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8.2.2019

Analyse: Immigrantenfeindliche Einstellungen und nationale Identität in Russland: Entwicklungen und Wechselwirkungen

Politischer Patriotismus und das Bewusstsein einer nationalen Identität nehmen unter der russischen Bevölkerung zu. So hat beispielsweise die Ukraine-Krise zu einem gesteigerten Nationalgefühl der Russen geführt. Wie lassen sich die negativen Stimmungen gegen Immigranten erklären?

Russische Nationalisten ziehen bei einer Demonstration im November 2018 durch die Straßen des Moskauer Stadtviertels Ljublino. (© picture alliance/AA)


Zusammenfassung



Ähnlich wie westeuropäische Länder ist auch Russland auf Immigranten angewiesen, um seine Wirtschaft voranzutreiben, die Lücken auf dem Arbeitsmarkt zu kompensieren und die demografische Lage zu verbessern. Während viele europäische Länder jedoch erst in den letzten Jahren einen neuen Anstieg einwandererfeindlicher Einstellungen verzeichnen, ist in Russland die Haltung gegenüber Immigranten während der vergangenen zwei Jahrzehnte konstant extrem negativ gewesen und verschlechtert sich weiter. Starke nationalistische Stimmungen, die in der Gesellschaft wie auch in der Regierung weit verbreitet sind, lassen die Frage aufkommen, ob der russische Ansatz in Bezug auf Migration nachhaltig ist. Der Beitrag liefert eine Analyse, die aus den Daten des International Social Survey Programme (ISSP) schöpft (Jahrgänge 1995, 2003 und 2013) und die Entwicklung der nationalen Identität sowie die Einstellungen gegenüber Immigranten in Russland untersucht. Wir konnten feststellen, dass die nationale Identität stärker wird. Genauer gesagt, nimmt die nationalistische Identifizierung mit dem Staat sowie der Stolz auf die politischen Leistungen Russlands zu. Gleichzeitig bleibt der Stolz auf kulturelle und historische Errungenschaften weiterhin hoch. Die sehr negativen Einstellungen gegenüber Immigranten nehmen im Vergleich zu den anderen Ländern sogar zu.

Einwandererfeindliche Einstellungen in Russland



Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wandelte sich Russland von einem Land, das fast keinerlei internationale Migration erlebt hatte, zu einem der globalen Drehkreuze der Migration, einem Land, in dem sich über 11,9 Millionen ausländische Staatsangehörige aufhalten. Die Beziehungen zwischen der Titularnation und den Migranten haben sich mit der Zeit verändert. Sie spiegeln die Wandlungen in der Selbstwahrnehmung der Russen wieder.

Die Migration nach Russland hat mehrere Phasen durchlaufen. In den ersten Jahren nach der Unabhängigkeitserklärung war die Migration nach Russland meist unfreiwillig. Millionen ethnischer Russen wurden in den ehemaligen Sowjetrepubliken zu Angehörigen ethnischer Minderheiten. Viele waren gezwungen, nach Russland zu ziehen; sie flohen vor den militärischen oder ethnischen Konflikten in Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Moldau, Tadschikistan und Usbekistan. Mitte der 1990er Jahr kam freiwillige Migration deutlicher zum Tragen, da Russland sich erfolgreicher als viele seiner Nachbarn zu einer Marktwirtschaft wandelte. Die Wirtschaft Russlands zog Arbeitsmigranten an, meist aus der Ukraine, aus Belarus und aus Moldau. Bis zu den frühen 2000er Jahren war der Umfang der Migration, die nach Russland siedelten, zurückgegangen, während die Arbeitsmigration allmählich zugenommen hatte. 2006 gab der Föderale Migrationsdienst bekannt, dass 1 014 000 Arbeitsmigranten eingereist waren, gegenüber von 283 700 im Jahr 2001. Bis zu den späten 2000er Jahren stabilisierte sich die Zahl der Arbeitsmigranten im Bereich von rund einer Million pro Jahr, wobei die meisten aus postsowjetischen Staaten eintrafen.

Im Vergleich zu anderen Ländern sind die Einstellungen Immigranten gegenüber in Russland konsequent negativ. Bei verschiedenen internationalen Umfrageprojekten wie dem ISSP und dem European Social Survey landet Russland hinsichtlich der Wahrnehmung von Immigranten regelmäßig auf den letzten Plätzen. Wegen fehlender Vergleichsdaten sind temporäre Trends nur schwer festzumachen. Die frühesten Daten stammen aus dem Jahr 1990, und sie weisen darauf hin, dass es keine starken Abneigungen in Bezug auf Migration gab, als das Phänomen noch neu war für das Land. In einer Studie wurden Russen seinerzeit gefragt, wie sie sich fühlen würden, wenn Immigranten sich in der Nachbarschaft niederließen. 27 Prozent nannten positive Gefühle, 30 Prozent antworteten negativ und 34 Prozent äußerten sich gleichgültig. Schon bald erfolgte der Wandel zum Schlechteren: Bereits 1995 stimmten in einer Umfrage des WZIOM 81 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass Flüchtlings- und Migrantenbewegungen nach Russland gestoppt werden sollten. 38 Prozent unterstützten die Parole "Russland den [ethnischen] Russen". Die Zustimmung zu dieser Parole hat in den Folgejahren zugenommen und bleibt hoch – 2016 wurde die Parole von 55 Prozent der Russen unterstützt.

Die Einstellungen zu Immigranten in Russland bilden sich oft anhand ethnischer Kategorien heraus: Ethnische Russen werden meist als positiv wahrgenommen, Migranten aus Länder, die als slawisch wahrgenommen wurden, wie die Ukraine und Moldau wurden weniger gemocht und Migranten aus Zentralasien und dem Kaukasus landeten am unteren Ende der Hierarchie. Wenn die nationale Identität bedroht und das Vertrauen in die Mitbürger und die öffentlichen Institutionen gering ist, werden die Privilegien für die eigene ethnische Gruppe mit besonderem Eifer verteidigt. Das ist wohl auch in Russland der Fall. Die Turbulenzen der 1990er Jahre, als die "Geburt der Nation" erfolgte, mögen zwar vorbei sein, doch sind sich viele Experten einig, dass das Nation Building in Russland immer noch im Gange ist. Zu dieser Einschätzung passt, dass in Russland der gesellschaftliche Diskurs über Migration nur selten universalistische Gleichheitsprinzipien verwendet und man sich stattdessen auf die Unterscheidung zwischen chosjain ("Hausherr", "Gastgeber") und "Gast" konzentriert, wobei die Privilegien des chosjain betont werden.

In den späten 1990er und beginnenden 2000er Jahren fanden fremdenfeindliche Stimmungen einen Ausdruck in radikalem Nationalismus.

In jener Zeit wucherte eine Reihe nationalistischer Organisationen, unter anderem die "Russische Nationale Einheit", die "Bewegung gegen illegale Immigration" und die "Slawische Union". Die Presse berichtete häufig von individuellen Übergriffen auf Migranten sowie von lokalen interethnischen Konflikten. In den letzten Jahren ist die Verbreitung von Hassverbrechen gegen Migranten zurückgegangen: Das Informations- und Analyse-Zentrum "SOWA", eine unabhängige Expertenorganisation, hatte 436 Fälle von Hassverbrechen im Jahr 2007 registriert, 2013 waren es 153 und 2017 nur 25. Trotz dieser an sich beruhigenden Zahlen zeigen qualitative Untersuchungen, dass die fremdenfeindlichen Haltungen sich nicht zerstreut haben, sondern im Gegenteil zu einer Normalität geworden sind: Bis Ende der 2000er Jahre haben sie sich in den politischen Mainstream-Debatten verankert. Einige der nationalistischen Politiker wie Dmitrij Rogosin und Alexandr Dugin wurden Teil des Kreml-Personals, und Präsident Putin verwendete zur Rechtfertigung der Intervention Russlands in die Ukraine-Krise panslawische Rhetorik.

Identifikation mit der Nation: Entwicklungen und Folgen



Durch Studien, die meist in westlichen Demokratien durchgeführt wurden, konnte festgestellt werden, dass einwandererfeindliche Haltungen ungleich über die verschiedenen sozialen Schichten verteilt sind. Menschen mit geringerer Bildung, einem niedrigeren sozialen Status und rechten politischen Ansichten neigen dazu, sich in stärkerem Maße feindselig gegenüber Immigranten zu zeigen. Im Kontext Russlands können soziale und demografische Merkmale allerdings nur wenig erklären, wie die Einstellungen zu Immigranten in der Gesellschaft verteilt sind. Immigrantenfeindliche Haltungen sind zu einer Normalität geworden und werden über viele sozialen Schichten und quer über das politische Spektrum hinweg geäußert. Könnten da vielleicht psychologische Merkmale als gehaltvolle Indikatoren für immigrantenfeindliche Haltungen in Russland dienen?

Gestützt auf sozialpsychologische Theorien zu Intergruppenbeziehungen, konzentriert sich dieser Beitrag auf nationale Identität als bestimmendes Element für immigrantenfeindliche Haltungen. Nationale Identität ist das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Nation. Für ein differenzierteres Bild des Verhältnisses zwischen nationaler Identität und Einstellungen zu Immigranten unterscheiden wir drei Facetten nationaler Identität: Nationalismus, politischer Patriotismus und kultureller Patriotismus. Nationalismus wird als positive Identifikation mit einer Nation, kombiniert mit einem unkritischen Blick auf diese und dem Glauben an die Überlegenheit dieser Nation gegenüber anderen. Politischer und kultureller Patriotismus spiegeln das Gefühl des Stolzes auf die Nation wieder, ohne dass dabei ein Überlegenheitsgefühl wie beim Nationalismus im Spiel wäre. Kultureller Patriotismus wird als positive Identifizierung mit einer Nation, kombiniert mit einem Gefühl des Stolzes auf die gemeinsame Kultur, Geschichte und die Menschen dieser Nation definiert. Politischer Patriotismus unterscheidet sich vom kulturellen dadurch, dass sich Gefühle des Stolzes auf die politischen und wirtschaftlichen Leistungen einer Nation richten.

Unter Nutzung dreier Durchläufe des National Identity Module des International Social Survey Programme (1995, 2003 und 2013) haben wir Indikatoren entwickelt, mit denen diese drei Facetten nationaler Identität gemessen, ihre Veränderung über die Zeit nachvollzogen und die Verbindung zu den Einstellungen gegenüber Immigranten untersucht werden können. Aus Grafik 1 auf der nächsten Seite wird deutlich, dass sich die Einstellungen gegenüber Immigranten in Russland im Untersuchungszeitraum verschlechtert haben. Nationalismus und politischer Patriotismus haben von 1995 bis 2013 stetig zugenommen. Beim kulturellen Patriotismus beobachten wir keine Änderungen; der Stolz auf die Kultur und die Geschichte der Nation sind in Russland stets groß gewesen.

Die Zunahme von Nationalismus in der Gesellschaft deckt sich mit der Beobachtung, dass in der russischen Politik nationalistische Ideologien zu einer Normalität geworden sind. Zur Stützung dieser Beobachtung können wir zudem 2013 eine positive Korrelation zwischen Nationalismus und einer Unterstützung für das Regime feststellen, eine Verbindung, die es bei früheren Untersuchungen nicht gegeben hatte. Die Zunahme des politischen Patriotismus wiederum spiegelt aller Wahrscheinlichkeit nach die allgemein gestiegene Lebenszufriedenheit wieder. Sowohl objektive, als auch subjektive Indikatoren legen nahe, dass sich die Lebensqualität in Russland über den Untersuchungszeitraum hinweg verbessert hat. Zwischen 1990 und 2008 erlebten die Menschen in Russland Verbesserungen auf dem Konsummarkt, bei den Wohnungspreisen und im Sozialwesen. Daten des "World Values Survey" weisen darauf hin, dass sich diese Verbesserungen in der subjektiven Zufriedenheit der Russen mit ihrem Leben widerspiegeln: Sowohl finanziell wie auch im Allgemeinen hat von 1995 bis 2011 die Zufriedenheit zugenommen. Diese Zufriedenheit und der Stolz auf die politischen und wirtschaftlichen Leistungen des Landes sind wohl Teile desselben Trends.

Was die Verbindung der drei Facetten nationaler Identität mit den Einstellungen gegenüber Immigranten anbelangt, so erwies sich nationale Identität im Vergleich zu soziodemografischen Variablen und politischen Ansichten als besserer Indikator für einwandererfeindliche Haltungen. Die drei Facetten der Identifikation mit einer Nation erklärten bis zu 17 Prozent der Varianz bei den Einstellungen gegenüber Immigranten, während die Kombination aus Alter, Bildung, Selbsteinschätzung des sozioökonomischen Status und politischen Ansichten die Unterschiede in den Haltungen nur bis zu 3 Prozent erklärten. Die Verbindung zwischen Nationalismus, politischem Patriotismus und kulturellem Patriotismus ist zu den drei Zeitpunkten belastbar gewesen. Nationalismus war eher mit negativen Einstellungen, und politischer Patriotismus eher mit positiven Einstellungen zu Immigranten verbunden. Kultureller Patriotismus erschien meist ohne Verbindung mit spezifischen Einstellungen gegenüber Immigranten.

Diese Ergebnisse zeigen, dass nicht alle Formen der Identifizierung mit einer Nation schädlich sein müssen. Feindselige Haltungen gegenüber außenstehenden Gruppen (out-groups) entstehen eher aus dem Glauben an die Überlegenheit der eigenen Nation gegenüber anderen, denn aus der Identifizierung mit der oder dem Stolz auf die Nation. Der Stolz auf die wirtschaftlichen und politischen Leistungen ist in Wirklichkeit eher mit positiveren Einstellungen gegenüber außenstehenden Gruppen verbunden. Diese positive Wirkung von politischem Patriotismus kann Ergebnis einer stärkeren Zufriedenheit mit dem Leben im Land sein. Es spiegelt sich in stärkerem politischem Patriotismus und positiven Einstellungen gegenüber Immigranten wieder. Es kann aber auch Ergebnis einer als geringer empfundenen Bedrohung sein: Wenn das Land erfolgreich und mächtig ist, erscheint in der Wahrnehmung die Bedrohung durch Immigration weniger stark, als wenn das Land als arm und schwach wahrgenommen wird.

Angesichts der Datenlage ist unsere Analyse zeitlich begrenzt. Landesweite Umfragen in Russland ergeben jedoch, dass die Ukraine-Krise zu einem gestiegenen Vertrauen in alle Institutionen geführt hat und von einer Steigerung des Nationalismus begleitet wurde. Die Umfragen von 2014 – 2017 legen nahe, dass sich nach der Ukraine-Krise die negativen Einstellungen gegenüber dem Westen verstärkt haben, während die Haltung zu Immigranten positiver wurde. Dieser Trend hat sich in den jüngsten Umfragen von 2018 umgekehrt, wobei die Haltung zum Westen positiver und die Einstellung gegenüber Immigranten negativer wurde. Diese Wechselwirkung zwischen der Haltung gegenüber dem Westen und Einstellungen zu Einwanderern legt nahe, dass diese beiden Gruppen bei der russischen Identitätsfindung ähnliche Funktionen haben. Je nach Umständen wird die eine oder die andere außenstehende Gruppe als "äußerer Feind" angesehen, wobei sich die psychologischen Grenzen der Nation dementsprechend anpassten. Wenn der verallgemeinerte Westen als primäre Bedrohung für das Land wahrgenommen wird, erscheint die Nation auf eher inklusive Art definiert, wobei Migranten eher als jemand von "uns" wahrgenommen werden, denn als einer von "denen". Verblasst das Bild des bedrohlichen Westens, entsteht eine in stärkerem Maße essentialistische Vorstellung von der Nation und deren Grenzen werden eher entlang ethnischer Linien gezogen.

Schlussfolgerungen



Immigrantenfeindliche Stimmungen sind in der Gesellschaft Russlands weit verbreitet. Diese bereits negativen Einstellungen scheinen sich über die Zeit zu verschlimmern. Bildung, sozialer Status und politische Ansichten bieten nur eine geringe Erklärung, wie diese Einstellungen in der Gesellschaft verteilt sind. Unsere Analyse ergibt, dass die spezifischen Arten, in denen sich Menschen mit ihrer Nation identifizieren, eine Erklärung für die Unterschiede in den Haltungen liefern können, mit denen sie Immigranten gegenübertreten. Nationalismus als eine Identifizierung mit der Nation, die ein Gefühl der Überlegenheit beinhaltet, ist schädlich für die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Gruppen. Gleichzeitig hat politischer Patriotismus als Stolz auf die wirtschaftlichen und politischen Leistungen positive Folgen für die Beziehungen zwischen den Gruppen. In einem Land, in dem Immigranten von essentieller Bedeutung für den Umgang mit wirtschaftlichen und demografischen Herausforderungen sind, könnte verstärkter Gebrauch nationalistischer Rhetorik eine ernsthafte Bedrohung für die soziale Stabilität bedeuten. Somit würde eine Konzentration auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung als Grundlage für nationalen Stolz diesen Trend umkehren.

Übersetzung aus dem Englischen: Hartmut Schröder

Lesetipps







Gemeinsam herausgegeben werden die Russland-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

Lusine Grigoryan, Vladimir Ponizovskiy

Zur Person

Lusine Grigoryan

Lusine Grigoryan ist Doktorandin an der Bremen International Graduate School of Social Sciences. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Intergruppenbeziehungen. Insbesondere beschäftigt sich ihre Arbeit mit der Komplexität sozialer Identität, multipler Kategorisierung und kultureller Vielfalt.


Zur Person

Vladimir Ponizovskiy

Vladimir Ponizovskiy ist Doktorand an der Bremen International Graduate School of Social Sciences. Seine Forschungsschwerpunkte sind persönliche Wertvorstellungen, Exemplifizierung von Werten und kultureller Wandel.


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