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17.3.2020

Kommunalpartnerschaften zwischen Frankreich und der DDR

Partnerschaften mit französischen Städten und Gemeinden – vorrangig zu kommunistisch regierten Kommunen – dienten als Elemente der Völkerfreundschaft vor allem den außenpolitischen Zielen der DDR-Regierung. Dennoch entstanden Freundschaften auf der privaten Ebene. Der folgende Beitrag gibt einen Überblick.

Der Bürgermeister von Glashütte zu Besuch in Bobigny im Jahr 1974, der Partnerstadt von Glashütte. (© Archives communales Bobigny - France)


Während des Kalten Krieges ähnelten die deutsch-französischen Beziehungen einem Dreiecksverhältnis, in dem Frankreich, die Bundesrepublik Deutschland (Bundesrepublik) und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) in ständiger Interaktion standen. Das Verhältnis zwischen Frankreich und der Bundesrepublik war in den 1950er und 1960er Jahren von einer zivilgesellschaftlichen Annäherung geprägt, die in der Unterzeichnung des Elysée-Vertrags am 22. Januar 1963 seinen Höhepunkt fand.[1] Ein unerlässlicher Bestandteil der zivilgesellschaftlichen Annäherung zwischen Frankreich und der Bundesrepublik waren Städtepartnerschaften.[2] Die erste (west)deutsch-französische Städtepartnerschaft wurde bereits im Jahr 1950 zwischen Ludwigsburg und Montbéliard geschlossen.

Während sich die Beziehungen zwischen Frankreich und der Bundesrepublik auf diversen Ebenen stetig intensivierten, waren die deutsch-deutschen Beziehungen von Konkurrenz, Zweistaatlichkeit und der Integration beider Staaten in die jeweiligen politischen Blöcke und ihre Verteidigungsbündnisse – die Organisation des Nordatlantikvertrages (NATO) und den Warschauer Pakt – geprägt. In diesem Klima der innerdeutschen Konkurrenz verkündete die Bundesrepublik am 23. September 1955 die sogenannte Hallstein-Doktrin, die besagte, dass die Bundesrepublik diplomatische Verbindungen zu Staaten abbricht, die ihrerseits diplomatische Beziehungen zur DDR unterhalten. Die Bundesrepublik manifestierte damit ihren Alleinvertretungsanspruch als einzige legitime Repräsentanz des deutschen Volkes. Die DDR war somit im deutsch-französischen Dreiecksverhältnis im diplomatischen Abseits. Die Führung in Ost-Berlin versuchte ab Mitte der 1950er Jahre, den westdeutschen Alleinvertretungsanspruch mit allen Mitteln zu unterwandern und eine diplomatische Anerkennung „von unten“ zu erwirken. Trotz diverser Annäherungsoffensiven Ost-Berlins gegenüber der französischen Regierung stand Frankreich zu seinem bundesdeutschen Partner und erkannte die DDR offiziell nicht an. Durch die Städtepartnerschaften ostdeutscher und französischer Kommunen kam es dennoch zu einer gewissen Annäherung. Diese versuchte Ost-Berlin politisch zu nutzen, um letztlich eine Anerkennung durch die französische Regierung zu erwirken.[3]

Von den Anfängen der Partnerschaften

Bis zum Zeitpunkt der diplomatischen Anerkennung der DDR durch Frankreich im Februar 1973 standen die Partnerschaften zwischen ostdeutschen und französischen Kommunen im Dienste der Normalisierung der politischen Beziehungen und der völkerrechtlichen Anerkennung der DDR durch Frankreich. Eine offizielle Städtepartnerschaft mit einer französischen Kommune war für die Führung in Ost-Berlin ein erstes Bekenntnis zur Legitimität des ostdeutschen Staates. Die Hochphase der ostdeutsch-französischen Kommunalpartnerschaften lässt sich deshalb in den 1960er Jahren verorten. Die ersten fünf Partnerschaften wurden anlässlich des zehnten Jahrestages der Gründung der DDR im Oktober 1959 geschlossen. Bereits zwei Jahre zuvor wurde der Deutsche Städte- und Gemeindetag der DDR (DSGT) gegründet, der ein unerlässlicher Akteur bei der Anbahnung von Kommunalpartnerschaften war. Der DSGT war ein zentrales Organ, dessen Hauptaufgabe darin lag, Kommunalkontakte ins Ausland zu initiieren und weiterzuentwickeln. Auf französischer Seite spielte die 1958 in Aix-les-Bains gegründete Freundschaftsgesellschaft Echanges franco-allemands (EFA, Deutsch-französischer Austausch) eine wichtige Rolle bei der Anbahnung von Städtepartnerschaften.

Die Kontakte der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zu den kommunistischen Parteien im nichtsozialistischen Ausland spielten eine wesentliche Rolle bei der Anbahnung der Kommunalkontakte. Sie waren für die international isolierte DDR häufig die einzigen Anknüpfungspunkte ins westliche Ausland. Durch den öffentlich proklamierten Antifaschismus und Antiimperialismus der DDR konnten sich viele Mitglieder der Parti Communiste Français (PCF, Kommunistische Partei Frankreichs) und Anhänger der politischen Linken stärker mit der Politik der SED-Regierung als mit jener der Bundesregierung identifizieren. Die französischen Gemeinden, die Partnerschaften mit DDR-Städten eingingen, lagen deshalb – bis auf wenige Ausnahmen – in den Hochburgen der PCF. Die kommunistisch regierten Vororte von Paris – wie das Département Seine-Saint-Denis im Nordosten der französischen Metropole – sowie der industriestarke Norden und Osten Frankreichs wiesen eine hohe Anzahl von Partnerschaften mit der DDR auf.

Eine genaue Bezifferung der Partnerschaften gestaltet sich (bis heute) schwierig. Dies hängt zum einen mit dem Status der Partnerschaften und zum anderen mit den Statistiken der involvierten Akteure zusammen. Während die französische Regierung nur offizielle Partnerschaften in ihre Zählung aufnahm, verbuchten die DDR-Akteure und die französische Freundschaftsgesellschaft EFA jegliche Kontakte in ihren Statistiken. Damit eine Partnerschaft als offiziell galt, mussten beide Stadtparlamente der Partnerschaft zustimmen. Einige französische Bürgermeister oder Stadträte lehnten eine offizielle Partnerschaft mit einer DDR-Kommune jedoch konsequent ab, wie der sozialistische Bürgermeister von Lille, Augustin Laurent, mit Blick auf Erfurt. Obwohl seit 1960 Kontakte zwischen beiden Gemeinden bestanden, wurde der offizielle Partnerschaftsvertrag erst im Dezember 1988 besiegelt.

Die Unterstützer der Partnerschaften auf französischer Seite fanden sich deshalb häufig in Freundschaftskomitees zusammen, die ihrerseits (inoffizielle) Partnerschaftsverträge mit DDR-Gemeinden abschlossen. Eine offizielle Partnerschaft war stets das übergeordnete Ziel der kommunalen Annäherung. Damit eine Partnerschaft als offiziell galt, mussten die französischen Kommunen die französische Regierung über das Partnerschaftsvorhaben informieren. Dieser Schritt wurde von den französischen Gemeinden des Öfteren übergangen, wodurch die französische Regierung über manche Kommunalkontakte nicht im Bilde war. In den 1960er Jahren waren deshalb viele Partnerschaften nicht offiziell, sondern lediglich sogenannte Freundschaftskontakte. Im Jahr 1964 verzeichnete das französische Außenministerium 32 bestehende Partnerschaften (auf Französisch: Jumelage), die zwischen März 1959 und Juni 1964 geschlossen wurden. Sieben der 32 Partnerschaften waren mit dem Prädikat Freundschaftsvertrag (Accord d’amitié) versehen.[4] Auf DDR-Seite zählte der DSGT im Jahr 1966 103 Partnerschaften. In der Auflistung des DSGT erschien auch die Partnerschaft Erfurt-Lille, die erst im Dezember 1988 offiziell besiegelt wurde.[5]

Die französische Regierung empfand die Kommunalkontakte – allen voran die inoffiziellen – als Belastung für ihr Verhältnis zur Bundesrepublik. Sie wollte beim bundesdeutschen Partner keineswegs den Anschein erwecken, die DDR anzuerkennen. Die Regierung in Paris versuchte deshalb die Freundschaften über den Eisernen Vorhang mit dem Verbot von Einreisegenehmigungen zu unterbinden. Das für die Vergabe zuständige Allied Travel Board in West-Berlin verweigerte DDR-Bürgerinnen und -Bürgern deshalb Visa für die Einreise nach Frankreich.[6] Das hatte zur Konsequenz, dass die Partnerschaften in den 1960er Jahren einen Einbahnstraßencharakter besaßen. Die Delegationen aus Frankreich konnten in die DDR reisen – aber nicht umgekehrt. Die DDR-Seite nutzte die Visa-Verweigerungen ihrerseits, um sich als Opfer der französischen Außenpolitik darzustellen, und die französischen Freunde in den Partnergemeinden sprangen auf diesen Zug auf. In den Arbeitsplänen, in welchen die Gemeinden ihre jährlichen Partnerschaftsziele festhielten, war mitunter vereinbart, dass sich die französischen Freundschaftskomitees gegen die Visa-Politik der französischen Regierung zur Wehr setzen würden. Kommunalpolitiker und Medien trugen die Anerkennungspolitik der DDR mit und fungierten als Sprachrohr für Selbige. Regionale und überregionale kommunistische Zeitschriften nahmen dabei eine wichtige Funktion ein. Sie verhalfen den Partnerschaften zu mehr Sichtbarkeit innerhalb der Gemeinden und übten öffentlich Kritik an der Visa-Politik der französischen Regierung.[7]

Jugendliche aus Bobigny kurz vor ihrer Abreise in die DDR im August 1970. (© Archives communales Bobigny - France)


Partnerschaften im Dienst der diplomatischen Anerkennung

Ein Werkzeug der paradiplomatischen Anerkennung der DDR war die positive Selbstinszenierung in Abgrenzung zur Bundesrepublik, die unterdessen als Feind dargestellt wurde. Die DDR entwickelte Bedrohungsszenarien, die angeblich von der Bundesrepublik ausgingen und die globale Sicherheit gefährden würden. Während die Annäherung zwischen Frankreich und der Bundesrepublik als Gefährdung für den Frieden und die Sicherheit in Europa dargestellt wurde, waren die Kommunalkontakte zwischen den französischen und ostdeutschen Kommunen ein Ausdruck der „wahren“ deutsch-französischen Freundschaft.

Die DDR-Seite war stets bemüht, sich von der Bundesrepublik abzugrenzen und ihre Überlegenheit als zweiter deutscher Staat darzustellen. Diese Überlegenheit sollte sich in allen Bereichen des politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens widerspiegeln und die DDR vor allem als einen friedlichen Staat präsentieren. Die Sozialpolitik war eines der wichtigsten Aushängeschilder der DDR. Den französischen Gästen sollten deshalb vor allen Dingen die Errungenschaften des Sozialismus präsentiert werden. Bei den Aufenthalten der französischen Delegationen standen stets Besuche von Kinderkrippen, Kindergärten, Schulen, Betrieben und Neubaugebieten auf dem Programm. Die Zusammensetzung der französischen Delegationen zeigt, dass ein weites soziales und gesellschaftliches Spektrum abgedeckt wurde. Diverse Bevölkerungsgruppen und Vereinigungen besuchten die DDR wie Verbände ehemaliger Widerstandskämpfer, Gewerkschaften, Sportvereine, Frauendelegationen, Kinder und Jugendliche.

Es reisten ebenso Vertreterinnen und Vertreter spezieller Berufsgruppen wie Personal aus dem medizinischen Bereich, Handwerkerinnen und Handwerker, Geistliche sowie Lehrerinnen und Lehrer in die DDR. Das Aufenthaltsprogramm wurde entsprechend der Gruppe zusammengestellt, umfasste aber stets die Besichtigung der Partnerstadt mit offiziellem Empfang im Rathaus und den Besuch einer Gedenkstätte. Kinder und Jugendliche waren eine der wichtigsten und zahlenmäßig die stärkste Gruppe, die im Rahmen der Kommunalkontakte in die DDR reiste. Jede DDR-Stadt organisierte für die Kinder aus ihrer Partnergemeinde jährliche Ferienlager, die meist in den Betriebsferienlagern großer volkseigener Betriebe stattfanden. Der Spagat zwischen Ideologie und Freundschaft, den die Partnerschaftsarbeit charakterisierte, zeigt sich gut am Beispiel des Kinder- und Jugendaustausches: Die französischen Kinder und Jugendlichen sollten – laut den DDR-Organisatoren – vor allem unbeschwerte Ferientage in der DDR verbringen. Gleichzeitig sollten sie aber auch „als kleine Botschafter des Friedens und der Völkerfreundschaft in ihre Heimat zurückkehren“ und über die Erfahrungen, die sie in der DDR gemacht hatten, positiv berichten.[8]

In ihrer Politik der „Anerkennung durch die Hintertür“[9] war die SED-Regierung bemüht, breite politische und gesellschaftliche Kreise in Frankreich anzusprechen. Dazu konzentrierte man sich nicht nur auf kommunistische Politiker, sondern auch auf Sozialisten und auf die Anhänger des Staatspräsidenten Charles de Gaulles. Ab Mitte der 1960er Jahre wollte der DSGT vornehmlich Partnerschaften mit Städten initiieren, die unter sozialistischer oder gaullistischer Regierung standen.[10] Des Weiteren konzentrierte man sich auf Politikerinnen und Politiker mit Doppelmandaten (ein Mandat in der Kommune und ein weiteres im Nationalparlament oder im Départementrat) und Einflussmöglichkeiten auf höheren politischen Ebenen. Die SED-Regierung versprach sich davon eine breitenwirksamere Repräsentation ihrer Anerkennungsforderungen in den französischen Regierungskreisen.

Die Grenzen der Partnerschaften

Eine lokale Selbstbestimmung, wie sie westdeutsche Bürgermeisterinnen und Bürgermeister hatten, war den DDR-Politikerinnen und Politikern nicht möglich. Die kommunalen Partnerschaften waren von oben verordnet und hatten sich in die außenpolitischen Ziele der DDR einzufügen.[11] Nichtsdestotrotz wäre es falsch, die Partnerschaften nur auf ihre ideologische Ausrichtung zu reduzieren. Die Kommunalkontakte führten mitunter zu lange währenden Freundschaften und sogar zu Liebesbeziehungen. Die persönlichen Kontakte zwischen den Teilnehmenden offenbarten erst die Ambivalenz der Partnerschaften: Die SED-Regierung benötigte einerseits die politischen und gesellschaftlichen Kontakte ins westliche Ausland, hatte aber andererseits Angst vor einer westlichen Einflussnahme und feindlicher Unterwanderung.[12]

Bei Betrachtung der Chronologie der Partnerschaften zeigt sich, dass die Ereignisse des Prager Frühlings 1968 konfliktreiche Monate für die Parteibeziehungen zwischen SED und PCF nach sich zogen. Während die französischen Kommunisten mit den Reformbestrebungen von Alexander Dubček sympathisierten, sah die SED sie als Bedrohung für das eigene Herrschaftssystem an.[13] Erstmals zeigten sich Risse im Beziehungsgeflecht zwischen den vermeintlichen Bruderparteien. Der Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes am 21. August 1968 in Prag hatte Auswirkungen auf die Kommunalpartnerschaften. Bereits geplante Delegationsreisen wurden abgesagt, die Korrespondenzen zwischen den Kommunen kamen teilweise zum Erliegen und einige Partnerschaften wurden sogar aufgekündigt. Der DSGT verzeichnete im Jahr 1968 einen erheblichen Rückgang von kommunalpolitischen Delegationen aus Frankreich.[14]

Partnerschaften nach der Anerkennung der DDR durch Frankreich

Trotz aller Bemühungen der DDR kam es erst nach Unterzeichnung des Grundlagenvertrages 1972, der die Beziehungen zwischen beiden deutschen Staaten regelte, zur Anerkennung der DDR durch die französische Regierung. Die diplomatische Anerkennung war jedoch nicht gleichzusetzen mit einer vollständigen Normalisierung der politischen Beziehungen. Die Anerkennung der ostdeutschen Staatsbürgerschaft und der Abschluss eines Konsularabkommens standen Anfang der 1970er Jahre noch aus. Stetes Ziel der kommunalen Partnerschaften blieb es, einen Beitrag zur Verbesserung der offiziellen Beziehungen zwischen den Staatsoberhäuptern zu leisten und die Normalisierung der staatlichen Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR voranzutreiben. Die außenpolitische Ausrichtung der SED und damit einhergehend die Ausrichtung der kommunalen Partnerschaften diente nach 1973 vor allem der Imagepflege der DDR.[15]

Mit der diplomatischen Anerkennung der DDR durch Frankreich im Jahr 1973 veränderten sich auch die Hoffnungen und Erwartungen der französischen Partnerstädte, die sich über ein Jahrzehnt mitunter sehr aktiv für die diplomatische Anerkennung der DDR eingesetzt hatten. Die französischen Gemeinden erwarteten, dass es nun zu einem realen Austausch kommen würde und auch Delegationen aus der DDR nach Frankreich reisen würden. Als die erhoffte Reziprozität ausblieb, führte das aufseiten der französischen Gemeinden zu Resignation und Unverständnis. Während die 1960er Jahre die Hochphase der Partnerschaften markierten, stagnierte die Partnerschaftsarbeit in den 1970er Jahren. Nach dieser Phase der Stagnation waren die 1980er Jahre tendenziell von Liberalisierung geprägt. So kam es beim Jugendaustausch erstmalig zu einer Reziprozität zwischen den verschwisterten Gemeinden: Jugendliche aus der DDR konnten nun nach Frankreich reisen. Diese Reisen blieben jedoch an Bedingungen geknüpft und waren nur Personen vorbehalten, die sich gegenüber der DDR systemtreu verhielten. Seit Beginn der ersten Städtepartnerschaften im Jahr 1959 wollten die verschwisterten Gemeinden stets einen Beitrag zur Erhaltung des Friedens und zur Völkerverständigung leisten. In der Ära des Wettrüstens und der nuklearen Bedrohung in den 1980er Jahren erreichte der Wille zur Friedenssicherung jedoch seinen Höhepunkt. Ein weiterer Gedanke, der in den 1980er Jahren immer mehr Gestalt annahm und vor allem auf französischer Seite formuliert wurde, war das Bekenntnis zu Europa und zur europäischen Zusammenarbeit.

Am 1. August 1980 kamen rund 500 Jugendliche und junge Erwachsene - Schülerinnen und Schüler, Auszubildende und Studierende - auf dem Hauptbahnhof in Halle an. Sie blieben drei Wochen in der DDR und lernten das Land kennen. (© Bundesarchiv, Bild 183-1990-0318-038)


Die Partnerschaften nach 1989/90

Erst nach dem Zusammenbruch des SED-Regimes waren die Bedingungen für einen wirklichen Austausch zwischen den Partnerkommunen gegeben. Der Mauerfall hatte immense Auswirkungen auf die Kommunalpartnerschaften mit Frankreich. Die überschwängliche Euphorie, aber auch die Ungewissheiten, die die Wendezeit charakterisieren, lassen sich auch in den Partnerschaften ablesen. Nach den Ereignissen des Herbstes 1989 war das Jahr 1990 von globalen politischen Umbrüchen geprägt. Am 6. Mai 1990 fanden die ersten freien und demokratischen Kommunalwahlen in der DDR statt und läuteten damit eine neue Zeit für die Partnerschaften ein. Der Führungswechsel in den Rathäusern und die kommunale Selbstbestimmung waren die wichtigsten Neuerungen für die ostdeutschen Gemeinden. Die politischen Veränderungen, die die Deutsche Einheit mit sich brachte, sollten sich auch in den Zielausrichtungen und in den Verträgen zwischen den Städten widerspiegeln. Alle bereits verschwisterten Gemeinden unterzeichneten einen neuen Partnerschaftsvertrag, der den alten ersetzte. Damit wurde Anfang der 1990er Jahre offiziell eine neue Ära der Partnerschaften eingeläutet.

Die meisten Partnerschaften, die zwischen 1959 und 1989 geschlossen wurden, bestehen noch heute und sind durch einen aktiven Austausch geprägt. Heutzutage stehen die Partnerschaften und die Freundschaftskomitees jedoch neuen Herausforderungen wie Überalterung und Ressourcenknappheit gegenüber. Die Partnerschaften zwischen Frankreich und der DDR erlauben es, eine andere Geschichte des Kalten Krieges fern der „großen Männer“ und der Supermächte zu erzählen. Dieser mikrohistorische Ansatz wirft ein neues Licht auf die Blockkonfrontation, die Freund- und Feindbilder und auf die Alltagswelt im Kalten Krieg.

Zitierweise: "Kommunalpartnerschaften zwischen Frankreich und der DDR“, Constanze Knitter, in: Deutschland Archiv, 12.3.2020, Link: www.bpb.de/306492

Weitere Beiträge zu den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich:

Ulrich Pfeil: Die DDR als Zankapfel in Forschung und Politik - Französische Blicke auf den zweiten deutschen Staat

Nicole Colin: Utopie eines anderen Deutschlands: Theater- und Literaturtransfer zwischen Frankreich und der DDR >>

Franziska Flucke: Vom sozialistischen Paradies zum Erinnerungsort? Sechzig Jahre DDR in französischen Deutschbüchern >>

Marie Müller-Zetzsche: Auf den Spuren des ostdeutschen Staates - DDR-Geschichte in französischen Ausstellungen nach 2009
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Fußnoten

1.
Corine Defrance, Les premiers jumelages franco-allemands 1950-1963, in: Lendemains 84 (1996), S. 83-95, hier S. 92.
2.
Vgl. Corine Defrance/Tanja Herrmann, Städtepartnerschaften. Ein Instrument der „Versöhnung“ von unten?, in: Corine Defrance und Ulrich Pfeil (Hg.), Verständigung und Versöhnung nach dem „Zivilisationsbruch“? Deutschland in Europa nach 1945, Brüssel 2016, S. 585-603; Lucie Filipová, Erfüllte Hoffnungen. Städtepartnerschaften als Instrument der deutsch-französischen Aussöhnung 1950-2000, Göttingen 2015.
3.
Vgl. Ulrich Pfeil, Ostdeutsch-französische Städtepartnerschaften zwischen Westabschottung und West-orientierung 1958-1973, Lendemains 2004, S. 146-165; Hans-Christian Herrmann, „Bedeutende Basen der Anerkennungsbewegung“. Zur Bedeutung der Städtepartnerschaften zwischen Frankreich und der DDR, in: Heiner Timmermann (Hg.), Das war die DDR. DDR-Forschung im Fadenkreuz von Herrschaft, Außenbeziehungen, Kultur und Souveränität, Münster 2004, S. 356-385.
4.
Relevé des jumelages existant entre des villes françaises et des villes d’Allemagne de l’Est à compter de mars 1959, in: Ministère des Affaires Etrangères (MAE), EU 44-60 ALL RDA 179QO/33, Bl. 146-147.
5.
Liste der bestätigten bestehenden Verbindungen der DDR-Städte zum nichtsozialistischen Ausland, April 1966, in: Bundesarchiv (BArch), DZ4-141, Bl. 6-17.
6.
Vgl. Ministère des Affaires étrangères (MAE) an Georges Valbon, 02.05.1968, in: Archives municipales de Bobigny, W 899.
7.
Vgl. «Le ministre des affaires étrangères accordera-t-il les visas à nos amis d’Eisenhüttenstadt?», in : La Voix de l’Est, 15.11.1963.
8.
Merkblatt für die Städte der DDR, die 1961 aus den Städten in Frankreich, mit denen sie freundschaftliche Beziehungen haben, Kinder zu den Sommer-Ferienlagern einladen, 15.05.1961, in: Bundesarchiv (BArch), DZ4/147, Bl. 179-184, hier S. 179.
9.
Carel Horstmeier, Ostdeutsche Ohnmacht und widerwillige Hilfe durch Bruderstaaten. Die Anerkennungspolitik der DDR 1949-1973, in: Heiner Timmermann (Hg.), Die DDR in Europa – zwischen Isolation und Öffnung, Münster 2005, S. 69-87, hier S. 71.
10.
Vgl. Der gegenwärtige Stand der Kommunalen Beziehungen zu Westeuropa; in: Bundesarchiv (BArch), DZ4/147, B. 122.
11.
Vgl. Geschäftsverteilungsplan für das Aufgabengebiet des Geschäftsbereiches internationale Arbeit des Deutschen Städte- und Gemeindetages der DDR, 09.10.1964, in: Bundesarchiv (BArch), DZ4/128, Bl. 29-33.
12.
Constanze Knitter, Städtepartnerschaften und Zivilgesellschaft im Fadenkreuz der Staatssicherheit der DDR, in: Corine Defrance/Tanja Herrmann/Pia Nordblom (Hg.), Städtepartnerschaften in Europa im 20. Jahrhundert, Göttingen 2020, S. 147-160.
13.
Ulrich Pfeil, Sozialismus in den Farben Frankreichs. SED, PCF und „Prager Frühling“, in: Deutschland Archiv 34 (2001), S. 235-245, hier S. 245.
14.
Bericht über die Entwicklung der kommunalen Auslandsbeziehungen im Jahre 1968, 17.10.1968, in: Bundesarchiv (BArch), DZ4/147, Bl. 101-114, hier Bl. 105.
15.
Vgl. Hermann Wentker, Außenpolitik oder transnationale Beziehungen? Funktion und Einordnung der Parteibeziehungen der SED, in: Arnd Bauerkämper, Francesco di Palma (Hg.), Bruderparteien jenseits des Eisernen Vorhangs. Die Beziehungen der SED zu den kommunistischen Parteien West- und Südeuropas (1968-1989), Berlin 2011, S. 29-47, hier S. 42.

Constanze Knitter

Autorin

Constanze Knitter

promoviert im Cotutelle de thèse-Verfahren, hierbei betreuen zwei Hochschulen aus unterschiedlichen Ländern eine Dissertation. In diesem Fall sind es die Johannes Gutenberg-Universität Mainz und die Université de Lorraine in Frankreich. Frau Knitter forscht zu Kommunalpartnerschaften zwischen Frankreich und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Ihre weiteren Forschungsinteressen umfassen die deutsch-französischen Beziehungen sowie die politischen Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR.


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