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13.7.2005

Wirtschaftsentwicklung von 1945 bis 1949

Nach der Demontage der deutschen Industrie in den ersten Nachkriegsjahren kam es ab 1948 durch den so genannten Marshall-Plan zu einem umfassenden Hilfsprogramm für Europa. Im gleichen Jahr wurde mit der Währungsreform die D-Mark eingeführt.

Der US-Sondergesandte für den Marshallplan Harrimann und der Berliner Oberbürgermeister Reuter. (© AP)


Einleitung

Kaum eine Operation der Alliierten stieß auf so viel Unverständnis und Erbitterung bei den Deutschen wie der Potsdamer Beschluss, die Industriekapazität der deutschen Wirtschaft planmäßig zu verringern. Die Demontage von Industriebetrieben sollte zum einen der ökonomischen Entmilitarisierung durch den Abbau von Schwerindustrie dienen, zum anderen waren die Fabrikationsanlagen Reparationsgüter, die den von Deutschland im Krieg geschädigten Volkswirtschaften zugute kommen sollten. In der französischen und der sowjetischen Zone wurde der Abbau von Industrie- und Verkehrsanlagen exzessiv betrieben, auch Ressourcen wie Bodenschätze und Wälder fielen den Entschädigungsansprüchen zum Opfer. Diese Demontagen gerieten jedoch in einen zunehmenden Widerspruch zu den Anstrengungen auf Produktivitätssteigerung in der amerikanischen und der britischen Zone, die den Deutschen durch den Export von Industriegütern (und Kohle) allmählich wieder die Selbstversorgung ermöglichensollten.

In langwierigen Verhandlungen bemühte sich der Alliierte Kontrollrat, die Grenzen der künftig erlaubten Industriekapazität zu ziehen und die Quoten festzulegen, die in Zukunft produziert werden durften. Um die Stahlerzeugung wurde besonders gestritten, bis ihr Leistungsumfang auf 39 Prozent der Vorkriegsproduktion festgesetzt wurde. Erzeugnisse der chemischen Industrie waren auf 40 Prozent, Leichtmetalle auf 54 Prozent, Werkzeugmaschinen auf elf Prozent der Vorkriegsproduktion begrenzt.

Das Ergebnis der Verhandlungen im Kontrollrat wurde am 26. März 1946 in Gestalt des Industrieniveau-Plans festgeschrieben. Damit war bestimmt, welchen Umfang die deutsche Nachkriegswirtschaft haben durfte und welches Ausmaß der Kapazitätsabbau zugunsten der Reparationslieferungen haben würde. Im Anschluss wurde eine Liste der zu demontierenden Betriebe veröffentlicht.

Als Grundsatz galt die Aufrechterhaltung eines mittleren Lebensstandards in Deutschland, der den durchschnittlichen Lebensstandard in Europa (ausgenommen Großbritannien und Sowjetunion) nicht übersteigen durfte, und nach der Zahlung der Reparationen sollte Deutschland sich selbst erhalten können. Nicht nur wegen des Selbstbedienungsverfahrens, das schon vor der Verabschiedung des Industrieplans in allen Zonen begonnen hatte und namentlich im Osten und Südwesten Deutschlands fortgesetzt wurde, war der Plan freilich bald Makulatur. Außer der Sowjetunion und Polen gab es 18 Staaten mit Reparationsansprüchen an Deutschland, die aus den Westzonen befriedigt wurden. Auf der Pariser Reparationskonferenz (9. November bis 21. Dezember 1945) wurden die Quoten festgelegt, die auf die einzelnen Staaten entfielen und deren Verteilung ab 1946 die Interalliierte Reparationsagentur in Brüssel vornahm.

Demontagen und Reparationen

In der sowjetischen Zone wurden nicht nur, unmittelbar nach Kriegsende beginnend, Fabrikanlagen, Eisenbahngleise, Transporteinrichtungen demontiert und abtransportiert. Es gab auch eine zweite Art der Demontage in Form einer Enteignung und Umwandlung von Betrieben zu "Sowjetischen Aktiengesellschaften" (SAG), die an Ort und Stelle unter sowjetischer Regie weiter produzierten. Etwa 200 Unternehmen, die 20 Prozent der Industrieproduktion der SBZ erzeugten, wurden 1947 in diese neue Rechtsform überführt, darunter das Bunawerk bei Merseburg und das Leunawerk. Die SAG gingen ab 1953 durch Kauf in den Besitz der DDR über. Die mit über 100 000 Beschäftigten größte SAG, die Wismut AG, die in Sachsen und Thüringen Uran abbaute, blieb mit Sonderstatus bis zum Ende der DDR gemeinsamer Besitz der DDR und der Sowjetunion. Die SAG produzierten nicht ausschließlich für die Besatzungsmacht. 30 Prozent der Erzeugung gingen auf ein Reparationskonto, ein Drittel stand dem Binnenmarkt zur Verfügung, ein Drittel ging in den Export.

Die eigentliche Demontage betraf bis Ende 1946 über 1000 Betriebe, vor allem der Eisen schaffenden, chemischen und optischen Industrie, des Maschinenbaus und der Energieerzeugung. Dazu kamen die Entnahmen aus der laufenden Produktion. Die Höhe der Reparationsleistungen, die die Sowjetunion ihrer Besatzungszone bzw. der DDR bis 1952 entnahm, ist unbekannt. Geschätzt werden bis zu 66 Milliarden Mark. Unstrittig ist, dass die in Jalta geforderte Summe von zehn Milliarden Dollar zugunsten der Sowjetunion durch die sowjetische Besatzungszone mehr als aufgebracht wurde.

Hinzurechnen müsste man auch die Arbeitsleistung, die von deutschen Kriegsgefangenen beim Wiederaufbau in der Sowjetunion und in Frankreich erbracht wurde. Kriegsgefangenenarbeit war in der Nachkriegswirtschaft dieser beiden Länder ein beachtlicher Faktor. Von den über elf Millionen deutschen Soldaten befanden sich etwa 7,7 Millionen im Gewahrsam der Westmächte, insbesondere der USA, etwa 3,2 Millionen in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Während Amerikaner und Briten unmittelbar nach Kriegsende begannen, ihre Gefangenen zu entlassen, behielt die Sowjetunion, weil ihre Arbeitskraft gebraucht wurde, deutsche Kriegsgefangene noch jahrelang in sibirischen Lagern zurück. Ähnlich verhielten sich zunächst die Franzosen, die sogar noch "Kriegsgefangene" machten, als der Krieg zu Ende war. Aus Stuttgart wird zum Beispiel der Fall berichtet, dass ein Konvoi deutscher Soldaten, die von den Amerikanern entlassen werden sollten, im Moment der Entlassung zu französischen Kriegsgefangenen erklÀ¤rt und in die andere Richtung abtransportiert wurden.

Den Amerikanern lag am Sachverstand deutscher Wissenschaftler und technischer Spezialisten, die sie zwischen 1945 und 1950 in die USA brachten. Die amerikanische Raketentechnik profitierte am sichtbarsten davon.

Wäre der Industrieplan vom März 1946 realisiert worden, hätte das die Beseitigung von 1800 Fabriken bedeutet sowie - entsprechend den Quotenfestlegungen für die einzelnen Produktionszweige - die Reduzierung der gesamten Produktionsmöglichkeiten auf den Stand des Krisenjahres 1932. Die spektakulären Demontagen, etwa der "Reichswerke Hermann Göring" in Salzgitter, die bis in die fünfziger Jahre andauerten, wurden auf deutscher Seite mit Erbitterung als mutwillige Vernichtung von Arbeitsplätzen in einer Zeit wirtschaftlicher Not begriffen, gegen die die Arbeiter mit Parolen wie "Vernunft statt Gewalt" und "Wir wollen keine Bettler sein ... lasst uns unsere Arbeitsstätte" demonstrierten.

Im August 1947 wurde ein revidierter Industrieplan für die Bizone veröffentlicht; er lockerte manche Produktionsbehinderungen, aber er zog immer noch nicht die Konsequenzen aus der ökonomischen Lage Deutschlands: Wenn das Land sich nicht durch den Export von Industriegütern ernähren konnte, blieb es auf Hilfe von außen angewiesen. Die endgültige Demontageliste vom Oktober 1947 umfasste 682 Betriebe, von denen 496 in der britischen und 166 in der amerikanischen Zone lagen. Für die französische Zone wurde im November eine Liste mit 236 deutschen Werken bekanntgegeben. Trotz weiterer Erleichterungen in den folgenden Jahren wurden die Demontagen in den Westzonen teilweise bis 1951 fortgesetzt.

Die unmittelbare Folgewirkung der Demontagen lag für die Deutschen eher im Bereich des Psychologischen, in einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Für die Volkswirtschaft hatte die Vernichtung der Industriekapazitäten dagegen kurzfristig kaum Auswirkungen. Der Mangel an Rohstoffen und das zusammengebrochene Verkehrs- und Transportsystem hätten in den ersten Nachkriegsjahren die Ausnutzung der vorhandenen Kapazitäten gar nicht erlaubt. Außerdem hatten die Alliierten das deutsche Industriepotenzial bei weitem unterschätzt. Das Ausmaß der Kriegszerstörungen war nämlich geringer, die Kapazitäten waren hingegen in viel höherem Ausmaß während des Krieges erweitert worden, als die alliierten Planer angenommen hatten.

Für die Empfänger waren die demontierten Industrieanlagen oft wertlos: Entweder waren sie unsachgemäß abgebaut und abtransportiert worden, oder die inzwischen veralteten Fabriken arbeiteten unrentabel. In Westdeutschland konnten dagegen schon ab 1949 die demontierten Anlagen durch moderne und rationell arbeitende Werke ersetzt werden - nicht zuletzt mit amerikanischer Hilfe. Eines der Geheimnisse des "Wirtschaftswunders" der fünfziger Jahre lag also in der ökonomisch sinnlosen Demontagepolitik der Alliierten und im durch ihre Hilfe ermöglichten modernisierten Wiederaufbau.

Hilfsprogramme für Europa

Aber noch während deutsche Fabrikanlagen zerlegt und abtransportiert wurden, vollzog sich in Amerika endgültig die Wende zu einer neuen Deutschlandpolitik. In einer berühmt gewordenen Rede propagierte der amerikanische Außenminister George C. Marshall im Juni 1947 vor Studenten der Harvard-Universität ein umfassendes Hilfsprogramm für Europa, das im folgenden Jahr in die Tat umgesetzt wurde.

Weniger Nächstenliebe als Einsicht in ökonomische Notwendigkeiten und in eine langfristige politische und wirtschaftliche Strategie hatten Amerikas Politiker zu der Hilfsaktion des European Recovery Program (ERP) - wie die offizielle Bezeichnung des Marshall-Plans lautete - bewogen. An die Stelle punktueller Unterstützungsmaßnahmen trat nun die Strategie, durch Kredite die Volkswirtschaften Westeuropas zu eigener Güterproduktion zu befähigen. Gleichzeitig wurden die Empfänger gezwungen, ihre Volkswirtschaften aufeinander abzustimmen. Damit sollten ein für allemal die Kriegsfolgen überwunden werden. Der Marshall-Plan bezweckte auch die Abwehr kommunistischer Einflüsse auf die notleidende Bevölkerung Europas durch wirtschaftliche Immunisierung; Ziel war ebenso die langfristige Sicherung von Absatzmärkten für die amerikanische Wirtschaft. Die amerikanischen Politiker erwiesen sich insofern als gute Kaufleute, als sie zunächst hohe Investitionen und Verluste nicht scheuten, und sie vertrauten auf die Überlegenheit des kapitalistischen Systems.

Mit Hilfe der amerikanischen Devisen konnten Rohstoffe importiert werden. Die Teilnahme am Marshall-Plan war auch - noch vor der Gründung der Bundesrepublik - der erste Schritt zur Integration Westdeutschlands in das westliche Wirtschaftssystem. Zusammen mit den schon früher gewährten Unterstützungen zur Überwindung der unmittelbaren Not flossen bis 1952, dem Ende der ERP-Ära, rund drei Milliarden Dollar nach Westdeutschland. Ohne diese Hilfe hätte das deutsche "Wirtschaftswunder" zum mindesten länger auf sich warten lassen. Selbst unter Berücksichtigung der amerikanischen Eigeninteressen muss man die wirtschaftliche Hilfe des Marshall-Planes sehr hoch einschätzen.

Die Einladung an Deutschland zur Teilnahme am Marshall-Plan, bedeutete für die Westzonen die Chance zur wirtschaftlichen Erholung. Dass sich die sowjetische Besatzungszone, ebenso wie die Tschechoslowakei, auf Druck Moskaus nicht beteiligen durfte, hatte schwerwiegende Folgen: Sie wurde aus dem Wirtschaftssystem der Westzonen endgültig ausgegrenzt.

Umsetzung des Marshall-Plans

[...] Als man untersucht habe, welche Dinge Europa nach dem Zweiten Weltkrieg benötigte, sei klar geworden, "daß die sichtbare Verwüstung wohl weniger gravierend ist als die Tatsache, daß das gesamte Gefüge der europäischen Wirtschaft zerrissen wurde". In seiner Rede an der Harvard-Universität am 5. Juni 1947 leitete der damalige US-Außenminister, Fünf-Sterne-General und spätere Friedensnobelpreisträger, George Marshall, aus dieser Erkenntnis eine Strategie ab, für die heute der Begriff Hilfe zur Selbsthilfe gilt: Bevor die USA ihre Kassen öffneten, so Marshall, müssten sich die Europäer gemeinsam "darüber einigen, welcher Bedarf konkret besteht und welche Initiativen sie selbst ergreifen wollen. Es wäre weder angemessen noch nutzbringend, wenn die USA einseitig ein Programm zum wirtschaftlichen Wiederaufbau entwürfen. Das ist die Sache der Europäer."

Zusammensetzung der ERP-Einfuhren nach Westdeutschland

Die Neuordnung der Währung war Voraussetzung der wirtschaftlichen Sanierung. Sie musste nicht nur die Wiederherstellung des Gleichgewichts zwischen Geldmenge und Volksvermögen erreichen, eine Entscheidung über das Schicksal der deutschen Währung war kaum möglich ohne eine Entscheidung über die künftige Wirtschaftsordnung. Für die wirtschaftliche und politische Einheit Deutschlands musste eine Währungsreform ebenfalls Konsequenzen haben; denn eine Sanierung, die nicht gleichzeitig und gleichförmig in allen Besatzungszonen durchgeführt wurde, musste zwangsläufig die Spaltung der verschiedenen Wirtschaftsgebiete vertiefen und möglicherweise zu konkurrierenden Staatsgebilden führen.

Währungsreform

Der Keller der früheren Frankfurter Reichsbankhauptstelle barg im Frühjahr 1948 eines der bestgehüteten Geheimnisse der drei Westzonen. In stählernen Kisten wurde dort das neue Geld bis zum streng geheimen Tag X, an dem die Währungsreform in Kraft treten sollte, versteckt. Gedruckt waren die Geldzeichen in den USA, ab November 1947 wurden sie nach Deutschland transportiert. Vom 11. bis 15. Juni 1948 wurden sie dann - militärisch bewacht und unter größer Geheimhaltung - von Frankfurt am Main aus mit Lastwagen zu den elf Landeszentralbanken der drei Westzonen gebracht.

Die Notwendigkeit und Dringlichkeit einer Währungsreform wurde von den Siegern ganz unterschiedlich beurteilt. Am wenigsten Interesse hatte die Sowjetische Militäradministration, weil sie gleichnach der Besetzung in ihrer Zone durch Stillegen der Bankkonten das Problem der Überliquidität in den Griff bekommen hatte. Jedoch auch die Briten und Franzosen sahen das Währungsproblem nicht als vordringlich an, weil zu Beginn der Besatzungszeit die ökonomische Gesundung Deutschlands keineswegs in ihrem Katalog der Prioritäten stand.

Alleingang der Westmächte

Bis zum Januar 1948 wurde auf Außenminister- und Kontrollratsebene noch über eine vierzonale Währungsreform verhandelt. Als sich die Alliierten schließlich über den Notendruck und andere Details einig waren, scheiterte die Verständigung daran, dass die Sowjetische Besatzungsmacht eine deutsche Zentralbank und eine zentrale Finanzverwaltung für alle vier Zonen forderte. Das wollten die Amerikaner angesichts der unterschiedlichen Entwicklung der Wirtschaftssysteme nicht mehr konzedieren. Die Entscheidung war tatsächlich im Herbst 1947, als die Amerikaner in New York und Washington das neue Geld zu drucken begannen, schon gefallen, und zwar zugunsten einer Währungsreform nur auf dem Territorium, das die drei Westmächte kontrollierten. Definitiv entschlossen sich die Westmächte unter Führung der USA im März 1948, die sowjetische Besatzungszone nicht mehr in gemeinsame Währungsreformpläne einzubeziehen. Dadurch, dass die sowjetischen Vertreter am 20. März 1948 durchihren demonstrativen Auszug aus dem Alliierten Kontrollrat dieses Instrument der gemeinsamen Verantwortung der Sieger über Deutschland funktionslos machten, ersparten sie den Amerikanern die Peinlichkeit der Erklärung, dass die westliche Seite an einer einvernehmlichen Lösung nicht mehr interessiert war, weil sie in Anbetracht der faktischen Teilung Deutschlands - im Frühjahr 1948 - die Weststaatsgründung mit allen Kräften vorantrieb.

Der amerikanische und der britische Militärgouverneur hatten sich im Oktober 1947 über die Struktur einer Zentralbank für die Bizone geeinigt. Nachdem die französische Militärregierung ebenfalls zugestimmt hatte, konnte am 1. März 1948 die "Bank deutscher Länder" als Zentralbank für die drei Westzonen errichtet werden. Als Vorgängerin der Deutschen Bundesbank wurde sie zwar von den Alliierten gegründet, sie war aber die erste trizonale deutsche Institution und eine wesentliche Voraussetzung zur Durchführung der Währungsreform.

Vorbereitungen

Auf deutscher Seite beschäftigte sich ein Expertengremium in Bad Homburg seit Oktober 1947 mit Plänen zur Geldreform. Diese "Sonderstelle Geld und Kredit" war vom Wirtschaftsrat, dem Parlament der Bizone in Frankfurt, ins Leben gerufen worden. Als Ergebnis wurde im April 1948 der "Homburger Plan" zur Neuordnung des Geldwesens präsentiert.

Aber die Konzepte der Militärregierungen waren längst fertig, sie waren radikaler und vor allem konsequenter in der Liquidierung der Reichsschuld. Die Überlegungen der Westmächte basierten auf dem Cohn-Goldsmith-Dodge-Plan, den drei amerikanische Experten bereits 1946 ausgearbeitet hatten. Die Quintessenz dieses Plans bestand im Abwertungsverhältnis zehn zu eins und in der Koppelung des Geldschnitts mit einem Lastenausgleich, der Gerechtigkeit zwischen Sachwertbesitzern und den durch Krieg, Flucht und Vertreibung Verarmten schaffen sollte. Der Lastenausgleich sollte durch Zwangshypotheken und Kapitalabgaben derjenigen in Gang gesetzt und finanziert werden, die heil, das heißt ohne Verlust von Haus, Hof und anderem Sachbesitz, davongekommen waren.

Zur Unterstützung der amerikanischen, britischen und französischen Sachverständigen wurden ab April 1948 auch deutsche Experten herangezogen. Etwa fünfundzwanzig Personen an der Zahl wurden sie wie Gefangene in einem Omnibus, dessen Scheiben undurchsichtig waren, an einen von der Umwelt völlig abgeschiedenen Ort gebracht. Dort blieben sie bis Anfang Juni in Klausur (bei guter Verpflegung, aber ohne Kontakt zur Außenwelt), leisteten Formulierungshilfe bei Gesetzestexten, Verordnungen und Durchführungsbestimmungen und übersetzten die notwendigen Texte, Fragebogen und Formulare ins Deutsche. Im "Konklave von Rothwesten", wie die Veranstaltung später genannt wurde, als die Beteiligten erfuhren, dass sie in der Nähe Kassels auf einem trübseligen Kasernengelände untergebracht gewesen waren, bestimmte ein junger amerikanischer Leutnant, Edward Tenenbaum, den Gang der Dinge. Nominell war er nur Assistent des Finanzberaters der US-Militärregierung, tatsächlich war er der überragende Kopf, der die amerikanischen Währungspläne zielstrebig und erfolgreich gegen deutsche (und britische oder französische) Widerstände durchsetzte.

Die deutschen Fachleute versuchten mehrfach, auch protestierend, ihre Vorstellungen zur Geltung zu bringen. Die Erfolglosigkeit dieser Bemühungen veranlasste sie am 8. Juni 1948, dem Tag der Auflösung des Konklaves, zu einer Resolution, in der sie die Verantwortung für die getroffenen Entscheidungen klarstellten.

Angesichts der Tatsache, dass sich die Währungsreform - auch im internationalen Vergleich gesehen - als außerordentlich geglückt erwies und ihr Erfolg zur Legende und als Leistung der Deutschen gefeiert wurde, ist die Resolution der "deutschen Sachverständigenkommission für die Geldreform" im nachhinein nicht ohne Reiz zu lesen. Die deutschen Experten baten nämlich anlässlich der offiziellen Verkündung der Währungsreform durch die Militärregierungen um die Verlautbarung folgender Sätze: "Die drei Besatzungsmächte tragen für die Grundsätze und Methoden der Geldreform in ihren Zonen die alleinige Verantwortung. Deutsche Sachverständige wurden auf Wunsch der Militärregierung und der deutschen politischen Stellen hinzugezogen, doch konnte ihre Arbeit im Ergebnis fast nur in technischer Hinsicht zur Geltung kommen. Alle sachlich wesentlichen Gegenvorschläge der deutschen Sachverständigen mussten [...] abgelehnt werden, da die Militärregierungen die Verantwortung für deren Verwirklichung nicht glaubten übernehmen zu können."

Durchführung

Am Abend des 18. Juni 1948 erfuhr die deutsche Öffentlichkeit die Einzelheiten der Reform. Mit dem Verfall der Reichsmark am 20. Juni 1948 waren alle Schulden des Reiches erloschen. Private Verbindlichkeiten und alle Bank- und Sparguthaben wurden im Verhältnis zehn zu eins abgewertet. Als "Kopfquote" waren sechzig Deutsche Mark in bar für jeden Einwohner der drei Westzonen - Neugeborene eingeschlossen - vorgesehen, und zwar im Umtausch gegen sechzig Reichsmark. Vierzig D-Mark wurden sofort, also am 20. Juni 1948, gegen Vorzeigen der Kennkarte und Lebensmittelkarte und Ablieferung von sechzig Reichsmark ausbezahlt. Die restlichen zwanzig D-Mark sollten innerhalb der nächsten vier Wochen ausbezahlt werden, tatsächlich wurden sie aber erst im August freigegeben, um den Markt nicht durch zu starke Kaufkraft zu belasten. Das Kleingeld blieb, auf ein Zehntel seines Nennwerts herabgesetzt, im Umlauf: Alte Einmarkscheine galten wie Zehnpfennigstücke und alte Groschen vertraten die neuen Pfennige. Neues Münzgeld blieb noch lange Mangelware.

Rein rechnerisch ergab sich nach der Umstellung der Bankguthaben und der anmeldepflichtigen Altgeldbestände eine Umtauschrelation von hundert Reichsmark zu sechs D-Mark und fünfzig Pfennigen. Das wusste man freilich erst nach Abschluss aller Prozeduren, da die Bearbeitung der Fragebogen, auf denen alle Vermögenswerte angegeben werden mussten, viel Zeit in Anspruch nahm. Wer mehr als fünftausend Reichsmark anmeldete, brauchte eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vom Finanzamt, und dazu wurden Steuererklärungen und Einkommensnachweise durchleuchtet. Manche Schwarzhändler und Schieber zogen es damals vor, ihr altes Geld, dessen Herkunft zu deklarieren peinliche Folgen gehabt hätte, bündelweise zu vernichten. Wer zum Beispiel tausend Reichsmark auf der Bank hatte, erhielt ohne weiteres fünfzig D-Mark, die auf ein Sperrkonto kamen. Die Entscheidung darüber, ob dieses Geld freigegeben würde, blieb zunächst offen. Zur Enttäuschung der Kontoinhaber wurden siebzig Prozent der gesperrten Guthaben schließlich gestrichen, sodass - um auf das Beispiel zurückzukommen - von tausend Reichsmark am Ende nur noch fünfundsechzig D-Mark übrigblieben.

Das Datum des "Tages X" war so lang wie möglich auch vor den deutschen Politikern geheimgehalten worden. Trotzdem wurde, weil alle ahnten, was bevorstand, in den Tagen vor dem 20. Juni in den Läden nichts mehr angeboten. Während die Geschäftsleute ihre Waren horteten, versuchte jeder, für seine wertlosen Reichsmark noch irgendetwas zu erhandeln. Nach dem 20. Juni 1948 änderte sich die Situation schlagartig. Die Lager wurden geöffnet, die Schaufenster waren gefüllt. Die Preise stiegen. Der Schwarze Markt brach zusammen.

Die Währungsreform begünstigte einseitig die Besitzer von Sachwerten und kam einer weitgehenden Enteignung der Geldwertbesitzer gleich, weil das Eigentum an Grund und Boden, an Produktionsmitteln und Waren von der Neuordnung unberührt blieb. Trotz der Beteuerungen aller Parteien, dass ein gerechter Lastenausgleich zu den dringlichsten Aufgaben gehöre, dauerte es aber noch Jahre, bis die ärgsten Härten durch entsprechende Gesetze gemildert wurden. Zur gleichmäßigen Verteilung von Kriegs- und Kriegsfolgelasten und zur Linderung sozialer Härten trat im September 1952 in der Bundesrepublik Deutschland das Lastenausgleichsgesetz in Kraft, das vor allem durch Abgaben auf Grund- und Immobilienbesitz Aufbaudarlehen für Ausgebombte, Siedlungshilfe für Flüchtlinge, Investitionshilfen zur Existenzgründung ermöglichte (vgl. auch "Informationen zur politischen Bildung" Nr. 256 "Deutschland in den fünfziger Jahren").

In der sowjetischen Zone gab es drei Tage später eine eigene Währungsreform: Sie war improvisiert als Reaktion auf den Westen. Da neue Banknoten in der SBZ nicht zur Verfügung standen, wurden die alten Reichsmark-Scheine mit Coupons überklebt. Im Volksmund hieß das Geld deshalb "Tapetenmark". Die Währungsreform war in der Ostzone, da die dortige Besatzungsmacht schon 1945 Sparguthaben stillgelegt und damit etwa siebzig Milliarden Reichsmark aus dem Verkehr gezogen hatte, weniger dringlich gewesen. Sie machte aber die Spaltung Deutschlands umso deutlicher und endgültig sichtbar. Denn gleichzeitig mit der Währungsreform waren in der Bizone auch die Weichen für eine andere Wirtschaftsordnung gestellt worden.

Start in die Marktwirtschaft

Während in der sowjetischen Zone die Aufgabe der Zentralverwaltungswirtschaft mit staatlich gelenkten Produktionsplänen, Preisen und Löhnen gar nicht zur Debatte stand, bekannte sich die Bizone zur wettbewerbsorientierten Marktwirtschaft. Das erschien 1948 als atemberaubendes Experiment, das von vielen mit Argwohn und Skepsis beobachtet wurde. Verantwortlich für den kühnen Schritt war Ludwig Erhard, der im März 1948 auf Vorschlag der FDP mit den Stimmen der CDU/CSU vom Frankfurter Wirtschaftsrat zum Direktor der Verwaltung für Wirtschaft gewählt worden war, zum "Wirtschaftsminister" der Bizone also. Vom Wirtschaftsrat, dem Bizonen-Parlament, ließ sich Erhard im Juni 1948 die nötigen Vollmachten zum Abbau der Zwangswirtschaft geben, in Gestalt eines "Gesetzes über Leitsätze für die Bewirtschaftung und Preispolitik nach der Geldreform". Es trat 1948 zugleich mit der Währungsreform in Kraft und war eines der eigenartigsten Gesetze, die in der Ära des Bizonen-Parlaments verabschiedet wurden, weil es mehr ein in die Zukunft weisendes Programm als ein in Paragraphen gekleideter Normenkatalog war.

Gesetz über Leitsätze für die Bewirtschaftung und Preispolitik nach der Geldreform, 24. Juni 1948

Aus dem Zusammenbruch der Kriegswirtschaft hat sich ein Zustand ergeben, der die wirtschaftlichen Energien gelähmt, sie in eine dem Gemeinwohl schädliche Richtung gelenkt und zu großen sozialen Ungerechtigkeiten geführt hat.
In rascher Folge wurden mit Hilfe des Leitsätzegesetzes ab 20. Juni 1948 die Preis-Rationierungsvorschriften in der Bizone aufgehoben. Nur besonders wichtige Güter blieben noch eine Zeitlang mit festgesetzten Höchstpreisen bewirtschaftet, darunter Kohle, Stahl, Düngemittel, Treibstoff. Auch für Grundnahrungsmittel und Mieten gab es noch überwachte Festpreise. Die Rationierung von Kartoffeln wurde schon im Oktober 1946 aufgehoben, Zucker blieb dagegen bis April 1950 bewirtschaftet, Benzin blieb bis 1951, Kohle bis 1952 rationiert.

In den ersten Monaten nach der Währungsreform schien es, als würden die Skeptiker recht behalten, die Erhards Kurs für falsch hielten. Solche gab es auch in den Reihen von CDU und CSU. Die Schere zwischen Löhnen und Preisen ging nach der Währungsreform erst einmal weit auf, die Leidtragenden waren die Lohnabhängigen. Die Marktwirtschaft, bei der sich Angebot und Nachfrage durch freie Preise gegenseitig regulieren, war mit dem Kaufkraftstoß zu plötzlich über die Bevölkerung hereingebrochen. Weder Käufer noch Verkäufer zeigten sich der Situation gewachsen. In den ersten Tagen waren die Läden leer gekauft worden, dann reagierten die ratlosen Konsumenten erbost gegen die Hektik, mit der die Preise in die Höhe kletterten. Ein großer Teil der Presse verlangte den Abbruch des marktwirtschaftlichen Experiments und die Entfernung des allem Anschein nach unfähigen Politikers Erhard. Im Frankfurter Wirtschaftsrat stellte die Opposition im Sommer und Herbst 1948 zweimal Misstrauensanträge gegen ihn.

Freie Marktwirtschaft

Die Gewerkschaften der britischen und amerikanischen Zone - die viereinhalb Millionen organisierte Arbeiter repräsentierten riefen schließlich im November 1948 zum Generalstreik"gegen die Anarchie auf den Warenmärkteund gegen das weitere Auseinanderklaffenvon Löhnen und Preisen" auf. Etwa neun Millionen Arbeiter folgten der Aufforderung am 12. November 1948 und demonstrierten mit einer 24-stündigen Arbeitsniederlegung gegen die Marktwirtschaft. Der Höhepunkt des Protestes war mit dieser Aktion im November 1948 erreicht. Die Auseinandersetzungen um die Wirtschaftsordnung dauerten nach wie vor an, sie standen ein halbes Jahr später im Mittelpunkt des Wahlkampfes für den ersten Deutschen Bundestag. Zu diesem Zeitpunkt war Ludwig Erhard aber schon die "Wahllokomotive" der CDU/CSU, weil sich der Erfolg der Frankfurter Wirtschaftspolitik bereits gezeigt hatte. Das westdeutsche "Wirtschaftswunder" hatte begonnen.

Wolfgang Benz

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