zurück 
31.3.2021

Lernvideo-Produktion für den schulischen (Fern-)Unterricht

Martin Ebner, Sandra Schön am 13.04.2021

Lernvideos können dann hilfreich sein, wenn lange Texterklärungen demotivieren. Was bei deren Erstellung zu beachten ist, erklären Sandra Schön und Martin Ebner.

Lernvideos helfen im Distanzunterricht bei der Visualisierung von Lehrinhalten. (© Foto: Hatice EROL unsplash.com)


Lernvideos im schulischen (Fern-)Unterricht

Bis Anfang 2020 wurde die Erstellung oder der Einsatz von Lernvideos für den schulischen Unterricht vor allem dafür empfohlen, einen Unterrichtsgegenstand zu vermitteln, der sonst nur schwer zu erklären wäre: zum Beispiel, weil er sehr klein (DNA), schlecht erreichbar (ferne Länder) oder gefährlich (radioaktive Strahlung) ist oder aber, weil das Thema von anderen sehr anschaulich erklärt werden konnte. Doch mit dem Fernunterricht während der Corona-Pandemie wurden Lernvideos, die Lehrkräfte selbst produzierten und ihren Schülerinnen und Schülern zur Verfügung stellten, ein zentrales Mittel für den Unterricht.

Lern- bzw. Lehrvideos verstehen wir allgemein als "asynchrone audiovisuelle Formate […], die das Ziel verfolgen einen Lehr- und Lerninhalt zu transportieren, indem diese in didaktisch geeigneter Weise aufbereitet sind oder in einem didaktisch aufbereiteten Kontext eingebettet werden bzw. zur Anwendung kommen können. Lern- und Lehrvideos sind dabei aktuell etwa 3 bis 20 Minuten lang und werden über Webdienste zur Verfügung gestellt.".[1]

In diesem Beitrag fokussieren wir uns auf von Lehrkräften produzierte Lernvideos für den Fernunterricht für jüngere Schülerinnen und Schüler in der Grundschule. Für das Alter der 5- bis 10-Jährigen gibt es besondere Bedingungen bei der Gestaltung des Notfall-Fernunterrichts: Zum einen können viele noch nicht flüssig und genau lesen bzw. scheuen sich davor. Gedruckte Texte sind insbesondere in Haushalten, in denen die Eltern nicht oder nur schlecht Deutsch lesen oft eine noch größere Herausforderung als das gesprochene Wort. Für Kinder in diesem Alter spielt die Lehrkraft außerdem eine wichtigere Rolle als in höheren Klassen: Ihre Präsenz sorgt für eine höhere soziale Eingebundenheit und Vertrautheit. Auch ist der Unterricht in Grundschulen in einem hohen Maße anschaulich gestaltet, so dass er sich gut für das Medium Video eignet.

Gelungene selbsterstellte Lernvideos für Grundschülerinnen und Grundschüler im Fernunterricht

Zentral im Unterrichtsgeschehen, auch in Zeiten des Fernunterrichts, sind Kommunikation und Rückmeldungen zum Lernstand, soziales Lernen mit und von anderen Schülerinnen und Schülern, aber auch die Erziehung und Beziehung zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern. Selbsterstellte Lernvideos können hier nur zum Teil unterstützen, bieten aber viele Chancen und Möglichkeiten, gerade im Vergleich zu gedruckten Materialien und Lernvideos von Dritten:

Übrigens: Wenn Videos immer auf ähnliche Weise gestaltet werden – zum Beispiel der gleiche Hintergrund gewählt oder ein Trailer genutzt wird – ermöglicht dies, dass die Klasse damit Vertrauen gewinnt und zunehmend besser damit arbeiten und lernen kann.

Erstellung nach Plan: Der Lernvideo-Canvas

Für den Zweck des schulischen Distanzunterrichts, insbesondere mit jüngeren Schülerinnen und Schülern, haben wir eine spezielle Version unserer Vorlage für die Ideensammlung für Lernvideos entwickelt (vgl. Schön & Ebner, 2016). Die Vorlage (zum Ausdruck oder als PDF), wir nennen sie auch "Canvas", soll Lehrende dabei unterstützen, die Planung und den Dreh von kurzen, etwa 3- bis 6-minütigen Videos für den Distanzunterricht durchzuführen.

Begonnen wird mit den Angaben zu Titel, Fach, Klasse, Thema und Datum und der in Rot umrandeten "Zielsetzung". Alle weiteren Elemente werden systematisch, aber nicht notwendigerweise in der vorgegebenen Reihenfolge ergänzt, so dass ein Plan der Inhalte entsteht. Für den Hauptteil gibt es Raum für Skizzen und Notizen. Zur inhaltlichen Gestaltung werden einige Fragen (farbig markiert) gestellt. Entsprechende Aspekte können dann in den jeweils gleichen Farben markiert werden. Werden besondere Materialien benötigt, können sie in der Vorbereitungscheckliste (links) ergänzt werden.

Der Lernvideo-Canvas für den schulischen Distanzunterricht – eine Handreichung zur Planung und Produktion von Lernvideos. Lizenz: cc by-sa/4.0/deed.de (Sandra Schön)


  • PDF-Icon Der Canvas als Download sowie ein Beispielvideo

  • Technik-Tipps: Simple Tools für die Eigenproduktion

    Es gibt unterschiedliche Zugänge und technische Möglichkeiten, um Lernvideos zu erstellen. Wir möchten hier auf zwei Möglichkeiten hinweisen, die bei typischer Ausstattung – Laptop mit Kamera und Internet-Anschluss, möglich sind. Für beide gibt es verschiedene technische Umsetzungen und Werkzeuge.

    Technische Hilfsmittel, die insbesondere beim Videodreh eingesetzt werden sollten, sind Mikrofone bzw. Mobiltelefone (letzteres mit einem darübergestülpten Socken für eine bessere Tonqualität). Ein guter Ton ist wichtiger als die Qualität von Bild und Schnitt. Möglichst konstantes künstliches Licht ist ebenso zu empfehlen.

    Es sollten Materialien und Hilfsmittel gewählt werden, die die Schülerinnen und Schüler kennen: wird im Klassenzimmer beispielsweise mit der Kreidetafel gearbeitet, kann das auch im Video so sein. Kennen die Schülerinnen und Schüler animierte Foliensätze, dann passt auch das gut ins Lernvideo. Beim Hintergrund sollte darauf geachtet werden, dass alles, was gerade jüngere Kinder darin entdecken können, schnell für Ablenkung sorgt. Ein Haustier im Hintergrund oder ein schiefer Kragen der Lehrkraft genügt da schon. Wenn es nicht möglich ist, immer am selben Aufnahmeort zu drehen, können virtuelle Hintergründe – zum Beispiel das Einblenden eines Fotos vom Klassenzimmer oder ein neutraler Hintergrund – eine gute Möglichkeit sein, um Einheitlichkeit zu wahren.

    Überlegungen zur Nachnutzung

    Wir möchten zur Produktion von kurzen Lernvideos ermutigen, die nicht notwendigerweise perfekt, aber individuell auf eine konkrete Klasse zugeschnitten sind – nicht zuletzt, weil wir selbst erleben konnten, wie wichtig dieses Lernmedium für viele Schülerinnen und Schüler in Zeiten des Distanzunterrichts war und ist. Pragmatischerweise, sofern die Zeit für den Extra-Aufwand besteht, könnte die Produktion gleich mit einer zweiten "neutralen" Version abgeschlossen werden – zumindest bei Videos, die die Lehrkraft auch in anderen Klassen bzw. Kontexten einsetzen oder auch der Allgemeinheit zur Verfügung stellen möchte.


    Weitere Informationen

    Schön, S. & Ebner, M. (2020). Was macht ein gutes Erklärvideo aus? In: Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos. Dorgerloh, S. & Wolf, K. (Hrsg.). Beltz.

    Weitere Tipps zur Produktion, zur Nutzung offener Lizenzen und Beschreibungen guter Lernvideos: Schön, S. & Ebner, M. (2013). Gute Lernvideos … so gelingen Web-Videos zum Lernen! Books on Demand GmbH, Norderstedt, 2013, online zugänglich unter: https://www.bimsev.de/n/?Freie_Lernmaterialien___Gute_Lernvideos-so_gelingen_Web-Videos_zum_Lernen

    Schön, S. & Ebner, M. (2016). Vorlage zur Ideensammlung für ein Lernvideo. In: Praxisblog Medienpädagogik, online zugänglich unter: https://www.medienpaedagogik-praxis.de/2016/07/18/vorlage-zur-ideensammlung-rund-um-lernvideos-und-andere-zugaengliche-vorlagen/


    i

    Über den Autor und die Autorin:

    Priv.-Doz. Dr. Martin Ebner ist Leiter der Abteilung Lehr- und Lerntechnologien an der Technischen Universität Graz und dort für E-Learning zuständig. Des Weiteren forscht und lehrt er als habilitierter Medieninformatiker (Spezialgebiet: Bildungsinformatik) am Institut für Interactive Systems and Data Science rund um technologiegestütztes Lernen. Seine Schwerpunkte sind Seamless Learning, Learning Analytics, Open Educational Resources, Maker Education und informatische Grundbildung.

    Er bloggt unter http://elearningblog.tugraz.at.

    Dr. Sandra Schön ist Expertin für Innovation beim technologiegestützten Lernen und Lehren, insbesondere zu Open Educational Resources (OER) und Maker Education, sie ist Senior Researcher im Team "Educational Technologies" an der TU Graz (Österreich), Projektleitung beim "Forum Neue Medien in der Lehre Österreich" (Österreich) im Rahmen des Projekts "Open Education Austria Advanced" und Adjunct Professor of Innovations in Learning an der Universitas Negeri Malang (Malang State University, Indonesien).

    Weitere Informationen: https://sandra-schoen.de
    Creative Commons License

    Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-SA 4.0 - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International" veröffentlicht.
    Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

    Fußnoten

    1.
    Schön, S. & Ebner, M. (2020). Was macht ein gutes Erklärvideo aus? In: Lehren und Lernen mit Tutorials und Erklärvideos. Dorgerloh, S. & Wolf, K. (Hrsg.). Beltz.

    Ihr Kommentar:

    (*) Diese Felder sind Pflichtfelder

    Ihr Kommentar wird von der Redaktion geprüft und dann freigeschaltet


    Captcha



    Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln