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3.4.2020

Medien, Öffentlichkeit, Geschlechterverhältnisse

Eine funktionierende Öffentlichkeit ist unverzichtbar für demokratische Gesellschaften. Wissenschaftliche Theorien zur "Öffentlichkeit“ bezogen sich klassischerweise auf mündige – wohlgemerkt männliche – Bürger. Sie ignorierten die Lebenslagen von Frauen und reduzierten deren Rolle auf die häusliche Privatsphäre, was bis heute folgenreich für die Geschlechterungleichheit ist. Feministische Theorien haben sich mit diesem Missverhältnis auseinandergesetzt.

In den 1970er-Jahren kritisiert die Neue Frauenbewegung die stereotype Darstellung von Frauen in den Medien. Plakatwerbung in Westdeutschland 1970 (© picture-alliance/dpa)


Gender und Medien – ein Blick zurück und nach vorn

1975, im von der UNO-Generalversammlung ausgerufenen "Jahr der Frau", erschien die von Erich Küchenhoff herausgegebene Studie über "Die Darstellung der Frau und die Behandlung von Frauenfragen im Fernsehen", die als ein Auftakt der Frauen- und Geschlechterforschung in der Kommunikations- und Medienwissenschaft gelten kann. Zu diesem Zeitpunkt hatten Akteurinnen der Neuen Frauenbewegung, Fraueninitiativen und feministische Journalistinnen laute Kritik an den stereotypen Frauendarstellungen in den Medien und in der Werbung geübt. Die anschließende UN-Frauendekade und vier Weltfrauenkonferenzen boten bis in die Mitte der 1990er-Jahre hinein ein geeignetes politisches Umfeld für feministische Medienkritik sowie für Analysen von Medieninhalten, Medienproduktion und Medienrezeption aus der Geschlechterperspektive.

Medieninhalte
Die eingangs erwähnte Küchenhoff-Studie konstatierte, Frauen in den Sendungen des deutschen, damals noch rein öffentlich-rechtlichen Fernsehens seien eklatant unterrepräsentiert. Die vorgefundenen Frauenrollen waren extrem stereotyp konstruiert: Es handelte sich meist um Hausfrauen und Mütter oder junge, attraktive, berufstätige Frauen. Lange her, dass Medieninhalte so aussahen? Dieser Eindruck täuscht: Die Rostocker Wissenschaftlerinnen Elizabeth Prommer und Christine Linke kamen in ihrer Untersuchung "Audiovisuelle Diversität?" über "Geschlechterdarstellung in Fernsehen und Film in Deutschland" aus dem Jahr 2017 mehr als 40 Jahre nach der Küchenhoff-Studie zu ähnlichen Befunden. Nach Auswertung von fast 3000 Stunden aus dem Spartenprogramm von 17 privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern (Fernsehfilme, Show und Unterhaltung, Informations- und Nachrichtensendungen) sowie aus dem Angebot von vier Kindersendern und 800 Kinofilmen gelangten sie zu folgenden Ergebnissen: (https://malisastiftung.org/studie-audiovisuelle-diversitaet/ Abruf 06.08.2019)

Obwohl sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen historisch und aktuell als durchaus flexibel und veränderbar erwiesen hat, blieb das fast ohne Auswirkungen auf die (Re)Präsentationen der Geschlechter in den Medien. Im Gegenteil, die geschlechterspezifischen Darstellungen sind nach wie vor sehr stabil. So bestätigt auch die Kommunikationswissenschaftlerin Martina Thiele 2019: Stereotype Geschlechterbilder von Frauen und Männern sind bis heute in allen journalistischen Gattungen und mehr noch in der Werbung sowie im sogenannten Gender Marketing zu finden. Auch wenn sich die Geschlechterbilder leicht verändern, bleiben sie bei genauerem Hinsehen stereotyp und tragen dazu bei, das System der Zweigeschlechtlichkeit zu reproduzieren. Beides, Geschlechtergleichheit und Geschlechterdifferenz, wird in den Medien betont, ganz selten hingegen werden Geschlechterbilder dekonstruiert oder in Frage gestellt, Stereotypen durchbrochen bzw. ein "Doing Gender", also die Frage, wie Geschlecht hergestellt wird, thematisiert.

Medienproduktion
Beim Bereich Medienproduktion werden insbesondere Journalismus und Public Relations (PR) in den Blick wissenschaftlicher Forschung genommen. Beispielsweise wird gefragt nach dem Anteil von Frauen, nach ihrer Genre- und Ressortzugehörigkeit sowie nach ihren Aufstiegschancen bis hin in die Führungspositionen. Auch andere Unterscheidungskategorien jenseits der Geschlechtszugehörigkeit werden in den Fokus gerückt, etwa mit der Frage nach Migrantinnen und Migranten im Journalismus.

In ihrer 1984 veröffentlichten systematischen Journalistinnen-Studie – der ersten in Deutschland – stellten die Kommunikationswissenschaftlerinnen Irene Neverla und Gerda Kanzleiter fest, dass Journalismus in den 1980er-Jahren ein "Männerberuf" war. Nur 17 Prozent Frauen gehörten zur Gruppe der Festangestellten und sie befanden sich zumeist in randständigen Positionen. Seitdem hat sich viel verändert, vor allem ist der Frauenanteil kontinuierlich angestiegen. Susanne Keil und Johanna Dorer belegen in ihrem Aufsatz "Medienproduktion: Journalismus und Geschlecht", erschienen 2019 im Handbuch "Medien und Geschlecht", einen Journalistinnen-Anteil in Deutschland von 40 Prozent, im PR-Bereich sind noch weit mehr Frauen tätig.

Wie bedrohlich dies für die männlichen Kollegen war und ist, zeigte sich um die Jahrtausendwende in misogynen, das heißt frauenverachtenden bzw. -hassenden Reaktionen: In zahlreichen Medienbeiträgen wurde eine Feminisierung des Berufs beklagt und Kritik an einer "Machtübernahme" der Frauen geübt. Der Anstieg von Frauen im Berufsfeld des Journalismus ging übrigens nicht einher mit einem Anstieg des Anteils von Zugewanderten. Die Journalistin und Medienwissenschaftlerin Bärbel Röben ermittelte 2019 im bereits erwähnten Handbuch "Medien und Geschlecht", dass nur knapp fünf Prozent der Journalistinnen in Deutschland einen sogenannten Migrationshintergrund haben; hingegen kommen bei der Wohnbevölkerung Menschen mit Einwanderungsgeschichte auf einen Anteil von etwa 20 Prozent.

Die Wandlungsprozesse im Berufsfeld des Journalismus gingen und gehen weiter; sie betreffen inzwischen auch die Ressortverteilung, wie die Kommunikationswissenschaftlerinnen Margreth Lünenborg und Tanja Maier in ihrem 2013 erschienenen Buch "Gender Media Studies" dokumentieren. Während in den 1980er-Jahren etwa die Politikredaktionen noch weitgehend ohne Frauen auskamen, sind Frauen heute entsprechend ihrem Anteil im Journalismus auf die Ressorts verteilt. Einzig die Sportberichterstattung kann heute in Deutschland noch mit 86 Prozent Männern als überwiegende "Männerbastion" gelten. Aber grundsätzlich kann von "Männer"- bzw. "Frauenressorts" keine Rede mehr sein, wozu auch beiträgt, dass nicht ressortgebundene Journalistinnen und Journalisten immer zahlreicher werden.

Wenig verändert hat sich allerdings in Bezug auf Führungspositionen, die immer noch von Männern dominiert sind. Im europäischen Vergleich schneiden die deutschen Journalistinnen mit einem Anteil von 20 Prozent in den Chefetagen deutlich schlechter ab als ihre Kolleginnen in anderen EU-Ländern. Die feministische Forschung diskutiert diese "vertikale Segmentation" im Zusammenhang mit einer "gläsernen Decke", an die Frauen im Laufe ihres Berufslebens stoßen. Damit ist ein Geflecht beruflicher, privater und gesellschaftlicher Faktoren gemeint, das die Karrierewege von Frauen kontinuierlich beeinflusst und mitunter sogar bestimmt.

Medienrezeption
Medienrezeption wird häufig auch als Medienhandeln bezeichnet, um damit die aktive Rolle derjenigen zu betonen, die Medien nutzen. Im Kern geht es in diesem Bereich um die Analyse von Mediennutzung, ihre Rezeption und Aneignung. Die kommunikationswissenschaftlichen Gender Studies haben sich auf das Medienhandeln der Geschlechter konzentriert und fragen, welche Einflüsse auf Identitätskonstruktionen und Doing Gender-Prozesse erkennbar sind. Im Zentrum früher feministischer Rezeptions- und Aneignungsstudien standen in den 1980er-Jahren die "Soap Operas", der häusliche Alltag und der Fernsehkonsum von Hausfrauen. Im Ergebnis zeigte sich, dass Frauen, die sich diese Formate ansahen, durchaus selbstbewusst mit den Dauerserien umgingen und sie in die zeitlichen Abläufe ihres Alltags integrierten. Die Forschungsbefunde legten schon damals den Grundstein dafür, Rezipientinnen und Rezipienten nicht als passives, sondern als aktives Publikum zu sehen, das eigene (Medien-)Wirklichkeiten konstruiert und verschiedene Lesarten der Medienprodukte hervorbringt. So bleibt die Frage nach geschlechtsgebundenem Medienhandeln in den Gender Studies zentral.

Besonders ergiebig hat sich die "Kategorie Geschlecht" in der Mediengewaltforschung erwiesen. Die Kommunikationswissenschaftlerin Jutta Röser zeigte in ihrer im Jahr 2000 erschienenen Studie "Fernsehgewalt im gesellschaftlichen Kontext: Eine Cultural Studies-Analyse über Medienaneignung in Dominanzverhältnissen" an Gruppendiskussionen mit insgesamt 127 Männern und Frauen, wie unterschiedlich mediale Gewalt von beiden Geschlechtern wahrgenommen und interpretiert wird. Dabei stellte sie das komplexe Zusammenspiel von Gewalt, Mediengewalt und ihrer Wahrnehmung durch die Rezipienten und Rezipientinnen in den Mittelpunkt ihres Forschungsansatzes.

Aus dem breiten Spektrum von Studien zu diesem Thema sei hier noch auf ein wichtiges Forschungsfeld verwiesen, in dem das "Medienhandeln von Heranwachsenden", also von Mädchen und Jungen, untersucht wird. In einer 2013 am Deutschen Jugendinstitut München durchgeführten Untersuchung von Ulrike Wagner und Susanne Egger für den 14. Kinder- und Jugendbericht der Sachverständigenkommission der Bundesregierung standen vor allem das Internet und das Social Web im Mittelpunkt. Die Suche nach Orientierung, Identität, sozialen Beziehungen und Teilhabe bildet den Antrieb für das Medienhandeln Jugendlicher. Die Autorinnen betonten, dass Ausmaß und Kommerzialisierung der Medienkommunikation große Herausforderungen darstellen, etwa durch die Verstärkung problematischer politischer Orientierungen, die Entgrenzung von privater und öffentlicher Sphäre sowie die Verfestigung von Ausgrenzungsmechanismen.

Die Gender Media Studies diskutieren die Kategorie Geschlecht in der Medienkommunikation und analysieren ihre Konstruktion und Dekonstruktion. Sie setzen sich zudem grundsätzlich mit Theorien und Konzepten der Kommunikations- und Medienwissenschaft auseinander, die allzu oft Allgemeingültigkeit beanspruchen, ohne dabei die Geschlechterverhältnisse im Blick zu haben. Das ist besonders auffällig – wie im Folgenden gezeigt wird – bei der Thematisierung von Öffentlichkeit und Privatheit. Gerade die erwähnte Entgrenzung von privater und öffentlicher Sphäre im Internet und in den sozialen Medien verleiht dem Thema eine neue Brisanz.

Öffentlichkeitstheorien ohne Privatheit oder: Und Frauen kommen nicht vor

Im Jahr 1962 erschien das bis heute grundlegende, auch international stark beachtete Buch von Jürgen Habermas "Strukturwandel der Öffentlichkeit", an dem sich bis heute Öffentlichkeitstheorien orientieren, indem sie seine Aussagen entweder bestätigen oder sich kritisch zu ihnen äußern. Habermas schilderte die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit im 18. und 19. Jahrhundert als "Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute", in der gesellschaftliche Probleme besprochen und in politischen Prozessen ausgehandelt werden können. Befördert wurde diese Entwicklung durch den Aufstieg des Bürgertums zur gebildeten und besitzenden Klasse (Privateigentum), durch die Entstehung der bürgerlich-patriarchalen Kleinfamilie (Privatsphäre) sowie durch die Herausbildung einer literarischen Kultur und Öffentlichkeit, verbunden mit eigenen Räumen wie Kaffeehäusern und Medien, insbesondere Zeitungen und Zeitschriften. Eine funktionierende Aushandlung und Regulierung gemeinschaftlicher Belange in einer Öffentlichkeit, zu der jeder Zutritt hatte, galt Habermas als modellhaft für eine demokratische Gesellschaft. Den titelgebenden "Strukturwandel der Öffentlichkeit" deutete er in seiner Darstellung als "Zerfall", den die Öffentlichkeit im 20. Jahrhundert durch die Kommerzialisierung von Politik und Medien erlitten habe.

Das bürgerliche Publikum, welches durch ein informiertes Allgemeininteresse verbunden ist und die öffentliche Meinung bildet, ist eine Idealkonstruktion. Ausschlüsse werden in diesem Modell nicht thematisiert. Doch wo, so ist mit der US-amerikanischen Sozialphilosophin Nancy Fraser zu fragen, sind in dieser idealen Öffentlichkeit Arbeiter, Frauen, Arme sowie Angehörige von ethnischen, religiösen und nationalen Minderheiten anzutreffen? Kategorien wie Race, Class und Gender werden in dieser klassischen Öffentlichkeitstheorie nicht problematisiert. Vielmehr geht sie wie selbstverständlich davon aus, dass die Öffentlichkeitssphäre den Männern vorbehalten ist und hierarchisch über der Privatsphäre steht, die den Frauen zugewiesen ist. Diese hierarchische Anordnung ist bis heute ein entscheidender Aspekt bei Fragen der Geschlechterungleichheit.

Die Frauen- und Geschlechterforschung hat schon früh die Unstimmigkeiten in Öffentlichkeitstheorien aufgearbeitet und vor allem gegen den Dualismus von Privatheit und Öffentlichkeit Stellung bezogen. Durch ihn seien Grenzauflösungen unsichtbar gemacht und Frauen sowie andere marginalisierte Gruppen aus der Öffentlichkeit ausgeschlossen worden. Insbesondere feministische Historikerinnen haben auf die geringe historische Trennschärfe und auf die Widersprüchlichkeit von Öffentlichem und Privatem hingewiesen.

Eine systematische Kritik dazu legte 1986 die Berliner Historikerin Karin Hausen vor. Sie sah in der von Habermas vorgestellten Öffentlichkeit "zunächst einmal nichts anderes als eine Verständigung männlicher Bürger über ihre Lebenssituation und eine aus ihrer Sicht vorgenommene Weltinterpretation." Diese Konstruktion sei folgenreich gewesen und gesellschaftspolitisch hoch aufgeladen, denn sie verwies Frauen in die häusliche, Männer in die öffentliche Sphäre und trug zur geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung bei. Grenzgänge und Widerstände von Frauen, ihr Agieren in der politischen Öffentlichkeit, etwa in gesellschaftlichen Umbruchszeiten und Revolutionen, wurden häufig von den Zeitgenossen ignoriert und aus der geschichtlichen Überlieferung ausgeblendet sowie Übergänge und Grenzauflösungen kaum erforscht. Für Hausen bilden Privatheit und Öffentlichkeit ein Begriffspaar, das nicht mit einer "säuberlichen Trennung und Gegenüberstellung" zu fassen ist. Durch die Zuordnung zur Privatsphäre werden Lebens- und Arbeitszusammenhänge von Frauen unsichtbar gemacht und ihre Erfahrungen, Interessen, Organisations- und Aktionsformen als nicht politisch angesehen und daher vom Diskurs ausgeschlossen.

Öffentlichkeit als Prozess oder: die Interaktion von privat – öffentlich

Öffentlichkeit wird aus der Sicht feministischer Theorie nicht als Sphäre gedacht, die im Gegensatz zur Privatheit steht. Vielmehr untersucht sie das Verhältnis der beiden Sphären unter der Maßgabe, dass deren Grenzen fließend sind und immer neue Verständigungs- und Aushandlungsprozesse erfordern.

Mit dem "Drei-Ebenen-Modell" der Soziologin und Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Klaus von 2005 kann Öffentlichkeit als gesellschaftlicher Selbstverständigungsprozess gesehen werden, der auf drei Ebenen stattfindet: der einfachen, der mittleren und der komplexen Öffentlichkeit. Ihr Modell legt einen breiten Politikbegriff zugrunde und wendet sich implizit gegen die Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit, die bis heute dazu beiträgt, dass die Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit in der bürgerlichen Gesellschaft immer weiter fortgeschrieben wird.

Indem Klaus davon ausgeht, dass Lebenserfahrungen eine unentbehrliche Grundlage für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse bilden, räumt sie der Privatheit einen wichtigen Stellenwert ein. Auf dieser Ebene, von ihr als "einfache Öffentlichkeit" bezeichnet, findet ein direkter zwischenmenschlicher, relativ gleichberechtigter Austausch von Individuen statt, der dann in der "mittleren Öffentlichkeit" von sozialen Bewegungen, Vereinen und anderen Gruppen aufgegriffen und "übersetzt" wird. Auf dieser Ebene werden in Teilöffentlichkeiten und Gegenöffentlichkeiten gesellschaftlich relevante Themen gebündelt und für die "komplexe Öffentlichkeit" bereitgestellt. Diese letztgenannte, dritte Ebene wird von Organisationen, politischen Institutionen und Massenmedien dominiert. Hier findet die Auswahl und Verbreitung von Themen statt, oft verbunden mit einer Machtstabilisierung und einer Legitimierungsfunktion.

Mainstream-Öffentlichkeitstheorien konzentrieren sich auf die dritte Ebene, also auf die komplexe Öffentlichkeit; feministische Öffentlichkeitstheorien hingegen betonen den Prozesscharakter von Öffentlichkeit und siedeln sie auf einer Achse zwischen Privatheit und Öffentlichkeit an. Insbesondere für die erste und zweite Ebene von Öffentlichkeit kommen hierdurch neue Befunde und Sichtweisen zutage.

Die Autorin dieses Beitrags konnte im Rahmen ihrer Forschung zu sozialen Bewegungen als Akteurinnen gesellschaftlichen Wandels am Beispiel der historischen Frauenbewegung an der Wende zum 20. Jahrhundert (2003) ein mehrstufiges Konzept von Privatheit und Öffentlichkeit vorlegen und empirisch belegen. Dieses Konzept betont – erstens – die private Seite von Politik und sieht persönliche Verbindungen und Vernetzungen in "Bewegungskulturen" als Ressourcen für Politisierung. Es berücksichtigt – zweitens – "Bewegungsöffentlichkeiten" als Orte für Emotionen und Erfahrungen sowie für die Herausbildung widerständiger (Gegen-)Öffentlichkeiten. Diese Bewegungsöffentlichkeiten können als ebenso unverzichtbar für die Wirkungsmacht und politische Mobilisierung gelten wie – drittens – die Präsenz sozialer Bewegungen und ihrer Forderungen in den diskursiven und massenmedialen Arenen der "komplexen Öffentlichkeit". Aus dieser Forschungsperspektive kommt den Bewegungsöffentlichkeiten eine bedeutsamere Rolle zu als in anderen Öffentlichkeits- und Sozialen-Bewegungstheorien, die den Erfolg sozialer Bewegungen hauptsächlich an ihrer öffentlichen Wirksamkeit messen.

Struktur der verschiedenen Ebenen von Öffentlichkeit (Elisabeth Klaus, Öffentlichkeit als gesellschaftlicher Selbstverständigungsprozess und das Drei-Ebenen-Modell von Öffentlichkeit, in: Dies. / Ricarda Drüeke (Hg.): Öffentlichkeiten und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse, © transcript Verlag, Bielefeld 2017, S. 17–37; hier: S. 23)


Das Private ist politisch! Die Kategorie der Erfahrung und die Politisierung des Privaten

In ihrem 1972 erschienenen Buch "Öffentlichkeit und Erfahrung" unterzogen die Autoren Oskar Negt und Alexander Kluge das normative Öffentlichkeitsmodell von Habermas einer Revision und stellten seiner "bürgerlichen" Öffentlichkeit eine "proletarische" Öffentlichkeit gegenüber. Dabei brachten sie den Begriff der "Erfahrung" in die Debatte ein. Lebensgeschichtliche Erfahrungen unterdrückter und/oder marginalisierter Gruppen, die auf gesellschaftliche Ausschlüsse bzw. auf soziale Konflikte zurückgehen, müssen – so die Überlegung der beiden Autoren – als Unrechtserfahrungen ausgesprochen und verallgemeinert werden, um politischen und gesellschaftlichen Wandel zu beeinflussen. Neue soziale Bewegungen wie die Ökologie- oder die Friedensbewegung und insbesondere die Frauenbewegung haben der Kategorie der Erfahrung eine große politische Wichtigkeit zugemessen. Diese Bewegungen haben die Privatsphäre zum Ausgangspunkt genommen und zu einer Produktionsstätte für Politik gemacht.

Dass die Schilderung von Erfahrung und die Thematisierung des Persönlichen nicht geradlinig zu einer Politisierung des Privaten führen, sondern oft in der Veröffentlichung von Intimitäten stecken bleibt, wurde in der Folgezeit schnell erkannt. Viele Unterhaltungsformate in Presse, Fernsehen, Radio und den Neuen Medien bis hin zum Smartphone tragen zweifellos eher zu einer belanglosen Zurschaustellung des Privaten und Intimen im Öffentlichen bei als zu einer Politisierung von Privatheit. Um letzteres zu erreichen, gilt es – so die Kommunikationswissenschaftlerinnen Friederike Herrmann und Margreth Lünenborg 2001 – zunächst, Bewertungskriterien zu benennen, die für eine Bestimmung des Politischen im Privaten von Bedeutung sind, also etwa Verallgemeinerbarkeit, soziale Bedeutsamkeit, Respektierung des Intimen und Selbstbestimmung. Diese Kriterien sind dann als Messlatte an Medienprodukte und Mediennutzung anzulegen. Auch die Idee gemeinsam geteilter Erfahrungen und die damit verbundene Annahme eines kollektiven "Wir"-Gefühls rückten in das Zentrum feministischer Kritik und machten eine Politik fragwürdig, in der Gemeinsamkeiten von "Wir Frauen" konstruiert und Differenzen unter Frauen weitgehend ignoriert wurden. Was – so wurde beispielsweise gefragt – haben die Erfahrungen Schwarzer Frauen mit denen Weißer Mittelstandsfrauen zu tun, was heterosexuelle Erfahrung mit lesbischer, homosexueller oder anderer Erfahrung? Dennoch bleibt Erfahrung eine wichtige Dimension, um Ausgrenzungen aus den herrschenden Öffentlichkeiten zum Thema und damit zum Gegenstand politischer Aushandlungsprozesse zu machen. Die Politisierung des Privaten war und ist ein wichtiger Schritt auf diesem Weg.

Die Umdeutung des Privaten als auch Politischem, verbunden mit der Forderung, das Private ins Öffentliche hinein zu tragen und politikfähig zu machen, hat in nationalen wie internationalen, historischen wie aktuellen Frauenbewegungen eine gleichermaßen programmatische Relevanz. Ein Blick in die Geschichte von Frauenbewegungen zeigt, dass fast alle Aktionen und Skandale auf die Verschiebung der geschlechtsspezifisch gezogenen Grenzen zwischen der Privatsphäre und dem nur Männern zugestandenen Bereich der Öffentlichkeit zielten. Meist bildeten dabei im Privaten gemachte Unrechtserfahrungen den Ausgangspunkt für politische Forderungen: die Debatte um Hausarbeit, in der die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung als Ursache von Ungleichheit identifiziert wurde, der Protest gegen den § 218, der Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellt, als Kontrolle weiblicher Sexualität und Gebärfähigkeit sowie die Aufdeckung von Gewalt in der Ehe und in den privaten Beziehungen.

Feministische Öffentlichkeiten als Gegenöffentlichkeiten

Wenn durch die Einbeziehung von Erfahrung und die Politisierung des Privaten Öffentlichkeit verändert werden soll, stellt sich die Frage, wie die Vermittlung vom Privaten zum Öffentlichen aussehen kann. Rückblickend waren es die Konzepte von Gegenöffentlichkeit, die bereits an die Möglichkeit und Notwendigkeit eines solchen Transfers dachten. Diese durch die bereits erwähnten Autoren Negt und Kluge angestoßenen und in kritischer Medientheorie weiterentwickelten Konzepte gingen davon aus, dass das Herstellen von Gegenöffentlichkeit politisch erforderlich sei, um sie zur herrschenden Öffentlichkeit abzugrenzen, aber auch um diese zu beeinflussen. Gegenöffentlichkeit beinhaltete hier sowohl den Ort politischer Identitätsbildung und alternativer Lebensentwürfe als auch den Raum, um Herrschaft zu kritisieren und oppositionelle, demokratisch organisierte Medien zu schaffen. Konzepte von Gegenöffentlichkeit wurden in der Studenten- und Frauenbewegung der 1970er- und 1980er- Jahre begrüßt und praktisch auf verschiedenste Weise umgesetzt, was sich nicht zuletzt in der Vielfalt ihrer alternativen Medien spiegelte.

Nancy Fraser hat in den 1990er-Jahren die Konzepte oppositioneller Öffentlichkeiten mit neuen Impulsen versehen. Sie wertet Gegenöffentlichkeit als unverzichtbaren Beitrag zu demokratischen Kommunikationsstrukturen auf und versucht, ihre Bedeutung sowohl im Kontext der Forschung zu sozialen Bewegungen zu diskutieren als auch aus feministischer Perspektive weiterzuentwickeln. In ihrem 2001 erschienenen Buch "Die halbierte Gerechtigkeit. Schlüsselbegriffe des ­postindustriellen Sozialstaats" schreibt sie: "Öffentlichkeit konstituiert sich durch Konflikte. Eine Stärkung oppositioneller Öffentlichkeiten bedeutet dann das Zulassen divergierender Meinungen und durch die damit verbundene Konflikthaftigkeit ein Infragestellen der hegemonialen Öffentlichkeit. In ‚subalternen Gegenöffentlichkeiten‘ können Ungleichheiten und Ausschlüsse sichtbar werden und aufgrund von Klasse, Ethnizität oder Geschlecht marginalisierte Gruppen zu Wort kommen. Insgesamt sind diese Öffentlichkeiten unverzichtbare Arenen diskursiver Meinungsbildung sowie unterschätzte Orte, an denen soziale Identitäten konstruiert, dekonstruiert und rekonstruiert werden."

In Abgrenzung zu Habermas vertritt Fraser die Position, dass das "Ideal partizipatorischer Gleichstellung mit einer Vielzahl von Öffentlichkeiten besser zu erreichen ist als mit einer einzigen Öffentlichkeit". Die Vermehrung solcher "konkurrierender Öffentlichkeiten" sei nicht separatistisch, sondern im Gegenteil wünschenswert, denn so werde der diskursive Raum erweitert, in dem zivilgesellschaftlich notwendige politische Aushandlungsprozesse stattfinden.

Indem diese Öffentlichkeiten auf gesellschaftliche Veränderung und machtpolitischen Einfluss zielen, funktionieren sie als oppositionelle, als Gegenöffentlichkeiten. Sie können als konfliktfreudige Öffentlichkeiten eine Bereicherung für Zivilgesellschaft und Demokratie darstellen. Dies zeigen Beispiele wie die globalisierungskritischen Bewegungen oder antisexistische und antirassistische Bewegungen, die sich in neuen Medien wie dem Internet, etwa via Hashtag, formieren und artikulieren. Konzepte von Gegenöffentlichkeit sind also keineswegs "unmodern", sondern aus demokratietheoretischer Perspektive produktiv weiterentwickelt worden und unverzichtbar.

Internet und Social Web als Gendered Spaces

Ein Überblick über Medien, Öffentlichkeit und Geschlechterverhältnisse ist nicht vollständig ohne eine Berücksichtigung neuer, also digitaler Medien, durch die ein wiederum anderes Licht auf die Grenzverschiebungen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit geworfen werden kann. Die Mainstream-Kommunikationswissenschaft, die lange Zeit an Grenzsetzungen festgehalten hat, steht durch die digitalen Medien vor neuen Herausforderungen, die in den Gender Studies schon längst theoretisch ausgearbeitet und empirisch untersucht wurden. So beschreiben die Kommunikationswissenschaftlerinnen Elisabeth Klaus und Ricarda Drüeke in ihrem 2017 veröffentlichten Buch "Öffentlichkeiten und gesellschaftliche Aushandlungsprozesse" Grenzsetzungen, die in Internetöffentlichkeiten verwischen, als diejenigen "zwischen Massenkommunikation und interpersoneller Kommunikation, zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, zwischen Information und Unterhaltung, zwischen Fakt und Fiktion, zwischen Produzent_innen und Konsument_innen, schließlich auch zwischen Verstand und Emotion, Geist und Körper".

Durch das Internet und durch Social Media gestalten sich seit der Jahrtausendwende Kommunikationsmedien und Kommunikationsräume radikal um. Dezentralität, Offenheit sowie vor allem Interaktivität und damit verbunden die Aufhebung festgelegter Rollen von Produzierenden und Rezipierenden können als Grundlagen angesehen werden für nicht-hierarchische Kommunikation über nationale und kulturelle Grenzen hinweg, also beispielsweise auch als Rahmen für zensurfreie Räume und Gegenöffentlichkeiten.

Die Entwicklung des Social Web hat einen gravierenden Wandel der Medienlandschaft hervorgebracht: Neben Medien, in denen veröffentlicht wird (Printpublikationen, Fernsehen, Rundfunk), trat ein Medium, an dem aktiv teilgenommen werden kann. Darin liegen zweifellos große Chancen, aber auch viele Herausforderungen und es tut sich so mancher Zwiespalt auf. Im Web formieren sich heute neue Öffentlichkeiten und gleichzeitig kommt es zu einer in der Vergangenheit nicht vorstellbaren Zurschaustellung des Privaten und Intimen. Parallel dazu und sozusagen im Umkehrschluss entwickeln sich Debatten darüber, dass in einer vernetzten Welt die Privatsphäre verschwindet, denn alles, was ins Netz gestellt wird, lässt sich auf elektronischem Wege nachvollziehen und kaum wieder rückgängig machen. Konzepte von Öffentlichkeit und Privatheit können also nicht mehr getrennt voneinander existieren oder auf die gängigen Polaritäten zurückgreifen. In digitalen Medien kommt es zu einem Ineinandergreifen der beiden Sphären: Private und öffentliche Formen der Kommunikation fallen zunehmend zusammen, wobei die Übergänge fließend und kaum noch erkennbar sind.

Die Gender Studies haben sich schon früh mit den Folgen des Internets beschäftigt. In der Frühzeit der Forschung sind unterschiedliche Akzentsetzungen erkennbar: Die Techno Sciences befassten sich mit der Frage von Computerisierung und Geschlecht, der Cyberfeminismus nahm den Cyberspace als feministisch gestaltbaren Raum in den Blick, feministische Cyborg-Utopien fanden ihren Niederschlag in Literatur, Spielen oder Filmen und die Möglichkeit, geschlechtliche Identitäten im "körperlosen" Netz zu verändern, stellte einen Anreiz für dekonstruktivistische Theorien und Praxen dar, die Geschlechterstereotypen und starre Geschlechtszuschreibungen auflösen wollten.

Die Erwartung, die noch in Heft 1/1997 der Feministischen Studien vorherrschte, dass durch Multimedia die Geschlechterverhältnisse revolutioniert werden könnten, trifft seither auf zwiespältige Befunde. Heute könnte genauso gut gefragt werden, ob und wenn ja, wie durch digitale Medien eine Rückkehr zu traditionellen Geschlechterunterschieden reorganisiert wird. Eine jüngst publizierte Studie über Geschlechterdarstellungen in den sozialen Medien zeigt, wie stereotyp und geschlechtshierarchisch sich junge Frauen im Netz inszenieren. Eine von der MaLisa-Stiftung präsentierte Studie mit dem Titel "Weibliche Selbstinszenierung in den neuen Medien" wertete die Top-100 von YouTube und Instagram aus und kam zu dem Ergebnis: "Während Frauen sich überwiegend im privaten Rahmen zeigen, Schminktipps geben und ihre Hobbies präsentieren, bedienen Männer deutlich mehr Themen von Unterhaltung über Musik bis zu Games, Comedy und Politik."

Auch die Psychologin Nicola Döhring bestätigt durch ihre aktuellen Forschungen: YouTube ist männlich dominiert und verbreitet traditionelle Geschlechterrollen. Im Netz ist Frauenfeindlichkeit an der Tagesordnung, Antifeminismus und Antigenderismus werden mit Vehemenz vertreten, Sexismus und Rassismus sind erschreckend enttabuisiert und hate speech ist schon fast alltäglich. Dagegen formieren sich feministische Netzöffentlichkeiten als Gegenöffentlichkeiten, die aufklären und Widerstand leisten – und sich so aktiv für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen.

#ausnahmslos

Im Hashtag #ausnahmslos wurden Anforderungen an die Medien formuliert: Gegen sexualisierte Gewalt und Rassismus. Immer. Überall. #ausnahmslos
Die Erforschung von Internet und Social Web ist eine wesentliche Aufgabe der aktuellen Gender Media Studies. Die kommunikations- und medienwissenschaftliche Frauen- und Geschlechterforschung war und ist sowohl Wissenschafts- wie Gesellschaftskritik. Für die Kommunikationswissenschaftlerin Tanja Thomas ist sie politisch relevant, denn sie sei normativ, ziele auf Gesellschaftsveränderung und entwickele Vorstellungen von Emanzipation aus feministischer Sicht.

Gender Media Studies analysieren die kulturelle und soziale Konstruktion von Geschlecht, die Prozesse der Vergeschlechtlichung und das "Doing Gender" von Institutionen und Subjekten und beziehen als maßgebliche Faktoren soziale Ungleichheit, Macht und Herrschaft in die Analyse ein. Sie zielen auf (Geschlechter-)Gerechtigkeit und ihre Gesellschaftskritik ist politischer Intervention verpflichtet: Das von ihnen erarbeitete Wissen ist Teil eines politischen Prozesses; sich einzumischen ist für feministische Wissenschaft nach wie vor konstitutiv. Feminismus und Medien – das sollte keine unglückliche Liaison sein.

Ulla Wischermann

Ulla Wischermann

Prof. Dr. Ulla Wischermann war bis zu ihrer Emeritierung im Herbst 2017 Professorin für Soziologie am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Direktorin im dortigen Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse. Sie war langjährige Mitherausgeberin der Zeitschrift feministische studien und der Buchreihe Critical Studies in Media and Communication. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Gender Media Studies, feministische Theorie, Antigenderismus, Soziale Bewegungsforschung und Öffentlichkeitstheorie.


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