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19.8.2020

Im Praxistest: Themenheft Entscheidungen im Unterricht…: Viel Mode für wenig Geld – ist das fair?

Was ist eigentlich Globalisierung? Eine scheinbar banale Frage, deren Beantwortung aber gar nicht so leicht ist - zumindest nicht für Lernende der Sekundarstufe I, die sich erstmalig im Politik- oder Erdkundeunterricht sowie in Gesellschaftslehre mit diesem Themenkomplex auseinandersetzen. Dabei zeigen sich in der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler die - positiven und negativen - Auswirkungen der Globalisierung an vielen Stellen. Nur eines von vielen Beispielen ist das Thema Ernährung: Im Supermarkt finden sich das ganze Jahr über Früchte aus der ganzen Welt – und das zu günstigen Preisen. Internationale Fast-Food- und Restaurantketten buhlen um Kundschaft. Durch das Internet sind wir weltweit vernetzt. Ein weiteres Beispiel ist die Textil- und Bekleidungsindustrie. Eine Umfrage in einer neunten Klasse zeigt, dass der Großteil der Lernenden Markenklamotten trägt und/oder bei großen Modeketten wie H&M, Primark oder Zara einkauft. Die Frage nach dem Herkunftsland der Klamotten ließ sich schnell durch einen Blick aufs Etikett beantworten. Hauptsächlich aus Bangladesch, teilweise aus Thailand oder China und nur in zwei Fällen aus Europa, genauer gesagt aus Portugal. Die meisten Lernenden hätten beim Herkunftsland auch auf den asiatischen Raum getippt, sich aber wenig Gedanken um die Gründe gemacht. Hier ist der Einstiegspunkt zum Unterrichtsthema Globalisierung gegeben. Da Mode eine große Rolle im Leben der Schülerinnen und Schüler spielt, sollte das Unterrichtsthema sich an diesem Bereich orientieren. Als Material diente in Teilen des Unterrichts das Themenheft der Bundeszentrale für politische Bildung Entscheidungen im Unterricht…: Viel Mode für wenig Geld – ist das fair?

Konzeption des Materials

In einem sechsseitigen Vorwort wird das Thema des Hefts erläutert. Es beginnt mit einem allgemein-informierenden Verfassertext, der die Bereiche Gesellschaftliche Bedeutung von Mode, Produktionsbedingungen im Ausland, Markenprägung bei Kindern und Jugendlichen und Kennzeichen und Deutungsmuster von Konsum beleuchtet. Die Informationen sind so gebündelt, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Für die Vertiefung müssen gegebenenfalls andere Quellen herangezogen werden. Zu diesem Zweck gibt es ein umfangreiches Literaturverzeichnis mit wertvollen Tipps. Im Anschluss finden sich Lehrerseiten, auf denen mögliche Ziele und Methoden, sowie eine beispielhafte Unterrichtssequenz, vorgestellt werden. Eine Besonderheit des Themenhefts ist die enthaltene DVD mit Filmsequenzen, auf deren Basis sich die Lernenden problemorientiert mit Arbeitsmaterialien auseinandersetzen. Diese Filme werden auf einer Doppelseite ebenfalls kurz beschrieben. Das Heft wird durch sieben gut konzipierte Arbeitsblätter abgeschlossen, die u.a. eine kritische Urteilsbildung der Lernenden fordern.

Einsatzmöglichkeiten und Anregungen für den Unterricht

Auch wenn das Heft mittlerweile vergriffen ist, lässt sich die digitale Version problemlos für den Unterricht nutzen und auch mit entsprechenden Filmsequenzen verbinden. Frei verfügbar ist beispielsweise die Sendung Markencheck [1] der ARD, die sich im Jahr 2012 mit dem Modeunternehmen H&M auseinandergesetzt hat. Eine aktuellere, allerdings nicht kostenfreie Alternative ist der Dokumentarfilm The True Cost, der allgemeiner die Probleme der Textilindustrie untersucht.

Die im Material vorgeschlagene Sequenz lässt sich problemlos individuell anpassen. Auch das erste Arbeitsblatt eignet sich gut als Einstieg. Die Lernenden sollen dort z.B. zuhause nachforschen, wie viele Kleidungsstücke sie in etwa besitzen und wie viele sie davon auch regelmäßig tragen. So findet schon eine erste kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Konsum statt. Die Arbeitsblätter dienen in meinen Augen jedoch eher als Ideenquelle, da – als Beispiel für AB1 – nur noch abgefragt wird, welche Marken die Lernenden gerne tragen und warum ihnen Markenklamotten so gut gefallen. Hier ließen sich sicherlich noch weitere Arbeitsaufträge anschließen, die den Einstieg noch mehr vertiefen könnten, beispielsweise indem abgeschätzt wird, wie viel die Kleidungsstücke im Schnitt kosten. Auf diese Informationen könnten sich spätere Unterrichtsstunden stützen.

Das zweite Arbeitsblatt dient als Beobachtungsbogen für einen Film des Themenhefts. Auch hier kann man das Blatt als Quelle für einen eigenen Bogen nutzen, je nachdem, ob man auch entsprechende Filme als Unterrichtsmaterial einbezieht.

Das dritte Arbeitsblatt beschäftigt sich mit der Herkunft der eigenen Kleidungsstücke und wie sich der Verkaufspreis an einem T-Shirt prozentual zusammensetzt. Die Auseinandersetzung mit Herkunft und Preis ist für die Lernenden ein spannender Prozess. Es werden eigene Hypothesen für die Bereiche Lohnkosten, Markenwerbung, Kosten für Handel und Gewinn, Fabrikkosten und Kosten für Transport und Steuern aufgestellt. Als Basis dient hier ein 5-Euro-Shirt eines Textil-Discounters. Im Internet finden sich zahlreiche Beispiele, teilweise mit differenzierteren Bereichen, die hier genutzt werden können. In der eigenen Praxis hat sich die Aufteilung in die Bereiche Zahlung an Arbeiter*innen, Fixkosten, Profit des Fabrikbesitzers, Zwischenhändler, Transportkosten, Materialkosten, Profit der Marke und Handelsspanne des Einzelhändlers als transparenter und sinnvoller erwiesen. Hier soll ein Marken-Shirt mit einem Verkaufspreis von 30 Euro untersucht werden, was eine einfachere Verteilung der Kostenpunkte ermöglicht. Es hat sich gezeigt, dass bei den Lernenden die größten Abweichungen bei den Lohnkosten der Arbeiter*innen (die höher eingeschätzt wurden) und dem Gewinn des Unternehmens (der deutlich geringer ausfiel) zu finden waren. An dieser Stelle lässt sich gut eine Diskussion über die Fairness in der Textilindustrie einbringen, die dann auch auf die weiteren Bereiche überleitet, nämlich Fair-Trade, bzw. Faire Mode und den Arbeitsbedingungen der Arbeiter*innen am Beispiel Bangladesch.

Das letzte Arbeitsblatt fordert die Lernenden auf, sich in der Retroperspektive mit dem eigenen Konsumverhalten kritisch auseinanderzusetzen, was einen sinnvollen Abschluss der Sequenz darstellt.

Fazit

Das Themenheft als Unterrichtsmaterial weist eine hohe konzeptionelle Qualität auf und ist daher eine gute Quelle für das Thema Globalisierung am Beispiel der Textilindustrie. Die Arbeitsblätter sind einfach aufgebaut und können problemlos an die Bedürfnisse und den Leistungsstand der eigenen Lerngruppen angepasst werden. Da das Heft nur noch digital verfügbar ist und daher kein Zugriff auf die beschriebenen Filme besteht, bedarf es hier ein wenig Recherchearbeit, mögliche Alternativen wurden aber oben genannt. Insgesamt gibt es für Lehrkräfte hier eine gute Materialbasis mit zahlreichen Möglichkeiten zur Individualisierung und Vertiefung.

Zugriff

https://www.bpb.de/shop/lernen/entscheidung-im-unterricht/210606/viel-mode-fuer-wenig-geld-ist-das-fair, letzter Zugriff am 09.07.20.

Fußnoten

1.
Das Erste: Der H&M-Check. https://www.daserste.de/information/ratgeber-service/markencheck/videos/der-h-m-check-102.html, letzter Zugriff am 09.07.20.
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