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8.10.2021

Jüdisches Leben in der Bundesrepublik

1950 gründete sich der Zentralrat als Interessenvertretung der Juden in Deutschland. Gleichzeitig bestand antisemitische Vorurteile und Gewalt weiter fort. Das wachsende öffentliche Interesse an der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit bestärkte jedoch die jüdische Gemeinschaft zum Verbleib in der "unmöglichen Heimat“ Deutschland.

Bei der Eröffnung des ersten jüdischen Museums am 9. September 1988 in Frankfurt/M. wird der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl (2. v. l.) von dem Gründungsdirektor Georg Heuberger (l.) durch die Ausstellung geführt. Das Eröffnungsdatum wurde auf den 50. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 gelegt. (© ullstein bild – BPA)


Neubeginn

Laut einer Volkszählung im Jahr 1950 betrug die jüdische Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland und West-Berlin 21.974 Personen und 1954 existierten in der Bundesrepublik Deutschland und in West-Berlin 70 jüdische Gemeinden, die in 13 Landesverbänden organisiert waren. Eine kleine Gruppe überlebender deutscher Juden sah sich verpflichtet, die jüdische Tradition wieder aufleben zu lassen; andere begründeten ihre weitere Anwesenheit im "Land der Täter" mit ihrem Verantwortungsgefühl für die demokratische Entwicklung Westdeutschlands, sahen das Land aber gleichzeitig nur als vorübergehenden Aufenthaltsort.

Vorgeschichte und Gründung des Zentralrats
Bei Gründung der Bundesrepublik zeichnete sich ab, dass es angesichts verschiedener Formen von Isolation und Stigmatisierung, die Juden im Nachkriegsdeutschland erfuhren, zusätzlich zu den gewählten Sprechern der jüdischen Gemeinden und Landesverbände eine bundesweite Vertretung der Juden brauchte – eine Überlegung, die sich mit dem Wunsch der neuen westdeutschen Regierung nach einem zentralen Ansprechpartner für jüdische Angelegenheiten deckte. Die Etablierung einer deutsch-jüdischen Gesamtvertretung wurde zunächst erschwert durch die Interessenunterschiede zwischen den seit 1945 in Gemeinden organisierten deutschen Jüdinnen und Juden und den in Lagern lebenden jüdischen DPs, deren Zahl zudem ständig schwankte. Jüdische DPs, deutsche Juden und internationale jüdische Organisationen stritten vor allem darüber, ob jüdische Überlebende auf deutschem Boden bleiben oder auswandern sollten (mehr hierzu siehe Neuanfänge).

Im Jahr 1950 hatte sich die Situation im Vergleich zu den unmittelbaren Nachkriegsjahren in einigen entscheidenden Punkten verändert. Zum einen hatte sich mit der Bundesrepublik Deutschland ein neuer demokratischer Staat gebildet, der die Rahmenbedingungen für organisiertes jüdisches Leben schuf. Zum anderen war absehbar, dass nicht alle Jüdinnen und Juden, wie zunächst erwartet, Deutschland verlassen würden. Allerdings erlebten die in Deutschland Verbliebenen eine Isolation im doppelten Sinne: Sie wurden von der Mehrheit der nicht-jüdischen Deutschen mit Missfallen beäugt und waren gleichzeitig von der internationalen jüdischen Gemeinschaft abgeschnitten. Letztere lehnte eine langfristige Fortführung jüdischen Lebens in Deutschland ab.

Neben den Anfeindungen durch internationale jüdische Organisationen und dem Kampf um die Anerkennung als Jüdinnen und Juden in Deutschland rückte die Frage der deutschen Wiedergutmachung für Jüdinnen und Juden zunehmend in den Fokus. In Anbetracht dieser Herausforderungen einigten sich die Delegierten der verschiedenen jüdischen Vertretungsorgane während einer Reihe von Konferenzen, die in den späten 1940er-Jahren von Harry Greenstein (1896–1971), dem Berater der amerikanischen Militärregierung in jüdischen Angelegenheiten, organisiert wurden, eine überregional tätige Interessenvertretung ins Leben zu rufen.

Nach mehreren Vorbereitungstreffen kamen am 19. Juli 1950 insgesamt 25 Vertreter der bis Ende der 1950er-Jahre in Deutschland tätigen DP-Komitees und der in Landesverbänden zusammengeschlossenen jüdischen Gemeinden zu einer entscheidenden Sitzung nach Frankfurt am Main zusammen und gründeten dort den Zentralrat der Juden in Deutschland. Namensgebung und Wahl des Hauptsitzes, Frankfurt am Main, erfolgten einstimmig. Die führenden Positionen des Zentralrats waren fast ausschließlich mit deutschen Juden besetzt, obwohl die Mehrzahl der in Deutschland lebenden Juden aus Osteuropa stammte.

Entwicklung und Aufgaben des Zentralrats
Unterschiedliche Vorstellungen vom jüdischen Leben in Deutschland sowie kulturelle Unterschiede und Differenzen zum Beispiel in der Religionsausübung und Sprache führten wiederholt zu Missverständnissen und Konflikten zwischen den oft in einer einzigen jüdischen Gemeinde koexistierenden osteuropäischen und deutschen Jüdinnen und Juden. Dennoch entwickelte sich der Zentralrat zu einer einflussreichen Organisation und wurde 1963 als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Ab diesem Zeitpunkt waren die jüdischen Gemeinden der DDR nicht mehr in den Gremien des Zentralrats vertreten, der nach seiner Umstrukturierung nun drei Organe hatte: die Ratsversammlung, der Delegierte aus allen jüdischen Gemeinden angehörten, ein 18-köpfiges Direktorium und einen Verwaltungsrat von sechs Mitgliedern einschließlich des Generalsekretärs.

Zentralrat der Juden in Deutschland (© Aktualisiert auf Basis von Katharina Hoba / Gesa Löbbecke, Judentum, 5. Aufl., Cornelsen Verlag Berlin 2006, S. 102)


Die dauerhafte Einrichtung dieser Interessenvertretung war nicht zuletzt das Ergebnis der erfolgreichen Arbeit der Verantwortlichen in den Führungspositionen. Zu den Begründern des Zentralrats gehörten zwei damals führende jüdische Funktionäre, der Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern, Philipp Auerbach (1906–1952), sowie der Sprecher der Juden in der Britischen Zone, Norbert Wollheim (1913–1998). Als Generalsekretär des Zentralrats lenkte der Jurist Dr. Hendrik George van Dam (1906–1973) von der Gründung bis Anfang der 1970er-Jahre die Entwicklung der Organisation. Nach seinem Ausscheiden übernahmen zunehmend die Vorsitzenden oder Präsidenten des Zentralrats, wie der Auschwitz-Überlebende und langjährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Berlin Heinz Galinski (1912–1992) und der aus Frankreich zurückgekehrte Unternehmer Werner Nachmann (1925–1988), die überregionale Interessenvertretung der jüdischen Gemeinden nach außen.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland sah sich nicht als eine vorübergehende symbolische Institution in Deutschland, sondern kämpfte dafür, national und international als dauerhafte Repräsentanz der in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden anerkannt zu werden. Insbesondere die Vertretung der jüdischen Angelegenheiten bei der Bundesregierung und ihren Organen sollte, so die Vorstellung des Direktoriums, ausschließlich Sache des Zentralrates der Juden in Deutschland sein. Für die erfolgreiche Arbeit des Sekretariats war die Nähe zur Regierung in Bonn deshalb von besonderer Bedeutung, weshalb der Zentralrat seine Büroräume Mitte 1952 nach Düsseldorf verlegte.

Zentrale Inhalte seiner Tätigkeit waren unter anderem die Frage der Rechtswiederherstellung, das Verhältnis zur Bundesregierung und zu den ausländischen jüdischen Organisationen, die Unterstützung und Versorgung der Hilfsbedürftigen unter den Gemeindemitgliedern sowie der Kampf gegen Antisemitismus. Vor allem die bereits in der Anfangsphase der Zentralratsarbeit erfolgten Begnadigungen von Kriegsverbrechern, die nach Auffassung der Mitglieder des Direktoriums in der Regel weitgehend einer Rehabilitierung des Verbrechens selbst gleichkamen, und die zunehmende Zahl antisemitischer Vorfälle im Bundesgebiet veranlassten den Zentralrat, sich als mahnende Instanz zu Wort zu melden. Seit Mitte der 1950er-Jahre verstärkte der Zentralrat zudem sein Engagement im Bereich der jüdischen Kulturarbeit.

Schwerpunkte der ersten, stark politisch dominierten Jahrzehnte der jüdischen Gemeinschaft in Westdeutschland waren Wiedergutmachung, Wiedereingliederung und Wiederaufnahme der Beziehungen zur jüdischen Welt. Beispielhaft veranschaulicht der Prozess der Wiedergutmachungsverhandlungen die Herausforderungen, mit denen sich der Zentralrat in den ersten Jahren seines Bestehens konfrontiert sah. Seine Mitglieder waren sich einig, dass nach der systematischen Verfolgung und dem Massenmord an den Juden durch die Nationalsozialisten und ihre Kollaborateure Restitution und Entschädigung zu den drängendsten Aufgaben gehörten, die sie zu bewältigen hatten. Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen war unvermeidlich und von grundlegender moralischer und finanzieller Bedeutung für die jüdischen Gemeinden, während sie darum kämpften, "Heimat" neu zu definieren und jüdische Kultur in Deutschland wiederherzustellen

"Wiedergutmachung"

Der Begriff "Wiedergutmachung" umschreibt all jene Verfahren, die auf einen Ausgleich der Schäden abzielten, die rassisch, religiös und politisch Verfolgte während der NS-Herrschaft erlitten hatten. Die Sprecher der jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik und die Mehrheit der jüdischen Emigrantinnen und Emigranten deutscher Herkunft akzeptierten diesen Begriff. Viele jüdische NS-Opfer waren jedoch von der schleppenden Abwicklung der sogenannten Wiedergutmachung enttäuscht und nicht wenige lehnten es ab, das deutsche "Blutgeld" anzunehmen. Seit den 1980er-Jahren wird der Begriff als Verharmlosung kritisiert. Die Auflösung des Rechts und millionenfacher Mord könne niemals "wiedergutgemacht" werden. In den 1950er-Jahren setzten aber gerade auch diejenigen, die eine Schuld der Deutschen an den Verbrechen der NS-Zeit von sich wiesen und Restitution oder Entschädigungszahlungen an die Opfer nationalsozialistischer Verfolgung ablehnten, den Begriff in distanzierende Anführungszeichen.

Karikatur in der Jüdischen Illustrierten, Nr. 19, Juni 1950 zum Thema "Wiedergutmachung"

7a) Rückerstattungswerte unterlagen, soweit Devisenausländer als berechtigt in Frage kamen, aufgrund der Anweisungen der Alliierten, die damit Kapitalflucht aus Deutschland unterbinden wollten, der Sperre des Militärregierungsgesetzes Nr. 53. Insbesondere Geldbeträge waren demnach auf ein Sperrmarkkonto einzuzahlen, Barauszahlungen nicht erlaubt. 16) Als "Ariseure" wurden diejenigen bezeichnet, die während der NS-Zeit enteignetes jüdisches Eigentum übernommen hatten.
20) Vermutlich eine Anspielung auf Leistungsansprüche nach dem Bundesversorgungsgesetz für Kriegsgeschädigte von 1950. Neben Zivilisten kam es auch ehemaligen Wehrmachtssoldaten und Angehörige der Waffen-SS zugute.
25) Veit Harlan (1899–1964) führte in der NS-Zeit Regie bei Propagandafilmen. Nach Kriegsende wurde er im Zuge der Entnazifizierungsverfahren als Entlasteter eingestuft und produzierte weitere Filme. Bei seinem ersten Nachkriegsfilm "Unsterbliche Geliebte" kam es zu Protesten.
27) Die Sozialistische Reichspartei (SRP), (1949–1952 (Verbot)) war eine Partei in der Frühzeit der Bundesrepublik Deutschland, die in Form und Inhalt eine Nachfolgepartei der NSDAP war.


Rückerstattung von geraubtem Vermögen
Zwangsweise entzogenes Eigentum wurde von den westlichen Alliierten bereits unmittelbar nach dem Einmarsch in den besetzten Gebieten beschlagnahmt. So wurde etwa in der amerikanischen Besatzungszone sowohl innerhalb als auch außerhalb Deutschlands geraubtes Vermögen sichergestellt. Hierzu zählten Firmen, Grundbesitz, Immobilien und Bankguthaben, aber auch Kunstwerke, Wertgegenstände und persönliches Hab und Gut. Als Rechtsgrundlage für die Rückerstattung von Eigentum dienten Militärgesetze der westlichen Alliierten. Diese waren 1947 bzw. 1949 von den Militärregierungen in den drei westlichen Besatzungszonen erlassen worden.

In der Anfangsphase der Bundesrepublik, als nicht nur über Wiedergutmachung ja oder nein verhandelt wurde, sondern auch, um welche Wiedergutmachung und für wen es sich handeln sollte, trafen Restitution und Wiedergutmachung in breiten Kreisen der Politik und Gesellschaft Deutschlands auf eine distanzierte oder ablehnende Haltung. Eine Rückerstattung erfolgte deshalb vor allem unter dem Druck der Besatzungsmächte. Ein langer und oft schmerzhafter Weg erwartete die Verfolgten, die Ersatz für den ihnen zugefügten Schaden und für ihren geraubten Besitz verlangten.

Heftig umstritten war die Frage, wie mit dem während der NS-Zeit zwangsweise entzogenen Vermögen der Ermordeten sowie dem Eigentum der deutsch-jüdischen Gemeinden umzugehen sei. Viele jüdische Organisationen außerhalb Deutschlands waren gegen die Fortsetzung jüdischen Lebens in Deutschland und damit der Meinung, dass nur jene Objekte (provisorisch) erhalten werden sollten, die für die religiösen und kulturellen Aktivitäten der Gemeinden absolut notwendig waren. Der Rest des kommunalen jüdischen Gemeindevermögens in Deutschland sollte nach ihrer Auffassung denjenigen Jüdinnen und Juden zugutekommen, die überlebt und sich weltweit anderswo niedergelassen hatten, beziehungsweise den jüdischen Gemeinden, die für deren Integration zu sorgen hatten.

Folglich erkannten diejenigen, die diese Argumentation befürworteten, die neu gegründeten jüdischen Gemeinden in Deutschland nicht als Erben an. Sie betrachteten vielmehr die sogenannten Nachfolgeorganisationen – die Jewish Restitution Successor Organization (JRSO) in der US-Zone Deutschlands, die Jewish Trust Corporation for Germany (JTC) in der britischen Zone und die Branche Française de la Jewish Trust Corporation in der französischen Zone – als einzig legitime rechtliche Vertretungen aller deutsch-jüdischen Ansprüche. Diese Organisationen, die sich 1951 mit anderen jüdischen Organisationen zur Conference of Jewish Material Claims against Germany (Claims Conference) zusammenschlossen, waren in den späten 1940er-Jahren gegründet worden, um die Restitutionsansprüche des "erbenlosen Vermögens" des deutschen Judentums zu vertreten. Dies beinhaltete auch das Vermögen der deutsch-jüdischen Gemeinden vor 1933 sowie den Besitz deutscher Jüdinnen und Juden, die im Holocaust umgekommen waren.

Immer wieder mussten deutsche Gerichte schwierige Auseinandersetzungen zwischen den Nachfolgeorganisationen und Einzelpersonen oder jüdischen Gemeinden, die ihrerseits als rechtmäßige Erben einen Anspruch auf Rückgabe des Vermögens geltend machten, in letzter Instanz entscheiden. Beispiele sind der Prozess zwischen der Jewish Restitution Successor Organization (JRSO) und der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg und die Auseinandersetzungen um die Münchner Reichenbachsynagoge.

Die teilweise widersprüchlichen, regional unterschiedlichen Regelungen wurden durch das Bundesrückerstattungsgesetz (BRüG) im Jahr 1957 ergänzt. So wurde durch diese Ergänzung beispielsweise die Ausweitung der Restitution auf die Raubmaßnahmen des Deutschen Reiches in den besetzten Ländern Europas möglich.

Entschädigung von NS-Unrecht
Im Bereich des Entschädigungsrechts, das die nicht von der Rückerstattung erfassten Personen- und Sachschäden regelt, wurden in der amerikanischen Besatzungszone bereits 1946 Landesgesetze zum Zwecke der Wiedergutmachung erlassen. Sie ermöglichten vorläufige Zahlungen und Leistungen zur Wiederherstellung der Gesundheit, zur Berufsausbildung, zur Schaffung einer wirtschaftlichen Existenz oder zur Abwendung von Notlagen sowie die Auszahlung von Renten an Verfolgte und deren Hinterbliebene.

Im April 1949 erließ der Süddeutsche Länderrat das zoneneinheitliche "Gesetz zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts", das in Bayern, Bremen, Württemberg-Baden und Hessen im August des Jahres verkündet wurde. Es räumte rassisch, religiös und politisch Verfolgten einen Rechtsanspruch auf Entschädigung für Eingriffe in die Lebenschancen, für den Verlust an Freiheit, Gesundheit, beruflichem Fortkommen und anderem mehr ein. Erst 1953 verabschiedete der Deutsche Bundestag ein bundeseinheitliches Entschädigungsgesetz, das 1956 durch das Bundesentschädigungsgesetz (BEG) abgelöst wurde.


Insgesamt wurden knapp 4,4 Millionen Anträge gestellt, von denen rund 2 Millionen im Rahmen des BEG anerkannt und etwa 1,2 Millionen abgelehnt wurden. Viele Antragsteller litten sehr unter den obligatorischen ärztlichen Begutachtungen, den langwierigen Prozessen und zahlreichen bürokratischen Hindernissen. Häufig durchlebten die Überlebenden dabei erneut das Trauma der Verfolgung. Erhebliche psychische und physische Belastungen waren die Folge. Vertreibung, Ermordung von Familienmitgliedern, Demütigungen und die traumatischen Erfahrungen der Überlebenden ließen sich nicht "wieder gut machen". Trotz aller Unzulänglichkeiten verhalfen die finanziellen Unterstützungsleistungen dennoch vielen Menschen zu einem Neustart.

Entschädigungsregeln

"In der Zeit vom 1. Oktober 1953 bis 31. Dezember 1987 sind 4 384.138 Anträge auf Entschädigung nach dem Bundesergänzungsgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung (BErgG) vom 18. September 1953 (BGBl. I S. 1387), nach dem Bundesgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung (Bundesentschädigungsgesetz – BEG) vom 29. Juni 1956 (BGBl. I S. 559) und nach dem Zweiten Gesetz zur Änderung des Bundesentschädigungsgesetzes (BEGSchlussgesetz) vom 14. September 1965 (BGBl. I S. 1315) gestellt und auf folgende Weise erledigt worden:
Zuerkennungen 2 014.142
Ablehnungen 1 246.571
Sonstige Erledigungen (z.B. Rücknahmen) 1 123.425.
Die Zahl der Antragstellerinnen und Antragsteller ist statistisch nicht erfasst. Sie ist nicht identisch mit der Zahl der gestellten Anträge, weil nach Mitteilung der für die Durchführung des BEG zuständigen Bundesländer jeder Anspruchsberechtigte im Durchschnitt mehr als einen Antrag gestellt hat. Die Anzahl der von der Gesamtheit oder auch einzelnen Antragstellern geltend gemachten Ansprüche ist ebenfalls nicht zu ermitteln. Die Zahl der Anträge und Erledigungen ab dem 1. Januar 1988 bis heute ist rückläufig und gering; sie wird daher statistisch von den Ländern nicht mehr erfasst."

Bundesministerium der Finanzen: Wiedergutmachung: Regelungen zur Entschädigung von NS-Unrecht (Broschüre, Stand: 3. Juni 2021), www.bundesfinanzministerium.de, S. 25–26.
Neben individuellen gab es auch kollektive Formen der "Wiedergutmachung". In diesen Fällen nahmen eine Gruppe oder ein Staat die Rolle des Gläubigers ein. Gemeinsam mit der Claims Conference vertrat der neugegründete Staat Israel Anfang der 1950er-Jahre Forderungen nach Entschädigung und Rückerstattung für das jüdische Volk als Ganzes.

Nach einer Regierungserklärung von Bundeskanzler Konrad Adenauer und seinem Bekenntnis zur Verpflichtung des deutschen Volkes zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung begannen im September 1951 entsprechende Verhandlungen, die trotz erheblicher innenpolitischer Widerstände nur ein Jahr später, am 10. September 1952, zur Unterzeichnung des Luxemburger Abkommens führten. Dieses sah eine Globalentschädigung für Israel in Höhe von drei Milliarden DM sowie für die Claims Conference in Höhe von 450 Millionen DM vor und beinhaltete Verbesserungen der Entschädigungsgesetzgebung. Der erfolgreiche Abschluss dieser Verhandlungen förderte die Annäherung an den Staat Israel und leistete einen wichtigen Beitrag zur internationalen Reputation des neuen, demokratischen Deutschlands.

Mit der Unterzeichnung des Luxemburger Abkommens traten die Beziehungen des Zentralrats zu jüdischen Organisationen im Ausland in eine neue Phase. Im Oktober 1952 wurde der Zentralrat erstmals als Mitglied der Claims Conference anerkannt und konnte sich in die Diskussion über die Verteilung der neu verfügbaren Restitutionsmittel einbringen. Anfang Mai 1953 kam es zu einer ersten Einigung, die es den Juden in Deutschland erlaubte, einen jährlichen Zuschuss für die Arbeit der 1951 gegründeten Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e. V. (ZWST) zu beantragen. In der bundesrepublikanischen Anfangsphase zunächst von der amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisation JOINT mit Mitteln zur Versorgung Bedürftiger ausgestattet, erstreckten sich die Aktivitäten dieser Einrichtung der Freien Wohlfahrtspflege Mitte der 1950er-Jahre über die verschiedensten Bereiche der Sozial- und Flüchtlingshilfe, der Alten- und Jugendarbeit bis hin zur Mitwirkung an der Sozialgesetzgebung.

Mit der Gründung der ZWST war nicht nur eine für die jüdische Minderheit wichtige Sozialeinrichtung entstanden, sondern auch ein deutliches Zeichen gesetzt, dass die jüdischen Gemeinden ihre Existenz nicht (mehr) als vorübergehend betrachteten, sondern begannen, eine längerfristige Organisationsstruktur zur Wahrnehmung der Interessen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland aufzubauen. Zur finanziellen Unterstützung von Seiten der Claims Conference kamen später Zuschüsse von Bund und Ländern, die auch die Arbeit des im September 1955 gegründeten Kulturdezernats ermöglichten, das Kinder- und Jugendarbeit sowie Erwachsenenbildung leistete. Damit war die materielle Basis für den Aufbau einer neuen jüdischen Gemeinschaft und lokaler jüdischer Aktivitäten in Deutschland geschaffen – eine Situation, die von Juden in Deutschland seit fast einem Jahrzehnt sehnlichst herbeigewünscht worden war und oft als wichtiger Schritt zur langfristigen Sicherung der jüdischen Präsenz in Deutschland interpretiert wird.

Darüber hinaus bildete die Beilegung des Streits zwischen den jüdischen Partnern die Grundlage für eine kontinuierliche Verbesserung der innerjüdischen Beziehungen: Ende der 1950er-Jahre stimmten auch der World Jewish Congress und die World Zionist Organization dem Beitritt einer deutsch-jüdischen Vertretung in ihre Organisationen zu. Mit der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik am 12. Mai 1965 schien das von Vertretern der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland geforderte Ziel der Anerkennung erreicht. Der Zentralrat war sowohl von Seiten der Bundesregierung als auch von den ausländischen jüdischen Organisationen akzeptiert und zu Israel hatte sich das Verhältnis deutlich verbessert (s. Kapitel "Juden in Deutschland und der Staat Israel").

Ambivalenz

Solange die Existenz und das Fortbestehen jüdischen Lebens in Deutschland zur Diskussion gestanden hatten, kämpften die Sprecher der kleinen jüdischen Minderheit vereint für die innere Konsolidierung und Stabilisierung der jüdischen Gemeinschaft. Ende der 1950er-Jahre erschienen die existenziellen Fragen der Anfangsjahre weitestgehend geklärt. Jüdinnen und Juden in der Bundesrepublik wandten sich nun verstärkt der Aufgabe zu, jüdische Identität und jüdisches Leben nach dem Holocaust neu zu definieren. Das "Bewusstsein des Provisorischen" erschwerte es jüdischen Gemeinden und ihren Dachverbänden lange, interne, auf das religiöse, kulturelle und soziale Innenleben ihrer Gemeinschaft gerichtete Ziele zu definieren. Die Bezeichnung "Zentralrat der Juden in Deutschland" veranschaulicht beispielhaft die deutliche Abkehr von der Identität der deutschen Juden vor 1933, die sich als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens bezeichnet hatten (siehe auch Kapitel "Neuanfänge"). Dennoch prägte eine "Sehnsucht nach Normalität" im Umgang zwischen Juden und Nichtjuden die Beziehungen zur Außenwelt, nicht ohne dabei Probleme der Normalisierung ans Licht zu bringen.

Permanentes Provisorium – auf gepackten Koffern
Alltag und Aufgaben, mit denen Juden in der Bundesrepublik konfrontiert wurden, waren vielfältig und die Ansichten, wie Probleme gelöst oder neue Ideen verwirklicht werden könnten, je nach Erfahrung und Zukunftserwartung unterschiedlich. Oftmals waren es mit nicht-jüdischen Partnern verheiratete und somit vor der Deportation bewahrte deutsche Juden, die die ersten Nachkriegsgemeinden kurz vor Kriegsende oder unmittelbar nach der Befreiung organisierten. Gemeinsam mit den wenigen deutsch-jüdischen Überlebenden und vereinzelten Jüdinnen und Juden, die aus dem Exil zurückgekehrt waren, sorgten sie für Gottesdienste, Beerdigungen, Krankenpflege und Zuteilung von Nahrung. Viele von ihnen lebten in ihrer alten Heimat und mussten trotzdem feststellen, dass kaum etwas so geblieben war, wie sie es gekannt hatten.

Seit 1950 wuchsen viele der wiedergegründeten jüdischen Gemeinden. Zu den neuen Mitgliedern zählten jüdische Familien, die vor dem Nachkriegsantisemitismus in Osteuropa geflohen und durch Kontakte oder Zufall in Städten wie Hamburg, Frankfurt oder Augsburg gelandet waren. Einige waren aufgrund verschiedener Schwierigkeiten aus Israel oder anderen Orten des Exils zurückgekehrt und einzelne waren als Partner oder Kinder aus interreligiösen Ehen zum Judentum übergetreten.

Viele der in Deutschland gestrandeten Juden wagten einen Neuanfang: Sie gründeten Familien, feierten religiöse Feste und organisierten gesellige Zusammenkünfte. Neben der Familie war die Synagoge der Lebensmittelpunkt jüdischen Lebens. Dort trafen sich die Gemeindemitglieder am Schabbat (siehe Kapitel "Religiöse Strömungen und jüdische Feiertage"), begingen gemeinsam die jüdischen Festtage und feierten zusammen Hochzeiten, Beschneidungen und Bar Mizwas. Freundschaften unter den Mitgliedern förderten das Gemeinschaftsgefühl auch jenseits der organisierten Veranstaltungen. Im Lauf der Jahre entstanden zudem Angebote für die Jugend.

Als eine ihrer wichtigsten Aufgaben betrachteten die jüdischen Gemeinden die Organisation von jüdischem Religionsunterricht. In ganz Deutschland bestanden Anfang der 1960er-Jahre 75 Gemeinden mit insgesamt 52 Religionslehrern. Die Zahl der Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren, die am Religionsunterricht teilnehmen sollten, gab der Zentralrat 1962 mit 2248 an. Tatsächlich erhielten bundesweit zu diesem Zeitpunkt 1820 Schüler jüdischen Religionsunterricht.
Seit Anfang der 1950er-Jahre entstanden auch wieder Synagogenbauten in Deutschland, die als ein Zeichen der langsamen Konsolidierung der jüdischen Gemeinschaft im Land gewertet wurden. Ein Beispiel ist die als erste auf dem Gebiet der Bundesrepublik 1952 in Stuttgart eingeweihte Synagoge "Beth Knesset".

Zeitgleich ließ sich gerade in den 1950er- und 1960er-Jahren – allerdings an Orten, an denen sich keine oder sehr viel kleinere jüdische Gemeinden angesiedelt hatten – der Abriss von Ruinen und die Umnutzung von Synagogen beobachten. Beispiele bieten Essen, Worms oder Augsburg. In Augsburg wurde die Synagoge in Kriegshaber von der JRSO an die Stadt verkauft, da die Nachfolgeorganisation es für unnötig erachtete, diese Synagoge angesichts der kleinen Nachkriegsgemeinde zu erhalten; inzwischen ist sie wiederhergerichtet und vor wenigen Jahren zu einer Zweigstelle des Jüdischen Kulturmuseums umgestaltet worden.

Interessanterweise amtierten 1960 nur sieben offizielle Gemeinderabbiner und einige wenige in Osteuropa ausgebildete Rabbiner in Deutschland. Unter Vorsitz des Landesrabbiners von Hessen, Isaak Emil Lichtigfeld (1894–1967), schlossen sich 1957 orthodoxe und liberale Rabbiner (nicht jedoch die traditionellen Rabbiner der osteuropäisch geprägten Gemeinden Bayerns) zur Rabbinerkonferenz in der Bundesrepublik zusammen. Zweck dieser Organisation war es, alle religiösen und sozialen Aufgaben der Rabbiner zu koordinieren. Sie hatte jedoch wenig Handlungsspielraum und stand ständig im Schatten des Zentralrats, der für sich in Anspruch nahm, die jüdischen Interessen in der Öffentlichkeit zu vertreten.

Der Aufbau jüdischen Lebens verlief zunächst von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Juden und Nichtjuden vermieden private Kontakte. Jüdische Zeitungen hingegen berichteten ausführlich über den Aufbau und die Entwicklung der jüdischen Gemeinden und dienten als wichtiges Bindeglied zwischen den in Deutschland verstreut lebenden Jüdinnen und Juden. Das Jüdische Gemeindeblatt für die Nordrhein-Provinz und Westfalen war eines der ersten jüdischen Nachrichtenblätter und Anfang der 1950er-Jahre das einzige überregional erscheinende jüdische Presseerzeugnis. Die 1946 in Düsseldorf gegründete und zwanzig Jahre lang von dem Journalisten Karl Marx (1897–1966; nicht zu verwechseln mit seinem bekannten Namensvetter) herausgegebene Wochenzeitung wechselte mehrfach ihren Namen und erscheint heute als Jüdische Allgemeine in Berlin.

Der weit über die Grenzen der Bundesrepublik bekannte Herausgeber trat nicht nur wiederholt und lautstark als selbsternannter Fürsprecher der in Deutschland lebenden Juden in Erscheinung, sondern gehörte auch zu den aktivsten Förderern der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit. 1948 waren in Frankfurt am Main, München, Stuttgart und Wiesbaden die ersten dieser Gesellschaften mit dem Ziel gegründet worden, einen Beitrag zur "Umwertung der geistigen und kulturellen Werte des deutschen Volkes zu leisten". Sieben Jahre später gab es in der Bundesrepublik insgesamt schon 34 solcher Zusammenschlüsse, die "für die Brüderlichkeit aller Menschen ohne Unterschied der Rasse, des Glaubens oder der Herkunft" eintraten.

Wie anderen in der Bundesrepublik bescherte das "Wirtschaftswunder" auch manchem jüdischen Überlebenden geschäftliche Erfolge. Doch vielen, die Verfolgung und Lager überlebt hatten, gelang es nur mühsam und äußerst langsam, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Erschwert wurde dies nicht zuletzt durch das widersprüchliche Selbstverständnis als Juden in Deutschland: Gerade die erste Generation, also die Überlebenden der Shoa, schien durch eine auf der Verfolgungserfahrung gründende kollektive Identität geprägt. Häufig erklärten sie ihr Bleiben im Land der Täter damit, dass sie sich für die demokratische Entwicklung in Westdeutschland verantwortlich fühlten. Dennoch betrachteten sie das Land nur als einen vorübergehenden Aufenthaltsort. Viele fühlten sich schuldig und stellten ihre Anwesenheit in Deutschland nach dem Holocaust in Frage. Zu den als problematisch wahrgenommenen Aspekten der deutsch-jüdischen Beziehungen gehörten insbesondere der wieder aufflammende Nationalismus und der deutsche Antisemitismus. In diesem Spannungsfeld entwickelte sich eine jüdische Jugend, die einerseits zum Symbol für das Leben sowie für die Kontinuität jüdischer Existenz und jüdischer Werte wurde, die aber andererseits Deutschland nicht selten als "unmögliche Heimat" – so der Titel eines Buches von Anthony D. Kauders zur deutsch-jüdischen Geschichte der Bundesrepublik – erlebte.

Unabhängig davon, ob die oft von körperlichen oder psychischen Krankheiten gezeichneten Überlebenden ausführlich über das Erlebte sprachen oder die Vergangenheit verschwiegen, gaben sie das erlebte Grauen in ihrem Verhalten unausgesprochen an die nächste Generation weiter. Diese Familiensituation belastete besonders die Erstgeborenen. Diejenigen, die später geboren wurden, waren tendenziell besser in der Lage, ihr Leben zu meistern. Einige machten Karriere. Dennoch sind auch ihre Biografien von einer Vergangenheit geprägt, die sie nicht erlebt haben.

Mit den Traumata umgehen – eine jüdische Kindheit in Augsburg

Helena Goldfein geb. Fischel


Intensivere Kontakte zu Nichtjuden ergaben sich für die gut behütete zweite Generation meist erst mit der Einschulung. An den Volksschulen wurden sie erstmals mit Vorurteilen konfrontiert und erlebten antisemitische Beleidigungen und Beschimpfungen durch Lehrkräfte und Mitschülerinnen und Mitschüler. Erst zu Beginn der 1960er-Jahre machte sich langsam ein Wandel im Verhältnis zueinander bemerkbar. Oft waren es gemeinsame Interessen oder die Mitgliedschaft in Vereinen, die Juden und Nichtjuden miteinander in Kontakt brachten.

Dauerhafter Aufenthalt – Normalisierung?
Bis Ende der 1980er-Jahre blieb die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder in der Bundesrepublik stets unter 30.000 und war mit einem Anteil von 0,05 Prozent an der Gesamtbevölkerung eine im Alltag kaum wahrnehmbare Gruppe. Nach zwei Jahrzehnten, in denen für die jüdischen Gemeinden die wirtschaftliche und soziale Integration ihrer Mitglieder im Vordergrund gestanden hatte, sollten in den folgenden Jahren unterschiedliche Inhalte, Fragen und Anschauungen das Miteinander prägen und einen langsamen Wandel des geistigen Klimas innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik einläuten. Neben die Vorstellung von einer provisorischen Existenz in Deutschland schob sich die Idee eines dauerhaften Aufenthalts.

Zu Beginn der 1960er-Jahre hatte eine erhebliche wirtschaftliche und politische Konsolidierung zu einer Stabilisierung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland beigetragen. Zugleich bedrohten Antisemitismus und Neonazismus (siehe Kapitel "Antisemitisms in Deutschland nach 1945") die Normalisierung. Beeinträchtigt wurde sie auch durch die fehlende Bereitschaft der großen Mehrheit nicht-jüdischer Deutscher, sich zur deutschen Verantwortung für den Völkermord an den Jüdinnen und Juden Europas zu bekennen. Zwar thematisierten einzelne westdeutsche Politiker die Verbrechen des NS-Regimes, verurteilten den fortbestehenden Antisemitismus und betonten, aus der Vergangenheit Lehren ziehen zu wollen. Das Augenmerk der Bundesregierung richtete sich Anfang der 1950er-Jahre jedoch vor allem auf die Entwicklung eines neuen Deutschlands. Nicht durch Aufarbeitung, sondern mittels einer gezielten "Vergangenheitspolitik" – einem heute als zu milde beurteilten Verhalten der jungen Bundesrepublik gegenüber NS-Mitläufern bei gleichzeitig harter Verfolgung weniger Haupttäter – bemühte sich die neu gewählte demokratische Führung, die Westintegration der Bundesrepublik und den Zusammenhalt der Bevölkerung abzusichern. Erst nach einer Reihe von Skandalen und spektakulären Prozessen gegen NS-Verbrecher – allen voran der Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961 und die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt ab 1963 – setzte in den 1960er-Jahren eine Diskussion um die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit ein.

Das Gefühl der Juden in Deutschland, sich ständig vor sich selbst und vor den Juden im Ausland rechtfertigen zu müssen, warum sie mit ihrer Präsenz in der Bundesrepublik den Eindruck von wiederkehrender Normalität zwischen Deutschen und Juden erweckten, erschwerte die eigene Identitätsfindung. Das Fortbestehen antisemitischer Gewalt, die neben Aktionen wie Friedhofsschändungen, Schmierereien an Synagogen und Gemeindegebäuden seit den 1970er-Jahren auch Bomben- und Brandanschläge sowie Attentats- und Entführungsdrohungen beinhaltete, waren deutliche Warnungen, nicht voreilig von einer "Normalität" im Umgang zwischen Juden und Nichtjuden auszugehen. Vor allem aber verstärkten diese Vorfälle das Gefühl der Bedrohung und führten zur Einführung von Sicherheitsmaßnahmen. Panzerglas, Zäune, Kameras, Alarmanlagen, Wachleute und Polizeischutz prägen bis heute jüdische Einrichtungen und den Alltag von Jüdinnen und Juden in der Bundesrepublik.

Antisemitische Propaganda und Gewalt verstärkten das Bedürfnis nach "Sicherheit" und nicht zuletzt deshalb war Israel ein wichtiger Bezugspunkt für die meisten in der Bundesrepublik lebenden Jüdinnen und Juden (siehe auch Kapitel "Juden in Deutschland und der Staat Israel"). Nahezu alle solidarisierten sich mit dem 1948 gegründeten jüdischen Staat und spendeten Geld für ihn. Im Frühjahr 1967 rückte das Land ins Blickfeld der Weltöffentlichkeit, als Provokationen der arabischen Nachbarn Ägypten, Jordanien und Syrien den Frieden im Nahen Osten bedrohten und schließlich im Sechs-Tage-Krieg eskalierten. Angesichts dieser Bedrohung Israels interessierten sich nicht-jüdische Deutsche zum ersten Mal merklich für den jüdischen Staat und zollten den Juden in Deutschland plötzlich Aufmerksamkeit, die sie in den Anfangsjahren nicht erhalten hatten.

Obwohl die jüdische Gemeinschaft klein und ihre politische Macht begrenzt war, hatte sich die Sensibilität gegenüber jüdischen Belangen im Laufe der Zeit erhöht. Das verstärkte öffentliche Interesse an Israel und der jüngeren deutsch-jüdischen Geschichte veränderte sowohl die Stellung der jüdischen Gemeinschaft in der deutschen Gesellschaft als auch das jüdische Selbstbewusstsein. Die jüdische Gemeinschaft von 1970 lebte nicht länger in Abgeschiedenheit vom Rest der Gesellschaft. Auf der Suche nach einem neuen jüdischen Selbstverständnis hinterfragte insbesondere die kritische jüdische Jugend – von der "68er"-Bewegung angesteckt – das Leben auf gepackten Koffern und die Voraussetzungen für jüdisches Leben in der Bundesrepublik.

Zeitgleich begann die junge Generation nicht-jüdischer Deutscher, angeregt durch eine zunehmende Medienpräsenz des Holocausts, ihre Eltern und Großeltern nach ihrer Rolle während der NS-Zeit zu fragen. Obwohl einzelne Theaterstücke und Filme bereits seit Mitte der 1950er-Jahre das jüdische Schicksal während der NS-Zeit thematisierten, etablierte sich der Begriff "Holocaust" in Deutschland erst 1979 infolge der Ausstrahlung der gleichnamigen amerikanischen Serie durch die dritten Fernsehprogramme.

Bürgerinitiativen und Schülerwettbewerbe widmeten sich der Rekonstruktion der jüdischen Vergangenheit zahlreicher Orte. Deutsche Städte luden ehemalige jüdische Bürgerinnen und Bürger ein, ihre alte Heimat zu besuchen, und Denkmäler für die ermordeten Juden wurden aufgestellt. Neben das Interesse für die Zeit der Vernichtung trat auch die Beschäftigung mit der reichen jüdischen Geschichte und den Resten des jüdischen Lebens in der Gegenwart, welche später die Gründung jüdischer Museen und neuer universitärer Einrichtungen zur Erforschung jüdischer Geschichte und Kultur inspirierte.

Dass die kleine jüdische Gemeinschaft erste Schritte aus den sprichwörtlich gewordenen Hinterhöfen hinauswagte, belegt nicht nur die Tatsache, dass sie offener über eine Zukunft des Judentums in Deutschland sprach. Von einem neuen Selbstbewusstsein zeugten auch die Gründung einer Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg 1979, die Rabbiner und Religionslehrer ausbilden sollte, und die Entstehung liberaler jüdischer Gemeinden, in denen eine Gleichberechtigung der Frauen im Gottesdienst gegeben ist. Letztere bestehen seit den 1980er-Jahren neben den in den frühen Nachkriegsjahren gegründeten orthodox geprägten Gemeinden (mehr zu Strömungen im Judentum siehe Kapitel "Religiöse Strömungen und jüdische Feiertage").

Ein neues politisches Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinschaft findet seit den 1980er-Jahren seinen Ausdruck in der Bereitschaft, sich in öffentliche Debatten einzubringen, gerade auch im Hinblick auf Konflikte um die "Normalisierung" des Verhältnisses zur deutschen Geschichte. Ausschlaggebend dafür waren der Generationswechsel unter den Juden in Deutschland und in der Führung des Zentralrats, aber auch ein grundlegender Wandel in der politischen Kultur des Landes. Hatten Mitglieder des Zentralrats die Wahl des CDU-Politikers Kurt Georg Kiesinger trotz seiner "braunen Vergangenheit" zum deutschen Bundeskanzler 1966 weitgehend unkommentiert gelassen, reagierte die jüdische Gemeinschaft 1985 mit öffentlichen Protestaktionen gegen den Besuch des Bundeskanzlers Helmut Kohl und des amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan auf dem Friedhof von Bitburg, auf dem sich auch Gräber von Mitgliedern der Waffen-SS- befanden.

Kampf um die Erinnerung am Frankfurter Börneplatz

Der große Erzähler und kritische Chronist Ludwig Börne wurde am 6. Mai 1786 im jüdischen Getto in Frankfurt am Main geboren, unter dem Namen Juda Löb Baruch. […] Vom späten Mittelalter an und lange danach waren die Juden in Frankfurt in diesem Getto zusammengepfercht. Im Frühjahr 1987 rückt diese weithin verdrängte Vergangenheit plötzlich wieder in den Fokus. Es entbrennt in Frankfurt eine Auseinandersetzung, die in ganz Deutschland und in den europäischen Nachbarländern Aufmerksamkeit findet. Bei Ausschachtungsarbeiten für ein geplantes Kundenzentrum der Stadtwerke stoßen die Bauarbeiter mit ihren Baggern auf die Überreste des alten jüdischen Gettos.
Insgesamt war das "neue deutsche Judentum" nach 1945 eine äußerst heterogene Gruppe. Am Vorabend der deutschen Wiedervereinigung saßen nicht (mehr) alle Juden in Deutschland auf gepackten Koffer, bei den meisten waren sie längst ausgepackt. Unterschiedliche Interessen und gegensätzliche Positionierungen unter den Mitgliedern führten aber auch dann zu Spannungen und Konflikten im Innern der jüdischen Gemeinschaft. Nicht jeder fühlte sich vom Zentralrat adäquat vertreten. Manche warfen dem Zentralrat Entfremdung von den von ihm repräsentierten Juden in der Bunderepublik einerseits und Anbiederung an das deutsche politische Establishment andererseits vor. Andere beschrieben ihr Lebensgefühl als "fremd im eigenen Land." Zudem war die jüdische Gemeinschaft überaltert und ein Fortbestehen der Gemeinschaft nicht selbstverständlich. Entscheidende Veränderungen und neue Herausforderungen kamen mit dem Fall der Mauer 1989 und der Öffnung der Sowjetunion.

Andrea Sinn

Andrea Sinn

Prof. Dr. Andrea Sinn ist O’Briant Developing Professor and Associate Professor am Department of History and Geography der Elon University in North Carolina sowie seit 2017 Direktorin des an der Universität angesiedelten Zentrums für jüdische Studien. Sie beschäftigt sich mit deutscher und jüdischer Geschichte, promovierte 2014 mit einer Arbeit zu jüdischer Presse und Politik in der Bundesrepublik Deutschland und hat neben einer Monographie zu diesem Thema weitläufig zu jüdischem Leben in Deutschland nach dem Holocaust publiziert.


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