als ihr eigenes. Jedoch können viele arme Familien das Geld für das saubere Wasser schlichtweg nicht aufbringen.

Ein Haushalt mit zehn Personen hat im ländlichen Afrika oft weniger als 300 Euro im Jahr an Bargeld zur Verfügung. Häufig beträgt der Preis für einen Kubikmeter Wasser rund 1,5 Euro. Bei durchschnittlich 20 Liter Verbrauch pro Person und Tag sind dies neun Euro im Monat oder 108 Euro im Jahr, mehr als ein Drittel des verfügbaren Einkommens. Dabei sollte nach Vorstellungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) der Anteil des Einkommens, der für Trinkwasser ausgegeben wird, nicht mehr als fünf Prozent betragen. Selbst wenn die ärmere Bevölkerung nur ihr Trinkwasser aus den Systemen beziehen würde, also etwa fünf Liter am Tag, würde sich die Wasserrechnung noch auf 27 Euro oder neun Prozent des Einkommens belaufen. Jemand, der sich schon heute nicht hinreichend ernähren kann, müsste jede zusätzliche finanzielle Belastung mit einem weiteren Verzicht auf Nahrung oder Nahrungsqualität ausgleichen. Hinzu kommt die bereits erwähnte Tatsache, dass wegen der wachsenden Unfähigkeit zahlreicher Staaten, ihren Bürgern selbst so einfache Grunddienste wie Basisbildung und -gesundheitsversorgung bereitzustellen, heute auch Schulen und Gesundheitszentren unter erheblicher Kostenbeteiligung der Bevölkerung errichtet und betrieben werden müssen.[12] Dadurch werden vor allem die armen Menschen auf dem Land gleich mehrfach zusätzlich belastet, ohne dass sich an den niedrigen Einkommen etwas ändert.

Lösungsmöglichkeiten

Auch wenn die Forderung nach einem dauerhaften Engagement internationaler Geber beim Betrieb unter anderem von Wasserversorgungssystemen bisher noch wenig Unterstützung bekommt, muss sich eine armutsorientierte EZ Gedanken darüber machen, wie sauberes Trinkwasser auch und gerade für Arme und sehr Arme zugänglich gemacht werden kann - und zwar ohne negative Folgen für die betreffenden Familien. Der gelegentlich vorgetragene Hinweis, die extrem Armen könnten mit den Mitteln der EZ nicht erreicht werden, wäre die Bankrotterklärung eines ganzen Politikbereiches. Die Ärmeren und nicht die Bessergestellten sind die erklärte Zielgruppe der deutschen EZ wie auch der Entwicklungspolitik der meisten anderen Geber. Jedoch wird zwischen den entsprechenden Leistungen noch zu wenig differenziert.

Welche Lösungen sind praktikabel? Die in Osteuropa zwar niedrige, überall aber existente staatliche Sozialhilfe für besonders arme Familien entfällt in vielen afrikanischen Ländern als ernsthafte Option für die Übernahme von Wasserkosten angesichts der oft extrem schlechten Regierungsführung. Hier würde von bereitgestellten Fördergeldern häufig nichts bei der Bevölkerung ankommen. Um dennoch den berechtigten Gesichtspunkten der ökonomischen und technischen Nachhaltigkeit gerecht zu werden, also den Betrieb und Unterhalt von preiswerten Handpumpen oder von teureren zentralen Wassersystemen auf Dauer zu sichern, sollten zumindest die folgenden drei Optionen untersucht werden.

Erstens: Die Quersubventionierung von Wasser aus verschiedenen Systemen bzw. Installationen mit unterschiedlichem Technikniveau. Wo ein Versorger verschiedene Trinkwassersysteme mit unterschiedlicher Klientel betreibt, ist es möglich, gestaffelte Tarife einzuführen. Aus dem Betrieb städtischer Systeme erwirtschaftete Gewinne könnten zum Beispiel die ländlichen Systeme subventionieren. Wer Wasser innerhalb ein und desselben Systems per Leitung ins Haus bekommt, kann mehr für den Kubikmeter zahlen als jene, die ihr Wasser von öffentlichen Zapfstellen auf dem Kopf nach Hause tragen müssen. Ein Problem könnte bei diesem Ansatz sein, dass es zu wenige wohlhabende Eigentümer von Hausanschlüssen in einem Versorgungssystem gibt.

Zweitens: Die Gewährung von "Einstiegstarifen" (life line tariffs) für eine minimale Wassermenge. Um nicht das gesamte Wasser eines Versorgungstyps subventionieren zu müssen, kann auch nur ein Minimum an Wasser, zum Beispiel 10 Liter pro Person und Tag, besonders billig abgegeben werden. Dies ist an Zapfstellen kaum zu kontrollieren, wäre aber bei Hausleitungen mit Wasserzählern möglich. Das Argument der von der ärmeren Bevölkerung nicht zu bezahlenden Anschlusskosten wiegt hier natürlich schwer. Aber ist es unvorstellbar, dass ein Projekt, das 25 000 Euro für einen Brunnen mit Handpumpe ausgibt, nicht auch bei 250 000 Euro Gesamtkosten jeweils 100 Euro Anschlusskosten für 250 Familien aufbringen kann?

Drittens: Der afrikanische Staat beteiligt sich an den Kosten der Trinkwasserversorgung, was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Das setzt eine Entwicklungsorientierung und ein Minimum an guter Regierungsführung voraus, damit das Geld auch bei den Wasserdienstleistern ankommt. Gründe, die häufig gegen eine staatliche Subvention von Basisdiensten angeführt werden ("fördert Anspruchshaltung", "lähmt Eigeninitiative" usw.), sind aufgrund vorliegender negativer Erfahrungen sicher ernst zu nehmen. Aber es ist unehrlich, wenn jene Länder sie vortragen, die jedes Jahr Milliarden Euro nicht nur in die Subventionierung von staatlichen Sozialleistungen im eigenen Land investieren, sondern auch in die Unterstützung sehr leistungs- und ertragsstarker privater Firmen. Unlogisch ist auch, wenn dieselben Geber gleichzeitig ohne Zögern die Infrastruktur für die besser Verdienenden in den Entwicklungsländern finanzieren und deren Unterhalt durch den Staat fordern (z.B. Schnellstraßen, Fernbahnen, Flughäfen, Stromversorgung).[13]

Eine in der staatlichen EZ bisher noch verfemte, letztlich aber für das Erreichen der Millennium Development Goals zwingend notwendige Lösung könnte darin bestehen, dass die internationale Gebergemeinschaft ihre Verantwortung nicht mit Fertigstellung eines Trinkwassersystems beendet, sondern sich langfristig in einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit der Bevölkerung engagiert und an den Betriebskosten beteiligt.

Fußnoten

1.
Vgl. Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V., Die Millenniums-Entwicklungsziele: Fortschritte, Rückschritte und Herausforderungen, Berlin 2003.
2.
Vgl. United Nations Development Programme, Millenniums-Entwicklungsziele: Ein Pakt zwischen Nationen zur Beseitigung menschlicher Armut. Eine Zusammenfassung des UNDP-Berichts über die menschliche Entwicklung 2003, Berlin 2003.
3.
Vgl. Frank Bliss, Die Armutsorientierung bestehender entwicklungspolitischer Programme und Projekte im Wassersektor, Bonn 2004 (Studie für das DIE).
4.
Flächenhafte Verseuchungen des Bodens selbst im ländlichen Raum z.B. mit Arsen, wie in Bengalen festgestellt, wurden bisher zumindest nicht registriert.
5.
Vgl. die klassische Studie von Ester Boserup, Die ökonomische Rolle der Frau in Afrika, Asien, Lateinamerika, Stuttgart 1982. Daraus geht hervor, dass Frauen in Afrika den Großteil aller Arbeiten erledigen, selbst innerhalb der Landwirtschaft.
6.
Eine Studie des Verfassers für die KfW in der DR Kongo aus dem Jahre 2004 weist nach, dass die Kosten für einen Kubikmeter Wasser von derzeit bis zu 4,50 Euro durch eine moderne zentrale Versorgung auf unter 1,50 Euro gesenkt werden könnten.
7.
Im Rahmen der deutschen Finanziellen Zusammenarbeit (FZ) werden weltweit gegenwärtig über 200 Vorhaben in rund 50 Ländern mit einem Förderanteil von etwa 300 Mio. Euro pro Jahr (Stand: 2003) unterstützt.
8.
Vgl. World Bank, Synthesis: 2005 Review of the Poverty Reduction Strategy Approach: Balancing Accountabilty and Scaling up Results, Washington, D.C. 2005.
9.
Die meisten PRSP sind allerdings wenig partizipativ zustande gekommen (vgl. BMZ, Querschnittsauswertung der Evaluierung "Deutsche Beteiligung an PRS-Prozessen", Bonn 2003).
10.
Nach dem Partizipationskonzept des BMZ soll die Bevölkerungsbeteiligung auch dazu führen, dass die Menschen verstärkt ihre Rechte reklamieren und wahrnehmen können (= Empowerment) sowie in letzter Konsequenz auch an der Ressourcenverteilung teilhaben.
11.
Vgl. F. Bliss (Anm. 3).
12.
So gibt es in einer Präfektur des Tschad heute von insgesamt 39 Schulen bereits 20 private, vollständig von der Dorfbevölkerung zu unterhaltende Einrichtungen, bei denen selbst die Lehrer ihr Gehalt von den fast durchweg armen bis sehr armen Familien erhalten. Vgl. Frank Bliss, Armutsbekämpfung, die noch ärmer macht, in: Entwicklung und Zusammenarbeit (E&Z), (2005) 12, S. 466 - 468.
13.
Auch die aufgezählte Infrastruktur kann je nach Situation in einem Land entwicklungsfördernd sein, nur wird erstaunlicherweise die direkte finanzielle Belastung der Nutznießer fast immer nur für die Basisdienste Bildung, Gesundheitsfürsorge und Trinkwasser gefordert, nicht aber für die tendenziell nur von den Wohlhabenden genutzten Leistungen.

Frank Bliss

Zur Person

Frank Bliss

Dr. phil., geb. 1956; Professor für Ethnologie mit dem Schwerpunkt Entwicklungsethnologie an der Universität Hamburg und Mitinhaber des entwicklungspolitischen Gutachterbüros Bliss & Gaesing.
E-Mail: bliss.gaesing@t-online.de
Internet: www.bliss-consult.de


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