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14.12.2007

Der Kommunismus in ostmitteleuropäischen Nationalgeschichten

Kommunistischen Ideologen und Machthabern ist es nicht gelungen, die kommunistischen Ideen mit den nationalen Ideologien der ostmitteleuropäischen Gesellschaften zu verschmelzen.

Einleitung

Kommunistische Politik und kommunistische Ideologie beanspruchen "Internationalismus".[1] Nach kommunistischer Auffassung und der politischen Rhetorik sind die Klassensolidarität und die internationale Solidarität der Proletarier viel bedeutsamer als ihre jeweiligen nationalen Zugehörigkeiten.

Jahrzehntelang erschien auf den Titelseiten der Tageszeitungen kommunistischer Parteien die Losung: "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" In der "brüderlichen Gemeinschaft" der Länder des sowjetischen Blocks in Ostmitteleuropa waren ernsthafte Versuche engerer "internationalistischer" Zusammenarbeit unerwünscht. Symbolische "Freundschaftstreffen", Reisen mit "Freundschaftszügen", spektakuläre Ereignisse wie beispielsweise die "Weltjugendtreffen" oder internationale Treffen "fortschrittlicher" Intellektueller hatten mit wahrem Internationalismus wenig zu tun.


In der politischen Praxis, besonders bei Agitation und Propaganda (Agitprop), wurde dagegen die nationale Karte oft und mit Nachdruck ausgespielt.

Fabrikarbeiter und Soldaten demonstrieren in Petrograd am 25. Oktober 1917. Auf ihrem Transparent steht: "Tod den Feinden des Volkes - Gerühmt sei die Sowjetmacht, die einen Weg zu Frieden und Volk gebahnt hat".


Imperialisten und Kapitalisten aller Art wurden als Feinde der Nationen dargestellt. Das führte zu einer sehr selektiven Geschichtsauffassung: Die Deutschen beispielsweise galten in vielen offiziellen und semioffiziellen kommunistischen Narrativen als die traditionellen und seit dem frühen Mittelalter gefährlichsten Feinde der ostmitteleuropäischen Nationen - abgesehen natürlich von den Bürgerinnen und Bürgern der Deutschen Demokratischen Republik, dem ersten demokratischen und friedliebenden Staat auf deutschem Boden. In derselben Propaganda war der russische Imperialismus ein Kennzeichen des Zarenreiches, während die Sowjetunion als Garant der Freiheit der sozialistischen Länder und Nationen erschien. Die Sowjetunion war der wichtigste Unterstützer (mit Wort und Tat) der Freiheitskämpfe aller unterdrückten Völker auf allen Kontinenten. Die kommunistische Propaganda in nationalen Farben erschien glaubwürdiger als der abstrakte Internationalismus der weltweit ausgebeuteten Arbeiter. "Derselbe sozialistische Inhalt in vielen nationalen Formen", lautete eine oft gehörte Parole.

Teilnehmer einer Kundgebung zum 99. Jahrestag der Oktoberrevolution 2016 in Sevastopol. (© picture-alliance/dpa)


Geschichtskämpfe seit 1988/91

Der unablässige Hinweis auf die historische Notwendigkeit des weltweiten Sieges des Kommunismus unter der Leitung der Sowjetunion war ein wesentlicher Bestandteil der kommunistischen Propagandaarbeit. Nach vielen Jahrzehnten unter dem Einfluss dieser Propaganda stellte die Interpretation des Zusammenbruches des sowjetischen Imperiums eine immense Herausforderung für die Intellektuellen der ostmitteleuropäischen Völker dar. Konflikte über die Bewertung historischer Ereignisse spielten eine Schlüsselrolle beim Übergang zur Demokratie. Auf der Alltagsebene führte das häufig dazu, dass die Behandlung der Periode nach dem Zweiten Weltkrieg vorläufig vom Geschichtsunterricht in den Schulen ausgenommen wurde. In der Sowjetunion wurden bereits im Mai 1988 die Prüfungen in Geschichte vorübergehend ausgesetzt.[2]

In allen Ländern des ehemaligen sowjetischen Blocks haben Fragen der Nationalgeschichte, die historische Positionierung der völlig unerwarteten Ereignisse einen prominenten Platz in den tagespolitischen Auseinandersetzungen eingenommen. Überall wurde beklagt, dass die von der Sowjetunion unterstützten Kommunisten und ihre Ideologie die schönsten und heldenhaftesten nationalen Traditionen verdrängt hätten. Parallel dazu kam es zur Aufklärung sowjetischer Gewalttaten gegenüber den ostmitteleuropäischen Nationen, etwa die Ermordung polnischer Offiziere in Katyn im April/Mai 1940 oder der Terror (massenhafte Vergewaltigungen und Deportationen von Zivilisten) in den von der Sowjetarmee besetzten Gebieten während der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Auch in diesem Sinne erschien der Kommunismus als Zerstörer der wertvollsten nationalen Traditionen. Viele Politiker forderten die Wiederentdeckung und den Wiederaufbau der so lange verleugneten Nationalgeschichten.

Im Zuge dieser Entwicklung kam es zu spektakulären Ereignissen, welche die postkommunistischen Auffassungen von nationalen Geschichten betonen sollten, etwa symbolische (Neu-)Bestattungen, die Entfernung alter, die Errichtung neuer historischer Denkmäler und die Wahl neuer Nationalfeiertage. In Jugoslawien bedeuteten die Erinnerungen an den 600. Todestag von Prinz Lazar im Jahr 1989 eine Rückkehr zu den serbischen Reichgründungsmythen, die an die Stelle des Kultes um die "jugoslawischen" Partisanen des Zweiten Weltkriegs traten. Die Rückkehr des Herzes des 1941 unter bis heute nicht geklärten Umständen gestorbenen bulgarischen Zaren Boris in sein Heimatland war ein symbolischer Bruch mit dem kommunistischen Erbe in Bulgarien. Die erneute Bestattung des ungarischen Admirals Miklós Horthy, "Reichsverweser" des Landes zwischen 1920 und 1944, verwies auf die Kontinuität zwischen den prä- und den postkommunistischen Zeiten. Die feierliche Beerdigung der polnischen Generäle der "Heimatarmee", Tadeusz Bór-Komorowski und W?adis?aw Sikorski, symbolisierte die Infragestellung der Legitimität des kommunistischen Regimes in Polen. Es verschwanden viele den sowjetischen "Befreiern" gewidmete Denkmäler; neue erinnerten an antikommunistische Nationalhelden wie Józef Pi?sudski in Polen, Jozef Tiso in der Slowakei, Ion Antonescu in Rumänien, Pál Teleki in Ungarn oder an außenpolitische Gewaltakte der Sowjetunion (1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei).

Alle diese Maßnahmen waren heftige Reaktionen auf den kommunistischen Versuch eines vollständigen Bruches mit den Traditionen der so genannten reaktionären Vergangenheit der von der Sowjetunion beherrschten Völker, auf den Versuch, die neue "brüderliche Gemeinschaft" der sozialistischen Länder auf ihre gemeinsamen "progressiven", klassenkämpferischen Traditionen aufzubauen. In den offiziellen kommunistischen, nationalgeschichtlichen Meisternarrativen der politischen Rede und der einheitlichen Schulbücher stand immer der Kampf gegen die ethnisch-nationalen, fremden Ausbeuter im Mittelpunkt. Nach dieser Rhetorik waren die besten Patrioten diejenigen Persönlichkeiten, die nationale und klassenkämpferische Ziele parallel und miteinander verknüpft verfolgt haben.

Schon vor dem Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums, als Folge der Milderung des sowjetischen ideologischen Drucks erschienen - weniger in der Wissenschaft, umso mehr in der Publizistik und in der Alltagssprache - lange verdrängte Visionen von den heroischen Leistungen und tragischen Opfern der ostmitteleuropäischen Eliten der Zwischenkriegszeit. Nach der Zeitenwende von 1989/90 beschleunigte sich dieser Prozess. Zugespitzt könnte man sagen, dass die Chancen einer Persönlichkeit, Bewegung, Institution oder Partei, einen prominenten Platz im neu zu errichtenden nationalen Pantheon zu erhalten, umso größer waren, je antikommunistischer sie eingeschätzt wurde. Das war auch eine Reaktion auf die kommunistische ideologische Praxis, alle Antikommunisten ohne Unterschied als "Faschisten" zu brandmarken.[3] Die große Gefahr bestand nun darin, dass wegen ihrer antikommunistischen Haltung gelegentlich auch Vertreter der extremen Rechten ebenfalls sehr positive Bewertungen erhielten.

Der Platz des Kommunismus in der Geschichte

In vielen seriösen Diskussionen haben sich die Intellektuellen der ostmitteleuropäischen postkommunistischen Länder mit dem Platz der kommunistischen Regime in der Kontinuität der Nationalgeschichten beschäftigt. Trifft es wirklich zu, dass der Kommunismus allen Ländern der Region von außen aufgezwungen wurde, oder hatte er auch innere, soziale und politische Wurzeln in den Ländern selbst? Kann das kommunistische Zeitalter überhaupt als Teil der Nationalgeschichten angesehen werden? War es nicht doch nur - trotz seiner vielen Opfer - eine zwar lang andauernde, historisch gesehen aber unbedeutende, vorläufige Episode? Ist es möglich, über "organische" Nationalgeschichten zu sprechen, welche die Zeit des Kommunismus ausblenden? Eine mit diesen Problemen eng verbundene, häufig gestellte Frage lautet: War der Kommunismus ein Versuch, die (ökonomische und geistige) Zurückgebliebenheit der jeweiligen Region zu überwinden, oder hat er gerade im Gegenteil zur Verbreiterung und Vertiefung der Kluft (gap) zwischen Ost- und Westeuropa bedeutend beigetragen?

Ein weiterer Teil dieses Problemkomplexes ist die Verantwortlichkeit (anders gesagt: das Verdienst) für das Ende des Kommunismus. War es das starke und unzerbrechliche Rückgrat der Nationen, das allen Bosheiten und Zumutungen der Sowjets widerstanden hatte? Gab es treue Patrioten, deren beharrlicher, konsequenter Antikommunismus schließlich zum Erfolg führte, oder waren es vielmehr nicht eher die pragmatischen und patriotischen Kommunisten, welche die Perspektivlosigkeit des kommunistischen Modells erkannt hatten und, als der Untergang der Sowjetunion und die internationale politische Situation das ermöglichten, mit dem Abbau des Systems begonnen haben?

Nirgendwo in den ehemaligen Sowjetblockländern ist es gelungen, einen geeigneten rechtlichen Rahmen für die Ahndung der Verbrechen des kommunistischen Systems zu finden. Kein System funktioniert ohne Unterstützer, aber das Ausmaß der Verantwortlichkeit der Funktionäre auf unterschiedlichen Ebenen der Hierarchie ist schwer zu formalisieren. Das ist, wie sozialpsychologische Untersuchungen zeigen, kaum vermeidbar. Wenn wir das Trauma des Systemwechsels als massenpsychologische Erscheinung betrachten, ist die Regeneration der Leistungsfähigkeit der Gesellschaften nach diesem Trauma ohne soziale Kohäsion kaum möglich.[4] Die sozialpsychologische Erfahrung lehrt, dass diese Kohäsion am besten mithilfe von Sündenbocken erreicht werden kann.[5] Die Sündenbockfunktion kann auf Individuen, kleinere und größere Gruppen, aber auch auf ganze Länder oder auf Ideologien übertragen werden. Ein bestimmendes Element der postkommunistischen Geschichtsdiskurse war es daher, dem Kommunismus im Allgemeinen eine solche Funktion zu verleihen. Kommunismus als Ideologie und die ihn vertretenden Persönlichkeiten, Gruppen, Parteien wurden nicht nur für den wirtschaftlichen und sozialen Untergang der von ihnen beherrschten Länder, sondern auch für die nationalen Tragödien verantwortlich gemacht.

Außerhalb der individuellen und Gruppenverantwortlichkeiten der Kommunisten in allen Ländern des ehemaligen sowjetischen Lagers war die Bewertung der Rolle der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg ein weiteres zentrales Thema der öffentlichen Diskussionen. In welchem Maße trat die Sowjetunion als Befreier auf? War sie nicht nur ein neuer Eroberer? Ist die sowjetische Schuld vergleichbar mit der Schuld der Nationalsozialisten? Wie kann man den Gulag mit den deutschen Konzentrationslagern vergleichen? Die Themen des deutschen Historikerstreites der 1980er Jahre tauchten auf, aber nirgendwo in den ehemaligen sowjetischen Satellitenländern führten sie zu einer die postkommunistische Kohäsion dieser Gesellschaften erleichternden, bereinigenden Diskussion. Stattdessen führten sie zu neuen Spaltungen.

Laut soziologischer Bestandsaufnahmen und politikwissenschaftlicher Analysen spielen bei postkommunistischen Wahlen historische Themen eine bedeutende Rolle. Die Auffassungen über historische Themen sind zu wichtigen strukturformierenden Elementen postkommunistischer Gesellschaften geworden. Unter diesen Themen nimmt die Geschichte von Flucht, Vertreibungen und Zwangsemigrationen eine prominente Rolle ein. Es geht um mehr als dreißig Millionen Menschen,[6] deren Schicksal zu kommunistischen Zeiten kaum erwähnt wurde; gesellschaftliche Turbulenzen sind daher nur allzu verständlich. Das Hasspotential von Nachbarschaften war lange Jahre bewusst verdrängt worden. Traditionelle Konflikte über die staatlichen Zugehörigkeiten von ethnisch gemischt besiedelten Gebieten sind neu an die Oberfläche gelangt. Dieselben Themen wurden zu Hauptpfeilern von mehreren unterschiedlichen nationalen Meisternarrativen. Meine allgemeinen Überlegungen möchte ich abschließend mit zwei Fallstudien illustrieren.

Ungarn: Die gekrönte Republik

In den offiziellen und halboffiziellen kommunistischen Darstellungen der ungarischen Geschichte des 20. Jahrhunderts spielte die Periode der "Räterepublik" zwischen dem 21. März und dem 1. August 1919 eine Schlüsselrolle. Nach dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie - der kurzen Episode einer demokratischen Republik folgend - übernahm in Ungarn eine von den Kommunisten dominierte kommunistisch-sozialdemokratische Koalition die Macht. Laut kommunistischer Auffassung belegte das die tiefe Verwurzelung des Kommunismus in Ungarn. Im kollektiven ungarischen Gedächtnis war und ist dieses Ereignis vielmehr mit den tragischen territorialen Verlusten des Landes nach dem Ersten Weltkrieg (etwa zwei Drittel des vorherigen Staatsgebietes) verbunden.

Es wird angenommen, dass die Siegermächte allein aus Angst vor der Ausbreitung des Kommunismus Ungarns Zerstückelung sanktioniert haben. Ohne die Kommunisten an der Macht wären sie viel toleranter und großzügiger gewesen. Keine historische Quelle bestätigt das, aber der Mythos der das Land verspielenden Kommunisten überlebte und erwachte mit besonderer Kraft in den Jahren 1989/91. Viele kommunistische Funktionäre des Jahres 1919 waren jüdischer Abstammung. Daher erhielt die antikommunistische Rhetorik antisemitische Untertöne. In den politischen Kämpfen der frühen postkommunistischen Zeit wurden die Liberalen, häufig Kinder ehemaliger kommunistischer Funktionäre, als Erben der früheren kommunistischen "Landverspieler" dargestellt. Anfang 1990 schrieb beispielsweise eine rechtsradikale Zeitschrift, dass die Antisemiten des alten Ungarn nicht den kapitalistischen Geschäftsmann, sondern den marxistischen Freimaurer-Intellektuellen gehasst hätten, der Siebenbürgen verkauft und die Kommunisten erst eingeladen habe.[7]

Laut einer repräsentativen Umfrage 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges[8] war die ungarische Gesellschaft über die Bewertung der damaligen Ereignisse in drei große Lager gespalten. Etwa ein Drittel der Bevölkerung meinte, dass die Sowjets Ungarn tatsächlich befreit hätten, ein anderes Drittel sprach von Besatzung, für den dritten Teil war weder Befreiung noch Besatzung der richtige Terminus. Die Resultate dieser Umfrage bestätigen die anhand von nur 30 Fallstudien aufgestellte Hypothese eines jungen ungarischen Politikwissenschaftlers: In der Strukturierung der postkommunistischen Gesellschaften sind wirtschaftlich definierbare Unterschiede von der gemeinsamen Abstammung und von vererbten Mentalitäten in den Hintergrund gedrängt worden.[9] Das bedeutet keinesfalls, dass materielle Faktoren etwa keine Rolle bei der Strukturierung der postkommunistischen Gesellschaften spielen. Es geht darum, dass die Mechanismen des kollektiven Gedächtnisses die Strukturierung der postkommunistischen Gesellschaften in größerem Maße beeinflussen als in den westeuropäischen Gesellschaften. Im ungarischen Wahlverhalten spielt die Geschichte eine wichtige Rolle: In der erwähnten Umfrage bekannten sich 43 Prozent der größeren Partei der Regierungskoalition, der Sozialisten, und sogar 51 Prozent des kleineren Koalitionspartners, der Liberalen, zur These von der "Befreiung" durch die Rote Armee; dagegen unterstützten 41 Prozent der oppositionellen konservativen Jungen Demokraten (FIDESZ) die These von der Besatzung.

Die Komplexität des Umgangs mit der kommunistischen Vergangenheit zeigt die Diskussion um das Schicksal der Heiligen Krone Ungarns. Die Krone, seit dem 11. Jahrhundert ein Symbol ungarischer Souveränität, landete gegen Ende des Zweiten Weltkrieges in Fort Knox in den USA. Anfang 1978, trotz des Protestes der Mehrheit der ungarischen politischen Emigranten, gab die amerikanische Seite dieses äußerst wertvolle Symbol der ungarischen nationalen Identität als ein Zeichen der Detente dem ungarischen Staat zurück. Im Gebäude des an der Wende des 19. zum 20. Jahrhundert gebauten ungarischen Parlaments wurde die Krone von der durch US-Außenminister Cyrus Vance geleiteten Delegation den Vertretern des von Kommunisten geleiteten ungarischen Staates übergeben. Obwohl als Teil der Vereinbarung der Erste Sekretär der ungarischen kommunistischen Partei, János Kádár, den Feierlichkeiten fernblieb, bedeutete diese Geste eine amerikanische Anerkennung der Legitimität kommunistischer Macht in Ungarn.

Mit anderen königlichen Insignien wurde die Krone bis Ende 1999 im Ungarischen Nationalmuseum aufbewahrt. Das Jahr 2000 war für die Politisierung dieser Tradition von großer Bedeutung. In jenem Jahr kam es zur Tausendjahrfeier der Annahme des Christentums und der Staatsgründung in Ungarn, und so konnte die nationale Feier mit dem allgemeinen christlichen Jubiläum verknüpft werden. Die konservative Regierungskoalition hatte für die Feierlichkeiten vom 1. Januar 2000 bis zum 20. August 2001 sehr bedeutende finanzielle und organisatorische Ressourcen mobilisiert, wobei der Heiligen Krone eine Hauptrolle zukam. Als Auftakt zu den Feierlichkeiten zum tausendjährigen Bestehen des Staates ließ die christlich-nationale Regierung die Krone unter feierlichem Gepränge in das Parlamentsgebäude bringen. Diese Geste wurde von der sozialistisch-liberalen Opposition stark kritisiert, mit dem Argument, dass die Legitimität des heutigen ungarischen Staates nicht in der vom Papst verliehenen Krone, sondern in der durch die Verfassung symbolisierte Volkssouveränität wurzele.

Polen: Christus der Völker

Ungarn hat als Folge der beiden Weltkriege etwa zwei Drittel seines Staatsgebietes verloren, und mehr als ein Drittel aller Ungarn sind zu nationalen Minderheiten in anderen Ländern geworden. Trotz unbeschreiblicher Leiden konnte Polen dagegen beide Weltkriege als Sieger beenden. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte in dem vom Bürgerkrieg ausgelaugten Land eine große Kluft zwischen der kommunistischen Befreiungspropaganda und den alltäglichen Erfahrungen der Massen. So konnte das aus dem Zeitalter der Romantik (als Polen geteilt und in die Gebiete dreier Reiche eingegliedert war) stammende nationale Selbstbildnis als gekreuzigter Christus der Völker im populären kollektiven Gedächtnis nahezu unberührt überleben.

Es gab eine wichtige Schnittstelle der aufgezwungenen offiziellen und der populären Geschichtsauffassungen. Mit den treffenden Worten Claudia Krafts: "Die kommunistischen Theoretiker der polnischen Westverschiebung verknüpften in ihrer Argumentation (geo-)politische mit sozioökonomischen Vorstellungen: Die territoriale Neuordnung nach dem Krieg entspreche der piastischen Konzeption der polnischen Geschichte, die den Vorzug habe, das Land vom Minderheitenproblem, das die Zweite Republik belastet habe, zu befreien. Zudem bringe es endlich eine sichere strategische Lage gegen den deutschen Aggressor und eröffne die Perspektive eines friedlichen Zusammenlebens mit den östlichen Nachbarvölkern. Wurde in diesem Interpretationsmodell die weit nach Osten ausgreifende jagiellonische Konzeption von der Ausbeuterkaste' polnischer Großgrundbesitzer getragen, so sah man im piastischen Polen den Vorläufer eines den Interessen der breiten Bevölkerung dienenden Volkspolens'."[10]

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und des kommunistischen Machtsystems in Polen und insbesondere mit dem EU-Beitritt am 1. Mai 2004 ist diese Auffassung anachronistisch geworden. Trotz der langen intellektuellen und politischen Tradition des Antikommunismus im Lande, trotz des deutlichen Triumphes der Opposition gegen die Staatspartei im Jahr 1989 ist es bisher nicht zu einem klaren Geschichtsdiskurs über die Rolle des Kommunismus in der nationalen Geschichte Polens gekommen. Die parteipolitischen Kämpfe sind von Stellungnahmen zu dieser Frage sehr stark beeinflusst. Die Sozialdemokraten (viele von ihnen stammen aus der ehemaligen Staatspartei PZPR) betonen, dass die Eingliederung Polens in den sowjetischen Block die einzige realistische Alternative für den Wiederaufbau des Staates nach dem Zweiten Weltkrieg war. Die Kommunisten werden so zu Vertretern des nationalen Interesses stilisiert; ohne ihre Kollaboration mit den Sowjets hätten die Polen den deutschen Imperialismus nicht aufhalten können. Dabei wird die Aufteilung Polens zwischen Hitler und Stalin im Jahr 1939 kaum beachtet.

Nicht ohne Erfolg wird die These vertreten, dass die Jahrzehnte kommunistischer Macht die Gesellschaft äußerst tief beeinflusst haben und in diesem Sinne gewissermaßen alle Polen "Postkommunisten" seien. Auf der rechten Seite des politischen Spektrums wird davon ausgegangen, dass dem kommunistischen Staat eine die traditionellen nationalen Werte, die Idee des gleichzeitigen Kampfes gegen östliche und westliche Feinde der Polen vertretende Gesellschaft und damit die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung gegenüberstand. Aus dieser Perspektive gelten die ehemaligen Parteibürokraten und andere Träger kommunistischer Macht als Verräter der nationalen Interessen Polens und sollten strafrechtlich und moralisch verurteilt werden.[11]

Ausblick

Trotz langer Jahre der theoretischen und politischen Anstrengungen kommunistischer Ideologen und Machthaber ist es nicht gelungen, die kommunistischen Ideen mit den nationalen Ideologien der ostmitteleuropäischen Gesellschaften zu verschmelzen. Die Gesellschaften konnten nicht davon überzeugt werden, dass die Internationalität "aller Proletarier der Welt" mit der Vertretung der nationalen Interessen in Einklang gebracht werden kann. Die praktischen Erfahrungen haben das Gegenteil gezeigt.

Die Erfahrungen der ostmitteleuropäischen Systemwechsel und der europäische Integrationsprozess belegen aber, dass nach dem grandiosen Scheitern des kommunistischen Internationalismus den ostmitteleuropäischen Intellektuellen die Herausforderung supranationaler Identitäten nicht erspart bleiben dürfte.

Fußnoten

1.
Die Argumentation dieses Aufsatzes profitierte erheblich vom großen Quellenmaterial des Buches von Helmut Altrichter (Hrsg.), Gegen Erinnerung. Geschichte als politisches Argument, München 2006, und von den Forschungsergebnissen im Rahmen eines Projektes der European Science Foundation: Representations of the Past: The Writing of National Histories in Europe, geleitet von Stefan Berger/Manchester, UK; vgl. auch den Text von Berger in diesem Heft.
2.
Vgl. H. Altrichter (ebd.), S. IX.
3.
Vgl. Tony Judt, Postwar. A History of Europe since 1945, New York 2005, S. 215.
4.
Vgl. Jon Mills/Janusz A. Polanowski, Ontology of Prejudice, Amsterdam 1997; Zsolt Enyedi/Ferenc Er?s (eds.), Authoritarianism and Prejudice. Central European Perspectives, Budapest 1999.
5.
Vgl. Rene Girard, The Scapegoat, Washington, D.C. 1989; Tom Douglas, Scapegoats. Transferring Blame, London-New York 1995. Ein äußerst reicher Überblick der diesbezüglichen klassischen Literatur in Frederic Cople Jaher, A Scapegoat in the New Wilderness, Cambridge, MA 1994, S. 251 - 255.
6.
Vgl. Paul Magocsy, Historical Atlas of Central Europe. Revised and expanded edition, Toronto 2002, S. 193; Zoltán Szász, Nationen und Emanzipationen im Kontext der ost- und mitteleuropäischen Wende, in: Von Lehrte zum Lehrter Bahnhof. West-Östliche Exkursionen zu Helmut Lippelts 70. Geburtstag. Red.: Ursula G. Jaerisch, Bonn 2002, S.61-69.
7.
Vgl. Szent Korona vom 21.2. 1990, S. 6f., zit. nach: László Karsai, Kirekeszt?k, Budapest 1992, S. 150f.
8.
Vgl. Népszabadság vom 2.4. 2005, S. 5.
9.
Vgl. Richárd László, Posztkommunista társadalom és kollektív emlékezet (Postkommunistische Gesellschaft und kollektives Gedächtnis), in: Valóság, 42 (1999) 2, S. 1 - 18.
10.
Claudia Kraft, Geschichte im langen Transformationsprozess in Polen, in: H. Altrichter (Anm. 1), S. 132.
11.
Vgl. ebd., S. 143 - 145.

Attila Pók

Zur Person

Attila Pók

Dr. phil., geb. 1950; Generalsekretär des Vereins Ungarischer Historiker; stellvertretender Direktor des Instituts für Geschichte der Ungarischen Akademie der Wissenschaften; Professor für Zeitgeschichte am Europa-Institut Budapest, Rákóczi út 5, 1088 Budapest/Ungarn.
E-Mail: apok@tti.hu


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