zurück 
30.9.2021

Mutti, erzähl doch mal von der DDR

Ein DDR-Projekt der 9. Klasse der Regionalen Schule Gingst konnte wegen der Corona-Pandemie nicht wie geplant stattfinden. Die Schülerinnen und Schüler haben sich im Homeschooling trotzdem mit dem Thema beschäftigt. Ein Interview mit eigenen Fragen zu verschiedenen Themen erarbeitete Christoph Janz, der mit seiner Mutter, Simone Janz-Rosenfeld, über ihre Schulzeit in der DDR sprach, sie ist Jahrgang 1979.

Christophs Mutter, Simone Janz, gehörte in der DDR-Zeit zu den Jungpionieren. Sie steht auf dem Foto ganz links in der ersten Reihe. (© Privat)


Christoph: Wie alt warst du in der Zeit der DDR?

Frau Janz: Als die DDR ihre Grenzen öffnete war ich erst zehn Jahre alt.

Da warst du ein Schulkind. Könntest du mir was aus dieser Zeit erzählen?

Ja klar. Jeden Morgen hat ein Schüler beim Lehrer gemeldet, dass die Klasse bereit für den Unterricht ist. Außerdem gab es noch den Pioniergruß und den Gruß der Freien Deutschen Jugend. Jeden Morgen sagte der Lehrer: „Seid bereit!” und die Schüler antworteten: „Immer bereit!”

Und was ist mit diesem Fahnenappell, von dem wir vor unserem Projekt gehört haben?

Ja, die gab es regelmäßig an den Schulen. Immer dann versammelte sich die ganze Schule auf dem Schulhof. Der Direktor sprach dort zum Lehrpersonal und zu den Schülern und Schülerinnen. Es wurden fast immer Lob und Tadel ausgesprochen. Es gab auch einen Treppen-Appell. Das war genau das Gleiche; nur nicht mit der ganzen Schule, sondern nur mit der Unter- oder Oberstufe. Die Schüler trafen sich dann im Schulgebäude.

Was war noch typisch für den DDR-Schulalltag?

Es gab noch die Pioniernachmittage, an denen wir Altstoffe sammelten, diese ablieferten und Geld für die Klassenkasse bekamen. Das war eine gute Idee, weil wir dadurch immer ein paar Finanzen für eine Klassenaktivität hatten.

Kannst du mir zu den Schulzeiten von damals berichten?

Damals hatten wir immer von Montag bis Samstag Unterricht. Dafür gab es aber acht Wochen Sommerferien. Alle Schulen begannen um 7.15 Uhr mit dem Unterricht. Das war sehr früh, aber die meisten Eltern mussten auch früh zur Arbeit. Wir hatten ähnlich viele Stunden am Tag wie ihr heute, sechs oder sieben. Am Sonnabend aber nur bis zum Mittag. An den Nachmittagen gab es Arbeitsgemeinschaften, zum Beispiel mit sportlichen, musischen oder künstlerischen Angeboten. Die Teilnahme war freiwillig.

Simone Janz am Tag der Einschulung in der Polytechnischen Oberschule in Bergen-Süd. (© Privat)


Okay. Das war es mit dem Thema Schule. Jetzt kommt eher das Thema Freizeit. Konnte man gut verreisen?

Ja. Man konnte damals gut verreisen. Aber es war für alle DDR-Bürger sehr stark eingeschränkt. Wenn jemand ins Ausland reisen wollte, konnte er nur in sozialistische Länder wie Bulgarien oder Ungarn fahren. Viele wollten auch an die Ostsee, wo ein Urlaubsplatz immer hart umkämpft war. In den so genannten Westen durften nur Rentnerinnen und Rentner mit besonderer Genehmigung fahren.

Man hört immer, dass es früher nicht alles gab. Wie war das mit dem Einkaufen, hat man alles bekommen?

Das stimmt. Man hat nicht immer alles so bekommen, wie du es heute kennst. Für viele Produkte musste man in langen Schlangen anstehen, um sie noch zu bekommen. Bananen gab es zum Beispiel nur zwei-mal im Jahr. Eine Dose Pfirsiche hat 14 Mark der DDR gekostet. Im Vergleich dazu kostete eine Wohnung (3-4 Raum) 90 Mark im Monat.

Hattest du einen Fernseher? Und gab es viele Programme?

Frau Janz: Ich hatte einen Fernseher, es gab jedoch nur zwei Programme DDR 1 und DDR 2. Die liefen auch nur zu bestimmten Uhrzeiten. Das war aber nicht so schlimm, weil wir viel mit unseren Freunden draußen spielten und fast keine Zeit dafür hatten.

Vielen Dank für das Interview und die Bilder.

i

Fragen an den Interviewer, Christoph Janz:

1) Wie kam es dazu, diesen Text für die Schülerzeitung zu erstellen?

Unser Geschichtslehrer, Herr Farin, musste das DDR-Projekt der 9. Klassen umstellen. Wäre die Schule im März 2020 nicht wegen Corona geschlossen worden, hätten wir uns eine Woche lang mit der DDR-Geschichte beschäftigt. Dazu gehört auch, dass jeder Schüler einen Menschen interviewt, der in der DDR gelebt hat. Wir haben diese Interview-Aufgabe im Homeschooling gelöst und an Herrn Farin geschickt. Weil er auch Projektleiter der Schülerzeitung ist, fragte er mich, ob er meinen guten Beitrag veröffentlichen darf. Das interessiert garantiert die Leser der Gingster Weller. Ich stimmte sofort zu.

2) Kannst Du Dich an das Echo erinnern, das dein Text erhielt (oder gab es eher Desinteresse?)

Meine ganze Familie war stolz darauf, dass gerade mein Interview veröffentlicht wurde. Das passiert ja nicht alle Tage. Meine Mutter fand es gut, dass wir das Projekt durchgeführt haben, da es viele Themen aus der DDR-Zeit gibt, die man als Schüler kennen sollte. Das betrifft neben den vielen positiven Seiten auch die Fakten, die ein schlechtes Licht auf den Staat werfen. Von meinen Mitschülern und Mitschülerinnen bin ich angesprochen worden, weil sie wissen wollten, warum mein Text und nicht ihr Interview genommen wurde. Viele von ihnen hatten auch gute Interviews geführt. Sie fanden es gut, dass wenigstens ein Beitrag der Themenwoche veröffentlicht wurde.

3) Welche Rolle spielt das Thema DDR und Mauer bei Euch eigentlich noch im Unterricht?

Die DDR und die Mauer spielen immer wieder in den Themenwochen der 9. Klasse eine Rolle. An fünf Schultagen beschäftigen sich die Schüler mit den Fragen, die sie an die DDR haben und mit Themen, die von den Lehrern eingebracht werden. Zum Beispiel sehen alle einen Film über eine Fluchtidee von drei Jugendlichen, die nicht funktionierte. In der Filmanalyse sprechen die Schüler immer darüber, warum eigentlich eine Mauer gebaut wurde und welche Auswirkungen die Grenze auf das Leben der DDR-Menschen hatte. Wenn Schüler in der 8. Klasse eine Berlin-Klassenfahrt machen, dann ist das DDR-Museum und eine Führung an den Berliner Mauerresten immer mit auf dem Programm. Vorher besprechen die Klassenleiter das Reiseprogramm mit dem Jungen und Mädchen. Dabei kommt es auch immer dazu, dass sie mehr von der Mauer, deren Verlauf und Auswirkungen auf Berlin wissen wollen. Die Lehrer und Lehrerinnen helfen dann immer dabei, einen guten Führer zu finden, der alles lebendig darstellt, Fotos zeigt und unsere Fragen beantwortet.

4) Welche Klasse besuchtest Du, als der Beitrag entstand?

Als ich das Interview geführt habe, war ich in der 9. Klasse und war 16 Jahre alt.

Zitierweise: Christoph Janz, "Mutti, erzähl doch mal von der DDR", in: Deutschland Archiv, 30.09.2021, Link: www.bpb.de/340956. Sein Beitrag ist der Schülerzeitung "Gingster Welle" der Reginalen Schule Gingst" entnommen. Weitere Schülerzeitungstexte unter diesem Link.

Christoph Janz

Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln