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19.6.2008

Geschichtsbilder in Kambodscha

Das Khmer-Rouge-Regime bedarf aufgrund der Massenverbrechen der juristischen Aufarbeitung. Als erster Schritt wird das Verstehen geschichtlicher Prozesse im Hinblick auf die Gegenwartsbewältigung in der Postkonfliktgesellschaft angesehen.

Einleitung



Nach dem politischen Ende der Khmer Rouge im Jahr 1998 blickte Kambodscha zurück auf rund dreißig Jahre gewalttätiger Exzesse und Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg, Bürger- beziehungsweise Guerillakriegen und dem Regime der Khmer Rouge (Rote Khmer). Wird mit dem Blick auf die wechselhafte Geschichte Kambodschas von Vergangenheitsaufarbeitung gesprochen, so ist die juristische Aufarbeitung der Herrschaftszeit der Khmer Rouge (1975 - 1979) und des damit verbundenen Massensterbens und -mordens gemeint. Sie wird derzeit vor dem Khmer Rouge Tribunal (KRT) in der Hauptstadt Phnom Penh verhandelt.






Im Kern stellte die Ideologie des Khmer-Rouge-Regimes und deren Umsetzung eine historisch einzigartige Übersteigerung kommunistischer Gesellschaftsvorstellungen dar. In der Folge ist während der Zeit der von Pol Pot geführten Khmer Rouge ein Viertel der Bevölkerung, zwischen 1,5 und 2,5 Millionen Menschen, umgekommen. Ausdruck für die radikalen Intentionen dieser Politik war das zentrale Verhör- und Foltergefängnis Tuol Sleng (genannt S-21) in Phnom Penh. So weit dokumentiert, überlebten von geschätzten 17 000 Häftlingen gerade sieben Personen ihre Gefangenschaft.[1]

Das Khmer-Rouge-Regime markiert aufgrund der genozidalen Massenverbrechen eine außergewöhnliche Herrschaft, sowohl für die kambodschanische Geschichte als auch für die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Transnationale Interessen vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, des chinesisch-sowjetischen Konfliktes und des innerstaatlichen Konfliktes in Kambodscha seit 1979 verhinderten die notwendige juristische und individuelle Aufarbeitung der Verbrechen bis zum Ende der Kriege 1998.

Als Prozesse der Vergangenheitsaufarbeitung werden alle Aktivitäten einer sich demokratisierenden Postkonfliktgesellschaft im Umgang mit dem eigenen Konflikterbe bezeichnet. Die juristische Aburteilung von Tätern stellt dabei nur eine Möglichkeit der Aufarbeitung belastender Vergangenheit dar. Dass jene Aufarbeitungsprozesse im Spannungsfeld der Interessenkonflikte der ehemaligen Konfliktparteien stehen, ist ihnen immanent. Oftmals fordern gerade die Eliten eines neu etablierten Systems im Sinne der ökonomisch und politisch beeinflussten Gegenwartsbewältigung, den sprichwörtlichen "Schlussstrich" zu ziehen und "nach vorne zu blicken". Dieser Sicht stehen Opfer- und Menschenrechtsorganisationen entgegen, die mit Recht die Notwendigkeit einer Aufarbeitung vorangegangener Unrechts- und Gewalterfahrungen einfordern.

Die Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia (ECCC), wie das KRT formal genannt wird, sind hinsichtlich ihrer Personalstruktur, Rechtsgrundlage und Finanzierung ein so genanntes hybrides Tribunal. Die in das nationale Justizsystem eingegliederten ECCC haben im Jahr 2006 offiziell ihre Arbeit aufgenommen. Zwar unterstützt repräsentativen Umfragen aus dem Jahr 2004 zufolge eine überwältigende Mehrheit der über dreißig Jahre alten Kambodschanerinnen und Kambodschaner rückhaltlos die Einrichtung des Tribunals.[2] Dennoch sind die ECCC hinsichtlich ihrer Arbeitsweise und Zielsetzung innerhalb der Bevölkerung nicht unumstritten.

Die ECCC besitzen Jurisdiktion für die Senior Leaders der Khmer Rouge sowie die Hauptverantwortlichen für schwere Menschenrechtsverbrechen, die während der formalen Herrschaftszeit der Khmer Rouge (17. April 1975 bis 6. Januar 1979) begangen wurden. Eklatant und deshalb vielfach kritisiert worden ist in diesem Zusammenhang die damit verbundene Strafffreiheit der rangniederen Täter, die sich gleichwohl schwerer Menschenrechtsvergehen schuldig gemacht haben. Darüber hinaus stellt die Aburteilung der Hauptverantwortlichen lediglich eine symbolische Wiedergutmachung dar. Um die Einrichtung der ECCC nachhaltig vor der Bevölkerung zu legitimieren, ist deshalb ein Arbeitsfeld der ECCC und deren Unterstützerorganisationen auf Wissensvermittlung ausgerichtet. Die Informationskampagnen der ECCC und der Organisationen in ihrem Umfeld zeigen, dass gerade die Vermittlung der kambodschanischen Geschichte als notwendig erachtet wird. Was kann die Vermittlung von Geschichte im Zusammenhang mit einer Aufarbeitung der Herrschaft des Khmer-Rouge-Regimes in Kambodscha leisten?

Konfliktgeschichte



Die extremen gesellschaftlichen Umbrüche in Kambodscha lassen sich anhand der sechsfachen Namensänderung des Staates veranschaulichen: Königreich Kambodscha 1954, Khmer Republik 1970, Demokratisches Kampuchea 1975/76, Volksrepublik Kampuchea 1979, Staat Kambodscha 1989 und seit 1993 wieder Königreich Kambodscha. Eine Konstante ist der Kampf der Khmer Rouge um die Macht in Kambodscha zwischen 1968 und 1998.

Als marginale Guerillaeinheit und unter Einfluss des Vietnamkrieges auf Kambodscha vietnamesisch und chinesisch protegiert, begannen die Khmer Rouge ihren Kampf gegen den charismatisch herrschenden Prinz Shianouk. Dessen Politik war gekennzeichnet von einem pragmatisch-neutralistischen Verhältnis gegenüber den in seinem Land agierenden Konfliktparteien des Vietnamkrieges. Mit dem Putsch des rechtsgerichteten und proamerikanischen Republikaners Lon Nol gegen Shianouk rückte Kambodscha 1970 an die Seite der USA. Mit Unterstützung der Volksrepublik China verbündeten sich der populäre Shianouk und mit ihm ein großer Teil der Bevölkerung mit den Khmer Rouge.

Im Ergebnis des Bürgerkrieges übernahmen die Khmer Rouge im April 1975 die Macht in Phnom Penh. Unmittelbar nach der Machtübernahme setzte die Kommunistische Partei Kampucheas (KPK), bekannt unter ihrem Pseudonym Angkar (etwa: die Organisation), als Führungszirkel der Khmer Rouge die ideologischen Leitlinien einer der "radikalsten gesellschaftlichen Umwandlung(en des 20. Jahrhunderts) unter sozialistischen Vorzeichen"[3] um.

Die kambodschanische Exegese des Marxismus-Leninismus sah eine kommunistische, autarke und ethnisch homogene Khmer-Gesellschaft auf der wirtschaftlichen Basis einer Agrarökonomie vor, die ohne Zwischenschritte zu etablieren war. Die wesentlichen Merkmale dieser Politik waren Zwangskollektivierung und Agrarisierung der Bevölkerung, die Auflösung der Familienstrukturen, Abschaffung des monetären Marktes und des urbanen Lebensraumes, ein verbindlicher revolutionärer Verhaltenskodex und die physische Vernichtung von (vermeintlichen) Gegnern der Revolution. Die damit verbundene übersteigerte Angst vor äußeren und inneren Feinden der Revolution richtete sich gegen die Stadtbevölkerung, die Repräsentanten der vormaligen "feudalen" Regime und die Buddhisten, insbesondere aber gegen die ethnischen und religiösen Minderheiten der kambodschanischen Bevölkerung, etwa Menschen vietnamesischer und chinesischer Abstammung, die Cham-Muslime und die Christen. Im Gegensatz zu vielen Mitgliedern seiner Familie überlebte Shianouk die Zeit des Regimes unter Hausarrest. Der einzige geduldete Auslandskontakt bestand in dieser Zeit zur VR China.

Das ein Jahr nach dem Sieg der Khmer Rouge gegründete Demokratische Kampuchea ist Ausdruck eines Macht- und Richtungskampfes innerhalb der KPK seit 1960, der sein Pendant im chinesisch-sowjetischen Konflikt fand. Aus diesem Kampf ging 1975 die Fraktion um Pol Pot, Ieng Sary und Khieu Samphan als vorläufiger Sieger hervor. Kennzeichnend für deren Weltbild war ein extrem artikulierter Nationalismus, die Abkehr vom Protektor Vietnam und eine damit verbundene rassistisch motivierte Politik gegenüber dem ehemaligen Bündnispartner. Die seit 1975 von den Khmer Rouge initiierten Konflikte entlang der gemeinsamen Grenze kulminierten 1977 im offenen Krieg gegen die wiedervereinigte Sozialistische Republik Vietnam (SRV). Darauf antwortete das Nachbarland zum Jahreswechsel 1978/79 mit einer Militärintervention, die dem Regime der Khmer Rouge ein schnelles Ende setzte. Dieser Krieg war der erste offene Krieg zwischen zwei sich kommunistisch legitimierenden Staaten.

In der Folge konstituierte sich 1979 die Volksrepublik Kampuchea (VRK) unter vietnamesischer Protektion und fand ihren Weg in die sowjetisch geführte sozialistische Staatenwelt. Die Repräsentanten der Regierung Heng Samrin setzten sich unter anderem aus ehemaligen und pro-vietnamesischen Kadern der Khmer Rouge zusammen, die 1977/78 im Zusammenhang mit den parteiinternen Richtungskämpfen nach Vietnam geflohen waren. Unter dem Dach der Koalitionsregierung des Demokratischen Kampuchea (ab 1982) führten die Khmer Rouge einen Krieg gegen die VRK, zusammen mit den ehemaligen Kontrahenten des Bürgerkrieges: den Royalisten um Shianouk und den Republikanern um Son Sann. Im Zeichen des Kalten Krieges und vor dem Hintergrund des chinesisch-sowjetischen Antagonismus' erfuhr die Koalition im Kampf gegen die Regierung der VRK und deren vietnamesische Protektion internationale Unterstützung durch Thailand, China und die USA. Nach der Verurteilung der vietnamesischen Militärintervention als völkerrechtswidriger Akt durch die UN im Jahr 1979 blieb der VRK bis zu ihrem Ende 1989 die diplomatische Anerkennung durch die UN verwehrt. Die Repräsentanten der Khmer Rouge dagegen waren bis zum Abschluss der Friedensverhandlungen (Paris Agreements) 1991 legitimiert, die kambodschanischen Interessen vor den UN zu vertreten.

Nach dem Abzug der vietnamesischen Besatzungstruppen 1989 kämpfte die Khmer Rouge einen Guerillakrieg gegen die nach der UN-Mission UNTAC (1991 - 1993) gebildete Königliche Regierung Kambodschas, bestehend aus den ehemaligen Repräsentanten der VRK um Hun Sen und den Royalisten. Aus den sich mit dieser Koalition verbindenden regierungsinternen Machtkämpfen ging Hun Sen 1997 als Sieger hervor. Generalamnestien, Wiedereingliederungsprogramme für übergelaufene Mitglieder der Khmer Rouge als Mittel der "Nationalen Versöhnung", Fraktionskämpfe in der Führungsspitze und vor allem das Ende der ausländischen Unterstützung besiegelten das politische "Aus" der Khmer Rouge im Todesjahr Pol Pots 1998. Seit der Verhaftung des letzten militärischen Führers und Senior Leaders Ta Mok im Jahr 1999 gelten die Khmer Rouge als zerschlagen. Ta Mok starb 2006 in Untersuchungshaft.

Interessenkonflikte



Die Verhandlungen zwischen den UN und der Regierung Kambodschas zur Einrichtung einer juristischen Instanz für die Aufarbeitung der Verbrechen des Khmer-Rouge-Regimes sind im Jahr 1997 offiziell aufgenommen worden. Während der mehrfach ausgesetzten Verhandlungen riss die Kritik von transnationalen Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen an der machtpolitisch begründeten Verzögerungstaktik der Hun-Sen-Administration nicht ab. Der Premierminister, der die Vergangenheit 1999 noch in "einem Loch begraben" sehen wollte, bekannte sich erst Anfang 2007 uneingeschränkt zum Tribunal.

Hun Sen, der das Land seit 1985 regiert, entstammt jener Generation ehemaliger Khmer-Rouge-Mitglieder, die nach ihrer Flucht mit dem vietnamesischen Einmarsch ins Land zurückkehrte. Seit 1979 dominiert das Personal seiner Partei, der 1989 gegründeten Cambodian People's Party (CPP), die kambodschanische Politik. Im Angesicht einer unterdrückten, glanzlosen Opposition ist an der autoritären Macht des Premiers nicht zu zweifeln, wie die Kommunalwahlen im April 2007 bestätigten, aus denen die CPP als konkurrenzlose Siegerin hervorging.

Befürworter des Tribunals erhoffen sich einen von den ECCC ausgehenden Reformimpuls für das Justizwesen und das politische System Kambodschas. So könnten die ECCC in der kambodschanischen Gesellschaft wie in der Administration ein Rechtsbewusstsein etablieren, indem mit der Aburteilung der verbliebenen ehemaligen Kader der Khmer Rouge die überkommene kambodschanische Kultur der Straflosigkeit überwunden wird. Denn zweierlei haben die vielschichtigen Problemfelder der kambodschanischen Postkonfliktgesellschaft hinsichtlich ihres Ursprungs gemeinsam: fehlende Rechtssicherheit und fehlendes Unrechtsbewusstsein, was im Wesentlichen auf die verzögerte Aufarbeitung der belasteten Vergangenheit zurückzuführen ist.

Knapp drei Dekaden nach dem Ende des Demokratischen Kampuchea sind die meisten Senior Leaders wie Ta Mok oder Pol Pot gestorben, ohne juristisch zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Neben dem Leiter des Gefängnisses S-21, Kang Kek Ieu alias Duch, der seit dem Jahr 2000 in Untersuchungshaft sitzt, sind auf Geheiß der ECCC vier weitere ehemalige Kader und mutmaßliche Hauptverantwortliche des Regimes bis November 2007 verhaftet und vor kurzem angeklagt worden. Es handelt sich um den ehemaligen Außenminister Ieng Sary, seine Frau Ieng Tirith in ihrer Funktion als Sozialministerin, das offizielle Regierungsoberhaupt des Demokratischen Kampuchea Khieu Samphan und Nuon Chea, den Chefideologen der Angkar. Ob weitere Anklagen erhoben werden, ist noch offen.

Dass die Täter der mittleren und unteren Ränge nicht unter die Jurisdiktion der ECCC fallen, sei, so die Regierung und die ECCC, der Wahrung des sozialen Friedens geschuldet. Tatsächlich betrachten sich viele der betreffenden Personen ebenfalls als Opfer. Sie verweisen darauf, dass im rechtsfreien Raum des Demokratischen Kampuchea bewusste oder unbewusste Verfehlungen gegenüber den Direktiven der Angkar grundsätzlich mit dem Tod geahndet wurden. Das betraf gerade auch Khmer-Rouge-Mitglieder. Ebenso argumentieren auch ehemalige Mitglieder der kämpfenden Truppen und des Wach- und Sicherheitspersonals, die als Kindersoldaten zwangsrekrutiert und indoktriniert worden waren. Unter Verweis auf den Strafverfolgungsfokus der ECCC ist die Grenze zwischen Tätern (der unteren Ränge) und Opfern nicht eindeutig zu ziehen. Die Straffreiheit der Befehlsausführenden hat mit Blick auf einen individuellen Ausgleich mit den Opfern und die Suche nach Gerechtigkeit höchst problematische Nachwirkungen.

Schwierige Geschichtsvermittlung



"Something terrible happened in Cambodia, but many people - many Cambodians - do not believe it."[4] Der politische Diskurs über das Khmer-Rouge-Regime war in der VRK und der sozialistischen Staatenwelt seit 1979 vor allem von der Abgrenzung des eigenen sozialistischen Systems gegenüber dem sich kommunistisch gerierenden Demokratischen Kampuchea bestimmt. Da die kommunistische Revolution bis 1975 in Kambodscha im Kampf gegen den "US-Imperialismus" im Kanon des marxistisch-leninistischen Geschichtsbildes stand, konnte die Verantwortung für den Massenmord nur den Führungsköpfen innerhalb der Angkar - die zudem vor dem Hintergrund des chinesisch-sowjetischen Konfliktes als regionale Interessenvertretung des "chinesischen Hegemonismus" betrachtet wurde - zugeschoben werden. Ausdruck dafür war die Einrichtung des People Revolutionary Tribunal durch die VRK im Jahr 1979, in dem Pol Pot und Ieng Sary des Genozids für schuldig befunden und in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurden.

Das von der kambodschanischen Bevölkerung kolportierte Bild über die Zeit des Khmer-Rouge-Regimes speist sich entweder aus individuellen und damit subjektiven Unrechts- und Gewalterfahrungen, oder es wird von einfach strukturierten Verschwörungstheorien genährt. Entweder sei das Land der Innocent Khmer Opfer ausländischer Mächte - Vietnams, Chinas, der USA und der UdSSR - gewesen, oder aber es wurde zum Opfer der von der VRK damals so bezeichneten "Pol Pot/Ieng Sary-Clique". Gerade die Bevölkerungsgruppe der nach 1979 Geborenen, welche heute die Bevölkerungsmehrheit darstellt, besitzt nur rudimentäre Vorstellungen von der Geschichte des Khmer-Rouge-Regimes. Da das defizitäre Bildungssystem kaum Geschichtsvermittlung leistet, speist sich das Bild der Nachgeborenen über das Regime im Wesentlichen aus individuellen Schicksalberichten der Verwandten, insofern diese überhaupt von ihren Erfahrungen berichten wollen. Vielfach artikulieren die Kinder von Opfern und Tätern ihren Unglauben oder aber ihre Unsicherheit bezüglich des Gehörten und dem eigenen Umgang damit. Ein begrenzter Zugang zu Medieninformationen und Bildungsdefizite innerhalb der Landbevölkerung, die rund 90 Prozent der Bevölkerung ausmacht, erhöhen die Schwierigkeiten einer fruchtbaren Geschichtsvermittlung.

Der wichtigste Effekt, der sich seit der Einsetzung des Tribunals abzeichnet, ist die öffentliche und innergesellschaftliche Diskussion um die Verbrechen der Khmer Rouge; das sei als Erfolg zu werten, wie Wolfgang Möllers, Landesdirektor des Deutschen Entwicklungsdienstes (DED) in Kambodscha, im vergangenen Jahr betonte.[5] Begleitend zur Diskussion um die ECCC haben in den vergangenen Jahren eine Fülle von Regierungsorganisationen (RO) und Nichtregierungsorganisationen (NRO) im Umfeld des Tribunals den Fokus ihrer Arbeit auf die Bedürfnisse der ECCC - Werbung, Information und Wissensvermittlung - und der Bevölkerung - Aufklärung und Artikulationsplattform - gerichtet. Die Wissensangebote sind auf die Bedürfnisse der Adressaten zugeschnitten. Informationsveranstaltungen finden in der Regel in Form von kommunalen Meetings statt, um durch das Gemeinschaftserlebnis in der sozialen Bezugsgruppe Informationen nachhaltig aufzubereiten. Einfach strukturierte Schauplakate, Informationsbroschüren, die von den ECCC und der Regierung gemeinschaftlich herausgegeben werden, und das populäre Medium Film bieten komprimiert die wichtigsten Informationen über die Geschichte der Khmer Rouge, über Funktion und Arbeitsweise der ECCC und über ihren Einfluss auf das tägliche Leben der Kambodschaner.

Da viele Menschen am ehesten das nachvollziehen können, was sie mit eigenen Augen sehen, organisieren verschiedene NRO in Zusammenarbeit mit den ECCC Besuchsreisen zu den Gerichtsräumen der ECCC und/oder zu den einschlägigen Gedenkstätten, wie dem Tuol Sleng Museum oder zu den Massengräbern Cheung Ekk - besser bekannt als die Killing Fields. Zwar sind deren Besuche für Kambodschaner kostenlos, viele können sich aber eine Reise aus ihrer Heimatprovinz in die Hauptstadt kaum leisten.

Ein Filmteam von Deutsche Welle TV begleitete im Jahr 2007 die kambodschanische NRO Youth for Peace (YFP) bei ihrer Arbeit in die Provinzen. Leider wurde diese im Beitrag nicht namentlich erwähnt. YFP steht exemplarisch für eine außerordentliche Anzahl unterstützender Organisationen, welche im Schatten der ECCC von internationalen Medien kaum wahrgenommen werden. Die DED-Partnerorganisation YFP arbeitet seit nunmehr sieben Jahren erfolgreich mit Schülern und Studenten in den Städten und Provinzen des Landes. Erklärtes Ziel ihrer Programme ist es, durch die Förderung kritischen Denkens und des individuellen Selbstvertrauens Jugendliche zu ermutigen, einen aktiven Part im gesellschaftlichen Transformationsprozess und bei damit verbundenen Problemlösungen zu spielen. Die Jugend, so YFP, sei in der besten Position, die Geschicke ihrer Gesellschaft positiv im Sinne einer nachhaltig friedlichen Zukunft zu gestalten. In diesem Zusammenhang müsse sie in die Lage versetzt werden, ihre Rolle neu zu definieren und zu besetzen. Im Hinblick auf den Prozess der Aussöhnung und der Suche nach Gerechtigkeit bedeutet dieses in erster Linie das Verstehen der negativen Einflüsse der Vergangenheit auf die Gesellschaft und deren Bedeutung für die Alltagsprobleme.

Diesem Ansatz folgt auch das YFP-Projekt "Youth for Justice and Reconciliation". Vermittelt durch "Understand, Remembering and Change"-Workshops soll das Projekt die jugendlichen Teilnehmer in die Lage versetzen, historische Entwicklungen im Zusammenhang mit dem Khmer-Rouge-Regime und den ECCC zu erkennen, verschiedene Interpretationen der Geschichte aufzunehmen und kritisch zu analysieren. Die an die Workshops gekoppelten "Village Dialogues" bieten den Opfern und Tätern eine Plattform, über Gewalt- und Unrechtserfahrungen zu reden und diese in der Diskussion den Jugendlichen zu vermitteln. Die Bedeutung der Projektarbeit gerade im Hinterland der kambodschanischen Provinzen ist für die Teilnehmer wegen des spärlichen Informationszuganges nicht zu unterschätzen.

Ein repräsentatives Ergebnis der erfolgreichen Arbeit des Projektes ist in der südostasiatischen Jugendkonferenz zu sehen, die Mitte November 2007 in der Sovannaphumi University in Phnom Penh stattfand. Unter dem Motto "Youth Can Find Justice and Reconciliation through Understanding" trafen sich 143 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Kambodscha, Thailand, Vietnam, Laos, Burma, Nepal und Indonesien. An der Namensgebung wird einmal mehr der Ansatz deutlich, nach dem das Verstehen als erster Schritt auf der "Straße zur Aussöhnung" begriffen wurde. Thematisch standen die Wissensvermittlung über das Khmer-Rouge-Regime, Ursachenermittlung für Genozide, Formen der juristischen Aufarbeitung, der Funktion und Arbeitsweise der ECCC und individuelle Möglichkeiten der Aussöhnung im Mittelpunkt. Darüber hinaus bot die Konferenz eine Plattform für den interkulturellen Dialog. Im Erfahrungsaustausch sollten Gemeinsamkeiten und Unterschiede der länderspezifischen Konflikte erkannt und die eigenen Problemfelder abstrahiert werden. Mit gestärktem Selbstvertrauen und unterstützt durch ein über die Konferenz hinaus wirkendes Netzwerk würden die Teilnehmer ihre Erfahrungen in ihr jeweiliges Wohnumfeld tragen und eine aktive Rolle im Aussöhnungsprozess übernehmen - so die Zielvorstellung. Begleitet wurde die Konferenz von Experten verschiedener ansässiger NRO, den Mitarbeitern von YFP beziehungsweise von Historikern und Zeitzeugen.

Wie belastet der individuelle Aufarbeitungsprozess mitunter ist, vermittelt ein Blick auf den Schicksalsbericht Van Naths - einem der Überlebenden von S-21 - und der anschließenden Podiumsdiskussion. Der Maler Van Nath hat gelernt, das erlittene Trauma und die damit verbundenen Ängste mit Hilfe seiner Kunst zu kanalisieren. Sein Talent rettete ihm seinerzeit das Leben, denn er wurde im S-21 durch Duch persönlich von der Exekutionsliste zurückgestellt, um Portraits von Pol Pot anzufertigen. Über seine Bilder hinaus hat er seine Geschichte in einer Autobiographie verarbeitet.[6] Als persönlichen Beitrag zur Aufarbeitung bemüht sich Van Nath seit Jahren, seinen Mitmenschen ein differenziertes Geschichtsbild zu vermitteln. Auf den bevorstehenden Aussöhnungsprozess angesprochen, formulierte er seine Forderungen unmissverständlich: Ohne, dass die Täter und aktuell Angeklagten die Wahrheit sagen, warum sie was getan haben, werde es keine Aussöhnung geben. Er bezog sich mit seiner Äußerung auf die wenige Tage zuvor stattgefundene erste Anhörung von Duch vor den ECCC, in deren Verlauf dieser jegliche Schuld und Verantwortung von sich wies. Bis heute, so Van Nath, habe sich keiner der Hauptverantwortlichen für seine Verbrechen entschuldigt, und alle würden ihre Verantwortung abstreiten. Wie könne er da im Sinne einer Aussöhnung auf die Täter zugehen?

Verstehen der Geschichte



Die während der Konferenz artikulierten Fragen, Bedürfnisse und Anregungen offenbarten sich als Spiegelbild der innergesellschaftlichen Diskussion in Kambodscha um die Massenverbrechen der Khmer Rouge und um die Funktion und die Arbeitsweise der ECCC. Deutlich wurde zudem, dass die innergesellschaftliche Diskussion im Hinblick auf die Bewältigung der Gegenwartsprobleme ein mühsamer, kräftezehrender Prozess ist, der allerdings als notwendig angesehen und von der breiten Masse getragen wird. Konferenzen wie diese zeigen Möglichkeiten auf, wie diese Prozesse der Aufarbeitung angestoßen und begleitet werden können.

Verstehen der Geschichte im kambodschanischen Kontext bedeutet, Vorurteile und Denkschablonen zu überwinden und den Blick auf die Verantwortung für die Ereignisse zu richten, wie es Van Nath während der Konferenz formulierte. Ein fruchtbares Geschichtsbild verortet das Khmer-Rouge-Regime im regionalen und interregionalen Kontext und streicht seine Außergewöhnlichkeit heraus. Es ermöglicht den Blick darauf, dass Kambodschaner und andere Opfergruppen vor allem aufgrund der eigenen, kambodschanischen Ideologieadaption und ihrer praktischen Umsetzung millionenfach umgekommen sind, auch wenn sich ein sekundärer ausländischer Einfluss konstatieren lässt. Insbesondere für die Nachfolgegenerationen zeigt ein solches Geschichtsbild die Einflüsse der nicht verarbeiteten Vergangenheit auf die Gegenwartsprobleme auf und eröffnet Möglichkeiten des Umgangs damit.

Die ECCC vermitteln dieses Bild in ihren Informationskampagnen. Die Grenzen der Geschichtsvermittlung offenbaren sich allerdings mit dem Blick auf den Strafverfolgungsfokus der ECCC, der eben nur auf die Senior Leaders abzielt. Im Hinblick auf die Probleme der Gegenwartsbewältigung - Vertreibung, Diebstahl, Armut, Landraub und die restriktive Regierungspolitik - wirkt das Fehlen anderer institutionalisierter Formen der Vergangenheitsaufarbeitung dem innergesellschaftlichen Heilungs- und Aussöhnungsprozess entgegen. Dieser Umstand könnte durch die Einrichtung einer auf die kambodschanischen Bedürfnisse zugeschnittenen Wahrheits- und Versöhnungskommission abgefedert werden, die sich auf den individuellen Ausgleich zwischen Tätern (der unteren Ränge) und Opfern konzentriert.

Eine fruchtbare Geschichtsvermittlung sollte nicht als identitätsstiftende, nationalbetonte und auf die aktuellen politischen Bedürfnisse Kambodschas gerichtete Geschichtsinterpretation begriffen werden. Der Wert der Vermittlung von Geschichte ergibt sich im darin enthaltenen Angebot für die Menschen, verschiedene Interpretationen zuzulassen, kritisch zu betrachten und zu abstrahieren. Als erster Schritt zur Aufarbeitung kann das Verstehen der geschichtlichen Prozesse und ihre Bedeutung für das Individuum im Hinblick auf die Gegenwartsbewältigung in der Postkonfliktgesellschaft angesehen werden. Das erste in Kambodscha publizierte Geschichtslehrbuch über das Regime der Khmer Rouge erschien im Jahr 2007 und soll fortan als Lehrmaterial für Lehrer, Studenten und Schüler eingesetzt werden.[7]

Fußnoten

1.
Die genauen Opferzahlen sind in der Geschichtswissenschaft Gegenstand von Kontroversen. Vgl. dazu Craig Etcheson, After the Killing Fields. Lessons from the Cambodian Genocide, Lubbock 2005, S. 119ff.; Helen Jarvis/Tom Fawthrop, Getting away with genocide?, London 2004, S. 3ff.
2.
Vgl. The Khmer Insititute of Democracy, Survey on the Khmer Rouge Regime and the Khmer Rouge Tribunal 2004, Phnom Penh 2004, S. 6.
3.
Zit. nach Patrik Raszelenberg, Die Roten Khmer und der Dritte Indochina-Krieg, Hamburg 1995, S. 110.
4.
Zit. nach C. Etcheson (Anm. 1), S. 1.
5.
Vgl. Deutsche Welle TV, Politik direkt: Recht für Kambodscha - Wie Deutsche helfen, die Verbrechen des Pol Pot Regimes aufzuarbeiten, Ausstrahlung 31.7.-1.8. 2007.
6.
Vgl. Van Nath, A Cambodian prison portrait. One year in the Khmer Rouge's S-21, Bangkok 1998.
7.
Vgl. Documentation Center of Cambodia (DCCam), A history of Democratic Kampuchea (1975 - 1979), Phnom Penh 2007.

Hannes Riemann

Zur Person

Hannes Riemann

Geb. 1975; steht kurz vor dem Abschluss seines MA-Studiums der Modernen Zeitgeschichte an der Universität Potsdam; 2007 Teilnahme am "Youth for Justice and Reconciliation Project" in Phnom Penh/Kambodscha.
E-Mail: hansenpost@gmx.de


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