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30.10.2019

Die DDR verschwand – die Filmschaffenden machten weiter

Einführung

Die Dokumentarfilme der letzten DEFA-Generation erhellen die Zeit vor dem Mauerfall, im Wendejahr und schließlich im vereinigten Deutschland mit einem präzisen Blick auf das Leben der Menschen in Ostdeutschland.

In Dieter Schumanns dokumentarischem Roadmovie Flüstern & Schreien (DDR 1988) gibt es eine Szene, die einen verblüffenden Eindruck der DDR-Gesellschaft kurz vor dem Mauerfall vermittelt – und die zugleich exemplarisch dafür stehen mag, wofür sich die DEFA-Dokumentarfilmer/-innen jener Zeit interessierten: Abweichung und Alltag. Eine Konzertlocation in Ostberlin bildet das Setting. Junge Menschen drängen sich an der Kamera vorbei, in der Bildmitte zwei Punkerinnen in einem Türrahmen. Eine der beiden Frauen – Lederjacke, schwarz lackierte Fingernägel, pink gefärbte Haare und Undercut-Frisur – hat sich gerade im Berliner Dialekt als "Wirtschaftskaufmann" vorgestellt. "Ich möchte noch was sagen", mischt sich da ihre Freundin, eine Friseurin, ein: "Es ist nicht so, dass wir Punks grundsätzlich was gegen unsere Gesellschaft haben. Wir sind Linke – und der Sozialismus ist auch links. Trotzdem können wir nicht alles gutheißen, was in unserer Gesellschaft los ist."

Flüstern & Schreien, Szenenbild (© DEFA Stiftung, Tina Bara)


Ein Land dokumentiert sich selbst

Dass Filmschaffende das Leben in einer Diktatur wie der DDR weitreichend dokumentieren konnten, zum Teil auch (wie hier) an den oppositionellen Rändern der Gesellschaft, ist kein Zufall. In der DEFA, dem staatlichen Filmunternehmen, nahm die Dokumentarfilmproduktion von Beginn an eine außergewöhnliche Rolle ein: Gut 10.000 kurze und lange Filme dieser Gattung entstanden zwischen 1946 und 1992, darunter Propagandafilme und Alltagsbeobachtungen ("Staatliche Filmdokumentation") im Auftrag der Regierung ebenso wie künstlerisch innovative und kritische Arbeiten. Die Filmschaffenden waren meist Angestellte des DEFA-Studios für Dokumentarfilme und erhielten unter der Devise, das Leben und Arbeiten im Sozialismus zu dokumentieren, Zugang zu etlichen Bereichen der Gesellschaft, zu staatlichen Institutionen und Betrieben. Eine besondere Bedeutung in der stilistischen Entwicklung des Genres kam der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg zu, wo viele bedeutende Dokumentarfilmer/-innen ausgebildet wurden – so auch vier Filmschaffende der letzten DEFA-Generation: Helke Misselwitz (Jahrgang 1947), Dieter Schumann (1953), Andreas Voigt (1953) und Thomas Heise (1955). (Heise brach das Studium allerdings ab.)

Unmittelbare Eindrücke vom Ende der DDR

Die oben zitierte, etwas diffuse Haltung, "nicht alles gutheißen" zu können oder "anders leben" zu wollen, versuchen die Dokumentarfilme dieser Regie-Generation wie Flüstern & Schreien, Leipzig im Herbst (DDR 1989) oder Imbiss-Spezial (DDR 1990) zu erkunden. Wer kurz vor dem Mauerfall in der DDR gelebt hat, wird sich vielleicht noch erinnern können an alternative Jugend- und Subkulturen – und an einen gewissen Widerspruchsgestus, der allmählich auch größere Teile der Gesellschaft zu verbinden schien. Doch aus heutiger Sicht und für Nicht-Zeitzeugen wirken die Filme überraschend bunt, kritisch und freimütig. Sie erhellen die letzte Zäsur der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, die Zeit vor und während der Wende, mit einem präzisen, künstlerisch individuell gestalteten Blick auf den Alltag, die Hoffnungen und Enttäuschungen der DDR-Bürger/-innen. Gerade deshalb sind die Arbeiten von Misselwitz, Schumann, Voigt und Heise so anschaulich für die Bildung. Die Filme zur (Vor-)Wendezeit stellt Claus Löser in diesem Dossier vor und erläutert Kontexte, Themen und Ästhetiken. Einen vertiefenden Fokus auf Geschlechterrollen und die Gleichberechtigung von Frauen in der Spätphase der DDR legt die Filmbesprechung zu Helke Misselwitz' Debütwerk Winter adé.

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DEFA-Regisseure als Chronisten der Nachwendezeit

1990 verschwand die DDR und mit ihr (wenig später) auch die DEFA. Zunächst durch die Treuhand privatisiert, wurde das Unternehmen 1992 verkauft und die Filmproduktion eingestellt. Doch die Filmschaffenden machten weiter. "Es war eine wahnsinnig spannende Zeit für Dokumentarfilme, weil sich unser Leben und das Land quasi über Nacht verändert hatten", sagte Andreas Voigt 2015 auf dem Dok Leipzig über die Idee zu seiner Filmreihe über die Stadt. Über 25 Jahre begleitete er Menschen aus Leipzig durch die Wirren und Umbrüche der Nachwendezeit. Nur gut 40 Kilometer entfernt verfolgte Thomas Heise mit seiner Trilogie über Familien aus Halle-Neustadt ein durchaus verwandtes Projekt. Den beiden Langzeit-Dokumentarzyklen widmen sich jeweils ausführliche Hintergrundartikel.

Dieser Artikel erschien erstmals am 2.8.2018 auf kinofenster.de, dem Onlineportal für Filmbildung der Bundeszentrale für politische Bildung.
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Jan-Philipp Kohlmann

Jan-Philipp Kohlmann

Filmjournalist und Redakteur von kinofenster.de


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