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29.1.2019

Israel im Schwarzen Kanal

Anhand der Aufzeichnungen und der Sendemanuskripte zu der DDR-Fernsehsendung „Der schwarze Kanal“ beschäftigte sich Clemens Escher mit dem Israelbild, das deren Chefkommentator Karl-Eduard von Schnitzler für die DDR-Bürgerinnen und Bürger lieferte. Dabei habe es sich um eine Israelisierung des Antisemitismus gehandelt, wie sie, als Kritik getarnt, auch noch heute vorkomme.

Karl-Eduard von Schnitzler präsentierte immer Montags von 1960 bis 1989 die Sendung "Der schwarze Kanal" im DDR-Fernsehen. Hier polemisierte er vor allem gegen die Bundesrepublik Deutschland. (© picture-alliance/Zentralbild)


Die einschlägigen Untersuchungen über den Antisemitismus in der DDR stärken den Befund der Erregungswellen. Dies gilt auch für den hier zu untersuchenden Teilaspekt des Antizionismus/Antisemitismus in den DDR-Medien. Lothar Mertens und Angelika Timms im Jahrbuch für Antisemitismusforschung im Jahr 1992 publizierten ersten Forschungen haben sich weitere – teilweise in Monographiestärke – angeschlossen.[1] Von einem Desiderat kann gerade bei Presseerzeugnissen daher keine Rede mehr sein. Zumeist handelt es sich bei den Studien um zuverlässige Längsschnittanalysen, angesiedelt im Grenzbereich von Medien- Politik- und Geschichtswissenschaft.

Antiisraelische Propaganda

Die Auslöseimpulse derartiger Wellen sind einschlägig bekannt: im gesamten sowjetischen Einflussbereich etwa die stark antisemitisch geleiteten parteiinternen Säuberungsprozesse ab 1952/53. Ebenso spätestens seit Ende der 1960-Jahre eine immer gehässiger werdende antiisraelische Propaganda, die unter der Flagge des Antizionismus dem „imperialistischen Aggressorstaat Israel“ das Wort redete. In diesen Wellen – etwa im Zuge des Sechstagekrieges oder der ersten Intifada – konnte staatlich gebundener Antizionismus in kaum verbrämten Antisemitismus übergehen, der sich auch aus der Systemkonkurrenz zur Bundesrepublik Deutschland nicht allein kausal erklären lässt. Mit anderen Worten: Nicht allein die Fixierung auf die Bonner Republik war für staatsoffizielle Bilder der Judenfeindschaft ausschlaggebend, sondern auch die Fixierung auf den jüdischen Staat Israel. Alle drei Staaten waren Nachkriegsgründungen, alle drei Staaten waren aus ihrer jeweiligen Sicht Antworten auf den Nationalsozialismus gewesen – und alle drei Staaten waren miteinander verflochten. Lösen wir uns von der deutschen Perspektive, wäre in diesem Fall Christoph Kleßmanns Konzept einer „asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte“ eine dritte Ebene hinzuzufügen – nämlich Israel. Jene transfergeschichtliche Dreiecksbeziehung wäre freilich dem Konzept der Entangled History bereits näher.[2] Das Thema ist stark von Emotionen beherrscht. Daher konnte der Gelehrtenstreit schnell Züge eines Glaubensstreits annehmen, und zwar immer dann, wenn sich ostdeutsche Wissenschaftler durch einen herabwürdigenden Ton westlich der Elbe herausgefordert sahen. Dabei konnte die Thesenbildung durchaus stichhaltig sein, es genügte, den antifaschistischen Grundsatz die Gegenerzählung des Oststaates, in Frage zu stellen, respektive den Antifaschismus-Mythos zu destruieren. Stets haftete diesen Veröffentlichungen dann zugleich der Makel des nichtdabeigewesenen Besserwessis an.[3] Doch auch differenziertere, nicht im Gewand des Legendenzerstörers erschienene Bücher zogen postwendend Kritik auf sich.[4]

Furor und Befindlichkeiten vernebelten die erkenntnisleitenden Grundfragen zum Verhältnis von Antizionismus und Antisemitismus. War die DDR am Ende nicht nur ein israelfeindlicher, sondern ein judenfeindlicher Staat? Ist der Antisemitismus, der sich heute Bahn bricht, nicht ähnlich jenem Antizionismus, genauer antisemitischen Antizionismus, der in der DDR zur Staatsdoktrin erhoben worden ist? Haben sublim vorhandene Vorurteilsmuster auch das annus mirabilis 1989 überstanden? Die Studie stellt keinen Versuch dar, komplizierte Definitionsfragen zu klären. Sie will sich nicht einmal damit aufhalten. Als heuristisches Mittel soll lediglich die bündige Definition dienen, wonach religiöser Antijudaismus, moderner Rassenantisemitismus, sekundärer Antisemitismus und eben auch Antizionismus zu den Erscheinungsformen von Judenfeindschaft gehören und jeweils für vollkommen unterschiedliche Zwecke dienstbar gemacht werden können.[5]

"Der schwarze Kanal" und Karl-Eduard von Schnitzler

Vorliegend handelt es sich vielmehr um eine Ergänzung im Detail, bei der die empirische Problemanalyse auf einem Quellenmaterial basiert, dessen Urheber, vorsichtig formuliert, nicht über den besten Leumund verfügt: nämlich die maschinellen und handschriftlichen Aufzeichnungen und Sendemanuskripte Karl-Eduard von Schnitzlers für dessen Sendung, die zum Sinnbild von SED-Propaganda wurde: der schwarze Kanal.[6] Drei Jahrzehnte, vom 21. März 1960 bis zur letzten (und kürzesten) Sendung am 30. Oktober 1989, las Schnitzler fast jeden Montagabend dem Weststaat die Leviten. So trist die Tapete war, vor der er seine hegemonialen Monologe ansetzte, so wenig herrschten dort Grautöne vor. Stattdessen wurde ein dichotomisches Weltbild gepflegt, eingeteilt in Hell (Kommunismus) und Dunkel (Kapitalismus), in Reinheit (DDR) und Schmutz (Bundesrepublik).

Bereits in der ersten Sendung – 1518 sollten noch folgen – gab Schnitzler den Ton vor, der stilbildend für das Format werden sollte und dem Sendungsmacher den wenig schmeichelhaften Spitznamen „Sudel-Ede“ einbrachte: „Der schwarze Kanal, den wir meinen, meine lieben Damen und Herren, führt Unflat + Abwässer; aber statt auf Rieselfelder zu fließen, wie es eigentlich sein müßte, ergießt er sich Tag für Tag in hunderttausende westdeutscher + westberliner Haushalte. Es ist der Kanal, auf welchem das westdeutsche Fernsehen sein Programm ausstrahlt: Der Schwarze Kanal. Und ihm werden wir uns von heute an jeden Montag zu dieser Stunde widmen, als Kläranlage gewissermaßen – im übertragenen Sinn.“[7] Das Konzept der Sendung, in deren Intro als Zeichen des westdeutschen Revanchismus eine grotesk arrangierte Version des Deutschlandliedes samt Bundesadler mit schwarz-weiß-rotem Brustband auf ostdeutschen Antennen auftauchte, fußte auf simpler Didaktik. Sendeausschnitte aus dem Westfernsehen wurden gezeigt und anschließend von Schnitzler sarkastisch kommentiert. Referenzprojekt war zunächst die Sendung „Die rote Optik“ des Leiters des NDR-Studios in West-Berlin, Thilo Koch. Rasch arbeitete sich Schnitzler aber zuvorderst an Werner Höfers „Internationalem Frühschoppen“, später Gerhard Löwenthals „ZDF-Magazin“ sowie jederzeit an Axel Cäsar Springer ab.

Schnitzler, dem zeitlebens Republikflüchtlinge und Oppositionelle – durchaus im tschekistischen Sinne – ein Gräuel waren, hatte selbst eine Überläuferbiografie. In seinen eigenen Worten hatte er sich von seiner Klasse losgesagt. Geboren 1918 im noblen Berlin-Dahlem, erhielt sein Vater vom Kaiser für treue Dienste den Adelstitel, den Schnitzler auch in der prädikatsarmen DDR nicht ablegte (wobei er Wert darauflegte, damit einem Wunsch Walter Ulbrichts nachgekommen zu sein). Ansonsten sind die einschlägigen Angaben Schnitzlers zu seiner Vita mit Vorsicht zu betrachten, da sie sich auf seine Erinnerungen stützen und ihm Effekthascherei schon von Berufs wegen nicht fremd war. Als halbwegs gesichert darf gelten, dass er als Jugendlicher in die Sozialistische-Arbeiter-Jugend eintrat und seine politische Einstellung weder in seiner Familie noch in der Wehrmacht verleugnete, was eine Versetzung in das Strafbataillon 999 nach sich zog. Im Juni 1944 kam Schnitzler in britische Gefangenschaft und verdingte sich zunächst bei der BBC sowie später in der britischen Besatzungszone beim NWDR als Journalist.

Hier lernte er das Rüstzeug. Nichtsdestotrotz erwies sich die Zusammenarbeit aufgrund unveränderter kommunistischer Agitation im beginnenden Kalten Krieg als nicht belastungsfähig. Schließlich schlug Schnitzler Ende 1947, eine Kündigung in der Tasche, den Weg in die Sowjetische Besatzungszone ein und trat der SED bei, um innerhalb kürzester Zeit zu deren führendem Berichterstatter aufzusteigen. Zunächst war sein Medium der „Hegemon des Haushalts“ (Axel Schildt) der Nachkriegszeit: das Radio. Schon bald wechselte er zu dessen Nachfolger: dem Fernsehen. Hier gelangte er schließlich zu Bekanntheit mit seiner wöchentlichen Politschulung, im Grunde ein marxistisch-leninistischer Geschichtskurs, mit dem Ziel, den Klassenstandpunkt darzulegen.[8]

Auswertung der Sendemanuskripte

Die Sendemanuskripte des „Schwarzen Kanals“ geben ein beredtes Zeugnis des Israel-Bildes in den Medien der DDR ab. Als eines der ersten großen Digitalisierungsprojekte von Archivbeständen überhaupt, stellte das Deutsche Rundfunkarchiv im Rahmen eines DFG-Projekts im Jahr 2000 der Öffentlichkeit die Quellen zum „Schwarzen Kanal“ zur Verfügung. Der Kernbestand umfasst etwa 50.000 Blatt zu den 1 519 Folgen des Magazins, wobei die Überlieferung zu den Jahren 1961-1965 sowie 1971 nicht vollständig ist. In dem Konvolut finden sich neben Sendetitel und kurzer Inhaltsbeschreibung die Kommentare Schnitzlers zu den Einspielfilmen.[9] Sucht man in der Datenbank nach Begriffen wie „Zionismus“, „Israel“ oder „Aggressor“ beziehungsweise nach Namen wie „Ben Gurion“, „Moshe Dayan“ oder „Golda Meir“ wird man häufig fündig. Neben dem Hauptfeind Bundesrepublik Deutschland und den Vereinigten Staaten war der Staat Israel ein zentrales Feindbild in drei Jahrzehnten „Schwarzer Kanal“. Anhand der Ausführungen Schnitzlers lassen sich kategorisierbare Topoi kenntlich machen, die zeigen, dass diese Fixierung nicht Folge des Nahost-Konflikts oder der Blockkonfrontation war, jedenfalls nicht nur, sondern durchaus auch auf tradierte antijüdische Stereotype zurückgriff, die auf die Ebene des Staates transformiert worden sind.[10] Eine Israelisierung des Antisemitismus, wie sie, als Kritik getarnt, auch heute oftmals vorkommt.

Schnitzlers Analogien zum Nationalsozialismus

Mit schier unerschütterlicher Redundanz bemühte Schnitzler in Sachen Israel NS-Vergleiche und eine Täter-Opfer-Umkehr. Immer wieder lautete die Botschaft: Israel hätte selbst einen Holocaust zu verantworten, würde selbst die Menschen in Unter- und Herrenmenschen separieren, würde selbst, „das Palästinenser-Problem auf zionistische Weise aus der Welt zu schaffen: durch eine ‚Endlösung‘.“[11] So heißt es im September 1982 im Zusammenhang mit dem Libanon-Krieg: „Arik Sharons (alias Ariel Schoenermanns) Blutspur führt vom Suezkanal […]. Araber sind für diese zionistischen Rassisten ‚Untermenschen‘ und Palästinenser gibt es für sie überhaupt nicht, wie Golda Meir einmal gesagt hat. Da ist es nur ein Schritt bis zur ‚Endlösung‘, zum Holocaust.“[12]

Ein dreiviertel Jahr später wird die angebliche Maschinerie spezifiziert: Tötung durch Gas. Quelle war die Nachrichtenagentur „Wafa“, wonach scharenweise Schulmädchen durch israelisches Gas im Westjordanland vergiftet worden seien. Zum Zeitpunkt der Ausstrahlung bereits als Fake-News entlarvt[13], gefiel Schnitzler die Pointe so gut, dass er sie in seinem Magazin brachte: Auch eine Methode des Holocaust, des Völkermords – nachdem die Mörder von Sabra und Shatila trotz Messern, Bajonetten und Massenmord – vornehmlich an palästinensischen Frauen und Kindern – unter israelischen Befehl ihr Ziel nicht erreicht haben. Schwefelhaltiges Gas, nachgewiesenermaßen (!), gelbes Giftpulver (später aparterweise als ‚einfacher Blütenstaub‘ ausgegeben): Im BRD-Fernsehen aber heißt es entschuldigend und ableugnend: ‚Wohl eher politische Ursachenforschung‘!“[14]

Thomas Haurys These, dass die DDR gegenüber dem üblichen von der Sowjetunion vorgegebenen Antizionismus der Ostblockstaaten ein Spezifikum bei der Frage des Umgangs mit der Schuld an der millionenfachen Ermordung der Juden aufwies, lässt sich in den Kommentaren Schnitzlers geradezu exemplarisch bestätigen.[15] Dabei wird der an Juden von Deutschen verübte Völkermord nicht geleugnet, Orte, Zahlen und Methoden werden immer wieder genannt, die Shoa wird aber eingereiht in eine lange Kette von imperialistischen Verbrechen. Der Zivilisationsbruch von Auschwitz, dessen die Singularität und Ursprung in der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus werden vollkommen negiert. Klassengegengesätze seien das entscheidende Moment der Weltgeschichte. Nunmehr trete die Zufluchtsstätte der Juden selbst in den Dienst des Faschismus: „Dieselben monopolistischen Kräfte, die einst den Antisemitismus bis auf die Spitze von Auschwitz, Maidanek und Theresienstadt trieben (und selbst daran noch profitierten!) – dieselben rüsten jetzt Israel auf und aus; nicht aus schlechtem Gewissen, nicht aus ‚Wiedergutmachung‘, sondern weil der Staat Israel dieselbe Klassenposition einnimmt.“[16]

Die Juden, meistens, aber nicht immer Zionisten genannt, hätten sich als unbestrittene Opfer des Nationalsozialismus in die Position des Lernenden begeben: „Diese Lästerung muß herhalten für Herrenmenschentum, Rassismus und Völkermord. Für Holocoust [sic] am arabischen Volk von Palästina. Oh sie haben gelernt – diese israelischen Führer von den einstigen Feinden und Vernichtern des eigenen Volkes, von den deutschen Faschisten, und bewiesen damit selbst aufs neue, daß Faschismus nichts andres ist als die scheußlichste Erscheinungsform des Imperialismus – und dieser wiederum die höchste Form des Kapitalismus. Die Juden von heute – das sind – 45 Jahre nach den Nürnberger Rassegesetzen – die Palästinenser.“[17] Acht Jahre zuvor hieß es an gleicher Stelle: „Der israelische Geheimdienst aus ‚HAGANAH‘, ‚Stern‘ und ‚Irgun Leumi‘ suprafaschistischen Organisationen hervorgegangen – hat von SA, SS, Gestapo und den Mördern von Lidice und Oradour gelernt. Es gibt keine Rassenfrage, es gibt nur die Klassenfrage.“[18]


Für den Staat Israel hatte Schnitzler nur Abscheu übrig. Dabei ist der Begriff „Nicht-Beziehung“ insofern irreführend, als der Staat Israel immer wieder Thema war. In der Sendung „25 Jahre Israel“ wurde das tradierte Bild von Tätern (den Juden) und Opfern (den Arabern) stark gemacht. Israels Staatsform sei ein auf Rassismus aufgebauter „‚Nationalsozialismus‘ – der ja bekanntlich mit Sozialismus nichts zu tun hatte und hat […] wobei man wissen muß, daß nach dem biblischen Gesetz in Israel Ehen zwischen Juden und Arabern nicht möglich sind und ‚Mischehen‘ – das hat man von Globke gelernt – von Einwanderern für ungültig erklärt werden.“[19] Dutzendmal geht Schnitzler auf die Gründungsgeschichte Israels ein. Schon in der Inkubationszeit Israels, ein Land, das Schnitzler am 17. November 1975 in einer Sendung, die den vielsagenden Titel trug „Zionismus gleich umgekehrter Antisemitismus“[20] (ein Satz der eine Art ceterum censeo der Berichterstattung war), einen „alten Zionistentraum“[21] nannte, den die Frau von Yitzhak Rabin im Westfernsehen laut Schnitzler vor „einer Zusammenrottung amerikanischer Zionisten“[22] auch mit dem Holocaust begründete.

Es war ausgerechnet Schnitzler, der im Januar 1949 in der „Weltbühne“ ganz ähnlich argumentierte: „Aber das junge Israel entwickelte ungeahnte Kräfte. Es trieb die am Tage der Staatsgründung von allen Seiten ins Land eingefallenen arabischen Armeen zurück nach Transjordanland, Saudi Arabien und Ägypten. Die Ägypter sind die einzigen, die noch weiter für England Kastanien aus dem Feuer zu holen bereit sind […]. Deutlich ist in der ägyptischen Strategie die Rommel-Taktik zu erkennen […]. In der Tat: Berater des ägyptischen Generalstabs sind ehemalige Stabsoffiziere des Afrikakorps. Unter den Truppenführern finden wir den SS-Gruppenführer Katzmann, der einst in Polen eine Sonderpolizeidivision befehligt hat und Spezialist war für die Ausrottung von Juden. Heute führt er Krieg gegen Israel. […] man muß sich einmal vorstellen, was es bedeutet, wenn heute Verbrecher gegen die Menschlichkeit, die Hunderttausende von Juden auf dem Gewissen haben, statt vor Gericht an der Spitze einer Armee stehen und sie wiederum gegen Juden führen dürfen.“[23] Kurz zuvor schrieb Marion Gräfin Dönhoff in der ZEIT einen Leitartikel und richtete hierbei in einem schrillen Crescendo an die Machthaber in Israel die Forderung, dass sie erkennen mögen, „wie weit sie auf jenen Weg bereits gelangt sind, der erst vor Kurzem ein anderes Volk ins Verhängnis geführt hat.“[24]

Die Dokumente zeigen, wie stark – in einer 180-Grad-Wende – die anfänglichen Sympathien Schnitzlers für den jüdischen Staat spätestens seit den Schautribunalen ab 1952 Hetzkampagnen gewichen waren. Israelbezogener Antisemitismus war im Kalten Krieg auch, aber eben nicht zuvorderst von der außenpolitischen Konstellationsanalyse abhängig, was ihn nicht weniger widerwärtig machte.

Für von Schnitzler war Zionismus mit Faschismus gleichzusetzen

Im schwarzen Kanal war die Staatsgründung bereits ein ganz und gar kapitalistisches Schurkenstück geworden. So stellte sich im Jahr 1975 die Proklammation Israels bei Schnitzler folgendermaßen dar: „Wir kennen das: ‚Groß-Deutschland‘ – ‚ von der Maaß [sic] bis an die Memel‘. Aber so wenig wie Polen oder Rußland – so wenig war Palästina‚ ein Land ohne Volk‘. Da waren Palästinenser. Mit Mord und Totschlag, mit faschistischen Terrororganisationen wie Haganah und Irgun, mit Schützenhilfe Englands und anderer Imperialisten vertrieben sie viele Palästinenser aus deren Heimat und vollbrachten Verbrechen – ebenbürtig denen von Oradour, Lidice und Chatyn. Und sie machten mehr: Machten aus Arabern Menschen zweiter Klasse, ‚Untermenschen‘, übernahmen vom deutschen Faschismus außer der Losung ‚Volk ohne Raum‘ auch den Rassenwahn vom Herrenmenschen […] Der Zionismus ist die Ideologie des ‚Auserkorenseins‘, der ‚Überlegenheit‘ über andere und – davon abgleitet – des Herrschaftsanspruchs. Wir kennen das vom deutschen Faschismus, wir kennen es von den südafrikanischen und rhodesischen Rassisten. Der Faschismus stand in Nürnberg vor Gericht.“[25] Ferner wurden die führenden israelischen Politiker auf eine Stufe mit den Kriegsverbrechern von Nürnberg gestellt. Einen Dokumentarfilm über Mosche Dayan kommentierte Schnitzler mit grober Ironie: „Wahrlich, ein Bild, das zu Tränen rühren kann: das Bild, dass das BRD-Fernsehen von diesem Dayan zeichnet, der immerhin alle Merkmale eines Kriegsverbrechers aufweist; Merkmale, die 1946 seinesgleichen auf die Anklagebank des Nürnberger Gerichts der Völker gebracht hatten. KZ-Kommandanten waren Hundefreunde und Blumenliebhaber, ‚Dayan kann arabisch und versucht, sich um die Sorgen der Flüchtlinge im Gazha-Streifen zu kümmern…‘ Er hat diese Flüchtlinge vertrieben! Er hält sie in Ghettos und Lagern! Er hat ihnen die Heimat gestohlen und will den Raub nicht herausgeben! Dieser Dayan – Sozialdemokrat wie Golda Meir – will ein ‚Groß-Israel‘. Aber dies ginge nur auf Kosten der Araber, ‚für deren Bräuche er sich interessiert‘, der Gute. Dieses hübsche Dayan-Porträt des BRD-Fernsehen erinnert an jene ‚objektiven Berichte‘ gewisser Zeitungen 1933/34 über die KZs, die als ‚Umerziehungslager‘ beschrieben wurden, mit bunten Gardinchen und Blumenrabatten, fast Orte der Erholung…“[26]

Die Antizionismus-Polemik, so sehr sie auch vorgibt von antisemitischen Motiven bereinigt zu sein, trägt bei Schnitzler offen antisemitische Züge, da Antizionismus lediglich als Containerbegriff diente. Klaus Holz benutzt den Begriff der „Camouflage“[27] für diesen Vorgang. Eine übernationale „Figur des Dritten“, sah nicht den Juden, sondern Israel als multiplen Weltfeind. Gleichzeitig wurde den Entlastungsbedürfnissen der Zuschauer genüge getan, hatte man sich selbst als antifaschistischer Kämpfer erfolgreich vom imperialistischen Joch befreit. „Die Übertragung klassischer antisemitischer Stereotype war ebenfalls kein Ausrutscher, sondern geübter Standard. Selbst das älteste Vorurteil, der Mord am Heiland, musste dafür am Montagabend herhalten: „Die Reggan [sic] und Weinberger wollen ihren Zauberlehrling gar nicht loswerden. Sie verweigern den Befehl: ‚In die Ecke Besen, bist’s gewesen!‘ Ihnen ist die Blutspur des Zionismus recht. Sie selbst nur wollen ihre Hände in Unschuld waschen. Pontius Pilatus läßt grüßen.“[28] Wenn die USA die Rolle des Statthalters einnehmen, so ist offensichtlich, wer die Kollektivschuld des Mordes auf sich geladen hat: der Zionismus (vulgo: die Juden). Vier Jahre zuvor hieß es zu Ostern: „Während das BRD-Fernsehen über Ostern nur so trieft von Passionsgeschichten und Kreuzigungen, feiern die BRD-Medien die Kreuzigung, die Passion und die neue Diaspora der Palästinenser.“[29] Auch die Vereinnahmung von Bibelworten war ein beliebter Topos, etwa: „Begin begründet seinen Holocaust an den Palästinensern mit einem aus dem Alten Testament abgeleiteten ‚Recht auf Judäa und Samaria‘.“[30] An anderer Stelle klärte der Kanal auf: „Israel und das BRD-Fernsehen berufen sich auf die 10 Gebote Moses‘. Aber nach der biblischen Legende soll der Prophet gerade den Israeliten geboten haben, nicht zu begehren des nächsten Haus, Hof und alles, was sein ist.“[31] Ebenso populär war das Stereotyp des ausbeuterischen und rachsüchtigen auserwählten Volkes: „Hitler nannte die Deutschen ein ‚Volk ohne Raum‘ und rechtfertigte damit den räuberischen ‚Drang nach Osten‘. Beide sprachen bzw. sprechen von ‚Kultur‘, Abendland, Ordnung, Rasse, Führungsanspruch, Überlegenheit, Menschlichkeit – von ‚Gott‘ und der ‚Vorsehung‘, die auf ihrer Seite seien. Kurz: Der Nazismus war die deutsche Variante des Faschismus, der Zionismus ist die jüdische Variante des Faschismus (es gibt keine Rassenfrage, sondern nur die Klassenfrage).“[32]

Auch der Topos der „jüdischen Intelligenz“ wurde – freilich ex negativo – untersucht. Dabei wurde die prominente israelische Psychologin Amia Lieblich als Rassistin diffamiert und noch auf traumatische Erfahrungen im Sendegebiet rekurriert: „Die Zionistin Amia Lieblich, ihres Zeichens ‚Psychologin‘, bekennt sich zur rassistischen Herrenmenschentheorie: ‚In meiner politischen Philosophie bin ich ganz für eine friedliche Koexistenz mit den Arabern…aber ich würde niemals mit einem Araber gesellschaftlich verkehren. Ich habe ein Vorurteil gegen ihre Intelligenz. Als Jüdin fühle ich mich ihnen überlegen.‘ Als dem Zionisten Menachim Begin der israelische Bombenterror in Libanon vorgehalten wurde, erklärte er zynisch: Die Welt habe auch Dresden hingenommen.“[33]

Ein kollektiver Persilschein für die DDR-Bevölkerung

Die Identifizierung des Zionismus mit dem Nationalsozialismus rührte auch aus dem Streben nach Exkulpation her. Sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR bediente man sich in den Gründerjahren universalisierender Deutungsmuster des Nationalsozialismus.[34] Vergessen sollte man in diesem Zusammenhang aber nicht den didaktischen Einfluss der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus. Den Anfang machte hier Karl Dietrich Brachers Studie über die „Auflösung der Weimarer Republik“ (1954), welche das vorherrschende Konstrukt einer verschworenen und allein schuldhaften NS-Verbrecherclique dekonstruieren und durch ein weniger entlastendes Geschichtsbild nach und nach ersetzen konnte. Erst ein Gesamtprozess, anfangs orchestriert von einer Politik der Schulden- und Wiedergutmachungsabkommen mit zahlreichen westlichen Nationen, an erster Stelle das Luxemburger Abkommen mit dem Staat Israel (1952), ließ den Soziologen Mario Rainer Lepsius von drei grundsätzlich verschiedenen Umgangsformen mit dem Nationalsozialismus in den drei Nachfolgestaaten des Dritten Reiches sprechen: Österreich habe – zumindest post festum – sich als „erstes Opfer“ des Nationalsozialismus gesehen, den Nationalsozialismus als Herrschaftsideologie einer fremden und feindlichen Macht interpretiert und damit schlicht externalisiert. Die DDR konnte via ihrer Faschismustheorie das braune Erbe universalisieren. Einzig die Bundesrepublik Deutschland, gewiss auch, aber längst nicht nur ihres Alleinvertretungsanspruchs wegen, habe den Nationalsozialismus internalisiert und sich damit auf den mühsamen Weg seiner Aufarbeitung begeben müssen.[35] Für die DDR war die notwendige Synchronisation ihres antifaschistischen Metanarrativs mit dem dialektischen Einmaleins wichtig. Erst mit diesem selbstausgestellten kollektiven Persilschein ausgestattet war es der SED möglich, die eigene Bevölkerung – den Erkenntnissen der historischen Wahlforschung widersprechend – in einem großen Gnadenakt der Exkulpation als antifaschistische Kämpfer von der NS-Zeit freizusprechen. Der DDR gelang somit derselbe geschichtspolitische Husarenstreich wie der wiedererstandenen Republik Österreich: „Hitler war gleichsam Westdeutscher geworden.“[36] Mehr noch, Joseph Goebbels war Israeli geworden: „Und da sage einer, die Geschichte wiederhole sich nicht! Gewiß nicht genauso, nicht deckungsgleich. Aber wenn vor 35 Jahren im Berliner Sportpalast jemand den ‚Totalen Krieg‘ mit dem Aufschrei begründete: ‚Wir wollen das Land (gemeint war damals die Sowjetunion) – wir wollen das Land nicht nur besetzen – wir wollen es ausbeuten! Es geht um Kohle, Erz, Öl!‘ – dann unterscheidet sich dieses Goebbels‘sche Bekenntnis des deutschen Faschismus zum imperialistischen Raub nur quantitativ von Israels Drang nach Öl im Golf von Suez, nach Kohle, Eisen, Uran auf Sinai, nach den fruchtbaren syrischen Golanhöhlen, nach den palästinensischen Plantagen im Gaza-Streifen, nach dem in Jahrhunderten von Palästinensern fruchtbargemachten Westufer des Jordan.“[37]

Ebenso hieß es in der Sendung: „Eine geballte Ladung von Herrenmenschentum, Rassismus, Verachtung von Menschenrecht und Völkerrecht (unter Mißbrauch der Bibel) skrupelloses Ausbeutertum – kurz: Zionismus in Aktion, heute!“[38] Schnitzler präsentierte seinen Zuschauern auch die im verschwörerischen Obskurantismus angesiedelte Interpretation der israelischen Flagge: „Allerdings seine Fahne: Zwei blaue Linien, die den Nil und den Euphrat darstellen sollen, dazwischen Israels Stern: ‚Groß Israel‘.“[39] Der Topos des selbstverschuldeten Judenhasses machte auch vor den Opfern des Münchener Olympia-Attentats 1972 nicht halt. In einer Sendung mit dem Titel „Schießbefehl“ heißt es: „Dajan [sic] aber liess das Feuer auf die Kinder und auf die Araber eröffnen – so wie einst in Fürstenfeldbruck der Bundesgrenzschutz auf Rat des israelischen Geheimdienstchefs israelische Sportler und Feddajins [sic] erschoss. Die Opfer wären niemals in Gefahr geraten, wenn es keine israelische Aggression und Okkupation gäbe und keine andauernde Verhöhnung von Frieden, Recht, Weltmeinung und Vereinten Nationen durch Israel. So verhält es sich mit Ursache und Wirkung!“[40] Auch das Uralt-Gerücht des kaum stillbaren zionistischen (jüdischen) Durstes nach Kinderblut erfuhr in der Sendung seine Entsprechung: „Mit Bomben – und mit Puppen und Brummkreiseln und Spielautos und anderem mechanischen Spielzeug. Und die Kinder in Burdsch-Brashneh, einem großen schrecklichen Vertriebenenlager bei Beirut (ich war vor wenigen Wochen dort) – die Kinder bücken sich danach – wann hätten sie schon so ein schönes Spielzeug gesehen, geschweigen den besessen: und dann explodiert es und reisst kleine Händchen ab und zerfetzt Kindergesichter, verstümmelt Kinder und lässt sie erblinden; denn im Spielzeug ist Sprengstoff und Langzeitzünder.“[41]

Die Weltgewandtheit, mit der Schnitzler als allwissende Instanz diese Zeitungsenten (die noch nicht einmal von arabischer Seite durchgehend geglaubt wurden) über das Fernsehen in den Äther brachte, wurde durch die Berichterstattung in ARD und ZDF in Frage gestellt, hierfür bot er im besten Schnitzler-Deutsch eine Erklärung an: „Das ist in Wirklichkeit übelste proisraelische und antiarabische Hetze und Verleumdung im Stil der Goebbelsschen Propagandakompanien.“[42] Gab das Westfernsehen kein Material zu Israel her, so war die Begründung schnell zur Hand: „Und da der Zionismus die jüdische Variante des Imperialismus ist (einschließlich Chauvinismus, Rassismus und Herrenmenschentum), hat sich der Medien-Imperialismus verschworen, daß in und um Israel Ruhe herrsche.“[43]

Vergangenheitsbewältigung hat es einzig – laut Schnitzler – in der DDR gegeben. In der Bundesrepublik wäre die Kontinuität und Restauration am Werk, die konsequente Ausblendung faktischer Begebenheiten (Wiedergutmachungspolitik, SRP-Verbot, Einrichtung einer Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen) der frühen Bundesrepublik – Errungenschaften einer jungen Demokratie, die in der Tat neben der Rehabilitierung und Versorgung der „131er“, den Straffreiheitsgesetzen von 1949 und 1954 und dem ganz allgemeinen langjährigen Umgang mit NS-Verbrechen in einem Spannungsverhältnis stehen. Zum Novembergedenken 1978 im Westfernsehen kleidete Schnitzler sein J’accuse in folgende Worte: „So wurde aus dem Judenhaß der feudalen und bourgeoisen Antisemiten Philosemitismus, unkritische, parteiliche, skrupellose Gemeinsamkeit, Kumpanei mit den Terroristen in Tel Aviv.“[44] Kristallisationspunkt für Schnitzler war „Adenauers und Ben Gurions Waldorf-Astoria-Verschwörung von 1960.“[45] Er bezog sich damit auf eine 90-minütige Unterredung des Alten von Sde Boker und des noch Älteren vom Rhein im April des Jahres 1960 in New York, in dem deutsche Wiedergutmachung auch in Form von Waffenlieferungen angesprochen wurde.[46]

Nunmehr wäre Israel „Bonn’s Klassenkumpan und gehätschelter, mit ausgehaltener Verbündeter.“[47] Konrad Adenauer und der israelische Staat kommen auch bei ihren Separationsbestrebungen zusammen. Beide sind internationale Parteigänger: „Wir haben noch jenes goldene Wort Konrad Adenauers im Ohr: ‚Lieber ein halbes Deutschland ganz, als ein ganzes Deutschland halb…‘ sprach’s, spaltete und machte ein rheinisches Universitätsstädchen zur Metropole. Und die USA – zurück zum Thema – beliefern Israel mit Panzern und Israel liefert den libanesischen Separatisten Panzer; israelische Kriegsschiffe paradieren drohend vor der libanesischen Küste. Israelische Kampfflugzeuge tummeln sich über israelischem Himmel, um faschistische Milizen zu ermuntern.“[48]

Die Frage nach der Wirkung

Der schwarze Kanal kann pars pro toto für das Bramarbasieren gegen den jüdischen Staat in den DDR-Medien stehen, wenngleich der Ton noch heftiger, unversöhnlicher, verschwörerischer gewesen ist, als etwa in dem Zentralorgan der SED „Neues Deutschland“. Mancher Text über Israel und die Juden hätte auch in die rechtsradikale „National-Zeitung“ des Münchner Verlegers Gerhard Frey trefflich gepasst. Pars pro toto für das Fernsehen in der DDR steht der schwarze Kanal aber nicht. Gehen wir nicht vom den Fernsehmachern, sondern vom Zuschauer aus, so bedeutete Fernsehnutzung in der DDR (bis auf die sogenannten Täler der Ahnungslosen bei Dresden und Greifswald, in denen jeweils Westfernsehen und Westhörfunk nur schwer zu empfangen waren) auch ganz erheblich den Empfang öffentlich-rechtlicher Sender aus dem Westen und ab den 1980er Jahren des Privatfernsehens. Die Frage nach der Reichweite von Schnitzler ist nicht einfach zu beantworten. 30 Jahre lang durfte Schnitzler seinen Sendeplatz nach dem beliebten „Montagsfilm“ behalten. Dass nicht jeder Werktätige erpicht darauf war, eine missgelaunte Politschulung am ersten Tag der Woche über sich ergehen zu lassen, ist evident. Der Flüsterwitz, ein „Schnitz“ sei eben jenes kurze Zeitmaß für den Sprung aus dem Fernsehsessel zum Um- oder Ausschaltknopf, war landesweit bekannt. Kritik und Eingaben perlten an ihm ab. Selbst eine Einkaufstour nebst Ladendiebstahl seiner Gattin in West-Berlin 1983, mit Polizeieinsatz und Presserummel, führte zu keinen Konsequenzen. Erst die Friedliche Revolution von 1989, die neben den bekannten Spruchbandforderungen auch Losungen wie: „Schnitzler lass das Lügen sein, kauf nicht mehr im Westen ein!“ oder „Lügendreck – Schnitzler weg“ mit sich brachte, sorgte für Veränderung auf der Mattscheibe. Keine fünf Minuten dauerte die letzte Sendung. Einzelne spätere Auftritte in Talkformaten des Privatfernsehens endeten kläglich im Tohuwabohu, Schnitzler war ein Fernsehfossil geworden. Er starb am 20. September 2001. Für das Thema ist ein anderer Rezeptionsstrang ohnehin interessanter. Was blieb im kollektiven Gedächtnis übrig von Schnitzler, auch von seinen von Empathie ungetrübten Auslassungen gegen Israel nach 1989? Gewiss, ein tiefes Misstrauen gegenüber den Medien und dem Establishment. Schnitzler hätte mit seinem dunklen Geraune am Narrensaum des Internet möglicherweise eine kleine, aber laute Fangemeinde sein eigen nennen dürfen. Immerhin trägt auch in heutiger Zeit der Nahost-Konflikt zur Wiederkehr von alten Bildern des Judenhasses bei. Vorurteile und Stereotype über Juden werden weitertradiert. Der antisemitische Antizionismus eines Schnitzler hat den Sendeschluss seiner Sendung überlebt. Schnitzler brauchte nicht die „Protokolle der Weisen von Zion“ zu zitieren, um das Gerücht um die Juden zu streuen. Ja, er konnte sogar Worte des Trauerns um die Opfer der Shoa finden, um im nächsten Moment die lebenden Juden im Schlachtruf gegen Israel zu verhöhnen. Er leugnete den Holocaust nicht, betrieb aber eine Holocaustverzwergung. Auch die unverhältnismäßige Beschäftigung mit dem Nahost-Konflikt – die Fixierung auf den „Weltfeind Israel“ und den Nahost-Konflikt – ist stilbildend für den antisemitischen Antizionismus: notabene bis zum heutigen Tag.

Dieser Beitrag von Clemens Escher entstammt dem Buch: Wolfgang Benz (Hrsg.), Antisemitismus in der DDR - Manifestationen und Folgen des Feindbildes Israel, erschienen 2018 im Metropol Verlag.

Fußnoten

1.
Lothar Mertens, Staatlich propagierter Antizionismus. Das Israelbild in der DDR. In: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 1 (1992), S. 139–153; Angelika Timm, Israel in den Medien der DDR. In: Ebenda, S. 154–173. Ferner sei auf die an der LMU entstandene grundlegende Studie verwiesen: Oren Osterer, Das Israelbild in Tageszeitungen der DDR. München 2014. https://edoc.ub.uni-muenchen.de/16472/1/Osterer_Oren.pdf, letzter Zugriff am 1.4.2018.
2.
Christoph Kleßmann, Spaltung und Verflechtung – Ein Konzept zur integrierten Nachkriegsgeschichte 1945 bis 1990. In: Ders./Peter Lautzas (Hrsg.), Teilung und Integration. Die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte als wissenschaftliches und didaktisches Problem, Bonn 2005, S. 20–37. Zur transnationalen Geschichte: Alexander Gallus/Axel Schildt /Detlef Siegfried (Hrsg.), Deutsche Zeitgeschichte – transnational, Göttingen 2015.
3.
Michael Wolffsohn. Die Deutschland Akte. Juden und Deutsche in Ost und West, München 1995.
4.
So der erkenntnisreiche Konferenzband: Andreas H. Apelt/Maria Hufenreuter (Hrsg.), Antisemitismus in der DDR und die Folgen, Halle (Saale) 2016.
5.
Vgl. Wolfgang Benz, Was ist Antisemitismus? Bonn 2004. S. 20 u. 25.
6.
Eine Monografie zur Sendung steht noch aus. Einen guten Einstieg vermitteln die Magisterarbeit: Kirsten Nähle, Der schwarze Kanal. Ein politisches Magazin des DDR-Fernsehens, Marburg 2005, sowie Marc Levasier, Der Schwarze Kanal. In: Jürgen Wilke (Hrsg.), Journalisten und Journalismus in der DDR. Berufsorganisation – Westkorrespondenten – „Der Schwarze Kanal“, Köln u.a. 2007. S. 217–305.
7.
Manuskript zur Sendung vom 21. März 1960. E065-02-04/0001/001. Bl. 1. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
8.
Zu den widersprüchlichen biografischen Angaben siehe erhellend: Gunter Holzweißig, Ein roter Schmock. Karl-Eduard von Schnitzler. In: Carsten Reinemann/Rudolf Stöber (Hrsg.), Wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft. Köln 2010, S. 195–209, Ders., Karl-Eduard von Schnitzlers Gastspiel beim Nordwestdeutschen Rundfunk. In: Deutschland Archiv 44 (2011), H.1. S. 13–17.
9.
Das Schriftgut des DDR-Fernsehens. Eine Bestandsübersicht. Bearb. v. Sabine Salhoff, Frankfurt a. M. / Potsdam 2001. Siehe auch: http://sk.dra.de/.
10.
Vgl. dazu allgemein: Timo Stein, Zwischen Antisemitismus und Israelkritik. Wiesbaden 2011. S. 33–39.
11.
Manuskript zur Sendung vom 27. März 1978. E084-05-02/0003/266. Bl. 4. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
12.
Manuskript zur Sendung vom 20. September 1982. E065-02-04/0001/001. Bl. 5. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
13.
DER SPIEGEL vom 11. April 1983. 15/1983. S. 148.
14.
Manuskript zur Sendung vom 25. April 1983. E084-05-02/0003/520. Bl. 5. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
15.
Thomas Haury, Der Marxismus-Leninismus und der Antisemitismus. In: Apelt/Hufenruter, Antisemitismus in der DDR. S. 11-33. Hier S. 25f.
16.
Manuskript zur Sendung vom 23. Oktober 1972. E001-00-01/0002/192. Bl. 4. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
17.
Manuskript zur Sendung vom 20. Juli 1981. E084-05-02/0003/431. Bl. 5. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
18.
Manuskript zur Sendung vom 5. März 1973. E084-05-02/0003/011. Bl.4. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
19.
Manuskript zur Sendung vom 14. Mai 1973. E084-05-02/0003/021. Bl. 3. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
20.
Manuskript zur Sendung vom 17. November 1975. E084-05-02/0003/148. Bl. 1. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
21.
Ebenda.
22.
Ebenda. Bl. 2.
23.
Zitiert nach: Angelika Timm, Hammer, Zirkel, Davidstern, Bonn 1997. S. 87.
24.
Marion Gräfin Dönhoff, Völkischer Ordensstaat Israel, in: Die Zeit vom 23. September 1948.
25.
Manuskript zur Sendung vom 17. November 1975. E084-05-02/0003/148. S . 3f. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
26.
Manuskript zur Sendung vom 22. August 1973. E084-05-02/0003/036. Bl. 3. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
27.
Klaus Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2001. S. 440.
28.
Manuskript zur Sendung vom 8. November 1982. E084-05-02/0003/498. Bl. 5. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
29.
Manuskript zur Sendung vom 27. März 1978. E084-05-02/0003/266. Bl. 4. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
30.
Manuskript zur Sendung vom 19. April 1982. E084-05-02/0003/469. Bl. 5. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
31.
Manuskript zur Sendung vom 6. März 1978. E084-05-02/0003/264. Bl. 2. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
32.
Ebenda. Bl. 3.
33.
Manuskript zur Sendung vom 28. Juni 1982. E084-05-02/0003/479. Bl. 4. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
34.
Vgl. Arnd Bauerkämper, Nationalsozialismus ohne Täter? Die Diskussion um Schuld und Verantwortung für den Nationalsozialismus im deutsch-deutschen Vergleich und im Verflechtungsverhältnis von 1945 bis zu den Siebzigerjahren. In: Deutschland-Archiv 40 (2007), S. 231 240.
35.
Vgl. M. Rainer Lepsius, Das Erbe des Nationalsozialismus und die politische Kultur der Nachfolgestaaten des „Großdeutschen Reiches“. In: Max Heller u.a. (Hgg.), Kultur und Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1989, S. 247 254.
36.
Bernd Faulenbach, Zur Funktion des Antifaschismus in der SBZ/DDR. In: Ders. u.a. (Hgg.), Getrennte Vergangenheit, gemeinsame Zukunft. Ausgewählte Dokumente, Zeitzeugenberichte und Diskussionen der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED Diktatur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages 1992-1994, Bd. 1. Das Herrschaftssystem, München 1997, S. 144-153, hier S. 149.
37.
Manuskript zur Sendung vom 6. März 1978. E084-05-02/0003/264. Bl 2f. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
38.
Ebenda. Bl. 4.
39.
Manuskript zur Sendung vom 7. Dezember 1981. E084-05-02/0003/451. Bl. 4. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
40.
Manuskript zur Sendung vom 21. Mai 1974. E084-05-02/0003/072. Bl. 3. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
41.
Ebenda. Bl. 4.
42.
Manuskript zur Sendung vom 22.November 1973. E084-05-02/0003/046. Bl. 2. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
43.
Manuskript zur Sendung vom 17. Januar 1983. E084-05-02/0003/507. Bl. 3. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
44.
Manuskript zur Sendung vom 13. November 1978. "E084-05-02/0003/298. Bl 5. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
45.
Manuskript zur Sendung vom 22. November 1973. E084-05-02/0003/046. Bl. 4. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
46.
Vgl. Hans-Peter Schwarz, Adenauer. Der Staatsmann. 1952-1967, Stuttgart 1991. S. 541ff.
47.
Manuskript zur Sendung vom 22. August 1973. E084-05-02/0003/036 Bl.1. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.
48.
Manuskript zur Sendung vom 4. Dezember 1978. E084-05-02/0003/301. Bl. 4. Historisches Archiv (Schriftgutsammlung Fernsehen) des Deutsches Rundfunkarchivs (DRA), Frankfurt am Main – Babelsberg.

Clemens Escher

Clemens Escher

Dr., wissenschaftlicher Mitarbeiter im Deutschen Bundestag; promovierte 2016 an der Technischen Universität Berlin mit einer zeithistorisch-kulturgeschichtlichen Arbeit über Hymnenvorschläge aus der Bevölkerung (1949 - 1952).


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