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12.6.2009

Lernen, mit Geld umzugehen

Für die erfolgreiche Vermittlung der Kompetenzen des Umganges mit Ged genügen informelle Bildungsprozesse nicht. Ein Schulfach oder Lernfeld in allen Schulformen ist notwendig.

Einleitung

Wozu und was lernen, um mit Geld umzugehen? Geld an sich hat heute kaum einen Wert; der Materialwert ist gering. Sein Wert besteht in seiner Funktion als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel. Denn Geld verbrieft Ansprüche auf die Güter des Sozialprodukts und dient in dieser Funktion der eigenen Verwendung sowie derÜbertragung von Kaufkraft zur Begleichung von Verpflichtungen und zur Gabe von Geldgeschenken. Geld ist damit nicht nur ein Indikator für die Fähigkeit der Beschaffung von Marktgütern, sondern - davon abgeleitet - auch von Einkommen und damit zugleich ein Maßstab für die Bewertung von Leistungen, Investitionen, Berufspositionen, Macht: Deshalb ist es ein besonderes Objekt der Begierde, im Extrem sogar eine "heimliche Religion" - wie der Soziologe Christoph Deutschmann es formuliert.






Zu wenig Kompetenz im Umgang mit Geld ist ebenso ungut wie zu viel davon: wenn, wie in jüngerer Vergangenheit, von der Realwirtschaft abgehoben agiert wird. Das belegen Untersuchungen über die Gründe ungeplanter Ver- und Überschuldung einerseits sowie spektakuläre Fälle und allgemeine Auswirkungen der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise andererseits. Um eine quasi religiöse Überbewertung von Geld, um hemmungslose Einkommensmaximierung an der Steuerpflicht vorbei und damit gekauftes Ansehen darf es nicht gehen, wenn die Fähigkeit des Umgangs mit Geld erworben werden soll. Vielmehr muss gelernt werden, Geld als ein Mittel neben anderen für die Alltags- und Lebensgestaltung nutzen zu können. Dieses Lernziel ist heute nicht mehr nur eine Herausforderung im Bemühen um Angehörige bildungsfernerer Schichten, sondern es betrifft - bedingt durch den rasanten Wandel der Ökonomie des Alltags - fast alle Menschen.[1]

Angesichts der Überfülle und der teils aggressiven Bewerbung des Güterangebots ist die Selbstkontrolle der Bedürfnisse schwierig. Das gilt auch für die Abstimmung zwischen Kaufkraft und Kaufaktivität. Die steigende Komplexität der produzierten Güter und die Virtualisierung der Marktbeziehungen wirken zusätzlich erschwerend. Das alles gilt neuerdings auch für Finanzdienstleistungen, was etwa in der Rede von der "Bank als Kreditfabrik" und dem "Kreieren von Zertifikaten" für spekulative Geldanlagen zum Ausdruck kommt.[2] Die Erweiterung des kommerziellen Dienstleistungssektors durch Deregulierung von Märkten und die Privatisierung vormals öffentlicher Versorgungsbereiche verschärft die Situation für alle. Die Optionen und damit auch die Entscheidungsmöglichkeiten und -zwänge, ob, wie und zu welchem Preis die Sach- oder Dienstleistung beschafft werden kann, stellen Normalbürger und -bürgerinnen vor Fragen, wie sie nach herkömmlichem Verständnis in Unternehmen zu klären sind: Bahnfahrkarten, Strom- oder Gastarife und Telefonverträge auszuwählen, ist schwierig geworden. Noch schwieriger sind Entscheidungen für oder gegen Studienkredite, Bausparverträge und Altersvorsorgeprodukte. Ergebnisse der empirischen Verhaltensforschung zeigen, dass ökonomisch rationales Handeln, wenn es nicht gelernt werden konnte, eher die Ausnahme als die Regel ist.

Lernen, mit Geld umzugehen, soll dazu befähigen, Geld in seiner medialen Funktion als Zahlungsmittel, als Wertmaßstab für Marktgüter und als Wertaufbewahrungsmittel für die erfolgreiche Gestaltung der persönlichen Alltags- und Lebensökonomie zu nutzen. Dabei ist Geld nicht nur im Sinn von Bargeld gemeint, sondern eingeschlossen sind die geldähnlichen Schuldverhältnisse und Finanzdienstleistungen, wie Bürgschaften, Kredite und Vermögensanlageprodukte. Dieser Umgang mit Geld wird den privaten Haushalten und Familien zugeordnet. Hierunter können auch kleine, mit dem Haushalt verbundene Unternehmen fallen, so dass Investitionen für die eigene Unternehmenstätigkeit in Betracht zu ziehen sind.[3] Es geht dabei aber nicht nur darum, mit Geld und Finanzdienstleistungen die unmittelbar eigene Position zu sichern oder zu verbessern, sondern zugleich darum, als Konsumbürger und -bürgerin in sozialer und ökologischer Verantwortung zu handeln. Richtiger Umgang mit Geld hat folglich nicht nur eine ökonomisch-finanztechnische, sondern auch eine ethische und moralische Dimension.

Lernen, mit Geld umzugehen, heißt also eigentlich: lernen, mit seinen Bedürfnissen umzugehen, sich als Akteur und Ressource zu begreifen und umfassende wirtschaftliche Handlungskompetenz in persönlicher und sozialer Verantwortung zu erlangen. Und weil der Umgang mit Geld weder genetisch programmiert noch trivial ist, muss er erlernt werden.[4] Dies geschieht in informellen und in formalen Bildungsprozessen.

Informelles Lernen, mit Geld umzugehen

Lernen wird in der Psychologie als ein Prozess der sinnlichen Aufnahme und mentalen Verarbeitung von Informationen erklärt: Das Individuum setzt sich - teils von innen angeregt, teils von außen geleitet - mehr oder weniger bewusst mit sich und seiner Umwelt auseinander und baut auf der Basis einer gegebenen körperlichen und geistigen Anfangsausstattung zunächst unmittelbar erfahrungsbasierte und später auch überlieferte Bestände an Eindrücken, Einsichten, Erklärungen, Orientierungen, Bestrebungen und Handlungsmustern auf. Dieser Prozess wird mit zunehmendem Alter tendenziell bewusster, also kognitiv angereichert und eigenständig gesteuert.[5] Das Lernen, mit Geld umzugehen, beginnt (indirekt) bereits beim Säugling und Kleinkind. Denn es geht nicht um Geld an sich, sondern um dessen mediale Rolle für die Bedürfnisbefriedigung. In diesem Sinn beginnt die "finanzielle Bildung" in der Familie, in der das Kind aufwächst, lange bevor es weiß, dass es Geld gibt, woher es kommt und welche Funktionen es übernehmen soll.

Bei Säuglingen und Kleinkindern überwiegt naturgemäß ein stark reizabhängiger Wissenserwerb, der auf die Befriedigung der elementaren Lebensbedürfnisse gerichtet ist: Nahrung, Wärme, Geborgenheit. Das Kind lernt über einen fast mechanischen Reiz-Reaktions-Zusammenhang, wie es seine Bedürfnisse befriedigen, also Defizit- oder Knappheitsempfindungen überwinden kann.[6] Hat er Hunger, schreit der Säugling, dann kommt die Mutter. Später lernt das Kleinkind, dass Schreien nicht immer zum Erfolg führt. Es entwickelt Verhaltensweisen, die sich spontan ergeben oder von anderen abgeschaut worden sind, quasi experimentell erprobt werden und als Handlungsmuster gespeichert bleiben, wenn sie sich als erfolgreich erwiesen haben, oft auch dann noch, wenn sie überholt sind. Das Kind lernt auf diese Weise, sich zielgerichtet zu verhalten, denn es möchte Lust empfinden und Schmerz vermeiden. Säuglinge und Kleinkinder lernen durch Handeln und verstehen durch erfolgreiches Tun. Aber die emotionalen Elemente im frühen Lernprozess sind fundamental, weil von der ersten Minute des Lebens an Informationen aufgenommen und Wahrnehmungsstrukturen aufgebaut werden. Dieser emotionale Wissenserwerb kanalisiert vermutlich die späteren kognitiven Bildungsprozesse.

Für die frühe Sozialisation im Umgang mit Geld sind die Eltern zwar eine sehr wichtige, aber nicht die einzige Instanz. Daneben spielen die Verwandtschaft, die Medien, insbesondere das Fernsehen und der Freundeskreis eine große Rolle. Sowohl die elterliche und die sonstige Gelderziehung als auch die kindliche Aufnahme von Informationen über Geld geschieht teils bewusst, teils unbewusst; und nur ein Teil der finanziellen Geschehnisse sind der kindlichen Wahrnehmung zugänglich.[7] Ältere Kinder lernen den Umgang mit Geld vor allem durch Beobachtung der Eltern und der älteren Geschwister, durch Zuhören bei Gesprächen über Geld und Wirtschaft, durch Empfang von Taschengeld und Geldgeschenken, durch eigenen Umgang mit Geld und durch soziale Vermittlung im näheren Umfeld. Die regelmäßige Gabe von selbst zu verwaltendem Taschengeld gilt als positiv für die Sozialisation im Umgang mit Geld. Zu viel und zu wenig an Taschengeld kann, muss aber nicht gleichermaßen schlecht sein.

Zu den Eindrücken und Erfahrungen gehört etwa der Streit der Eltern über Geld, die Zuschreibung symbolischer Bedeutungen, wie Macht und Reichtum, die Gabe von Geld als Belohnung und das Einbehalten von Taschengeld als Bestrafung, das Führen eines Haushaltsbuchs, das Bezahlen von Rechnungen, das Reklamationsverhalten und der mehr oder weniger reibungslose regelmäßige Geldzugang bzw. die Verfügbarkeit für die Lebenshaltung. Verborgen bleibt zunächst alles, was nicht gesehen werden kann oder nicht angesprochen wird, wie der bargeldlose Zahlungsverkehr, die Kreditgutschrift auf dem Bankkonto, die Vermögensbildung für die Alterssicherung, die Haben- und Sollzinsen für Guthaben und Schulden, das überzogene Konto oder gar der Mahnbescheid.

Auf den Bestand an erworbenem Wissen in der frühen Kindheit baut eine wirtschaftliche und finanzielle Bildung im höheren Kindes- und Jugendalter auf. Zunehmend durchdringen und beeinflussen sich dann informelle und formale Bildungsprozesse im Umgang mit Geld wechselseitig.

Schulfächer für wirtschaftliche und finanzielle Bildung

Gegenwärtig gibt es in Deutschland kein Fach und keinen Fächerverbund, in dem eine wirtschaftliche und finanzielle Bildung für alle Schülerinnen und Schüler in allgemein bildenden Schulen durchgehend von der Grundschule bis zum jeweiligen Schulabschluss vermittelt werden könnte. In der Grundschule (Primarstufe) werden wirtschaftliche Themen nur aspekthaft vor allem im Sachunterricht behandelt. In fast allen Bundesländern sind in den Lehrplänen für Grundschulen Themen rund um das Taschengeld verankert, aber über die Durchführung des Unterrichts gibt es kaum gesicherte Erkenntnisse. Etwas anders stellt sich dies in den weiterführenden Schulen dar, wobei zwischen Bundesland, Schulform und Schulstufe zu differenzieren ist.[8]

Die Situation in den Oberschulen (Sekundarstufen) lässt sich kurz wie folgt beschreiben:[9] Wirtschaftliche Inhalte finden sich in der Regel in sozialwissenschaftlichen oder inwirtschaftlich-technischen Integrationsfächern und häufig nur im Wahlbereich. Das Fach Arbeitslehre bzw. Arbeit-Wirtschaft-Technik ist auf die Gegenstandsbereiche Beruf, Haushalt, Wirtschaft, Technik bezogen. Es ist aber nur in der Hauptschule (Sekundarstufe I) als vorrangig berufsorientierender Unterricht in allen Bundesländern verpflichtend und wird entweder als Fach oder in einem kooperativen Fächerverbund - mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung, insbesondere auf Technik, Wirtschaft oder Hauswirtschaft - angeboten. In der Realschule, der Gesamtschule und im Gymnasium (Sekundarstufen I und II) werden in vielen Bundesländern wirtschaftliche Inhalte vor allem im Fach Sozialkunde bzw. Gemeinschaftskunde, Sozialwissenschaften, Politik oder Politik-Wirtschaft gelehrt. Selten sind Fächer schwerpunktmäßig auf wirtschaftliche Phänomene bezogen, wie in Bayern und Thüringen das Fach Wirtschaft und Recht; und ebenso selten gibt es entsprechende Wahlpflichtmöglichkeiten in Realschulen oder Gymnasien am Ende der Sekundarstufe I in den übrigen Bundesländern.

Insgesamt häufig genannte ökonomisch bedeutsame Inhaltsfelder in Lehrplänen, ähnlichen Dokumenten und Schulbüchern sind (1) Haushalt und Konsum, (2) Berufsorientierung, Erwerbsarbeit und Unternehmen, (3) Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspolitik sowie (4) Internationale Wirtschaftsbeziehungen. Die Schwerpunktsetzung und Ausformung hängt stark davon ab, ob die Inhalte in wirtschaftlich-technische oder in sozialwissenschaftliche Fächer eingebettet sind. Tendenziell findet sich eine mehr einzelwirtschaftliche Ausrichtung (Konsum, Haushalt, Berufsorientierung, Erwerbsarbeit, Unternehmen) in den wirtschaftlich-technischen und eine stärker gesamtwirtschaftliche Orientierung (Wirtschaftsordnung, Wirtschaftspolitik, Internationale Wirtschaftsbeziehungen) in den sozialwissenschaftlichen Fächern.

Die auf Wirtschaft und Geld bezogenen Inhalte der genannten Fächer stammen vor allem aus der Betriebs- und Volkswirtschaftslehre. Die betriebswirtschaftliche Betrachtungsweise ist allerdings vorrangig auf industrielle Unternehmen ausgerichtet, und die volkswirtschaftlichen Themen sind gesamtwirtschaftlich orientiert. Dies gilt auch für die mikroökonomische Behandlung von Haushalten und Unternehmen, die - fachsystematisch korrekt - in erster Linie der Darstellung der Marktwirtschaft dient und sich weitgehend von der Perspektive der handelnden Haushaltsmitglieder als den basalen Akteuren in Wirtschaft und Gesellschaft gelöst hat. Um die Lücke zu schließen, werden ergänzende Materialien zur finanziellen Bildung entwickelt, die je nach Neigung, Kompetenz und Zeitbudget der Lehrkraft im Unterricht eingesetzt oder nicht eingesetzt werden.[10]

Programme und Projekte für Finanzkompetenz

Von Banken und Sparkassen, Schuldnerberatungen und Verbraucherzentralen sowie von deren Verbänden, aber auch von einzelnen Forschungs- und Beratungsinstituten und Landesministerien werden schon lange Angebote zur wirtschaftlichen und finanziellen Bildung in Form von Programmen, Projekten und Materialien mit Lehr-Lernmodulen an Schulen und andere Bildungseinrichtungen herangetragen. Über deren Umsetzung liegen allerdings kaum Erkenntnisse vor. Viele Jahre dominierten die Angebote aus dem Unternehmenssektor, insbesondere die Materialien des Sparkassen-Schulservice und des Bundesverbands deutscher Banken. Die Bildungsangebote aus dem Bereich und dem Umfeld der Verbraucher- und Wohlfahrtsverbände erhielten ab 1998/99 wichtige Impulse durch das Armutspräventionsprogramm der Bundesregierung unter der Federführung des Bundesfamilienministeriums. Es entstanden zahlreiche Projekte und Materialien, und zwar nicht nur für die Zielgruppe sozial benachteiligter und bildungsferner Mitglieder privater Haushalte.[11] Außerdem gibt es ein sehr umfangreiches, ständig zunehmendes Angebot auf dem Buch- und Zeitschriftenmarkt.[12]

Eine Arbeitsgruppe der Professur für Haushalts- und Konsumökonomik an der Universität Bonn hat im Zusammenhang mit Forschungsprojekten und der Vorbereitung von Tagungen für das Präventionsnetzwerk Finanzkompetenz 165 nicht kommerzielle Projekte und Materialien unterschiedlicher Anbieter identifiziert und 47 analysiert.[13] Die weit überwiegende Zahl ist für die unmittelbare Ansprache von Jugendlichen und jungen Erwachsenen entwickelt worden. Lediglich 20 der 165 Projekte und Materialien richten sich an Erwachsene; und nur sechs sind der vor- und frühschulischen Sozialisation im Umgang mit Geld gewidmet. Einige Projekte und Materialien werden im Folgenden eingehender betrachtet.

Zwei der sechs Projekte für die frühe Gelderziehung richten sich an Eltern und Erziehende von Kindern im Kindergarten und bieten auf einem Elternabend Informationen und Gespräche über "Süßes Leben, überquellendes Kinderzimmer" bzw. "Kinder, Kohle und Konsum" an. Zwei weitere sind für Grundschulkinder entwickelt worden: "Kids & Knete" und "Money & Kids". Weitgehend übereinstimmend sollen die zuvor geschulten Lehrkräfte in einer Reihe von Unterrichtseinheiten mit den Kindern reden, malen, singen und spielen, um folgende Themen anzusprechen: Bedürfnisse und Wünsche, Umgang mit Geld, Geld in der Familie, Geld im Wirtschaftskreislauf, Werbung und Konsum. In beiden Projekten wird die Führung eines Taschengeldheftes als methodisches und didaktisches Hilfsmittel eingesetzt. An Grundschulkinder richtet sich auch das Material "Kinder, Knete & Co.", bestehend aus einem Heft für Schüler und Schülerinnen und einem Heft für die Lehrkraft. Neben den Themen Bedürfnisse, Auskommen mit dem Einkommen, Geld und Sparen geht es um die Themen Güter und Produktion, Arbeit und Beruf sowie Verantwortung im Wirtschaften. Ein weiteres Material für Grundschulkinder ist inhaltlich auf Geld und Sparen beschränkt.

Die Projekte und Materialien für Jugendliche und Erwachsene unterscheiden sich erheblich im Umfang und in der Didaktik. Einige Konzepte bieten umfangreiche Lehr-und Lernmodule zum Umgang mit Geld und Finanzdienstleistungen, angefangen beim Einrichten eines Girokontos bis zur Vermögensbildung für die Alterssicherung; andere behandeln lediglich und zudem vergleichsweise kurz ausgewählte Beispiele, wie den Kauf eines Mobiltelefons mit und ohne Vertrag, oder sie thematisieren Aspekte wie Vertrauen als Grundlage für Wirtschaft und Finanzen, und, mit Blick auf bestimmte Zielgruppen wie die der "50 plus", private Vorsorge für die Zusatzsicherung im Alter. Didaktische Alternativen zum Vortrag durch eine Lehrkraft sind Vorträge durch Mitarbeitende aus Banken oder Schuldner- und Verbraucherberatungsstellen, Übungen zur Befragung von Mitarbeitenden in den genannten Einrichtungen, Besuche in Banken und die Nutzung sehr spezieller Lehr-Lernformen, etwa die der Zukunftswerkstatt.

Gemeinsam ist fast allen Projekten und Materialien für Jugendliche und Erwachsene die mehr oder weniger umfangreiche Thematisierung von Bedürfnissen und Wünschen, von Kosten der Lebenshaltung und "Kostenfallen", von praktischen Fragen der Kontoführung und Geldverwaltung sowie der Planung und Kontrolle der Finanzen; in umfangreichen Materialien und Projekten werden außerdem Fragen der Vermögensbildung, Versicherung und Alterssicherung behandelt. Die Planung und Kontrolle der Einnahmen und Ausgaben mit einer Haushaltsbuchführung findet sich häufig in den Projekten und Materialien. Erwerbswirtschaftliche Selbstständigkeit wird nicht bzw. nicht angemessen behandelt.

Über die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Vermittlung von Finanzkompetenz ist wenig Verlässliches bekannt. Eine Evaluation im strikten Sinn ist außerordentlich schwierig. Um den Erfolg einer Bildungsmaßnahme eindeutig zuordnen zu können, wären Langzeitbeobachtungen auf der Individualebene und die Kontrolle von Einflüssen außerhalb des Lehr-Lernprogramms erforderlich. Die wenigen veröffentlichten Evaluationsstudien und Sekundäranalysen lassen aber auf eine Zunahme von Wissen und eine Förderung von Motivation und Handlungsbereitschaft zur Befassung mit den eigenen Finanzen schließen.[14]

Kritische Punkte in etlichen Konzepten der finanziellen Bildung sind scheinbar fehlende theoretische Grundlagen, insbesondere verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse über die Entstehung von Bedürfnissen, deren Ausformung in Wünsche und die Konkretisierung als Ziele des Handelns, sowie die offensichtliche Verkürzung und Fokussierung des Wirtschaftens auf geldvermittelte Aktivitäten und damit die fehlende Einbettung des Umgangs mit Geld in den hauswirtschaftlichen und den realen gesamtwirtschaftlichen Zusammenhang.[15] Kritisiert wird auch, dass die Inhalte fast immer an durchschnittlich gebildeten Menschen orientiert sind, aber das damit vorausgesetzte Lese- und Wortverständnis- sowie die Rechenfähigkeiten bei besonders Förderungsbedürftigen häufig fehlen.[16] Fraglich ist auch, ob bei Kindern und Jugendlichen kurze und verspielte, aber nicht umfassend wirtschaftlich eingebettete Projekte und Materialien eine tragfähige Grundlage für die weitere Befassung mit dem Thema Wirtschaft und Finanzen legen können.

Buchführung im Kopf, mit dem PC und auf Papier

Ein bewährtes Mittel, zu lernen, kontrolliert mit Geld umzugehen, besteht darin, ein kleines Haushaltsbuch zu führen. Beim Aufschreiben der Einnahmen und Ausgaben geht es nur oberflächlich betrachtet um den technischen Aspekt der Abbildung und Abstimmung von Zahlungseingängen und -ausgängen. Tatsächlich zielt die Führung eines solchen Büchleins auf die finanzwirtschaftliche Kontrolle und Planung der "Übersetzung" von Bedürfnissen in Wünsche und Ziele, die kalkulatorische Abwägung von Alternativen und die zahlenmäßige Überprüfung der Ergebnisse, um Anhaltspunkte für die weitere Gestaltung zu gewinnen. Es geht also im Kern um eine rationale Haushaltsführung, wie sie prägnant von Max Weber idealtypisch beschrieben worden ist: Die Grundlage des Haushalts bildet "im Rationalitätsfall der Haushaltsplan, welcher aussagt: in welcher Art die vorausgesehenen Bedürfnisse einer Haushaltsperiode (nach Nutzleistungen oder selbst zu verwendenden Beschaffungsmitteln) durch erwartetes Einkommen gedeckt werden sollen".[17]

Ergebnisse der empirischen Verhaltensforschung zeigen, dass normales Handeln nicht den Modellannahmen der ökonomischen Rationaltheorie entspricht, sondern kognitive Fehler eher die Regel als die Ausnahme sind. Dazu gehören die Vernachlässigung bzw. Unterschätzung von Opportunitätskosten, insbesondere des Zeitaufwandes, zum Beispiel für die Suche nach Informationen und Wegen der Beschaffung, sowie die Überschätzung geringer und die Unterschätzung mittlerer und hoher Wahrscheinlichkeiten des Eintritts von Ereignissen: So werden Gewinnchancen oft über-, Unfallrisiken unterschätzt. Und auch die von allen mehr oder weniger praktizierte Buchführung im Kopf ist unvollständig und führt damit zu Entscheidungen, die möglicherweise anders ausfallen würden, wenn die Fakten in Form "harter" Zahlen bekannt wären.[18] Was etwa die Fahrt mit dem Privatwagen im Vergleich mit der Bahn kostet, erschließt sich nicht aus einem Vergleich zwischen dem Preis der Tankfüllung und der Fahrkarte. Zu den ökonomischen Kosten des Autofahrens gehören außer den Ausgaben für den Treibstoff auch die Abschreibungen, also die Verteilung der Anschaffungsausgabe auf die Zeit der Nutzung, sowie die Ausgaben für Ersatzteile und Reparaturen, die Kfz-Steuer und -Versicherung, die Autowäsche und manches andere. Für die Kosten der Lebenshaltung in anderen Bereichen gilt ähnliches.

Auf dem Wege des Aufschreibens der Einnahmen und Ausgaben können Höhe und Struktur der Herkunft und Verwendung der Geldmittel vollständig erfasst und die Ausgaben hinsichtlich der Höhe und Verteilung auf die Bereiche der Lebenshaltung überprüft werden. Wer nicht weiß, wo das Geld geblieben ist, kann nicht zahlenmäßig fundiert über Umschichtungs- und Einsparungsmöglichkeiten und auch nicht über Anlagealternativen entscheiden. Die Zahlen sollen zum Nachdenken anregen und den inneren Monolog fördern sowie in Mehrpersonenhaushalten den Dialog mit den Haushaltsmitgliedern fundieren. In dieser Selbstinformations- und Kommunikationsfunktion liegt der Wert der Haushaltsbuchführung. Ergebnisse empirischer Untersuchungen zeigen, dass regelmäßig buchführende Haushalte ihre Ausgaben besser im Gedächtnis haben als nicht bzw. nicht regelmäßig buchführende Haushalte. Rund 28 Prozent der Haushaltsführenden schreiben mehr oder weniger regelmäßig ihre Einnahmen und/oder Ausgaben auf. Aber nicht immer wird ein "klassisches" Haushaltsbuch verwendet. Manche Haushalte nutzen ein PC-Programm, und viele Haushalte entwickeln ein eigenes System für die Erfassung und Abbildung der Zahlungsvorgänge nach ihren Bedürfnissen.[19]

Lernen, mit Geld umzugehen, kann durch einen kreativen Umgang mit der Haushaltsbuchführung unterstützt werden. Das kann und sollte mit der Gestaltung eines Taschengeldheftes und eines Haushaltsbuchs in der Schule beginnen und könnte sich dann wie selbstverständlich fortsetzen in einer mehr oder weniger regelmäßigen Aufzeichnung der interessierenden Zahlungsvorgänge einschließlich der Geldvermögensbildung und ggf. der Verschuldung und Schuldentilgung.[20]

Lernen, die Ökonomie des Alltags zu gestalten

Weil der Umgang mit Geld in die Alltags- und Lebensökonomie verwoben ist, wird dies informell auch in dieser Einbettung vermittelt. Für ein gelingendes Leben ist das oft nicht ausreichend und muss deshalb durch formale Bildung über Wirtschaft und Finanzen ergänzt werden. Es sollte also ein Schulfach oder Lernfeld im Pflichtbereich der allgemein bildenden Schulen vorhanden sein, das Grundlagen über mehrere Jahre legt. Formale Bildungsprogramme, wie sie in Schulfächern geboten werden, können jedoch nicht die ganze Komplexität der Alltags- und Lebensökonomie abbilden. Aber sie dürfen auch nicht zu reduziert und nicht akademisch-modelltheoretisch verengt sein. Eine lediglich vierstündige Veranstaltung oder ein einmaliges Wochenendseminar über Geld und Finanzdienstleistungen und auch ein Börsenspiel sind zu wenig, und sie sind möglicherweise sogar kontraproduktiv, wenn sie die Illusion der Kontrolle nähren, also zur Überschätzung der eigenen Fähigkeiten im Umgang mit Geld verführen.

Projekte und Materialien zur Sozialisation im Umgang mit Geld müssen auf die Vermittlung der Kompetenzen zielen, die zur Gestaltung der Alltags- und Lebensökonomie befähigen. In diesem Sinn hat der Wissenschaftliche Beirat für Verbraucherpolitik beim Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz die Kompetenzen für den Umgang mit Geld in den Zusammenhang mit den Kompetenzen für die Gründung und Führung eines Haushalts gestellt.[21] Ein Programm sowie Projekte und Materialien für die Umsetzung eines solchen Konzepts der Vermittlung von Wirtschafts- und Finanzkompetenz, um den Umgang mit Geld als Mittel der persönlich erfolgreichen und gesellschaftlich verantwortlichen Lebensgestaltung zu lernen, sowie gute Erfahrungen in der Umsetzung in Schulen und in der Erwachsenenbildung liegen bereits vor. An dessen Verbreitung in der differenzierten Bildungslandschaft wird gearbeitet.[22]

Fußnoten

1.
Vgl. Marc Brost/Marcus Rohwetter, Wir alle - finanzielle Analphabeten, in: Die Zeit vom 31.10. 2002, S. 19 - 20; dies., Das große Unvermögen. Warum wir beim Reichwerden immer wieder scheitern. Mit einem Vorwort von Helmut Schmidt, Weinheim 2003; Michael-Burkhard Piorkowsky, Neue Hauswirtschaft für die postmoderne Gesellschaft. Zum Wandel der Ökonomie des Alltags, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2003) 9, S. 7 - 13.
2.
Vgl. Daniel Mohr, Produktion wie am Fließband. Ein Zertifikat ist schnell kreiert, deshalb gibt es mittlerweile mehr als 200 000 davon, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 29.6. 2007, S. 20.
3.
Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Die Evolution von Unternehmen im Haushalts- und Familienkontext - Grundgedanken zu einer Theorie sozioökonomischer Hybridsysteme, in: Zeitschrift für Betriebswirtschaft, 72 (2002), Ergänzungsheft 5, S. 1 - 19.
4.
Vgl. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz/BMELV (Hrsg.), Verbraucherkompetenz für einen persönlich erfolgreichen und gesellschaftlich verantwortlichen Konsum. Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats für Verbraucher- und Ernährungspolitik beim BMELV, Bonn - Berlin 2008.
5.
Vgl. Jean Piaget, Das Erwachen der Intelligenz beim Kinde, Stuttgart 1969; Klaus Holzkamp, Sinnliche Erkenntnis. Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung, Frankfurt/M. 1973.
6.
Vgl. Birgit Weber/Reinhold Hedtke, Lernen, ökonomisches, in: Reinhold Hedtke/Birgit Weber (Hrsg.), Wörterbuch Ökonomische Bildung, Schwalbach/Ts. 2008.
7.
Vgl. Tatjana Rosendorfer, Kinder und Geld - Gelderziehung in der Familie, in: Sylvia Gräbe (Hrsg.), Vom Umgang mit Geld. Finanzmanagement in Haushalten und Familien, Frankfurt/M. 1998.
8.
Vgl. Klaus-Peter Kruber, Ökonomische Bildung - ein Beitrag zur Allgemeinbildung? Eine immer wieder neue Frage an den Wirtschaftsunterricht, in: Georg Weißeno (Hrsg.), Politik und Wirtschaft unterrichten, Bonn 2006.
9.
Vgl. Birgit Weber, Ökonomische Bildung an Schulen und Hochschulen: Steigende curriculare Bedeutung an den Schulen bei schwerwiegenden Mängeln der Lehrerausbildung, im Internet: www.degoeb.de/oben1. html (19.3. 2009).
10.
Vgl z.B. Hans Kaminski u.a., Unterrichtseinheit "Finanzielle Allgemeinbildung". Eine Initiative von Handelsblatt und Deutsche Bank, o.O., o.J. (2005).
11.
Vgl. Frank Bertsch, Das neue Feld der wirtschaftlichen Bildung und Beratung, in: Hauswirtschaft und Wissenschaft, 51 (2003) 1, S. 25 - 31; Udo Reifner, Finanzielle Allgemeinbildung. Bildung als Mittel der Armutsprävention in der Kreditgesellschaft, Baden-Baden 2003; Michael-Burkhard Piorkowsky, Prävention der Verschuldung, in: Dieter Korczak (Hrsg.), Geld und andere Leidenschaften. Macht, Eitelkeit, Glück, Kröning 2006.
12.
Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Finanzmanagement und Budgetverwaltung in privaten Haushalten, in: Sylvia Gräbe (Hrsg.), Vom Umgang mit Geld. Finanzmanagement in Haushalten und Familien, Frankfurt/M. 1998.
13.
Vgl. Bericht über die Tagung vom 17.11. 2008 und Ankündigung der Tagung am 6.5. 2009 im Internet unter www.praeventionsnetzwerk-finanzkompetenz. de/16897699140c97c01/1689769a5d0e8d10a/index.html (15.3. 2009).
14.
Vgl. etwa Gerhard Raab, Evaluation des Projekts Bank und Jugend im Dialog, in: Helmut Peters/Gerhard Raab (Hrsg.), Bank und Jugend im Dialog. Ein Handbuch für Banken, Sparkassen, Schulen, Schuldner- und Verbraucherberatungsstellen, 2. erw. und überarb. Aufl., Oberhausen 2004; Dieter Korczak, Schuldenprävention in Kindergärten und Berufsschulen, Abschlussbericht. Evaluation der Jahre 2005 - 2006, GP-Forschungsgruppe München, März 2007, imInternet: www.gp-f.com/de/pdf/sch_ikb.pdf (16.3. 2009).
15.
Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Ignorieren hilft nicht. Ökonomische Bildung fängt zu Hause an, in: Die Zeit vom 30.1. 2003, S. 25; ders., Wirtschaften als fundamentale Kompetenz, in: Päd Forum: unterrichten erziehen, 34/25 (2006) 6, S. 342 - 349.
16.
Vgl. Nicolas Mantseris, Finanzielle Bildung als Schuldenprävention. Zu einem Konzept "Finanzkompetenz", in: NDV - Nachrichtendienst des Vereins für öffentliche und private Fürsorge, 88 (2008) 5, S. 220 - 224.
17.
Max Weber, Grundriss der Sozialökonomik. III. Abteilung. Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1921, S. 46.
18.
Vgl. Richard H. Thaler, Mental accounting matters, in: Journal of Behavioral Decision Making, 12 (1999), S. 183 - 206.
19.
Vgl. Petra Warnecke, Ökonomische Rationalität und Haushaltsbuchführung. Kritik von Haushaltsbuchführungssystemen und Entwicklung eines Haushaltsbuchs auf empirischer Grundlage, Frankfurt/M. 1997; Befragungen durch TNS Infratest im Auftrag der Professur für Haushalts- und Konsumökonomik, März und April 2009.
20.
Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Household accounting in Germany. Some statistical evidence and the development of new systems, in: Accounting, Auditing and Accountability Journal, 13 (2004) 4; Luisa Braungardt, Den richtigen Umgang mit Geld lernen. Ein Arbeitsbuch für Schule und Jugendarbeit, Mühlheim an der Ruhr 2006.
21.
Vgl. Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (Anm. 4), S. 16 - 23.
22.
Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Alltags- und lebensökonomische Bildung, in: R. Hedtke/B. Weber (Anm. 6); ders./Katja Baumann/Heike Dennig, Wirtschaften als Alltagshandeln verstehen. Neue ökonomische Bildung im Unterricht, in: Schüler 2008. Aufwachsen in der Konsumgesellschaft. Sonderheft Schüler - Wissen für Lehrer, Seelze 2008, S. 122 - 125.

Michael-Burkhard Piorkowsky

Zur Person

Michael-Burkhard Piorkowsky

Dr. rer. Pol., geb. 1947; Professor für Haushalts- und Konsumökonomik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms- Universität Bonn. Nussallee 21, Haus 2, 53115 Bonn.
E-Mail: piorkowsky@ilr.uni-bonn.de
Internet: www.huk.uni-bonn.de


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