zurück 
21.5.2014

M 01.06 Stereotypen und Vorurteile

Die Begriffe "Stereotyp" und "Vorurteil" werden in diesem Text definiert und voneinander unterschieden, darüber hinaus werden ihre Ursachen und Funktionen erläutert.

Stereotypen dienen dazu, einen Gegenstand, eine Person oder eine Gruppe zu charakterisieren. Ein Vorurteil ist ein Urteil, das ohne vorherige Erfahrung über etwas gefällt wurde. Beide erfüllen für die Menschen die Funktion, Unsicherheit und Bedrohung psychisch abzuwehren. Sie dienen dazu, die Welt überschaubar zu machen, Komplexität zu reduzieren. Sie schaffen Sicherheit für das eigene Handeln. Darüber hinaus können sie zur Stabilisierung des Selbstwertgefühls beitragen und liefern mitunter ein gesellschaftlich gebilligtes Objekt für die Aggressionsabfuhr. Sie entlasten unser Alltagsbewusstsein, indem Situationen und Personen nicht immer wieder neu bewertet und interpretiert werden müssen. Sie haben also eine individuelle und eine gesellschaftliche Funktion.

Stereotypen und Vorurteile sind äußerst resistent gegen Veränderungen, da diese die Persönlichkeitsstruktur betreffen. Kurz gesagt: Sie haben eine Entlastungsfunktion, sie steuern die Wahrnehmung und verhindern damit auch neue Erfahrungen, da die Vorurteilsbehafteten den Kontakt mit den Objekten ihrer Vorurteile vermeiden. Ein Antisemit wird die Bekanntschaft mit Juden meiden, ein Rassist den Kontakt mit Ausländern. Vorurteile und Stereotypen sind wie das liebgewonnene Mobiliar unseres Weltbildes, das ungern „umgeräumt“ wird. Vorurteile dienen der schnellen und zuverlässigen Orientierung in einer sozial komplexen Umwelt und vermitteln das Gefühl der sozialen Zugehörigkeit.

Wenn sich Menschen begegnen, nehmen sie einander wahr. Sozialpsychologische Forschungen belegen, dass man über das tatsächlich Wahrgenommene hinausgeht und unbewusste Schlüsse auf weitere, nicht beobachtbare Eigenschaften des Menschen zieht:

Aus dem momentanen Gesichtsausdruck werden z.B. Stimmungen und Persönlichkeitsmerkmale abgeleitet. Außerdem führt die Annahme bestimmter Merkmale einer Person dazu, dass die Existenz weiterer angenommen wird, die zu dem vorhandenen Eindruck „passen“; andere Eigenschaften werden ausgeschlossen. Negativ bewertete Personen werden eher gemieden, als sympathisch wahrgenommenen Personen hilft man eher als anderen etc. (vgl. Herkner 1978, S.228).

Wir wählen also aus, während wir wahrnehmen. Für viele Menschen genügt es, jemanden anhand von eindeutigen Merkmalen als Amerikaner, Deutschen oder Italiener klassifizieren zu können, um daraus weitreichende Schlüsse auf dessen Persönlichkeit und Charaktereigenschaften zu ziehen, ohne Informationen über das konkrete Individuum zu haben. Die unterstellten Eigenschaften der Kategorie Deutscher werden auf die Person übertragen. In diesem Fall haben wir es mit Vorurteilen und Stereotypen zu tun.

Ein kurzes Zitat dazu: „Nach der Theorie der sozialen Identität von Taifel wird das bei einer Person beobachtbare Verhalten als eher gruppentypisch oder als eher individuell determiniert klassifiziert“. Mitglieder von Fremdgruppen werden nicht individuell wahrgenommen, sondern eher den „gruppentypischen Verhaltensweisen“ zugeordnet. „Damit wird das tatsächlich individuell wahrgenommene Verhalten als gruppentypisch klassifiziert und damit ‚depersonalisiert’, und somit als gleichförmig und einheitlich wahrgenommen.

So tendieren Deutsche dazu, alle Italiener als unzuverlässig, sprunghaft und unberechenbar anzusehen, wohingegen sie bei den eigenen Landsleuten zu fein abgestimmten Differenzierungen zwischen zuverlässigen und unzuverlässigen Partnern fähig sind. Wird der Ausländer als Mitglied einer Fremdgruppe wahrgenommen, die man deutlich zu unterscheiden wünscht, so betrachtet man ihn eher unter einer einheitlichen sozialen Kategorie“ (Thomas 1991, S.11).

Wie so oft in den Sozialwissenschaften gibt es keine eindeutige Definition. Vereinfacht gesagt, handelt es sich bei Stereotypen um verallgemeinerte, vereinfachende und klischeehafte Vorstellungen, die sich nach einer Definition im Handbuch der Psychologie auf den kognitiven Bereich beziehen.

Vorurteile sind demgegenüber vorgefasste Urteile, die von positiven oder negativen Gefühlen begleitet werden und nur schwer veränderbar sind. Sie sind gegen Informationen resistent - das gilt umso mehr, je stärker sie von Emotionen begleitet werden. Stereotypen und Vorurteile sind „geistige Schubladen“; sie erleichtern es uns, (vermeintliche) Orientierung zu finden. Sie sind keine Ausnahmeerscheinung, sondern gehören zur menschlichen Grundausstattung.

Veränderbar sind hingegen die Inhalte. Auf wen oder was sich unsere Vorurteile und Stereotypen richten, ist von der historischen Erfahrung, Sozialisation, der geografischen Lage und anderen Faktoren abhängig. Bewertungen ein und desselben Sachverhalts/einer Personengruppe können sich unter veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen verschieben. Das bedeutet auch, dass Menschen im Hinblick auf ihre sozialen Einstellungen/Stereotypen und Vorurteile manipulierbar sind, was Spannungen und Konflikte zwischen Gruppen hervorrufen oder verstärken und bis zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen kann.

Ethnische Stereotype sind Bestandteil des Wertesystems jeder Kultur, jeder Gesellschaft, jeder Ethnie. Ihre soziale Funktion ist es, die jeweilige Gruppe abzugrenzen und zu stabilisieren. Sie geben Halt. Menschen, die unter geringem Selbstwertgefühl leiden, bedienen sich der Vorurteile, um Angst und Unsicherheit abzubauen, um ihre Bedürfnisse nach Sicherheit und Orientierung zu stillen.

Jetzt könnte man annehmen, je mehr wir mit anderen Menschen, mit anderen kulturellen/ethnischen Gruppen zusammenkommen, umso mehr echte Informationen erhalten wir und umso mehr authentische Erfahrungen können wir machen. Demzufolge müssten die nationalen Vorurteile und Stereotypen im mobilen Europa abnehmen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Nur durch sozialen Kontakt wird das Verhältnis zwischen Gruppen nicht unbedingt besser, sondern es bedarf des Willens und der Einsicht, dass der Kontakt durch Vorurteile und Stereotypen geprägt ist. Der Lernwille der beteiligten Menschen ist ein erster Schritt, sie aufzuweichen. […]

Aus: Günter Friesenhahn: Stereotypen und Vorurteile, in: Modul „Interkulturelles Lernen“ auf dem Portal der Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V. IJAB : https://www.dija.de/fileadmin/medien/downloads/Dokumente/Guenter2IKL.pdf (18.05.2014)

Arbeitsaufgaben:
  1. Erkläre mit eigenen Worten die Begriffe "Vorurteil" und "Stereotyp", nenne dabei Merkmale, durch die sie sich jeweils kennzeichnen lassen.
  2. Worin unterscheiden sich Stereotype und Vorurteile, was ist ihnen gemeinsam?
  3. Welche (soziale) Funktion haben Stereotype und Vorurteile?
  4. Nenne Beispiele jeweils für Stereotype und Vorurteile aus deinem eigenen Alltag.
  5. Vergleiche deine Ergebnisse mit denen deines Partners.
Eine Druckversion des Arbeitsblatts steht als PDF-Icon PDF-Datei zur Verfügung.
Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln