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Das Ende der Freizügigkeit im Vereinigten Königreich | Vereinigtes Königreich | bpb.de

Das Ende der Freizügigkeit im Vereinigten Königreich Parallelen und Unterschiede zwischen Bürgern des Commonwealth und der EU

Nando Sigona

/ 10 Minuten zu lesen

In den 1960ern und 70ern wurde die Freizügigkeit von Angehörigen des Commonwealth eingeschränkt. Fünfzig Jahre später entzog der Brexit EU-Bürgern dieses Recht. Wiederholt sich die Geschichte?

Barbara Walkers „Burden of Proof“ bei der Sharjah Biennale 15, die sich mit den Auswirkungen des Windrush-Skandals beschäftigt (27.09.2023). (© picture-alliance)

Die jüngere Einwanderungsgeschichte des Vereinigten Königreichs ist von zwei bedeutenden Ereignissen geprägt, die sich auf das Leben von Millionen von Einwohnerinnen und Einwohnern mit Migrationshintergrund ausgewirkt haben: die Beschränkung und spätere Beendigung der Personenfreizügigkeit für Interner Link: Commonwealth-Bürgerinnen und -Bürger in den 1960er und 1970er Jahren sowie das Ende der Freizügigkeitsregelungen für EU-Bürgerinnen und -Bürger nach der Umsetzung des Interner Link: Brexit-Referendums 2016. Diese Ereignisse hatten tiefgreifende Auswirkungen auf die betroffenen Personen und ihre Familien, einschließlich der in der EU lebenden britischen Staatsangehörigen, und haben folglich die Einwanderungslandschaft des Vereinigten Königreichs maßgeblich geprägt.

Der Entschluss, die Personenfreizügigkeit der EU-Bürgerinnen und -Bürger einzuschränken, zwang die britische Regierung dazu, zwischen bereits im Vereinigten Königreich ansässigen Staatsangehörigen von EU-Ländern und solchen, die zu einem späteren Zeitpunkt kommen würden, zu unterscheiden. Die hieraus entstandene Herausforderung spiegelt das politische Dilemma wider, das auch schon vor mehreren Jahrzehnten beim Zurückschrauben der Einwanderung aus dem Commonwealth auftrat.

In den 1960er und 1970er Jahren beschloss die britische Regierung, den rechtmäßigen Aufenthalt von bereits im Vereinigten Königreich ansässigen Bürgerinnen und Bürger aus den Commonwealth-Staaten auf der Basis des Primärrechts fortzusetzen. Das heißt sie mussten keinen neuen Einwanderungsstatus beantragen. Nach dem Brexit hingegen ging die britische Regierung einen anderen Weg und beschloss, dass langjährig ansässige EU-Bürgerinnen und -Bürger einen Antrag im Rahmen eines maßgeschneiderten Registrierungssystems, dem sogenannten EU Settlement Scheme, stellen mussten, um rechtmäßig im Vereinigten Königreich bleiben zu dürfen. Obwohl es einige Ähnlichkeiten zwischen beiden Fällen gibt, führen diese unterschiedlichen Vorgehensweisen zu spezifischen Verwundbarkeiten für die Betroffenen.

Aus Commonwealth-Angehörigen werden irreguläre Migranten

Der im Frühjahr 2018 publik gewordene, sogenannte Windrush-Skandal deckte auf, dass Hunderte im Vereinigten Königreich lebende Bürgerinnen und Bürger aus dem Commonwealth seit Jahrzehnten zu Unrecht inhaftiert, abgeschoben und ihrer Rechte beraubt worden waren – darunter viele, die in den 1950er- und 1960er-Jahren mit ihren Eltern aus der Karibik ins Vereinigte Königreich migriert waren.

Der öffentliche und internationale Aufschrei zwang die britische Regierung, sich öffentlich für das Leid zu entschuldigen, das durch den Umgang mit der „Windrush-Generation“ verursacht worden war. Die Bezeichnung als „Windrush-Generation“ leitet sich von jenen 492 Menschen aus Commonwealth-Ländern ab, die im Juni 1948 mit dem Schiff Empire Windrush im Hafen von Tilbury im Vereinigten Königreich ankamen. Hunderttausende Menschen aus der Karibik und von den Westindischen Inseln folgten in den nächsten 20 Jahren, oft als Reaktion auf Anwerbungskampagnen britischer Arbeitgeber.

Sie kamen nicht als Migrantinnen und Migranten ins Vereinigte Königreich, sondern als britische Bürgerinnen und Bürger, die von ihrem Recht auf Freizügigkeit innerhalb der britischen Territorien Gebrauch machten.

Viele von ihnen haben nie einen britischen Pass beantragt – zum einen, weil ihr Status ihnen bereits den rechtmäßigen Aufenthalt in Großbritannien ermöglichte, und zum anderen, weil es vonseiten der britischen Behörden kein wirkliches Interesse daran gab, ihnen solche Dokumente auszustellen: Rassismus und einwanderungsfeindliche Einstellungen – insbesondere gegenüber Interner Link: People of Color – waren im britischen Establishment und in der Öffentlichkeit weit verbreitet. In den 1960er Jahren führten Forderungen nach einer Reduzierung der Einwanderung von (Schwarzen) Menschen aus Commonwealth-Staaten zur Verabschiedung von drei Gesetzen, die ihr Recht auf Einreise und Aufenthalt im Vereinigten Königreich erheblich einschränkten: die Commonwealth Immigration Acts von Externer Link: 1962 und Externer Link: 1968 sowie der Externer Link: Immigration Act von 1971. Obwohl der Externer Link: British Nationality Act von 1981 schließlich den Status der „Bürgerinnen und Bürger des Vereinigten Königreichs und der Kolonien“ (Citizens of the UK and Colonies, CUKC) abschaffte, wurde das Aufenthaltsrecht von Bürgerinnen und Bürgern aus dem Commonwealth, die vor dem 1. Januar 1983 im Besitz dieses Rechts waren, beibehalten. Allerdings sollte es für die Windrush-Generation und ihre Nachkommen später problematisch werden, keine Nachweise über ihren legalen Aufenthaltsstatus zu besitzen.

Aber warum kam der Windrush-Skandal erst so spät ans Licht? Seit 2012 hat die britische Regierung systematische Anstrengungen unternommen, ein sogenanntes feindliches Umfeld (‘hostile environment’) für irreguläre Einwanderer/-innen zu schaffen. Dafür etablierte sie strengere, umfassendere und häufigere Überprüfungen von Ausweispapieren und dem Einwanderungsstatus. Banken, Vermieter sowie Arbeitgeber wurden dazu verpflichtet, den Einwanderungsstatus ihrer Kundschaft, Mieter/-innen und Mitarbeitenden zu überprüfen. Auch der Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen ist zunehmend zu einem Kontrollpunkt für die Durchsetzung von Einwanderungsbestimmungen geworden.

Diese Maßnahmen lösten bei der Windrush-Generation und ihren Nachkommen große Ängste und Sorgen aus. Vielen von ihnen fehlen die notwendigen Dokumente, um ihren Anspruch auf die britische Staatsbürgerschaft zu belegen – eine Situation, die noch verschärft wurde durch die im Jahr 2010 getroffene Entscheidung des Innenministeriums, die Anlandungskarten aus der Windrush-Ära, die bis dahin als Nachweis für das Bleiberecht im Vereinigten Königreich gedient hatten, zu vernichten.

Aus EU-Bürgern werden Einwanderer

Nach Schätzungen der britischen Statistikbehörde Office for National Statistics (ONS) waren zum Zeitpunkt des Brexit-Referendums im Sommer 2016 fünf Prozent der Wohnbevölkerung des Vereinigten Königreichs in der EU geborene Personen. Dabei schwankte ihr Bevölkerungsanteil in den verschiedenen Gebieten zwischen 0,7 Prozent und 25,8 Prozent und konzentrierte sich geografisch vor allem auf London, den Südosten und den Osten Englands. In über vierzig Jahren EU-Mitgliedschaft hat sich die Zusammensetzung der in der EU geborenen Bevölkerung verändert. Bei der ersten Volkszählung nach dem EU-Beitritt im Jahr 1981 machten die in der EU geborenen Einwohnerinnen und Einwohner 1,8 Prozent der Bevölkerung des Vereinigten Königreichs aus. Ein Blick auf die Entwicklung der EU-Bevölkerung verweist auf seit langem etablierte Gemeinschaften, die möglicherweise schon in der zweiten oder dritten Generation im Vereinigten Königreich leben. Nach den EU-Erweiterungen in den 2000er Jahren kam es zu erheblichen Veränderungen hinsichtlich der Größe und Verteilung der EU-Bevölkerung: Innerhalb eines Jahrzehnts wanderten mehr als eine Million Menschen aus den neu beigetretenen EU-Mitgliedstaaten ein und Polen wurde zum Hauptherkunftsland der in der EU geborenen Bevölkerung im Vereinigten Königreich.

Seit dem Brexit-Referendum haben sich zwei parallele Interner Link: Migrationstrends herausgebildet: ein deutlicher Rückgang der Zuzüge aus der EU und eine Zunahme der Abwanderung von zuvor im Vereinigten Königreich lebenden EU-Bürgerinnen und -Bürger. Als am 31. Dezember 2020 die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der Europäischen Union endete, wurde Staatsangehörigen von EU-Mitgliedsländern, die ihren Wohnsitz in das Vereinigte Königreich verlegen möchten, das Recht auf Freizügigkeit entzogen. Wollen sie im Vereinigten Königreich leben und arbeiten, müssen sie seither ein Visum beantragen. Für EU-Bürgerinnen und -Bürger, die bereits vor dem Brexit langfristig im Vereinigten Königreich lebten, wurde ein spezieller Einwanderungsweg geschaffen – das sogenannte EU Settlement Scheme. Es gewährt denjenigen, die Anspruch auf einen Niederlassungsstatus – den Settled Status – haben, das Recht, im Vereinigten Königreich zu leben, zu arbeiten und ohne Einwanderungskontrollen auf unbestimmte Zeit zu bleiben. Außerdem erhalten die Inhaberinnen und Inhaber dieses Status' Zugang zu öffentlichen Mitteln (z.B. Sozialleistungen) und nach zwölf Monaten die Möglichkeit, die britische Staatsangehörigkeit zu beantragen.

Der Windrush-Skandal, der mitten in den Brexit-Verhandlungen ans Licht kam, löste bei den im Vereinigten Königreich lebenden EU-Bürgerinnen und -Bürgern Besorgnis aus. Wie die Angehörigen der Commonwealth-Länder einige Jahrzehnte zuvor, hatten auch die Unionsbürgerinnen und -bürger ihre Freizügigkeitsrechte genutzt, um ins Vereinigte Königreich einzuwandern. Allerdings nicht als Bürgerinnen und Bürger des britischen Weltreichs, sondern als Mitbürger/-innen der EU. Wie auch von den Angehörigen des Commonwealth wurde von ihnen verlangt, rückwirkend den Nachweis zu erbringen, das Recht zu haben, im Vereinigten Königreich zu bleiben. Forschungsergebnissen zufolge sind Kinder, die nach dem Brexit geboren wurden und deren Eltern als Staatsangehörige eines EU-Landes langfristig im Vereinigten Königreich leben, als besonders vulnerabel einzustufen. Denn während die Einführung des Registrierungssystems für EU-Bürgerinnen und -Bürger in Bezug auf ihr Aufenthaltsrecht mehr Klarheit brachte und einige der administrativen Hürden für die Einbürgerung volljähriger EU-Bürgerinnen und -Bürger abbaute, gestaltet sich die Rechtslage für abhängige Minderjährige komplexer. Ihr langfristiger Aufenthaltsstatus hängt davon ab, dass ihre Eltern in ihrem Namen den neuen Niederlassungsstatus beantragen. Hier sind die Ähnlichkeiten mit der Windrush-Generation und die Risiken, denen sie heute ausgesetzt sind, besonders auffällig.

Es gibt aber auch wichtige Unterschiede. Der Windrush-Skandal wurde just zu der Zeit enthüllt, als die Windrush-Generation mit restriktiven einwanderungspolitischen Regelungen, der Politik des „feindlichen Umfelds“, konfrontiert wurde und dabei zwar in der Position war, sich rechtmäßig im Land aufzuhalten, allerdings ohne die dafür notwendigen Nachweise zu besitzen. Das Problem, mit dem sich ansässige EU-Bürgerinnen und -Bürger konfrontiert sehen, ist wohl noch gravierender: Haben sie bis zur Frist des 30. Juni 2021 keinen Antrag auf einen Settled Status gestellt, wird ihr Aufenthalt im Vereinigten Königreich unrechtmäßig und sie begehen eine Straftat, wenn sie ohne rechtmäßigen Einwanderungsstatus arbeiten, eine Wohnung mieten oder Auto fahren. Das System, das EU-Staatsangehörige dazu zwingt, bis zu einer bestimmten Frist einen Antrag auf einen Niederlassungsstatus zu stellen, hat das potenzielle Problem abgemildert, dass viele rechtmäßig Ansässige ihren rechtmäßigen Aufenthalt nicht nachweisen können – mit einem bewilligten Antrag läge ein solcher Nachweis nun vor. Gleichzeitig hat es möglicherweise ein noch größeres Problem geschaffen: Der Aufenthalt einer beträchtlichen Anzahl von Einwohnerinnen und Einwohnern könnte buchstäblich illegal und undokumentiert werden. Dies wird durch die Schaffung eines vorübergehenden Rechtsstatus – dem sogenannten „Voransiedlungsstatus“ (pre-settled-status) – noch verschärft. Personen mit diesem Status sind dazu verpflichtet, erneut einen Antrag auf einen Niederlassungsstatus zu stellen, sobald sie die Kriterien für seine Gewährung erfüllen. Tun sie das nicht, könnte ihr Aufenthalt irregulär werden.

Nach offiziellen Angaben haben mit Stand Ende Juni 2023 schätzungsweise 6,2 Millionen Menschen einen Antrag im Rahmen des EU Settlement Scheme gestellt. Von diesen haben 5,6 Millionen Menschen einen Aufenthaltsstatus erhalten, darunter 2,1 Millionen einen Voransiedlungsstatus (pre-settled-status).

Rassismus als Komponente des Einwanderungsregimes

Insbesondere der Windrush-Skandal wurde weithin als Ausdruck des institutionellen Rassismus gegenüber Schwarzen Britinnen und Briten kritisiert. Die Mehrheit der Windrush-Generation stammte aus karibischen Staaten und waren People of Color. Rassistische Untertöne hatten auch Einfluss auf das mit dem Brexit einhergehende Ende der Freizügigkeitsregelungen für EU-Bürgerinnen und -Bürger Die Brexit-Kampagne war von einer einwanderungsfeindlichen Rhetorik geprägt, die sich häufig gegen Menschen aus osteuropäischen Staaten und rassifizierte ethnische Minderheiten richtete.

Bestimmte Gruppen von EU-Bürgerinnen und -Bürgern sind vom Ende der Freizügigkeitsregelungen besonders betroffen. Dazu gehören ältere EU-Staatsangehörige, Personen mit Behinderungen oder schweren Krankheiten, Familienangehörige aus Drittstaaten, Kinder von EU-Staatsangehörigen, Betroffene von häuslicher Gewalt oder Menschenhandel sowie EU-Bürgerinnen und -Bürger in prekären Beschäftigungsverhältnissen oder Wohnungslose. Die Gemeinschaft der Interner Link: Sinti und Roma, eine der größten ethnischen Minderheiten in Europa, ist aufgrund von Faktoren wie digitale Zugangshürden, Sprachbarrieren, fehlenden Dokumenten, Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung sowie Angst und Misstrauen ebenfalls stark betroffen.

Aus der Vergangenheit lernen

Zusammenfassend dienen die Erfahrungen der Windrush-Generation und der EU-Staatsangehörigen im Vereinigten Königreich nicht nur als eindringliche Erinnerung daran, welche Auswirkungen die Einwanderungspolitik auf das Leben von Menschen hat, sondern auch an die Unsicherheit des rechtlichen Status und der Bürgerrechte. Vor diesem Hintergrund müssen politische Entscheidungsträgerinnen und -träger dafür Sorge tragen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt und dass die Rechte und die Würde aller Einwohnerinnen und Einwohner geachtet werden. Mit Blick auf den Brexit ist es für Personen in politischer Verantwortung unerlässlich, über diese Parallelen und Unterschiede nachzudenken. Die Lehren gelten auch für EU-Politikerinnen und -Politiker, angesichts über einer Million britischer Bürgerinnen und Bürger im EU-Raum, die vor dem Brexit das Recht auf Freizügigkeit besaßen. Wenn das Vereinigte Königreich aus der Vergangenheit lernt, kann es ein inklusives, faires und gerechtes Einwanderungssystem errichten, in dem die Menschenrechte geachtet werden, Vielfalt gefördert und der soziale Zusammenhalt gestärkt wird.

Übersetzung aus dem Englischen: Beeke Wattenberg

Weitere Inhalte

Nando Sigona ist Professor für Internationale Migration und Vertreibung an der University of Birmingham, Vereinigtes Königreich, und Direktor des dort ebenfalls verorteten Institute for Research into International Migration and Superdiversity (IRIS). Zu seinen Forschungsinteressen gehören: irreguläre Migration, Staatenlosigkeit, Jugend- und Familienmigration, Sinti- und Roma-Politik und Antiziganismus, Asyl in Europa und im Mittelmeerraum, Mobilität innerhalb der EU und die Entstehung der EU-Bürgerschaft. Externer Link: www.nandosigona.info