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10.7.2020

Wirtschaftliche Vielfalt ländlicher Räume

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten im Deutschen Reich mehr Erwerbstätige in der Industrie als in der Landwirtschaft. Inzwischen dominiert in ganz Deutschland der Dienstleistungssektor – auch in den ländlichen Räumen. Dennoch sind die regionalen Branchenstrukturen vielfältig.

In ländlichen Räumen sind oftmals sogenannte Hidden Champions anzutreffen, Weltmarktführer auf ihrem Gebiet. Zu ihnen zählt die Firma hansgrohe in Schiltach im Schwarzwald, hier in einer Luftaufnahme von 2019. (© picture-alliance, ZB / euroluftbild.de / Martin Bildstein)


Sektor- und Siedlungsstrukturen im historischen Wandel

In der Wahrnehmung breiter Bevölkerungskreise herrschen Vorstellungen von der ländlichen Wirtschaft, die weniger mit deren aktuellen Strukturen als vielmehr mit deren traditionellen Erscheinungsformen verknüpft sind. Über mehrere Jahrtausende hinweg bestand der Hauptzweck des Wirtschaftens für Menschen in der Befriedigung elementarer Grundbedürfnisse, darunter die Versorgung mit Nahrungsmitteln. Noch gegen Ende des 15. Jahrhunderts waren bis zu 90 Prozent der Erwerbstätigen in Europa in der Landwirtschaft beschäftigt. Die Menschen lebten und arbeiteten mehrheitlich in kleinen Dörfern, deren große Abhängigkeit vom weiträumig verteilten Produktionsfaktor Boden zudem für eine zerstreute Siedlungsstruktur sorgte.

An dieser dünnen, weiträumigen Besiedlung und der großen Abhängigkeit der Menschen von der Landwirtschaft änderte sich bis zum 19. Jahrhundert wenig. Zwar führte das Bevölkerungswachstum des 12. und 13. Jahrhunderts zu einer Welle von Stadtgründungen, so die Wissenschaftler Franz Rothenbacher und Georg Fertig 2015. Mit dem rasanten Städtewachstum im 19. und 20. Jahrhundert aber war diese Entwicklung kaum vergleichbar. Zum einen hatten die Städte bis zum Ende des Mittelalters oft nur einige hundert Einwohner, zum anderen behielten sie nach Erkenntnis des Stadtforschers Hartmut Häußermann (2012) vielfach den Charakter einer Agrarstadt (oder Ackerbürgerstadt), in der sich der Großteil der Bevölkerung durch Landwirtschaft selbst versorgte.

Darüber hinaus brachen die Bevölkerungszahlen infolge von Kriegen, Hungersnöten und Seuchen immer wieder ein. Besonders verheerend wirkten die vor allem im 14. Jahrhundert stark grassierende Pest sowie der Dreißigjährige Krieg (1618–1648), denen jeweils große Teile der Bevölkerung zum Opfer fielen und die auch zur Aufgabe von Siedlungen führten. Mitte des 17. Jahrhunderts, kurz nach Beendigung des Dreißigjährigen Krieges, lebten im nordalpinen Teil des Heiligen Römischen Reichs, zu dem das Gebiet der heutigen Bundesrepublik damals zählte, nur ungefähr zehn Millionen Menschen und damit nicht mehr als bereits um 1470 (siehe hierzu und zu den folgenden Angaben zu Bevölkerungszahlen und Wirtschaftsstruktur in diesem Abschnitt die Grafik "Bevölkerung und Erwerbstätigkeit" in diesem Kapitel und die dort angegebenen Quellen).

Anmerkung: Aufgrund sich ändernder Gebietsstände und fehlender systematischer statistischer Erhebung auf gesamtwirtschaftlicher Ebene vor den 1950er-Jahren bleibt die Darstellung der Zahlen lückenhaft und ungenau. Die Abstände auf der horizontalen Achse sind nicht gleich weit voneinander entfernt. Eigene Abbildung. Datenquellen: Statistisches Bundesamt (1994, 2018, 2020), Thomas Rahlf 2015 und für die Jahre vor 1846 Franz Schlosser 1999 (siehe auch Literatur zu Kapitel 4) (© Eigene Abbildung. Datenquellen: Statistisches Bundesamt (1994, 2018, 2020), Thomas Rahlf 2015 und für die Jahre vor 1846 Franz Schlosser 1999 (siehe auch Literatur zu Kapitel 4))


Ein dauerhafter Bevölkerungsanstieg setzte erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein. Gestützt wurde diese Entwicklung durch die um 1750 beginnende Modernisierung der Landwirtschaft, wo sich neben neuen Kulturpflanzen zunehmend effizientere Anbaumethoden sowie der systematische Einsatz von Düngemitteln etablierten. In der Folge stiegen die Erträge und die verbesserte Ernährungssituation begünstigte das Wachstum der Bevölkerung. Um 1850 lebten im Gebiet des Deutschen Zollvereins bereits über 30 Millionen Menschen.

Zugleich begannen die Beschäftigungsmöglichkeiten in der Landwirtschaft und auf dem Lande im Laufe des 19. Jahrhunderts zu sinken. Zum einen sorgte die nach und nach einsetzende Mechanisierung für einen verringerten Bedarf an landwirtschaftlichen Arbeitskräften. Zum anderen führten die sogenannte Bauernbefreiung und die damit einhergehenden Bodenreformen zu einer Neuverteilung von Eigentumsrechten am Boden, wodurch ein Teil der Landbevölkerung seine vormaligen Nutzungsrechte an Ackerflächen, Holz und anderen natürlichen Ressourcen verlor. Schließlich trug auch die zunehmende Produktion in Manufakturen und Fabriken dazu bei, dass Familien auf dem Land, die bisher vielerorts etwa durch handwerkliches Spinnen und Weben in Heimarbeit einen Zuverdienst erwirtschaftet hatten, ihre Einkommensmöglichkeiten einbüßten. Parallel zu den rückläufigen Erwerbsmöglichkeiten in ländlichen Gebieten stieg in den Städten die Nachfrage nach (einfachen) Arbeitskräften. Im Zuge der Industrialisierung, die im heutigen Deutschland ungefähr in den 1850er-Jahren einsetzte, wanderten deshalb immer mehr Menschen auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Städte ab.

Als Standorte für die Errichtung großer industrieller Produktionsanlagen boten die Städte aber nicht nur ein wachsendes Potenzial an Erwerbspersonen, sondern sie ermöglichten auch die räumliche Konzentration von Kapital, das gegenüber dem Boden als Produktionsfaktor an Bedeutung gewann. Das Kapital wurde in Produktionsanlagen investiert, die eine standardisierte Massenproduktion zu sinkenden Lohnstückkosten ermöglichten. Eine solche Massenproduktion lohnt sich vor allem für große Absatzmärkte. Weil freier Handel die Absatzmärkte tendenziell vergrößert, dürfte auch der Abbau innerdeutscher Zollschranken durch die Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 zur heimischen Industrialisierung und wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen haben. Die Absatzmöglichkeiten für Massenerzeugnisse stiegen zudem deshalb, weil mit der Industrialisierung die durchschnittlichen Einkommen langfristig zunahmen. Da mit wachsenden Einkommen der für Grundbedarfsgüter wie Lebensmittel ausgegebene Einkommensanteil in der Regel zurückgeht, stieg die Nachfrage nach höherwertigen Konsumgütern überproportional und die Bedeutung des sekundären, produzierenden Sektors gegenüber dem primären, landwirtschaftlichen Sektor nahm zu.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten im Deutschen Reich (einschließlich Elsass-Lothringen) erstmals mehr Erwerbstätige in der Industrie als in der Landwirtschaft. Hatte der Erwerbstätigenanteil des primären Sektors im Gründungsjahr des Deutschen Reiches 1871 noch bei 49 Prozent gelegen, sank er bis 1907 auf 35 Prozent. Im selben Zeitraum kletterte der Anteil des sekundären Sektors von 29 Prozent auf über 38 Prozent. Seine Position als wichtigster Wirtschaftsbereich sollte der sekundäre Sektor, bezogen auf das spätere Westdeutschland, bis Anfang der 1970er-Jahre behalten.

Vor allem in der Phase der Hochindustrialisierung nach der Gründung des Deutschen Reiches verliefen Industrialisierung und Verstädterung weitgehend parallel. Lebten im Jahr 1871 noch weniger als fünf Prozent der insgesamt 41 Millionen umfassenden Bevölkerung in Großstädten von mehr als 100.000 Einwohnern, war dieser Anteil bei einer Gesamtbevölkerung von nunmehr fast 65 Millionen bis 1910 bereits auf über 21 Prozent gestiegen. Während die zunehmende Verstädterung wie oben beschrieben zumindest teilweise eine Folge von Massenproduktion und der damit einhergehenden Konzentration von Kapital und Arbeitskräften war, wurde das Wachstum der Bevölkerung in dieser Zeit vor allem durch sinkende Sterberaten begünstigt. Das 20. Jahrhundert war dann zunächst geprägt von zwei Weltkriegen und der "Spanischen Grippe" in der Zwischenkriegszeit, deren verheerende Gesamtwirkung sich vor allem am Einbruch der Bevölkerungszahlen ablesen lässt, während die Weltwirtschaftskrise ab 1929 für globale wirtschaftliche Verwerfungen sorgte.

Betriebe mit mindestens einem Hektar Landfläche, ab 1991 mit zwei Hektar und mehr, ab 2010 mit fünf Hektar und mehr (© dpa-infografik GmbH, dpa 100 454; Quelle: Deutscher Bauernverband, DBV-Situationsbericht)

Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990 muss zwischen den Entwicklungen unterschieden werden, die sich in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), ab 1949 Deutsche Demokratische Republik (DDR), und den ehemaligen Westzonen, dem Gebiet der ebenfalls 1949 gegründeten Bundesrepublik, vollzogen. Dies geschieht zunächst mit Blick auf den primären Sektor. In der westdeutschen Landwirtschaft wurden infolge fortschreitender Mechanisierung und Standardisierung der Produktion immer weniger Arbeitskräfte benötigt. Landwirtschaftliche Betriebe wurden dort oft im Zuge des Generationswechsels aufgegeben, möglicherweise weil die potenziellen Hofnachfolger außerhalb der Landwirtschaft bessere Einkommensmöglichkeiten sahen, während die verbliebenen Betriebe wuchsen, indem sie die frei gewordenen Flächen übernahmen. Die freigesetzten Arbeitskräfte wanderten vor allem in den sekundären Sektor ab, der in den 1950er- und 1960er-Jahren ein starkes Wachstum verzeichnete.

In der Sowjetischen Besatzungszone wurden nach 1945 im Zuge der Bodenreform Großgrundbesitzer, die über mehr als 100 Hektar landwirtschaftliche Fläche verfügten, enteignet. Rund zwei Drittel des "Bodenreformlands" wurde Neubauern und landarmen Bauern als Eigentum übergeben, das restliche Drittel ging an Staatsgüter, die später so genannten Volkseigenen Güter (VEG). Ab 1952 wurde der Boden zunehmend kollektiviert und die kleineren, zuvor privat bewirtschafteten Betriebe wurden zu großen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zusammengefasst. Von da an war die LPG in der DDR die vorherrschende landwirtschaftliche Organisationsform; der von VEG bewirtschaftete Teil des Bodens lag bei unter zehn Prozent.

Zwar schritt auch in der DDR die Mechanisierung der Landwirtschaft weiter voran, ja mehr noch, die Durchsetzung "industriemäßiger Produktionsmethoden" war hier erklärtes Ziel der Staatsführung (Jens Schöne 2005, siehe Literatur zu Kapitel 2, im Kapitel Quellen, Literatur und Links). Jedoch ging die Zahl der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft der DDR deutlich langsamer zurück als in der Bundesrepublik. Das lag unter anderem daran, dass zur Versorgung der Bevölkerung gerade arbeitsintensive Produktionszweige ausgeweitet wurden und LPG sowie VEG vielfach auch außerlandwirtschaftliche Tätigkeiten ausführten. Weitere Ursachen für den geringeren Anstieg der Arbeitsproduktivität in der DDR-Landwirtschaft könnten Engpässe in der Versorgung mit Maschinen und Ersatzteilen gewesen sein. Dazu kam das Staatsziel, eine flächendeckende Vollbeschäftigung zu erreichen, das tendenziell die Freisetzung von Arbeitskräften in Wirtschaftszweigen mit sinkendem Arbeitskräftebedarf verlangsamte. Während sich in der Bundesrepublik die Zahl der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft von 1970 bis 1989 von 2,2 auf 1,1 Millionen halbierte, sank sie in der DDR im selben Zeitraum nur relativ geringfügig von 1,02 auf 0,97 Millionen.

Was den sekundären Sektor betrifft, so verzeichnete dieser in der Bundesrepublik während des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegszeit weitere Zuwächse und erreichte mit einem Erwerbstätigenanteil von etwa 49 Prozent Mitte der 1960er-Jahre einen historischen Höchststand. Ab Anfang der 1970er-Jahre begann der Erwerbstätigenanteil des sekundären Sektors jedoch kontinuierlich zu schrumpfen und fiel 1972 mit 45 Prozent hinter den stark expandierenden tertiären (Dienstleistungs-)Sektor zurück, dessen Anteil zu diesem Zeitpunkt bereits 47 Prozent betrug. Wichtige Triebfedern dieser Schwerpunktverschiebung waren unter anderem die zunehmende Automatisierung der Produktion,die globalisierungsbedingte Zunahme des Wettbewerbs und Veränderungen in der internationalen Arbeitsteilung. Verstärkend wirkten zudem die mit wachsender Kaufkraft gestiegene Nachfrage nach personenorientierten Dienstleistungen sowie der Bedeutungszuwachs unternehmensorientierter Dienstleistungen.

Primärer, sekundärer und tertiärer Sektor

Das Haupttätigkeitsfeld von Unternehmen und anderen Wirtschaftsakteuren wie Behörden wird durch ihre Branchenzugehörigkeit beschrieben. Branchen wiederum können auf höherer Ebene zu den sogenannten Sektoren zusammengefasst werden. Üblicherweise werden drei Sektoren unterschieden. Der erste oder primäre Sektor umfasst Aktivitäten der Land- und Forstwirtschaft sowie der Fischerei und beschreibt damit die sogenannte Urproduktion. Der Bergbau, der in einer weiteren Definition ebenfalls der "Urproduktion" zugerechnet werden könnte, wird in heutigen Statistiken in der Regel dem sekundären Sektor zugeschlagen. Der zweite oder sekundäre Sektor umfasst insbesondere das produzierende Gewerbe, zu dem vor allem Unternehmen aus Industrie und Handwerk gehören; aber auch die Bauwirtschaft wird in der Regel dazu gezählt. Der tertiäre Sektor schließlich entspricht dem Dienstleistungsbereich mit so unterschiedlichen Angeboten wie dem Haarschnitt beim Friseur oder der Planung großer Projekte durch Ingenieurbüros. Es liegt auch an der großen Vielfalt an Aktivitäten innerhalb der Sektoren, dass sich verschiedene ländliche Regionen in ihrer Entwicklung manchmal stark voneinander unterscheiden, obwohl sie vergleichbare Sektorstrukturen aufweisen. Wirtschaftliche Aktivitäten und Strukturen verändern sich im Zeitablauf. Angesichts der zunehmenden Bedeutung wissensintensiver Dienstleistungen in Bereichen wie Wissenschaft, Information, Kommunikation und Beratung wurde bereits vorgeschlagen, die drei Sektoren um einen vierten, "quartären" Sektor zu ergänzen, ohne dass sich diese Idee schon in der Breite durchgesetzt hätte.
In der zentral gelenkten Wirtschaft der DDR hatte bis mindestens in die späten 1950er-Jahre der Ausbau der Schwerindustrie aus strategischen und ideologischen Überzeugungen heraus Vorrang gegenüber der Produktion von Konsumgütern und Dienstleistungen. Zwar wurden die Konsummöglichkeiten der eigenen Bevölkerung in den Folgejahrzehnten von der zentralen Planung stärker berücksichtigt, doch die Erzeugung von Dienstleistungen und Konsumgütern blieb im Vergleich zu Westdeutschland schwach ausgeprägt, auch weil die Sowjetunion die Neuausrichtung weg von der Schwerindustrie nicht unterstützte, so der Wirtschaftshistoriker André Steiner 2018 (siehe Literatur zu Kapitel 2, im Kapitel Quellen, Literatur und Links). In der Folge stieg die Zahl der Erwerbstätigen im produzierenden Gewerbe der DDR von 4,2 Millionen im Jahre 1970 auf 4,4 Millionen im Jahre 1989, wogegen sie in der damaligen Bundesrepublik im selben Zeitraum von 12,4 auf 10,8 Millionen zurückging.

Insgesamt erhöhte sich die Zahl aller Erwerbstätigen in beiden deutschen Staaten zwischen 1970 und 1989 um circa elf Prozent. In der Bundesrepublik resultierte dieser Zuwachs einzig aus einem Anstieg der Erwerbstätigen im Dienstleistungsbereich, dessen Anteil von 45 Prozent (1970) auf 60 Prozent (1989) stieg. In der DDR hingegen erfuhr der Dienstleistungssektor keinen vergleichbaren Bedeutungszuwachs. Stattdessen stieg sein Anteil nur geringfügig von 21 Prozent (1970) auf 22 Prozent (1989).

In der Bundesrepublik ging der Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft mit einer fortschreitenden Urbanisierung einher. Dazu beigetragen haben könnte, dass die räumliche Nähe im Dienstleistungsbereich Vorteile bietet, weil viele Dienstleistungen am selben Ort erbracht wie in Anspruch genommen werden. Für die Erbringung wissensintensiver Dienstleistungen bieten zudem große lokale Arbeitsmärkte, wie sie in Großstädten zu finden sind, besondere Vorteile (siehe Erläuterungen zu Urbanisationsvorteilen in diesem Kapitel).

In der DDR hingegen verfolgte die politische Führung mit dem Instrument der Territorialplanung seit den 1950er-Jahren unter anderem das Ziel, industrielle und landwirtschaftliche Stützpunkte in strukturschwachen Gebieten zu schaffen und den Gegensatz von Stadt und Land schrittweise aufzuheben, so Hermann Behrens 1997 (siehe Literatur zu Kapitel 2, im Kapitel Quellen, Literatur und Links). Dementsprechend war die DDR zunächst weniger durch Verstädterungstendenzen gekennzeichnet als die damalige Bundesrepublik. Seit der Wiedervereinigung liegt der Bevölkerungsanteil in Großstädten von über 100.000 Einwohnern in Deutschland recht konstant bei über 30 Prozent (2018: 32 Prozent).

Nach der Wiedervereinigung 1990 verlor das Gebiet der ehemaligen DDR massiv an Produktionsstätten, die unter den Bedingungen des neuen globalen Marktes gegenüber ihren westlichen Konkurrenten meist nicht wettbewerbsfähig genug waren. Dieser Verlust traf besonders die ländlichen Regionen, die zudem für hochqualifizierte Beschäftigte aus anderen Regionen wenig attraktiv waren und so auch keine neuen Industrien anzogen. Diese De-Industrialisierung weiter Landstriche führte dazu, dass sich der Strukturwandel hin zu einer "Dienstleistungsgesellschaft" nach der Wiedervereinigung in Gesamtdeutschland praktisch unvermindert fortsetzte. In Gesamtdeutschland waren 2019 noch gut 24 Prozent aller Erwerbstätigen im Sekundären Sektor beschäftigt, während der Tertiäre Sektor mit einem Anteil von über 74 Prozent eindeutig dominierte. Im primären Sektor arbeiten 2019 in Gesamtdeutschland weniger als zwei Prozent der Erwerbstätigen, während es 1950 im früheren Bundesgebiet noch knapp 25 Prozent waren.

Die Wirtschaftsstruktur ländlicher Räume heute

(© Eigene Abbildung. Daten: Statistisches Bundesamt, 2018. Regionstypen entsprechend der Thünen-Typologie ländlicher Räume )

Im Zuge des sektoralen Wandels von der Agrar- über die Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft hat sich auch die Branchenstruktur der ländlichen Räume erheblich gewandelt. 2016 arbeiteten in sehr ländlichen und eher ländlichen Regionen im Durchschnitt nur noch zwei bzw. drei Prozent der Erwerbstätigen in der Agrar- und Forstwirtschaft bzw. in der Fischerei. Trotz der auch heute noch ersichtlichen Konzentration des primären Sektors auf die ländlichen Räume ist die wirtschaftliche Bedeutung des Sektors also auch dort inzwischen gering. Demgegenüber sind etwa zwei Drittel der Erwerbstätigen in den ländlichen Räumen im tertiären Sektor beschäftigt und etwa 30 Prozent dem sekundären Sektor zuzuordnen. Ein Vergleich mit der Branchenstruktur der nicht-ländlichen Räume zeigt, dass sowohl sehr als auch eher ländliche Räume eine gewisse Spezialisierung auf das produzierende Gewerbe aufweisen, wohingegen die Wirtschaft nicht-ländlicher Räume besonders stark durch den Dienstleistungssektor geprägt ist. So arbeiten in den nicht-ländlichen Räumen weniger als 20 Prozent der Erwerbstätigen im sekundären und mehr als 80 Prozent im tertiären Sektor.

Eine tiefergehende Differenzierung lässt weitere Unterschiede erkennen. So ist es innerhalb des sekundären Sektors vor allem das nicht wissensintensive produzierende Gewerbe wie etwa die Herstellung von Textilien, das, verglichen mit der Gesamtwirtschaft, eine ausgeprägte Konzentration auf ländliche Räume aufweist. Die räumliche Verteilung der wissensintensiven Branchen des produzierenden Gewerbes gestaltet sich hingegen differenzierter. Während sich etwa der Maschinenbau und die Herstellung elektrischer Anlagen ebenfalls eher auf ländliche Regionen konzentrieren, trifft dies für die übrigen Bereiche des wissensintensiven produzierenden Gewerbes wie beispielsweise die Herstellung chemischer Erzeugnisse nicht oder nur im geringen Maße zu. Entsprechende Unterschiede gibt es auch innerhalb des Dienstleistungssektors. So sind die besonders wissensintensiven Branchen wie der Finanz- und Versicherungssektor oder Unternehmensdienstleistungen seltener als die nicht wissensintensiven Branchen in den ländlichen Räumen ansässig und konzentrieren sich stattdessen auf Großstädte und ihr hoch verdichtetes Umland. Andere (nicht wissensintensive) Branchen des tertiären Sektors wie Handel, Gastgewerbe und Haushaltsdienstleistungen zeigen keine besondere Konzentration auf einen Regionstyp.

Die regional unterschiedliche Verteilung von Branchen ist ganz allgemein darauf zurückzuführen, dass für die verschiedenen Wirtschaftszweige unterschiedliche Standortfaktoren entscheidend sind. Systematische Unterschiede in den Branchenstrukturen ländlicher und nicht-ländlicher Räume ergeben sich dabei daraus, dass verschiedene Branchen in unterschiedlichem Ausmaß von sogenannten Urbanisationsvorteilen profitieren. Urbanisationsvorteile treten in Ballungszentren auf und resultieren unter anderem aus einer guten Infrastrukturausstattung, einer hohen Verfügbarkeit von Arbeitskräften, großen lokalen Absatzmärkten und einer breiten lokalen Zulieferindustrie. Des Weiteren gilt ein hochverdichtetes Arbeitsumfeld als förderlich für den Austausch von Wissen. Ein möglicher Nachteil von Ballungszentren ist, dass die Bodenpreise und Mieten für Büro- und Industriefläche (wie auch für Wohnraum) höher sind als außerhalb der Zentren. Typischerweise zeigt sich daher, dass in Zentren überdurchschnittlich viele Unternehmen ansässig sind, die mithilfe vieler hochqualifizierter Beschäftigter innovative Angebote und Geschäftsmodelle entwickeln. Für Betriebe, die vergleichsweise wenig von einem Standort in einem Ballungsraum profitieren und/oder viel Fläche für zum Beispiel Fabrikgelände oder Lagerhallen benötigen, ist ein Standort außerhalb der teuren Zentren oft attraktiver.

Wo das Land gegen die Stadt gewinnt

[...] Seit mehr als zehn Jahren war ich nicht mehr in meiner Heimat, warum auch? Es ist nicht viel los in den Hügeln des oberpfälzischen Jura, im nordöstlichsten Zipfel Bayerns. In Wolfsfeld gibt es 23 Häuser, eine Freiwillige Feuerwehr und eine Kirche. Die nächste Grundschule ist fünf Kilometer entfernt, das nächste Gymnasium fünfzehn, und in einer halben Stunde ist man an der tschechischen Grenze. Einmal im Jahr ist Kirchweih, da tanzt das ganze Dorf um einen großen Baum. Es gibt keine Kneipe, keinen Laden, keine Tankstelle. Als Jugendliche haben wir eine Art Urbanitätsquotienten entwickelt. Dabei wird die Anzahl der Ziffern der Vorwahl durch die Anzahl der Ziffern des Telefonanschlusses geteilt: Je niedriger der Wert, desto urbaner die Gegend. Berlin hat eine dreistellige Vorwahl und achtstellige Rufnummern und damit einen Urbanitätsquotienten von 0,4.
Darüber hinaus können Unternehmen von der räumlichen Nähe zu anderen Unternehmen derselben Branche profitieren. Dies wird als Lokalisationsvorteil bezeichnet. Prominente Beispiele sind die Spezialisierung von Frankfurt am Main auf die Finanzbranche sowie die auf Maschinen- und Fahrzeugbau spezialisierten Regionen Baden-Württembergs, unter denen auch viele ländliche sind. Historisch gesehen spielen auch die naturräumlichen Gegebenheiten für die regionale Spezialisierung eine wichtige Rolle, was sich teilweise noch heute in der Branchenstruktur widerspiegelt. So ist es kein Zufall, dass die energieintensive Schwerindustrie in Deutschland vor allem in den (ehemaligen) Kohleabbauregionen des Ruhrgebiets angesiedelt ist. Die Ernährungswirtschaft weist heute dort vergleichsweise hohe Beschäftigungsanteile auf, wo die Landwirtschaft länger als in anderen Regionen von größerer Bedeutung war. Ähnliches gilt für die Holz verarbeitende Industrie, deren Standorte tendenziell in Regionen mit (ehemals) großen Waldflächen liegen.

Gerade in ländlichen Regionen üben zudem oft einzelne (Groß-)Unternehmen einen starken Einfluss auf die regionale Wirtschaft aus. Dies kann sich als vorteilhaft erweisen, birgt aber wegen der einseitigen Abhängigkeit auch Risiken. So hat sich die Beschäftigungs- und Einkommenssituation im niedersächsischen Emden durch die Ansiedlung eines VW-Werks in den 1960er-Jahren deutlich verbessert. Die Wirtschaft des ländlichen Kreises Schweinfurt in Bayern hingegen geriet in eine Krise, als der Region im Zuge globaler Konzentrationstendenzen in der Wälzlagerindustrie die Konzernzentralen einiger ihrer größten Unternehmen verloren gingen.

Lokalisationsvorteile und der Einfluss einzelbetrieblicher Standortentscheidungen größerer Konzerne helfen, die unterschiedlichen Branchenprofile ländlicher Regionen zu erklären. Dazu können auch historische Pfadabhängigkeiten beitragen, also die langfristigen Auswirkungen von historischen, heute nicht mehr relevanten Standortbedingungen und von ursprünglich eher kleinen, zufälligen Entwicklungen in der Vergangenheit. Wie stark sich die Branchenstruktur der einzelnen (Kreis-)Regionen Deutschlands vom nationalen Durchschnitt unterscheidet und welcher Wirtschaftsbereich jeweils am stärksten zu dieser Spezialisierung beiträgt, wird in der Karte auf S. 34 veranschaulicht (siehe auch Quellentext "Zur Messung der Spezialisierung der regionalen Wirtschaft anhand des Florence-Maßes" in diesem Kapitel; für eine vertiefte Analyse Moritz Meister u. a. 2019, Literatur zu Kapitel 2, im Kapitel Quellen, Literatur und Links). Es wird deutlich, dass vor allem ländliche Regionen an der Nord- bzw. Ostseeküste sowie in Bayern und Baden-Württemberg in ihrer Branchenstruktur stark vom nationalen Durchschnitt abweichen. Die ländlichen Regionen im Süden Deutschlands sind dabei vor allem durch eine Spezialisierung auf das verarbeitende Gewerbe gekennzeichnet, während einige touristisch geprägte norddeutsche Küstenregionen besonders hohe Beschäftigtenanteile im Gastgewerbe aufweisen.

(© Thünen-Institut, 2020 Eigene Darstellung in Anlehnung an Moritz Meister u. a. 2019: Karte, Literatur zu Kapitel 4; basierend auf Berechnungen von Moritz Meister und Philipp Reutter (IAB))


Zur Messung der Spezialisierung der regionalen Wirtschaft anhand des Florence-Maßes

Die Einfärbung der Kreisregionen in der Karte oben zeigt die Spezialisierung der regionalen Wirtschaft im Vergleich zum nationalen Durchschnitt auf. Die Spezialisierung wurde hier anhand des sogenannten Florence-Maßes (nach Philip Sargant Florence, 1890–1982) bestimmt. Sein Wert gibt an, welcher Anteil der in der Region Beschäftigten den Wirtschaftszweig wechseln müsste, damit die regionalen den nationalen Branchenanteilen entsprächen. Der höchste Wert von 38,4 Prozent ergibt sich für die "Autostadt" Wolfsburg. Das heißt, 38,4 Prozent der 2017 in Wolfsburg sozialversicherungspflichtig beschäftigten Personen müssten in einem anderen Wirtschaftszweig tätig sein, damit sich für Wolfsburg die Wirtschaftsstruktur Gesamtdeutschlands ergäbe. Im Durchschnitt aller Kreisregionen liegt dieser Wert bei 16,4 Prozent. Ausgehend von diesem Mittelwert des Florence-Maßes wurden die für die Darstellung der Abweichung der regionalen Branchenstruktur in der Karte verwendeten Klassengrenzen gebildet (siehe Klasseneinteilung rechts oben). Die Obergrenze der ersten Klasse ergibt sich durch Subtraktion einer Standardabweichung vom Mittelwert und die der dritten Klasse durch Addition einer Standardabweichung zum Mittelwert.
Eine Spezialisierung auf das Gesundheits- und Sozialwesen, wie sie sich vor allem in Kreisen Nordbrandenburgs findet, steht dabei häufig in Zusammenhang mit niedrigen Anteilen des verarbeitenden Gewerbes, das sich bundesweit durch eine relativ hohe Produktivität und überdurchschnittliche Aktivität im Bereich Forschung und Entwicklung auszeichnet. Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes liegt in beinahe allen ländlichen Regionen Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns, Schleswig-Holsteins und Nordniedersachsens, deren Branchenstruktur überdurchschnittlich von der Gesamtdeutschlands abweicht, unter dem Bundesdurchschnitt (ohne Darstellung). Die Karte Bruttolöhne und -gehälter veranschaulicht, dass das Lohnniveau in ebendiesen Regionen vergleichsweise niedrig ist. Demgegenüber ist es in ländlichen Regionen mit einer Spezialisierung auf Bereiche des verarbeitenden Gewerbes mit vergleichsweise hoher Arbeitsproduktivität oft höher. Ebenso liegen die Durchschnittslöhne insbesondere in vielen Großstädten auf hohem Niveau, was typischerweise insbesondere auf die oben genannten Urbanisationsvorteile zurückgeführt wird.

(© Thünen-Institut, 2020 Eigene Berechnung, Datengrundlage: Arbeitskreis „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“; Geometrische Grundlage: VG250, © Basis-DE/BKG 2012)


In der Karte "Bruttolöhne und -gehälter" wird außerdem ein systematisches West-Ost-Gefälle deutlich. Dass auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch ein Unterschied im Lohnniveau (und in der Wirtschaftskraft) Ost- und Westdeutschlands zu erkennen ist, wird in der Literatur auf verschiedene Aspekte zurückgeführt, so die Ökonomin Annekatrin Niebuhr 2017 (siehe Literatur zu Kapitel 2, im Kapitel Quellen, Literatur und Links): Unterschiede in der Betriebsgrößenstruktur und Siedlungsdichte, das Fehlen von Konzernzentralen in Ostdeutschland und damit weniger Aktivitäten im Bereich Forschung und Entwicklung, schwierige Startbedingungen der ostdeutschen Betriebe nach der Wiedervereinigung sowie geringe Investitionsquoten.

Aktuelle und zukünftige Entwicklungen

Im globalen und im europäischen Vergleich zeichnen sich die ländlichen Regionen Deutschlands durch ihre relativ hohe Wirtschaftskraft aus. Dies hängt eng mit der weiterhin hohen gesamtwirtschaftlichen Bedeutung des produzierenden Sektors in Deutschland zusammen. Dabei unterscheiden sich die wirtschaftsstrukturellen Bedingungen in den ländlichen Regionen deutlich voneinander: Einige ländliche Regionen wie das Emsland und die Region Vechta/Cloppenburg im Westen Niedersachsens wachsen bei relativ niedrigen Löhnen und Einkommen in wenig wissensintensiven Branchen. Während etwa die Produktion der Textilwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten aus vielen, oft ländlichen Regionen fast vollständig ins Ausland verlagert wurde, bleiben Branchen wie die Ernährungswirtschaft in diesen ländlichen Wachstumsregionen stark. Zum Teil könnte Letzteres daran liegen, dass hohe, auf europäischer Ebene definierte Qualitätsstandards eine Verlagerung der Produktion ins außereuropäische Ausland erschweren. Der Preiswettbewerb in diesen Branchen ist allerdings hoch.

Wie man Fachkräfte für ländliche Räume gewinnt

Unternehmen in der Provinz leiden besonders unter dem Fachkräftemangel. Manche verlegen deshalb ihren Firmensitz nach Berlin. Andere locken mit mehr Flexibilität, als man sie in der Provinz vermuten würde.
In anderen ländlichen Regionen haben es Unternehmen, unter ihnen die sogenannten Hidden Champions, geschafft, sich in bestimmten Nischen einen Wissens- und Qualitätsvorsprung vor Wettbewerbern zu erarbeiten. Dieser Vorsprung erlaubt es den Unternehmen, hohe Löhne an ihre zunehmend besser qualifizierten Beschäftigten zu zahlen. Ländliche Regionen, die durch solche Unternehmen geprägt sind, weisen oft eine enge räumliche Anbindung an Produktionszentren etwa der Automobilwirtschaft oder des Maschinenbaus auf, wie es vor allem für Baden-Württemberg beschrieben worden ist (siehe z. B. Stefan Donhauser 2006, Literatur zu Kapitel 4, im Kapitel Quellen, Literatur und Links).

(© Eigene Abbildung. Daten der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Deutschland, 2018. Regionstypen entsprechend der Thünen-Typologie ländlicher Räume (Patrick Küpper 2016, siehe S. 4 ff.))

In den letzten zehn Jahren ist der Anteil der in der Produktion Erwerbstätigen gerade in den ländlichen Räumen relativ stabil geblieben (siehe Grafik "Anteil des produzierenden Sektors an allen Erwerbstätigen nach Regionstypen" in diesem Kapitel). Von größerer Bedeutung für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit ländlicher Standorte und ihrer Unternehmen ist aber weniger die Zahl der Beschäftigten als vielmehr die Bewahrung und Weiterentwicklung von vorhandenen Fähigkeiten und Kenntnissen sowie die Aneignung neuen Wissens. Vor diesem Hintergrund stellen die sich beschleunigende Digitalisierung der Wirtschaft und der demografische Wandel ländliche Räume heute vor neue Herausforderungen.

Die Digitalisierung begünstigt kurzfristig den Abbau von Arbeitsplätzen in standardisierbaren, routineintensiven Berufen, darunter viele in den Bereichen Produktion und Bau. Da insbesondere im verarbeitenden Gewerbe und in der Bauwirtschaft deutlich mehr Beschäftigte in ländlichen als in nicht-ländlichen Regionen tätig sind (siehe Grafik "Anteil der Erwerbstätigen in den Wirtschaftssektoren nach Regionstypen" in diesem Kapitel), könnten ländliche Regionen kurzfristig mehr von Arbeitsplatzverlusten betroffen sein als nicht-ländliche Regionen. Andererseits entstehen im Zuge der Digitalisierung auch neue Geschäftsfelder, Tätigkeiten und Arbeitsplätze. Sollten technologische Neuerungen verstärkt von digitalen Dienstleistern und ihren Forschungs- und Entwicklungsabteilungen erzeugt werden, die vor allem in den urbanen Zentren angesiedelt sind, könnten ländliche Standorte davon womöglich nur wenig profitieren. Wenn die produzierenden Unternehmen hingegen selbst in der Lage sind, digitales Knowhow zu entwickeln, könnten sie ihre Wettbewerbsposition sichern bzw. stärken.

Der demografische Wandel bewirkt vor allem in vielen ländlichen Regionen eine Abnahme der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Zusammen mit den oft steigenden Anforderungen an die Beschäftigten durch Digitalisierung und sonstigen technischen Fortschritt führt das in manchen Bereichen heute schon zu einem Anstieg der gemeldeten offenen Stellen und zu einer Verzögerung bei der Stellenbesetzung (siehe IAB 2018, Literatur zu Kapitel 4, im Kapitel Quellen, Literatur und Links). Erfolgreiche Arbeitskräfteentwicklung vor Ort ist daher insbesondere in ländlichen Regionen eine zentrale Voraussetzung für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und Standorten. Angestrebt wird deshalb oft vor allem eine Stärkung der Aus- und Weiterbildung in den Regionen und Unternehmen. Außerdem wird in diesem Zusammenhang zunehmend die Gründung von Hochschulen bzw. Substandorten in peripheren ländlichen Gebieten diskutiert. Eine wichtige Voraussetzung dafür, dass vor Ort ansässige Unternehmen von Kooperationen profitieren und Hochschulabsolventen tatsächlich an die Region gebunden werden können, wäre, dass sich die Lehrangebote und Forschungsschwerpunkte an der Wirtschaftsstruktur der Regionen orientieren.

Insgesamt gehen die sich aktuell abzeichnenden gesellschaftlichen und technologischen Umbrüche mit großen Unsicherheiten für die zukünftige Wirtschaftsentwicklung auch in ländlichen Räumen einher. Es kann aber als sicher gelten, dass wirtschaftlich erfolgreiche ländliche Regionen in Zukunft in noch engerem Austausch mit anderen urbanen und ländlichen Regionen der ganzen Welt stehen werden.

Christian Hundt, Anne Margarian, Jan Cornelius Peters

Christian Hundt

Dr. Christian Hundt ist Wirtschaftsgeograph, Volkswirt und Betriebswirt. Er forscht zu Determinanten des Wachstums, der Entwicklung und der Wettbewerbsfähigkeit von Regionen und Volkswirtschaften. Zu seinen Vertiefungsthemen zählen unter anderem Entrepreneurship, regionalökonomische Resilienz, Cluster sowie Kommunalfinanzen.


Anne Margarian

Dr. Anne Margarian hat als gelernte Landwirtin Agrarwissenschaften studiert und zum regionalen Agrarstrukturwandel promoviert. Heute untersucht sie aus Perspektive ländlicher Standorte, wie sich die Wirtschaft durch technische, organisatorische und gesellschaftliche Entwicklungen wandelt und welche Auswirkungen das auf Menschen und Unternehmen hat.


Jan Cornelius Peters

Dr. Jan Cornelius Peters ist Volkswirt und beschäftigt sich vorwiegend mit Arbeitsmärkten in ländlichen Räumen. Seine aktuellen Forschungsschwerpunkte sind die Mobilität von Arbeitskräften und die Unterschiede in regionalen Arbeitsmarktbedingungen.


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