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10.7.2020

Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen

Daseinsvorsorge umfasst alle lebensnotwendigen Dinge für eine wohnortnahe Grundversorgung und soll damit im Sinne des grundgesetzlich fixierten Sozialstaatsprinzips möglichst gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland gewährleisten.

Eine wichtige Voraussetzung, um die Lebensqualität in ländlichen Räumen zu verbessern, ist eine wohnortnahe, moderne Infrastruktur; dazu gehört der Breitbandausbau für schnelles Internet. Im nordrheinwestfälischen Nümbrecht wird im Dezember 2019 ein Glasfasernetz verlegt. (© picture-alliance, Goldmann)


Daseinsvorsorge als Sozialstaatsversprechen

Daseinsvorsorge – dazu gehören Schulen, Wasserversorgung, Hausärzte ebenso wie die Feuerwehr oder der Internetanschluss, kurz: alle lebensnotwendigen Dinge, die für die wohnortnahe Grundversorgung der Bevölkerung von Bedeutung sind. In Deutschland spielt die öffentliche Hand für die Gewährleistung dieser Einrichtungen, ihre Finanzierung, die rechtlichen Rahmensetzungen und ihre Umgestaltung eine zentrale Rolle. Aber auch private Unternehmen und freie Träger zum Beispiel der Wohlfahrtspflege stellen soziale und technische Infrastrukturen bereit und bewirtschaften diese. Angebote der Daseinsvorsorge spielen eine wichtige Rolle, um gleichwertige Lebensverhältnisse in ganz Deutschland zu erreichen, so die Akademie für Raumordnung und Landesplanung (ARL) in ihrem 2016 veröffentlichten Bericht "Daseinsvorsorge und gleichwertige Lebensverhältnisse neu denken". Dieses politische Ziel ist beispielsweise im Bundesraumordnungsgesetz verankert und gilt als räumliche Dimension des Sozialstaatsprinzips gemäß Grundgesetz Artikel 20 Abs. 1 "Die Bundesrepublik ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat".

(© bpb)


In modernen Sozialstaaten ist Daseinsvorsorge also das Versprechen auf soziale Teilhabe durch eine möglichst wohnortnah verfügbare, zumindest aber gut erreichbare Infrastruktur zu sozialverträglichen Kosten, so der Wirtschaftswissenschaftler Andreas Knorr 2005 (siehe Literatur zu Kapitel 3, im Kapitel Quellen Literatur und Links). Aus Sicht der Bevölkerung stellt Daseinsvorsorge eine wichtige Dimension der lokalen Lebensqualität dar. Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung wiederum müssen Argumente der sozialen und räumlichen Gerechtigkeit gegen die Kosten solcher Einrichtungen abwägen. Zugleich ändern sich Ansprüche und technische Standards: Ging es für ländliche Räume im frühen 20. Jahrhundert beispielsweise um die Anbindung an das Stromnetz und um den Ausbau von Wasserleitungen, so waren es nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem Gemeindeschwesternstationen, moderne Schulzentren und Abwassersysteme, die in vielen Dörfern neu entstanden.

Heute sind die meisten dieser Einrichtungen selbstverständlich geworden und andere Themen, wie etwa der Breitbandausbau, rücken in den Vordergrund: Während die einen fordern, dass jeder "weiße Fleck" verschwinden müsse, argumentieren andere, dass nicht "an jeder Milchkanne" Hochleistungsinternet zur Verfügung stehen müsse bzw. könne. Schließlich verändern sich auch die Wege der Leistungsbereitstellung, etwa von öffentlich zu privatwirtschaftlich, von stationär zu mobil oder von analog zu digital. Neben technischen Innovationen, klammen kommunalen Haushalten sowie sich ändernden rechtlichen Rahmenbedingungen und Präferenzen der Nutzerinnen und Nutzer beeinflussen auch die Alterung und der Bevölkerungsrückgang in manchen Regionen den Wandel der Daseinsvorsorge.

(© Thünen-Institut, 2020 Landatlas (www.landatlas.de), Ausgabe 2020, hg. vom Thünen-Institut für Ländliche Räume, Braunschweig 2020)



Wohnortnahe Daseinsvorsorge aus Sicht der Bevölkerung

Ländliche Räume werden in der gesellschaftlichen Debatte um die Daseinsvorsorge meist als defizitär dargestellt. Und tatsächlich haben in den vergangenen Jahren viele Schulen und Läden geschlossen, wurden Öffnungszeiten reduziert, Haupt- durch Ehrenamtliche ersetzt, und Erreichbarkeiten haben sich verschlechtert. Gleichzeitig finden aber auch in ländlichen Räumen Erweiterungen und ein Ausbau von Daseinsvorsorge statt. Am eindrucksvollsten erfolgte dies in der jüngeren Zeit in den westdeutschen Ländern im Bereich der Kinderbetreuung und in den ostdeutschen Ländern in Teilen der technischen Infrastruktur, etwa durch den nahezu flächendeckenden Anschluss an die Kanalisation. Gleichzeitig nehmen die Bürgerinnen und Bürger nicht selten ihr Schicksal selbst in die Hand, gründen Dorfläden oder fahren Bürgerbusse. Dabei kämpfen sie mit manch bürokratischer Hürde – sei es in Gestalt komplizierter Antragsformulare, sich oftmals wandelnder Förderprogramme, differenzierter Gemeinnützigkeitsregeln des Vereinsrechts oder in Form von komplexen Haftungs- und Steuerfragen.

In der Gesamtschau belegen weder bundesweite Erreichbarkeitsanalysen noch standardisierte Befragungen ein flächendeckendes Fehlen nahräumlicher Grundversorgungseinrichtungen in ländlichen Räumen. Dennoch sind die Unterschiede bemerkenswert. Am Beispiel der medizinischen Versorgung hat Stefan Neumeier am Thünen-Institut unter anderem untersucht, inwieweit spezielle Arztpraxen erreichbar sind. Erreichbarkeit ist dabei ein statistischer Wert, der von einem über ganz Deutschland gelegten Raster von 250 mal 250 Metern ausgeht. Die computerbasierte Erreichbarkeitsanalyse ermittelt die Arztpraxis, die dem Zellenmittelpunkt eines Rasters jeweils am nächsten liegt. Sind Haus- und Zahnarztpraxen diesen Analysen zufolge in ländlichen Räumen von 55 bzw. 54 Prozent der Bevölkerung fußläufig in 15 Minuten erreichbar, liegt der gleiche Wert in nicht-ländlichen Räumen bei 84 bzw. 82 Prozent. Bei Kinderärzten beträgt der Bevölkerungsanteil, der die nächste Praxis in 15 Minuten zu Fuß erreichen kann, in ländlichen Räumen gerade einmal 17 Prozent, bei Augenärzten 13 Prozent und bei Hals-Nasen-Ohren-Ärzten 10 Prozent. Die entsprechenden Werte für nicht-ländliche Räume liegen bei 42, 33 bzw. 30 Prozent. Bemisst man die Erreichbarkeit des nächsten Hausarztes in Pkw-Fahrzeit, so beträgt diese sowohl in ländlichen als auch nicht-ländlichen Räumen für knapp 100 Prozent der Bevölkerung maximal 15 Minuten.

(© Thünen-Institut, 2020 Stefan Neumeier, Berechnungen nach dem Thünen-Erreichbarkeitsmodell, 2019; administrative Grenzen: vg250 Bundesamt für Kartographie und Geodäsie, 2016)


Landarzt sein gegen den Trend

[…] In Groß-Umstadt leben gut 21.000 Menschen […]. Der Ort liegt im nördlichen Odenwald. Darmstadt und Aschaffenburg sind jeweils etwa eine halbe Autostunde entfernt, bis Frankfurt ist es eine Stunde. Nicht wirklich Land, aber doch ländlich. […]
Potenzielle Erreichbarkeiten statistisch zu ermitteln, ist eine Möglichkeit, um zu untersuchen, wie es um die Ausstattung mit Daseinsvorsorge in ländlichen Räumen bestellt ist. Eine andere Option besteht darin, die Betroffenen selbst zu fragen. Eine 2016 in ländlichen Räumen durchgeführte repräsentative Bevölkerungsbefragung des Thünen-Instituts zeigt, dass die dort erfragten Einrichtungen der wohnortnahen Versorgung im Umkreis von zehn Kilometern für die meisten Befragten verfügbar sind. Die geringsten Werte weisen kleine Lebensmittelläden, weiterführende Schulen und spezialisierte Geschäfte etwa für Haushaltsgeräte und Möbel auf (siehe Joachim Kreis 2020, Literatur zu Kapitel 3, im Kapitel Quellen, Literatur und Links).

(© Thünen-Allgemeinbefragung in ländlichen Räumen 2016 (personengewichtete Werte))


Den Antworten war freilich nicht zu entnehmen, was fehlende Versorgungsinfrastruktur tatsächlich für die Bewältigung des Alltags in ländlichen Räumen bedeutet. Deshalb wurden diejenigen, die fehlende Einrichtungen und Dienstleistungen benannt hatten, nachfolgend gefragt, ob dies für sie mit Alltagserschwernissen einherginge. 180 Befragte (10 Prozent aller Befragten) bejahten diese Frage für mindestens eine der vorgegebenen Einrichtungen. Am häufigsten war dies für spezialisierte Versorgungseinrichtungen (z. B. zum Kauf von Möbeln) der Fall (absolut: 99 Nennungen). Mit großem Abstand dahinter folgten kleine Läden für den täglichen Bedarf (37 Nennungen). Bezogen auf die Altersgruppen fand sich der höchste Anteil derer, die mindestens einmal Alltagserschwernisse nannten, unter den Befragten zwischen 25 und 49 Jahren (14 Prozent im Vergleich zu 10 bzw. 11 Prozent bei den 65- bis 74-Jährigen bzw. den Befragten im Alter ab 75 Jahren). Mutmaßlich ist die Vielzahl der zu koordinierenden Wege im Spannungsverhältnis von Erwerbstätigkeit und Familienarbeit der Hauptgrund, weshalb die jüngeren und mittleren Altersgruppen fehlende Einrichtungen im Wohnumfeld vergleichsweise häufiger als erschwerend bezeichneten.

Im Folgenden werden zwei Bereiche der Daseinsvorsorge und die aktuellen Herausforderungen, mit denen sich die Angebots- und die Nachfrageseite in ländlichen Räumen konfrontiert sehen, genauer dargestellt.

Beispiel Nahversorgung
Unter Nahversorgung wird die ortsnahe Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs verstanden. Um auch Personen mit eingeschränkter Mobilität eine selbstständige Versorgung zu ermöglichen und um den Autoverkehr zu begrenzen, besteht das politische Ziel, die Nahversorgung fußläufig sicherzustellen, wobei eine Entfernung von zehn Gehminuten oder 1000 Metern veranschlagt wird. Neben der reinen Versorgung haben die Angebote, wie Lebensmittelgeschäfte, Post oder Banken, auch eine wichtige soziale Funktion als Treffpunkt im Ort. Aktuelle Erreichbarkeitsberechnungen des Thünen-Instituts zeigen jedoch, dass mehr als die Hälfte der ländlichen Bevölkerung kein Lebensmittelgeschäft fußläufig (d. h. in 1000 Metern) erreichen kann. In nicht-ländlichen Räumen trifft dies nur auf ein gutes Viertel der Einwohnerschaft zu (für alle Zahlen in diesem Abschnitt siehe Matthias Kokorsch / Patrick Küpper 2019, Literatur zu Kapitel 3, im Kapitel Quellen, Literatur und Links).

Seit 1990 hat sich die Zahl der Verkaufsstellen im Lebensmitteleinzelhandel deutschlandweit mehr als halbiert. Insbesondere die kleinen Geschäfte mit weniger als 400 Quadratmetern Verkaufsfläche, die für die Nahversorgung in ländlichen Orten besondere Bedeutung haben, sind fast vom Markt verschwunden. Ähnliche Trends sind bei Bäckereien und Fleischereien zu beobachten. Postfilialen gibt es ebenfalls kaum noch in kleineren Orten, sie wurden vielmehr in ausgewählte bestehende Läden größerer Orte integriert. Seit einigen Jahren schließen auch immer mehr Bankfilialen oder werden durch Automaten ersetzt. Für diese Entwicklungen, die im Folgenden mit Blick auf den Lebensmitteleinzelhandel skizziert werden, gibt es verschiedene Ursachen auf der Seite der Kundinnen und Kunden sowie auf Seiten derjenigen, die die Angebote machen.

Mit Energie und Zusammenhalt gegen den Rückgang

[…] In der Gemeinde [Kirchenlamitz] im Fichtelgebirge nahe der tschechischen Grenze [sollen] [s]chon 2028 […] 500 Menschen weniger [...] leben als heute [2016], 2800 wären sie dann noch. Der Landkreis Wunsiedel wird in den nächsten Jahren 16 Prozent seiner Bevölkerung verlieren. Nicht nur hier drohen Ortschaften zu verwaisen, auch in Thüringen, Brandenburg und der Eifel, im Hunsrück, in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen.
Auf der Nachfrageseite sind die gestiegene Mobilität und die Individualisierung die zentralen Triebkräfte dieser Entwicklung. Gerade in ländlichen Räumen ist der Besitz eines oder mehrerer Pkw pro Haushalt der Normalfall, und selbst Hochbetagte nutzen das Auto, so lange es irgendwie geht. In der Folge ist der Großteil der Verbraucherinnen und Verbraucher immer weniger auf die lokale Versorgung angewiesen. Gleichzeitig verlassen ohnehin die meisten Bewohnerinnen und Bewohner kleinerer Orte regelmäßig ihren Wohnort, um zur Arbeit zu pendeln, Besorgungen zu erledigen oder Freizeitaktivitäten nachzugehen. Daher koppeln sie verstärkt den Weg zum Einkauf mit anderen Wegen, was sich relativ gut mit Einkäufen an autoorientierten Standorten in Klein- und Mittelstädten verbinden lässt.

Der Trend zu immer individuelleren Lebensstilen hat das Spektrum der nachgefragten Produkte fortlaufend ausgeweitet. Verlangt werden beispielsweise Fertiggerichte, vegane Lebensmittel oder exotische Früchte. Gleichzeitig besteht der Wunsch nach mehr Produktarten, wie etwa bestimmten Marken neben Discount-Produkten, Bio-Lebensmitteln, Light- oder regional erzeugten Produkten. Großflächige Lebensmittelmärkte, die eine große Auswahl an verschiedenen Produkten bieten und bequem mit dem Auto erreicht werden können, sind damit besonders attraktiv für eine Kundschaft, die seltene Großeinkäufe macht und alles zeitsparend in einem Geschäft einkaufen möchte. Andererseits geht mit der Ausdifferenzierung der Nachfrage auch eine gestiegene Mehrfachorientierung einher. Das bedeutet, dass immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher ihren Bedarf nicht in einem Geschäft, zum Beispiel beim lokalen Einzelhändler, decken, sondern verschiedene Märkte und Standorte aufsuchen, also neben dem Discounter auch das hochpreisige Fachgeschäft.

Auf der Anbieterseite lässt sich eine zunehmende Konzentration auf wenige große Ketten feststellen. So konnten die fünf größten Anbieter ihren Marktanteil von 2000 bis 2017 kontinuierlich von 62 auf knapp 77 Prozent ausbauen. Kleine und unabhängige Anbieter haben zunehmend Schwierigkeiten, überhaupt noch einen Lieferanten zu finden, oder die Lieferkosten erschweren es ihnen, ein konkurrenzfähiges Angebot zu machen. Die Ladenformate der großen Ketten sind in der Vergangenheit immer größer geworden, um eine breitere Auswahl und günstige Preise zu gewährleisten. Dadurch verdrängen sie einerseits kleine, unabhängige Märkte und andererseits rechnen sich diese Formate nur bei immer größeren Einzugsbereichen. Das bedeutet, dass die großen Anbieter Orte mit weniger als 5000 Einwohnern in der Regel nicht mehr für die Errichtung neuer Märkte in Betracht ziehen. Stattdessen konzentrieren sie sich auf hochfrequentierte Standorte in den Innenstädten und an Ausfallstraßen, die oftmals fußläufig kaum erreichbar sind.

Die beschriebenen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte lassen sich anhand eines Beispielorts veranschaulichen. Tettenborn, ein kleines Dorf mit circa 600 Einwohnern, liegt im Südharz und ist ein Ortsteil der niedersächsischen Kleinstadt Bad Sachsa mit gut 7000 Einwohnern. In der Nachkriegszeit gab es in Tettenborn ein umfassendes Nahversorgungsangebot. Neben einer Post und einer Bank existierten bis zu vier Lebensmittelgeschäfte, drei Bäcker, zwei Fleischer und zwei Gemüseläden. Insbesondere in den 1980er- und 1990er-Jahren mussten diese stationären Angebote schließen. Das letzte Lebensmittelgeschäft wurde 2002 aufgegeben. Allerdings kommen auch heute noch mobile Händler für Fleischerei- und Backwaren in das Dorf. Für alle anderen Waren des täglichen Bedarfs müssen die Bewohner Tettenborns den vier Kilometer entfernten Hauptort Bad Sachsa aufsuchen, wo entsprechende stationäre Angebote verfügbar sind.

Prinzipiell gibt es raumplanerische Instrumente, um die Ausgestaltung der Nahversorgung zu steuern. Insbesondere die Bauleitplanung, die festlegt, welche Nutzungen wo im Gemeindegebiet zulässig sind, kann Auswirkungen, wie überdimensionierte Märkte an autoorientierten Standorten, verhindern. Die beschriebenen Entwicklungen zeigen jedoch, dass dieses Instrumentarium zumindest in der Vergangenheit oftmals nicht genutzt wurde, was auch an der Standortkonkurrenz zwischen den Kommunen liegt. Zudem kann die Planung nur bestimmte Fehlorientierungen eindämmen, aber kaum eigene Impulse für die Ansiedlung neuer Läden in kleinen Orten setzen.

Neues Leben im Ortskern

Etwas lief schief in seinem Heimatort, das konnte Wolfgang Borst damals schon sagen. Es war kurz nach der Jahrtausendwende, das mittelalterliche Städtchen Hofheim in Unterfranken, einst Zonenrandgebiet, lag nun in der Mitte des wiedervereinigten Deutschlands. Trotzdem zog eine junge Familie nach der anderen weg. In den kleinen Straßen um den Marktplatz machten die Geschäfte zu. Und rundherum in den Dörfern, die zu der Gemeinde gehören, zählte Borst die alten Fachwerkhäuser, in denen der Putz zwischen den Balken bröckelte. […] Damals florierten allenfalls die Filialen der Supermarktketten mit den großen Parkplätzen, die dem Ortsausgang in Richtung der nahen Bundesstraße sein Gesicht gaben. […]
Angesichts dieser Situation entstanden zahlreiche politische Initiativen und Fördermöglichkeiten, um die Nahversorgung in ländlichen Räumen zu sichern. Zudem gibt es auch in einzelnen Dörfern Bürgerinnen und Bürger, die sich zum Beispiel in einer Genossenschaft zusammenschließen, um neue Angebote vor Ort zu schaffen, die nicht in erster Linie auf Gewinn ausgerichtet sind. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass alle politischen und bürgerschaftlichen Initiativen eine gewisse Mindestnachfrage erfordern und es nicht ausreicht, wenn nur die Personen, die auf den Einkauf vor Ort angewiesen sind, das neu geschaffene Angebot nutzen. Häufig sind die meisten Bewohnerinnen und Bewohner von Orten ohne Einkaufsmöglichkeit relativ zufrieden mit ihrer Versorgungssituation, weil die Wohnortnähe neben Preis, Auswahl, Qualität der Produkte und Öffnungszeiten nur ein Bewertungskriterium unter vielen ist. Damit Initiativen zur Verbesserung der Nahversorgung nicht zu Fehlinvestitionen werden, gilt es also, den tatsächlichen Bedarf genau zu prüfen und gegebenenfalls Kommunen oder Ehrenamtliche bei alternativen Lösungen, wie rollenden Supermärkten, Einkaufstaxis oder Nachbarschaftshilfe, zu unterstützen.

Beispiel Brandschutz und Hilfeleistung als Teil der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr
Abwehrender Brandschutz und Hilfeleistung sind Pflichtaufgaben, die kommunale Gebietskörperschaften im Rahmen ihrer Selbstverwaltung wahrnehmen müssen. Die Gemeinden müssen eine leistungsfähige Feuerwehr aufstellen, die erforderliche Technik bereitstellen und erneuern, die Feuerwehrangehörigen aus- und fortbilden sowie die Versorgung mit Löschwasser sicherstellen. In den ländlichen Räumen Deutschlands, also in den Dörfern, aber auch in den meisten Klein- und Mittelstädten, bilden fast ausschließlich Ehrenamtliche das Rückgrat der Feuerwehren: Nach Auskunft des Deutschen Feuerwehrverbandes gab es 2016 unter knapp einer Million Aktiver in Freiwilligen Feuerwehren gerade einmal knapp 6500 hauptberuflich Tätige (weit weniger als ein Prozent). Gemeinsam mit den etwa 40.000 Beschäftigten bei Berufs- und anerkannten Werkfeuerwehren stellen Hauptamtliche nicht einmal vier Prozent aller Feuerwehrleute in Deutschland. Somit ist die nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr, insbesondere der Brandschutz und die technische Hilfeleistung, der einzige Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge, der in ländlichen Regionen (und bei weitem nicht nur dort) auf der Basis bürgerschaftlichen Engagements gewährleistet wird. Punktuell unterstützen hauptamtlich besetzte Leitstellen und Wachen sowie professionelle Gerätewarte diese Strukturen.

Die gegenwärtig wichtigste Herausforderung des ehrenamtlichen Systems besteht in seiner flächendeckenden Aufrechterhaltung. Zwischen 2000 und 2017 sank die Zahl der Personen, die bundesweit in Freiwilligen Feuerwehren aktiv waren, um knapp sieben Prozent. Die größten Verluste verzeichneten dem Deutschen Feuerwehrverband zufolge ostdeutsche Flächenländer (Thüringen 29 Prozent, Brandenburg und Sachsen-Anhalt jeweils 20 Prozent). Die Zahl der Einsätze hingegen hat im gleichen Zeitraum nicht abgenommen, sondern lag konstant zwischen 1,1 und 1,2 Millionen pro Jahr.

(© Eigene Darstellung nach Feuerwehr-Jahrbuch des Deutschen Feuerwehrverbandes (DFV) 2002–2019)


Die Grafik verdeutlicht, dass – anders, als es populäre Darstellungen, etwa in der Kinderliteratur, suggerieren – nur ein Bruchteil der Einsätze tatsächlich der Brandbekämpfung dient: Nicht einmal zehn Prozent der Einsätze Freiwilliger Feuerwehren 2017 betrafen Brände und Explosionen. Auch in allen anderen Jahren zwischen 2000 und 2017 waren Rettungsdienstfahrten und Technische Hilfeleistungen anteilsmäßig von weitaus größerer Bedeutung als die Brandbekämpfung. In Jahren mit Großschadensereignissen (etwa die Hochwasser 2002 und 2013 oder der Sturm Kyrill 2007) ist die Zahl technischer Hilfeleistungen besonders hoch. In ländlichen Räumen kommt für die Aktiven der Freiwilligen Feuerwehren eine Fülle weiterer Aufgaben für das Gemeinwesen hinzu – von der Absperrung bei Festen über Kinder- und Jugendarbeit bis zum Tag der Offenen Tür.

Feuerwehren sind ein Parade- und zugleich Spezialfall bürgerschaftlichen Engagements. Noch heute verkörpern sie wie kaum eine andere Institution das der Daseinsvorsorge innewohnende Spannungsfeld von staatlicher Fürsorge und privater Vorsorge: Der Staat kann seine Pflicht zum Schutz der Bevölkerung in diesem Feld der Daseinsvorsorge nicht ohne das private Engagement Einzelner erfüllen. Doch in Zeiten des soziodemografischen Wandels ist die stete Verfügbarkeit qualifizierter Freiwilliger gefährdet: Insbesondere in ländlichen Räumen mit wirtschaftlichen Strukturproblemen lässt sich die Tagesalarmsicherheit angesichts zahlreicher Pendlerinnen und Pendler, die nicht vor Ort arbeiten, sowie der dauerhaften Abwanderung junger Menschen nicht mehr ohne Weiteres gewährleisten. Neue Organisationsformen und mehr Eigenvorsorge sind also gefordert.

Fazit

Eine wohnortnahe Nahversorgung und die kontinuierliche Gewährleistung des Brandschutzes gehören für viele Einwohnerinnen und Einwohner ländlicher (wie auch städtischer) Räume zu den Gewissheiten ihres Alltagslebens – ebenso wie Wasser und Strom, Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, medizinische Versorgung und Betreuungsangebote für Kinder und Ältere. Doch um diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten zu gewährleisten, bedarf es fortgesetzter Anstrengungen der politisch Verantwortlichen, von privaten Unternehmen, von Ehrenamtlichen und gemeinnützigen Organisationen. Denn Daseinsvorsorge ist kein statisches Konzept und kein fester Katalog – was genau sie umfasst, welche Erwartungen an sie herangetragen werden, welche Steuerungsmodelle zum Einsatz kommen und wie sie gewährleistet werden kann, verändert sich kontinuierlich mit dem gesellschaftlichen Wandel.

Annett Steinführer, Patrick Küpper

Annett Steinführer

Dr. Annett Steinführer ist Land- und Stadtsoziologin und arbeitet zu den Folgen des sozialen und demografischen Wandels für Dörfer und Kleinstädte. Wanderungs- und Bleibeentscheidungen sowie soziale und räumliche Ungleichheiten sind weitere Schwerpunkte ihrer Forschungen.


Patrick Küpper

Dr. Patrick Küpper ist Humangeograph und forscht zu Politiken für die Entwicklung peripherer Regionen und zur Daseinsvorsorge, wie ärztlicher Versorgung, Mobilität und Nahversorgung. Aktuelle Projekte beschäftigen sich z.B. mit neuen Entwicklungen im Lebensmitteleinzelhandel, bürgerschaftlichem Engagement, Netzwerken und Innovationen von Kleinstunternehmen sowie Förderstrategien zur Aktivierung und Beteiligung regionaler Akteure.


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