zurück 
1.10.2021

Privatisierung der Sozialversicherung: Negative Verteilungseffekte

Die Forderung, die soziale Sicherung stärker marktwirtschaftlich zu gestalten, Vermögensbildung zu ermöglichen und die Förderung von Privatversicherungen auszubauen hat immer wieder "Konjunktur". Mit dem Argument, die Steuer- und Beitragsbelastungen zu begrenzen, sind Insbesondere in den "neoliberal" geprägten Jahren um die Jahrtausendwende viele Schritte in die Richtung einer (Teil)Privatisierung gegangen worden.

Baustelle für neue Eigenheime in Leipzig. Die Möglichkeit zur individuellen Vorsorge hängt ab von der Position der Menschen im Erwerbsleben und in der Einkommenshierarchie. Ein großer Teil der Bevölkerung ist jedoch von der Vermögensbildung weitgehend ausgeschlossen. (© picture-alliance/dpa, Zentralbild | Volkmar Heinz)


Wenn die Wechselfälle des Lebens zu Einkommensrisiken führen, die die Existenzsicherung gefährden und zugleich der Rückgriff auf Hilfen im Familienverband nicht möglich oder gewünscht ist, dann bietet es sich an, durch Sparen beizeiten vorzusorgen. Durch das Zurücklegen eines Teils des laufenden Einkommens und den Aufbau eines Geld-, Produktiv- und/oder Grundvermögens ist es möglich, im Risikofall über eine Reserve zu verfügen, die aufgelöst und zur Bestreitung des Lebensunterhalts eingesetzt werden kann. Zudem entsteht aus den Erträgnissen des Vermögens ein Einkommen, das die Menschen an den Zuwächsen der Wirtschaft beteiligt und unabhängig vom Arbeitseinsatz fließt. Lassen sich also über Vorsorgesparen und Vermögensbildung die Einkommensrisiken bewältigen? Die Analyse zeigt, dass dieser Weg auf enge Grenzen stößt und die staatliche Sozialpolitik ergänzen, aber nicht ersetzen kann. Dieses Ergebnis gründet auf mehreren Faktoren: Das Problem des im Einzelfall nicht vorhersehbaren Risikoeintritts und des nicht vorher bestimmbaren Bedarfs an Mitteln kann über den Weg einer Versicherung gelöst werden. Aber längst nicht alle Wechselfälle im Lebensverlauf lassen sich über eine Versicherung absichern. Ein Einkommensausfall als solcher oder eine fehlende Erwerbsfähigkeit sind nicht versicherungsfähig. Das gilt auch für besondere Einkommensbedarfe in spezifischen Lebenssituationen, wie z.B. Belastungen durch Kindesunterhalt oder hohe Wohnkosten.

Bei einer Privatversicherung berechnet sich die Höhe der individuellen Prämienleistungen an der Wahrscheinlichkeit des individuellen Risikoeintritts. Die Orientierung der Beiträge am individuellen Risiko hat zur Folge, dass "schlechte Risiken" hohe Prämien, "gute Risiken" dagegen niedrige Prämien zahlen müssen. Zu den "schlechten Risiken" zählen bei einer privaten Krankenversicherung u.a. Personen mit Vorerkrankungen, Versicherte, die erst im höheren Lebensalter einen Vertrag abschließen, Menschen mit Behinderungen. Die risikobezogene Prämienkalkulation richtet sich nicht nach der Zahlungsfähigkeit bzw. nach dem Einkommen. Innerhalb einer jeweiligen Risikoklasse müssen Personen, die kein oder nur ein geringes Einkommen haben, die identischen Prämien zahlen wie Personen mit einem hohen Einkommen. Die Belastungsquote steigt also mit sinkendem Einkommen.

Eine Privatversicherung versichert nur individuelle Risiken, nicht aber Personengemeinschaften bzw. Familien. So muss in der privaten Krankenversicherung bei einer Familie mit mehreren Kindern für jedes Kind ein Versicherungsvertrag mit einer individuellen Prämienberechnung geschlossen werden.

Risiko- und individualorientierte Prämienkalkulation führen im Ergebnis zu einer sozialen Selektion, da sich "schlechte Risiken" und niedriges Einkommen überlagern. Beschäftigte im unteren Einkommenssegment werden deshalb bei einer privaten Versicherung finanziell überfordert – mit der Folge eines fehlenden oder nur unzureichenden Schutzes. Im besonderen Maße benachteiligt sind Personen, die über kein eigenes Einkommen verfügen, sei es wegen Arbeitslosigkeit, Kindererziehung, Ausbildung oder dauerhafter Erwerbsminderung.

Insofern verstärken die genannten Strukturmerkmale einer privaten und privatwirtschaftlichen Absicherung von sozialen Risiken die Einkommensungleichheit in der Gesellschaft.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Gerhard Bäcker, Ernst Kistler für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Gerhard Bäcker, Ernst Kistler

Gerhard Bäcker

Gerhard Bäcker, Prof. Dr., geboren 1947 in Wülfrath ist Senior Professor im Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen. Bis zur Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls "Soziologie des Sozialstaates" in der Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Forschungsschwerpunkte: Theorie und Empirie des Wohlfahrtsstaates in Deutschland und im internationalen Vergleich, Ökonomische Grundlagen und Finanzierung des Sozialstaates, Systeme der sozialen Sicherung, insbesondere Alterssicherung, Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik, Lebenslagen- und Armutsforschung.


Ernst Kistler

Ernst Kistler, Prof. Dr., geboren 1952 in Windach/Ammersee ist Direktor des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie, INIFES gGmbH in Stadtbergen bei Augsburg. Forschungsschwerpunkte: Sozial- und Arbeitsmarktberichterstattung, Demografie, Sozialpolitik, Armutsforschung.


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln