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30.6.2010

M 04.02 Vier Ohren und ein Eisberg

Dieses Material thematisiert in einem längeren Text das Eisbergmodell der Kommunikation sowie das Kommunikationsquadrat von Friedeman Schulz von Thun. Es kann zusammen mit den Arbeitsblättern M 04.01 und M 04.03 eingesetzt werden.

Wenn zwei Menschen miteinander kommunizieren, scheinen sie auf einer oberflächlichen Ebene lediglich Informationen auszutauschen. Aus unserer eigenen Erfahrung wissen wir aber, dass dieses scheinbar so einfache Senden und Empfangen von Informationen oft auch zu Missverständnissen führen kann. Auch in der Klasse kann es zu solchen Missverständnissen kommen. Man sagt etwas, wird falsch verstanden und dann kommt es manchmal sogar zu Streit.

Die zwei Seiten des Eisbergs



Das Eisbergmodell nach Sigmund Freud. (© Büro für Berufsstrategie Hesse/Schrader)

Psychologen haben versucht, bestimmte Aspekte der Kommunikation zwischen zwei Menschen mit Hilfe von Kommunikationsmodellen zu erklären. Dabei benutzen sie oft Bilder, um einen Vorgang oder ein Phänomen zu veranschaulichen und begreifbar zu machen. Ein Bild oder Symbol ist z.B. der Eisberg.

Schon vom Untergang der Titanic wissen wir, dass ein Eisberg eine sichtbare Seite über der Wasseroberfläche und eine meist viel größere, weitgehend unsichtbare Seite unter der Wasseroberfläche hat. Basierend auf dem Bild von Eisberg geht man davon aus, dass es auch im Bereich der Kommunikation, also z. B. bei einem Gespräch, einen sichtbaren Bereich und einen unsichtbaren Bereich gibt.

Sachebene – der sichtbare Teil des Eisbergs



Auf der Sachebene, d.h. im sichtbaren Bereich des Eisbergs, nehmen wir die sachlichen Inhalte, also das gesprochene Wort und die Information, die uns der Gesprächspartner vermitteln will, wahr. Auf der Sachebene findet sich all das, was für uns direkt beobachtbar und hörbar ist.

Beziehungsebene – der unsichtbare Teil des Eisbergs



Auf der so genannten Beziehungsebene findet sich die zweite, unsichtbare Ebene der Kommunikation. Wenn wir kommunizieren geben wir nicht nur Informationen und Inhalte weiter sondern transportieren oft unbewusst Gefühle, Stimmungen Erwartungen oder Erfahrungen. Diese Ängste, Unsicherheiten, Werte, Wünsche, Ausdruck von Sympathie usw. sind nicht unmittelbar beobachtbar, aber dennoch massiv vorhanden. Sie bleiben meist unausgesprochen und wirken im Verborgenen. Durch Gestik, Mimik oder Tonfall erhält man manchmal Kenntnis von dieser unbewussten Ebene. Über Gestik, Mimik oder Tonfall versuchen wir dem Gegenüber zu vermitteln, wie ein gesagter Inhalt (Sachebene) zu verstehen ist.

Die Sachebene bezeichnet also das "Was" der Kommunikation, der Beziehungsebene das "Wie".

Wenn ein Gespräch eskaliert, es zu Meinungsverschiedenheiten oder gar Streit kommt, übernimmt oft die Beziehungsebene und bestimmt die Kommunikation. Die Streitenden werden von ihren Gefühlen (z.B. Wut, Angst) übermannt, eine sachliche Auseinandersetzung ist dann oft nicht mehr möglich. Problematisch wird es auch, wenn man sich in der Wahrnehmung des eigenen oder des fremden Kommunikationsverhalten nur auf die Sachebene konzentriert.

In unserem Beispiel (M 04.01) sagt Lukas: "Weißt du eigentlich wie spät es ist?"
Auf der Sachebene will er hier fragen, ob Florian bewusst ist, dass die beiden spät dran sind. Auf der Beziehungsebene macht er seine Gefühle deutlich: Er ist über das Zuspätkommen von Florian verärgert, möchte gerne pünktlich im Kino sein und Florian zur Eile aufrufen.

Vier Ohren und Vier Schnäbel



Kommunikationsmodell des Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun. (© Friedemann Schulz von Thun)

Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun entwickelte ein Modell mit vier Ebenen. Eine Aussage oder Äußerung lässt sich demnach auf vier Ebenen entschlüsseln:
  1. Sachinformation = worüber ich informiere (der Inhalt der Nachricht);
  2. Selbstkundgabe = was ich damit über mich aussage (Absichten, Gefühle usw.);
  3. Beziehungshinweis = was ich von der anderen Person halte und wie wir zueinander stehen;
  4. Appell = wozu ich den Gegenüber auffordern oder veranlassen möchte.
Eine Äußerung eines Sprechers (Sender) beinhaltet diese vier Ebenen, die der Empfänger mit "vier Ohren" entschlüsseln muss.
  1. Sachinformation = worüber ich informiere (der Inhalt der Nachricht).
    Hier geht es um Daten, Fakten und Sachverhalte. Der Sender sollte den Sachverhalt klar und verständlich formulieren. Der Empfänger, der das Sachinhaltsohr aufgesperrt hat, hört auf: die Daten, Fakten und Sachverhalte und prüft diese in Hinblick auf Richtigkeit, Wichtigkeit und Vollständigkeit für das Gesprächsthema.
  2. Selbstkundgabe = was ich damit über mich aussage (Absichten, Gefühle usw.)
    In jeder Äußerung ist ganz unwillkürlich eine Selbstaussage enthalten. Der Sprecher zeigt auf, was in ihm vorgeht, wofür er steht und wie er sich selbst sieht. Diese Selbstaussage kann sehr offensichtlich aber auch verborgen und indirekt erfolgen. Jede Nachricht wird so zu "einer kleinen Kostprobe der Persönlichkeit". Mit dem Selbstkundgabe-Schnabel gibt der Sender also bewusst oder auch unbewusst, Informationen über sich weiter. Diese Hinweise muss der Empfänger mit dem Selbstkundgabe-Ohr entschlüsseln: Was sagt mir die Äußerung über den Anderen? Was für ein Typ ist das? Wie ist der Sender gestimmt? etc.
  3. Beziehungshinweis = was ich von der anderen Person halte und wie wir zueinander stehen.
    Aus jeder Äußerung geht auch hervor, wie der Sender zum Empfänger steht, was er von ihm hält. Der Sprecher sagt also auch immer etwas über seine Beziehung zum anderen aus. Oft offenbart sich dieser Beziehungshinweis in der gewählten Formulierung und im Tonfall und anderen nichtsprachlichen Begleitsignalen wie Mimik oder Gestik. Für die Hinweise über die Beziehung hat der Empfänger oft ein besonders sensibles (über)empfindliches Beziehungs-Ohr. Er hört aus der Nachricht heraus: "Wie fühle ich mich behandelt durch die Art, in der der Andere/die Ander mit mir spricht? Wie redet er/sie eigentlich mit mir? Wie steht der Andere/die Andere zu mir? Was hält er/sie von mir?"
  4. Appellseite = wozu ich den Gegenüber auffordern oder veranlassen möchte
    Wenn jemand das Wort ergreift und es an jemanden richtet, macht er dies in der Regel nicht "einfach nur so". Der Sprecher will fast immer auch etwas bewirken, Einfluss auf den anderen nehmen und etwas beim Anderen erreichen. Teils offen und teils verdeckt werden auf der Appellseite Wünsche, Appelle (Aufforderungen), Ratschläge, Handlungsanweisungen geäußert. Das Appell-Ohr des Empfängers ist besonders empfangsbereit für die Entschlüsselung der Äußerung in Hinblick auf die Fragen: Was soll ich jetzt machen, denken oder fühlen?


Wenn man nur mit einem Ohr hört



Wenn wir miteinander reden, sind auf beiden Seiten 4 "Ohren" und 4 "Schnäbel" beteiligt. Sender wie Empfänger sollten im Idealfall auch alle vier Seiten beherrschen. Spricht oder hört man nur mit einem Schnabel oder Ohr kommt es leicht zu Kommunikationsstörungen. Jemand der sachlich Recht hat, kann sich gleichzeitig auf der Beziehungsebene unangemessen verhalten. Ein Empfänger kann die Nachricht durch die "4 Ohren" unterschiedlich auffassen und sie in den falschen Hals kriegen. Zu Störungen kommt es, wenn der Empfänger auf eine andere Seite Bezug nimmt, auf die der Sender das Gewicht nicht legen wollte. Schnabel und Ohr passen hier nicht zusammen. Problematisch ist auch, wenn der Empfänger überwiegend mit einem Ohr hört, und damit für die anderen Schnäbel taub ist oder aus einer rein sachlichen Information viel mehr raus hört, als der Sender beabsichtigt mitzuteilen. Zu Missverständnissen kann es auch kommen, wenn Sender und Empfänger verschiedene Sprachgewohnheiten haben. Was bei Freunden vielleicht flapsig und witzig rüberkommt, kann vom Lehrer als Beleidigung und Respektlosigkeit aufgefasst werden.

Ein Beispiel:

Gruppenarbeit. Du machst einen Vorschlag, wie vorgegangen werden könnte.

Eine Klassenkameradin sagt: "Wir haben das aber immer anders gemacht."

Was du verstehen kannst:



Einen Schritt zur Seite treten oder Was mache ich hier eigentlich?



Damit Kommunikation nicht aus dem Ruder läuft, ist es wichtig öfter einmal über die Art und Weise wie man etwas sagt oder formuliert nachzudenken. Versetze dich in die Position des Empfängers: Wie kann eine solche Äußerung verstanden werden? Wie würdest du es auffassen, wenn du an seiner/ihrer Stelle wärst. Also tritt ruhig mal einen Schritt neben dich und frage dich: Was mache ich hier eigentlich? Genauso wichtig ist es, sich als Empfänger in die Rolle des Senders zu versetzen. Was meint er/sie mit dem, was er/sie sagt? Bin ich gerade schlecht gelaunt und fasse alles als Beleidigung oder Angriff auf?


Arbeitsaufträge:

Rollenkarte zum "Reziproken Lesen". (© http://www.goodschool.de)

  1. Gruppenarbeit: Lest den Text gemeinsam in der Gruppe mit Hilfe der Methode "Reziprokes Lesen". Teilt dazu den Text in vier Teile. Für jeden Abschnitt werden die Rollen anders verteilt, sodass jeder einmal jede Rolle inne hatte.
  2. "Das will ich mir merken". Überfliege noch einmal den Text und schreibe dir auf, was dir wichtig erscheint. Welche Aspekte helfen dir beim Umgang mit anderen in der Klasse?

Literatur:
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