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26.6.2017

Analyse: Russlands Handelsbeziehungen zur Ukraine: verschenktes Potential und sinkende Attraktivität

Die politischen Spannungen zwischen Russland und der Ukraine spiegeln sich auch in den Handelsbeziehungen der beiden Staaten wider. Diese sind in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen, insbesondere im Hightech-Sektor. Die Hintergründe beleuchtet Alexandr Danilzew.

Nach Ausbruch des politischen Konflikts zwischen der Ukraine und Russland erteilte der Kreml ein Einfuhrverbot für ukrainische Erzeugnisse. (© picture-alliance/dpa)


Zusammenfassung

Seit dem politischen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine haben die Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern erheblichen Schaden genommen. Russische Importe aus der Ukraine und ukrainische Importe aus Russland sind in den Jahren 2015/16 um 70–80 Prozent gegenüber den letzten drei Jahren vor der Krise zurückgegangen. Dabei war Russland für die Ukraine ein wesentlich wichtigerer Handelspartner als umgekehrt. Als Handelspartner und in der Kooperation bei der Herstellung von Hightech verliert die Ukraine zunehmend an Attraktivität für russische Unternehmen. Ein Ausweg aus dieser Entwicklung ist allein in der Normalisierung der politischen Beziehungen zu sehen – und in der Idee einer Freihandelszone vom Atlantik bis zum Pazifik.

Rückgang des theoretischen Handelspotentials

Die Handelsbeziehungen zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine haben seit Beginn der 1990er Jahre für beide Staaten traditionell eine große Bedeutung gehabt. Wichtige Faktoren waren sowohl die gegenseitigen Lieferungen von Rohstoffen und Halbfertigwaren als auch entwickelte Fertigungsketten zur Produktion von Fertigwaren – auch in Hightech-Bereichen wie etwa der Militärtechnik (Flugzeugbau, Luft- und Raumfahrtindustrie – beispielsweise ein gemeinsames Projekt für seegestützte Weltraumstarts –, Schiffbau usw.).

Dabei bestehen jeweils erhebliche Unterschiede in der Bedeutung des wechselseitigen Handels für die beiden Partner. Russland ist für die Ukraine der größte Handelspartner, der bei den Exporten, wie auch bei den Importen den ersten Platz einnimmt, ungeachtet des Umstandes, dass der Anteil Russlands am Außenhandel der Ukraine allmählich abnimmt. Wenn der Anteil der Exporte nach Russland Anfang der 2000er Jahre noch 20 Prozent der ukrainischen Gesamtexporte ausgemacht hatte, war er bis 2016 auf rund zehn Prozent zurückgegangen, wobei er 2012–2013 noch bei 24–26 Prozent gelegen hatte. Die Bedeutung der Ukraine für den russischen Export ist erheblich geringer, der Anteil lag Anfang der 2000er Jahre bei rund neun Prozent und 2016 bei nur zwei Prozent (die Ukraine bleibt allerdings weiterhin einer der 20 wichtigsten Handelspartnern Russlands). Somit ist die Bedeutung des gegenseitigen Handels für die ukrainische Wirtschaft nach wie vor größer als für die Wirtschaft Russlands.

Eine Analyse des theoretischen Handelspotenzials (auf Basis des Exportvolumens, das pro US-Dollar Bruttoinlandsprodukt generiert wird, unter Berücksichtigung der Logistikkosten) zeigt folgendes: Die Intensität der ukrainischen Exporte nach Russland in den Jahren 2000–2013 lag im Schnitt 20 Prozent über dem theoretischen Wert, war also um ein Fünftel intensiver als durchschnittlich mit anderen Handelspartnern. Für Russland lag dieser Wert lag im gleichen Zeitraum bei nur 32 Prozent vom theoretischen Potenzial (das Potenzial der Nachfrage auf dem ukrainischen Markt wurde also von den russischen Exporteuren nicht voll ausgenutzt, im Gegensatz zum Beginn der 2000er Jahre, als es praktisch noch voll ausgeschöpft worden war). Das belegt, dass die Voraussetzungen für Exporte durch ukrainische Unternehmen auf den russischen Markt günstiger waren, als für russische Firmen auf den ukrainischen: der russische Markt war höchst attraktiv und gewinnbringend. Im Jahr 2015, also nachdem die heiße Phase des politischen Konflikts eingesetzt hatte, nutzte die Ukraine das Potenzial des russischen Marktes nur zu rund 80 Prozent aus, was einen Rückgang der ukrainischen Exportintensität um ein Drittel bedeutete. Die russischen Exporteure nutzten 2015 das Handelspotenzial mit der Ukraine nur zu 25 Prozent, was einem Rückgang um rund ein Viertel gleichkam.

Es liegt auf der Hand, dass die Komplikationen in den politischen Beziehungen sich negativ auf den wechselseitigen Handel auswirkten, und zwar nicht nur in Form direkter Handelssanktionen nach Ausbruch des politischen Konflikts, sondern durch mittelbare Maßnahmen und aus anderen ökonomischen Gründen. Zu nennen sind hier die Einstellung der Kooperationsprogramme beim Flugzeugbau (die lange vor Beginn der politischen Probleme erfolgt war), die Beschränkungen für die Tätigkeit von Filialen russischer Banken in der Ukraine und der Übergang der russischen Rüstungsindustrie zur Entwicklung einer Eigenproduktion bestimmter Rüstungskomponenten. Gleichzeitig ist auf den bedeutenden Rückgang im Dienstleistungsbereich hinzuweisen (in erster Linie bei Bank- und Transportdienstleistungen); dieser Bereich ist ein äußerst wichtiger Faktor für die Gesamtentwicklung des Handels.

Insgesamt sind die russischen Importe aus der Ukraine, wie auch die ukrainischen Importe aus Russland in den Jahren 2015–2016 gegenüber den letzten drei Vorkrisenjahren um rund 70–80 Prozent zurückgegangen. Auf einigen recht wenigen Positionen sind die Importe stabil geblieben oder gar gestiegen; hierzu gehören einige Arten Textilrohstoffe, Chemieprodukte, Erze und Metallurgieerzeugnisse. Im Bereich des Hightech-Maschinenbaus waren aus russischer Sicht die Schiffbauimporte eine wichtige Stütze, und aus ukrainischer Sicht zudem die Luftfahrttechnik aus allgemeinem Maschinenbau – trotz eines erheblichen Volumenrückgangs in beiden Ländern. Selbstverständlich ist besonders für die Ukraine eine Zusammenarbeit im Energiesektor wichtig, der einen Sonderbereich darstellt (s. auch den Beitrag von Roland Götz in dieser Ausgabe).

Sinkende Attraktivität der Ukraine als Handelspartner

Neben einem gewissen wechselseitigen Interesse an Halbfertigprodukten und Rohstofflieferungen bestand traditionell Interesse an einer Zusammenarbeit in jenen Hightech-Sektoren, die schon zu Zeiten der Planwirtschaft Gegenstand einer Produktionszusammenarbeit waren. Tatsächlich war es so, dass ungefähr bis 2011/12 der wechselseitige Handel mit Erzeugnissen des Maschinenbaus sich recht gut entwickelte (bis 2006 ist er ausgeglichen gewesen, danach überwogen die ukrainischen Lieferungen diejenigen aus Russland erheblich). Im weiteren Verlauf allerdings begann der Handel mit dieser Warengruppe zurückzugehen und ist bis 2015/16 auf das Niveau von 2000 gesunken.

Insgesamt ist festzuhalten, dass die Attraktivität der Ukraine als Partner im Handel und bei der Hightech-Produktion zurückgegangen ist. Der Anteil technisch komplexer Erzeugnisse an den Gesamtexporten hat sich gegenüber 2001 bis 2015 um ein Drittel verringert, und die die Ausgaben für den Erwerb von Urheberrechten, unter anderem an Technologien, sind um die Hälfte gesunken. Bereits nach 2012 ist ein unentwegter Rückgang der ukrainischen Exporte zu verzeichnen gewesen, selbst wenn die Exporte nach Russland unberücksichtigt bleiben.

Gegenwärtig lässt sich feststellen, dass sich die Nutzung der Handelspotenziale, gemessen an der Größe der Volkswirtschaften der beiden Länder und ihrer geographischen Nähe um rund ein Drittel zurückgegangen ist. Gleichzeitig werden die beiden Seiten den Handel mit einigen Rohstoffarten und Halbfertigprodukten, an denen beide Seiten ein Interesse haben, wohl eher aufrechterhalten oder gar ausbauen. Dieser Handel wird aber von geringer, lokaler Dimension sein und nicht die großen, grundlegenden und strategisch wichtigen betreffen, solang es keine Verbesserung der politischen Beziehungen gibt. Hinsichtlich der Entwicklung einer Partnerschaft zur Schaffung von Produktionsketten im Bereich der Herstellung von komplexen und Hightech-Erzeugnissen hat die Ukraine anscheinend schon ihre Attraktivität als Partner verloren. Gründe sind der Niedergang ihres Hightech-Sektors, die Entwicklung eigener Produktionsprogramme sowie das Aufkommen alternativer Partner, vor allem in Asien. Daher wird diese Richtung der Zusammenarbeit schon keine wichtigen Anreize mehr zur Wiederherstellung des Handels liefern.

Fazit

Es liegt der Schluss nahe, dass der (Nicht)Einsatz von Beschränkungsmaßnahmen davon abhängen wird, welche Möglichkeiten zur Normalisierung vor allem der politischen Beziehungen bestehen.

Als äußeren Faktor kann erwähnt werden, dass die Perspektiven des bilateralen Handels zwischen Russland und der Ukraine in vielen Fällen insbesondere davon abhängen wird, ob die Idee, Zonen eines freien wirtschaftlichen Austauschs vom Atlantik bis in den russischen Fernen Osten einzurichten, mit Beteiligung der Europäischen Union umgesetzt wird.

Übersetzung aus dem Russischen: Hartmut Schröder

Lesetipps

Die Russland-Analysen werden von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen und der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde erstellt. Die Bundeszentrale für politische Bildung/bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

Alexandr Danilzew

Alexandr Danilzew

Alexandr Danilzew ist Direktor des Instituts für Handelspolitik an der Moskauer Higher School of Economics.


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