zurück 
28.8.2019

Vortrag: Prof. Dr. Marie-Luisa Frick, Universität Innsbruck, Ohnmacht der Argumente? Vom souveränen Umgang mit verletzender, schockierender und verstörender Rede

Im Mittelpunkt des Vortrags der Philosophin Marie-Luisa Frick standen Perspektiven für den souveränen Umgang mit verletzender Rede in einer Demokratie.

Marie-Luisa Frick sprach zum Umgang mit verstörender Rede. (© Ast/Juergens)


Was ist überhaupt verletzende, verstörende Rede und wie erkenne ich sie? Ist es möglich ethische Richtlinien für das demokratische Streiten zu formulieren, ohne mit dem hohen Gut der Meinungsfreiheit in Konflikt zu geraten?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Vortrags von Marie-Luisa Frick, Professorin für politische Philosophie und Ethik an der Universität Innsbruck. Zu Beginn ihres Vortrags erklärte Frick, dass man diese Problematik aus zwei unterschiedlichen Perspektiven betrachten könne:
Zum einen können wir uns selbst als Privatperson befragen, ob eine bestimmte Sprache für uns persönlich verletzend sei. Zum anderen können wir als politisches Gemeinwesen darüber reflektieren, wie wir mit verletzender Rede umgehen wollen, die vielleicht nicht alle aber manche Mitglieder einer Gesellschaft betreffe.

Die zweite Perspektive auf verstörende Sprache sei Frick zufolge eine genuin politische und habe sowohl eine ethische als auch juristische Dimension. Bemerkenswert sei, dass die öffentliche Bewertung von verletzender Sprache in Europa, besonders in Deutschland, anders interpretiert werde als beispielsweise in den USA, wo die Meinungsfreiheit deutlich breiter verstanden werde und sogar die Leugnung der Shoa nicht zwangsläufig strafrechtliche Konsequenzen habe.

Zwischen Reflex und Reflexion



Frick bezog diesen Unterschied auf die Political Correctness-Debatte, die sowohl in Europa als auch in den USA derzeit kontrovers geführt werde. Political Correctness könne nur in Kontexten entstehen, in denen rechtlich viel erlaubt sei. Frick erklärte: "Wenn ich rechtlich alles sagen darf, muss ich vielleicht um so eher darüber nachdenken, warum ich nicht alles sagen sollte." Damit wurde deutlich, dass neben der öffentlichen Bewertung von verletzender Sprache in liberalen Gesellschaften auch ein Ausdruck von individueller Souveränität mitschwinge; also die Frage, wie ich persönlich mit Sprache umgehe.

Frick pointierte: "Ich bestimme selbst wie ich mit verletzender, verstörender, irritierender Rede umgehe. Ich bin mir meiner selbst auch sicher, warum mich etwas stört und warum ich wie darauf reagiere." Dieser Akt der Selbstbestimmung werde Frick zufolge dadurch erschwert, dass wir auf verletzende Sprache meist mit Reflexen – also mit emotionaler Empörung – reagieren. Warum ist das problematisch?
Frick verwies auf das Werk "Hatespeech"[1] der US-amerikanischen Philosophin Judith Butler, in dem die These vertreten werde, wir geben die Deutungshoheit über bestimmte Begriffe aus der Hand, wenn wir die Bedeutung, die unser gegenüber mit dem Begriff als verletzende Rede adressiert, einfach aufnehmen.

Frick erklärte: "Wir drehen Begriffe dann nicht mehr um." Für die Reflexion über Sprache und das Verständnis ihrer politischen und sozialen Implikationen, sei es nötig Abstand – in diesem Fall von verletzender Rede – zu gewinnen. Für den souveränen Umgang mit verstörender Sprache sei Distanz ganz essentiell. Als Strategie nannte Frick die Frage: "Warum verwendet diese Person diesen Begriff?" Bevor ich mich also fragen könne, warum mich ein bestimmter Begriff verletzt, sei Frick zufolge zentral sich zu fragen aus welcher Position mein Gegenüber einen bestimmten Begriff verwende und was er damit bezwecken wolle. Während sprachliche Reflexe der rhetorischen Schlagfertigkeit dienen, erfolge die Reflexion über Sprache meist erst später.

Reflexion als philosophische Grundkompetenz



Am Beispiel Battle-Rap zeigte Frick, dass zur Reflexion über Sprache auch die Frage nach der argumentativen Begründung einer Äußerung gehöre. Wichtig sei es, den Schritt zurück zu gehen.

Frick zufolge werde dies in der Auseinandersetzung mit Gangsta-Rap deutlich, in der die Reflexion auch soziale Milieufragen und das Eingebettetsein in historische Kontexte miteinbeziehen müsse: So sei Rap in seinen US-amerikanischen Anfängen, aber auch als Teil der migrantischen Jugendkultur in Deutschland, ein Mittel für junge Männer, sich Gehör zu verschaffen sowie eine Möglichkeit in einer abgehängten Gesellschaftsschicht Status zu erlangen.

All diese Faktoren ließen sich Frick zufolge jedoch nur begreifen, wenn verletzende oder irritierende Rede distanziert betrachtet und nicht nur mit emotionalen Reflexen begegnet werde. Reflexion sei eine philosophische Grundkompetenz, die man trainieren müsse.

Agonaler Umgang mit Sprache



Zum Abschluss ihres Vortrags resümierte Frick gemeinsam mit den Teilnehmenden wesentliche Grundkompetenzen für den souveränen Umgang mit Sprache anhand verschiedener Beispiele aus dem Kreis der Teilnehmenden.

Frick betonte, dass es für eine souveräne Reflexion über verletzende Sprache essentiell sei, emotionale Triggermomente[2] zu kontrollieren. Natürlich gebe es im öffentlichen Raum Tabus, allerdings gehöre es zu einem agonalen Demokratieverständnis andere Meinungen und Ausdrücke auszuhalten, ohne dabei gleich den politischen Diskurs als solchen zu beschneiden. Für den souveränen Umgang mit verletzender Sprache in sozialen Medien bedeute dies beispielsweise, nicht auf jeden Troll einzuge-hen.

Frick kritisierte in diesem Zusammenhang ein deliberatives Demokratieverständnis, wie es unter anderem Jürgen Habermas formuliert, weil gesellschaftliche Teilhabe maßgeblich durch das reflektierte Austragen von Konflikten bestimmt sei.[3] Der politische Konflikt gehöre zum Wesen der Demokratie und müsse nicht immer im Konsens aufgehen. Entscheidend dafür sei die Prämisse, dass es politische Gegner, aber keine Feinde geben dürfe. Aus dieser Perspektive werde das zivilisierte Streiten Frick zufolge zum dynamischen Motor von Demokratien.

von Niko Gäb

Fußnoten

1.
Butler, Judith: Haß spricht - Zur Politik des Performativen. Frankfurt a.M. 2006.
2.
i.e. Auslösereize, über die erfahrene Verletzungen z.B. durch Diskriminierung erneut emotional durchlebt wer-den
3.
Agonale versus deliberative Demokratietheorie: Während agonale Demokratietheorien, wie sie beispielsweise die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe vertritt, mit Blick auf ein gelungenes politisches Gemeinwesen be-sonders die Rolle von Konflikten und Antagonismen betonen, verfolgt die maßgeblich durch Jürgen Habermas geprägte deliberative Demokratietheorie das diskursive Ausverhandeln eines Kompromisses und rationalen Konsenses als Grundlage für das demokratische Zusammenleben.
Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln