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24.4.2020

"Die Aufarbeitung muss an die Familientische"

Aus der Reihe "Werdegänge" (II)

Leistungssport war in der DDR von großer Bedeutung. Er ermöglichte es dem Land, sich auf internationaler Ebene zu etablieren. Kinder wurden schon sehr früh als für bestimmte Sportarten besonders geeignet beziehungsweise nicht geeignet eingestuft. Die Athleten unterlagen einem strengen Regime, aber das reichte dem Staat nicht. Um die Leistungen weiter zu verbessern, bekamen viele Sportler meistens ohne ihr Wissen ab Mitte der Siebzigerjahre systematisch Dopingmittel verabreicht. Bis heute leiden sie unter den psychischen und physischen Folgen. Die ehemalige Sprinterin Ines Geipel (Jahrgang 1960) hat am eigenen Leib erlebt, wie die DDR mit ihren Spitzensportlern umgegangen ist und arbeitet dies unermüdlich auf.

Die ehemalige Leistungssportlerin Ines Geipel lehrt seit 2001 an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" deutsche Verssprache. (© Privat)


Das Gespräch mit Ines Geipel protokollierten Manon de Heus und Marijke van der Ploeg:

‚‚Mein Vater war Terroragent beim DDR-Ministerium für Staatssicherheit, der DDR-Geheimpolizei.[1] Er ist unter acht verschiedenen Namen fast 15 Jahre lang in den Westen gefahren. In dem Film „Ballon“ aus dem Jahr 2018 flüchtet eine Familie mit einem selbstgebauten Heißluftballon aus der DDR nach Westdeutschland. Mein Vater hat diese Menschen ausspioniert – die Schulwege der Kinder, die Arbeitswege der Eltern – damit die Stasi sie liquidieren konnte. Wenn man acht verschiedene Identitäten hat und das nicht vier Wochen, sondern 15 Jahre lang lebt, hinterlässt das Spuren. Mein Vater ist sich in dieser Zeit völlig abhanden gekommen und hat seinen Hang zur Gewalt in der Familie ausgelebt.

Ein Kind kann sicherlich glücklicher starten. Als ich 14 war, musste ich von zu Hause weg. Ich kam in ein Internat im Thüringer Wald. Es ging mir nicht gut und ich fing an, über die Felder zu rennen. Ich hatte keine Ahnung vom Sport und auch nicht die richtigen Schuhe, ich war einfach ein Waldtier. Wenn man jung ist, geht man nicht so über die Sprache, da ist der Körper enorm wichtig. Bei mir sollte er meinen Schmerz verarbeiten. So schnell laufen, bis die zugeschlossene, statische Welt der DDR in Bewegung kommt und damit auch größer wird.

Wir wollten kein Geld, nur einmal im Leben Paris, Rom, Amsterdam sehen. Ich bin kein klassischer DDR-Sportfall, weil ich relativ spät mit dem Leistungssport angefangen habe.[2] Erst mit 17 wurde ich Mitglied beim SC Motor Jena, ein Jahr später war ich schon in der DDR-Leichtathletik-Nationalmannschaft.

Olympia als Lebensziel

Mein Körper war auf diese enorme Belastung in keiner Weise vorbereitet. Weil ich so spät angefangen habe, war ich unwahrscheinlich verletzungsanfällig. Meine Muskeln rissen und meine Schienbeine waren durch den Tartan[3] geschwollen, hochrot und entzündet. Andererseits war ich natürlich völlig unverbraucht. Ich bin ganz frisch in das System reingekommen, hatte überhaupt keine Ahnung davon. Vor allem zu Anfang habe ich mich wahnsinnig gefreut, so lange laufen und springen zu können, wie ich wollte. Mein Leben bekam ein einziges Ziel: Weltrekord, Olympia. Etwas anderes wollte ich nicht, das reichte mir völlig.

Dass ich auch gut vorankam, verband ich ausschließlich mit meinem fleißigen Trainieren. Ich habe nicht geschnallt, dass es auch mit der Chemie zu tun hatte. Unglaublich, wie naiv ich damals war! Ich wohnte auf dem Gelände des Sportclubs, in einem Internat. Von diesen Leistungszentren gab es in der DDR ungefähr 20. Alles, was unser Leben als Sportler ausmachte, spielte sich auf engstem Raum ab: das Sportclubinternat, der Speiseraum, die Sportmedizin, die Laufhalle, die Trainingshallen, das Stadion. Mein Leben fand über Jahre nur dort statt, wie in einem Karussell. Es gab keine Freunde, kein Kino, kein Theater, aber dafür gab es am Ende eines langen Trainingstages auch keine Kraft mehr. Den weitesten Weg, den ich hatte, war der zum Stadion: einmal über die Straße.

Als Sprinterin war ich außerdem komplett allein. Der Sprint geht nur über den Kopf, das ist der reine Psychokrieg. Sprinter sind wie hochgezüchtete Pferde: Die Box geht auf, du musst los. Rechts und links gibt es dabei nicht, nur dich und die Frage, ob du dich aus deiner Mitte heraus maximal beschleunigen kannst. Das hat damals sehr zu meiner psychischen Verfassung gepasst. Ich war eine Einzelkämpferin, die nach ihrem Überlebensmodell gesucht hat. Ich wollte so schnell laufen, dass ich mich selbst hinter mir lassen konnte.

Ines Geipel, damals noch mit Ihrem Geburtsnamen Ines Schmidt, fotografiert am 9. August 1981. (© Wikimedia)

Am Anfang war ich wirklich so naiv, dass ich dachte: Wow, über den Sport werde ich die Welt sehen. Aber außer Flughafen, Bus, Hotel und Stadion sah ich nie etwas. In den Achtzigerjahren hatte ich drei Wettkämpfe in Holland. Es war natürlich toll, in einem Land zu sein, wo man in die Fenster schauen konnte und alles so offen war, aber in Wahrheit konnte ich keinen einzigen Schritt allein machen. Nicht nur mein Trainer, sondern auch die Stasi war immer dabei. Es wurde zwar nicht darüber gesprochen, wer genau zur Stasi gehörte, aber es war klar, dass es jemand aus der Crew war.

"Wir durften gar nichts"

Wir durften gar nichts, wir durften uns noch nicht mal ein Einreibemittel von einer westlichen Sprinterin holen. Wir hatten unseren Wettkampf zu machen und zu gewinnen, das war‘s. Danach mussten wir unsere Sachen packen und ab ging‘s ins Hotel. Der Sport war praktisch wie eine doppelte Mauer. Das Land war eine Diktatur, der Sport war wie eine Diktatur in einer Diktatur. Mein Leben war extrem durchgetaktet. Ich bin früh aufgestanden, habe trainiert und wusste genau, wie viele Steaks und wie viele Eier ich am Morgen zu essen hatte. Alles war im Voraus geplant und kontrolliert und lief auf diesen einen einzigen Punkt zu: Olympia, Weltrekord, Topleistung.

Im Nachhinein war es wie in einem Tunnel: Mein Leben war eine Bahn, die immer enger wurde. Das Verrückte ist, dass man wirklich eine extreme Leistung aus einem inneren Nichts herauslaufen kann. Ja, das geht. Ich denke, es würde sich lohnen, bei den Spitzensportlern mal genau zu erfragen, was eigentlich das Motiv für ihr Maximum ist. Was treibt sie wirklich an? Das Glück, tatsächlich? Was passiert da in der Psyche?

Das große Problem im Sport ist, dass das ganze Leben praktisch auf das Treppchen hin ausgerichtet ist. Das kann nicht gut gehen. Im Frühjahr 1984 waren wir in Mexiko, um uns auf die Olympischen Spiele in Los Angeles vorzubereiten. Dort habe ich mich in Ernesto, einen Mexikaner, verliebt. Er war ein ganz anderer Typ Mann, als ich ihn bislang kannte. Er war so schön, von innen und von außen. Ich musste vom Olympiagelände abhauen, damit wir uns heimlich sehen konnten. Irgendwann habe ich beschlossen: Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles fliehe ich. Der Plan ist dann aber ins Wasser gefallen, weil der ganze Ostblock die Spiele boykottierte.[4]

Zwangs-OP als Rache für Fluchtplan

Ich weiß nicht, ob unsere Liebe eine reale Chance gehabt hätte, aber es war zumindest eine andere Lebensoption. Danach war ich also wieder im DDR-Einschluss. Irgendwann wurde mir gesagt, dass bei mir eine Blinddarmoperation gemacht werden müsste. Als ich nach der Operation wach wurde, hatte ich einen riesigen Schnitt quer über den Bauch, von einem Ende zum anderen. Ich hatte danach viele Komplikationen und war letztlich komplett außer Kraft gesetzt. Mit dem Sport war es vorbei, es ging einfach nicht mehr.

Ich habe dann Germanistik in Jena studiert. Eine Dissertation wurde mir ebenso wie eine berufliche Perspektive verweigert, weil ich an der Uni ein paar politische Aktionen der Jenaer Friedensbewegung mitgemacht hatte. Ich fand, dass sie harmlos waren, aber der Geheimdienst hat sie überaus ernst genommen und viele der jungen Bürgerrechtler verhaftet und ausgebürgert. Im Sommer 1989 bin ich über Ungarn nach Westdeutschland geflohen. Als die Mauer ein paar Monate später fiel, arbeitete ich in einem Weinkeller in Darmstadt. Irgendwann schob mein Chef mich in unseren Umkleideraum, in dem ein kleiner Fernseher stand. „Ich glaube, da ist was für dich“, sagte er.

Im Fernsehen sah ich in Berlin die Mauer fallen, das war unglaublich. In der Weinstube wurde es zunehmend voller. Ganz hinten saß die hessische Prinzessin, eine ältere Dame und eine herzliche, ganz passable Trinkerin. Sie rief immer: „Mehr Wein, mehr Wein!“ Als sie mitbekam, dass die Mauer gefallen ist, hat sie für alle spendiert.

Vorüber war meine Vergangenheit mit dem Fall der Mauer natürlich nicht. Ich habe viele Jahre mit extremen Koliken gelebt, bis ich 2003 einen Chirurgen traf, der sagte: „Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die alte Narbe zu öffnen und zu schauen, was sich darunter befindet.“ Die Operation dauerte neun Stunden, denn es stellte sich heraus, dass meine Organe komplett ineinander gewachsen waren. Aus meiner Stasi-Akte habe ich später erfahren, dass ein Freund Ernesto und mich verraten hat. Die Stasi hat daraufhin einen mehrstufigen Zersetzungsplan[5] aufgestellt, dessen letzter Teil die Operation war. Den Blinddarm haben sie tatsächlich rausgenommen, aber sie haben auch meinen ganzen Bauch samt Muskulatur zerschnitten.[6]

Historiker haben später geklärt, dass meine Operation medizinisch gar nicht indiziert war und ich auch keine Entzündungswerte hatte. Zu realisieren, was wirklich passiert war und wie weit der Geheimdienst gehen konnte, war hart für mich. Damit hatte ich eine Weile sehr zu kämpfen.

"Vieles ist immer noch nicht aufgeklärt"

Für die DDR-Athleten waren die Achtzigerjahre die rigidesten und zugleich begrenztesten. Vieles, was in diesem System im System passierte, ist noch immer nicht aufgeklärt. Der Zugriff war total, weil alle Beteiligten – die Ärzte, die Trainer, die Funktionäre – an den Erfolgen der Athleten verdienten. Wenn ein Staat Doping und Betrug legitimiert, findet unter der Legitimationsdecke alles an Zugriff statt, was möglich ist.

Alle Portraits sind dem Band entnommen: "Das Pfand meiner Mutter - Geschichten über das Leben in der DDR", protokolliert von Manon de Heus und Marijke van der Ploeg, erschienen im Aspekt-Verlag, Soesterberg (Niederlande), 2019

Natürlich haben wir damals alle gemerkt, dass wir Tabletten bekommen haben.[7] In allen Internatszimmern lagen sie ja herum – in jeglicher Couleur: weiße, rote, blaue, braune und gelbe Pillen –, aber niemand ahnte, wie kreuzgefährlich sie waren. Das war so gewollt, denn es ging um ein geheimes Staatsdopingsystem.

Wann genau mit der Verabreichung von Doping begonnen wurde, war je nach Sportart unterschiedlich. In vielen Disziplinen begann es bei Sportlerinnen deutlich früher als bei Sportlern. Bei Schwimmerinnen und Turnerinnen setzte es bereits mit 13 bis 15 Jahren ein, bei Leichtathletinnen mit 16 bis 17 Jahren. Das hatte schwerwiegende Folgen. Die Einnahme androgener Steroide verursachte Menstruationsstörungen, männliche Körperbehaarung und Entzündungen oder Veränderungen der Eierstöcke.

Mehr als 2.000 Geschädigte

Ab März 2000 war ich, zusammen mit 19 anderen, Nebenklägerin im Berliner Dopingprozess. Woche für Woche trafen wir uns in Moabit im Gerichtssaal, die Frauen mit den schweren Schäden und ihre behinderten Kinder. Es gab zwei Angeklagte: Manfred Ewald, der ehemalige Präsident des Turn- und Sportbunds der DDR, und Manfred Höppner, Sportmediziner und nach meiner Überzeugung Chefinitiator des konspirativen Chemieprogramms[8].

Ewald hat während des ganzen Prozesses gar nichts gesagt, kein einziges Wort, und Höppner hat letztlich seine Schuld geschickt verleugnet. Ganz am Anfang hat er eine achtseitige Erklärung vorgelesen, in der er sagte, er sei stolz, so viele Athletinnen geschützt zu haben, und dass er im DDR-Sport immer nur gesunde Frauen gesehen habe. Das war obskur. Es kam kein "Es tut mir leid, dass es euch heute so schlecht geht", es kam gar nichts.

Nach einem Vierteljahr wurde das Urteil ausgesprochen: 22 Monate auf Bewährung für Ewald, 20 Monate auf Bewährung für Höppner. Die Frauen um mich sind danach alle schwer krank geworden, viele mussten ins Krankenhaus, sie waren völlig retraumatisiert. Es war wichtig, dass der Prozess stattgefunden hat, aber psychisch war das Ganze eine Katastrophe.

Von 2013 bis Ende 2018 war ich Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins, der sich der Belange von Dopingpfern annimmt. Ich habe viele Geschichten und viele Schicksale von ehemaligen Athleten gehört, die fast alle unglaublich hart sind. Beim Berliner Prozess waren wir 20 Nebenklägerinnen, inzwischen haben sich schon mehr als 2.000 Geschädigte gemeldet.

Die Autorin und ehemalige DDR-Leichtathletin Ines Geipel am 1.7.2015 bei einer Doping-Diskussion im Erfurter Landtag


Natürlich stoßen wir mit unserer Arbeit nicht nur auf Freunde, es gibt noch immer viel Widerstand. Das hat vor allem damit zu tun, dass der Sport so ein unglaublicher Mythos für die DDR gewesen ist. Als das Land nach 1989 mit seiner Niederlagengeschichte zu kämpfen hatte, wollte sich die Bevölkerung wenigstens an etwas festhalten. Etwas musste toll gewesen sein, ein paar Strahlebilder mussten bleiben.

Ich verstehe, dass das psychologisch schwierig ist, aber mit Blick auf die vielen Opfer geht das einfach nicht. Die Zwangsdopinggeschichte der DDR muss erzählt werden, sie muss richtig erzählt werden. Das sind wir den Opfern schuldig. Die fünf Jahre beim Doping-Opfer-Hilfeverein waren hart, kämpferisch und ruppig, aber ich konnte einiges erreichen. Es gibt zwei Entschädigungsgesetze[9], eine Beratungsstelle in Berlin und seriöse Forschung.

Auf persönlicher Ebene habe ich in den letzten 20 Jahren viel Zeit und Energie in das gesteckt, was man wohl Aufarbeitung nennt. Für mich ist das ein Luxus. Ich erhielt als Schriftstellerin die Möglichkeit und auch den Raum, in Archiven zu sitzen und die Diktaturzeit für mich anzuschauen, zu sortieren, zu klären: Was hat dich gelebt? Was ist überhaupt passiert? Was ist mein Leben jetzt? Wo soll es hin? Wer bist du? Der Sport ist Körper, danach ging es vor allem um Sprache, um Gedächtnis, um Bücher und letztlich um Identität. Das bleibt natürlich ein Prozess.

"Die Aufarbeitung muss an Familientische"

Die harte Substanz der DDR – die Haftgeschichten, die stillen Morde, die Zersetzungen – wird nur von sehr wenigen erzählt und immer noch nicht innerhalb der Familien. Genau da, an die Familientische, sollte Aufarbeitung aber hin. Wenn die dritte Generation Ost ihre Eltern befragt, endet das oft im Schweigen.

Das kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Jemand redet nicht, weil er Opfer wurde. Jemand redet nicht, weil er Schuld auf sich geladen hat. Kinder spüren, dass etwas komisch ist, fragen aber oft lieber nicht nach. Das ist eine Loyalitätsbarriere und das ist nicht einfach.

Ich habe 30 Jahre lang versucht, meine Eltern zu befragen. Wenn du aber Eltern befragen willst, die mit viel Schuld zu kämpfen haben, hast du kaum eine Chance. Für mein neues Buch [10] habe ich mich mit Zeit- und Familiengeschichte über vier politische Systeme hinweg auseinandergesetzt: die Weimarer Republik, Hitler, die DDR und nun das geeinte Deutschland. Es ist natürlich unglaublich schwierig, sich mit einer doppelten Diktatur auseinanderzusetzen: erst Nationalsozialismus und Holocaust, dann 40 Jahre DDR. Diese zweifache Aufarbeitung hat bislang nicht stattgefunden in Deutschland, zumindest nicht so, dass wir ruhig in das politisch brisante Jahr 2019 schauen können.

Der Osten entdeckt sich mit seinem vielen Nein gerade als politische Kraft. Aber eine negative Selbstwahrnehmung ist keine Lösung. Diktaturen sind vor allem Verantwortungsentlastungen. In meinen Augen ist es Zeit, dass sich der Osten von seiner langen Entlastungsstory befreit und endlich in Verantwortung geht. Für seine Geschichte, für seine Opfer. Es besteht ansonsten die Gefahr, dass er das große Glückspotential von 1989 verspielt.“

Zitierweise: Manon de Heus / Marijke van der Ploeg, "Portrait Ines Geipel", in: Deutschland Archiv, 24.4.2020, Link: www.bpb.de/308227

Mehr zum Thema:

Ines Geipel - "Staatsplan Sieg. Die Stasi im DDR-Leistungssport"

Stefan Trobisch-Lütge - Psychofolgen bis heute

Ines Geipel - Buch "Umkämpfte Zone" im Angebot des Medienzentrums der bpb

Weitere Interviews in der Reihe "Werdegänge", aufgezeichnet von Manon de Heus und Marijke van der Ploeg.

Fußnoten

1.
Der Vater von Ines Geipel gehörte zu einer Art Beobachtergruppe, die in den Westen geschickt wurde, wenn die Stasi beschlossen hatte, jemanden zu "entschärfen" oder aus dem Westen zu entführen. Er führte sozusagen die Vorermittlungen.
2.
Die meisten Athleten kamen schon im Grundschulalter in ein Sportinternat.
3.
Wetterfester Belag für Stadion-Laufbahnen.
4.
Der Boykott der Sommerspiele in Los Angeles wurde von der Sowjetunion angeführt, unter anderem weil die Sowjetunion davon überzeugt war, dass die Vereinigten Staaten antisowjetische Propaganda verbreiteten und die Sicherheit der sowjetischen Athleten nicht gewährleistet war. Neben der Sowjetunion nahmen auch die DDR, Bulgarien, Ungarn, Polen, die da Tschechoslowakei und Vietnam nicht an den Spielen teil.
5.
Mit einem Zersetzungsplan wollte die Stasi Dissidenten und Regimegegner psychologisch zerstören und somit unschädlich machen. Zersetzungen fanden innerhalb und außerhalb des Gefängnisses statt und Beziehungen, die Reputation und die Karriere wurden zerstört. Die Opfer wurden sozial isoliert, ängstlich, verwirrt und apathisch. Viele Betroffene leiden bis heute unter den psychischen Folgen (Trobisch-Lütge, 2016).
6.
Der Staat betrachtete ihre Athleten als „Diplomaten im Trainingsanzug“. Wenn ein Athlet floh – zum Beispiel bei einem Turnier in einem nicht-sozialistischen Land – war das ein großer Gesichtsverlust für die DDR. Außerdem wollte die DDR nicht, dass der betreffende Sportler Medaillen für den Westen gewinnen würde.
7.
Die Auswirkungen von Doping auf Sportler und ihre Kinder werden vielfach erforscht. Viele Opfer leiden unter psychischen Beschwerden, zum Beispiel Depressionen. Außerdem haben sie schwerwiegende körperliche Probleme. Das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und verschiedenen Krebsarten ist erhöht und sie können unter Skelettschäden, Leberschäden oder Stoffwechselstörungen leiden. Viele Frauen haben Fruchtbarkeitsprobleme oder sind sogar unfruchtbar geworden (Fritsch, 2018).
8.
Höppner war Leiter der 1974 gegründeten „Arbeitsgruppe unterstützende Mittel“: das staatliche Dopingprogramm der DDR. Höppner sagte aus, dass seine „Unterstützung“ nicht im Widerspruch zur damaligen Gesetzeslage stand (Schröder, 2013).
9.
Dopingopfer können bei der Regierung eine Entschädigung in Höhe von 10.500 € beantragen
10.
In ihrem 2019 erschienenen Buch „Umkämpfte Zone: Mein Bruder, der Osten und der Hass“ beschreibt Ines Geipel, wie Verdrängung und Verleugnung der Geschichte die deutsche Gesellschaft prägen. Es ist auch im Angebot der bpb erhältlich.

Ines Geipel

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