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9.5.2014

Erinnerung

Die Erinnerung an die beiden Weltkriege ist bei den beteiligten Nationen unterschiedlich ausgeprägt. In Frankreich, Großbritannien, Kanada, Australien, den USA und Belgien ist der Erste Weltkrieg sehr präsent, während beispielsweise in Deutschland und Russland das Geschehen im Zweiten Weltkrieg das öffentliche Gedenken bestimmt.

Gedenken an den Ersten Weltkrieg

Die Erinnerung an die Gefallenen der Weltkriege äußert sich in vielfältiger Form. Im Ortskern des Münchner Stadtbezirks Feldmoching wird mit diesem monumentalen Denkmal der toten Soldaten des Ersten Weltkrieges gedacht. (© picture-alliance / Süddeutsche Zeitung Photo / Robert Haas)

In Großbritannien steht an jedem 11. November um 11 Uhr das öffentliche Leben still. Auf Plätzen, in Büros und Straßen wird mit zwei Schweigeminuten der Gefallenen gedacht. Mitten im Londoner Regierungsviertel legen die Queen und Regierungsvertreter am zentralen Denkmal für den Ersten Weltkrieg einen Kranz nieder. Millionen Briten tragen im November als Symbol ihrer Verbundenheit mit den Gefallenen und Verwundeten eine kleine rote Mohnblume aus Papier am Revers. Die Poppy (engl. für Mohnblume) ist schon 1919 durch das Gedicht des kanadischen Soldaten John McCrae "In Flanders Fields" zum Symbol für die Gefallenen des Weltkrieges geworden. Sie sollte an das Blut der auf den verwüsteten Schlachtfeldern getöteten Soldaten erinnern. Und selbst wenn heute durch den Verkauf der Poppy Geld für Veteranen aus den aktuellen Konflikten gesammelt wird, ist das Gedenken untrennbar mit dem 11. November 1918 verbunden – dem Tag, an dem in Compiègne der Waffenstillstand mit dem Deutschen Reich unterzeichnet wurde. Dies übrigens nicht nur in Großbritannien: Auch in Kanada, Südafrika, Australien und Neuseeland ist der 11. November ein Gedenk- oder sogar ein Feiertag, ebenso wie in Frankreich, Belgien und den USA.

In Flanders Fields

von John McCrae
In der Bundesrepublik Deutschland gibt es diese Tradition nicht. Vielmehr wird seit 1952 Mitte November – am zweiten Sonntag vor dem ersten Advent – der Volkstrauertag abgehalten und der Opfer von Gewalt und Krieg mit einer Zeremonie im Deutschen Bundestag gedacht. Ein zentrales Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges gibt es in Deutschland nicht, ebenso wenig ein Symbol wie die Mohnblume. In Polen wird der 11. November als Unabhängigkeitstag gefeiert, während in der langen Liste der Gedenk- und Feiertage in Österreich, Japan oder Russland der Erste Weltkrieg nicht vorkommt.

Damit deutet sich ein wichtiger Befund an: Die Weltkriege waren globale Ereignisse. Die Erinnerung an sie ist aber ein nationales Phänomen, das sich im Laufe der Jahrzehnte durch den Wechsel der politischen Systeme und die gesellschaftlichen Umbrüche mehrfach veränderte.

Im britischen und französischen Gedenken an den Ersten Weltkrieg dominierte in den 1920er-Jahren ein Gefühl der Trauer und des Schmerzes. Die Menschen konnten nicht einsehen, wofür Millionen gestorben waren – Krieg schien sinnlos geworden zu sein.

David Cameron am 11. Oktober 2012

[…] This was the extraordinary sacrifice of a generation. It was a sacrifice they made for us, and it is right that we should remember them. […]

Francois Hollande am 7. November 2013

[…] Commémorer, c’est renouveler le patriotisme, celui qui unit, celui qui rassemble, qui n’écarte personne au-delà des parcours, des croyances, des origines, et des couleurs de peau. […]

In Deutschland wurde das Kriegserlebnis im öffentlichen Diskurs anfangs eher verdrängt und dann ab Mitte der 1920er-Jahre zunehmend verklärt. Die Gefallenen sind als Märtyrer und am Ende der Weimarer Republik immer mehr als Helden verehrt worden. Diese Form der Mystifizierung konnte sich in Deutschland allerdings nicht überall durchsetzen, wie man an den Reaktionen auf den 1929 erschienenen Roman "Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque ablesen kann. Er avancierte zum Welterfolg und wurde von der Rechten scharf attackiert, weil er das Kriegserlebnis und die Kameradschaft eben nicht als heroischen Kampf für das Vaterland präsentierte. Und doch war am Ende der Weimarer Republik etwa in der Formensprache der Weltkriegsdenkmäler eine Militarisierung des Erinnerns unübersehbar.

Während des "Dritten Reiches" bildete der Erste Weltkrieg einen zentralen Bezugspunkt, von dem der NS-Staat abgeleitet werden konnte: Der Große Krieg sei ein notwendiger Opfergang gewesen, der die seelische und geistige Auferstehung des deutschen Volkes im Nationalsozialismus bewirkt habe. Die NS-Bewegung, so die Propaganda, war angetreten, das "Schanddiktat" von Versailles hinwegzufegen und gedachte später im Krieg zu vollenden, was damals nicht gelungen war. Aus dem Volkstrauertag wurde 1934 der "Heldengedenktag", und die Veteranen des Ersten Weltkrieges genossen hohe gesellschaftliche Anerkennung, die sich allerdings nicht auf die jüdischen Veteranen erstreckte.

Gedenken an den Zweiten Weltkrieg

Nach 1945 verdrängte der Zweite Weltkrieg den Ersten aus dem kollektiven Gedächtnis nicht nur der Deutschen, sondern auch der meisten Europäer. In der kommunistischen Sowjetunion hatte er ohnehin nie eine Rolle gespielt und stand zunächst im Schatten des Bürgerkrieges und dann des alles dominierenden "Großen Vaterländischen Krieges".

Der Zweite Weltkrieg verursachte nicht nur ungleich mehr Zerstörungen, Tote und Versehrte als der Erste. Er hinterließ auch ein denkbar gespaltenes und nur schwer einzuordnendes Kriegserlebnis: In Italien, Jugoslawien und Griechenland hatte es blutige Bürgerkriege gegeben, während in Frankreich das Vichy-Regime allzu willig mit dem NS-Regime kooperierte. Auch in anderen besetzten Ländern konnte der Widerstand nicht breite Bevölkerungsteile erreichen. Und selbst in der Sowjetunion hatten Hunderttausende mit den Deutschen zusammengearbeitet. Die Briten hatten mit dem Krieg wenig gewonnen und viel verloren: Völlig überschuldet hatten sie schon während des Krieges an weltpolitischem Einfluss verloren und büßten in den Jahren danach auch noch ihr Empire ein. Und die Deutschen: Bis zuletzt hatten sie diesen verbrecherischen Krieg geführt, unvorstellbare Verbrechen verübt. Ihr Land war zerstört, besetzt und geteilt.

Horst Köhler am 8. Mai 2005

[…] Wir Deutsche blicken mit Schrecken und Scham zurück auf den von Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg und auf den von Deutschen begangenen Zivilisationsbruch Holocaust. […]

Wladimir Putin am 9. Mai 2005

[…] The Second World War caught up 61 countries and almost 80 percent of the Earth’s population in its inferno. […] But the most ruthless and decisive events – the events that determined the drama and the outcome of this inhuman war – unfolded on the territory of the Soviet Union. The Nazis counted on rapid enslavement of our people. Their intention was to destroy our country.

George W. Bush am 3. Mai 2005

[…] The years of World War II were a hard, heroic, and gallant time in the life of our country. When it mattered most, a generation of Americans showed the finest qualities of our Nation and of humanity. […]

Deutsche "Meistererzählungen" im Wandel

Als die Waffen schwiegen, kam die Zeit der großen Meistererzählungen, die helfen sollten, dem Schrecken der Kriegsjahre Sinn zu verleihen. In Deutschland entstand schon vor der Kapitulation eine wirkungsmächtige Deutung: Wir, die Deutschen, waren Opfer des NS-Regimes und des von ihm ausgelösten Krieges. Hitler, Himmler, Göring, Bormann und ihre Helfer, das sind die Schuldigen, und soweit sie nicht tot waren, sind sie beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zu Recht verurteilt worden. Wir haben nur unsere Pflicht getan und sind missbraucht worden. Diese Haltung galt auch und vor allem für die Angehörigen der Wehrmacht. Schnell war man sich einig, dass die Verbrechen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – die SS begangen habe, die Wehrmacht aber einen ehrenvollen, sauberen Kampf geführt habe.

Erst in den 1960er-Jahren entstand allmählich eine größere Sensibilität für die NS-Zeit und ihre Verbrechen. Allzu stark Belasteten war nun zumindest eine öffentliche Karriere nicht mehr möglich. Der Ulmer Prozess gegen Mitglieder der Einsatzgruppen 1958, die Gründung der noch heute existierenden Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, der mit großem Interesse auch in Deutschland verfolgte Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem 1961 sowie die drei Auschwitzprozesse in Frankfurt gegen ehemalige Wachleute (1963 bis 1968) veränderten in der Bundesrepublik das Bewusstsein für das "Dritte Reich". Und doch dauerte es noch geraume Zeit, bis sich ein differenziertes Bild in der Öffentlichkeit durchsetzte und die eigene Schuld deutlich zur Sprache kam. Dies lag zum einen sicher daran, dass erst in den 1970er-Jahren die beschlagnahmten Akten des NS-Regimes von den Siegermächten zurückgegeben wurden und sich die zeithistorische Forschung erst jetzt in den Stand versetzt sah, Grundlagenwerke zum Nationalsozialismus vorzulegen.

Wesentliche Impulse kamen indes von außen: So erhielt die Forschung zum Holocaust mit der gleichnamigen amerikanischen Fernsehserie aus dem Jahr 1979 ihren entscheidenden Anstoß, und die Forschung zur Wehrmacht wurde in den 1990er-Jahren ganz wesentlich durch die große Debatte um die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" angeregt. Das Wissen um den verbrecherischen Charakter des NS-Regimes und die Verwicklung der Deutschen – vom Mitwisser bis zum Täter – ist mittlerweile so umfassend, dass alle verklärenden Deutungen von einst längst in sich zusammengebrochen sind.

Eine Folge davon ist, dass vielen eine positive Identifikation mit der eigenen Nation nicht mehr möglich war. Nationale Symbole wie die Fahne oder die Nationalhymne sind in Deutschland weniger populär als in anderen Ländern, und hierzulande wird Orientierung eher in einer größeren, einer europäischen Identität gesucht. Oder aber durch eine besonders engagierte Aufklärung der NS-Vergangenheit, getreu dem Motto: Wir stellen uns schonungslos den dunklen Seiten unserer Vergangenheit.

Freilich gab es niemals nur eine Erinnerung, sondern zahlreiche miteinander konkurrierende Meistererzählungen. Die vielen Zeitzeugen und ihre Angehörigen, Historiker, Politiker und Journalisten entwickelten sehr unterschiedliche Sichtweisen. Als sich spätestens in den 1990er-Jahren etwa die Auffassung durchsetzte, dass die Wehrmacht keinesfalls einen sauberen Krieg geführt hatte, hielten die meisten Veteranen am gegenteiligen Bild fest. Sie empfanden die Erkenntnisse über Gräueltaten als Bedrohung für das eigene Selbstbild und sahen sich der Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit als Soldat beraubt. Dabei wurden die Verbrechen von ihnen meist nicht generell geleugnet, wohl aber die Verstrickung der eigenen Person oder der eigenen Einheit.

Obgleich die Zeitzeugen denkbar Unterschiedliches erlebt haben, hat sich im Verlauf der Jahrzehnte ein erstaunlich vereinfachtes Muster der Erinnerung herausgebildet, das nur wenig Differenzierungen aufweist. Die Zeit bis zur Schlacht von Stalingrad wird als "gut", jene danach als "böse" erinnert. Aus heutiger Sicht ist dabei erstaunlich, wie sehr die Jahre bis 1942 in der Erinnerung vieler Zeitzeugen verklärt werden. "Rückkehr Österreich, Rückkehr und so weiter […]. Beseitigung der Arbeitslosigkeit, Autobahnen, Aufrüstung, Wohnungsbau – das war natürlich das blühende Land, was sich heute manche Leute wünschen", meinte ein Zeitzeuge in einem ZDF-Interview 1998. Alles "Böse" wird in der zweiten Kriegshälfte verortet, wenngleich etwa der Holocaust natürlich früher begann. Die Wirkung positiver Sinnstiftungen ist gleichwohl nicht auf Zeitzeugen begrenzt. Wie Harald Welzer in seinem Buch "Opa war kein Nazi" auf Grundlage der Analyse von Familiengesprächen über den Zweiten Weltkrieg herausfand, ist die Enkelgeneration im Allgemeinen zwar kritisch gegenüber dem "Dritten Reich" eingestellt, die Erzählungen des eigenen Großvaters von Diktatur und Gewalt werden tendenziell aber positiv umgedeutet.

Weitgehend unerforscht ist das aktuelle Verhältnis von Jugendlichen zur NS-Zeit. Medien wie Zeitungen, Bücher und selbst Fernsehdokumentationen spielen im Alltag der "digital natives" tendenziell eine viel geringere Rolle als bei älteren Menschen. Über den Einfluss von Computerspielen oder diversen Internetangeboten gibt es noch keine abschließenden Erkenntnisse.

Geschichtsbild Jugendlicher

[...] Während die letzten Überlebenden und Täter sterben, ist eine Generation herangewachsen, für die der Nationalsozialismus ganz und gar Geschichte ist. Wird sich dadurch der Umgang mit der Vergangenheit verändern?


Nationale Meistererzählungen in Europa und in den USA

Allerdings deutet der Umstand, dass etwa in Großbritannien die WW-II-Spiele weitaus beliebter sind als in Deutschland, auf einen Kulturunterschied auch in der jüngeren Generation hin. Im Vereinigten Königreich etablierte sich schon bald nach dem Krieg die Meistererzählung einer heroischen Nation, die praktisch im Alleingang das übermächtige "Dritte Reich" besiegt habe. Die "Luftschlacht um England" gehört zum kulturellen Erbe des Landes, und jedes englische Schulkind weiß, was eine Spitfire ist. Alles, was nicht in das Bild einer "nation of winners" passt, wird konsequent ausgeblendet: Die herbe Niederlage in Norwegen wird verdrängt, der Rückzug von Dünkirchen zum Sieg erklärt und der unterschiedslose Bombenkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung als verdiente Strafe für Auschwitz angesehen. Die gewaltsame Einsetzung einer bürgerlichen Regierung in Griechenland wird als Kampf gegen den bösartigen Kommunismus erklärt. Jeder kann sich heute schnell ein Bild von der britischen Meistererzählung machen, man muss sich nur in einer beliebigen Buchhandlung vor das Regal "Military History" stellen. Man findet dort Bücher von britischen Siegen und Berichte von heroischen Einzelaktionen. Sehr beliebt sind Kommandooperationen: der Zweite Weltkrieg als eine große James Bond-Geschichte.

In den Vereinigten Staaten war der Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg zumindest in den 1970er-Jahren viel kritischer – man könnte auch sagen souveräner – als in Großbritannien. Die Umbrüche der 68er-Zeit und die Kritik am Vietnamkrieg waren in ihrem Einfluss auf das Geschichtsbild nicht zu unterschätzen. Mit dem Ende des Kalten Krieges und dem Ende eines klaren Gut/Böse-Schemas gab es aber auch hier mehr denn je die Notwendigkeit, den Zweiten Weltkrieg als heroischen Referenzpunkt auszuweisen. Die Soldaten von damals avancierten zur "greatest generation ever". Natürlich ist dies eine Verklärung. Viele der GIs, die am 6. Juni 1944 in der Normandie landeten, dürften nur eine vage Ahnung gehabt haben, wofür sie eigentlich kämpften. Das Wissen um Deutschland war von wenigen Propagandafilmen geprägt und wenig spezifisch. Und über Auschwitz wusste von den normalen Soldaten ohnehin kaum jemand Bescheid. Kriegsverbrechen der Amerikaner haben in diesem Bild kaum Platz: Die Gefangenenerschießungen in der Normandie und der Trophäenkult im Pazifik werden ausgeblendet. Beredter Ausdruck der aktuellen amerikanischen Kriegsdeutung ist das 2004 eingeweihte WW II-Memorial in Washington, D. C. oder auch der Umstand, dass 1995 der Direktor des National Air and Space Museums in Washington, D. C. aufgrund von öffentlicher Kritik zum Rücktritt gezwungen wurde, weil er zum 50. Jahrestag des Atombombenabwurfs eine Ausstellung zeigen wollte, die auch die japanischen Opfer thematisierte.

In den von Deutschen besetzten Ländern entstand bald nach dem Krieg die Vorstellung einer gegen die Deutschen geeinten Nation im Widerstand. Die Résistance in Frankreich und die Resistenza in Italien wurden mythisch überhöht, um die tief gespaltenen Gesellschaften zu einen. Am frappierendsten war dieser Vorgang in Italien, wo die faschistische Zeit vor 1943 weitgehend aus dem Gedächtnis verschwand und bald nur noch die Zeit der deutschen Besetzung im Vordergrund stand. Kein Wort vom blutigen italienischen Kolonialkrieg in Abessinien (1935-1941), der zwischen 350 000 und 760 000 Äthiopier das Leben kostete. Kein einziger Italiener ist je wegen Kriegsverbrechen in der faschistischen Zeit vor einem italienischen Gericht angeklagt worden. Dies war auch ein Grund, warum man in Italien die deutschen Kriegsverbrecher zunächst nicht verfolgte. Man fürchtete zu sehr, dass auch die eigenen Untaten, etwa in Jugoslawien, zur Sprache kommen würden.

Mythen und Tendenzen zur Versachlichung

Aus Sicht des Historikers ist es ein Leichtes, diese Bilder als verkürzt, verzerrt oder falsch zu entlarven. Doch Nationen und Gesellschaften benötigen Mythen offenbar ebenso, wie wir uns alle positive Selbstbilder zurechtlegen. Jeder will sich als guten Menschen sehen und drängt alles beiseite, was dieses Bild in Frage stellen könnte. So gleicht die Geschichte der Weltkriege einem riesigen Baukasten, aus dem man sich bedient, um sich als Gesellschaft, als Gruppe oder aber als Einzelperson das herauszunehmen, was passt, und alles andere tunlichst zu ignorieren. Überall begegnen uns dieselben Muster, aber doch in unterschiedlichem Ausmaß: Die offizielle Erinnerung in den USA oder Großbritannien an den Sieg im Zweiten Weltkrieg ist zweifellos immer noch komplexer und offener als etwa in Russland. In Deutschland ist der Umgang mit den eigenen Verbrechen weit differenzierter als in Japan. Dort gibt es zwar auch kritische Stimmen, es dominiert im öffentlichen Raum aber das von den Atombombenabwürfen geprägte Opfernarrativ.

Gleichwohl ist unübersehbar, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Erinnerung an die Weltkriege wesentlich differenzierter geworden ist. In der Zwischenkriegszeit war die Erinnerung an die Jahre 1914 bis 1918 hart umkämpft und barg erheblichen innen- wie außenpolitischen Sprengstoff. Noch in den 1960er-Jahren erschütterte die Fischer-Kontroverse die Bundesrepublik. Der Streit wich einer sachlichen Diskussion über verschiedene Erklärungsmodelle. Die Abgeklärtheit der Debatte war schon 2004 zu erkennen, als erstmals seit 1945 mit zahlreichen Ausstellungen, Filmen und Publikationen an den Jahrestag des Kriegsausbruchs 1914 erinnert wurde – und zwar in einer betont nüchternen Art. Der Erste Weltkrieg ermöglichte auch die erste öffentlichkeitswirksame Versöhnungsgeste zwischen den ehemaligen Feinden. 1984 reichten sich Helmut Kohl und François Mitterrand auf dem Soldatenfriedhof in Verdun demonstrativ die Hand.

Die Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg war demgegenüber weit schwieriger. Nur ein Jahr später kam es anlässlich des gemeinsamen Besuches von Ronald Reagan und Helmut Kohl auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg zu einem Eklat, weil dort neben Wehrmachtsoldaten auch solche der Waffen-SS beerdigt waren.

Mittlerweile ist aber auch die Betrachtung des Zweiten Weltkrieges sachlicher geworden. Durch die intensive Erforschung dieser Zeit ist unser Blick erheblich differenzierter als früher. So wird in Deutschland heute niemand mehr behaupten, dass die Wehrmacht einen "sauberen" Krieg führte. Ihre Verbrechen sind minutiös dokumentiert. Der Holocaust steht – sichtbar durch das 2004 fertiggestellte Mahnmal in Berlin und den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar – im Zentrum des deutschen Geschichtsdiskurses.

Aber auch im Ausland hat sich viel getan. In kaum einem europäischen Land, vielleicht von Belarus/Weißrussland abgesehen, ist man heute noch der Ansicht, dass man sich im Zweiten Weltkrieg geschlossen im Widerstand befand. Das Thema Kollaboration ist in ganz Europa, aber auch in vielen asiatischen Ländern mittlerweile gut dokumentiert. Nun werden lange verschwiegene Themen, wie die Racheakte an Kollaborateuren oder an mit Deutschen liierten einheimischen Frauen, thematisiert.

Auch die Frage nach der Verstrickung in den Holocaust wird außerhalb Deutschlands mittlerweile angesprochen. 1995 entschuldigte sich Staatspräsident Jacques Chirac für die Mitwirkung der französischen Polizei bei der Deportation der französischen Juden. Und auch in Polen gibt es eine Diskussion um die eigene Schuld in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Auslöser der Debatte war das Massaker von Jedwabne am 10. Juli 1941, in dem Polen bei der Ermordung von mindestens 340 jüdischen Einwohnern eine zentrale Rolle spielten. 2001 sprach der polnische Präsident Aleksander Kwas´niewski in einer Rede die Schuld polnischer Bürger an dem Massaker erstmals öffentlich an. Mittlerweile setzt sich in der polnischen Öffentlichkeit die Erkenntnis durch, dass es auch in Polen, einem Land, das wie kein zweites unter der mörderischen deutschen Besatzung zu leiden hatte, vor allem Opfer, aber eben auch Täter gab. Und in Großbritannien werden die Bombardements deutscher Städte heute durchaus auch kritisch gesehen, insbesondere der symbolträchtige Angriff auf Dresden im Februar 1945.

Bleibende Belastungen und die Neigung zur Instrumentalisierung

Und doch bleibt die Erinnerung an die Weltkriege umstritten. Die Beurteilung des Völkermords an den Armeniern 1915 ist noch immer eine hochbrisante politische Frage. In der Türkei wird die Genozid-These weitgehend abgelehnt, ein entsprechendes Denkmal in der osttürkischen Stadt Kars wurde 2011 wieder abgerissen. Ankara verwahrt sich international gegen entsprechende Vorwürfe. Aus diplomatischer Rücksichtnahme vermeiden es daher viele Staaten, darunter Deutschland, offiziell von einem Völkermord an den Armeniern zu sprechen. In Frankreich steht die Leugnung seit 2012 hingegen unter Strafe, woraufhin die Türkei ihren Botschafter auf unbestimmte Zeit aus Frankreich abberief.

Für den Zweiten Weltkrieg gibt es eine ganze Reihe ähnlicher Fälle, in denen die unterschiedliche Lesart historischer Ereignisse zu Belastungen der internationalen Beziehungen führte. Der Streit zwischen China/Korea und Japan über die verharmlosende Darstellung des Krieges in japanischen Schulbüchern ist ein Beispiel hierfür. Er führte 2005 zu massiven anti-japanischen Demonstrationen. Auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise 2009 beschuldigte der griechische Vizepräsident Theodoros Pangalos Deutschland, dass es das geraubte Gold der griechischen Zentralbank niemals zurückgegeben habe. Doch das griechische Gold ist nie in die Hände der Deutschen geraten, sondern konnte 1941 nach London evakuiert werden und ist von dort nach 1945 an Griechenland zurückgegeben worden.

Dieses Beispiel zeigt, dass der Zweite Weltkrieg immer wieder zu politischen Zwecken instrumentalisiert wird, weil sich mit dem Thema immer noch Emotionen und Ressentiments hervorrufen lassen. Die historische Genauigkeit spielt dabei keine Rolle. Dieses Spiel mit der Geschichte ist allenthalben zu beobachten und wird insbesondere gerne mit Zahlen betrieben: Während die eine Seite besonders hohe Opferzahlen nennt, werden diese von der anderen Seite besonders niedrig angesetzt. So hat der Bund der Vertriebenen jahrzehntelang darauf beharrt, dass bei Flucht und Vertreibung zwei Millionen Deutsche umgekommen seien. Das Bundesarchiv hatte 1975 bereits die vermutlich recht verlässliche Zahl von 600 000 Todesopfern genannt, während auf polnischer Seite diese Dimensionen lange Zeit strikt bezweifelt wurden. Zudem sprach man hier verharmlosend lieber von "Überführung" oder "Transfer" der Deutschen.

Ein ähnliches Spiel mit Zahlen und Begriffen findet sich etwa beim Genozid an den Armeniern, beim Massaker von Nanking oder auch bei dem Luftangriff auf Dresden. Im letzten Fall wurden von interessierter Seite stets Opferzahlen von teilweise bis zu 500 000 genannt, um die Royal Air Force möglichst umfassend zu kriminalisieren. Eine von der Stadt Dresden beauftragte Kommission hat unter Berücksichtigung aller bekannten Dokumente 2008 die Todeszahl auf 20 000 bis 25000 beziffert. Ob dies die teilweise erregten Debatten um die Opferzahlen beruhigen wird, bleibt indes abzuwarten. Im Internet finden sich auch heute noch immer Websites, die vom "Bombenholocaust" in Dresden sprechen, bei dem angeblich 300 000 Menschen ums Leben kamen.

Gerade das Internet macht es heute jedem leicht, für die abstrusesten Theorien und Interpretationen eine Öffentlichkeit herzustellen. Durchforstet man das World Wide Web, stellt man rasch fest, dass es in allen an den Weltkriegen beteiligten Staaten Verschwörungstheorien und Geschichtsklitterung gibt. Das Bedürfnis, die eigene Nation im möglichst positiven Licht zu sehen und von Schuld reinzuwaschen, ist oftmals größer als die Bereitschaft, Erkenntnisse der Wissenschaft zu akzeptieren. In Deutschland – und nicht nur hier – führt dies bis hin zur Leugnung, dass es den Holocaust überhaupt gegeben habe.

Der Begriff Holocaust entfaltete im Übrigen eine derartige moralische Wirkungsmacht, dass er ganz bewusst auch für andere historische Sachverhalte verwendet wird, um Aufsehen zu erregen, wie etwa "Atombomben-Holocaust", "Indianer-Holocaust", "African Holocaust" oder "Hunger-Holocaust" ("Holodomor", an den Ukrainern 1929-1933). Diese Methode wurde auch in der Politik angewandt. Der damalige Außenminister Joschka Fischer begründete den Bundeswehreinsatz 1999 im Kosovo etwa damit, dass "ein zweites Auschwitz" verhindert werden müsse.

Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, dass die Geschichte der Weltkriege in ganz unterschiedlicher Weise gelesen, interpretiert und instrumentalisiert werden kann. Wir sollten uns bewusst sein, dass Geschichte konstruiert wird – in Museen und Gedenkstätten ebenso wie in Büchern oder Filmen. Neben der schlichten Unmöglichkeit, die Weltkriege realitätsnah nachzubilden, liegt dies sicherlich auch daran, dass das breite Publikum meist nicht nach Differenzierung, sondern nach Vereinfachung verlangt. Der Historiker Hans Delbrück bemerkte schon am Ende des 19. Jahrhunderts, dass das öffentliche Leben Schlagworte brauche, "grob gefügte Münzen, die durch die Hände von Millionen gehen können und doch nicht abgegriffen werden". In der Tat: Das Differenzieren ist mühsam, schwierig und zuweilen schmerzhaft. Und vor allem liefert es keine einfachen Antworten. Gleichwohl sollte man versuchen, die Geschichte hinter der Geschichte zu erkunden. Man wird höchstwahrscheinlich auf Unerwartetes stoßen.

Sönke Neitzel

Sönke Neitzel

Sönke Neitzel ist Professor für International History an der London School of Economics and Political Science (LSE). Er studierte in Mainz Geschichte, Publizistik und Politikwissenschaft, wurde dort 1994 promoviert und 1998 habilitiert. Anschließend lehrte er an den Universitäten Mainz, Karlsruhe, Bern und Saarbrücken, bevor er 2011 auf den Lehrstuhl für Modern History an der University of Glasgow berufen wurde. Seit September 2012 lehrt und forscht er an der LSE.
Einem breiteren Publikum wurde er durch sein Buch "Abgehört. Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft, 1942-1945" bekannt, das 2005 erschien.
Seine Forschungsschwerpunkte sind Militärgeschichte und die Geschichte der Internationalen Beziehungen des 19. und 20. Jahrhunderts.
Kontakt: s.neitzel@lse.ac.uk


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