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29.6.2009

Kulturtechniken der Transformation

Im Zuge der Transformation führt "Ostdeutschland" als hybrides Konglomerat von Wertvorstellungen und Erinnerungen ein Eigenleben, das weniger auf die DDR verweist als auf einen Schwebezustand.

Einleitung

Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer wird bilanziert, was aus dem neuen Deutschland geworden ist und welche Gesellschaft sich zwei Jahrzehnte nach dem Freudentaumel am Brandenburger Tor formiert hat. Unter der Überschrift "Noch nicht angekommen" berichtete die "Berliner Zeitung" schon im Januar des Jubiläumsjahres, dass "im 20. Jahr nach dem Mauerfall (...) Deutschland von einer inneren Einheit noch meilenweit entfernt" sei: "Nur 22 Prozent der Ostdeutschen sehen sich einer repräsentativen Umfrage zufolge als richtige Bundesbürger. 62 Prozent hingegen empfinden sich in einer Art Schwebezustand - der DDR nicht mehr verbunden, aber der Bundesrepublik auch nicht richtig zugehörig. Eine stärkere Identifikation mit der Bundesrepublik gibt es nur bei den unter 25-Jährigen (40 %), mit jedem weiteren Lebensjahr nimmt sie ab. Aber nur elf Prozent, etwa jeder neunte, will die DDR zurück."[1]




Immer wieder geht es, wenn der Zustand der wiedervereinten Nation im öffentlichen Diskurs bewertet wird, um "Ankunft". Tatsächlich waren die Bewohnerinnen und Bewohner der neuen Bundesländer im Zuge der gesellschaftlichen und politischen Transformation nach 1990 gezwungen, sich zu bewegen; in ihren Wertvorstellungen und Deutungsmustern, in ihren Jobs, Gewohnheiten und Weltsichten, in ihren Berufen und Wohnorten. Für die ehemaligen DDR-Bürgerinnen und -Bürger hat sich quasi über Nacht die komplette Lebenswelt verändert: Institutionen, Regeln, Konventionen, Verhaltensmuster, Konsumgüter, Lebensstile. Toralf Staud behauptet, dass den Ostdeutschen 1990 das widerfuhr, was in der Migrationsliteratur als Kulturschock bezeichnet wird. Dass sie ihr Land dabei nicht verlassen haben, macht die Umstellung wahrscheinlich nicht einfacher. Die Ostdeutschen sind vergleichbar den Migranten tatsächlich in einer "fertigen" Gesellschaft mit etablierten Strukturen und Institutionen gelandet, die wenig Interesse an den Ressourcen der Hinzugekommenen hatte. Begriffe wie Ankunft und Integration, die regelmäßig in der öffentlichen Debatte aufgegriffen werden, deuten darauf hin, dass sich die Effekte der Wiedervereinigung vielleicht besser verstehen lassen, wenn man sie als Migrationsprozesse zu beschreiben versucht.

Der Prozess der "Akkulturation" verläuft dabei in verschiedenen Phasen: Selbstethnisierung ist ein wesentliches Moment der Verarbeitung des Kulturschocks. Unzufriedenheit mit den Lebensbedingungen des Gastlandes, das Gefühl fremdbestimmt zu sein und als Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden, auch das verbindet die weit verbreitete Erfahrung Ostdeutscher in den 1990er Jahren mit dem Schicksal von Migranten. Vor diesem Hintergrund findet der Rückbezug auf die vertraute Kultur und die Identifizierung mit einer Gruppe statt. Erst nach der "Ankunft" im neuen Land, so stellen Migrationsforscher fest, beginnen Einwanderer ihre Ethnizität zu beschreiben.[2]

Im Folgenden wird es darum gehen, die Neuerfindung Ostdeutschlands nach 1990 auf nationaler und lokaler Ebene zu diskutieren und zu fragen, wie diese Erfahrungen und Ressourcen in den gesamtdeutschen Kontext hineinwirken können.

Ankunft wo?

Mit dem Ende der DDR waren ihre Bewohner aufgefordert, sich in ihrem Verhältnis zu Gesamtdeutschland, zu ihrer Stadt oder zu ihrer Region neu zu definieren. Zu erwarten war, dass traditionelle Vorstellungen von Nation, die vom SED-Staat verweigert worden waren, aktualisiert werden. Solche Erwartungen fanden ihre Begründung unter anderem im schnellen Wechsel, mit der im Herbst 1989 die Wende von "Wir sind das Volk!" zu "Wir sind ein Volk!" vollzogen wurde.

Im Alltag verankerte Identifikationen mit der Nation schienen bereits zu existieren. Auch regionale Identifikationen hätten eine Chance gehabt: So tauchte bereits bei den Demonstrationen im Herbst 1989 in Dresden die sächsische Fahne auf. Generell lässt sich behaupten, dass die Wiedervereinigung ein von nationalen Ansprüchen getragenes Projekt gewesen ist. Einige Sozialwissenschaftler gehen inzwischen davon aus, Ostdeutschland sei einer der Fälle, die "am offenkundigsten illustrieren, wie stark und extrem kostspielig sich nationalisierende Mechanismen auf den Transformationsverlauf auswirken können - von der Hast, mit der die Vereinigung betrieben wurde, bis zu dem Ziel der vollen Angleichung zwischen Ost und West".[3] Umso mehr musste die seit Mitte der 1990er Jahre sichtbare und langfristig wirkende Differenz zwischen Ost und West als Versagen des Nationalstaates wahrgenommen werden. Wenn aber das an die nationalstaatliche Einheit gekoppelte Versprechen auf gleiche Lebensbedingungen nicht eingelöst werden konnte - welche Identifikationen sind es dann, die den Bewohnern zwischen dem Fichtelberg und Kap Arkona Orientierung und Halt in den unsicheren Zeiten des Umbruchs bieten konnten?

Viele Studien zu Ostdeutschland haben herausgearbeitet, dass die Neuverortung der Ostdeutschen nach 1990 gerade deshalb einen konfliktreichen Prozess darstellt, weil es sich um einen doppelten Strukturbruch handelte. Der gesellschaftliche Systembruch fand vor dem Hintergrund eines weltweiten Strukturwandels statt. Der Sprung von einer eher geschlossenen Gesellschaft in den globalen Raum hatte unmittelbare Effekte: der brain drain junger, gut ausgebildeter Menschen, die Ansiedlung von Unternehmen mit globaler Arbeitsteilung, neue Mobilitätsoptionen und -zwänge. Neben in globale Wirtschaftskreisläufe integrierte Inseln von Hightech-Unternehmen existieren Räume, die nahezu ohne wirtschaftliche, kulturelle und soziale Dynamik in einer "bleiernen Zeit" verharren.

Ist das der Nährboden, aus dem "Ostdeutschland" als Transformationsfigur entstand? Offensichtlich zwingt die Perspektive längerfristiger und sich wahrscheinlich noch verschärfender Ungleichheit zwischen den alten und den neuen Bundesländern zu einer anderen Selbsteinordnung der ostdeutschen Gesellschaft. Es sind Enttäuschungen angesichts wachsender sozialer Ungleichheiten, Gefühle der Fremdbestimmtheit sowie der eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten, die in der Kritik an dem eingeschlagenen Transformationspfad artikuliert werden. Ist das neue "Wir-Gefühl" der Ostdeutschen, das seit Mitte der 1990er Jahre in Sozialwissenschaften, Medien und Politik reflektiert wird, lediglich Ausdruck dieser kollektiven Enttäuschungserfahrung? Aus welchem Stoff ist "Ostdeutschland" als kollektives Identitätskonstrukt gemacht?

Aus der Akzeptanz schlechterer Lebensbedingungen resultiert auch die Behauptung einer Eigenständigkeit. Bücher wie Wolfgang Englers "Die Ostdeutschen als Avantgarde" sind Versuche, Widerständigkeit, Eigensinn und Innovation dort zu identifizieren, wo andere "Duldungsstarre" attestieren (Alexander Thumfart). Ostdeutschland als kulturelles Konstrukt ist Ausdruck dieser Differenz, der erlebten Ungleichheit und der behaupteten Eigenständigkeit. Insofern artikulieren sich in der Rede über Ostdeutschland Erfahrungen des Umgangs mit den Krisen, Verwerfungen und Enttäuschungen, welche die Jahre der Transformation mit sich gebracht haben. Diesem symbolischen Bezugssystem, so Ina Dietzsch, liege aber nicht so sehr eine stereotype Unterscheidung zwischen Ost und West zu Grunde: Ostdeutschland "hat sich zum einen als flexibel genug erwiesen, um die Teilhabe an der gesamtdeutschen Nation (und ihrem Wohlstand) einzufordern. Zum anderen ist es inhaltlich vielseitig genug geworden, um den transitorischen Lebenssituationen im gesellschaftlichen Wandel gerecht zu werden." Immer neue Deutungen wurden in diesen "Erfindungsdiskurs" eingebracht und haben zu einer Pluralisierung beigetragen.[4] Insofern erfasst das kulturelle Konstrukt "Ostdeutschland" ganz unterschiedliche Erfahrungen mit der Integration in die neue Gesellschaft.

Ina Dietzsch betont, dass es der "89er Generation" gerade nicht um die Konstruktion einer historischen Kontinuität gehe. Vielmehr sei "ostdeutsch der Name für Erfahrungen in einem Zwischenraum, der sich aus dem Verschwinden der DDR und dem Nicht-Ankommen im vereinten Deutschland ergibt". Der Begriff der "Zone" bei Jana Hensel hat ähnliche Konnotationen.[5] Ist ostdeutsch also eher Ausdruck einer hybriden Konstellation? Mit der Erweiterung der Bundesrepublik auf das ehemalige Territorium der DDR haben sich die mit dem physischen Raum Ostdeutschland verbundenen kulturellen Konnotationen abgelöst und führen als Konglomerat von Vorstellungen und Interpretationen ein Eigenleben. "Ostdeutsch" meint für die einen nostalgischer Rückbezug angesichts transformationsbedingter Unsicherheiten und Ungewissheiten; für andere ist es Ausdruck besonderer Risikobereitschaft und Kreativität. Insofern hat das kulturelle Konstrukt die soziale Realität einer stark sozial differenzierten, ehemals aber eher homogenen, "arbeiterlichen" Gesellschaft zum Hintergrund.

Neue Heimat

Mit der Wiedervereinigung wurde das in 14 Bezirke gegliederte Raumgefüge der DDR aufgelöst, und an dessen Stelle wurden fünf neue Bundesländer gegründet. In welcher Beziehung steht das weniger am Raum denn an ideellen und normativen Bezügen ausgerichtete Konstrukt "Ostdeutschland" zu regionalen Bezügen? Können Regionen die "Kompetenz zur Kompensation der Begleiterscheinungen von Modernisierungs- und Globalisierungsprozessen in Form sichernder Sinnvermittelung und affektiv bindender Beheimatung" übernehmen?[6] Und damit Ostdeutschland als Bezugssystem relativieren?

Wolfgang Luutz hat eindrucksvoll gezeigt, dass das "Projekt Sachsen" auch ein Versuch war, zwischen Regionalisierung und Nationalisierung zu vermitteln und zugleich Sachsen für Europa "fit" zu machen. Mit der Anrufung der großen Geschichte des ältesten deutschen Freistaates wurden Zukunftsprojektionen entworfen: Sachsen solle seinen angestammten Platz unter den deutschen Regionen wieder einnehmen, als Raum geistig-kultureller Reichtümer und ingenieur-technischer Innovationen. Diese ruhmreiche Vergangenheit sei durch zwei Diktaturen lediglich unterbrochen worden. Regionales bzw. sächsisches Selbstbewusstsein sei nur zu haben, wenn sich die Bevölkerung von der verhängnisvollen Verstrickung mit der DDR-Geschichte löse. Zugleich wird Sachsen als "Land der Erfinder und Tüftler", als Modellraum präsentiert, der neue Wege beschreite.[7]

Regionen haben als räumliche Bezugsrahmen staatlicher Ordnungspolitik in der DDR kaum eine Rolle gespielt. Die Gliederung in Bezirke folgte administrativen Beweggründen wie ökonomische Zusammengehörigkeit und infrastrukturelle Erschließbarkeit. Überlieferte Regionalisierungen wurden in den Hintergrund gedrängt. Gleichwohl weisen alltagskulturelle und karikaturistische Zuschreibungen von "Fischköpfen" und "Sachsen", deren Differenzen nicht nur auf Fußballplätzen ausgetragen wurden, darauf hin, dass auch in der DDR ein Regionalbewusstsein existierte. Umso mehr sind Regionalisierungen in Ostdeutschland als sich aus vielfältigen Ebenen zusammengefügte Verräumlichungen sozialen Handelns zu betrachten. Matthias Middell identifiziert neben der lokal-lebensweltlichen Ebene der Bundesländer eine auf Ostdeutschland bezogene Ebene des Regionalisierens, die wiederum "Verbindungen mit nationalisierenden und transnationalisierenden Perspektiven" eingeht.[8]

Gleichwohl stellen Regionalforscher fest, dass mit zunehmender Binnendifferenzierung in West- wie Ostdeutschland auch die für das ostdeutsche Regionalbewusstsein charakteristische Abgrenzung zum Westen mehr und mehr zurücktritt: "Ostdeutsches Regionalbewusstsein", so Wolfgang Bergem, unterscheide sich vom westdeutschen gerade dahingehend, "dass die Identifikation mit der eigenen Region die Selbstverortung als Gesellschaft der ehemaligen DDR, die Identität vor allem in der Abgrenzung und Negation von etwas Anderem, von Westdeutschland begründet, in den Hintergrund rücken lässt". Bergem behauptet, regionale Identität in Ostdeutschland ermögliche zwar eine Unterscheidung zum Westen, aber diese beziehe sich nicht mehr auf die gemeinsame Geschichte der Ostdeutschen. Vielmehr entstehe die paradoxe Situation, dass die "Hinwendung zu regionalen, also subnationalen Identitäten" die Ost-West-Differenz relativiert und diese territorial orientierte Pluralisierung und Differenzierung die nationale, politisch-kulturelle Integration in die Berliner Republik fördert. "Hybridität, Melange und Transkulturalität" sind für ihn "Schlüsselkategorien zum Verständnis der komplexen Situation kollektiver Identitäten in Ostdeutschland (...). In diesem Amalgam verbinden sich das Empfinden regionaler Zugehörigkeit, der aus dem kulturellen Gedächtnis rekonstruierte Erinnerungs- und Erzählzusammenhang DDR, das Bewusstsein der Staatsbürgerschaft im Nationalstaat Deutschland und die noch wachsende Selbstwahrnehmung als Europäer."[9]

Aufschlussreich ist eine Studie über Veränderungen in den regionalen Identifikationen in Sachsen. Am Beispiel von Einwohnern Leipzigs und des mittleren Erzgebirges geht die Dissertation von Jan Skrobanek der räumlichen Identifikation an beiden Orten nach. Dabei zeigt sich, dass die Identifikation mit der Region wesentlich höher ist als die zur Nation oder gar zu Europa. Skrobanek arbeitet mit Unterscheidungen zwischen Alterskohorten und Qualifikationen und stellt fest, dass mit zunehmendem Alter die Identifikation mit der Region, also mit Sachsen, steigt, während das Zugehörigkeitsgefühl zu Europa eher gering ausfällt. Das Gefühl, Ostdeutscher zu sein, stellt sich als generationenübergreifendes Phänomen heraus. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass bei niedrigen Bildungsabschlüssen der Befragten die Identifikation mit der Region am höchsten ist, während bei höheren Abschlüssen transnationale Bezüge bzw. Orientierungen am ausgeübten Beruf vermehrt in den Vordergrund treten.

Bei eingeschränktem Handlungsspielraum ist der Radius alltäglichen sozialräumlichen Handelns der Nahbereich. Demgegenüber stehen Akademikern sowie kulturellen und politischen Eliten andere Optionen zur Identifikation zur Verfügung, der regionale Bezug fällt gering aus. Dennoch erweist sich der Bezug zu Ostdeutschland gegenüber der nationalen und europäischen Ebene generell als bedeutsamer. Es scheint, als ob Ostdeutschland, eine politisch-administrativ völlig irrelevante Ebene, eine vermittelnde Funktion zwischen Regionalisierung und Nationalisierung einnimmt.[10] Wenn mit der Ausdifferenzierung des Sozialraumes Ostdeutschland auch veränderte sozialräumliche Identifikationen verkoppelt sind, so ist das kein konfliktloser Prozess. Denn gerade für diejenigen mit geringeren Mobilitätsoptionen und Lebenschancen stellt sich der Nahbereich, das Lokale bzw. Regionale, auch als "Falle" dar.

Franziska Beckers Studie über Görlitz im Stadium der Bewerbung als Kulturhauptstadt Europas 2010 beschreibt ein "konfliktreiches Aushandlungsfeld von konfligierenden Identitätskonstellationen". Zwischen den "Zugezogenen" wie neuen Dienstleistern, Akademikern, politischen Eliten und Touristen, die im Aufwertungsprozess der Stadt als Kulturhauptstadt Chancen und Entwicklungspotentiale vermuten, und den "Dagebliebenen", die trotzig die lokale Verwurzelung verteidigen, bewegen sich die Ortsbezüge in Görlitz.[11] Ähnliche Beobachtungen macht Jörg Dürrschmidt in der deutsch-polnischen Grenzstadt Guben/Gubin. Ambivalente Formen der "Sässigkeit" sind zu besichtigen, die durch die Konfrontation mit Transformationsgewinnern auf polnischer Seite auf besondere Weise ins Schwingen geraten. "Sich einrichten" heißt hier vor allem Totalrückzug, eine Haltung, die an eingeübte Verhaltensmuster der "Nischengesellschaft Ost" anknüpfen kann.[12] Was Dürrschmidt als Modus der "Sässigkeit" für die Dagebliebenen herausarbeitet, das Insistieren auf einen Ort der Unveränderlichkeit und Normalität in einem Kontext, der durch das Aufbrechen von Bezugsrahmen und Soziallandschaften, durch neue soziale Differenzierungen und mobilisierte Verortungen gekennzeichnet ist, scheint von ambivalenten kollektiven Identitätskonstruktionen begleitet zu sein. Das Gubener Beispiel ließe sich, um den Begriff von Manuel Castells zu bemühen, als defensive space beschreiben: Räume, die von denen errichtet werden, die vom Leben in einer sich beschleunigenden postindustriellen Gesellschaft mehr und mehr ausgeschlossen werden.[13]

Ulf Matthiesen hat diese ambivalenten Muster der "Neuverortung" im Zuge des Transformationsprozesses auf die anthropologischen Koordinaten des Eigenen und des Fremdem zurückgeführt. Gesellschaftliche Umbrüche wie die in Ostdeutschland hätten diese Koordinaten menschlichen Handelns gründlich durcheinandergebracht. Was als "Eigenes" galt, erfährt eine massive Umdeutung im Zuge der Abwertung, mit der viele Orte konfrontiert sind, während das "Fremde", ob auf der Ebene international agierender Unternehmen, westdeutscher Berater oder Migranten, als Bedrohung wahrgenommen wird. Am Beispiel des Verflechtungsraums Berlin-Brandenburg beobachtet er Hybridformen: Rekodierungen des Eigenen und Fremden, Lokalen und Translokalen als Versuche, die Irritationen zwischen Fremdheit und Nähe neu auszutarieren. "Unter dem starken Transformations- und Globalisierungsdruck", so Matthiesen, "werden Naherfahrungen offenkundig strukturell besonders prekär. Umso dringender bedürfen sie der Rekodierung bzw. eines spezifischen re-embedding. Zugleich wird der Einbruch von unberechenbaren Fremdheitserfahrungen zum chronisch erwarteten Erfahrungshintergrund."[14] So stellt sich die Ankunft in den Regionen Ostdeutschlands als schwieriges Terrain dar, ist die "Neue Heimat" vor allem eines: unsicher und umkämpft.

Migrant Ostdeutschland - eine Ressource?

Die Selbstethnisierung, die Neuerfindung der eigenen Kultur im Kontext der neuen Gesellschaft, ist allerdings nicht so zu verstehen, dass sich diese mit erfolgreicher Integration im Ankunftsland in der Mehrheitsgesellschaft aufzulösen beginnt. In der Migrationsforschung ist der Begriff der imagined community eingeführt worden, um die Netzwerkbeziehungen von Einwanderern zu beschreiben, die sie mit ihrem Herkunftsland unterhalten. Heute sind neue mobile Migrationsmuster zu beobachten, die es Migrantinnen und Migranten erlauben, mit spezifischen Netzwerkstrategien trotz fehlender staatlicher Fürsorge erfolgreich auf dem Arbeitsmarkt zu agieren und auf diese Weise die fehlende Unterstützung der Ankunftsgesellschaft zu kompensieren. Beim Pendeln zwischen Staaten werden die Netzwerkmitglieder so platziert, dass sie die Optionsstrukturen dieser Länder nutzen können. Ein neues "mobiles Migrationsmuster" ist im Entstehen, das weder durch dauernde Mobilität noch durch dauernde Sesshaftigkeit charakterisiert ist und räumlich erweiterte Migrantenfamilien hervorbringt.[15]

Was hat das mit den Ostdeutschen zu tun? Hat die im Zuge der Selbstethnisierung einsetzende Identifikation als Gruppe auch die entsprechenden Netzwerke hervorgebracht, die sie unabhängiger werden ließen von den Integrationsangeboten der Aufnahmegesellschaft? Ostdeutschland, wo nach 1990 ein kompletter Institutionentransfer stattfand, wurde bescheinigt, dass hier die Ausprägung eigener Institutionen und Netzwerke auf Grund der kompletten Übernahme kaum eine Chance hatte. Zugleich zeichnen sich aber seit Mitte der 1990er Jahre mit dem allmählichen Rückzug der Transferleistungen neue Tendenzen ab: Der Rückgriff auf Routinen und Praktiken, die der alten Wirtschaftskultur entstammen, hat innovative Lernprozesse in ostdeutschen Regionen und Städten vorangetrieben. Der Blick auf die Umbrüche in Ostdeutschland zeigt, dass diese nicht auf eine "Logik der Anpassung, Adaption und damit aufbrechende Konflikte zu reduzieren" sind: "Neben einem solchen dominierenden Modus war und ist ebenso eine Reihe offener Such- und Lernprozesse zu verzeichnen - institutionelle Persistenzen, hybride Misch- und Übergangsformen, sektorale Erfolgsgeschichten ostdeutscher Organisationen und Akteure usw."[16]

Als Beispiel für solche hybriden Übergangsformen wird ein besonderer ostdeutscher Managertyp identifiziert, der zwar die Mechanismen der Marktwirtschaft begrüßt, gleichwohl in seinem Organisationshandeln eher familienähnliche Sozialbeziehungen im Unternehmen bevorzugt, bei denen Gemeinschaftsgeist, Vertrauen und persönlicher Kontakt zentrale Rollen spielen. Der allmählich sichtbare Erfolg der im Wesentlichen aus klein- und mittelständischen Betrieben bestehenden ostdeutschen Wirtschaftstruktur wird oft auf ihre Flexibilität und Risikobereitschaft nach 1989/90 zurückgeführt. Karrieren waren von hohen Risiken und Fehlschlägen begleitet: "Wir waren am Anfang vier Bekloppte, die sich gesagt haben: Man kann doch das, was man in vier Jahrzehnten aufgebaut hat, nicht aufgeben." Ein Dessauer Unternehmer: "Da haben wir auf Erfahrungen aufgesattelt, auf dem Know-how der Menschen, die hier leben." Er gehört zu jener Generation von Akteuren, die Michael Hofmann dem "effizienz- und technikorientierten Typus des sozialistischen Managers" zuordnet, die vor allem in den Betrieben und Wirtschaftsleitungen beschäftigt waren.[17]

Gerade sie haben die Bewährungsprobe des Umbruchs gut bewältigt und gehören zu den wichtigsten Akteuren der Umstrukturierung der ehemaligen DDR-Industrie. Für Angehörige dieser Gruppe hatte die "Wende" durchaus etwas Befreiendes, so der Geschäftsführer der aus dem Geist der Polysius-Werke in Dessau entstandenen Zemat GmbH: "Es gibt in Dessau so einen Unternehmergeist, der ist rübergeschwappt aus der Geschichte. Es ist doch gut, dass man nicht mehr so eingezwängt ist, es gibt doch viele hier, die etwas unternommen haben."[18] Hinzu kommt, dass diese Akteure auf weit reichende informelle und personengestützte Vertrauensbeziehungen zurückgreifen können. Für die Handlungsmuster lassen sich Parallelen zu "Migrantenökonomien" herstellen: informelle und durch Familiarität geprägte soziale Beziehungen, Vertrauen in persönliche Kontakte und Netzwerke und eine gewisse Reserve gegenüber großen Institutionen. Vergleichbar mit migrantischen Wirtschaftskulturen konnten diese Akteure mit ausgeprägtem Pioniergeist zum Teil erfolgreich die mangelnde Integration in die Umgebungsgesellschaft ausgleichen.

Eine weitere Parallele bietet sich an. Insbesondere in den Metropolen stellen migrantische Kulturen mittlerweile eine wichtige Ressource für Diversivität und Kreativität dar. Selbst in Berlin erfuhren ethnische Ökonomien eine Aufwertung: So hob der Zwischenbericht der Enquete Kommission zur Zukunft Berlins 2006 die innovativen Potentiale "der Multikulti-Schattenwirtschaft" in den Stadtteilen hervor.[19] Ulf Hannerz hat herausgearbeitet, dass der Markt ein wichtiger Mechanismus der Übertragung bzw. Übersetzung im Kontext globalisierter Kulturproduktion ist.[20] Ethnische Kulturen von Little India bis China Town werden marktförmig und auf diese Weise konsumierbar gemacht.

Auch "Ostdeutschland" ist durch unterschiedliche Formate in den vergangenen zwanzig Jahren zu einem vermarktbaren Produkt geworden, das sich nicht nur an die Zielgruppe in den neuen Bundesländern richtet. Neben Reeditionen ehemaliger DDR-Labels von "Caro" bis zur "Schlagersüßtafel" von "Zetti" und ostdeutschen Souvenirs liefern auch Fernsehfilme und Magazine immer wieder neue Versionen eines Ostdeutschlands, das sich gut verkaufen lässt. Ostdeutsch ist eine kulturelle Ressource auf dem nach Innovationen heischenden Markt geworden.

Ähnlich den ethnischen Ökonomien kommen hier weder die Entstehungsbedingungen noch die dahinter liegenden konfliktreichen Realitäten zur Sprache - das gehört zum Mechanismus der Umkodierung ethnischer Kulturen in die kulturelle Form der Konsumierbarkeit. So ist auch - und das kritisieren mittlerweile viele Kulturproduzenten - das DDR-Bild der Medien merkwürdig homogen und lässt kaum Zwischentöne zu. Gleichwohl schafft der Markt eine Transfer- und Übersetzungsleistung, auch wenn dabei die DDR im wahrsten Sinne des Wortes besser verdaulich wird.

Hotel Deutschland

Der Begriff des "Hotels" wird aufgegriffen, um die unterschiedlichen Formen des Ankommens, Bleibens und Gehens in transnationalisierten Metropolen zu beschreiben, und vielleicht hat er auch eine gewisse Relevanz für das wiedervereinigte Deutschland. Mit der Feststellung vom "Noch nicht angekommen" sind Vorstellungen verbunden, die davon ausgehen, Integration sei erst dann möglich, wenn die mit Ostdeutschland verbundenen Erfahrungen, Erinnerungen und Wertmuster zurückgelassen werden. Doch im Zuge der Transformation hat sich das einst mit einem bestimmten Territorium und mit bestimmten politischen Strukturen assoziierte Gebilde "Ostdeutschland" abgelöst und führt als hybrides Konglomerat von Wertvorstellungen, Erfahrungen, Bildern und Erinnerungen ein Eigenleben, das weniger auf eine DDR verweist, in die man sich zurücksehnt, als vielmehr auf einen Schwebezustand: weder Herkunft noch Ankunft.

Von den Migranten ließe sich für das Selbstverständnis des wiedervereinigten Deutschlands lernen: Dieser "Transit" muss nicht als problematischer Zustand, der zu überwinden ist, bewertet werden, sondern vielmehr als Ressource, welche die Gesellschaft erweitert und bereichert.

Fußnoten

1.
Berliner Zeitung vom 21.1. 2009, in: www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/20 (3.5. 2009).
2.
Vgl. Toralf Staud, Die ostdeutschen Immigranten, in: Tanja Busse/Tobias Dürr (Hrsg.), Das Neue Deutschland. Zukunft als Chance, Berlin 2003, S. 269ff.
3.
Andreas Pickel, Die Entdeckung der Kultur und die Zukunft der Transformationsforschung, in: Berliner Debatte Initial, 15 (2004) 5/6, S. 69.
4.
Vgl. Ina Dietzsch, Die Erfindung der Ostdeutschen, in: Eva Schäfer et al. (Hrsg.), Irritation Ostdeutschland, Münster 2005, S. 95.
5.
Ebd., S. 97; Jana Hensel, Zonenkinder, Reinbek 2002.
6.
Wolfgang Bergem, Kultur als Identitätsgenerator in ostdeutschen Regionen, in: Walter Reese-Schäfer (Hrsg.), Identität und Interesse: Der Diskurs in der Identitätsforschung, Opladen 1999, S. 198.
7.
Vgl. Wolfgang Luutz, Region als Programm: Zur Konstruktion sächsischer Identität im politischen Diskurs, Baden-Baden 2002, S. 85.
8.
Matthias Middell, Regionalisieren ohne Regionalismus, in: Ina Dietzsch/Kristina Bauer-Volke (Hrsg.), Labor Ostdeutschland, Berlin 2003, S. 276.
9.
W. Bergem (Anm. 6), S. 199.
10.
Vgl. Jan Skrobanek, Regionale Identifikation, negative Stereotypisierung und Eigengruppenbevorzugung - Das Beispiel Sachsen. Diss., Leipzig 2002, S. 159ff.
11.
Vgl. Franziska Becker, Die Grenzstadt als Laboratorium der Europäisierung, in: Martina Löw/Helmut Berking (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Städte, Baden-Baden 2005, S. 96ff.
12.
Vgl. Jörg Dürrschmidt/Anna Zinserling, Fallanalysen zum Verhältnis von Transformationspfaden und Formen der Sässigkeit in der polnischen Eurocity Guben/Gubin (Arbeitsmaterialien IV, Projekt Schrumpfende Städte), Berlin 2004, S. 35.
13.
Vgl. Manuell Castells, The Rise of the Network Society, Oxford 1996, S. 402.
14.
Ulf Matthiesen, Fremdes und Eigenes am Metropolenrand: Postsozialistische Hybridbildungen in den Verflechtungsmilieus von Berlin und Brandenburg, in: ders. (Hrsg.), An den Rändern der deutschen Hauptstadt, Opladen 2002, S. 342.
15.
Vgl. Ingrid Oswald, Neue Migrationsmuster - Flucht aus oder in "Überflüssigkeit"?, in: Berliner Debatte Initial, 15 (2004) 2, S. 65.
16.
Michael Thomas, Umbruch: Gestaltungsherausforderungen und Akteure, in: Berliner Debatte Initial, (2008) 3, S. 8.
17.
Vgl. Michael Hofmann, Sozialkulturelle Milieus einer Industriegesellschaft in Bewegung, in: I. Dietzsch/K. Bauer-Volke (Anm. 8), S. 148.
18.
Mitschrift Podiumsdiskussion, Dessau, 6.2. 2009.
19.
Vgl. Alexa Färber, Vom Kommen Bleiben Gehen, in: dies., Hotel Berlin. Formen urbaner Mobilität und Verortung. Berliner Blätter. Ethnografische und Ethnologische Beiträge, 37 (2005), S. 15.
20.
Vgl. Ulf Hannerz, Transnational Connections, London - New York 1996.

Regina Bittner

Zur Person

Regina Bittner

Geb. 1962; Kulturwissenschaftlerin, Leiterin des Internationalen Bauhaus Kollegs an der Stiftung Bauhaus Dessau und deren stellvertretende Direktorin, Gropiusallee 38, 06846 Dessau.
E-Mail: bittner@bauhaus-dessau.de


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