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5.3.2012

Annäherung an ein unbekanntes Land - Essay

Indonesien ist ein Land größter Gegensätze: Auf 17 000 Inseln verteilen sich über 300 Ethnien. Den demokratischen Entwicklungen stehen Probleme wie Armut, Korruption und wachsende religiöse Spannungen gegenüber.

Einleitung



Jakarta zur Feierabendzeit an einem beliebigen Tag: Wie ein zäher Lavastrom schieben sich die Lichter der schier endlosen Blechlawine über die von blühenden Frangipanibäumen gesäumten Boulevards Thamrin und Sudirman im Central Business District, vorbei an säulenverbrämten Zuckerbäckerbauten und vielstöckigen Glasfassaden der Banken, Versicherungen und Verwaltungsgebäuden großer Unternehmen. Der Strom schiebt sich, Stoßstange an Stoßstange, nicht wenige von Luxuskarossen deutscher Provenienz, im Schneckentempo um die Plaza Indonesia, vorbei am dereinst ersten Sterne-Hotel des Landes, dem legendären Hotel Indonesia, jetzt Kempinsky, eingerahmt von hell erleuchteten Shoppingtempeln. Mit der Energie, die allein die Klimaanlagen um den Platz herum täglich verbrauchen, ließe sich vermutlich einen Monat lang eine Kleinstadt versorgen.

Wer sich auf diese Weise der indonesischen Hauptstadt nähert, könnte versucht sein, sie für eine gewöhnliche, moderne Metropole zu halten. Erste Zweifel befallen den Besucher aber beim Versuch, aus dem Strom auszubrechen. Es gibt weder Parkplätze noch Bürgersteige; mit Schranken gesicherte, schwer bewachte Grundstückseinfahrten machen ein Anhalten unmöglich. Seit den Bombenanschlägen 2003 und 2009 sind öffentliche Gebäude, Banken und Hotels nicht mehr ohne Kontrollen zu begehen. So fährt man gezielt vom Hotel zur Mall, zur Bank, zum Amt. Inselhopping in der Stadt, synonym zum Rest des Landes, das sich auf mehr als 17000 Inseln verteilt. Und wer sich traut, aus dem klimatisierten Wagen auszusteigen, ohne sich direkt in ein klimatisiertes Gebäude zu flüchten, stellt schnell fest: Jenseits des Pomp ist Niemandsland. Das Elend liegt nahtlos um die Ecke. Die Löcher in ehemaligen oder unvollendeten Bürgersteigen, die sich über teerschwarzen, stinkenden Abwasserkanälen öffnen, sind so groß, dass ein Moped darin verschwinden könnte. Kleineleuteviertel gehen rasch über in Armenviertel, geprägt von aus den Fugen geratenen Häusern, die nur durch guten Willen, Hoffnung und sehr viele Wäscheleinen zusammengehalten werden. Während des Ramadan boomt der Babyverleih: Arme Familien verpachten ihre Säuglinge für ein paar Rupiah an Bettlerinnen, die mit den Babys auf dem Arm zum Zwecke der effektiveren Mitleidserregung in Scharen an Kreuzungen und im Stau Autofahrer anbetteln.

Die Hauptstädter, besonders die jungen Blackberry- und Mac-Besitzer, bezeichnen ihre Stadt gerne als buzzling, als asiatische Antwort auf New York oder Paris. Dass dazu mehr gehört als Konsumtempel und Abgaswolken, wird dabei lieber übergangen. Für viele ist der Stau ein Ausdruck von Wohlstand: Wo nichts sei, könne sich auch nichts stauen. Auf die fatale Stadtplanung und den schon vor 20 Jahren absehbaren Mangel an Straßenfläche und einem öffentlichen Nahverkehrssystem kommt man nicht gerne zu sprechen. Auch nicht auf das katastrophale Müll- und Abwassersystem oder die alljährlich während der Regenzeit wiederkehrenden Überschwemmungen, bei denen jedes Mal Tausende ihre Häuser und nicht wenige ihr Leben verlieren. Wie Monumente des Versagens mahnen über viele Straßenkilometer die verrotteten Pfeiler einer vor zehn Jahren vollmundig angekündigten Hochbahn, die endlich die Rettung vor dem Verkehrskollaps bringen sollte. Sang- und klanglos wurde das Projekt eingestellt. Bürokratische Hürden, Streitereien bei der Auftragsvergabe und das "Verschwinden" öffentlicher Gelder dürften, wie beim Scheitern der meisten öffentlichen Vorhaben, auch hier die Gründe gewesen sein. Soziale Ungerechtigkeit, Armut und Korruption sind nicht auf die Hauptstadt beschränkt, im Gegenteil. Aber in Jakarta laufen die Fäden zusammen, hier werden Entscheidungen getroffen, hierher fließt das Geld, und hier versickert es auch. Hier lassen sich die Probleme des Landes wie durch ein Brennglas betrachten; gelöst werden die wenigsten.

Java: Kulturelles und politisches Zentrum



Das Archipel erstreckt sich über mehr als 5000 Kilometer zwischen dem indischen Ozean im Westen, dem südchinesischen Meer im Norden und dem Pazifik im Osten. Während die Bewohner Papuas im Osten nur einen Steinwurf von der Nordküste Australiens entfernt sind, kann der Besuch der Hauptstadt mehrere Tagesreisen - Fußmärsche und Schiffspassagen eingeschlossen - erfordern. Aber nicht nur räumlich ist man weit voneinander entfernt: Mehr als 300 verschiedene Ethnien mit je eigenen Kulturen, Wertesystemen, Weltsichten, Eigenarten, Erinnerungen, Visionen und je kollektiver Geschichte bevölkern das Archipel. Entsprechend babylonisch ist auch die Verständigung: Obwohl fast alle Indonesier neben ihrer Regionalsprache die Einheitssprache Bahasa Indonesia beherrschen und damit zweisprachig sind, werden landesweit zwischen 250 und mehr als 800 Sprachen gesprochen, davon allein rund 500 zum Teil gravierend unterschiedliche Sprachen und Dialekte auf Papua.

Den Indonesier gibt es nicht. Indonesien ist ein Land größter Gegensätze. Das Spektrum reicht von der hinduistisch geprägten und in Teilen stark verwestlichten "Ferieninsel" Bali bis zur streng islamischen autonomen Provinz Aceh im Norden Sumatras. Doch wer Indonesien verstehen will, muss zuallererst Java verstehen. Denn das, was auch von vielen Indonesiern häufig für urindonesisch gehalten wird, ist tatsächlich javanisch. Die Insel ist Wiege und Kinderstube des Landes, ihre Kultur ist seit Jahrhunderten prägend. Neben Bali ist sie die landwirtschaftlich fruchtbarste Insel des Archipels und bildet sein politisches, kulturelles und wirtschaftliches Herz. Javaner sind die Entscheidungsträger und Inhaber der wichtigsten Positionen in Politik, Militär und Verwaltung. Dass die damit einhergehenden Bevorzugungen nicht überall goutiert werden, liegt auf der Hand. Zudem mehren sich Befürchtungen, dass die staatlich geförderte Javanisierung letztendlich die Auslöschung der anderen Kulturen und Ethnien und ein vollständig assimiliertes Indonesien zum Ziel habe.

Obwohl Java nur rund sieben Prozent der gesamten Landesfläche einnimmt, leben mit 130 Millionen mehr als die Hälfte der 240 Millionen Indonesier dort, gut ein Zehntel davon allein im Großraum Jakarta. Die Fruchtbarkeit der Insel haben schon die Vorfahren der heutigen Javaner erkannt, die vor etwa 5000 Jahren als malaiische Einwanderer kamen. Diese brachten zwei wesentliche Fähigkeiten und Neuerungen mit: die Nassreiskultur und den dafür unerlässlich hohen Grad an Gemeinschaftsorganisation - gotong royong, ein System gegenseitiger Unterstützung (genauer: des gemeinsamen Tragens einer Last), das noch heute als einer der Grundpfeiler javanischer Ethik gilt.

Die sogenannte hinduistisch-buddhistische Epoche auf Java begann nach unserer Zeitrechnung um das Jahr 100, erreichte ihre Blüte mit den buddhistischen Reichen Sri Vijaya und Sailendra sowie dem hinduistischen Mataram und Majapahit-Reich und endete unter zunehmendem islamischem Einfluss im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts. Während dieser Zeit waren Hinduismus und Buddhismus mit dem ursprünglichen animistischen Glaubenssystem der Neu-Javaner zu einem Weltbild ohne Absolutheitsanspruch verschmolzen, aus deren Systemen sich jeder nach seinen Bedürfnissen "bediente". Auch wenn sich ab dem 12. Jahrhundert zunächst die Herrscher und später auch die Bevölkerung formal zum Islam bekannten, spielte er bis ins 18. Jahrhundert im täglichen Leben keine große Rolle, sondern wurde, wie die spirituellen Lehren zuvor, in das bestehende Weltbild integriert. Die frühe javanische Gesellschaft kennzeichnete eine flache Hierarchie innerhalb der Gemeinschaft, in der die Stellung einer Person an ihrem Beitrag zum Gemeinwohl bemessen wurde. Am Ende der hinduistisch-buddhistischen Periode stand eine stark hierarchisch geprägte Klassengesellschaft, die sich in eine reiche und gebildete höfische Elite auf der einen Seite und die ungebildete Landbevölkerung auf der anderen teilte.

Transmigrasi



Im Rahmen des unter dem Regime von Suharto (1967-1998) begonnenen Transmigrasi-Programms wurden seit den späten 1960er Jahren mehrere Millionen Einwohner der überbevölkerten Inseln Java und Madura auf anderen Inseln angesiedelt. Trotzdem wächst die javanische Bevölkerung beständig durch Zuzüge. Die starke Zentrierung von Politik und Wirtschaft auf die Hauptinsel und die systematische Ausbeutung bei gleichzeitiger Vernachlässigung der übrigen Regionen treiben immer mehr Menschen auf der Suche nach einem Auskommen oder beruflichen Perspektiven nach Java. In der Hoffnung auf ein bisschen Wohlstand oder bessere Chancen für ihre Kinder zieht auch verarmte Landbevölkerung dorthin, wenngleich dies für viele bedeutet, in armseligen Hütten in illegalen Siedlungen am Rande der Städte zu hausen und zur Masse der Millionen anderen Chancenlosen zu addieren.

Das durch die Weltbank finanziell massiv unterstützte Migrationsprogramm, das die Umsiedlung von bis zu 70 Millionen Indonesiern vorsah, erschien bei flüchtiger Betrachtung zwar durchaus sinnvoll; überbevölkerte Regionen sollten entlastet und die Entwicklung bislang wenig erschlossener Gebiete vorangetrieben werden. Inzwischen muss Transmigrasi aber als grandios gescheitert betrachtet werden. Nicht nur stehen Aufwand und Ergebnis in keinem guten Verhältnis, das Programm hat tatsächlich mehr Probleme kreiert als gelöst.

Während Neusiedler aus Java und Madura mit Häusern, Land und Saatgut ausgestattet wurden, gingen die ursprünglichen und ohnehin häufig armen Bewohner leer aus. Den Alteingesessenen wurde zudem entweder direkt oder durch die schiere Zahl der Migranten eine javanische Verwaltung aufgezwungen, die tradierte Strukturen und Hierarchien auflöste und die Ursprungsbevölkerung kulturell und wirtschaftlich an der Rand drängte. Soziale Unruhen waren nur eine Folge der kaum umsichtigen Umsiedlungen. Im Februar 2001 kam es etwa in West-Kalimantan zu Gewaltausbrüchen zwischen dort ansässigen christlichen Dayak und transmigrierten muslimischen Maduresen, in deren Verlauf mehrere Hundert Menschen getötet wurden und mehr als 10000 Maduresen fliehen mussten. Andere Migranten verpflanzte man in Regionen mit so armseligen Böden, dass es beinahe zwangsläufig zu Missernten, Hungersnöten und Konflikten mit Einheimischen kam. Besonders in Kalimantan auf Borneo führen groß angelegte Umsiedlungswellen zu massiven Umweltschäden und Regenwaldzerstörung durch Kahlschlag und Brandrodung.

Obwohl die Geldgeber das Scheitern des Programms inzwischen erkannt und sich weitgehend daraus zurückgezogen haben, hält die indonesische Regierung weiterhin daran fest. Mehr als ein bevölkerungs- und wirtschaftspolitisches Instrument ist Transmigrasi zu einem innen- und sicherheitspolitischen Kontrollinstrument verkommen, das Unabhängigkeitsbestrebungen verhindern und durch die fortgesetzte Javanisierung der Außeninseln die Bevölkerung homogenisieren und kulturelle Unterschiede zugunsten des Javanischen ausmerzen soll.

Koloniales Erbe



In den Augen vieler Indonesier ist die grassierende Korruption keine indonesische Erfindung, sondern eine der wenigen "nachhaltigen" Hinterlassenschaften der holländischen Kolonialherren, die das Land 350 Jahre lang ausgebeutet und kontrolliert haben. Seither ist das System von Vetternwirtschaft, Vorteilsnahme und Bestechung beinahe untrennbar in alle Lebensbereiche der Indonesier verwoben. Das geht so weit, dass viele Indonesier Korruption auch in den offensichtlichsten Spielarten nicht erkennen. Viele halten Schmiergeld für ein besonderes Merkmal des sozialen Miteinanders, das wiederum als Teil der nationalen Identität gilt.

Es kann getrost behauptet werden, dass es in Indonesien keinen einzigen korruptionsfreien Lebensbereich gibt; Polizei, Gerichte, Behörden, Schulen und Universitäten und Privatwirtschaft sind regelrecht durchseucht. Extra-Gebühren werden überall fällig: für die gute Note in der Grundschule, den Uni-Abschluss, die Heiratsurkunde, die Führerscheinverlängerung oder die Genehmigung für den Betrieb einer mobilen Suppenküche. Ganz zu schweigen von der Vergabe öffentlicher und privater Aufträge und Ausschreibungen. Die einträglichsten Straßenkreuzungen in Jakarta erkennt man an den dicksten Polizisten.

Als die Niederländische Ostindien-Kompanie (Vereenigde Oostindische Compagnie, VOC) ab Anfang des 17. Jahrhunderts begann, das Archipel mit Handelsstützpunkten zu überziehen, machte sie sich die Machtkämpfe und die Orientierungslosigkeit im gerade zerfallenen Hindu-Reich der Majapahit und ab Mitte des 17. Jahrhunderts auch die Macht- und Erbstreitereien des islamischen Mataram zunutze, um sich Handelsrechte zu sichern und Land gegen Verteidigungsbünde zu sichern. Auch wenn den anfänglichen Verhandlungen bald Gewalt und militärische Interventionen zur Durchsetzung ihrer Interessen folgten, haben die Holländer doch ein weitreichendes Günstlings- und Selbstbedienungssystem auf Java etabliert, dem sie am Ende selbst zum Opfer fielen. Obwohl man aus dem Gewürzhandel und dem Anbau und Export von Kaffee, Tee, Tabak und Zuckerrohr auf der Insulinde unvorstellbare Werte erwirtschaftet hatte, war die VOC gegen Ende des 18. Jahrhunderts bankrott. Zu viele ihrer Entsandten und Mitarbeiter hatten sich an den Gewinnen bedient. Nach Jahren der Korruption, Misswirtschaft und Betrügereien übernahm schließlich die holländische Regierung das Gebiet der VOC, nunmehr offiziell als Kolonie Nederlands Oost-Indië.

Heute vergeht kaum ein Tag, an dem die indonesischen Zeitungen nicht mit neuen Korruptionsfällen aufwarten können. Seit der Einführung der Antikorruptionsbehörde KPK 1999 kommt es zwar zunehmend zu Strafverfolgung und auch zu Verurteilungen, aber bei der schieren Zahl der Fälle gleicht das einem Kampf mit Steinschleudern gegen Panzer. Zu einem der symptomatischsten Fälle der vergangenen beiden Jahre dürfte der des Finanzbeamten Gayus Tambanan zählen. Für ein Bestechungsgeld von mehr als drei Millionen US-Dollar hatte er die Steuerunterlagen zugunsten dreier Firmen manipuliert, die alle einem der zehn reichsten Männer des Landes, Aburizal Bakri, gehören. Nachdem Gayus - trotz massiver Behinderung der KPK durch die Polizei - zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, veröffentlichte die "Jakarta Post" kurz darauf Fotos von Gayus, die ihn bei verschiedenen Tennismatches im Publikum zeigten. Die "Ausflüge" aus dem Gefängnis hatte er sich mit Schmiergeldern erkauft. Bakri wiederum, zu dessen Vorteil er die Papiere gefälscht hatte, gilt als einer der aussichtsreichsten Kandidaten bei der nächsten Präsidentschaftswahl im Jahr 2014.

Reiches armes Indonesien



Indonesien ist ein reiches Land - eigentlich. Es verfügt über große Erdöl- und Erdgasvorkommen sowie Bodenschätze wie Gold, Kupfer, Zinn, Nickel und Bauxit. Diese sowie Holz, Reis, Gewürze, Kaffee, Tee, Tabak, Naturkautschuk und Palmöl gehören zu den wichtigsten Exportartikeln. Doch auch fast 70 Jahre nach der blutig erkämpften Unabhängigkeit und der Gründung der Republik Indonesia im Jahr 1950, die sich unter ihrem ersten Präsidenten Sukarno (1945-1967) unter anderem soziale Gerechtigkeit auf die Fahne geschrieben hatte und die Nationengründung unter das Motto Bhinneka Tunggal Ika, Einheit in der Vielfalt, stellte, gibt es heute weder das eine noch das andere. In mehrfacher Hinsicht hält man noch immer an den untauglichen Konzepten der Kolonialmacht fest: Die Wirtschaft ist ganz auf die Ausbeutung der kostbaren Rohstoffe und deren Export konzentriert. Konzessionen im Forst-, Plantagen- oder Minensektor werden wenig transparent vergeben und die Profite kommen nur einer kleinen Elite zugute. Nach wie vor wird der Staat seiner Verantwortung, den Reichtum des Landes für dessen Entwicklung zu nutzen, nicht gerecht. Weder wird ausreichend in Bildung oder in Infrastruktur noch in die verarbeitende Industrie oder in die Ausbildung von Fachkräften investiert, die es ermöglichen würde, die Rohstoffe auch langfristig unter Schaffung von Arbeitsplätzen und mit einem erhöhten Mehrwert zu vermarkten.

Armut bestimmt das Leben der meisten Indonesier. Der Weltbank zufolge lebt mehr als die Hälfte der Bevölkerung von weniger als zwei US-Dollar am Tag, während sich am anderen Ende der Gesellschaft ein geradezu obszöner Reichtum entwickelt hat. Die vom Magazin "Forbes" veröffentlichte Liste der reichsten Indonesier wird, wie jedes Jahr, von den Brüdern Budi und Michael Hartono angeführt, die es unter anderem mit der Produktion von Zigaretten zusammen auf ein Vermögen von 14 Milliarden Dollar bringen. Während zwei Drittel der gesamten volkswirtschaftlichen Leistung von schlecht ausgebildeten, schlecht bezahlten und schlecht geschützten Menschen im informellen Sektor erwirtschaftet wird, entfällt auf nur 20 Prozent der Gesellschaft, auf die well offs und Superreichen, die Hälfte des nationalen Einkommens.

Der Autokrat Suharto hat das System der Ausbeutung, Vetternwirtschaft und Korruption mit Unterstützung des Militärs geradezu perfektioniert. Der General hatte sich 1965 an die Macht geputscht und es verstanden, das Land für sich, seinen Clan und seine Günstlinge auszuschlachten. Während seiner 30-jährigen Amtszeit als Präsident soll er zwischen 15 und 80 Milliarden Dollar beiseite geschafft haben. Unter seiner "Neuen Ordnung" (Orde Baru) öffnete sich das Land auch für westliche Investoren, die sein Vorgänger Sukarno zunächst hartnäckig düpiert hatte. Der Umstand, dass Suharto, quasi zur Amtseinführung, zwischen 500000 und einer Million tatsächlicher oder vermeintlicher Kommunisten und einen großen Teil der chinesischen Bevölkerung hatte ermorden lassen, hinderte den Rest der Welt nicht daran, in Indonesien zu investieren. Die USA wurden zum wichtigsten Handelspartner, und auch zu Deutschland pflegte der Diktator enge Kontakte. Sogar die völkerrechtswidrige Besetzung Ost-Timors 1975, in deren Folge rund ein Drittel aller Timorer durch Massaker zu Tode kam, änderte nichts an den guten Handelsbeziehungen.

Ebenso wenig ließen sich Investoren von der illegitimen Annexion West-Papuas und den beispiellosen Massakern an der dortigen Bevölkerung abhalten. Durch den sogenannten Act of Free Choice, eine Farce unter den Augen der UNO, der wohl als der dreisteste Wahlbetrug aller Zeiten gelten dürfte, war das um Unabhängigkeit bemühte West-Papua 1969 offiziell Indonesien zugefallen. Doch zu groß sind die natürlichen Ressourcen der Provinz, als dass man sich deren Unabhängigkeit leisten könnte. Die amerikanische Freeport Sulphur Company erhielt von Suharto als erstes ausländisches Unternehmen eine Betriebsgenehmigung zur Ausbeutung der Gold- und Kupfervorkommen auf Papua. Inzwischen betreibt Freeport-McMoRan mit der Grasberg-Mine die weltweit größte Gold- und kostengünstigste Kupfermine. Zehn Prozent der dort erwirtschafteten Milliardengewinne (2010: 4,1 Milliarden US-Dollar) gehen direkt an die indonesische Regierung. Bei der überwiegend christlichen Bevölkerung der Insel bleibt freilich nichts hängen, Papua zählt zu den ärmsten Regionen des gesamten Archipels. "So lange Freeport hier ist, wird Papua nicht unabhängig sein", konstatiert auch der prominente Geistliche Neles Tebay, der das Friedensnetzwerk Papua mitbegründete.

Neue Wege und Aussichten



Seit Suhartos erzwungenem Rücktritt 1998 befindet sich Indonesien in einem politischen Veränderungsprozess, und mit Susilo Bambang Yudhoyono, kurz SBY, hat das Land seit 2004 seinen ersten in freier Direktwahl gewählten Präsidenten. Unter SBY hat sich Indonesien vom Entwicklungsland zum Schwellenland gemausert und auch auf regionalem wie internationalem Parkett spielt es eine zunehmend ernst zu nehmende Rolle. Jakarta ist Sitz des Sekretariats der Association of Southeast Asian Countries (ASEAN) und des Ausschusses der Ständigen Vertreter der ASEAN-Mitgliedstaaten. Im Dezember 2007 fand auf Bali die UN-Klimakonferenz statt, im Juni 2011 beherbergte Jakarta zum ersten Mal den Weltwirtschaftsgipfel, und Indonesien ist als einziger südostasiatischer Staat im Forum der G20-Gipfel vertreten.

Im vergangenen Jahr übertraf die indonesische Wirtschaft mit einem Wachstum von mehr als sechs Prozent alle Erwartungen, aktuell befindet sich das Land in einem regelrechten Konsumboom. Schon wird euphorisch die neue Mittelschicht heraufbeschworen, die jedoch noch weit davon entfernt ist, dauerhaft das Vakuum zwischen den Armen (50 Prozent der Bevölkerung) und den Superreichen (zehn Prozent) auch nur annähernd zu füllen, zumal der Boom nichts anderem geschuldet ist, als dem Ausverkauf der Rohstoffe. Und das birgt große Risiken. Viel Geld fließt ins Land, aber nur wenig wird darauf verwendet, alte Probleme zu lösen. Ohne eine verarbeitende Industrie als Puffer macht sich die Wirtschaft gefährlich abhängig von schwankenden Rohstoffpreisen. Auf der anderen Seite wird das Bruttosozialprodukt zur Hälfte mit kurzlebigen Konsumgütern erwirtschaftet, die auf Verbraucherseite keine Werte schaffen.

Die Wirtschaft ist aber nicht die einzige "Baustelle" im Land. Zwar gibt es inzwischen freie Wahlen, aber machen die automatisch eine Demokratie? Auch 14 Jahre nach Ende der Suharto-Diktatur sind es noch immer die alten Seilschaften, welche die Landschaft aus Politik und Wirtschaft bestimmen. Und selbst dort, wo das Personal gewechselt hat, greifen noch die alten Mechanismen. Wie sehr die alten Strukturen noch funktionieren, beweist gerade der jüngste Sohn des 2008 verstorbenen Diktators, Hutomo Mandala Putra Suharto, genannt Tommy. Mit der Unterstützung der Partei Hanura ("Gewissens-Partei") will er sich bei der Wahl 2014 um das Präsidentenamt bewerben. Dass es sich bei dem Kandidaten um einen ehemaligen Verbrecher handelt, scheint niemanden anzufechten. Tommy wurde 2002 wegen des Auftrags zum Mord an einem hohen Richter, der ihn in einem Betrugsfall für schuldig befunden hatte, zu 15 Jahren Haft verurteilt. Doch schon nach vier Jahren wurde Tommy aus der Haft entlassen. Geld und Einfluss wirken in Indonesien auch posthum. Die Partei Hanura tritt unter anderem mit der Losung an, "die moralischen Werte in der Gesellschaft zu sichern". Gegen ihren Gründer, General Wiranto, liegt indes seit 2004 ein Haftbefehl der Behörden Ost-Timors vor. Er soll 1999 maßgeblich an der Vertreibung und Ermordung Tausender Timorer beteiligt gewesen sein. Doch Indonesien ignoriert den Haftbefehl. Demokratie geht anders.

Seit Sukarno dem 240-Millionen-Volk vor 70 Jahren die "Einheit in der Vielfalt" verordnet hat, hat sich ein starkes Nationalbewusstsein entwickelt. Mit der Vielfalt und Toleranz gegenüber Andersdenkenden tun sich allerdings immer noch viele schwer. Sowohl innerhalb der Bevölkerung als auch seitens der Regierung wird vor allem auf Unabhängigkeitsbestrebungen einzelner Landesteile höchst empfindlich reagiert. Gerade im Umgang mit dem ohnehin auf allen Ebenen schlecht behandelten Papua ist keine Lösung abzusehen; vielmehr scheint sich dieser Konflikt, bei dem sich Nationalstolz mit massiven wirtschaftlichen Interessen paart, wieder zu verschärfen.

Besorgniserregend ist auch die zunehmende religiöse Intoleranz und Radikalisierung islamistischer Gruppen im bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Welt. Christliche Kirchen sehen sich und ihre Mitglieder seit einigen Jahren verschärft schikaniert und, meist unter Vorschiebung bürokratischer Gründe wie fehlender Genehmigungen, an der Ausübung des Gottesdienstes gehindert. Doch sind es weniger die Behörden, als vielmehr radikalislamische Gruppierungen wie die FPI ("Front der Verteidiger des Islams"), die sich als Moralwächter aufspielen. Zahllose Kirchen wurden in den vergangenen Jahren - ungeahndet - offen oder klammheimlich niedergebrannt.

Selbst Muslime sind nicht sicher vor den Radikalen. Im Februar 2011 stürmte in der javanischen Provinz Banten ein Mob von 1500 Menschen eine Moschee der Ahmadiyya-Glaubensgemeinschaft, deren Angehörige den Koran geringfügig anders deuten als der Mainstream der Muslime in Indonesien. Unter den Augen der untätigen Polizei ging die Moschee in Flammen auf, drei Menschen wurden erschlagen. Schockierend war auch der Umgang der Behörden mit dem Fall: Keiner der Brandstifter oder Mörder, die alle über Filmaufnahmen eindeutig identifiziert werden konnten, wurde verurteilt, vielmehr wurde Anklage gegen einen Ahmadi wegen Provokation erhoben. Statt Toleranz gegenüber der ethnischen, kulturellen und weltanschaulichen Vielfalt hat sich vielerorts ein religiöser Nationalismus mit faschistoiden Zügen entwickelt, dem die Regierung offenbar nichts entgegenzusetzen gewillt ist. Toleranz scheint nur für die Intoleranten zu gelten. Wiewohl die Mehrzahl der indonesischen Muslime als friedlich und moderat gelten muss, haben es sowohl die Regierung und insbesondere SBY, als auch die beiden großen muslimischen Dachverbände Nahdatul Ulama (NU) und Muhammadiyah versäumt, sich von diesen Gruppierungen zu distanzieren und eindeutig Stellung gegen die Gewalt zu beziehen.

SBY wird 2014 nicht mehr kandidieren können; sein Wahlversprechen, die Korruption auszutrocknen, hat er nicht gehalten. Jedes Mal, wenn er es in der Hand hatte, Signale zu setzen, hat der Präsident gekniffen. Auch in Fragen der gewalttätigen islamischen Gruppierungen hat er kein Profil gezeigt. Seine Amtszeit ist trotz außenpolitischer Erfolge, etwa im Kampf gegen den internationalen Terror, eine lange Kette vertaner Chancen. Indonesien ist unbestreitbar auf dem Weg. Ob es in die richtige Richtung geht, werden auch die kommenden Wahlen zeigen, bei denen hoffentlich nicht zwischen Steuerbetrügern und Anstiftern zum Mord fürs Präsidentenamt entschieden werden muss. Demokratie heißt auch, dass alle Bürgerinnen und Bürger eines Landes die gleichen Rechte und Pflichten haben, unabhängig davon, auf welcher Insel sie leben, an welchen Gott sie glauben oder ob sie in Prada oder im Lendenschurz daherkommen.

Doris K. Gamino

Zur Person

Doris K. Gamino

M.A., geb. 1958; Publizistin und Journalistin; lebt in Jakarta/Indonesien.


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