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10.11.2011

Popularität der Apokalypse: Zur Nuklearangst seit 1945

Die Angst vor "der Bombe" hat in Romanen, Filmen und in der Musik breiten kulturellen Niederschlag gefunden. Die Gefahren der zivilen Nutzung der Kernenergie wurden dagegen vergleichsweise wenig thematisiert. Sie taugen nicht zum Drama.

Einleitung

Schon die Beobachter des ersten erfolgreichen Kernwaffentests in Alamogordo in der Wüste von New Mexico am 16. Juli 1945 fassten ihre Eindrücke in Superlative: "Es war wie ein Sonnenaufgang, wie die Welt ihn nie zuvor gesehen hatte, eine große grüne, an Kraft alles überstrahlende Sonne." Während die einen den nuklearen Lichtblitz mit dem biblischen Schöpfungsakt verglichen, sahen andere "eine Warnung vor dem Jüngsten Tag". Die an der Spitze des Manhattan-Projekts stehenden Physiker wurden als "Geburtshelfer eines neuen Zeitalters" gefeiert. Atomenergie schien "die Verwirklichung der Träume aller Zeitalter in Reichweite des Menschen" zu bringen.[1]

Rief "die Bombe" auch bald Skepsis hervor und weckte soziale Ängste vor Vernichtung und Tod, so wurden im Kontrast hierzu lange Zeit kaum Zweifel an den megalomanen Visionen eines mit ziviler Nuklearkraft betriebenen modernen Garten Eden laut. Bis in die 1970er Jahre priesen auch Kritiker der atomaren Hochrüstung das "friedliche Atom". Als 18 führende deutsche Kernforscher 1957 mit dem "Göttinger Manifest" gegen Pläne zur atomaren Bewaffnung der Bundeswehr protestierten, betonten sie gleichzeitig, es sei äußerst wichtig, "die friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern."[2]

Kernkraftwerke haben im Vergleich zu Atombombenexplosionen in der Kulturgeschichte nur wenige Spuren hinterlassen. Der düsteren Nuklearsatire "Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb" von Stanley Kubrick (1964) fehlt das zivile Pendant, jedenfalls was Qualität und Wirkung betrifft. Dieses Ungleichgewicht dauert an, trotz der Unfälle in den Kernkraftwerken von Windscale (1957), Harrisburg (1979), Tschernobyl (1986) und jüngst Fukushima (2011). Hollywood nahm sich seit den späten 1970er Jahren gelegentlich der Gefahren der zivilen Nutzung der Kernenergie an. Doch neben der visuellen Gewalt zeitgleich produzierter militärnuklearer disaster movies wirken "The China Syndrome" (1979) und "Silkwood" (1983) zahm. Auch Japan, mit seiner hoch entwickelten nuklearen Populärkultur hat mit "Träume" (1990) nur einen signifikanten Film hervorgebracht, der einen zivilen Störfall visualisiert. Das durch Atombomben auferweckte Urzeitmonster "Godzilla" darf dagegen in inzwischen 28 Filmen Angst und Schrecken verbreiten.

Warum ist das so? Ich kann darüber nur spekulieren, weil es an historischen Forschungen noch fehlt: Ein Grund dürfte in dem lokalen Zuschnitt der Anti-AKW-Bewegung liegen. Erst mit dem GAU von Tschernobyl wurden zivilnukleare Angstszenarien von breiteren literarischen Strömungen aufgegriffen (mit "Störfall" von Christa Wolf, "Die Wolke" von Gudrun Pausewang und "Die Rättin" von Günter Grass), obwohl die politische Debatte über "Die Angst des Bürgers vor dem Atom" seit Mitte der 1970er Jahre breite Kreise zog.[3] Diese Diskrepanz weist auf unterschiedliche gesellschaftliche Wahrnehmungen militärischer und zivilnuklearer Gefährdungen hin. Letztere haben, ungeachtet der dagegen gerichteten Proteste, eine gewisse Alltagsnormalität.

Ein zweiter Grund dürfte im gesellschaftlichen Kontext und in der Erinnerungskultur liegen, die vor allem im Kalten Krieg Ängste aufgrund von internationalen Konflikten kulturell höher bewertete als solche aufgrund von Alltagsrisiken.[4] Die Debatte über Nuklearwaffen war stets mit kollektiven Reminiszenzen an den Zweiten Weltkrieg verknüpft. Sie ist integraler Bestandteil der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dadurch in einen identitätsstiftenden Diskurs integriert. In Debatten über Nuklearrüstung liefen, oft auch ohne explizite Nennung, Bilder von Hiroshima und Dresden mit ab. Daher ist "die Bombe" in ihrem emotionalen Potenzial nicht zu schlagen, auch wenn das "friedliche Atom" für die Bevölkerung mit höheren Risiken verknüpft ist. Auch schienen nukleare "Angstmacher" den außen- und sicherheitspolitischen Konsens der Bundesrepublik aufzukündigen.[5]

Ein dritter Grund für die unterschiedliche Resonanz ziviler und militärischer nuklearer Katastrophenszenarien liegt in der "Dramaturgie der Furcht." Diese ist jeweils eine andere. Ein ziviler Störfall kündigt sich schleichend, nachgerade heimlich und ohne das explosive Donnergrollen der dramatisch aufsteigenden Atompilze an. In unserer auf visuelle Codes getrimmten Kultur bietet selbst ein Super-GAU wie Tschernobyl nur beschränkte Möglichkeiten der theatralischen Inszenierung. In Atomkonflikten stehen sich klar definierte Lager gegenüber, die personalisiert werden können. Das Drama-Potenzial der Atomkraftwerke bleibt dahinter deutlich zurück. Auch ist bisher niemand auf die Idee gekommen, ein Kernkraftwerk zu einer fiktionalen Waffe umzufunktionieren.

Ein vierter Grund liegt in dem durch die Kulturgeschichte und ihre Traditionen gesteckten Rahmen. Apokalyptische Szenarien gehören zum gesunkenen Kulturgut westlicher Gesellschaften. Sie sind selbst unter nicht bibelfesten Zeitgenossen jederzeit kulturell abrufbar. Nur ein Atomkrieg bietet das Szenario einer massenhaften Vernichtung menschlichen Lebens mit entsprechender postapokalyptischer Katharsis. Nukleare Weltuntergänge eröffnen weite Felder für utopische Zukunftsentwürfe, während imaginierte Störfälle in Kernkraftwerken an die Komplexität der gegenwärtigen Probleme erinnern, mit schwierigen Abwägungsfragen und geordneten politischen Prozessen. Auch katastrophalste Reaktorunfälle (siehe Fukushima) scheinen nicht das Potenzial zur fiktionalen Apokalypse zu haben.

Dieser Beitrag ist ein Versuch, Schneisen in die Kulturgeschichte der deutschen Nuklearangst in ihrer internationalen Verflechtung zu schlagen. Er konzentriert sich auf kulturelle Produktion im engeren Sinne, auf Romane, Gedichte, die bildenden Künste, Musik und Film. Die hier manifest werdenden Beschreibungen des "atomaren Todes" greifen, gerade in ihren populären Formen, zentrale gesellschaftliche Problemstellungen auf. Sie sind für eine Politik- und Sozialgeschichte der beiden deutschen Staaten essenziell. Das gilt besonders für die in diesen Quellen kommunizierten Ängste, die stets als Chiffre für die Beschäftigung mit der Zukunft dienen. Sie spiegeln gesellschaftliche Befindlichkeiten wider, wirken aber auch als Antrieb in politischen Entscheidungssituationen.

Unwille zur Angst? Die frühen Jahre

Die verstörende Gewalt der ersten nuklearen Explosionen im Sommer 1945 hat tiefe Spuren in der Kulturgeschichte hinterlassen. Daher haben Hiroshima und Nagasaki rückblickend Deutungen nahe gelegt, wonach sich mit dem Abwurf der ersten Atombomben eine weltgeschichtliche Wende vollzog. Schon 1947 legte der Schriftsteller Max Frisch in seiner Farce "Die Chinesische Mauer" einem der Protagonisten das Wort in den Mund: "Zum ersten Mal (...) (und darum, meine Herren, hilft uns keine historische Routine mehr!) stehen wir vor der Wahl, ob es die Menschheit geben soll oder nicht. Die Sintflut ist herstellbar."

Tatsächlich gab es aber historische Referenzpunkte zur Verständigung über "die Bombe". Geht man kulturelle Manifestationen des nuklearen Todes durch, so verfestigt sich rasch der Eindruck, dass die Forderung des "Philosophen des Atomzeitalters", Günther Anders, die Vermessung des Daseins "unter dem Zeichen der Bombe" bedürfe neuer Formen des Nachdenkens, die Menschheit nicht sonderlich beeindruckt hat.[6] Im Gegenteil: Wenn eine umfassende Kulturgeschichte der Nuklearangst etwas deutlich macht, dann, wie gängig der Rückgriff auf altbekannte Begriffe war. So eröffnen viele, auch drastische Inszenierungen des "nuklearen Todes" der Menschheit am Ende ein Hintertürchen zum Überleben und tragen so, wenn auch unbewusst, neutestamentarische Spuren chiliastischer Heilserwartungen weiter. Hier werden uralte Erzählungen vom postapokalyptischen Überleben weniger "Gerechter" in moderne, säkularisierte Bilder gefasst.[7] Auch wurden bestimmte Muster der Kernenergie-Rezeption schon frühzeitig durch Science-Fiction-Romane wie H.G. Wells' "The World Set Free" (1914) angelegt.[8]

Bestimmte "apokalyptische" Wahrnehmungsmuster "der Bombe" waren daher als kulturelle Standards bereits etabliert, als es 1945 zu den ersten nuklearen Explosionen kam. Dennoch konstatierten zeitgenössische Beobachter wie Anders eine "Apokalypse-Blindheit" der Menschen, eine "Unfähigkeit zur Angst".[9] Das lässt sich relativ leicht erklären: Wie viele technische Innovationen wurde "die Bombe" in bekannte Schemata integriert. Sie erschien als noch verheerendere Waffe, die in das Narrativ einer kontinuierlichen Steigerung moderner Kriege passte. Sie wurde "konventionell", im Sinne der "Feuerstürme" des Zweiten Weltkrieges, gedeutet; Hiroshima erschien "nur" als Höhepunkt des Luftkrieges.[10]

Ängste richteten sich in den 1940er Jahren nicht auf die unsichtbaren Gefahren "des Atoms", sondern waren allgemeine Kriegs- und Zukunftsängste: Angst vor Inflation, Arbeitslosigkeit und dem Kommunismus. Nukleare Explosionen wurden in grell bunten Bildern ästhetisiert, Aufnahmen atomarer Explosionen zu einem positiv besetzten Symbol "politischer Macht und technischen Fortschritts" ikonisiert.[11] Indes wurden in Europa und in den USA frühzeitig Warnungen geäußert, wenn zum Beispiel Aldous Huxley in "Ape and Essence" (1948) ein düsteres Bild der degenerierenden Wirkungen der Radioaktivität auf das menschliche Erbgut zeichnet.

Die atomic culture trieb in den USA skurrile Blüten. Aber auch in Deutschland wurde "die Bombe" verharmlost und trivialisiert. Von den Atomtests ging ein faszinierendes, aber oberflächliches Grauen aus. Die Tests auf dem Bikini-Atoll riefen naive Technikbegeisterung und groteske Verharmlosungen hervor, einschließlich des bekannten Terminus-Transfers in die weibliche Bademode. "Wir leben im Dauerzustand der Katastrophe, und wenn wir uns auch vor der dunklen Wolke fürchten", so kommentierte der Schriftsteller Friedrich Sieburg 1954 etwas kopfschüttelnd die Situation: Die "Furcht [ist] doch auch mit einem heimlichen Vergnügen vermischt."[12]

Glückliche Drachen und atomare Monster

Mitte der 1950er Jahre verdichteten sich die bis dahin selten thematisierten Gefahren der Radioaktivität zu gesellschaftlichen Ängsten. Wichtiger Auslöser war ein Unglücksfall bei der Erprobung der ersten einsatzfähigen Wasserstoffbomben 1954 auf dem Bikini-Atoll, wodurch die Mitglieder eines japanischen Fischerbootes, "Glücklicher Drache Nr. 5", verstrahlt worden waren. Einer der Fischer starb bald nach der Rückkehr.[13] Nun war "die Bombe" zur unmittelbaren Bedrohung von Zivilisten im Hier und Jetzt geworden (nicht erst in einem hypothetischen Nuklearkrieg). Es begann der Aufstieg der nuclear fiction. Die Menschheit hatte das griffige Exempel, das die Gefährdungen "des Atoms" existenziell erfahrbar machte.[14]

Das Schicksal des "Glücklichen Drachen" zog in der Populärkultur weite Kreise. Der erste Godzilla-Film wurde noch 1954 in Japan uraufgeführt. Er ist direkt von dem Bikini-Vorfall inspiriert: Ein atomarer Test weckt ein in der Tiefsee verborgenes urzeitliches Monster, das kein Stacheldraht und kein Kampfflugzeug aufhalten kann.[15] In Hollywood wurden Mutanten endemisch. Angefangen mit "Them!" (1954, deutsch "Formicula", 1960) entkamen in weiteren B-Movies nicht nur Ameisen, sondern auch Spinnen ("Tarantula", 1955), Schnecken ("The Monster that Challenged the World", 1957), Grashüpfer ("Beginning of the End", 1957) und Krabben ("Attack of the Crab Monsters", 1957) der von der Wissenschaft geöffneten Büchse der Pandora.[16]

Vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges, der atomaren Planspiele der NATO und der gesellschaftlichen Proteste über die atomare Bewaffnung der Bundeswehr, wirkten diese phantastischen Inszenierungen auf das gebildete deutsche Publikum leicht lächerlich. Indes: Trotz traditioneller Abwehrhaltung gegenüber der US-Populärkultur dürften diese Filme auch hierzulande ein Publikum gefesselt haben, zumal sie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen regelmäßig wiederholt wurden. Kann man diesen Filmen auch Verharmlosung und Eskapismus zum Vorwurf machen (wie zum Beispiel Susan Sontag dies tat), so zeigt doch ihr massenhaftes Auftreten, was den Mainstream bewegte.[17]

Physiker-Dramen und Hiroshima-Gedenken

Die Jahre bis nach der Kubakrise (1962) sind für die Kulturgeschichte der Atomangst ein fruchtbares Jahrzehnt. Für die zweite Hälfte der 1950er Jahre sind Dutzende von literarischen, lyrischen und auch philosophischen Thematisierungen des nuklearen Tods überliefert. Die Palette reicht von Wolfgang Weyrauchs preisgekröntem Hörspiel "Die japanischen Fischer" (1955) bis zu den Dichtungen von Marie-Luise Kaschnitz, Stefan Hermlin und Anna Seghers.[18] Populäre Bestseller wie die des "Atom-Journalisten" Robert Jungk beschworen am Beispiel J. Robert Oppenheimers den faustischen Pakt. Physikerdramen kamen groß in Mode und elaborierten den Zwiespalt von Technik und Ethik.[19]

Populärwissenschaftliche Arbeiten fanden einen breiten Markt. Vielleicht, weil im deutschen Fall historische Ängste und Erinnerungen durch die Gefahr des Atomkriegs angesprochen wurden, spielte sich die Auseinandersetzung mit dem Atomtod in weniger fiktionalen Genres ab (im augenscheinlichen Kontrast zu Japan, das mit Deutschland die Luftkriegserfahrung teilte). In den "Angstsemantiken" (Holger Nehring) der Friedensbewegung wurde auf "reale" Fiktionen zurückgegriffen, die in der Presse in Wort und Bild leicht zugänglich waren, drohten doch in NATO-Manövern mit immer höheren Einsätzen an Nuklearwaffen Millionen deutscher Opfer.[20] Hier wurde die Fiktion von der imaginierten Realität zum Teil überholt.

Mit der "Kampf dem Atomtod"-Kampagne wurzelte sich nun auch "Hiroshima" als zentraler Referenzpunkt der deutschen Nuklearangst ein. "Nie wieder Hiroshima" war das wichtigste Schlagwort der deutschen Friedensbewegung, es entstand eine umfangreiche Hiroshima-Lyrik,[21] der ostdeutsche Maler Werner Tübke schuf einen Furcht einflößenden Zyklus "Hiroshima I-III", und der ebenfalls in der DDR tätige Armin Münch zeichnete "Little Man" und "Fat Boy", die Hiroshima- und Nagasaki-Bomben.[22] Dabei wurde Hiroshima bewusst auch mit den deutschen Erfahrungen des Luftkriegs gleichgesetzt, zugleich aber auch die völlige Andersartigkeit der langfristigen Wirkungen der Radioaktivität thematisiert. "Radioaktiv" wurde zum Angstbegriff.

Der ignorierte Nukleartod und seine Wiederkehr

Ein paradoxes Resultat der "Kampf dem Atomtod"-Bewegung war die klare Aufspaltung der Atomenergie in eine "gute" zivile Variante, und eine in Deutschland von der Bevölkerung mehrheitlich abgelehnte militärische Nutzung.[23] Atompsychose und Atomeuphorie koexistierten fast übergangslos, wenn etwa das "Godesberger Programm" der SPD von 1959 in seiner Präambel konstatierte, "dass der Mensch die Urkraft des Atoms entfesselte und sich jetzt vor den Folgen fürchtet", aber zugleich der Hoffnung Ausdruck gab, "dass der Mensch im atomaren Zeitalter sein Leben erleichtern, von Sorgen befreien und Wohlstand für alle schaffen kann, wenn er seine täglich wachsende Macht über die Naturkräfte nur für friedliche Zwecke einsetzt".

Zwar kamen auch in den 1960er Jahren noch filmische und literarische Zeugnisse auf den Markt, die sich mit Nuklearkriegen auseinandersetzten oder an die Verantwortung der Wissenschaft appellierten, in ihrer Mehrheit aber hörten die Menschen für anderthalb Jahrzehnte auf, sich um "die Bombe" zu sorgen. Sie mochten sie vielleicht nicht gerade lieben, wie Stanley Kubrick pointiert behauptete, doch mit der Unterzeichnung des Atomteststoppabkommens 1963 waren Atomängste evozierende Pilzwolken weitgehend passé. Der nukleare Tod stand am Rande. Aktivisten der Studenten- und Friedensbewegung konzentrierten sich auf Probleme wie den Algerien- und den Vietnam-Krieg, die Dekolonisierung und die Nord-Süd-Problematik.

Auf breiter Front kehrte die Atomangst mit dem Ende der Fortschrittsgläubigkeit zu Beginn der 1970er Jahre zurück.[24] Nun stand zum ersten Mal das "friedliche Atom" im Zentrum der Kontroversen, nachdem der Durchbruch zur kommerziellen Nutzung der Kernenergie in Deutschland Ende der 1960er Jahre erfolgt war. Was lokal (etwa in Karlsruhe) schon Mitte der 1960er Jahre mit vereinzelten Protesten begann, sollte in Gorleben und Wackersdorf, und vor allem auch in Wyhl bald nationale symbolische Signifikanz erhalten.[25] Der Anti-AKW-Protest hat vor allem kleinere Kunstformen inspiriert. In der Folk- und Liedermachszene kamen zahlreiche Protestsongs zu Ehren, oft wurden alte Volkslieder mit neuen Protestinhalten gefüllt oder auch völlig umgedeutet (wie zum Beispiel die "Wacht am Rhein"). "In Mueders Stübele" vergleicht Walter Moßmann die Angst vor dem Verlust der Heimat ans "große Geld" mit einem Krieg im eigenen Land. Bekannt geworden sind auch die Lieder gegen den Schnellen Brüter in Kalkar, etwa Frank Baiers "Lied vom Bauern Maas".[26]

Die Anti-AKW-Songs folgten dem Muster "David gegen Goliath". Angstszenarien wurden hier aber nicht entworfen, um das Publikum mit Schaudergeschichten zu unterhalten. Sie sollten Mut einflößen, um sich gegen die Übermacht des Staates und Kapitalinteressen zu wehren. Die Songs dienten dem eminent praktischen Zweck, die Protestler bei Platzbesetzungen und Demonstrationen im Angesicht der Polizei durch Singen zu stärken. Hier war ein Verständnis von Angst nicht als einer lähmenden, sondern rationalen Kraft verbreitet, wie es später auch für die Friedensbewegung typisch wurde.

Im Vergleich zu anderen sozialen Bewegungen der 1970er Jahre haben die Anti-AKW-Proteste weniger kulturelle Spuren hinterlassen. Zivile Atomängste wurden entweder aus Hollywood importiert, wie in dem kurz vor dem Unfall in Harrisburg angelaufenen Film "The China Syndrome" (1979) oder dann, nach Tschernobyl, von ökopessimistischen Autorinnen wie Gudrun Pausewang breitenwirksam in literarische Bilder gefasst. Nicht zu vergessen ist auch die ironische Brechung der Ängste, etwa in der Zeichentrickserie "The Simpsons" (seit 1989). Das Science-Fiction-Genre hat der zivilnukleare Tod dagegen nur marginal beschäftigt. Die dramaturgischen Potenziale des "unsichtbaren Todes", der von einem "ganz normalen" Kernkraftwerk ausgeht, waren offensichtlich begrenzt.

Apokalypsen in der Friedensbewegung

Erst mit dem NATO-Doppelbeschluss 1979 fanden nukleare Apokalypsen wieder weitere Verbreitung in der Populärkultur. Amerikanische Punk-Rock-Bands widmeten der Neutronenbombe eigene Stücke, Kurt Vonnegut malte sich in "Deadeye Dick" (1982) ihre Folgen aus. In Großbritannien ging eine Welle postapokalyptischer nuklearer Visionen der politischen Debatte voraus. Und in Deutschland wurde der Song "Das weiche Wasser bricht den Stein" mit der eingängigen Eröffnungszeile "Europa hatte zweimal Krieg/der dritte wird der letzte sein" zu einem der Schlager der Friedensbewegung.

Nukleare Angstszenarien waren in der populären Musik der Jahre auf dem Höhepunkt der Nachrüstungsdebatte 1982/1983 so ubiquitär, dass es eigener Untersuchungen bedarf.[27] In der Bundesrepublik und der DDR hatte der nuclear pop bzw. nuclear rock seine goldene Ära. Nicht allein die bekannten Interpreten wie Herbert Grönemeyer, Udo Lindenberg ("Wozu sind Kriege da", 1981), Peter Maffay und Konstantin Wecker, oder die Bands der Neuen Deutschen Welle beschworen Weltuntergänge. Dass der "nukleare Holocaust" (wie das Szenario nun gerne apostrophiert wurde) kommerziell "lief", zeigt Boney M. Die Diskogruppe ersang sich mit "We kill the World" (1981) sozialkritische Glaubwürdigkeit. Die Schlagersängerin Nicole reüssierte 1982 mit "Ein bißchen Frieden". Das Nuklearthema degradierte zur europäischen Modeerscheinung, wenn der größte Strandschlager der 1980er Jahre, "Vamos a la playa", über die nukleare Verseuchung der Meere sinniert.[28]

Filme und Romane folgten. Die bekanntesten Beispiele sind das amerikanische TV-Drama "The Day After", das den nuklearen Weltuntergang am Beispiel einer mittwestlichen Kleinstadt drastisch inszeniert, und der britische Zeichentrickfilm "When the Wind Blows" (beide 1983).

Im Unterschied zu den monströsen oder galaktischen, meist postapokalyptischen Utopien der 1950er Jahre bilden die Szenarien der 1980er Jahre sowohl in ihren filmischen als auch in ihren literarischen Formen (mit Anton-Andreas Guhas "Ende. Tagebuch aus dem Dritten Weltkrieg", 1983, als markantes Beispiel) nicht die Welt nach dem nuklearen Armageddon ab, sondern schildern den Untergang selbst. Der deutsche Bestseller "Die letzten Kinder von Schewenborn", wartet mit plastischen Details aus der Ereigniskette eines Atomkriegs auf. Wie in "The Day After" wird die Vogelperspektive vermieden. Anders als der amerikanische Film, der die Möglichkeit menschlichen Überlebens andeutet, geht bei Pausewang mit den "letzten Kindern" die Weltgeschichte zu Ende.

Bei der Thematisierung von Nuklearängsten stechen die Unterschiede zu den 1950er Jahren hervor. "Angst" konnte in einer sich individualisierenden, demokratisierten Gesellschaft als positiv besetzter Topos sowohl in der Anti-AKW- als auch Friedensbewegung Geltung beanspruchen.[29] Während Anhänger der "Kampf dem Atomtod"-Kampagne sich gegen Zuschreibungen wehrten, sie schürten pure Emotionalität, wurde Angst nun als handlungsanleitender, rationaler Impuls gefeiert. Angesichts der Wahrscheinlichkeit des Atomkrieges sei "nicht die Angst, sondern die Angstfreiheit irrational", verteidigte der Philosoph Ernst Tugendhat die friedensbewegte Emotionalität.[30]

Resümee

Ein Überblick über die Kulturgeschichte der deutschen Nuklearangst hinterlässt ein Paradox, das der näheren geschichtswissenschaftlichen Aufklärung bedarf. Der friedliche Anti-AKW-Protest, der in Wyhl, Kalkar und Wackersdorf erfolgreich agierte und auf Bundesebene ein Moratorium der nuklearen Ausbaupläne erreichen konnte bzw. mit der jüngsten Wende sogar den "Atomausstieg", hat trotz seiner auch im internationalen Vergleich bemerkenswerten politischen Erfolge kaum den Atomkriegsphantasien vergleichbare populär- und hochkulturelle Fiktionen der Angst hervor gebracht.

Es fehlen also für die zivile Seite, trotz der signifikanten Ausnahme der Protestlieder, die Weiterungen in fast allen der hier untersuchten Bereiche kultureller Produktion. Dagegen ist die Kulturgeschichte Europas und Nordamerikas, vom vorübergehenden Rückgang der Atomangst in den 1960er Jahren einmal abgesehen, voll von postapokalyptischen und katastrophischen Fiktionalisierungen eines nuklearen militärischen Schlagabtauschs, der häufig mit einer weitgehenden Vernichtung menschlichen Lebens endet.

Eine Ausnahme in dieser relativen kulturgeschichtlichen Nicht-Thematisierung der Gefahren der zivilen Nutzung der Kernenergie stellt die nukleare Havarie von Tschernobyl dar (und vielleicht künftig auch die von Fukushima). Aber auch hier handelt es sich meist um dokumentarische Romane und nicht um fantastische Fiktionen. Tschernobyl hat (wie jüngst Fukushima) eine intensive publizistische Auseinandersetzung über die "Angst der Deutschen" bewirkt. Es half gesellschaftliche Ängste zu fokussieren, zumal hier das Entweichen von Radioaktivität keine Fiktion blieb, sondern die Wirklichkeit herausforderte (beschrieben von Christa Wolf).

Es ist ein wenig verwunderlich, dass atomare Reaktoren, die in der unmittelbaren Nachbarschaft vieler Künstler, Schriftsteller und Intellektueller standen (und stehen), als Projektionsfläche albtraumhafter Nuklearfiktionen offenbar unbrauchbar sind. Aufgrund der von weiten Kreisen gefürchteten Realität der Bedrohung schien es fiktiver Nachhilfen nicht zu bedürfen. Im Umkehrschluss ließe sich aber auch spekulieren, ob militärnukleare Untergangsszenarien vielleicht häufiger sind, weil sie einen hypothetischen Ernstfall betreffen, der außerhalb unserer tatsächlich vorstellbaren Realität liegt.

Fußnoten

1.
Zitate nach: William L. Laurence, Dämmerung über Punkt Null. Die Geschichte der Atombombe, München-Leipzig 1948; Robert Jungk, Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher, Stuttgart 1956, S. 207.
2.
Vgl. Joachim Radkau, Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945-1975. Verdrängte Alternativen in der Kerntechnik und der Ursprung der nuklearen Kontroverse, Reinbek 1983, S. 96f.
3.
Wolfgang Barthel et al., Der Unsichtbare Tod. Die Angst des Bürgers vorm Atom, Hamburg 1979.
4.
Vgl. Bernd Greiner et al. (Hrsg.), Angst im Kalten Krieg, Hamburg 2009.
5.
Vgl. die Beiträge von Holger Löttel und Judith Michel in: Patrick Bormann et al. (Hrsg.), Angst in den internationalen Beziehungen, Bonn 2010; Eckart Conze, Modernitätsskepsis und die Utopie der Sicherheit. NATO-Nachrüstung und Friedensbewegung in der Geschichte der Bundesrepublik, in: Zeithistorische Forschungen, (2010) 7, S. 220-239.
6.
Vgl. Günther Anders, Über die Bombe und die Wurzeln unserer Apokalypse-Blindheit, in: ders., Die Antiquiertheit des Menschen, Band I: Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956, S. 233-353.
7.
Vgl. Mick Broderick, Surviving Armageddon. Beyond the Imagination of Disaster, in: Science Fiction Studies, (1993) 20, S. 362-382.
8.
Vgl. Spencer R. Weart, Nuclear Fear. A History of Images, Cambridge/MA 1988, S. 24.
9.
G. Anders (Anm. 6), S. 276ff.
10.
Vgl. Dietmar Süss, Tod aus der Luft. Kriegsgesellschaft und Luftkrieg in Deutschland und England, München 2011, S. 534.
11.
Gerhard Paul, "Mushroom Clouds". Bilder des atomaren Holocaust, in: ders. (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder. Band I: 1900 bis 1949, Bonn 2009, S. 723-729, hier: S. 725.
12.
Friedrich Sieburg, Die Lust am Untergang. Selbstgespräche auf Bundesebene [1954], Neudruck Frankfurt/M. 2010, S. 74.
13.
Vgl. Ralph E. Lapp, Die Reise des glücklichen Drachen. Eine moderne Odyssee, Düsseldorf 1958.
14.
Vgl. Ilona Stölken-Fitschen, Atombombe und Geistesgeschichte. Eine Studie der fünfziger Jahre aus deutscher Sicht, Baden-Baden 1995, S. 95.
15.
Details nach www.mechagodzilla.de (5.10.2011).
16.
Ausführliche Übersicht bei Thomas Koebner (Hrsg.), Filmgenres: Science Fiction, Stuttgart 2003.
17.
Vgl. Susan Sontag, Die Katastrophenphantasie, in: dies., Kunst und Antikunst, Reinbek 1968, S. 232-250; für die Gegenposition vgl. Kaspar Maase, Was macht Populärkultur politisch?, Wiesbaden 2010.
18.
Vgl. Walter Jens (Hrsg.), Leben im Atomzeitalter. Schriftsteller und Dichter zum Thema unserer Zeit, Gräfelfing 1987.
19.
Vgl. I. Stölken-Fitschen (Anm. 14), S. 220.
20.
Vgl. Holger Nehring, Angst, Gewalterfahrungen und das Ende des Pazifismus. Die britischen und westdeutschen Proteste gegen Atomwaffen, 1957-1964, in: B. Greiner (Anm. 5), S. 436-464, hier: S. 441.
21.
Vgl. Raimund Kurscheid, Kampf dem Atomtod. Schriftsteller im Kampf gegen eine deutsche Atombewaffnung, Köln 1981.
22.
Vgl. Ulrich Krökel, "Bombe und Kultur". Künstlerische Reflexionen über die Atombombe von Hiroshima bis Cernobyl, in: Michael Salewski, Das nukleare Jahrhundert. Eine Zwischenbilanz, Stuttgart 1998, S. 188-216.
23.
Vgl. Michael Geyer, Der Kalte Krieg, die Deutschen und die Angst. Die westdeutsche Opposition gegen Wiederbewaffnung und Kernwaffen, in: Klaus Naumann (Hrsg.), Nachkrieg in Deutschland, Hamburg 2001, S. 267-318.
24.
Vgl. Kai F. Hünemörder, Die Frühgeschichte der globalen Umweltkrise und die Formierung der deutschen Umweltpolitik 1959-1973, Stuttgart 2004, S. 154ff.
25.
Zur Antiatomkraftbewegung siehe auch den Beitrag von Joachim Radkau in dieser Ausgabe.
26.
Vgl. Thomas Rotschild, Liedermacher. 23 Porträts, Frankfurt/M. 1980, S. 147.
27.
Vgl. Philipp Baur, Nukleare Untergangszenarien in Kunst und Kultur, in: Christoph Becker-Schaum et al. (Hrsg.), Die Nuklearkrise: Der NATO-Doppelbeschluss und die Friedensbewegung der 1980er Jahre, Paderborn 2012 (i.E.).
28.
Vgl. Sebastian Peters, Ein Lied mehr zur Lage der Nation. Politische Inhalte in deutschsprachigen Popsongs, Berlin 2010; Philipp Gassert, Die Vermarktung des Zeitgeists. Nicoles "Ein bißchen Frieden" (1982) als akustisches und visuelles Dokument, in: Zeithistorische Forschungen, (2012) 2 (i.E.).
29.
Vgl. Susanne Schregel, Konjunktur der Angst. "Politik der Subjektivität" und "neue Friedensbewegung", 1979-1983, in: B. Greiner (Anm. 4), S. 495-520.
30.
Ernst Tugendhat, Nachdenken über die Atomkriegsgefahr und warum man sie nicht sieht, Berlin 1986, S. 37.

Philipp Gassert

Zur Person

Philipp Gassert

Dr. phil., geb. 1965; Professor für die Geschichte des europäisch-transatlantischen Kulturraumes an der Universität Augsburg, Universitätsstraße 10, 86159 Augsburg. philipp.gassert@phil.uni-augsburg.de


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