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1.10.2021

Vermögensreichtum, Superreiche

Vermögensreichtum wird − wie beim Einkommen − gemeinhin als Anteil der Personen (oder auch Haushalte) an allen Personen (Haushalten) gemessen, die über mehr Vermögen als 200 Prozent des mittleren Vermögens (Median) verfügen. Wirklicher Reichtum, wo die Vermögenskonzentration problematisch wird, bewegt sich in ganz anderen Dimensionen.

Häuser in Hamburg-Blankenese. Eine häufig zitierte Zahl zum Vermögensreichtum ist, dass in Deutschland die reichsten 10 Prozent aller Haushalte über etwas mehr als die Hälfte der gesamten Vermögen der privaten Haushalte verfügen. (© picture-alliance, robertharding)


Vermögensreichtum

Für die Analyse von Vermögensreichtum werden in der Literatur − neben der relativen Messung − auch andere Kennziffern verwendet: Personen bzw. Haushalte mit einem Vermögen von mehr als einer, zehn, etc. Millionen Euro oder US-$, Personen mit einem Einkommen aus Vermögen über einem bestimmten Betrag, der Anteil der reichsten 1 oder 10 etc. Prozent der Haushalte am gesamten Vermögen usw.

Eine der am häufigsten in der Literatur und öffentlichen Debatten zum Thema der letzten Jahre zu findenden Zahlen zum Vermögensreichtum ist, dass in Deutschland die reichsten (d. h. vermögensstärksten) 10 Prozent aller Haushalte über etwas mehr als die Hälfte der gesamten Vermögen der privaten Haushalte verfügen. Die empirische Basis für diese Aussage ist die EVS.

Mehrere Studien zur Einbeziehung von Superreichen kommen jedoch zu Ergebnissen, die auf einen Anteil der obersten 10 Prozent auf der Vermögensskala von zwei Drittel hinauslaufen.

Die aufscheinenden Ergebnisdifferenzen sind teils im Messkonzept (auch im Detailliertheitsgrad) der verschiedenen Datenquellen begründet, teils auf die − je nach Datenquelle − verschiedene Begrenzung der Einbeziehung hoher Vermögen bzw. Einkommen zurückzuführen.

Einen völlig anderen Ansatz zur Bestimmung des Ausmaßes (bzw. vorausgehend hoher Einkommen) von Vermögensreichtum stellt die aus dem 5. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung stammende Analyse dar.

Bei Verwendung des relativen Messkonzepts gilt es zunächst, als Referenzgröße das mittlere (Median) Nettovermögen der Haushalte pro Kopf zu bestimmen (vgl. "Begriffe und Indikatoren"). Dieser Median beträgt für 2013 (die neue EVS ist erst ab Dezember2020 verfügbar) laut Berechnungen mit der EVS für Bei Verwendung einer 200-Prozent-Grenze als Reichtumsschwelle in Analogie zur Messung von Einkommensreichtum ergeben sich die in der Tabelle "Vermögensreichtumsschwellen und -quoten, netto pro Kopf" wiedergegebenen regionalen Vermögensreichtumsschwellen und -quoten (netto pro Kopf).

Vermögensreichtumsschwellen und -quoten, netto pro Kopf 2013

In Euro bzw. Prozent

Regionaler Median Vermögensreichtumsschwelle Vermögensreichtumsquote (Prozent)
Deutschland 77.378 32,1
Westdeutschland 91.542 30,5
Ostdeutschland 37.802 35,1

Quelle: Eigene Berechnungen nach EVS 2013.


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Ist das Reichtum?

Die Schwellenwerte sind niedrig, aber nicht ganz unrealistisch wenn man z.B. an eine Familie mit einem Kind denkt (3 x 77.378 = 232.134 Euro), die auf eine Eigentumswohnung gespart und diese in mittlerer Wohnlage und Qualität mit einer Teilfinanzierung durch eine größere Hypothek erworben hat. Die Annahme, dass sie neben der Wohnung kein weiteres größeres Geld- und Sachvermögen besitzt, ist eher realistisch als zu restriktiv. Kurz: Sehr viele Haushalte haben weniger Vermögen. Die Größenordnungen sind nicht unrealistisch. Aber: Reichtum ist das eigentlich noch lange nicht!

Auf dieser Basis errechnet sich bundesweit ein Anteil "vermögensreicher" Haushalte von 32,1 Prozent mit einer etwas höheren Quote in Ostdeutschland. Wegen der viel niedrigeren Schwelle für Vermögensreichtum erscheinen also in Ostdeutschland relativ mehr Haushalte als vermögensreich (gemessen am Ost-Niveau).

Spiegelbildlich zu den Ergebnissen bei der Vermögensarmut zeigt sich in der Abbildung "Vermögensreichtumsquoten nach Geschlecht der Person und Geschlecht der haupteinkommensbeziehenden Person in Deutschland 2013", dass Frauen eine etwas geringere Reichtumsquote als Männer haben. In Haushalten mit einer Haupteinkommensbezieherin ist die Quote deutlich geringer.

Vermögensreichtumsquoten nach Geschlecht der Person und Geschlecht der haupteinkommensbeziehenden Person in Deutschland 2013 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/


Vermögensreich im Sinne der 200-Prozent-Schwelle sind nach den Daten der EVS mit klarem Abstand zu den Jüngeren überdurchschnittlich viele ab 50-Jährige. Die Quote steigt dabei von der Gruppe der 50- bis 64-Jährigen zur Gruppe der 65- bis 69-Jährigen noch leicht an, geht danach aber stetig zurück. Der Vorgang des Entsparens im Sinne des Aufbrauchens von Vorsorgekapital zeigt sich also auch bei der relativen Messung von Vermögensreichtum.

Superreiche

Goldene Toilette in Hongkong. Die Vermögenskonzentration nimmt zu. Der Anteil der Spitzenvermögen an den gesamten Vermögen im Land ist zwar nicht exakt ermittelbar, dennoch kann man feststellen: Die Superreichen werden immer reicher. (© dpa)


Die Vermögenskonzentration nimmt zu. Der Anteil der Spitzenvermögen an den gesamten Vermögen im Land ist zwar nicht exakt ermittelbar, dennoch kann man feststellen: Die Superreichen werden immer reicher.

In diesem Themenspecial wird an verschiedenen Stellen darauf hingewiesen und gewarnt, dass die verfügbaren Datenbasen zur Analyse der Vermögensverteilung sehr unvollständig sind. Noch eklatanter als beim Einkommen fehlen die Superreichen am oberen Rand der Vermögensverteilung gänzlich. Dieses Problem stellt sich im Übrigen nicht nur in Deutschland. Gerade aus international angelegten Studien heraus wurden in der jüngeren Vergangenheit große Datenbasen angelegt, wie die World Top Incomes Database der Paris School of Economics. Ziel ist die bessere Erfassung hoher Einkommen und Vermögen zur Beobachtung von Konzentrationsprozessen [1].

In Deutschland hat sich insbesondere das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in diesem Punkt engagiert und zur hauseigenen jährlichen Befragung SOEP eine spezielle Zusatzstichprobe entwickelt, die in mehrjährigem Abstand zusätzlich zur "normalen" Befragung diesen Graubereich ein Stück weit erhellen soll.

Außerdem werden inzwischen in verschiedenen Studien zusätzliche Datenquellen über sehr hohe Vermögen mit genutzt und in die bestehenden Umfragen − nicht nur das SOEP, sondern alternativ auch die Daten des European Household and Consumption Survey HFCS − imputiert. Die Quellen für die Angaben zu den Superreichen sind dabei die so genannten Reichenlisten, wie sie weltweit z.B. vom Forbes-Magazin oder für Deutschland vom manager magazin erstellt werden. Über diese Datenquellen wird zwar häufig etwas abschätzig von "journalistischen Daten" gesprochen. Dies scheint inzwischen so aber nicht mehr gerechtfertigt. Vielmehr korrespondieren diese Listen mit sehr großen Recherche- und Forschungsanstrengungen privater Finanzdienstleister und Banken [2].

Selbstverständlich müssen die Aussagegrenzen derartiger Daten mit beachtet werden bzw. die Unsicherheiten, die durch die statistischen Schätzfunktionen entstehen, mit denen bei der Imputation bzw. Zusammenführung der Daten gearbeitet werden muss. Ein Verzicht auf diese Informationen ist dadurch aber nicht gerechtfertigt − sie sind nach aller Wahrscheinlichkeit auch nicht ungenauer oder unvollständiger als die ansonsten genutzten Steuerstatistiken oder Befragungsdaten.

Zahl der Euro-Milliardäre in Deutschland in den Jahren 2001–2020 (PDF-Icon Grafik zum Download) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Die Abbildung "Zahl der Euro-Milliardäre in Deutschland in den Jahren 2001 bis 2020" zeigt, dass die Anzahl der Vermögensmilliardäre zwischen den Jahren 2001 und 2018 bzw. 2019 von 69 auf 200 angestiegen ist. Von 2019 bis zum Jahr 2020 ergab sich ein sehr starker Rückgang auf 162. Deutlich wird, dass diese Anzahl konjunkturellen Schwankungen unterliegt und in Krisenzeiten zurück geht, wobei insbesondere der kräftige Rückgang der Zahl der Euro-Milliardäre in der Krise von 2007 bzw. 2008 auf 2009 und der noch stärkere Rückgang am aktuellen Rand auffällt. Bereits auf den ersten Blick wird auch ersichtlich, dass die Zahl der so definierten Superreichen nach 2009 stärker angestiegen ist als zwischen den Jahren 2001 und 2008.

Die reichsten Deutschen...

"Insgesamt verfügen die 1000 reichsten Deutschen (Stand 2019) zusammen über ein Vermögen von 910 Milliarden Euro. Die 100 reichsten Deutschen der manager magazin Reichenliste 2019 kommen auf ein gemeinsames Vermögen in Höhe von 531 Mrd. Euro".

Quelle: manager magazin 2019, S. 2


Dabei werden Einzelpersonen, Familien und Clans als je eine Einheit gezählt. Alleine die drei reichsten kommen dabei im Jahr 2020 auf eine Summe von 97,5 Milliarden Euro.

Eine detailliertere Analyse der aktuelleren Reichenliste zeigt weitere aufschlussreiche Fakten, z. B.: So schreibt das manager magazin über den Clan mit dem 2019 größten Vermögen in Deutschland dass nach dem Bekanntwerden einer Nazi-Kollaboration der Vorfahren die Familien ihr Bedauern ausgedrückt hätten und der Chairman der Holding des Vermögens habe gesagt, die Ahnen des Clans hätten "sich vergangen" und "gehörten eigentlich ins Gefängnis". Das ist beileibe kein Einzelfall.

Derartige Quellen der Top-Vermögen lassen in sehr vielen Fällen Zweifel an der Rechtfertigung angeblich leistungsbasierter extrem hoher Vermögen von superreichen Milliardären und zigfachen Multimillionären aufkommen, die eine wirtschaftshistorische Betrachtung der Liste des manager magazins auch bestätigt. Sehr häufig sind diese Vermögen unter Missachtung von Regeln entstanden – etwa der Grundsätze eines ehrbaren Kaufmannstums oder des Wettbewerbsrechts. "Arisierte" jüdische Vermögen, Sklaverei und die Ausbeutung von eigener Bevölkerung wie von Kolonien bis hin zur Führung von Angriffskriegen sind zu nennen (Gerade im so genannten Hochadel klebt viel Blut an den oft beträchtlichen angeblichen "Privatvermögen").

Die genannten Fragen stellen sich nicht nur in Deutschland sondern auch in vielen Ländern der Welt in vergleichbarer Weise. Eine Quelle dafür ist die weltweite Forbes-Liste "World's Billionaires List", in der neben Aktien auch Geldvermögen, Immobilien, Kunstobjekte etc. erfasst werden [3] – wie im manager magazin 2020. Trotz diverser methodischer und konzeptioneller Unterschiede (z.B. zielt die Forbes-Liste auf die Erfassung aller Milliardäre in US-$, und bringt inzwischen tagesaktuell die Börsenkurse in die Berechnung der Vermögen ein) zeigt eine Gegenüberstellung der beiden Listen zumindest für Deutschland recht große Ähnlichkeiten (zu internationalen Befunden vgl. unten und Internationaler Vergleich). Dabei rückt jedoch auch der Aspekt in den Fokus, dass die bei Forbes ausgewiesenen Zahlen einerseits hochgradig sogar tagesaktuell floatil sind. Andererseits weist dies auf die bedeutende Frage hin, wie stabil solche Top-Vermögen längerfristig sind.

In der Forbes-Liste finden sich zum Stichtag 18.04.2020 weltweit 2.095 Milliardäre, das sind 58 weniger als im Vorjahr bzw. 226 weniger als 12 Tage zuvor. Die Floatilität ist also hoch. Das ist auch zu bedenken, wenn man die folgenden Informationen zu Deutschland ins Auge fasst. Unter den 2.095 Milliardären landet das erste deutsche Riesenvermögen auf Platz 23. Es folgen die Ränge 40, 51, 74, 86, 89, 92, 97 und 99 unter den ersten Hundert. Neun von diesen zehn sind auch in der Liste des manager magazins. Die Ähnlichkeit ist also hoch, die Datenquellen sind unter den gegebenen Umständen als sehr zuverlässig einzuschätzen.

Zur langfristigen Entwicklung der extrem hohen Vermögen ist daher der Kommentar des manager magazins (2019) zu beachten: "Tatsächlich mussten einige in der Rangliste der 1001 reichsten Deutschen … milliardenschwere Einbußen hinnehmen. Dadurch werden sie nicht zu Trauerfällen, Kondolenzkarten sind unangebracht". In anderen Worten: Es gibt zweifellos Einzelfälle, in denen ökonomische Vertretbarkeit von Spekulantentum gesondert zu diskutieren wäre. Ansonsten ist die langfristige Stabilität der Riesenvermögen jedoch hoch.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de

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Fußnoten

1.
Vgl. als Bestseller aus dieser Szene Piketty 2014, 2020.
2.
Vgl. z. B. Credit Suisse, die die Vorgehensweise bei Ihren Berichten über Hochvermögende auch recht genau dokumentieren.
3.
Forbes 2020.

Gerhard Bäcker, Ernst Kistler

Gerhard Bäcker

Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.


Ernst Kistler

Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee ist Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.


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