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23.10.2014

Besprechung

Stefan Landorfs "Besprechung" veranschaulicht eindrücklich, wie stark die moderne Arbeitswelt und der Habitus von Berufstätigen von oft ritualisierten, sich immer wiederholenden Sitzungen, Meetings oder Konferenzen dominiert ist. In nüchternen Bildern und Nachinszenierungen offenbart dieser Dokumentarfilm beachtlichen analytischen Scharfblick. In dem folgenden Aufsatz beschreibt der Regisseur Stefan Landorf die Idee hinter seinem Filmprojekt.

Szenenfoto aus "Besprechung", Deutschland 2009, 82 min (© Stefan Landorf)


Könnte sich der Gedanke umdrehen lassen, das Spiel der Kindheit verfestige sich mit den Mitteln der Sprache in eine versteifte, ritualisierte Sitzung? Nach Abschluss eines Medizin- und eines Filmstudiums war mir in jedem dieser Berufe das Besprechungszimmer auch immer wie ein Prüfungsraum, in dem es mittels der Sprache zu beweisen galt, das Gelernte auch wirklich zu beherrschen. Besonders ein angehender Arzt erfährt die Aufnahme ins System genau dadurch, die Krankheitsgeschichten seiner Patienten immer wieder bei der Visite oder bei der Morgenbesprechung rekapitulieren zu können. Davon handelte unter anderem mein Film "Aufnahme" (2001).
Interview mit dem Regisseur Stefan Landorf über seinen Film "Die Besprechung", für den er Gremiensitzungen, Abteilungsleiterkonferenzen und andere Formen formeller Kommunikation nachinszenierte um deren Absurdität vorzuführen. (© 2014 Bundeszentrale für politische Bildung)

Nur schien es mir jetzt, so wie wir unsere Standardanekdoten und -legenden immer wieder erzählen, so erzählen die Sitzungen das Strukturprinzip jedes Betriebes. Das Schauspiel ist den Besprechungsteilnehmern dabei ohnehin unabdingbarer Bestandteil ihres Auftritts. So mochte z.B. der Bundeswehrgeneral seinen Schlusssatz "Noch Nachbrenner?" gerade vor der Kamera nicht sagen, ohne jedem danach noch einmal in die Augen zu schauen. So hatte er es sich beigebracht. Ein Besprechungsraum hieß einfach gleich "performance hub".

Warum dann nicht das Schauspiel in die Form zurückgeben, indem die Protagonisten aufgefordert werden, ihre Sätze noch einmal einzustudieren? Und so konnte auch das Filmmaterial sich als sein eigenes Archiv begreifen. Ein Archiv, das, ausschließlich aus sich selbst heraus, mit den ihm innewohnenden Regeln und Gesetzen strukturiert wird. Für mich entstand dabei ein Spiel mit 1101 Dateikarten, das tatsächlich das individualpsychologische Modell des Lernens auf den Kopf stellen konnte. Sichtbarer Ausdruck dessen sind für den Zuschauer die Schauspieler vor den Karteireiter-ähnlichen Farbflächen eines multifunktionalen Konferenzbereiches. Sie strukturieren den Film bis hin zur abschließenden sinnfreien, aber durchaus real klingenden Besprechung.

Text: Stefan Landorf

Stefan Landorf

Über den Künstler

Stefan Landorf

Stefan Landorf, geb. 1963, lebt in Berlin. Filme: Besprechung (2009), Aufnahme (2001), jan T zen oder die Kunst, als Zahnarzt Pleite zu gehen (1998).


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