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15.10.2021

dekoder: Novaya Gazeta

Der Chefredakteur der russischen regierungskritischen Tageszeitung „Novaya Gazeta“, Dmitri Muratow, wurde jüngst mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Wer ist er und was ist das Anliegen seiner Redaktion?

Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow spricht am Freitag, dem 8. Oktober 2021, in Moskau mit den Medien. (© picture-alliance/AP, Alexander Zemlianichenko)


Sie ist ein Schwergewicht des unabhängigen russischen Journalismus: die Novaya Gazeta (deutsch: Neue Zeitung) – ihr langjähriger Chefredakteur Dmitri Muratow ist 2021 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Auch zuvor war die Novaya Gazeta ein international viel beachtetes Blatt. Redaktion und Belegschaft halten bis heute mehrheitlich die Anteile daran. Regelmäßig werden investigative Recherchen veröffentlicht. Diese Stärke ist zugleich die Achillesferse: Mehrere Journalisten sind in den 2000er Jahren bei Mordanschlägen getötet worden.

Die Novaya Gazeta ist eine Ausnahmeerscheinung in Russland: 1993 gegründet (als Neue Tageszeitung, bis 1995), arbeitet sie mit einer bemerkenswerten Kontinuität, obwohl die Lage für unabhängige Medien schwieriger denn je geworden ist. Fast alle großen TV-Stationen gelangten seit dem Machtantritt von Wladimir Putin unter staatliche Kontrolle und bedeutende Zeitungshäuser in die Hände regionaler Regierungen oder kremltreuer Eigentümer. Mit ihrer klar oppositionellen Haltung wird die Novaya Gazeta bislang geduldet, nicht jedoch ohne Restriktionen durch die Medienaufsicht Roskomnadsor – und, wie der langjährige Redaktionschef Dmitri Muratow beklagt, bei einem gesellschaftlichen Klima, in dem Übergriffe auf kritische Journalisten meist straflos blieben (https://echo.msk.ru/programs/personalno/2079552-echo/).

2021 ist er mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden: Für sein "Bemühen um die Wahrung der Meinungsfreiheit, die eine Voraussetzung für Demokratie und Frieden ist", begründete das Nobelkomitee die Entscheidung. Mit ihm gemeinsam ist die philippinische Journalistin Maria Ressa gewürdigt worden.

Mit kurzer Unterbrechung ist Muratow seit 1995 Chefredakteur der Novaya Gazeta. Zwischenzeitlich hatte Sergej Kosheurow für zwei Jahre das Amt inne, auf das man in der Redaktion traditionell gewählt wird. 2019 wurde Muratow erneut zum Chefredakteur gewählt. Er ist seit der ersten Stunde dabei, war Mitgründer der kleinen widerborstigen Zeitung, die über all die Jahre auch unter schwierigen Bedingungen nicht aufgibt und fortwährend auf Missstände im Land aufmerksam macht. In seiner Zeit bei der Novaya musste Muratow erleben, wie in den 2000er Jahren mehrere Mitarbeiter ums Leben gekommen sind, darunter Igor Domnikow, Anna Politkowskaja und Natalja Estemirowa.

Vor allem Anna Politkowskaja gab der Gefahr, unter der Journalisten in Russland tätig sind, über die Landesgrenzen hinaus ein Gesicht und wurde mit ihrer Arbeit im damals kriegsgeschüttelten Tschetschenien international bekannt.

Doch die Novaya Gazeta – gesellschaftspolitisch ausgerichtet – ließ sich nicht einschüchtern, tritt früher wie heute mit wichtigen investigativen Recherchen hervor, darunter zu Verfehlungen der Regierung bei der Geiselnahme von Beslan, zur Verfolgung von Homosexuellen in Tschetschenien, zum Krieg im Donbass und als Teil einer international vernetzten Journalisten-Gruppe zu den sogenannten "Panama Papers".

Bestimmend sind Themen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die auch in der Online-Ausgabe aufbereitet werden. Das Blatt steht für engagierten Journalismus, der Minderheiten und Opfern von Gewalt oder Korruption eine Stimme geben will, dazu gehören auch starke Meinungstexte.

Dmitri Muratow gehört zu den Gründern des Blattes, einer Gruppe von Journalisten, die sich nach Glasnost und Perestroika von der Komsomolskaja Prawda abwandte, um selbst eine Zeitung aufzubauen. Es fügte sich, dass Ex-Sowjetführer Michail Gorbatschow zum frühen Förderer wurde. Gorbatschow unterstützte die Zeitung regelmäßig, besitzt seit 2006 auch Anteile. Weiterer Eigner war zeitweise der Tech-Investor Sergej Adonjew. Die Aktienmehrheit an der nichtkommerziellen Trägerorganisation der Novaya Gazeta hält die Belegschaft.

Für den Erhalt der Zeitung spielte der Medien-Mogul Alexander Lebedew über Jahre eine herausragende Rolle. Neben Gorbatschow war er einmal wichtigster Finanzier, hält seine Anteile jedoch nach allem, was bekannt ist, nur noch auf dem Papier. Lebedew galt lange als der letzte kremlkritische Oligarch. Als er politisch unter Druck geriet, ließ er auch seine Zahlungen stoppen. Durch seinen Rückzug und weil Anzeigenkunden wegbrachen, stand zeitweise die Printauflage auf der Kippe. Neben der Online-Ausgabe erscheint die Novaya Gazeta derzeit als Printtitel jeweils montags, mittwochs und freitags, ihre Auflage beträgt verschiedenen Angaben zufolge zwischen rund 125.000 und 175.000 Exemplare. Sitz ist in Moskau, dazu gibt es Zweigstellen in Städten wie Sankt Petersburg, Samara und Wladiwostok. Trotz monatlich mehrerer Millionen Online-Aufrufe gilt die Novaya auf dem russischen Medienmarkt als Außenseiter.

Wichtiges Arbeitsfeld bleibt Tschetschenien, wo die Novaya Gazeta immer wieder den Finger in die Wunde legt – obwohl es in der Vergangenheit nach den Mordanschlägen auf die Kollegen jedes Mal Zeiten des Haderns gegeben hat, wie die renommierte Novaya-Journalistin Elena Milashina 2017 in einem Interview mit Colta.ru preisgab: "Doch wir verstanden: Das ist kein Ausweg – und machten weiter." (https://www.colta.ru/articles/society/15472-elena-milashina-poka-chechnya-ne-zagovorit-nichego-ne-izmenitsya)
Stand: Oktober 2021

Die Redaktion der Russland-Analysen freut sich, dekoder.org als langfristigen Partner gewonnen zu haben. Auf diesem Wege möchten wir helfen, die Zukunft eines wichtigen Projektes zu sichern und dem russischen Qualitätsjournalismus eine breitere Leserschaft zu ermöglichen. Wir danken unserem Partner dekoder für die Erlaubnis zum Nachdruck. Gemeinsam herausgegeben werden die Russland-Analysen von der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen, der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde e.V., dem Deutschen Polen-Institut, dem Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien, dem Leibniz- Institut für Ost- und Südosteuropaforschung und dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) gGmbH. Die bpb veröffentlicht sie als Lizenzausgabe.

Mandy Ganske-Zapf

Mandy Ganske-Zapf

Mandy Ganske-Zapf ist freie Journalistin und schreibt zu Themen aus und über Russland – im Großraum von Elbe, Spree und Moskwa. Sie arbeitet unter anderem als Redakteurin für dekoder.org und für den Mitteldeutschen Rundfunk. Zwischenzeitlich war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Hamburg in dem dekoder-Kooperationsprojekt Perestroika und Mauerfall als shareable content.


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