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2.11.2007

Freiraum für Geisteswissenschaften

Zu den strukturellen Voraussetzungen des Gelingens von Geisteswissenschaften gehören eine Verbesserung ihrer institutionellen Rahmenbedingungen, Vielfalt in der Förderung ihrer Arbeitsformen sowie Mehrsprachigkeit und gleichzeitig eine neue Reflexion auf ihre konstitutive gesellschaftliche Funktion.

Einleitung

Nicht erst seit Beginn des ihnen gewidmeten Wissenschaftsjahrs 2007 sind die Geisteswissenschaften in Deutschland Gegenstand und die Geisteswissenschaftler Beteiligte einer öffentlichen Diskussion, die sich von den Debatten über ihre Lage in vorangegangenen Jahren deutlich unterscheidet.

Statt vor allem Klage über schwindende Ressourcen, verlorenen gesellschaftlichen Einfluss oder die Vormachtstellung der Naturwissenschaften zu führen, werden neuerdings zunehmend die wissenschaftliche Qualität der geisteswissenschaftlichen Fächer, geeignete Kriterien zur Bewertung ihrer Forschungsleistungen oder angemessene Förderungsprogramme diskutiert.

Zu einem wieder erstarkenden Selbstbewusstsein, aber auch zu mehr Präzision bei der Bestimmung von Mängeln und bei Vorschlägen zu deren Behebung haben die Initiativen von VW- und Thyssen-Stiftung ("Pro Geisteswissenschaften"), die Förderinitiativen von DFG und BMBF und nicht zuletzt die im Januar 2006 vom Wissenschaftsrat veröffentlichten "Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland" erheblich beigetragen. Rhetorische Abrüstung macht Leistungen und Defizite der Geisteswissenschaften inzwischen in einer Weise sachlich verhandelbar, die in den meisten Wissenschaften selbstverständlich ist. Geisteswissenschaften, die sich bisweilen darin gefielen, sich in prinzipieller Differenz gegenüber den anderen Wissenschaften zu beschreiben, werden mehr und mehr zu Wissenschaften unter Wissenschaften. Was sie von anderen Wissenschaften unterscheidet, das ist kategorial völlig vergleichbar mit denjenigen Unterschieden, welche etwa zwischen Molekularbiologie und Maschinenbau oder zwischen Ozeanographie und Theoretischer Physik bestehen und dort als ganz unproblematisch akzeptiert werden. Eine Selbstbeschreibung als "Wissenschaften unter Wissenschaften" ist für die Geisteswissenschaften eine Rücknahme von strukturellen Überforderungen und zugleich ein ambitionierter Anspruch. Hinsichtlich der für geisteswissenschaftliche Forschung und Lehre erforderlichen Freiräume folgt nämlich aus dieser Selbstbeschreibung: Weder können solche Freiräume von den Geisteswissenschaften im Namen höherer Rechte exklusiv eingefordert, noch auch könnten sie von anderen gönnerhaft zugestanden werden.

"Freiraum" kann hier und im Weiteren als Chiffre dienen für all jene Bedingungen, welche die Geisteswissenschaften zur Entfaltung ihrer Kreativität und Produktivität strukturell benötigen. Insofern wird auf die Frage nach Freiräumen für die Geisteswissenschaften auch keine nur auf den Einzelnen bezogene Antwort gesucht; unbegrenzte Zeit in einer so wohl ausgestatteten wie temperierten Bibliothek wäre ohnehin in manchen Fällen Antwort genug. Vielmehr geht es mir für die Geisteswissenschaften insgesamt um die Skizze einer Antwort auf die Frage, wie sich die Bedingungen ihres Gelingens strukturell verbessern lassen. Unter diese fallen sowohl solche, die die Geisteswissenschaften mit anderen Wissenschaften teilen, als auch solche, die für sie spezifisch sind.

Mit Blick auf vier unterschiedliche Dimensionen soll von solchen Bedingungen hier in aller Kürze die Rede sein, nämlich hinsichtlich erstens des institutionellen Orts der Geisteswissenschaften, sodann zweitens ihrer Arbeitsformen und drittens der Mehrsprachigkeit ihrer wissenschaftlichen Praxis, sowie schließlich viertens hinsichtlich des öffentlichen Diskurses über ihren Nutzen.

Institutionelle Bedingungen

Nicht allein aufgrund des wissenschaftsgeschichtlichen Beitrags Deutschlands zu ihrer Genese im 19. Jahrhundert zählen die modernen Geisteswissenschaften unvermindert zu den herausragenden Leistungsausweisen, wenn heute von Deutschland als einem Wissenschaftsstandort die Rede ist. Zu ihrer institutionellen Basis gehören rund achtzig größere öffentlich finanzierte außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, einzigartige Bibliotheken, Archive und Sammlungen, vor allem aber die Fakultäten und Fachbereiche an den Universitäten des Landes. Lässt man die Technischen Universitäten einmal beiseite, so findet sich unter den - nach dem Maß ihrer DFG-Drittmittel - 15 forschungsstärksten Universitäten keine, die nicht auch über starke Geisteswissenschaften verfügte. All dies indiziert zunächst einmal eine weltweit einzigartig günstige wissenschaftsstrukturelle Ausgangslage.

Dennoch wird an den Universitäten über schwindenden Freiraum für geisteswissenschaftliche Forschung geklagt. Und zuweilen geht diese Klage soweit, dass sie nicht allein den Niedergang der Geisteswissenschaften behauptet, sondern damit zugleich den Untergang der Universität als ihres institutionellen Ortes. Eine derartige Identifikation von Geisteswissenschaften und Universität hat geistes- und institutionengeschichtliche Ursachen, die in der besonderen Funktion und Aufwertung der philosophischen Fakultät im Zuge der Universitätsreformen Wilhelm von Humboldts und Friedrich Schleiermachers nach 1806 wurzeln. Bei solchem Besitzerstolz, mit dem Geisteswissenschaftler aus dieser Tradition heraus gerne so possessiv wie exklusiv von "unserer" Universität sprechen, gerät freilich leicht in Vergessenheit, dass zur emphatisch beschworenen Einheit der philosophischen Fakultät ehemals auch die Naturwissenschaften zählten.

Wenn über Freiräume und deren Bedrohung im institutionellen Zusammenhang der Universitäten zu sprechen ist, dann lohnt es sich zu unterscheiden zwischen Einschränkungen, die tatsächlich aus der spezifischen Situation der Geisteswissenschaften resultieren, und solchen, die sich für alle Fachgebiete aus den durchgreifenden Veränderungsprozessen der Universität als Institution ergeben. Nur dann nämlich lässt sich die maßgebliche Frage beantworten, ob zur Behebung von Mängeln Allianzen mit anderen Disziplinen geschmiedet werden können oder ob auch einmal Alleingänge der Geisteswissenschaften unvermeidlich sind.

Eine Besonderheit der Situation der Geisteswissenschaften liegt zunächst in den weiterhin unzumutbaren akademischen Betreuungsverhältnissen: Mehr als 100 Studierende kommen hier durchschnittlich auf eine Professur; in sehr großen Fächern wie der Germanistik oder der Geschichte sind es noch deutlich mehr. Ebenso inakzeptabel ist die daraus resultierende Studienabbrecherquote, die mit ca. 45 Prozent fast doppelt so hoch liegt wie im Durchschnitt aller anderen Fächer. Eine solche Lage ist nicht durch eine Aufstockung der Lehrdeputate, die zudem eine weitere Beschränkung der Forschung mit sich brächte, in den Griff zu bekommen.

Der Wissenschaftsrat hat hierauf in seinen "Empfehlungen zum demographiegerechten Ausbau der Hochschulen" hingewiesen, die maßgeblich den im Juni 2007 verabschiedeten Hochschulpakt von Bund und Ländern initiiert haben. Es bedarf dringend einer besseren personellen Ausstattung der Hochschulen. Damit allein wäre es aber nicht getan. Notwendig ist überdies vielmehr eine Aufwertung der Lehre, ihrer Bedeutung für Personen und Institutionen und zugleich ihrer Qualität: Lehre muss als Aufgabe der Universität - wie die Forschung auch - wahrnehmbar und (symbolisch wie ökonomisch) honorierbar werden.

Ulrich Herbert hat in der Wochenzeitung "Die Zeit" vom 30. August 2007 überzeugend die These vertreten, über die Zukunft der deutschen Geisteswissenschaften werde im Bereich der universitären Lehre entschieden. Als einen entscheidenden Schritt in Richtung einer solchen Aufwertung der Lehre sieht der Wissenschaftsrat die Schaffung eines neuen Professurentyps mit dem Schwerpunkt Lehre und die Etablierung eines dazu gehörigen Qualifikationsweges an. So paradox es klingen mag: Nur wenn verantwortungsbewusste Lösungen für die Herausforderung gefunden werden, einer wachsenden Anzahl von Studierenden eine niveauvolle Ausbildung durch qualifizierte Lehrende zu bieten, wird mittel- und langfristig Freiraum für geisteswissenschaftliche Forschung erhalten bleiben und entstehen können. Gelänge dies indes nicht, dann litten unweigerlich Ausbildung und Förderung des für die Forschung unentbehrlichen wissenschaftlichen Nachwuchses und dann würde die Forschung schnell gegen den Vorwurf zu kämpfen haben, sie werde im Grunde auf Kosten der akademischen Lehre betrieben.

Handelt es sich bei den hohen Studierendenzahlen um ein für die Geisteswissenschaften spezifisches Phänomen, so ist die von Geisteswissenschaftlern vielfach beklagte Einführung von Leistungsindikatoren für die Forschung ein die Universität, ja das Wissenschaftssystem überhaupt betreffender Vorgang. Und dieser lässt sich übrigens leicht aus einem von Geisteswissenschaftlern in der Regel emphatisch verfochtenen Wert ableiten: der Einheit der Universität.

Wenn es diese Einheit weiter geben soll, dann bedarf es einer fachgebietsübergreifenden Bewertung der jeweils bearbeiteten Aufgaben und erbrachten Leistungen, ohne die nämlich eine rationale - und das heißt begründungspflichtige - Leitung der Universität als ganzer längst unmöglich wäre. Dies aber impliziert, dass sich einer so verstandenen Einheit der Universität kein Fachgebiet entziehen kann, indem es etwa postuliert, für die Bewertung seiner Leistungen keine Kriterien angeben zu können. Eine wie hier verstandene Einheit der Universität impliziert hingegen nicht, dass über alle Fächer hinweg identische Leistungskriterien und Bewertungsparameter anzulegen wären. Zum Freiraum der Geisteswissenschaften in den Universitäten gehört vielmehr das Recht, auf angemessenen fachspezifischen Bewertungskriterien bestehen zu dürfen; wobei dieses Recht nicht unabhängig von der Verpflichtung sein kann, für solche adäquaten Kriterien und Verfahren Empfehlungen zu geben.

Entsprechende Vorschläge zu erarbeiten und offensiv zu vertreten, ist eine zentrale Aufgabe der Geisteswissenschaften, für deren Bewältigung sowohl ihre Fachgesellschaften als auch die Fachkollegien der DFG geeignete Foren darstellen könnten. Der Wissenschaftsrat hat in seinen "Empfehlungen zur Entwicklung und Förderung der Geisteswissenschaften in Deutschland" Anregungen für die Ausarbeitung entsprechender Kriterien gegeben. Insbesondere hat er die Etablierung und Anpassung publikationsbezogener Bewertungsverfahren empfohlen und dazu die Stärkung der Zeitschriften und die Erhöhung ihrer Selektivität für notwendig erachtet.

Eine an Leistungskriterien orientierte Mittelplanung in den Universitäten, so ist dem hinzuzufügen, darf allerdings nicht als blinder Mechanismus ablaufen. Sie setzt vielmehr einen strategischen Rahmen voraus, der ihre Ziele umreißt. Will eine Universität profilbildende Geisteswissenschaften besitzen - und dafür könnten auch ehrwürdige Traditionen ein guter Grund sein -, so bedarf es einer strategischen Grundsatzentscheidung, die langfristig tragfähig zu sein hat und nicht mit jedem gescheiterten Drittmittelprojekt wieder in Zweifel gezogen werden darf. Zur inhaltlichen Beschreibung solcher der Universität Profil gebenden und profilierten Geisteswissenschaften hat der Wissenschaftsrat die fünf Dimensionen 1. Sprachen / Texte, 2. Bilder / Musik / Theater, 3. Geschichte / Gesellschaft, 4. Erkenntnis / Ethik / Religion sowie 5. auf außereuropäische Bereiche bezogene Wissenschaften genannt, die jeweils systematisch und historisch breit abgedeckt sein sollten.

Arbeitsformen

Für "endliche, geschaffene Wesen", so hat Friedrich Wilhelm Graf einmal konstatiert, sei "die Ressource Zeit knapper als die Ressource Geld", und er hat damit gewiss keine anthropologische Differenz von Geisteswissenschaftlern und Naturwissenschaftlern behaupten wollen. Wohl aber hat er eine Differenz der Arbeitsformen in den Blick gerückt. Unverändert ist es nämlich so, dass die Individualität des einzelnen Geisteswissenschaftlers, sein intellektueller Denkstil, sein persönliches Archiv von Klängen, Bildern und Texten und seine individuelle (Aus-)Bildungsgeschichte in stärkerem Maße prägend für die wissenschaftliche Arbeit sind, als dies in den in geschlosseneren Paradigmen forschenden Naturwissenschaften der Fall ist. Jede Förderung der Geisteswissenschaften hat diesem Umstand Rechnung zu tragen; wo entsprechende Arbeitsformen zu ihrer höchsten Produktivität finden und welche Förderungsformen also für den notwendigen Freiraum sorgen, ist damit noch keineswegs entschieden.

In diesem Zusammenhang erlebte die Kritik an den größeren, kooperativen Förderungsformaten, zum Beispiel der DFG, in den vergangenen Jahren eine zweifelhafte Konjunktur, indem diese Formate pauschal unter den Verdacht gestellt wurden, weniger innovativ zu sein, Originalität unwahrscheinlicher werden zu lassen und Risikofreude abzudämpfen. Kritiker der großen Formate` monieren, mit den für kooperative Verfahren üblichen übergreifenden Themenstellungen werde ein Konsenszwang ausgeübt, der wissenschaftlichen Konformismus und intellektuelle Opportunität begünstige, wildes Denken und sperrige Ansätze hingegen abschleife. Als Wunschform wird dann typischerweise das wissenschaftliche Einzelvorhaben ins Spiel gebracht, in welchem Forschung frei von Konsenszwängen entworfen und durchgeführt werden könne. Das Gegenargument lautet, dass ein Einzelvorhaben jenen Freiraum, den es in seiner Unabhängigkeit von den Kohärenzzwängen eines übergreifenden Themenrahmens besitze, durch die detailgenauere Bewertung seitens der Gutachter leicht auch wieder verlieren könne: Gerade die flexibleren Rahmen kooperativer Förderungsformen seien jenen Freiraum zu erzeugen im Stande, in dem auf der Grundlage globalerer Gutachterurteile Neues erkundet werden könne.

Zwischen diesen beiden argumentativen Positionen soll hier nicht entschieden werden, und vermutlich handelt es sich ja auch um eine falsche Entgegensetzung. Zwei Schlussfolgerungen lassen sich indessen ziehen. Erstens: Mag die Art der Mechanismen, die an der Projektformung beteiligt sind, auch unterschiedlich sein, ihre Existenz als solche ist für jedes Antragsverfahren konstitutiv. Gerade daraus ergibt sich aber die besondere wissenschaftliche Bedeutung einer verlässlichen Grundausstattung für die freie, unkonditionierte Entwicklung und Umsetzung von Forschungsideen. Zweitens: Es spricht alles dafür, auch für die Geisteswissenschaften sämtliche Formen der Forschungsförderung - von der individuellen Druckbeihilfe bis hin zum Exzellenzcluster - offen zu halten.

Ein anderer und von den Geisteswissenschaften erfolgreich beschrittener Weg besteht darin, neue Förderformate anzuregen, die den Eigenlogiken ihrer Forschungspraxen in besonderer Weise angemessen sind. Dazu gehören Förderprogramme wie das "Opus Magnum-Programm" der VW-Stiftung oder die Kolleg-Forschergruppen der DFG oder das vom BMBF ausgeschriebene Programm der internationalen Forschungskollegs, in dem die ersten drei Kollegs in Berlin (Freie Universität), Bochum und Weimar bereits eingerichtet wurden. Alle diese Programme konvergieren darin, dass sie die Durchführung oder den Abschluss individueller Forschungsprojekte fast ohne zusätzlichen administrativen Koordinierungsaufwand ermöglichen. Solche Verfahren versetzen Wissenschaftler in die Lage, sich auf Zeit vollständig auf die Forschung konzentrieren zu können, ohne dass außerhalb der Universität eine eigene Struktur geschaffen werden müsste, welche diese als Forschungsinstitution langfristig schwächen würde. Die Forschungsförderung kann auf derartigen Wegen übrigens eine stärkere Binnendifferenzierung der Universitäten unterstützen, indem sie es nahe legt, dort unterschiedliche Aufgaben zeitlich befristet und in variablen Proportionen wahrzunehmen.

Mehrsprachigkeit

In den Geisteswissenschaften sind Sprachen Produktionsmittel und in ihrer Unterschiedlichkeit und Unterschiedenheit zugleich eine wichtige Ressource wissenschaftlicher Erkenntnis. Das unterscheidet ihre Funktion dort von derjenigen in den Natur-, Bio- und Technikwissenschaften. Zu einigen jener Wissenschaften bestehen in dieser Hinsicht freilich eher graduelle Unterschiede, zu anderen eher tiefgreifende Differenzen, insofern sie sich der mathesis universalis bedienen und die natürliche Sprache im Wesentlichen als Medium der Präsentation anderweitig produzierten Wissens gebrauchen. Die Gelassenheit, mit welcher in solchen Wissenschaften das Englische als universales wissenschaftliches Kommunikationsmedium akzeptiert und verwendet wird, kann in den Geisteswissenschaften nicht geteilt werden: Für ihre wissenschaftliche Erkenntnis der Welt ist sprachliche Vielfalt eine unverzichtbare Ressource des wissenschaftlichen Komplexitätsaufbaus.

Sprachen können für sie nicht lediglich austauschbare Instrumente der Präsentation eines Wissens oder vorgängiger Erkenntnis sein, die immer auch in anderer Weise verfügbar wären. Besonders in den Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften als den Formen der wissenschaftlichen Erkenntnis der kulturellen Welt - in abgestufter Weise aber auch für die wissenschaftliche Erkenntnis der natürlichen Welt und für die technologische Weltgestaltung - sind Sprachen vielmehr in mannigfaltiger Hinsicht Instrumente der Erkenntnisproduktion selbst. Allein Vielfalt der Sprachen garantiert Diversität der intellektuellen Stile, Begriffsbildungsformen und Argumentationsduktus. Ohne diese Diversität wäre eine der Komplexität der natürlichen und der kulturellen Welt angemessene intellektuelle Dynamik wissenschaftlicher Erkenntnis und wissenschaftlicher Kommunikation nicht denkbar. Es ist daher genau so abwegig, wie es auch klingt, wenn immer häufiger für das natürliche Leben auf Pluralität (Biodiversität, genetische Vielfalt), für das wissenschaftskulturelle hingegen auf Monotonie gesetzt wird.

Auf diesem Sachverhalt zu bestehen, bedeutet selbstverständlich keineswegs, sich etwa gegen die Internationalisierung der Wissenschaften oder für ihren Verbleib in nationalen Sprachgrenzen aussprechen zu wollen. Über solche Provinzialisierung ist die Praxis von Forschung und Ausbildung auch in den Geisteswissenschaften längst hinaus: Weltweit durchgeführte Forschungsaufenthalte, Publikations- und Herausgebertätigkeit in internationalen Zeitschriften belegen das ebenso wie die selbstverständlich gewordenen Karrierestationen, sei es als Postdoktorand, sei es Hochschullehrer, im Ausland. Der notwendige Freiraum für die Geisteswissenschaften liegt vielmehr darin, darauf bestehen zu dürfen, dass für sie Internationalisierung nur im Modus der Mehrsprachigkeit und nicht durch Monolingualismus - sei es der englische, sei es ein anderer - zu haben ist.

Das hat übrigens höchst praktische Konsequenzen: Können geisteswissenschaftliche Forschungsanträge ohne intellektuellen Substanzverlust und das heißt ohne Qualitätsminderung ebenso gut in einer Fremd- wie in einer Muttersprache vorgelegt werden? Darf von geisteswissenschaftlichen Publikationen erwartet werden, dass ihr Autor sie in mehr als einer Sprache auf dem nämlichen Komplexitätsniveau zu formulieren vermag? Sprachvirtuosen, die so etwas können, sind eher die Ausnahme. Die vom Wissenschaftsrat als Ausweg empfohlene Verbesserung der Möglichkeiten professioneller Übersetzung ist dankenswerterweise von der VW-Stiftung aufgegriffen worden. Sie eröffnet die Möglichkeit, herausragende deutschsprachige wissenschaftliche Arbeiten aller Fachrichtungen ins Englische oder in eine andere Weltsprache übersetzen zu lassen.

Nützlichkeit

Die öffentliche Debatte um die Nützlichkeit der Wissenschaften hat eine lange Geschichte. Wenn der Eindruck nicht täuscht, dann sind mit der wachsenden öffentlichen Wahrnehmung globaler ökonomischer Konkurrenzen der Staaten oder Staatengruppen seit den 1990er Jahren auch die Lasten für die Wissenschaften insgesamt gestiegen, ihren (volkswirtschaftlichen) Nutzen für das Gemeinwohl belegen zu sollen. Diese Last wird den Wissenschaften indes nicht einseitig aufgebürdet, sie wird vielmehr von ihnen auch selbst gesucht, indem sie sich Kosten-Nutzen-Kalküle zu Eigen machen und sich ihrerseits aktiv der Argumentation bedienen, allein Investitionen in die Wissenschaft könnten einer wissensbasierten Ökonomie langfristig die Basis sichern. An der Erzeugung des Erwartungsdrucks und des Verlangens der Gesellschaft nach Belegen für die in Aussicht gestellten Leistungen sind die Wissenschaften insofern aktiv beteiligt.

Worauf es allerdings im Folgenden mit Blick auf die Geisteswissenschaften ankommt, ist der Umstand, dass die in der beschriebenen Lage bestehenden Erwartungen die verschiedenen Wissenschaftsgebiete in prägnanter Asymmetrie adressieren. Den Naturwissenschaften, mehr noch der Biomedizin und am meisten sicherlich den Technikwissenschaften wird ökonomischer und damit gesellschaftlicher Nutzen pauschal unterstellt. Bemerkenswerterweise profitieren von dieser Unterstellung auch solche Forschungsfelder, die zwar in die entsprechenden Fächergruppen gehören, deren direkter Nutzen aber durchaus weniger deutlich ist.

Noch interessanter ist die Beobachtung, dass Natur-, Bio- und Technikwissenschaften in einer Weise als Wissenschaften verstanden werden, die es ihnen gestattet, von unmittelbaren Nützlichkeitserfordernissen bei Bedarf jederzeit auch absehen zu können, ohne dass dadurch der gesellschaftliche Wert ihrer Hypothesen, Entwürfe oder Prognosen überhaupt beeinträchtigt würde. Vor solchen Geltungseinbußen schützt sie - und zwar durchaus mit Recht - die Wissenschaftlichkeit ihres Tuns, auf die man bei Bedarf ebenso abstellen kann wie zu anderer Zeit auf Nützlichkeit.

Einen vergleichbaren Status besitzen die Geisteswissenschaften in unserer Gesellschaft nicht: Weder genießen sie eine allgemeine Nützlichkeitsunterstellung, noch erfreuen sie sich selbstverständlicher Anerkennung, wenn sie unter Berufung auf ihren Wissenschaftsstatus von unmittelbaren Funktionalitäten dispensiert werden möchten. Indessen haben die Geisteswissenschaften, nachdem sie die über mehr als ein Jahrhundert hinweg beanspruchte (Allein)Zuständigkeit für gesellschaftliche Großprojekte wie Nation, Staat, Volk, Kultur oder Demokratisierung aufgegeben haben, inzwischen begonnen, ihre gesellschaftliche Funktion und Leistung neu und strukturell anders zu definieren. Sie besteht darin, komplexe Deutungsansprüche gegenüber allen Formen reduktionistischer Globalerklärung zu wahren. Die spezifischen und zentralen Aufgaben der Geistes- und Kulturwissenschaften, insbesondere auch der historisch-hermeneutischen Fächer, liegen dort, wo sie wissenschaftliches Wissen über die Gesellschaft, über die kulturelle Welt produzieren, ohne welches Wissen Weltauslegung und Weltgestaltung überhaupt nicht möglich wären.

Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Die demographischen Probleme westlicher Gesellschaften sind selbstverständlich nicht hormoneller Natur, sondern verstehbar nur im Kontext der Individualisierung von Kulturmustern und Lebensstilen. Oder: Jener Entgrenzungsprozess, der einstweilen Globalisierung heißen mag, stellt den Universalitätsanspruch der aufklärerischen Grundrechte unter Kontingenzverdacht, ohne dass er doch von unserer Gesellschaft irgend aufgegeben werden könnte. Er muss also neu begründet und kommuniziert werden. Und an solchen Stellen liegen, wie auch immer vermittelt, die Funktionen und Leistungen der Geisteswissenschaften.

Über derartige im allgemeinen Sinne gesellschaftliche Funktionen hinaus mangelt es zudem nicht an Evidenzen für die unmittelbare ökonomische Relevanz der Geisteswissenschaften - von der Medienindustrie über den Ausstellungstourismus bis hin zum Arbeitsmarkterfolg vor allem promovierter Geisteswissenschaftler auf breiter Front. Dieser erst entstehende Freiraum muss befestigt und verteidigt werden. Dies aber wird umso besser gelingen, je selbstbewusster die Geisteswissenschaften sich dabei als Wissenschaften unter Wissenschaften definieren und von Exklusivbegründungen zugleich absehen.

Im Übrigen tun alle Wissenschaften gut daran, gesellschaftlichen Rechenschaftspflichten zwar zu genügen, sich aber nicht Erwartungen kurzschlüssiger Nützlichkeit zu unterwerfen. Mögen die Wirkungen der Geisteswissenschaften auch teilweise vermittelter und in anderen Zeithorizonten beschreibbar sein als diejenigen der Natur- oder Technikwissenschaften: Dieser Unterschied ist jedenfalls geringer als jener, welcher zwischen den Wissenschaften auf der einen Seite und ihrer gesellschaftlichen Wirksamkeit auf der anderen besteht. Dass die Wissenschaften gesellschaftlich rechenschaftspflichtig sind, dies kann und darf - ganz unabhängig vom jeweiligen Wissenschaftsgebiet - keinesfalls heißen, jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler habe solcher Rechenschaftspflicht jederzeit auch individuell und kontinuierlich nachzukommen. Wie sollte anders jenes riskante Denken, wie sollte jener Vorstoß nicht nur ins einstweilen Ungedachte, sondern auch ins bislang Undenkbare wahrscheinlich werden können, ohne welchen "Innovation" bloß ein Plastikwort ist zur Neuvermarktung von Ladenhütern?

Peter Strohschneider

Zur Person

Peter Strohschneider

Dr. phil., geb. 1955; Professor für Germanistische Mediävistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München; seit 2006 Vorsitzender der Wissenschaftsrats, Brohler Straße 11, 50968 Köln.
E-Mail: Vorsitzender@Wissenschaftsrat.de


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