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16.1.2018

Wenn die historische Quelle auf YouTube ist

Redaktion | Dr. Ulf Frank Kerber am 19.01.2018

Quellenanalyse ist ein zentraler Aspekt des Geschichtsunterrichts. Was aber geschieht, wenn die Quelle auf einmal ein Video auf YouTube ist? Das Praxishandbuch Historisches Lernen und Medienbildung im digitalen Zeitalter gibt Orientierung.

Alles, was wir wissen, wissen wir aus Medien. Doch was passiert, wenn die Quelle auf einmal ein YouTube-Video ist? ( Roman Kraft / bearbeitet / stocksnap / LizenzCC0 )


Die Kultusministerkonferenz [1] und auch viele Bundesländer fordern die systematische Integration digitaler Lernszenarien in die Gestaltung der Unterrichts- und Lernprozesse, sowie Medienbildung als integralen Bestandteil aller Unterrichtsfächer. Allen Autor*innen des vorliegenden Praxishandbuches ist dabei klar: Diesen Forderungen können und dürfen sich auch die Geschichtsdidaktik und der Geschichtsunterricht nicht entziehen, sondern sollten die dadurch entstehenden neuen Themenfelder, Aufgaben- und Lernformate auch als Chance begreifen.

Alles, was wir wissen, wissen wir aus Medien

Der Sammelband Praxishandbuch Historisches Lernen und Medienbildung im digitalen Zeitalter möchte im laufenden Prozess der Digitalisierung in Form einer Momentaufnahme einen Überblick geben, wie sich unter den Bedingungen der Digitalität die Darstellung von Geschichte, der Zugang zu Quellen und das Geschichtslernen inner- und außerhalb der Schule verändern. Der Schwerpunkt des Bandes liegt auf dem schulischen Geschichtsunterricht und geht der Frage nach, welchen Beitrag das Schulfach Geschichte für die Medienbildung und die Kompetenzen Lernender in der digitalen Welt leisten kann.

Man sollte annehmen, dass in der Geschichtsdidaktik als Wissenschaft eine Vorstellung davon verbreitet ist, welche Rolle Medien beim historischen Lernen spielen und welche Effekte sie haben. Außerdem könnte man meinen, dass ein theoretisches Verständnis darüber besteht, wie Zugänge zu Medien allgemein und insbesondere zu digitalen Medien integriert und gewinnbringend genutzt werden können. Denn schließlich liegt alles was wir über die Vergangenheit und Geschichte wissen medial vor und Medium und Quelle sind für die Geschichtsdidaktik Begriffe von koexistenzieller Bedeutung. [2] Doch dieses Verständnis ist bislang innerhalb der Geschichtsdidaktik nur unzureichend beschrieben. Vieles, was wir historisch wissen (oder glauben zu wissen), wissen wir aus den geschichtskulturellen Kanälen des Fernsehens, aus Filmen oder – dies gilt besonders für die junge Generation – von YouTube, Instagram und anderen Social-Media-Kanälen. Gerade deshalb ist "die bewusste, methodensichere, abwägende Nutzung massenmedialer Angebote zur Geschichte [...] eine wichtige Kompetenz (wie immer sie gerade genannt wird: Gattungskompetenz, De-Konstruktion, Teilhabe an Geschichtskultur, Medienkompetenz)." [3] Teil 1 des Praxishandbuchs beschäftigt sich daher mit grundlegenden, medientheoretischen Überlegungen zu den Funktionen und Verhältnissen der Geschichtsdidaktik zum Medienbegriff allgemein und stellt ein Modell zur "Historischen Medienbildung" vor. Dies ist als ein erster Entwurf zu bewerten, um die Beziehungen und Möglichkeiten zwischen Medienwissenschaft, Medienbildung und der Geschichtsdidaktik als Kulturwissenschaft auszuloten. Diese Grundlagen können der Geschichtsdidaktik dazu dienen, neue Betrachtungsweisen von Medien als Mittel der Informationsübertragung zu erarbeiten, etwa aus medienpsychologischer Sicht oder bei der Verarbeitung von Medienwirkungsprozessen bei der Quelleninterpretation. [4] Dabei wird auf etablierte Modelle der Medienkompetenzforschung zurückgegriffen und diese für die Geschichtsdidaktik in einer digitalen Welt aktualisiert. Diese Modelle beziehen sich auf alle möglichen Medienformen und des Lernens mit und über Medien und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen. So soll vor allem Lehrenden offengelegt und praxisgerecht aufgeschlüsselt werden, welche Bereiche der "Medienkulturindustrie" und der Digitalisierung für den Geschichtsunterricht sinnvoll sind.

Historische Medienbildung als Gegenwartsbezug

Die Digitalisierung der Welt verändert nicht nur die Art und Weise, wie wir mit Informationen und Kommunikation umgehen, sie verändert auch die Art und Weise, wie wir Geschichte lernen, historische Inhalte kommunizieren und über Geschichtskultur nachdenken. Wenn wir Lernende und Lehrende dabei unterstützen wollen, mündig und kompetent mit immer neuen und alten, klassischen Medien umzugehen und sie in die Lage versetzen wollen, politisch-historische Analogieschlüsse und überkommene Nationalismen reflektiert einordnen zu können, brauchen sie dabei Hilfe und Unterstützung. Eine "geschichtsdidaktische Medienkritik" kann dazu beitragen, dass Lernende die Kompetenzen erwerben, sich selbstständig mit Fragen geschichtswissenschaftlicher, journalistischer und selbstpublizistischer Ethik und Moral auseinander zu setzen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sie die Mechanismen der medialen Manipulation, aber auch die Vorteile der Digitalisierung für das wissenschaftliche Arbeiten, das persönliche und kulturelle Fortkommen erkennen und gewinnbringend erschließen können.

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Kurz & knapp:

Über das Praxishandbuch Historisches Lernen und Medienbildung im digitalen Zeitalter:
  • Ausgangslage der Publikation: Alles, was wir wissen, wissen wir aus Medien.
  • Teil 1 untersucht das Verhältnis Geschichtsdidaktik und des Medienbegriffs.
  • Teil 2 zeigt unter anderem Auswirkungen der Digitalisierung für das historische Lernen und die Geschichtskultur auf.
  • Teil 3 beobachtet, wie sich etwa die Repräsentationen von Quellen im digitalen Raum gestaltet und was dies für das Geschichtslernen bedeutet.
  • Teil 4 zeigt Beispiele und Methoden für die Praxis zeitgemäßen Geschichtsunterrichts auf.
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Werkzeuge für einen innovativen Geschichtsunterricht

Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit der Frage, welche Veränderungen sich durch die Digitalität für Geschichtswissenschaft, Archive, Gedenkstätten und Museen ergeben und welche Auswirkungen sich für das historische Lernen und die Geschichtskultur bereits beobachten lassen. Es wird zudem gezeigt, wie die Digitalisierung als historischer, gesellschaftlicher Wandlungsprozess auch den theoretischen Diskurs der Geschichtsdidaktik erweitert. Dabei werden unter anderem theoretisch fundierte Auseinandersetzungen zu Themen wie etwa digitale Quellen, mobiles Lernen, Augmented-Virtual Reality und digitalen Arbeitsformen in Schule, Archiv und Museum für den Geschichtsunterricht aufgegriffen und ihre Potentiale für die pädagogisch-didaktische Geschichtswissenschaften erschlossen.

Im dritten Teil greifen die Autorinnen und Autoren diese Aspekte auf und gehen in einzelnen Kapiteln der Frage nach, wie sich die Repräsentationen von Quellen, Darstellungen und Unterrichtsmaterialien im digitalen Raum verändern und was dies für das Geschichtslernen bedeutet. Hierbei werden konkrete, didaktische Bezüge zu Kompetenzen und Lernzielen im Geschichtsunterricht aufgeführt und unterrichtspraktisch erläutert. Beschriebene Beispiele sind unter anderem virtuelle Exkursionen, digitale Zeitzeugen, digital-narratives Historytelling oder die Frage, welche Potentiale interaktive Schulbücher für den Geschichtsunterricht haben.

Die Beiträge des vierten Teils zeigen an konkreten Beispielen auf, welche Möglichkeiten sich aus dem digitalen Wandel für historisches Lernen in der Schule und in der außerschulischen Bildungsarbeit ergeben. Diese Potentiale werden unter anderem am Einsatz von Blogs/Microblogs und Wikis in der Unterrichtsarbeit aufgezeigt sowie an der Stärkung der Recherchekompetenz von Lernenden im Bereich der Geschichtswissenschaft. Es werden konkrete Handlungsanleitungen und Hilfestellungen gegeben, um diese Potentiale erkennen und umsetzen zu können.

Ausblick angesichts des digitalen Wandels

Der digitale Wandel vollzieht sich rasant. Diese Schnelligkeit manifestiert sich in unterschiedlichen Bereichen – in der technischen Entwicklung ebenso wie im ständig wachsenden und zunehmend spezialisierten Software- und App-Angebot, in zahlreichen Forschungs- und Unterrichtsprojekten sowie wissenschaftlichen Publikationen zum Thema. Obwohl im ersten Kapitel des Praxishandbuchs dem "Lernen über Medien" viel Raum eingeräumt wird, sind geschichtsdidaktische Verfahren und Analysetechniken zum Lernen über die historische und aktuelle gesellschaftliche Bedeutung von Medien, deren Wirk- und Einflussweisen, wie z. B. Formen von medialer Skandalisierung früher und heute, Inszenierungsstrategien von Politik, Macht und Herrschaft oder persuasive Kommunikationsstrategien, gemeinhin noch Desiderate. Gerade in der Diskussion um neue, digitale Formen der politischen Einflussnahme durch Social-Media und "Fake News" wäre dies ein wichtiger gesellschaftspolitischer und gegenwartsorientierter Beitrag der Geschichtsdidaktik: Denn entsprechende Vorgehensweisen, Inszenierungsstrategien und Techniken sind schon seit Jahrhunderten in Gebrauch und werden immer wieder nur zeitgemäß medial aktualisiert. [5] Auch konnten im Band nicht alle aktuellen technologischen Entwicklungen abgebildet werden. In einer möglichen zweiten Auflage verdienten daher unseres Erachtens (Anm. d. Red: Ulf Kerber und Co-Autor Daniel Bernsen) u.a. folgende Themen mehr Aufmerksamkeit und Raum:
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-sa/4.0
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Fußnoten

1.
Kultusministerkonferenz (KMK) (2016): Bildung in der digitalen Welt. Strategie der Kultusministerkonferenz. Beschluss am 08.12.2016 http://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/pdf/PresseUndAktuelles/2016/Bildung_digitale_Welt_Webversion.pdf Weitere Wegweiser in die Richtung der flächendeckenden Einführung von Medien- und Digitaler Bildung finden sich in der Ankündigung der Offensive "DigitalPakt#D" sowie im Strategiepapier des Bundesministeriums für Bildung und Forschung "Bildungsoffensive für die digitale Wissensgesellschaft": https://www.bmbf.de/files/Bildungsoffensive_fuer_die_digitale_Wissensgesellschaft.pdf
2.
Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (Hg.) (2010): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. 5. Aufl. Schwalbach/Ts.
3.
von Borries, Bodo: Unterrichtsplanung - Artikulationsschemata -Lehrervorbereitung. In: Michele Barricelli/Martin Lücke (Hrsg.). Bd. 2: Handbuch Praxis des Geschichtsunterrichts. Schwalbach 2012, S. 181–224, S. 188.
4.
Dies gilt z. B. für Schemata, wie das der Bildinterpretation nach Erwin Panofsky: Das Modell ist nunmehr 100 Jahre alt. Inzwischen liegen zahllose Erkenntnisse aus der Medien- und Kommunikationswirkungsforschung vor, die uns ein genaueres Bild von medial vermittelten Botschaften zeichnen lassen und uns und den Lernenden helfen können, Absichten und Manipulationen besser erkennen zu können.
5.
Hierzu haben der Autor Dr. Ulf Frank Kerber und Co-Autor Daniel Bernsen bereits einige Konzepte für die Aufarbeitung im Geschichtsunterricht entwickelt, die in einen neuen Band einfließen werden.

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